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JUNGE AUTOREN FÜR LITERATUR UPDATE

Die Anthologie


Junge Autoren für Literaturupdate – Die Anthologie erscheint dokumentiert die Wettbewerbsbeiträge der Initiative „Junge Autoren für LITERATUR UPDATE“. Nachwuchsautorinnen und –autoren aus Bayern wurden dazu aufgefordert, Texte einzureichen. Diese werden in dieser Anthologie und auf den Seiten literaturupdate.de und TUBUK, der Online-Plattform für unabhängige Verlage, zugänglich gemacht. Vielen Dank für die Unterstützung!

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INHALT Fabian Buchauer: Zu schlechte Noten

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Pauline F端g: kauf mir ein zelt

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Carolin Henseler und Rebekka Knoll: Puss Cake Boogie

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Axel Roitzsch: Darwin und Lloyd

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Tobias Jennwein: Resurrection

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Susanna Jorek: Die verschwundene Frau

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Kathrin Nord: Georg Turkelbaum

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FABIAN BUCHAUER

ZU SCHLECHTE NOTEN Hermann Wielke, grau meliert und mit bescheidener Bewegungskompetenz ausgestattet. Rentner und alles tat ihm weg. Krückstock immer an der Hand und Schmerzen in der Hüfte. Arthrose in blühendster Vollendung lautete die einschränkende Diagnose. Entsprechend schwer fiel es ihm. Das Leben mit seinen Wegen des Alltags. Er lebte wie alte Menschen so leben. Mit einer Möblierung wie aus dem Überraschungsei. Kitschig und mit einem Hang zu Angeboten aus Fernsehverkaufssendungen. Das meiste hatte die verstorbene Gattin zusammengetragen. Die Puppensammlung plus selbstgehäkelte Wechselkleidung beispielsweise. Auch schön die Landschafts-, Tier- und Familienbilder. Alles hing an abgelebten Wänden, von Wielkes Pfeifenrauch geschwärzt. Abgestandener Geruch hing in der Wohnung, fast modrig. Wielke roch das nicht mehr. Seine Rezeptoren waren vom Tabak fest verschweißt und für den heimischen Mief nicht mehr aufnahmefähig. Einzig ein bestimmtes würziges Aroma konnte sich noch an den buschigen Nasenhaaren vorbei zur Riechschleimhaut durchkämpfen und für wohliges Empfinden sorgen. Grund genug die müden Knochen in Bewegung zu setzen, um sich in die Umgebung einer solch schmackhaften Atmosphäre zu begeben. Rentner Wielke machte sich im guten Anzug auf den Weg. Von München Milbertshofen ins Zentrum war es trotz bester Anbindung an das Netz des öffentlichen Nahverkehrs eine beschwerliche Herausforderung für die verrosteten Gelenke. Doch die Zeit war auf seiner Seite. Gemütlichkeit war gar kein Ausdruck. 4


Es war ein strahlender Frühlingstag. Die Sonne stand bereits hoch am Firmament und Wielkes Gemüt strahlte zurück. Auch die Bäume waren festlich gewandet. Mit ihren entpackten weißen Blüten hüllten sie ganze, sonst triste Straßenzüge in ein wattenes Hochzeitskleid. Ganz hinten in der Trambahn hatte Wielke alles im Blick. Er sah die Autofahrer, die wie Sardinen mit traurigen Augen aus ihren Blechdosen hervorlugten und sich von roter Ampel zu roter Ampel hangelten. Er selbst genoss das Gondeln. Vorbei an begrünten Balkonen, knorrigen Bäumen und adrett geschnittenen Hecken. Allein der pflanzlichen Bilderflut, die aus greifbarem Abstand auf ihn einströmte, widmete er seine ganze Konzentration. Weder die polternden Klänge aus den Kopfhörern eines vor ihm sitzenden Bierpunks, noch die gegrunzten Sprüche pöbelnder Burschen traten in sein Bewusstsein. In den beruflichen Jahren als Lehrer hatte Wielke gelernt abzuschalten. Keinerlei Aufmerksamkeit durfte halbstarken Taugenichtsen gegeben werden. Ein einfaches, doch das beste Rezept, gegen aufmüpfige Jugendliche, die unter schulischer Leistungsverweigerung leiden. Besonders eine Gruppe hatte Wielke als Problem identifiziert. Er hielt nicht viel von Menschen, die ihren Kindern moderne „Jimi-Blue“-Namen gaben. Geschweige denn von den Kindern selbst. Er glaubte, eine gewisse Korrelation zwischen Namen und geistiger Fähigkeit aufgespürt zu haben. Dabei war es ihm völlig egal, dass diese Diskriminierung wohl als konservativ verhärmt galt. Rentner Wielke mochte einfach keine Kevins mit schlechten Noten. Das gemütliche Gleiten die Schienen entlang ins pulsierende Herz Münchens erzeugten positive Gefühle in ihm. Ziel war ein Ort der Begegnung und der Betriebsamkeit. Ländlicher Charme von Urbanität umrahmt. Ein Metzgereibesuch als letzter wahrer Sinn des Lebens. 5


Er ging ganz nahe ran und schnupperte. Salzig roch er, der Speck. Aber nur kurz am ersten Stück aufgehalten. „Mission Speckstube“ ging sogleich weiter. Geräuchertes Fleisch noch und nöcher. Und auch sonst. Salami, Rohschinken, Wiener, feine Mettwurst. Vor allem Leberkäs und Weißwürste. Er war zu Besuch in einer Grotte der Versuchung. Überall hingen deftige Knackwürste von der Decke, und türmten sich dicke Schinkenvariationen in die Höhe. Auch das Auge durfte von den einladenden Facetten frischer, fleischroter Farbtöne kosten. Inmitten dieses riesigen Fleischfundus übertrafen sich Wielkes noch aktive Wahrnehmungskanäle gegenseitig mit der Aufnahme von euphorisierenden Signalstoffen. Es war an der Zeit, den Verlockungen nachzugeben. Etwas von dort, und auch davon ein Stück zur Mitnahme. Für sofort war eine Leberkässemmel bei der Metzgereichefin in Auftrag gegeben. Mit süßem Senf verstand sich. Fast vergaß er, drei Stück Weißwürste mussten auch noch mit. Für jeden Enkel eine. Man konnte schließlich als waschechter Bayer nicht früh genug damit beginnen, die richtige Häutungstechnik an die Nachfahren weiterzugeben. Doch Genuss macht träge. Quasi automatisch aktivierte sich in Wielke ein Leitsystem und steuerte ihn gemächlich zu den Bierbankgarnituren auf dem Viktualienmarkt, dieser wertvollen Oase inmitten des städtischen Gewusels. Rentner Wielke genoss seine frische Maß im Schatten der Kastanien sichtlich und sein galoppierendes Herz regulierte sich wieder auf angenehmen Ruhepuls herunter. Wer wusste schon, wie oft seine Hüfte noch Ausflüge dieser Art mitmachen würde. Wenn er zum Marktstand blickte, dann schaute er einem Schweinekopf direkt in die leeren Augenhöhlen. Etwas traurig wirkte der Sauschädel auf ihn. Vielleicht, weil Wielke Schweine gut leiden konnte. Früher, er war auf einem Bau6


ernhof aufgewachsen, hatten sie selber welche. Gerne tobte er draußen herum, kletterte auf den Verschlag und beobachtete die grunzenden Tiere in ihrem Stall. Am liebsten waren ihm nicht die putzigen, süßen Ferkel, viel eher die schweren Brocken. Eingesuhlt und unmanierlich schmatzend mochte er sie. Wenn sie mit ihren gelben Zähnen kraftvoll angefaulte Äpfel zermalmten, und man ihnen dabei über die grauen Nackenborsten streichen konnte. Heute wusste Wielke, dass Schweine auch nur Menschen sind. Wenn auch vertrauenswürdiger. Ungemütlich war es geworden. Die Sonne hatte sich hinter Wolken unauffindbar verirrt und erlaubte es dem kalten Wind, Rentner Wielke auf den Heimweg zu schicken. Noch etwas Gemüse für zu Hause? „Da haben wir den Salat“, grummelte Frau Kohl vor sich hin und bewegte sich schnellen Schrittes zu ihrem Gemüsestand. Gerade eben hatte sie ihre Tomaten fein säuberlich eingeschlichtet. Jetzt lagen sie alle am Boden. Die eine Hälfte zermatscht, und die restlichen kullerten munter neben Weißwürsten auf dem Kopfsteinpflaster herum. Wielke hatte sich unbeholfen auf der Ablage abgestützt und sie aufsehenerregend mit sich zu Boden gerissen. Dort unten lag er nun und starrte mit herausgetretenen Augen apathisch ins Nichts. Alsbald sammelte sich ein wachsendes Grüppchen Menschen um den Gefallenen. Den Neugierigen bot sich eine verstörende Darbietung. Kreidebleich und mit ungewöhnlich intensiver Körperspannung lag ein älterer Herr am Boden und speichelte selbigen voll. Kein schöner Anblick empfing die herbeiströmenden Leute, die sich im Glauben an Vorbereitungen für eine Gauklervorstellung, um die bereits postierten Beobachter scharten. Wielkes Leiden schienen einen ungeahnten Höhepunkt zu erreichen. Ungestüme Zuckungen wie bei einem Rind, des7


sen Schädeldecke gerade von einem Bolzen durchschlagen wurde, beutelten seinen Körper. „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“ Ein junger Kerl hipper Fasson quälte sich durch den Menschenauflauf und begann, mit seinen manikürten Händen zu hantieren. Erstaunlich zügig brachte er den leidenden Wielke in stabile Position und ließ sich auch nicht beirren, als sein Patient in das Stadium der Ohnmacht abgeglitten war. Vielleicht hatte er sich überhaupt schon aus dem Leben verabschiedet. Für Frau Kohl war das nicht feststellbar. Zufrieden erkannte sie jedoch, dass nicht alle Anwesenden der totalen Schauluststarre verfallen waren. Irgendjemand musste in einem Anflug von Gewissenhaftigkeit die Rettung alarmiert haben und zeichnete somit dafür verantwortlich, dass das furiose Finale der Wiederbelebung unter Ausschluss der Öffentlich stattfinden würde. Mit Bahre und Tatütata stürzten Sanitäter herbei, übernahmen den alten Mann vom selbsternannten Arzt und brachten ihn ins Krankenhaus. Das Spektakel war zu Ende. Die einen absolvierten ihre restlichen Einkäufe, Frau Kohl stellte sich nach geglückter Reinigung der Standfläche wieder hinter ihre Feinkosttheke und der edle Ersthelfer ging wieder in die Bar an der Ecke zurück und dort seinem Beruf nach. Maurice war Kellner. Für ein Medizinstudium hatte er zu schlechte Noten.

