turi2 edition #13: Agenda 2021

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Matthias Dang, Sie sind Geschäftsführer von IP Deutschland, Chef der Ad Alliance – und seit Neustem verantworten Sie auch Technologie und Daten bei der Mediengruppe RTL. Hat sich jetzt Ihr Gehalt verdreifacht? Schön wär’s.

strukturiere den Tag und beantworte E-Mails. Dann kommen irgendwann die TV-Quoten, die Leistungswerte unserer digitalen Plattformen und – ganz wichtig – die Zahl der Abos, die wir am Vortag mit TV Now, unserem Streamingdienst, geschrieben haben.

Da auch Ihr Tag nur 24 Stunden hat, müssen Sie ein virtuoser MultiTasker sein, oder? Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, sowas funktioniert nur, wenn man gute Kolleginnen und Kollegen um sich hat. Ich verantworte diese Bereiche zwar, aber wir arbeiten im Team. Als wir uns gefragt haben, wie wir unsere Arbeit innerhalb der Mediengruppe RTL aufteilen, ist schnell klar geworden, dass Vermarktung, Technologie und Data immer weiter zusammenwachsen. Deswegen ergibt es Sinn, das in eine Hand zu geben. Unser anderes großes Thema, der Content, ist bei Stephan Schäfer gebündelt.

Wann beschäftigen Sie sich mit Print? Sie vermarkten ja auch das Portfolio von Gruner + Jahr und den „Spiegel“. Wir haben einmal pro Woche eine Geschäftsleiter-Runde bei der Ad Alliance, da laufen alle Daten zusammen. Da geht es dann auch um Print und die Frage, was sich im Vergleich zur Vorwoche getan hat, vor allem beim Umsatz. Die PrintAuflagen und -Reichweiten kommen ja deutlich seltener als TV- und Digital-Zahlen.

Als Sie im Hauptberuf noch RTL-Vermarkter waren, hat Ihr Tag mit einem Glas Wasser begonnen und mit den TV-Quoten vom Vortag. Ist das noch immer so? Meistens. Das Glas Wasser, dazu ein Kaffee oder Tee, ist geblieben. Heute bin ich meist schon vor den Quoten im Büro,

2020 war für Print und TV kein leichtes Jahr. Wie groß ist der Luftsprung, den Sie machen, wenn es heißt: Corona besiegt, die Konjunktur brummt wieder? Sie können davon ausgehen, dass der Luftsprung mindestens so hoch wie der Kölner Messeturm sein wird. Wir alle freuen uns, wenn wir die Pandemie hinter uns lassen können. Wie haben Sie den Schock des Corona-Lockdowns im März erlebt?

Wenn man so lange im Berufsleben steht wie ich, ist man nicht ganz so leicht zu erschüttern. Ich habe erlebt, wie die Dotcom-Blase geplatzt ist, was nach den Anschlägen vom 11. September passierte und wie die Finanzkrise kam und wieder ging. Bei der Pandemie fragte ich mich: Womit vergleiche ich das jetzt? Was bedeutet das fürs Geschäft? Am Ende blieb einerseits eine große Verunsicherung, andererseits eine große Faszination darüber, was alles gleichzeitig passierte. Zwischen diesen beiden Polen pendelte mein Gefühl. Was hat geholfen gegen die große Verunsicherung? Mir haben unsere Geschäftsführungsrunden sehr geholfen, die wir anfangs täglich, später mehrmals pro Woche hatten. Da haben wir viele Szenarien durchgespielt. Einmal pro Woche haben wir uns mit Kollegen aus anderen europäischen Ländern, in denen die RTL Group tätig ist, kurzgeschlossen. Wir haben gefragt, wie es läuft in Frankreich, Italien oder den Niederlanden, die ja zum Teil härter und schneller von der Pandemie betroffen waren, und haben die Erfahrungswerte geteilt. Wie verhagelt ist Ihre Jahresbilanz? Im April und Mai hatten wir tatsächlich ein Minus

im hohen zweistelligen Prozentbereich – so einen tiefen Einschnitt habe ich noch nie erlebt und das hätte ich auch nie erwartet. Es gab zwei Gründe, warum Kunden Geld aus der Werbung abgezogen haben: Entweder, weil die Geschäfte geschlossen und auch kein Verkauf möglich war, oder weil eine so große Verunsicherung herrschte, dass die Unternehmen gesagt haben, sie müssen jetzt erstmal Geld sparen. Im zweiten Lockdown ist das anders: Fast alle Geschäfte haben geöffnet und der Inlandskonsum ist wieder da – im Prinzip auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr, zum Teil sogar ein bisschen darüber. Das heißt: Die Menschen geben wieder Geld aus, wenn auch manchmal an anderen Stellen, der Travel-Bereich fehlt uns zum Beispiel komplett. Und wie hoch ist das Minus am Jahresende? Nach dem deutlichen Rückgang im ersten Halbjahr hat sich die Lage am Werbemarkt seit Herbst zum Glück wieder stabilisiert. Für das Gesamtjahr werden wir Einbußen hinnehmen müssen, diese fallen aber deutlich geringer aus als noch vor einigen Monaten angenommen. Was haben Sie aus der Krise gelernt? Die Krise ist ein Charaktertest. Es gibt

»Es gibt Menschen, die sagen: Wir stehen das gemeinsam durch. Und es gibt solche, die fragen: Was ist mit mir?« 170 · turi2 edition #13 · Agenda 2021