turi2 edition #12 Vorbilder

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»Wenn ›der Leser‹ wirklich wissen will, warum der Mann so klein ist, dann kann er das googeln« meiner Frohnatur dazu geführt hat, dass ich der wurde, der ich bin. Gleichzeitig sagt meine Mutter auch oft: „Ach Raúl, muss das sein? Musst du jetzt wirklich eine Fernsehsendung haben?“ Ich solle mich nicht immer so produzieren. Wenn dann aber die Sendung oder das Buch da sind, sagt sie: „Es war echt gut.“ Freut es dich, dass Menschen mit Behinderung sichtbarer werden? Ich denke an Models mit DownSyndrom, Journalist*innen im Rollstuhl oder die Netflix-Serie über Autismus. Ich finde es gut, dass die Vielfalt der Gesellschaft endlich in den Medien ankommt. Interessanterweise sind die USA auch in dieser Hinsicht zehn Jahre weiter als wir. Es ist nicht alles gut, was von da kommt. Aber was Medien und Behinderung angeht, ist Deutschland wirklich noch Entwicklungsland. Es gibt kaum Mut in der Medienbranche. Hast du ein Beispiel? Was ich wirklich nicht begreife, das habe ich schon damals bei Radio Fritz nicht verstanden, ist, dass Chefredaktionen und ProgrammMacher*innen immer sagen: „Das will das Publikum nicht sehen“ oder „Das überfordert das Publikum“. Dabei ist fast jeder Erfolg von Netflix ein Überraschungserfolg, bei dem man vorher nicht wusste, dass es funktioniert. Man muss immer auch ein Risiko eingehen, sonst läuft nur noch so etwas wie „Großstadtrevier“ im Fernsehen. Das bringt dann zwar Quoten, ist aber nicht neu. Diese Bevormundung des Publikums durch Programmverantwortliche macht das Publikum dümmer als es ist. Du hast deine Diplomarbeit über die Darstellung von Menschen mit Behinderung im TV g ­ eschrieben. Was nervt dich heute an der Berichterstattung? Dass immer noch zu viele Schicksalsgeschichten erzählt werden.

Dass wir Behinderte eigentlich nur dann im Fernsehen sehen, wenn es um Behinderung geht. Entweder als Opfer oder als Helden, zum Beispiel als Sportler*innen. Aber nicht unbedingt als Virolog*innen. Was können Journalist*innen besser machen? Ich nenne es die Mandatsfrage. Journalist*innen sollten bei bestimmten Themen genau gucken, wen sie als Interviewpartner*in auswählen, und sich fragen: Inwiefern hat die Person überhaupt ein Mandat, darüber zu sprechen? Über Inklusion in der Schule reden für mich noch zu viele Lehrer und zu viele Eltern nicht-behinderter Kinder. Ich habe oft genug fürs Fernsehen vor einer Treppe gestanden, um zu sagen, dass Treppen ein Problem sind. Wenn wir das aber immer wieder neu sagen, dann bestätigen wir damit das Narrativ. Spannender wäre doch die Frage: Warum ist die Treppe immer noch da? Dann, glaube ich, kommen wir auch weiter. Denn dann stellt sich heraus, dass die Treppe immer noch da ist, weil die Privatwirtschaft nicht zur Barrierefreiheit verpflichtet wurde. Welche Frage würdest du am liebsten nie wieder hören? Ich würde gerne nicht mehr beantworten müssen, wo ich diskriminiert wurde oder welche Behinderung ich habe, weil die Leser das angeblich wissen wollen. Mich re-traumatisiert das nicht. Aber es langweilt mich. Ich bin wirklich gelangweilt. Das ist so eine Zeitverschwendung. Ich könnte diese zwei Stunden, die ich dann spreche, auch Netflix gucken, und hätte mehr Spaß. Und ich sage ganz bewusst Netflix, weil das auch nicht produktiv ist, aber immerhin noch Spaß macht. Wie viel Neugier ist erlaubt? Neugier ist immer erlaubt, aber ich würde gerne trennen zwischen

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beruflicher und privater Neugier. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Journalist*innen ihre private Neugier hinter der beruflichen verstecken, wenn sie sagen „Die Leser wollen das gerne wissen“, in Wirklichkeit aber ihren eigenen Voyeurismus bedienen. Wenn „der Leser“ wirklich wissen will, warum der Mann so klein ist, dann kann er das googeln. Aber ich muss nicht meine komplette Schicksalsgeschichte auf dem Silbertablett servieren. Oft ist das ja auch gar nicht relevant. Wenn ich sage: Ich sitze im Rollstuhl, müsste das reichen, um qualifiziert zu sein, über Barrieren zu sprechen. Da ist es egal, ob ich Glasknochen habe, Querschnittslähmung oder MS. Wenn eines Tages jemand e ­ inen Text über dich als Vorbild schreibt: Was würdest du darin gerne lesen? Dass er charmant respektlos war. Dass er daran geglaubt hat, gekämpft hat und keinen Respekt vor Hierarchien hatte. Was würde dich ärgern? Dass es ihm nur um sich ging und er ein Quacksalber war. Und jede Kamera suchte, die sich ihm bot. Glaubst du, du bist heute schon Vorbild für Menschen? Schwierig, schwierig. Ich glaube ja. Aber ich wüsste zehn andere, die besser wären als ich. Woraus ziehst du eigentlich jeden Tag die Energie, dich für ­andere Menschen und deine Sache ­einzusetzen? Ich weiß nicht genau, wer das gesagt hat, Hannah Arendt oder Philip Zimbardo, aber ich habe mal den Satz gehört: „Helden widerstehen der Versuchung, ihre eigene Tatenlosigkeit zu rechtfertigen.“ Also: Helden haben keine Ausreden. Wie oft erwischen wir uns im Alltag dabei zu sagen: „Man müsste mal...“