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PAULINE FÜG

KAUF MIR EIN ZELT kauf mir ein zelt ich möchte kein hausich möchte ein zelt das du mir auf die dächer schlägst die nägel in dachpappe brennst nahe bei den vögeln die papier sein könnten oder schon fort gezogen an den haaren wie kleine pflanzen rankt sich dein versuch mich bleiben zu machen an mir hoch kauf mir ein zelt in dem wir wie nomaden liebend immer weiterziehen können - an uns vorbei ich möchte gehen können ohne genauen punkt oder die uhrzeit zu nennen oder die frage nach dem weshalb kauf mir ein zelt und zeiten später seh ich wie du schläfst bei den wolkenkratzern in den schluchten meiner geronnenen finger am fuße der gegenwart am rande keiner verzweiflung die länger hält als eine nacht 9


und ich werde dich wecken windbeweht mein haar im sturm gewehre auf der brust der wunde vogel schlägt nicht mehr lange sage ich nichts schließlich bleib und zieh mit mir mit den zugvögeln fort zwischen den flügeln der städte möchte ich wohnen mit dir bisweilen mit dir und wenn ich dann nachtigall bin und du rauchschwalbe bleibt es fast lautlos während ich die plane löse ein leises geräusch von aufbruch und ich ziehe fort es bleibt fast lautlos während ich die pläne schmiede hatten wir noch gehofft durch die straßen die nacht um den abend zu bringen mit all den blauen flecken auf dem herz muskelkater dazu vom vielen davonziehen unsere atemfrequenz ist pulsnah widerspenstig beim luft holen aber bleiben können wir dennoch nicht ohne etwas zu greifen 10


von uns -du schläfstund wir sind so hohl und so fort von allem und außerhalb kauf mir ein zelt denn alle definitiven dinge machen mir angst und wenn wir ziehen mit den zugvögeln fort drehst du dich im vorüberfliegen und sagst in den zügen ist es nie angenehm temperiert ich hatte gehofft etwas greifen zu können die idee dieser stadt oder wie du bist vielleicht und ich lag wach vor nächten vom sehnen nach schlaf und eiskönigins splitter noch in der pupille kauf mir ein zelt antworte ich oder ein schiff das nicht immer ankern kann an den häfen der wilden städte im winter ein gras das zerfällt und einen sand der mir die zeit nicht mehr sagen kann kauf mir ein zelt oder einen hut für den weg nach dir nach dir dir nach kauf mir ein zelt oder etwas 11


das nur manchmal bei mir bleibt einen vogel vielleicht eine katze bei nacht und einen trost f端r den tag darauf

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CAROLIN HENSLER UND REBEKKA KNOLL

PUSS CAKE BOOGIE Maria Maria sitzt mal wieder auf einer Treppe. Nicht zum Rauchen oder Warten, Maria sitzt einfach gern auf Treppen, die Füße zwei Stufen tiefer als die Hände. Und wenn sie den Rest der Treppe hinaufsteigen würde, stünde sie schon oben, vor der Haustür, könnte klingeln und in die fremde Wohnung eintreten. Doch noch hat sie die Füße näher an ihrem Auto, am Weg, an zu Hause als am Ziel, denkt sie. Und bleibt sitzen. Viel später hört sie hinter sich die Tür aufgehen. Maria dreht sich nicht um: Sandra weiß Bescheid über Marias Treppen, gleich wird sie einen Witz darüber machen. Über Marias ständige Versuche, im Dazwischen kurz mal anzuhalten. Sandra setzt sich hinter sie, singt: „I'm not a girl, not yet a woman“ und lacht. Maria dreht sich um, verdreht die Augen. Jetzt steht sie aber doch auf, um hinter Sandra die Treppe hinaufzusteigen und einzutreten. Es riecht immer noch nach Steinstufen, nach mehr Treppen, denkt Maria und freut sich. „Wärmer hier drin, oder?“, fragt Sandra und nimmt Maria die Tasche und die Jacke ab. Sie schiebt ihr einen Stuhl zu, und Maria muss nicht antworten. „Erzähl“, sagt Sandra. Maria hat schon die Beine übereinandergeschlagen und einen Kaffee in der Hand. „Es ist gar nichts passiert“, sagt sie, „wir haben uns nicht mal gestritten.“ Sie nimmt einen Schluck, Sandra wartet. „Ich hab aufgeräumt und meine alten Tanzschuhe gefunden. Die kennst 13


du noch, das waren meine ersten. Die ganz billigen, schwarzen. Der Lack war schon abgeblättert bei unserem ersten Turnier.“ „Du hast es ihm nicht mal erzählt?“ „Was soll ich denn sagen?“, fragt Maria und Sandra nickt. Natürlich kann sie ihm nicht erzählen, dass hier nicht nur der Lack langsam abblättert. Die Küchentür geht auf. „Das ist Tessa“, sagt Sandra und Maria dreht sich um. In der Tür steht eine junge Frau mit dunklem, unordentlich gebundenem Zopf und einem festen Lächeln. „Das ist Maria. Sie sitzt gern auf Treppen“, grinst Sandra und Maria reicht Tessa die Hand. Tessa Eine Tänzerin also. Das ist unschwer zu erkennen. Marias Beine verkreuzen sich lang und schlank unter dem Tisch, das Haar hat sie in einem gewissenhaften Dutt hochgesteckt, und unter ihrem Pullover zeichnet sich eine kaum vorhandene Brust ab. Ihren Zügen nach tanzt sie Ballett. Oder Jazz. „Setz dich zu uns, Tessa“, sagt Sandra und klopft auf den Stuhl neben sich. „Maria ist gerade aus München angekommen, sie muss sich ein bisschen erholen. Vielleicht kannst du mir helfen, sie aufzuheitern?“ „Aufheitern?“ Sie zieht den Stuhl vom Tisch zurück. „Ist das denn nötig?“ Maria lächelt, ohne zu lächeln. Ihre Finger klammern sich an die Kaffeetasse. „Hallo Tessa. Entschuldige, dass ich euch so überfalle. Hierher zu kommen, war eine sehr spontane Entscheidung …“ „Mach dir keine Sorgen, wir haben genügend Platz.“ 14


„Ich wusste nicht, wo ich hinsoll. Es tut mir leid. Aber Danke, vielen Dank, ich bin so erleichtert, dass ich hier sein kann, es ist so viel passiert …“ Sie beißt sich auf die Lippen und starrt in ihren Kaffee. Eine Strähne hat sich aus dem Zopf gelöst und fällt in ihr Tänzerinnengesicht, verfängt sich in zuckenden Mundwinkeln. Sie hat zu viel gesagt. Tessa betrachtet sie. Es gefällt ihr, Maria anzusehen, sie mit Blicken zu erkunden, die Frau mit dem schlechten Gewissen unter dem Wollpullover und dem viel zu weiten khakifarbenen Rock. Tessa fängt Sandras Blick auf. Er ist mahnend. Sie lächelt und erwidert die Zurechtweisung mit einem Schulterzucken. Sie muss Maria ansehen, es geht nicht anders. Sie formt die Lippen zu einem falschen Schmollmund und zwinkert Sandra zu. Unter ihrer Hand spürt sie die kalte Tischplatte, das klebrige Plastiktischtuch und schließlich Haut. Und Wärme. Ein Zucken - und dann Maria: Zarte Finger bewegen sich unter ihr, unsicher, wie sie reagieren sollen. Tessa hört Sandra unterdrückt stöhnen. Sie nimmt sich Zeit, Maria zu beobachten, und legt schließlich den Kopf schief. „Ich glaube, du passt zu uns.“ „Tessa!“, zischt Sandra. „Du kannst in meinem Zimmer schlafen, Sandra hat nicht genug Platz. Es wird dir bei mir gefallen. Es gibt Fenster nach Süden und nach Osten, du kannst wahlweise nach Rom oder Mekka beten …“ Sandra prustet los. Tessa bedeutet ihr mit einem Wink und dem so oft erprobten gekünstelten Despotenlächeln zu schweigen.

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„Wir frühstücken hier alle gemeinsam, und meistens wird abends was Gutes gekocht. Bleib ein paar Tage bei uns, es wird dir gefallen, du wirst sehen.“ Maria späht unter langen Wimpern zwischen ihr und Sandra hin und her. Ihr Hals verschwindet zwischen angezogenen Schultern. „Oh, vielen Dank.“ „Denk dir nichts, Maria“, sagt Sandra. „Nein, nein, Ich denke mir nichts, keine Sorge …“ Tessa kann nicht widerstehen. Sie lehnt sich zurück und schnalzt mit der Zunge. „Nicht, Maria?“ Im Stillen fügt sie hinzu: Schade, ich kann mir so einiges denken … Maria Hinter Tessa steigt Maria eine Treppe hinauf. Am liebsten würde sie kurz stehen bleiben, sich hinsetzen, nur ganz kurz. Aber Tessa hält nicht an. Sie zeigt ihr das Zimmer, es ist wirklich genug Platz. Maria stellt ihre Tasche in eine Ecke. „Ich würd´ gern duschen gehen“, sagt sie und sucht sich ihre Sachen aus der Tasche. „Kein Problem. Die erste Tür rechts.“ Maria steht vor dem Spiegel, zieht sich aus. Und je mehr Kleidungstücke sie ablegt, umso größer werden die Pixel im Spiegelbild. Maria betrachtet sich. Brüste und Schambereich sind schon lang verschwommen, das ist nichts Neues mehr. Doch seit gestern kann sie auch ihren Bauchnabel nicht mehr erkennen. Sogar ihr Schlüsselbein ist verpixelt, und ihr Hals wird erst kurz unterm Kinn wieder klar. Als sie gestern bemerkte, wie die Zensur ihr langsam den Hals heraufklettert, hat sie ihre Tasche gepackt. Es ist im16


mer noch die alte, die, in der sie früher ihre Turnierkleidung transportierte. Heute trägt sie darin Rollkragenpullis zu ihrer Theologenfreundin. Als könnte Maria hier ihre Ehe festigen. Stattdessen steht sie jetzt nackt, aber verpixelt in einem fremden Bad. Und nebenan das feste Lächeln von Tessa. Maria weiß nicht, warum sie es noch so genau vor Augen hat. Und warum sie versucht, den Daumen unter ihren Ehering zu schieben, während sie in die Dusche steigt. Sie dreht das Wasser an. Und wie immer verschwimmt es an vielen Stellen, wie ihre Finger, wenn sie über zensierte Haut fahren. Wie oft hatte sie versucht, die verschwommenen Stellen wegzuschwemmen, ihre Zensur auszuwaschen, rückgängig zu machen. An manchen Tagen duschte sie vier, wenn Henry nicht da war auch fünf oder sechs Mal. Es wurden trotzdem immer mehr Pixel. Und bald würde es auch anderen Menschen auffallen. Oder gerade nicht auffallen. Vielleicht wird sie zu einer Stelle im Text, die einfach nicht mitgesungen wird. Zu der Pause, die der Sänger nur einhält, damit der Rhythmus noch stimmt. Oder sie wird ausgetauscht. Flying statt fucking. Henry fliegt längst schon statt mit Maria zu schlafen, denkt sie und dreht das Wasser wieder ab. „Hast du Lust auf Kino?“, fragt Tessa. „Sandra und ich wollen gerade los.“ Maria kämmt sich die nassen Haare und versucht gleichzeitig zu nicken. Sie zieht sich noch den Kragen ihres Pullis unters Kinn und folgt Tessa. Tessa Maria geht, als hinterließe sie keine Spuren. Eigentlich geht sie nicht einmal. Tessa kann schwer sagen, was Maria da macht. Aber Sandras Freundin ist definitiv nicht da, sie tut 17


nur so. Und auf ihrem Gesicht steht ein Ausdruck, der an Trance erinnert. Oder noch schlimmer: Lethargie. Der Schamanen-Yogamann im Hochschulsport schaut so, wenn er von Asanas und Sonnengruß redet und an ihrem Knöchel zerrt, um ihr die Kontrolle, die Macht, abspenstig zu machen. „Überlasse die Kontrolle mir!“ ... „Nennst du das, was du da machst, Abgabe von Kontrolle?“ Sie lächelt in Erinnerung an ihre Reaktion: Sie hatte gemurmelt, er sei ein böser nackter Mann und dass sie nicht verstünde, was er überhaupt von ihr wolle. Dass es ihr ein Rätsel sei, was Männer grundsätzlich wollten und dass sie das Handtuch wegen dieser verruchten Machtbestrebungen, die ans völlig Lächerliche grenzten, nicht geschmissen, sondern gar nicht erst angenommen hatte. Sie nicht. Sandra auch nicht. Aber Maria. Maria, die sich auflöst. Die in ausgelatschten Schuhen vor ihr neben Sandra herläuft und Schritt für Schritt in ihrem Wollpullover verschwindet. Tessa holt auf und drängt sich zwischen sie. Sie fischt nach Marias Hand und hält sie fest, als Maria zusammenzuckt und sie anstarrt. „Gran Torino wird dir gefallen“, sagt Tessa. „Clint Eastwood ist ein geiler Schauspieler, er flucht anständig und verhöhnt die katholische Kirche. Was will man mehr?“ Sandra lächelt ins Blaue hoch oben. Sie sagt nichts, nickt nur als stimme sie schweigend zu und drückt Tessas Hand. „Aber ich dachte, du studierst Theologie“, sagt Maria zögerlich. „Tu ich auch. Wieso?“ „Naja, hört sich nicht so an, als stehst du so besonders hinter der Kirche.“

