turi2 edition #13: Agenda 2021

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dann wahrscheinlich immer wieder aus der Kiste geholt. Einerseits sind Sie mittlerweile das „Investigativ-Gesicht“ von ProSieben, das Missstände thematisiert und aufdeckt. Andererseits sind Sie ein Testimonial der Deutschen Bahn, in deren Kundenmagazin Sie eine regelmäßige Kolumne haben und für die Sie podcasten. Eine Undercover-Recherche bei der Deutschen Bahn dürfen wir von Ihnen also eher nicht erwarten? Doch! Da möchte ich ein Beispiel geben: Seit ich für „DB Mobil“ schreibe, will ich eine Geschichte über die Zusammenarbeit der Reichsbahn mit dem Deutschen Reich machen – und deren Aufarbeitung. Kritik an der Deutschen Bahn ist mir absolut erlaubt, insbesondere als Kolumnist. Wenn ich etwas über die Deutsche Bahn machen will, mache ich was über die Deutsche Bahn. Wenn ich Testimonial für Rohdiamanten aus Afrika wäre – dann wär’s schwieriger. Sie meinten gerade, Sie würden diese Geschichte gerne machen. Sie haben sie aber noch nicht gemacht. Warum? Der Chefredakteur sagt jedes Jahr richtigerweise zu mir: „Schlag’s vor.“ Und ich schlage jedes Jahr etwas vor, aber ich gebe zu, dass es mir schwerfällt, einen Ansatz zu

finden, der auf eine gute Art funktioniert. Es ist also eher mein Problem, nicht das der Deutschen Bahn. Aber ich denke jedes Jahr darüber nach, wie man diese Geschichte erzählen könnte, ohne dem Leser in der Bahn mit erhobenem Zeigefinger zu begegnen. Es passt für Sie also zusammen, seriösen Journalismus aus Krisengebieten zu machen und gleichzeitig bei einem Großkonzern in Diensten zu stehen, bei dem Sie eher die PR bedienen? Das macht mir überhaupt nichts aus. Es ist tatsächlich die journalistische Wirklichkeit von vielen, auch vielen meiner Kollegen. Man kann in diesem Beruf mittlerweile nur überleben, wenn man auch für Kundenmagazine arbeitet, weil das die einzigen sind, die vernünftige Honorare zahlen. Ich bin Hobby-Etymologe, also Insektensammler, und habe für das „Lufthansa-Magazin“ mal eine 12-Seiten-Geschichte über die Schönheit des Insektensammelns im Thailändischen Urwald geschrieben. Wo soll man so etwas sonst unterbringen? Und ich musste nicht einmal schreiben: Lufthansa, top! Stichworte Krise und Krisengebiete: In der Welt bröselt es an allen Ecken und Enden, nicht nur durch Corona. Was werden die Probleme sein, mit denen wir uns in den kommenden Jahren politisch und

journalistisch beschäftigen müssen? Es sind die gleichen Probleme, die wir in den letzten drei Jahren erfolgreich ignorieren: Der Klimawandel wird noch schlimmer werden, es wird neue Flüchtlingsströme geben, die Wirtschaft wird sich verschieben. Wir leben in einer Welt der Widersprüche, die immer größer werden. Außerdem glaube ich, dass die Konflikte in Zentralasien stärker werden, von Kasachstan über Turkmenistan, Armenien, Georgien bis Aserbaidschan. Man kann es ja jetzt schon mit Aserbaidschan und Armenien beobachten. Irgendwas liegt da im Argen.

selbst entscheiden, ob sie sich verändern wollen.

Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit Ihrer Arbeit etwas verändern können? Bei „Rechts. Deutsch. Radikal.“ hat das ja teilweise geklappt, Stichwort AfD und Christian Lüth. Aber ist Ihnen das genug? Als ich in der 10. Klasse gefragt wurde „Was willst du mal werden?“, habe ich gesagt: Ich will Journalist werden, weil ich etwas verändern möchte. Das sagt sich so schön, aber: Dass Lüth entlassen wurde, hat das etwas verändert? Für Christian Lüth, ja. Was ich viel wichtiger finde, ist: Ich will die Konsumenten meiner journalistischen Produkte verändern. Denen möchte ich gerne eine andere Perspektive anbieten. Aber das Ziel ist, es nur anzubieten. Diejenigen sollen

Nach 2020 kann uns ohnehin nichts mehr schocken. Mit Blick auf 2021: Oder doch? Ich kann nicht in die Zukunft kucken, aber es geht auf jeden Fall noch schlimmer. Durch meine letzte Ukraine-Reise wurde mir wieder sehr bewusst, dass wir zwei Flugstunden von Berlin einen Krieg haben, der kein Schwein interessiert. Und wenn der zwei Stunden von uns entfernt ist, kann es auch mal sein, dass ein Krieg eine Stunde von uns entfernt ist. Das sollten wir nicht vergessen. Ich habe ein bisschen den Glauben an die Menschheit verloren durch das, was ich alles gesehen und erlebt habe. Wir werden glaube ich an unserer eigenen Dummheit vergehen. Weil wir nur uns selbst sehen.

Bräuchte es mehr Thilo Mischkes in den Medien? Es gibt ja Kollegen, die so ähnlich arbeiten. Und es gibt auf jeden Fall mehr als einen Mischke im deutschen Fernsehen. Das ist auch gut so, wir haben‘s ja nicht erfunden. Kommen Sie manchmal von einer Recherche nach Hause und wünschen sich zehn Jahre zurück, als es noch um Sex ging? Nee. Wenn ich aus Orten des Unglücks zurückkomme, stelle ich fest: Ich bin ein grundsätzlich glücklicher Mensch.

»Mut, eine gewisse Ahnungslosigkeit und Neugierde sind die großen Vorteile des Privatfernsehens« 133 · turi2 edition #13 · Agenda 2021