turi2 edition #12 Vorbilder

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wenn man die eigenen Schwächen offenlegt – und umarmt. Das ist der Trend: weg von den starken Helden, hin zu den verletzlichen, verletzten, kaputten, echten Menschen. Ich selbst schreibe gerne auf Instagram über total in die Hose gegangene Urlaube und Depressionen auf Mallorca. Ich finde das wahnsinnig wichtig. Dass man sich zeigt, wie man ist. Sich selber sozusagen vom Sockel stürzt.

Foto: schaferbochemoller.com

Ende 2019 haben Sie Ihren A ­ bschied aus dem Pop-Business und Ihren Wechsel zur Crowdfunding-Plattform Patreon verkündet. Auch so eine Befreiungsbewegung? Ich schreibe gerade sehr offene, ehrliche Texte für meine Autobiografie. Über die Zeit nach der großen Bühne, darüber, was es mit der Psyche macht, wenn man sich neu erfindet. Da stehe ich nicht immer nur gut da. Und da hilft es, wenn die Texte erstmal nur an den kleinen, wohlwollenden Kreis rausgehen, die mich mit monatlichen Beiträgen unterstützen. Ich kann mich ausprobieren und gucken, wie sich das anfühlt. Und danach noch immer entscheiden, ob es tatsächlich ein Buch wird. Das fühlt sich extrem frei an. Das gilt auch für meinen Podcast: Da gibt es für meine Unterstützer exklusive Folgen, in denen ich darüber rede, was mich beschäftigt – und auch Fragen beantworte. Zum Beispiel auch zu Kreativität, Schreibblockaden und so weiter. Das ist schon fast so eine Art Coaching. Klingt, als hätten Sie sich gut eingelebt in der Vorbild-Rolle. Ich sehe mich nicht als Vorbild im Sinne von jemandem, den man nachahmen müsste. Ich würde bei weitem nicht jeden Schritt auf meinem Weg durchs Leben empfehlen. Eigentlich sehe ich mich als Forscherin: Ich habe unter Schmerzen Dinge ausprobiert und gelernt, die ich anderen vielleicht ersparen kann. Kann man sich überhaupt aussuchen, ob man zum Vorbild wird? Nee. Damit muss man leben. Auch mit der hohen Verantwortung.

»Bei aller aufmüpfigen Krakeelerei wollte ich möglichst pflegeleicht sein für alle, die mit mir arbeiten. Das hat mir fast das Genick gebrochen« Unter der bin ich teilweise eingeknickt, als ich jünger war. Ich habe zum Beispiel eine Zeit lang in jedem Song immer auch einen hoffnungsvollen Silberstreif mitgeliefert – weil ich geglaubt habe, ich darf das Publikum nicht so runterziehen. Erst später habe ich gemerkt: Das Dunkle hat auch seine Berechtigung. Ich muss nicht immer im gleichen Atemzug sagen, dass alles wieder gut wird. Wenn Sie sich aussuchen könnten, was Leute aus Ihrem Leben lernen – was wäre das? Im Prinzip versuche ich das jetzt gerade in meinem Schreiben herauszufinden: Was habe ich gelernt, was habe ich verändert, was hat das so schwer gemacht? Schon jetzt zeichnet sich ab: Ich wünschte, ich wäre sanfter mit mir umgegangen. Inwiefern? Ich habe immer meditiert, mich viel mit dem „guten Leben“ beschäftigt und war da sehr großmäulig unterwegs, auch in meinen Texten. Gleichzeitig war ich sehr, sehr streng mit mir selbst, mit meinen Kräften. Auch, frauentypisch, aus einer Gefallsucht heraus: Bei aller aufmüpfigen Krakeelerei wollte ich möglichst pflegeleicht sein für alle, die mit mir arbeiten. Das hat mir fast das Genick gebrochen. Zweimal bin ich mindestens halb im Burnout gelandet. Irgendwann dachte ich: Es kann doch nicht sein, dass ich in meinen Songs so viel schlauer bin als im echten Leben. Und mich zugrunde richte dafür, ein funktionierendes Produkt zu sein. Also mussten Sie werden, wer Sie auf der Bühne längst waren? Es hat geholfen, dass ich mich meiner eigenen Botschaft verpflichtet gefühlt habe. Aber die größten Schwächen sind immer die, die einem selbst am längsten verbor-

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gen bleiben. Bei mir ist es, dass ich schon immer empfänglich für Lob war. Dafür, dass ich so lieb, fleißig und belastbar bin. Da ist man als Künstler besser dran, wenn man von Anfang an entscheidet, eine Diva zu sein. Sie haben immer mal wieder Pausen von der Öffentlichkeit gemacht. Was haben Sie währenddessen vermisst? Nichts. Ich bin eine komische Mischung aus extrovertiert und introvertiert, kann komplett im Privatleben verschwinden. Was ich an „Wir sind Helden“ vermisse, ist das Gefühl, in einer Gang zu sein. Ich hatte schon als Teenager einen starken Herdentrieb. Wir waren als Band so ein einziger wandelnder Insider-Joke, haben quasi unsere eigene Sprache gesprochen. Das vermisse ich. Nicht den Fame. Kann man als Künstler*in überhaupt dauerhaft ohne Fame? Klar, natürlich funktioniert Kunst auch darüber, dass sie wahrgenommen wird, in Schwingung gerät mit anderen. Nur habe ich inzwischen für mich festgestellt, dass es nicht wahnsinnig viele andere sein müssen. Neulich habe ich ein Zitat gesehen – witzigerweise auf Instagram: Junge Leute messen Erfolg an der Zahl derer, die sie erreichen. Später berechnet man Erfolg über die Tiefe, in der man die Leute berührt. Ich habe meine Blickrichtung verändert, schaue jetzt am meisten auf die Leute, denen meine Kunst am meisten bedeutet. Aber natürlich ist mein Beruf abhängig vom GesehenWerden. Auch mein Podcast und das Crowdfunding funktionieren nur, wenn Leute mitkriegen, dass ich das mache. Wie viel Mut kostet es, diese Einstellung gegen den Mainstream zu vertreten?