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„Evangelische Theologie“, sagt Tessa und streicht mit dem Daumen über Marias Handrücken. „Wir studieren alle evangelische Theologie in unserer WG. Du weißt schon, wegen der Männer …“ Maria starrt sie an. Tessa erwidert ihren Blick nicht, aber sie sieht aus den Augenwinkeln die steile Falte zwischen Marias Brauen. Sie überlässt Maria ihrer Verwirrung, während sie der Fußgängerzone über das Kopfsteinpflaster folgen und schließlich das Kino erreichen. Auf Marias Wangen spiegeln sich die Filmsequenzen. Clint Eastwood huscht über ihre Nase, flucht in ihren Augen und mit jedem Fluch bewegen sich ihre Lippen, formt Maria die Worte nach. Piss off, zip-headed Puss cake! Tessa lächelt. Maria ist schön im Fluchlichtgewitter, das Erstaunen steht ihr gut, es macht sie so jung wie sie eigentlich ist. Vielleicht kann Maria Henry verlieren und ein bisschen Clint Eastwood sein, ein bisschen Sandra und … ein bisschen Tessa. Vielleicht auch mehr als ein bisschen Tessa, vielleicht sogar viel Tessa. Tessa auf ihren Wangen, Tessa in ihren Augen, Tessa in ihrem Mund. Liebend gern in ihrem Mund. „Maria“, flüstert sie. Maria reißt sich von der Leinwand los und schaut sie fragend an. Tessa schüttelt den Kopf. Ihr Kopf ist leer und voll und verwirrt und sie möchte lachen und fluchen und Maria packen, ja packen! Und Henry aus ihr rausschütteln. Die röhrende Stimme des Schamanen-Yogamannes dröhnt in ihrem Kopf, sagt etwas von Kontrolle und Verlust und von Freiheit und dem Gefühl, über alle Dinge erhaben zu sein. „Nichts“, sagt sie. „Ich freu´ mich nur, dass du mit ins Kino gekommen bist. Das ist alles.“

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Get off my lawn, puss cake!, sagt Clint Eastwood, während Tessa an Henry denkt. Maria „Ich hab´ überhaupt nichts dabei, um feiern zu gehen“, widerspricht Maria und kramt weiter in ihrer Tasche. Wirklich nur Rollkragenpullis. Mit denen kann sie doch nicht tanzen! Eigentlich will sie auch gar nicht tanzen. Maria hat so lange schon nicht mehr getanzt. Mindestens fünf Jahre. Was passiert, wenn sie wieder auf einer Tanzfläche steht? Vielleicht hat sie es verlernt. Vielleicht wäre es nicht mehr das für sie, was es gewesen ist. Vielleicht würde sie merken, dass sie Henry und seinem Knie, Henry und seinem Humpeln zu Unrecht die Schuld an allem gegeben hatte. Maria wollte lieber in ihrem Rollkragenpulli verschwinden. Sich in ihm zusammenlegen, die Ärmel auf den Rücken, die obere Hälfte des Stoffes auf die untere. Nochmal glatt streichen und in den Schrank legen lassen. Tür zu. Aber Tessa hält ihr ein Top an den Oberkörper. „Perfekt“, sagt sie und: „Zieh das an!“ Als Maria sich nicht bewegt, sieht Tessa demonstrativ zur Seite, damit sie sich umziehen kann. Aber Maria nimmt das Top und läuft ins Bad. Sie zieht den Pulli aus und verschwimmt bis zum Kinn. Auch das Top kann nichts daran ändern, Marias Dekolleté ist verpixelt. Die Schultern, sogar die Oberarme. Also bleibt sie vor dem Spiegel stehen, und ihr Blick im eigenen Ausschnitt verwischt, löst sich auf. Bis sie Tessas Hände auf den Schultern hat. Plötzlich steht Tessa hinter ihr und betrachtet Marias Spiegelbild. Sie sagt nichts. Als würde sie die Zensur gar nicht bemerken, vielleicht ist es schon so weit gekommen. Vielleicht ist

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Maria schon die Stelle, die nicht mehr gesungen wird. Aber dann sieht sie, wie die Konturen ihrer Schultern unter Tessas Händen schärfer werden. Die Pixel verkleinern sich, fügen sich neu zusammen, und Maria hat wieder klare Ränder. Also nimmt sie Tessas Hände und schiebt sie sich an den Hals, das Dekolleté hinunter bis der Stoff des Tops beginnt - und schnell klart sich auch hier das Spiegelbild. Maria kann sich wieder erkennen, ihr Blick ist scharf und lächelnd dreht sie sich zu Tessa um. „Schönes Top“, sagt sie und läuft an ihr vorbei in Tessas Zimmer. Jetzt kann Maria sich nicht mehr wehren: Sie hat schon zwei Gläser Wein getrunken, hat Sandra und Tessa zehn Minuten lang beim Tanzen zugesehen und sogar eine Zigarette geraucht, obwohl es ihr nicht schmeckt. Jetzt nimmt Tessa ihre Hand, zieht sie auf die Tanzfläche und Maria fällt nichts ein. Also steht sie vor Tessa in all den Lichtern und fühlt den Bass irgendwo in ihrem Bauch. Tessa tanzt. Ungelenk und unrhythmisch, aber sie tanzt, lacht Maria an. Und dann spielen sie The birds and the bees. Auf dieses Lied hat Maria die Grundschritte für den Boogie Woogie gelernt und mit einer schnelleren Version ihr erstes Turnier mit Henry gewonnen. Langsam fängt sie an zu tanzen. Tessa sieht lachend zu und versucht bald, es ihr nachzumachen. Maria wiederholt den Grundschritt so lange, bis sie Tessas Hände nehmen kann. Sie tanzen Boogie, und Maria führt. It's very plain to see that it's time you learn und bald schon kann sie Tessa drehen. Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie Sandra mit einer Flasche Bier in der Hand lächelnd zusieht. Sie sieht zufrieden aus, und Maria dreht Tessa hin und her.

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Let me tell you 'bout the birds and the bees and the flowers and the trees … Sie werden immer sicherer und schneller, Tessa macht kaum noch Fehler, als das Lied in ein anderes übergeht. Maria lässt Tessas Hände los und fasst sich unauffällig an den Bauch. Er ist noch verschwommen. Ein wenig noch. Also dreht sie sich um, dreht Tessa ihren Rücken zu, und die legt ihr die Hände auf den Bauch. Sie tanzen, und Tessas Hände bleiben auf Marias Bauch liegen. Sie merkt sofort, wie die schmale Stelle, die zwischen Top und Jeans zu sehen ist, immer klarer wird. Also nimmt sie Tessas Hand. Sie zieht sie mit sich, sucht einen Raum mit Spiegel, einem großen Spiegel. Im Bad sind sie nicht allein, trotzdem stellt sie sich hinein, und ohne dass sie etwas sagen muss, hilft Tessa ihr schon, auch den Rest ihrer Konturen wiederherzustellen. Tessa Marias Wangen schimmern rot und feucht, sie dreht sich auf der Tanzfläche. Ganz klar ist sie nun, und ihre Bewegungen folgen einem für Tessa unsichtbaren, in der Musik verborgenen Rhythmus. Maria tanzt den „Puss Cake Boogie, yeah!“ und ruft ihr in der Ekstase aus Musik und Rotwein etwas zu, das Tessa nicht verstehen kann. Selbst Marias Lippen bewegen sich zum Takt der Musik. Ihre Lippen sind Boogie, Maria ist Boogie. Um sie bildet sich ein Kreis aus verschwitzten Staunenden. Tessa staunt auch, sie kann den Blick nicht von Marias Hüften nehmen. Marias Hüften, die swingen und fliegen. Später folgt Maria Tessa ins Haus. Als Tessa sich umdreht, schimmert Maria noch immer in der Dunkelheit. Sie lächelt und streicht über Marias Stirn, tupft die Schweißtropfen von Wangen und Nase und sieht den Linien ihres Zeigefin-

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gers nach. Marias Lippen sind blau, rotweinblau. Tessa muss lächeln. „Und Henry?“, fragt Maria. „Der ist nicht hier, oder siehst du ihn?“ Maria lacht nervös und lässt sich von Tessa über leise Stufen hinauf bis unter das Dach führen, zu ruhiger Musik, raschelnden Daunen und Hüften, die auf Tessas ganz privater Tanzfläche eine Erinnerung an Boogie tanzen. Marias Atem geht ruhig an Tessas Brust. Maria fühlt sich anders an in ihren Armen als Sandra oder Martina oder Felicitas oder Johanna. Ihre Fingerspitzen spielen mit den haselnussbraunen Haarspitzen. Sie denkt an Maria im Badezimmer mit dem Glätteisen in der Hand. Jetzt ringeln sich ihre Locken über das Kissen, als freuten sie sich, Marias Glätteisenknechtschaft zumindest für ein paar Morgenstundenmomente entkommen zu sein. Maria ist hübsch im Licht von Diskokugeln, im Spotlight von Boogiebewunderern und unter Wunderblicken auf ihren Hüften. Tessa mag die verwuschelte Maria mit dem Ausdruck zufriedener Erschöpfung auf den Zügen und denkt an Henry. Henry auf Marias Tanzfläche, Henry in Marias Leben, Henry an Marias Haut. Henrys Boogie an Marias Boogie-Hüften. Maria Maria hat den runden Sitz einer Seilrutsche in der Hand. „Noch einen Schritt zurück“, sagt sie. „Das klappt niemals“, protestiert Tessa, aber Maria lehnt sich nach hinten und kann das lange Seil, das aus der Mitte des Sitzes weit nach oben ragt, noch ein paar Stufen weiter ziehen. Maria und Tessa stehen auf einem Abenteuerspielplatz vor einer großen Schaukel, auf die man von weit oben, von einem kleinen Berg aus Steinen aus, draufspringen kann. 23


