turi2 edition #13: Agenda 2021

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»Unsere Blasen entfernen sich immer mehr von den Leuten, die wir eigentlich erreichen wollen« morgens um acht noch alles ziemlich unklar. Die Leute am Kiosk haben dafür ein feines Gespür, sie wissen, das Ergebnis bekommen sie in den digitalen Medien schneller. Aber: Die Ausgabe eine Woche später, als wir Kamala Harris und Joe Biden auf dem Titel hatten und nur das Wort „Hoffnung“ als Zeile, hatte dann wieder einen Rekordwert. Damit möchte ich sagen: Statt der tagespolitischen brauchen wir eine emotionale Aktualität. Wir sind dann am erfolgreichsten,

wenn wir es schaffen, den Nerv der Menschen, die Stimmung der Woche zu treffen. Sehen Sie in Deutschland die Gefahr einer Cancel Culture? Die ist in Deutschland viel moderater als in den USA. Aber es gibt auch hier solche Tendenzen und die werden immer dann stark, wenn wir klassischen Medien das aufgreifen und verstärken. Auch meine Kolleginnen und Kollegen haben Angst vor dem Shitstorm, vor dem

Rauspicken von Halbsätzen, die sich skandalisieren lassen. Ich wünsche mir, dass wir öfter mal schweigen oder auch dagegenhalten, doch das ist in unserer Blase unbeliebt. Aber die normalen Menschen kapieren es einfach nicht, wenn Barbara Schöneberger sich wegen eines Witzes über das sogenannte „Zigeunerschnitzel“ verteidigen muss. Oder wenn die Songtexte aus den 70er Jahren von Reinhard Mey durchforstet werden nach angeblich rechtslastigen

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Zeilen oder eine Petition gegen Dieter Nuhr aufgelegt wird. Damit entfernen sich unsere Blasen immer mehr von den Leuten, die wir eigentlich erreichen müssten. Der politische Rand wird immer lauter und die Mitte immer dünnhäutiger? Jedenfalls geht unsere Dünnhäutigkeit nicht zusammen mit dem Mainstream außerhalb unserer Milieus. Die Welt marschiert fast überall nach rechts, fast überall