turi2 edition #13: Agenda 2021

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gibt es rechtspopulistische Bewegungen, die nach der Macht greifen oder schon regieren. Und viele fragen sich nicht, wie sich die Leute, die damit sympathisieren, zurückholen lassen, sondern sie beharren immer stärker auf den Prinzipien ihrer eigenen Denke. Dabei muss die Antwort in einer Demokratie doch sein: Lass uns Mehrheiten organisieren, damit Herr Salvini in Italien nicht an die Macht kommt oder Frau Le Pen in Frankreich. Von den rechten Populisten in Deutschland ganz zu schweigen. Welche Aufgabe sehen Sie bei den Journalist*innen? Die Menschen zu bekehren wahrscheinlich nicht. Nein, überhaupt nicht. Ich habe nie versucht, zu bekehren. Und ich glaube auch nicht, dass das guter Journalismus ist. Allerdings gibt es historische Ausnahmesituationen, etwa als Berlusconi 20 Jahre lang Italien faktisch beherrscht hat, auch medial. Da war „La Repubblica“ die einzige mächtige Stimme gegen ihn. Die haben sich wirklich dagegen gestellt mit täglichen Kommentaren. Aber sie haben einen hohen Preis dafür bezahlt: Als Berlusconi vorbei war, waren sie fest verortet – und seitdem geht es mit „La Repubblica“ immer weiter abwärts. Ich glaube, dass auch Trump eine Ausnahmeerscheinung in einem lange bewährten, demokratischen System darstellt. Es ist verständlich, dass sich die „New York Times“ auf ihren Kommentar-Seiten so sehr gegen Trump gestellt hat, aber jetzt bin ich neu-

gierig, wie das unter Joe Biden laufen wird. Sich auf eine Seite zu schlagen, hat in der Regel schwere Nebenwirkungen. Wie blicken Sie auf das Jahr 2021? Welche Schlagzeile würden Sie sich wünschen? Die Schlagzeile, die wir in der „Zeit“ zur US-Wahl hatten: „Hoffnung“. Wir fragen unsere Leserinnen und Leser jede Woche in einer Umfrage, was sie am meisten bewegt hat. Und das ist seit einiger Zeit fast immer das Private. Jeder Mensch verträgt nur eine überschaubare Dosis an schlechten, bedrückenden, bedrohlichen Nachrichten. Die Konsequenz daraus ist aber nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir müssen sehen, dass wir mit unseren Medien auch andere Geschichten erzählen. Quasi das Gift dosieren? Ja, ohne dass man dadurch etwas verharmlost. Sie sind seit 16 Jahren Chefredakteur der „Zeit“. In diesen Jahren haben die Chefredakteur*innen bei „stern“ und „Spiegel“ ein Dutzend Mal gewechselt. Warum ist das bei der „Zeit“ so anders? Wir haben Verleger, die uns beschützen, wenn es uns mal ganz hart ins Gesicht bläst, und uns Zeit geben, Neuerungen durchzusetzen. Wir waren gezwungen, uns viel früher zu verändern als andere. Und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem das Digitale überhaupt keine Rolle spielte. Kurz vor der Jahrtausendwende ging es mit den großen Veränderungen los, weil wir tief in den

roten Zahlen waren, weil die Auflage sank, weil der Ruf problematisch war. Wir galten als reines „Lehrerblatt“, die Titelseiten als „Grabplatten“. Das alles zu verändern, und dabei die Leser, die man schon hat, mitzunehmen und neue zu gewinnen, das brauchte Zeit und die haben unser Geschäftsführer Rainer Esser, der ja noch länger dabei ist, und ich bekommen. Sie sind 61 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch Chefredakteur sein? Das ist eine der wenigen Fragen, die ich Ihnen nicht beantworten kann. Weil das ganz allein die Entscheidung meiner Verleger ist. Dieter und Stefan von Holtzbrinck. So ist es. Mir muss die Arbeit Freude machen, ich muss einen Sinn darin sehen. Und die Redaktion, die ich führen darf, muss mir weiter das Gefühl geben, dass sie sich von mir führen lässt. Die „Zeit“ kann man nicht Kraft einer hierarchischen Position leiten, wenn das

die einzige Qualifizierung ist, nicht mal einen Monat lang. Wir sind Gott sei Dank ein selbstbewusster Haufen aus Überzeugungstäterinnen und -tätern. Und das ist etwas sehr Schönes! Wann mussten Sie das letzte Mal zurückstecken mit Ihrer Meinung? Ich muss nicht zurückstecken. Es gibt ganz viele Meinungen in der „Zeit“, die ich nicht teile, die ich aber gerne veröffentliche, denn das gehört dazu, und ich weiß, dass es fast jedem hier so geht. Immer steht irgendetwas in der „Zeit“, was einem selber nicht passt, und das ist gut so! Haben Sie schon einen Nachfolger im Blick? Nein. Aber wenn, dann hätte ich mit Sicherheit nicht nur einen Nachfolger, sondern auch eine Nachfolgerin im Blick. Das ist aber nicht die Frage, mit der ich jeden Tag ins Büro gehe. Was mir sehr wichtig ist: Ich hätte zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran, dass es hier Menschen gibt, die die „Zeit“ weiterführen können.

Maske & Mikro: Giovanni di Lorenzo mit Markus Trantow in seinem Büro am Hamburger Speersort

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