Man fährt dann lang nach vorn, stößt am Ende hart an und fährt mit neuem Schwung zurück. Maria hat das so lange nicht mehr gemacht. Es ist mitten in der Nacht, gerade war sie fast schon eingeschlafen und jetzt steht sie doch hier, sie würde so gern mal wieder schaukeln. „Bei drei“, ruft sie, und Tessa reißt die Augen auf, starrt auf die Schaukel. „Wir springen gleichzeitig, ich höher als du, ich spring auf dich drauf, das klappt!“ Tessas Hände klammern sich an das Seil. Maria hätte nie gedacht, dass Tessa so ängstlich sein würde, und lacht. „Eins“, sagt sie und Tessa wimmert ein bisschen. „Zwei“ Und Tessa sagt: „Nein!“ „Drei!“, ruft Maria trotzdem und springt, und Tessa springt, und beide landen auf der Schaukel, beide übereinander. Sie halten sich an dem Seil fest und hängen nur halb auf dem Sitz, aber sie lachen und schaukeln lange nach vorn, den halben Weg wieder zurück und landen in der Mitte auf dunklem Kies. „Nie wieder!“, ruft Tessa lachend. „Oh doch“, sagt Maria und steigt die Steinstufen wieder hoch. Tessa bleibt auf dem Kies und grinst im Schneidersitz. Also schaukelt Maria auf sie zu, von ganz oben auf sie zu, und Tessa grinst weiter. Erst viel später steht sie wieder auf. „Ok, ich mach's“, sagt sie und steigt die Steinstufen hinauf mit der Schaukel in der Hand. Maria geht lächelnd hinterher, bleibt stehen, sieht Tessa zu. „Eins“, sagt Maria und Tessa lacht. „Zwei“, sagt sie Und bei „Drei“ springt Tessa wirklich ab. Sie landet auf der Schaukel, genau in der Mitte. 24


Während Maria zusieht, wie Tessa sich weit weg von ihr am anderen Ende in der Luft langsam dreht, setzt sie sich auf den Stein. Sofort scheint Tessas Gesicht glatter zu werden. Noch bevor ihre Schaukel den Rückweg antritt, hat Tessa aufgehört, Geräusche zu machen, sie ist jetzt ganz leise. Maria bemerkt das, bevor sie versteht, wohin sie sich gesetzt hat. Doch jetzt ist es zu spät. Maria bleibt sitzen auf ihrer Steintreppe. Die ganze Nacht. Obwohl es kalt ist und der Stein feucht. Maria bleibt sitzen, bis es wieder hell wird. Tessa ist längst ohne sie gegangen, und Maria ist froh darüber. Ein Auto fährt vor, Marias Auto. Als sie endlich aufsteht, steigt Tessa aus ihrem Wagen. Sie lächelt und hat Marias alte Tasche in der Hand. Maria lächelt zurück, sie friert, sie ist müde, aber sie lächelt zurück und steigt in ihr Auto. Die Tasche wirft Tessa wieder auf den Beifahrersitz, sie selbst bleibt draußen stehen. Sie wird nach Hause laufen. Ihr Lächeln sitzt fest. Im Auto riecht es nach alten, warmen Sitzen und ein bisschen wie das Innere von Marias alter Tasche. Sie braucht dringend eine neue, denkt Maria. Sie soll genauso groß sein, genauso schwer, aber anders, ganz anders, ganz neu. Sie schaltet das Radio ein und während sie anfährt, klopfen ihre Finger auf dem Lenkrad im Takt eines langsamen Boogies.

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AXEL ROITZSCH

DARWIN UND LLOYD Darwin und Lloyd kannte man in der ganzen Stadt. Man wusste, in welchem Haus sie zur Welt kamen, wo sie zur Schule gingen, in welches Mädchen sie verliebt waren, wann sie in den Krieg mussten, nur nicht warum. Man wusste, warum sie seit der Taufe nie wieder eine Kirche betreten hatten, wieso keiner der beiden eine Frau hatte und dass ihre Stimmen sich beinahe glichen. Man erzählte sich, dass sie im gleichen Bett zur Welt gekommen seien, dass sie, hätte Lloyd nicht eine Stufe in der Schule übersprungen, sich immer eine Bank geteilt hätten, und warum Lloyd kein Hörgerät wolle, obwohl er wegen seiner Schwerhörigkeit über Jahre hin verspottet wurde. Woher das alle wussten, wisse niemand so genau, Darwin und Lloyd seien immer überaus schweigsam. Nun, nur die Wenigsten wussten, dass sich Darwin und Lloyd jeden Sonntagmorgen, kurz vor Sonnenaufgang, wenn die ganze Stadt noch schlief, im Mirror’s Diner trafen. Außer ihrem alten Freund hinter der Bar, und das bin ich, waren sie dort für sich allein. Diesen Umstand schätzen könne man erst, wenn man das Wissen, das sie beide hätten, noch nicht habe, sagte Lloyd manchmal. Dichter Nebel stand in den Straßen, als Lloyd, auf seinen Gehstock gestützt und den Hut tief in die Stirn gezogen, um kurz nach sechs Uhr morgens das Diner betrat. Er folgte leisen Schrittes seinem Blick um die Theke herum, betrachtete dabei verstohlen die leeren Tischreihen, schlurfte hinter bis in die Herrentoilette und horchte auf dem Weg zurück zum angestammten Platz vor dem großen Fenster 26


unauffällig an der Tür zur Damentoilette. Es war noch niemand da. Seinen Gehstock und den Hut legte er auf den Tisch und ein Bündel Zeitungen aus der Innentasche seines Mantels neben sich. Auf die erste Zeitung warf er nur einen flüchtigen Blick, diese aber dann gleich unter den Tisch in den Mülleimer, die zweite breitete er vor sich aus. Titelblatt und Seite Zwei schnell überflogen übersprang er die nächsten sechs Seiten, räusperte sich bei der siebten, blieb den Rest der Seiten stumm und legte die letzte beiseite. Dann drehte er sich zu mir um und hob die rechte Hand, das Zeichen für eine große Tasse Kaffee. Er sagte oft, die großen Dinge da draußen würden nicht aus den Gründen geschehen, die sie vorgaben. Er sagte, Zeitungen lese er zum Zeitvertreib. Kurz vor sieben, aus dem immer dichter werdenden Nebel heraus, betrat auch Darwin das Diner. Er ließ seinen Blick schweifen, langsam, nickte mir zur Begrüßung zu und legte seinen Hut auf die Hutablage am Eingang. Er schien vergnügt. Lloyd war hinter einer aufgeschlagenen Doppelseite verschwunden, der Mülleimer unter dem Tisch quoll über, die letzten Tage war viel geschehen. Darwin setzte sich ihm gegenüber und schlug die Speisekarte auf. Kurz darauf murmelte Lloyd seinen ersten Satz an diesem Morgen: „Bei den vielen Scheißhäufchen am Boden übersieht wohl selbst der Hochnäsigste, wie schön’s am Himmel ist.“ Darwin betrachtete die Rückseite der Zeitung, von Lloyd sah er nichts. „Lesen Sie gerade Politik?“, fragte er ihn mit deutlicher Stimme. „Nein, Sport.“ „Natürlich.“ Darwin feixte, als Lloyd zaghaft das Blatt sinken lies und endlich erkannte, wer ihm gegenüber saß. Dann sagte er: „Ich habe dich nicht kommen hören“, lächelte, erhob sich gemächlich und umarmte seinen alten Freund.

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So saßen die beiden dort, alle Zeiten hinter sich gelassen, und tauschten sich aus über Dieses und Jenes. Ich hörte sie lachen und machte mich an die Zubereitung von Darwins Frühstück. Er hatte es sich zwar noch nie nehmen lassen, vor seiner Bestellung meine Speisekarte durchzublättern, dann aber doch immer entschieden, mir die Wahl seines Mahls zu überlassen. Auf sein Geheiß wartete ich schon lange nicht mehr. Fünfzehn Minuten später kam ich wieder aus der Küche, mit meinem größten Tablett, reich beladen. Ich hörte sie reden. „Der Mensch jagt nur nach dem, was ihm gefällt, meinst du das?“, fragte Lloyd, etwas lauter als gewöhnlich. „Nein, geht es der Seele gut, wird sie faul, meine ich.“ Am Tisch angekommen, reichte ich Lloyd seine zweite Tasse Kaffee. Er sagte: „Also geht er nur auf die Jagd, wenn sein Haus brennt?“ Für Darwin einen schwarzen Tee. Dieser daraufhin: „Nein, davor noch schafft er sich die Phantasie, und sie den Helden die Welten, Gefühle, Gedanken, Schönes und Natürliches, das Leben - auch wenn es vergeht.“ - „So wie der Geschmack von Kaugummi in silbrigem Papier.“ Noch ein Stückchen Zucker und zwei Knäckebrot. „Die wahre Liebe kann helfen, gerade die Jagd nach ihr.“ Einen Haferbrei mit Ziegenkäse. „Nur weil die Frau die große Sorge nimmt, umsonst zu sein. Was man kann …“ Dazu eingelegte Früchte – „Man kann nicht mehr, als zur Vermehrung sein, meine ich.“ – und ein Ei. Ich stellte es im Eierbecher vor alle anderen Sachen, denn aus Erfahrung war es das Ei, mit dem Darwin sein Frühstück begann. Er sagte: „Danke.“ Lloyd lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf, dann vergrub er das Gesicht in den Händen. Ich überlegte, ihn zu fragen, ob er noch etwas bestellen wolle, tat es aber nicht. Darwin sagte oft, Streitende seien sich näher als sich Liebende. Ich würde nur stören. Draußen

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lichtete sich der Nebel. Die ersten Menschen verließen ihre Häuser. Das Küken schlüpfte dann um zwanzig nach sieben. Ich war im Lager gewesen, um Salz zu holen, und als ich wieder zurückkam und einen Blick auf meine beiden einzigen Gästen warf, sah ich es. Darwin hatte wohl gerade versucht, das Ei zu köpfen, er hielt noch das Messer in der Hand, jedenfalls war es schon mit seinem kleinen gelben Kopf durch die Schale gebrochen und piepste nun beharrlich. Der Becher, in dem es sich samt den Resten des Eis noch befand, kippelte unter der steten Zappelei, solang, bis der erste Flügel frei, das Gleichgewicht also dahin war und alles zur Seite umfiel. Mit dem Schreck blieb das Piepsen aus, das Kleine musste doch recht erschöpft sein, dann setzte es auch schon wieder ein, schrill und steinerweichend. Ein letzter Ruck, ein Beinchen kam zum Vorschein und ein zweites und gemeinsam sprengten sie die Schale. Darwin und Lloyd starrten es an. Darwin legte das Messer aus der Hand. Lloyd sagte: „Es ist zu laut.“ – „Ja.“ – „Man müsste es füttern.“ – „Nein“, erwiderte Darwin, „nicht die ersten Tage.“ – Bevor Lloyd sich versah, griff Darwin nach dem Hut auf dem Tisch und drehte ihn um, umfasste mit der anderen Hand das nassgelbe Geschöpf und legte es hinein, „Jim, etwas zum Wärmen!“, rief er mir zu. Ich eilte zurück, was wärmt denn gut, bei all der Hast, dort lagen die Topflappen, daneben das Telefon und da, es klingelte. Warum bloß jetzt? Ich blieb stehen. Vielleicht eine Bestellung für den Mittagstisch. So gut lief es nun nicht in letzter Zeit, man könnte zufriedener sein. Ich ging ran. Es ist kein Leichtes, einen Gesprächspartner so zu achten, wie er geachtet werden will, zumal bei einem von so langsamer Stimme. Einen Tisch wollte er auch nicht reservieren. Was er genau wollte, vergaß ich dann auch schnell. Ich klemmte mir lieber den Hörer zwischen Ohr und Schulter 29


und suchte weiter nach was Warmem. Wort für Wort verstrich die Zeit Und als er sich dann, schon die halbe Küche war durchsucht, verabschieden wollte mit der ausgesprochenen Hoffnung, beim nächsten Mal auf mehr Entgegenkommen zu stoßen, fragte ich ganz frei heraus, was ich denn tun könne, Darwin sei ein Küken geschlüpft und nun brauche es etwas Warmes, es piepse unaufhörlich. Er fragte nur, ob ich noch ganz bei Trost sei und legte auf. Vom Tisch her hörte ich Stimmen. „Beruhig dich, Jim“, sagte ich. Darwin hatte sich den Hut mit dem Küken darin auf den Kopf gesetzt. Lloyd rührte seinen Kaffee um. Auf einmal sagte er: „Es ist der Gedanke, der auf Reisen will, nicht das Herz“, dabei er die unter Darwins Hut klar sich abzeichnende Beule misstrauisch beobachtete. Darwin allerdings fühlte sich sichtlich wohl, die eingelegten Früchte schienen auch zu schmecken. „Aus ihren Häusern muss man sie holen, nicht ihnen den Hof machen!“, sagte er mit vollem Mund. Lloyd sprach: „Manchmal kam es mir vor, wie eine Schulstunde auf dem Bahnsteig; wer stetig nur an den Lippen der Lehrerin klebte, für den war der Zug bald ab…“, und stockte, als unter der Hutkrampe kurz ein Beinchen hervorkam, Halt auf Darwins Ohr fand und dieser es mit einer hilfreichen Handbewegung wieder hinaufbugsierte. „Und du?“, fragte Darwin. „Ich war der Schaffner.“ Auf der gegenüberliegenden Straßenseite unterhielten sich zwei Herren, ein dritter kam hinzu, er zeigte auf mein Diner. Vielleicht noch ein paar Gäste. Darwin hatte seinen Tee nicht angerührt. „Liebende vertragen nichts“, sagte Lloyd. Darwin schwieg, vielleicht, weil er beschäftigt war. Mit der einen Hand versuchte er, den Hut leicht anzuheben, mit der anderen, das Kleine zu greifen. Er hatte sich von mir einen auf dem Herd aufgeheizten Topf bringen lassen, mit Tüchern darin 30


und Deckel darauf. Lloyd blickte verträumt in die Leere, dann aus dem Fenster, leise sprach er weiter: „Erst wollen sie selbst getragen werden und dann tragen sie doch ab und an das Herz des Anderen, nicht auf Händen, eher mit Worten, in die Welt hinaus.“ Es piepste wieder, flaumig und gelb, Darwin verwahrte es sicher in seiner Hand, nahm noch die zweite dazu und legte es vorsichtig in das Innere des Topfes ab. Irgendetwas sagte er dabei, doch zu leise, als dass es bis zu mir drang. Lloyd nickte. Darwin nahm den Deckel am Griff und ließ ihn langsam auf den Topf absinken, so langsam, dass es kaum einen Ton gab, als Grat und Fuge sich fanden. „Lass die Worte darüber“, hörte ich Darwin sagen. „Ich denke nur nach, was wäre“, entgegnete Lloyd, „wenn das, was missfällt, nicht nur immer das wäre, was bleibt.“ Dann rief er mir zu: „Jim, etwas zum Wärmen!“, und zeigte mit dem Finger auf den Topf. Eine Kochplatte schien mir gerade recht, eine einzelne hatte ich noch, schnell war sie aufgebaut, den Topf darauf und den Stecker in die Buchse, dann Stufe eins. Ab und zu sahen sie nach dem Kleinen und unterhielten sich von da an mit gedämpfter Stimme, denn tatsächlich war es, nun, da die richtige Temperatur erreicht war, eingeschlafen. Endlich trank auch Darwin seinen Tee. Er sagte oft, der Alltag lebe dort, wo ihn die Geschichte nicht findet. Warum und wie es kam, verstand ich nicht, aber einen Moment später schlug ein Stein gegen das Fenster. Dann noch einer, größer, er prallte ab, der dritte blieb stecken. Eine Menge Männer und auch ein paar Frauen liefen auf uns zu, direkt über die Straße. Sie trugen mit sich, was sie tragen konnten, die Männer Eisenstangen und Steine, einer holte schon wieder aus, die Frauen zu zweit einen großen Sack, eine andere unter dem Arm ein lebendiges Federvieh, drei weitere liefen einfach nur mit. Darwin und Lloyd blieben ruhig sitzen und sahen mich an. Ein vierter Stein flog, 31


und ein Mann und eine Frau rannten auf die Eingangstür zu. Ich lief zur Tür und drehte den Schlüssel zweimal um, gerade noch rechtzeitig. Die Frau fluchte, das Federvieh gackerte, der Mann schlug mit seiner Stange auf die Tür ein. Zwei Weitere taten es ihm gleich und versuchten sich am Fenster vor Darwin und Lloyds Tisch. Einer blieb zurück und brüllte. Ich kannte die Stimme, die Langsamkeit darin. Sein Gesicht spiegelte Zorn. Darwin und Lloyd erhoben sich nun doch mit einiger Mühsal nach dem langen Sitzen, Lloyd bedeutete mir, zu ihnen zu treten und Darwin hob sachte den Topf an, umgriff ihn fest mit beiden Händen, so, als würde die Hitze ihm vergeben. Die Menge schrie. Mit einem letzten Schlag zerbarst die Scheibe und der Erste stürzte sich auf Lloyd, der ging zu Boden, ich hörte nur mit einem Ohr, wie auch die Tür hinter mir dem festen Willen nachgab. Lloyd sagte oft, vor allem Wollen sich gedulden, das seidie Kunst. Die Menge stieß in den Raum, eine Frau stolperte über den Eimer voller Zeitungen, einer fing sie auf, und Darwin gewann noch ein paar Schritte auf dem Weg zur Hintertür, er kannte sie sicher noch aus Kindertagen. „Es soll leben!“, rief da eine Frau ganz errötet vor Erregung und schleuderte nach ihm das gackernde Vieh, sodass er davon getroffen zu Boden ginge. Darwin wich aus, geriet aber doch ins Straucheln und wusste sich wohl nicht anders zu helfen, als seinerseits mir etwas entgegenzuschleudern. Und eh ich mich versah, fing ich auf, den Topf. Der Deckel flog ab und aus dem Inneren kam das Piepsen, so laut und kräftig, so betörend, dass der Raum sofort verharrte. Man sah mich an, wie ich mit der Hitze kämpfte, den Topf nicht fallen zu lassen, ihn an den Griffen weit von mir streckte, den aufgerissenen Augen entgegen, den offenen Mündern. Nur Lloyd regte sich. Er löste sich von seinem Peiniger und richtete sich unter Mühsal auf. Sein Gehstock war verloren. An allen vorbei durch32


schritt er den Raum, dorthin, wo auch Darwin sich nach oben kämpfte. Ruhig ging er ihm zu Hilfe. Die ersten Blicke wandten sich nach ihnen. Irgendwoher gackerte es. Lloyd sagte: „Lass es ihnen.“ Und Darwin: „All das fein Gedachte ist nichts mehr, es ist zwar da, doch niemand achtet noch darauf, niemand hört es, es vergeht mit dem Dunst des Tages. Dort ist der Mensch er selbst, ein Mensch und frei, an jenem Zentrum, wo das Tier weichen Blickes rundherumschleicht. Er ist sich ein Geheimnis und wird nie wissen, ob es in ihm schon tot, oder nur Gott es ist, der starb.“ Dann gingen sie, jeder gestützt auf den anderen, zur Tür, durch diese hindurch, Darwin vergaß seinen Hut. Blicke, so ungläubig wie ich sie noch nie gesehen habe, folgten ihnen, entgeistert, Fäuste sanken herab und ich stand da, mit dem piepsenden Küken im Topf. Es war außer sich vor Kälte.

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TOBIAS JENNEWEIN

RESURRECTION Aus dem 3. Kapitel der Erzählung

Nun verlässt der Präsident die Rednertribüne gefolgt von seinen Sicherheitsleuten. Er schlackst über den Rasen hin. Umweht von einem metallisch schneidenden Sommersturm mit himmelweit ausgebreiteten Armen, will sagen in Salvatorpose, tritt der Präsident nun langsam und wohlgesetzten Schrittes, mit rhythmisch-federnden Sportlerbeinen, ein wenig so, als bereite er, der einst vorzügliche HighSchool-Basketballspieler, gerade einen Angriff auf die gegnerische Mannschaft vor, auf das chorisch „Go! Mr. President, go!“ intonierende Fanpublikum mit seinen zahllosen, von der Ferne her betrachtet impressionistisch anmutenden Farbtupfer- und Klecksgesichtern zu ... ... ja, er gleitet ihm auf einer lammschwanzplüschigen, auf einer milchschaumfarbenen Wolke aus heißer rhetorischer Luft regelrecht entgegen, auf einem Dunstkissen aus Amtscharisma und lässt dabei vom Wind seinen Designeranzug ballonartig aufblähen, in den übrigens, was noch niemand bemerkt zu haben scheint, magisch-illusorisch, nein mehr noch, phantasmagorisch, wie Märchenschätze blinkende und blitzende Plattgoldsträhnen eingenäht ,sind, aufgeladen mit ungeheurer Suggestionskraft, und je näher er ihnen den Tausendschaften von Menschen vor seinen Augen kommt, je deutlicher ihm auch ihre von stumpfsinniger Euphorie durchglühten Gesichter ins Bewusstsein dringen, desto dichter und undurchlässiger wird auch die Selbstschutzblase aus sublimer, stets mit einem Lächeln überspielter Dis34


tanz und Menschenverachtung, die den Präsidenten, dieses scheue Insekt von einem Präsidenten, mit seinem breiweichen, womöglich leicht verletzbaren Innenleben wie einen Chitin-Panzer umstülpt, und so wie er der aufgeheizten, in der Sommerhitze schrecklich transpirierenden, hirnwasserschwitzenden Fan-Masse zum Greifen, zum Liebkosen und herzensinnigen Umhalsen nahe kommt, beugt sich auch schon ein einigermaßen hübsches Ding, eine junge Frau mit ekstatisch-kugelblitzenden, ganze GlühwürmchenSchwärme der Begeisterung ausstrahlenden Augen und einem mittig, etwa auf der Höhe des zweiten Nackenwirbels kurvenförmig eingebeulten Nofretete- bzw. Giraffenhals von auffälliger Überlänge über die Köpfe der handybewehrten Sicherheitsleute des Präsidenten und anderer zuchtbulliger Leibwächter hinweg zu seinem Gesichte hin, beinahe so, als könne sie ihre Körper- bzw. Halseslänge auf fast surreal zu nennende Weise mit Hilfe eines der Wissenschaft bisher unbekannten anthropotechnischen Regulatives beliebig variieren, und drückt ihm, dem von alledem zuerst sichtlich enervierten, dann schon schauspielerhaftfreundlich Überraschten und zu guter Letzt, nach einer atemberaubenden Metamorphose des Gesichtsausdrucks, plötzlich zuhöchst amüsierten Präsidenten, sich dabei an einem Absperrgeländer festklammernd, einen feuchten, schmierig-lippenstiftdurchflammten Kuss auf seinen trotz maskenhaftem Dauergrinsen mit einem Male ganz bügelfaltigen, knittrigen und unter der Hautoberfläche von Ekel durchströmten, auf den durch Erschöpfung und Überarbeitung zu einem blassblauen, anämischen Strich ausgedünnten Mund des Präsidenten, wobei ihr leichtes Sommerkleidchen aus grellrotem, schwach irisierenden und mit Kitschblumen bedrucktem Stoff, der parfumgetränkt das scheußliche Ozon unreflektierter, süßlicher und krankhaft übersteigerter Glückseligkeit in die vor Hitze flirrende 35


Sommerluft ausstößt, unversehens zu flattern beginnt, dann von einem Luftzug in die Höhe geblasen wird, dann auf die Schenkel zurückklatscht und auf einmal hinter ihrem Rücken Schreie des Entsetzens und der Empörung ertönen, und einen Augenblick lang scheint sie sozusagen im Leeren, im Vagen zu hängen, nur wie durch einen Saugnapf an der Stelle, an welcher sich die beiden Münder treffen, mit dem völlig erstarrten Präsidenten verbunden, gleich jenen Vögeln, die imstande sind, mitten im Fluge zu kopulieren, einzig durch ihre Geschlechtsteile einander berührend, und wie abgefeuerte Mörsergranaten durch die Luft fetzend, während nun urplötzlich ein bunter Strauß von Fanhänden sich von hinten ihren schmalen Schulmädchenschultern entgegenstreckt und sie unter schrillen, verächtlichen Pfiffen zu sich herabzieht, noch ehe die Sicherheitsleute des amerikanischen Präsidenten einzugreifen vermögen, um dann sogleich selbst mit sich sanft und sachte wiegenden Doldenfingern an seinem Gesicht entlang streicheln zu wollen, was ihnen allerdings misslingt, und sowie die junge Frau nun, weniger wie ein nasser Sandsack als vielmehr wie ein Hüpfbällchen aus Hartgummi, nach oben hin kräftig zurückfedernd, ärschlings in den staubigen Boden des Festivalgeländes plumpst, realisiert sie auch schon, mit ungeheurer Schnelligkeit, etwas altbackenem, angestaubtem Pathos und grenzenloser Melancholie, dass sie in dem Augenblick, als ihre Lippen diejenigen des Präsidenten berührten, dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen für kurze Zeit tatsächlich entronnen war, dass sie sich sozusagen in einer gegen jede Form von Vergänglichkeit und Mortalität vollkommen abgedichteten Ewigkeitskapsel - metaphysische Zeit versus ontologische Zeit - befunden haben musste, dass sie kurzweilig von einer Art Unsterblichkeit umflossen war, von der ihr nun zumindest ein süßer Nachgeschmack, nämlich das synthetische Pfirsicharoma vom 36


Mundwasser des Präsidenten als sinnliche, als angenehm triebbehagliche Geschmacksspur auf der Zungenspitze zurückbleibt, allerdings nur solange, bis diese von dem Glas zweitklassigen Portweins zum Abendessen, ihren billigen Menthol-Zigaretten und den rauchigen und bartpelzigen Küssen ihres sogenannten Liebhabers vollständig hinweggetilgt sein wird und also unerträgliche Alltagsfadheit wieder in ihrer Mundhöhle Einzug hält. Also, das Ganze noch einmal kurz zusammengefasst: Präsident kommt. Fremde junge Frau küsst ihn. Präsident is not very amused. Der jungen Frau ist´s kurzweilig sehr orgastisch zumute. Dann reißt man sie weg. Sie geht zu Boden und da liegt sie nun wie so eine weggeworfene Müllkonserve. Das ist alles. (...)

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SUSANNA JOREK

DIE VERSCHWUNDENE FRAU Ausschnitt aus dem ersten Kapitel: Ostsee und Mira Mira, Ricardo und Adão gingen nun oft schon vor dem Frühstück zum Strand. Adão nahm seine Angel mit und Ricardo und Mira schauten ihm dabei zu, wie er die großen Fische heraus holte. Seine Arme waren schwarz und mit dicken Muskeln überzogen, hin und wieder bemerkte Mira, dass von ihnen eine Anziehungskraft ausging, die stärker war, als alles andere. Sie liebte diese Momente mit Ricardo und Adão, in ihrer geheimen Bucht von der sie wussten, dass außer ihnen keiner diesen Ort kannte. Sie liebte es den ganzen Tag hier am Strand zu liegen, zu scherzen und in ihr Tagebuch zu schreiben. Sie liebte es, wenn Adão sie neckte, sie sich rauften, bis sie beide völlig erschöpft in den Sand sanken und Ricardo sich lachend auf sie fallen lies. Sie liebte diese Menschen, diese Berührungen. Ihr Leben hatte sich aus dem Bett heraus bewegt und war schön geworden. Am Frühstückstisch ignorierten die drei die fragenden Blicke der anderen, wo ward ihr nur wieder? Wo geht ihr nur wieder hin? Mira war noch müde von der kurzen Nacht und in Gedanken versunken. Hugo und Adão unterhielten sich über die anstehenden Arbeiten im Haus. Seit der Vater wieder eingezogen war, gab es Pläne für einen Umbau. Pilar ermahnte die Kinder, sie sollten sich bei Tisch benehmen, gerade sitzen, denn sie hatte Angst, man könnte einen schlechten Eindruck auf die Anderen machen und das war ihr zutiefst zuwider. Sie schaute immer wieder zu Mira, wusste um ihre Reize und betete oft, Mira würde sie nicht 38


auf die gleiche Art nutzen, wie sie selbst. Aber hatte sie nicht immer dafür gesorgt, dass es ihre Kinder besser hatten. Natürlich war es jedem aufgefallen, dass Mira sich veränderte hätte, die blasse kleine Mira, war zu einer schönen Frau geworden, deren weiblichen Rundungen langsam hervor blitzten. Man bewunderte sie für ihre geheimnisvolle Aura, etwas an ihr wirkte so fremd, aber nicht ohne auch ein wenig Mitleid zu empfinden, mit dem großen schlanken Mädchen, deren Gesicht so freundlich war, so voller Leben und Glückseligkeit. aber deren Augen etwas anderes verrieten. Wenn Pilar sie ansah, sah sie keinen Engel vor sich sitzen. Keinen Engel in einem rosefarbenem Sommerkleid, mit Spitzenverzierung an den Rändern. Keinen Engel mit braunen Locken, olivfarbener Haut, ihre Haare hingen meist offen über den Schultern und verdeckten ihre zarten leicht hervorstehenden Schlüsselbeine. Ihr Gesicht war rosig und ihre Haut war, wie die Haut eines Engels. Wenn sie ihre zarten Lippen öffnete spürte Pilar ganz deutlich, welche Macht diese Lippen haben konnte, diese zarte braune Haut und die lockigen Haare. Sie wusste sehr wohl welche Reaktionen Mira hervorrief, und trotzdem sah sie noch etwas anderes. Ja, Pilar sah keinen Engel, aber genauso ein Geschöpf, dass sie einmal gewesen war, als sie noch unschuldig war und rein. Was auch immer Mira besaß, was auch immer ihren Zauber ausmachte, Pilar dankte Gott dafür und hoffte, es würde niemals gegen sie verwendet werden. Wenn ihr Blick auf diesem Geschöpf ruhte, dass sie selbst einmal, sie Pilar Sal geboren hatte, dann fühlte sie eine beunruhigende Mischung aus Zufriedenheit und Angst. Mira hatte an diesem Morgen nur einen Kaffee getrunken, nichts weiter und sich wieder verabschiedet. (…)

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Warum beginne ich die Geschichte hier und nicht schon viel früher. Warum beginne ich nicht mit dem Tag, als Adão zum ersten Mal ins Haus kam, zusammen mit seinem Bruder, warum beginne ich nicht da, wo sich Klaus und Anna kennen lernen, oder wie sie mit ihrem früheren Liebhaber nach Frankreich flieht. Warum erzähle ich nicht, wie sie zurückkehrt, Klaus kennen lernt und ihm Hugo gebärt, von dem jeder weiß, dass er nicht Klaus Sohn ist. Warum beginne ich nicht bei Miras Geburt, die für den Verlauf der Geschichte zweifellos von großer Wichtigkeit ist, bei dem großen Sturm vor Alexandria, die Unruhen in Mombesi, die den Vater letztlich dazu veranlassten, wieder heimzukehren und Pilar zu heiraten. War das der Grund warum Mira große Unwetter liebte, weil sie ihre eigene Existenz einem Sturm zu verdanken hatte? (…) Am Abend saßen Mira und Adão noch unter dem Apfelbaum und unterhielten sich. Die Hühner waren auf einen Baum geklettert und hatten sich schlafen gelegt. »Was willst du machen, wenn du mit der Schule fertig bist?« fragte Adão seine Mira, und hielt sie dabei im Arm. Verträumt lachte sie über seine Frage. Sie hätte jetzt gerne so etwas gesagt, wie: »Dich heiraten,« aber diese direkten Antworten gab es doch nur in Büchern und Filmen. Stattdessen lachte sie. »Ich weiß nicht, was denkst du?« fragte sie nach einer Weile und Adão lachte ebenfalls. »Ich kann dir doch nicht sagen, was du tun sollst?« lachte er, dann überlegte er. »Du bist intelligent, hast viel gelesen. Ich finde du solltest studieren. Vielleicht nach Paris gehen, oder Montpellier.« »Ohne dich?« Er schwieg. Es schmeichelte ihm, dass Mira so empfand. Seine kleine Mira, die er als krankes Mädchen 40


kennen gelernt hatte, und die nun zu einer schönen Frau heran gewachsen war. Er mochte sie, ja, es war mehr als das, aber er hatte ein ungutes Gefühl, wenn er daran dachte, dass sich mehr entwickeln konnte. Warum, das wusste er selbst nicht genau. Er hatte schon das ein oder andere Mädchen gehabt, aber für keine hatte er je so empfunden, wie für Mira. Er kannte Mira gut, sie war wie sein Ebenbild, er wusste immer, was sie sagen würde, was sie dachte, und sie dachte viel, mit ihrem klugen Kopf, manchmal zu viel. »Ich meine es ernst, Mira« sagte er nun, deutlicher: »Was willst du denn machen. Du kannst nicht ewig hier bleiben. Du musst weg gehen, die weite Welt kennen lernen. Du bist eine die die Welt kennen lernen sollte.« Mira war froh, dass sich Adão Gedanken machte, aber wie konnte er annehmen, dass sie irgendwo ohne ihn hingehen würde. »Du klingst wie mein Vater,« sagte sie wütend und erregt. »Was ist mit dir Adão, was wirst du mal machen? Du bist nicht dumm, und du bist die ganze Zeit hier geblieben.« Er sah sie in diesem Moment nicht an, aber sie wusste plötzlich, dass er gehen würde, sobald sie dieses Haus verließ. Er würde gehen, wenn sie ging. Er würde Ricardo hier zurücklassen, denn er hatte seine Schuldigkeit längst getan. Die Vorstellung schmeckte bitter, ja Mira war traurig darüber, hatte sie wirklich geglaubt, Adão wartete dass sie aufstand und irgendwo hinging, nur um ihr zu folgen. Es war ihr Mädchentraum gewesen, aber sie wusste, dass sie sich davon verabschieden musste, wenn sie eine reife Frau sein wollte. Adão würde mit ihr nicht nach Paris gehen, er würde wahrscheinlich in seine Heimat zurückkehren, sobald sie ihm den Rücken zukehrte. Sie wusste, dass es in seinem Leben andere Frauen gab. Sie war nicht die einzige. Er hatte sich nicht für sie aufgespart, so wie sie es all die Jahre getan hatte. Er hatte sich mit anderen Frauen getroffen und es war töricht von ihr anzunehmen, dass er es nicht tat. 41


An diesem Abend schwiegen die beiden, gingen jeder für sich auf ihr Zimmer und dachten nach. Mira bekam am nächsten Tag sogar Fieber und ging nicht in die Schule, sondern blieb im Bett. Ricardo setzte sich neben sie ins Zimmer und versuchte sie zu erheitern, aber Mira fühlte sich gar nicht gut. Am Nachmittag klopfte es an der Tür, als Paul ins Zimmer kam. Er hatte seinen Arztkoffer dabei und war gekommen, um sie zu untersuchen. »Dein Vater hat so viel zu tun,« bemerkte er, aber Mira traute ihm nicht. Paul schickte Ricardo raus, obwohl sie ihn gerne im Zimmer behalten hätte. Trotzdem wehrte sie sich jetzt nicht, ließ die Untersuchung über sich ergehen. Sie öffnete den Mund, sagt brav »Ahhhhhhhhhh«. Atmete tief ein und aus, als Paul ihre Lunge abhörte. Schweigsam packte Mira sich wieder unter die Decke und war froh darüber, dass dieser Moment endlich vorbei war. Und Paul, der packte seine Sachen wieder in den Koffer und gab ihr ein paar Tropfen für den Hals, mehr brauchte sie nicht, in ein paar Tagen würde sie wieder über den Berg sein. Trotzdem stand er noch nicht vom Bett auf, wie sie es jetzt erwartet hatte, vielmehr sah er sie an, versuchte sie zu ergründen, aber sie war verschlossen. Ihre Lockenmähne war noch wild durcheinander, ungezähmt, genauso wie sie selbst, und er bemerkte, dass er nicht eher Ruhe geben würde, bis er dieses wilde Wesen gezähmt hatte. Ihre Stirn glühte, ihre Blässe war nicht weniger aufregend, als ihre glühenden Lippen. »Ich muss mit dir reden« sagte er, schließlich und beugte sich über sie, so dass sie seine Wärme spüren konnte, seinen Schweiß, seinen Geruch, es war wie eine Drohung, die sie deutlich spürte. »Es gibt da eine Sache, die ich beobachtet habe. Es geht um dich und um diesen Jungen.« Er vermied es, dass Wort ‚schwarz‘ zu benutzen, weil er wusste, dass es Mira auf die Barrikade bringen würde. Er musste seine Worte anders wählen. Mit Bedacht. »Du sol42


lest nicht so viel Zeit mit diesem Adão verbringen, er ist nicht gut für dich. Verstehst du?« Sie hätte gerne gelacht, ihn ausgelacht. Aber sie wusste, dass er gefährlich werden konnte, sie wusste, dass es Menschen gab, die etwas gegen eine solche Verbindung hatten, sie hatte es selbst schon öfter erlebt, die Blicke der Anderen, wenn sie mit Adão durch die Straßen ging, ihr Getuschel. Sie wusste, dass es keineswegs zum Lachen war, und dass ihr Lachen nur Ausdruck ihrer Hilflosigkeit war. Sie schwieg. Sah ihn nicht an, betete, dass er endlich gehen würde, aber er redete weiter. Sie hatte Kopfschmerzen, ihr Puls hämmerte gegen ihre Schädeldecke, ihre Glieder waren schwer und müde, sie hatte nicht die Kraft sich aufzubäumen und ihn hinaus zu werfen und er missverstand es. »Mira, du bist eine vernünftige, ehrbare junge Frau« sagte er, und es kam ihr so lächerlich vor, wie er sprach. »Wenn du wegen jemandem wie diesem Adão deinen Ruf verlierst, dann wird dich kein ehrbarer Mann mehr haben wollen, verstehst du. Ich versuche dich zu warnen, du weißt nicht, welche Kreise es zieht. Mira ich mag dich, nur deswegen versuche ich dich zu warnen.« In Miras Kopf drehte sich alles, sie fühlte sich elendig und schwach, und doch drangen Pauls Worte tief in ihr Herz. Mit jedem dieser schmalzigen Worte aus seinem Mund fand sie ihn noch abstoßender. Nichts von dem, was er sagte, konnte sie aufhalten, hatte er wirklich gedacht, dass sie sich von mittelalterlichen Argumenten hinhalten ließ? »Bitte geh jetzt« sagte sie mit rauer Stimme. Die Schmerzen in ihrem Kopf waren jetzt unerträglich geworden, das Zimmer drehte sich und ihr war übel. In Gedanken war sie bei Adão, sie wusste, dass sie ihm Unrecht getan hatte. Ihm und ihrer Beziehung. Adão kam kein einziges Mal bei ihr vorbei in diesen Tagen.

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Sie sah die Regentropfen vom Fenster aus. Kleine, winzige Tropfen, die gegen ihr Fenster geschleudert wurden und dabei kaum hörbare Geräusche machten. Es war wie ein Klopfen. Draußen sangen die Nachtigallen und sie konnte nicht schlafen. Sie ging hinaus in die warme Sommernacht mit dem lauen Regen, roch die Luft und sog sie tief in sich ein. Sie bemerkte dabei nicht, dass sie nichts weiter als ihr Nachthemd trug, aber wer würde sie jetzt schon sehen. Sie ging davon aus, dass alle schliefen. Sie spürte den Regen auf ihrer Haut, spürte die frische Kühle. Hugo und Pilar schliefen längst, ebenso Claude und Jorge, die mittlerweile groß geworden waren, nicht mehr die unbeholfenen Kinder von einst. Sie waren ernste Knaben geworden und die unterschiedlichen Charakteren zeichneten sich nun immer deutlicher voneinander ab. Manchmal bekam sie das Gefühl, dass sie jeweils immer nur genau das Gegenteil machten, von dem was ihr Bruder tat, nur um nicht verwechselt zu werden. Und doch bildeten sie eine starke Einheit, das konnte jeder spüren, der sie erlebte, und Mira spürte es immer besonders deutlich. Sie war froh darüber, denn es gab in dieser Familie sogar so etwas wie Harmonie, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht immer erkennbar war. Mira hatte sich auf der Bank unter dem Apfelbaum niedergelassen und war in ihren schlafwandlerischen Gedanken versunken, als Lola anfing zu bellen. Die Gartentür wurde lautstark geöffnet, es war Paul, er war aus gewesen, kam erst jetzt nach Hause. Er schwankte, denn er war betrunken. Lola lief in ihre Hundehütte zurück, als sie bemerkte, wer der nächtliche Störenfried war. Instinktiv zog sich Mira unter ihrer Bank zusammen, versuchte sich zu verstecken, aber Paul hatte sie bereits entdeckt. Er kam zu ihr herüber und sah sie an: »Die schöne Mira« sang er, mit dem aufgeblasenen falschen Ton eines Säufers. »Die schöne Mira sitzt hier ganz allein in 44


der Nacht im Regen. Tztztz. « zischte er und Mira zuckte zusammen. Er ließ sich neben sie auf die Bank sinken und fuhr mit seinem Lied fort. »Die schöne Mira…« »Ich muss gehen«, sagte sie und stand auf, doch Paul packte sie am Arm und zog sie zu sich heran. Sein fester Griff um ihr Handgelenk schmerzte. »Wo willst du denn hin?« fragte er immer noch ihren Arm packend. »Lass mich los.« zischte sie und versuchte sich loszureißen, aber Paul hatte sie fest im Griff. Er lachte über ihre Unbeholfenheit, lachte über ihren Versuch sich loszureißen, »Schönste Mira, wo willst du so eilig hin?« rief er und sah ihr in die Augen, sie wollte schreien, aber aus ihrer Kehle kam kein einziger Ton. Dann endlich löste er seinen Griff und ließ sie los. (…) Als sie sich umsah, war Adão bereits eingeschlafen, sie streckte sich ebenfalls aus und gähnte, legte sich an seinen warmen, festen Körper und träumte davon, wie es war mit ihm weiter zu gehen, Mädchenträume die nicht mehr so unschuldig waren. Die Sonne stand nun hoch am Himmel und warf kaum einen Schatten. Es musste jetzt so gegen Mittag sein, überlegte sie. Sie schaute auf das Meer, an dieser Stelle war es ruhiger, weil die großen Riffe es besänftigten und beruhigten. Eines Tages würde sie mit Adão über das Meer fahren und seine Heimat besuchen. Ausschnitt aus dem zweiten Kapitel: Berlin und Linda Das Wochenende verbrachte Linda mit Sarah allein, denn Tom war mal wieder irgendwo unterwegs, im Untergrund dieser riesigen Stadt. Sie hatten Geld zusammen gelegt, und gemeinsam etwas eingekauft, nun saßen sie in der Küche

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und kochten. Sarah wirkte jedoch wenig anwesend und Linda sprach sie beim Kochen darauf an. »Was ist denn los mit dir?« wollte sie wissen und Sarah sah sie geheimnisvoll an. »Was soll denn schon los sein?« Aber Linda ließ diese Aussage nicht gelten, sondern bohrte weiter nach. Sarah gab auf: »Ich habe jemanden getroffen« rief sie aufgeregt und versuchte dabei dennoch, gefasst zu wirken, was ihr jedoch misslang. Linda war nicht überrascht. Es kam hin und wieder vor, dass Sarah verliebt war, oder dass sie jemanden traf. »Kennst du das auch, Linda, man sieht jemanden, und weiß einfach, der ist es.« sagte Sarah verträumt und Linda musste lachen. »Natürlich kenne ich das?« Sie nahm ihre Freundin in den Arm, und fühlte sich von Sarahs Gefühlen angesteckt, sie spürte, dass sie euphorisch wurde, ohne jeglichen Grund. »Wen hast du denn nun kennen gelernt?« fragte sie neugierig und dann fügte sie hinzu: »Und wo denn?« Es klang nicht abgehackt, aber ebenso wenig klang es frei heraus, mit einem Mal beschlich sie ein ungutes Gefühl, sie wusste plötzlich von ganz allein, wen Sarah da kennen gelernt hatte und wo. »Sag bloß nicht im Exil.« kam es aus ihr heraus, ohne dass sie sich darüber bewusst war, dass sie es sagte. Sarah sprang überrascht auf, während Linda diesem Bündel voller Energie nur mit den Blicken folgte. »Doch, doch, im Exil, aber woher weißt du…« sie zögerte, es war nicht ungewohnt, dass man im Exil jemanden kennen lernte. Sie wandte sich Linda zu und fuhr fort, weil sie das Gefühl hatte, sich erklären zu müssen: »Linda erinnerst du dich noch an… an Konstantin?« Linda erinnerte sich sehr wohl an ihn, aber sie antwortete nicht gleich. Etwas hielt sie zurück.

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»Ja« sagte sie nach einer Weile. »Du meinst den Konstantin, oder?« vergewisserte sie sich, obwohl sie die Antwort bereits kannte, » du hast Konstantin kennen gelernt?« »Ja.« Linda war so angespannt, dass sie sich vor lauter Anspannung auf die Lippe biss. Sie hoffte, dass Sarah ihre Anspannung nicht spürte, was würde es schon bringen? »Oh Linda, du wirst es nicht glauben, er hat mich zum Essen eingeladen. Und mir die hier geschenkt.« sie zeigte auf die Ohrringe, die sie im Ohr trug. Linda fiel es schwer, die Sarah wieder zu erkennen, von der sie geglaubt hatte, sie zu kennen. Diese Person, die vor ihr stand, und Kartoffeln für die Kartoffelsuppe schälte, diese Person, mit den roten Wangen, dem Blumenkleid und den schweren Stiefeln, diese Person, die jetzt wie ein kleines Mädchen wirkte, war nicht die Sarah, die sie kannte, die Kommerz und Konsumgüter verabscheute, und materiellen Dingen keine Bedeutung beimaß. Nein vor ihr stand jemand, den man getrost als spießig bezeichnen konnte, weil er sich über Ohrringe freute, über Blumensträuße und feine Lokale. Linda war nicht sicher, was sie als den größeren Verrat ansah, Sarahs Wandel oder das Treffen mit Konstantin. »Oh, er ist so ein toller Mann, weißt du, er kocht selber auch hervorragend. Er hat mich zum Essen eingeladen. Linda, Linda, du hast doch seine Bücher, kannst du mir eins leihen. Vielleicht das, das ihm am besten beschreibt. Oder noch besser, das, das von seiner verstorbenen Frau handelt. Es gibt doch so ein Buch, oder? Weißt du, er hat nämlich von seiner verstorbenen Frau erzählt, und weißt du was er gesagt hat? Er hat gesagt, dass ich ihr ähnlich sehe.« Sie kicherte. »Was läuft da zwischen euch?« unterbrach Linda Sarah schließlich und Sarah lächelte geheimnisvoll. »Mal sehen.« Linda spürte Wut in sich aufkommen, aber sie unterdrückte sie.

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»Freust du dich gar nicht?« fragte Sarah und Linda antwortete ohne zu Zögern: »Doch, doch.« später hätte sie schwören können, dass es nicht ihre Worte waren, die aus ihrem Mund kamen. Irgendein Geist hatte von ihr Besitz ergriffen und spielte die Linda, die Sarah von ihr erwartete. »Drück mir die Daumen, dass es was wird.« Ich habe morgen ein Date mit ihm. Wir gehen essen. Linda verdrehte die Augen. »Kannst du mir ein Kleid leihen?« Und Linda zögerte, es würde ihn sicher nicht stören, wenn sie dasselbe Kleid trugen. »Weißt du« fuhr Sarah fort, nachdem sie Lindas Hand genommen hatte »ich habe schon so lange darauf gewartet, seit ich ihn das erste Mal gesehen habe.« Linda lächelte. »Konstantin, Konstantin Weiß« ging es ihr durch den Kopf. »Was für ein Spiel treibst du da eigentlich?« aber es waren immer die Anderen, die ein Spiel in eine Situation interpretieren wollten, die sie nicht verstanden, oder die sie verletzte. »Ja, Konstantin, Konstantin Weiß, der Mann aus dem Exit, den Schriftsteller von Der Duft der Maracuja. Der…« Sie lächelte noch immer. Doch sie entschuldigte sich, weil sie dieses Anspannung nicht mehr ertrug: »Ich muss noch etwas erledigen« sagte sie. »Bitte sei mir nicht böse.« »Du willst nicht mitessen? « »Im Moment habe ich keinen Hunger.« »Du freust dich nicht wirklich für mich« sagte Sarah, denn noch immer besaß sie feine Antennen, die ihr ganz deutlich machten, wenn bei Linda etwas nicht stimmte. Aber Linda wehrte ab. »Doch, doch.« sagte sie und dachte daran, dass das Leben selbst manchmal die grausamsten Geschichten schrieb. Als Schriftsteller musste man ja leidensfähig sein, vielleicht erteilte ihr Konstantin gerade eine Lektion, dann müsste sie ihm auch eine erteilen.

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Sie war ein paar Stationen mit der U-Bahn gefahren, irgendwo im Osten Berlins stieg sie aus, lief und lief, wollte Zeit heraus schlagen, nur um nicht zuhause zu sein. Sie wusste nicht so recht, wohin sie gehen sollte. Die Sonne prasselte herunter. Es war so heiß, wie lange nicht mehr. Die ganzen letzten Tage hatte es nur geregnet, und zuhause regnete es bereits durch ein paar morsche Stellen im Dach durch. Sie hatten überall auf dem Dachboden Eimer aufgestellt, damit das Wasser nicht in die anderen Räume lief, aber der Kampf war aussichtslos. Kaum Einer rechnete noch mit Sonnenschein in diesem Jahr. Eher glaubten sie an eine Sintflut, und nun prasselte die Sonne herunter, als sei nichts gewesen. Gerade jetzt. Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte sie sich nicht aussuchen können. Das erste Mal seit langem, dachte sie wieder daran zurück zu gehen. Was war, wenn sie hier alles aufgab, nach Paris ging und endlich ihren Traum erfüllte? Sie wusste, dass sie das nicht über Herz brachte, sie konnte Tom nicht alleine lassen und Sarah ebenso wenig. Sie lief die sonnigen Straßenzüge entlang, erhaschte hier und da ein schattiges Plätzchen, aber nicht oft, denn es war Mittag und die Sonne stand am höchsten Punkt. Sie stöhnte unter der Last ihrer Gedanken, die sie in ferne dunkle Welten trieben, sie hatte nicht bewusst diesen Weg gewählt, aber nun schien es ihr, als war er gerade dazu gedacht, sie noch weiter herunter zu ziehen. Sie lief an einer Reihe alter Häuser vorbei, hier im Osten Berlins gab es mehr Ruinen als sonst irgendwo. Eine Ruine reihte sich an die andere, und ab und zu, sah man den einen oder anderen Bewohner aus einem der zahlreichen Fenster schauen. Diese Häuser waren bewohnt, doch die Menschen darin waren so fremd, so unnahbar. Das alte System hatte sie misstrauisch gemacht und das neue hatte dieses Misstrauen bestärkt. Sie trauten sich nicht viel zu, weil sie sich unterlegen fühlten, weil sie immer daran geglaubt hatten, 49


dass sie unterlegen waren. Sie blieben in den alten Ruinen wohnen, in denen die Miete günstig war, wenn auch nicht mehr so günstig, wie früher, als man noch vierzig Mark im Monat bezahlte, für eine Wohnung mit drei Zimmern und Ofenheizung. Sie dachten noch oft an damals, denn innerlich fühlten sich viele von neuen Zeit überrumpelt, sie konnten mit ihrer Geschwindigkeit nicht mithalten. Vor allem die Alten nicht, weil sie die schnellen Schritte nicht mehr gewöhnt waren. Linda lief die staubigen Straßen entlang, vernahm nicht die Schönheit der Bäume, die sich nach dem Licht streckten und die Sonnenstrahlen aufsogen, um die Fotosynthese zu vollbringen. Hörte nicht das Zwitschern der Vögel, die zwischen den Bäumen umher flogen und nach Insekten suchten. Ein lebendiger Vorgang, den sie nicht wahrnahm, nicht sehen konnte, zu sehr, war sie damit beschäftigt nachzudenken. (…) Die Sonne stand nun so hoch am Himmel, dass sie erbarmungslos, alles das sich nicht vor ihr verkroch zu verbrennen schien. Sie stöhnte leise unter der Hitze, die in vor dem Café noch stärker schien, als sonst wo, sie stöhnte unter der Hitze, unter der Last ihres Herzen, ohne sich bewusst zu werden, dass es ihr Herz war, das drückte. Sie sah sich um. Sie wusste, dass es spät war, sie wollte jetzt nach Hause, beeilte sich, um die U-Bahnstation zu erreichen. Ihr Kopf fühlte sich schwer an. Sie hatte Konstantin nie zu nah an sich heran gelassen, und auch jetzt wollte sie es nicht tun. In der U-Bahn brummte ihr Schädel, sie dachte nach. Wie immer in solchen Situationen kam ihr nun Paul in den Sinn, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte, aber sie wusste, wo er wohnte. Jetzt bei Paul klingeln? Er würde wahrscheinlich nicht zuhause sein, trotzdem verlor sie sich 50


in dem Gedanken, was wohl passieren würde, wenn sie jetzt, so angetrunken, heiß und verschwitzt bei ihm auftauchen würde. Sie stellte sich sein überraschtes Gesicht vor, dass seiner Frau, und dabei musste sie lachen. Das erste Mal seit Jahren hatte ein Gedanke an Paul sie erheitert, und allein deswegen hob sich ihre Stimmung. Sie lief die stickige Straße entlang, lief, zog ihre Tasche, wusste weder wo sie hin konnte, noch wo sie hin wollte, lief die Straße entlang, war wütend, über alles, am meisten aber über sich selbst. Als sie zuhause angekommen war, schlich sie sich nach oben in ihr Zimmer und legte sich ins Bett. Sie nahm ihn Exemplar von Der Duft der Maracuja und begann zu lesen ... Linda lauschte den Geräuschen im Haus, sie hörte Sarah und Konstantin nach Hause kommen, und schließlich in das Zimmer nebenan gehen, in dem Sarah wohnte. Sie erhob sich und wollte hinausgehen, aber etwas hielt sie zurück. Sie hörte Geräusche aus dem Nebenzimmer, erst ein Lachen, das unverkennbar Sarahs was, dann drehte jemand die Musik lauter, vielleicht war es Konstantin. Linda versuchte noch angespannter zu lauschen, indem sie ihr Ohr an die Wand legte, doch dann lies sie davon ab und legte sich zurück in ihr Bett. Erst gegen drei Uhr wurde es leiser, die laute Musik verstumme und Linda vernahm nun die Geräusche des Schlafens aus dem Nachbarzimmer. Sie ging nach unten in die Küche und ließ sich auf die alte, weiche Couch fallen, in Gedanken führte sie einen Monolog »Du darfst es dir nicht zu Herzen nehmen, er war nicht der Richtige.« sagte sie sich, um sich selbst zu beruhigen. »So ein Idiot«, »er hat dir nicht gut getan« und so weiter. Dann öffnete sich die und Tom kam herein, Linda erschrak und war erleichtert, ihn zu sehen. Er war von einer seiner Partys zurückgekommen, illegale Partys bei denen man bis am frühen Morgen tanzte und Drogen nahm. Sie wusste, dass Tom keine Drogen nahm, er hatte zu viele Freunde abstür51


zen sehen, deshalb ließ er die Finger davon. »Du bist noch wach« fragte er erstaunt. Er hatte sich die Haare abgeschnitten, aber Linda nahm es nicht war. »Ja. Ich kann nicht schlafen.« »Warum nicht« sagte er, und Linda zuckte mit den Schultern. Sie versuchte cool zu sein. Sie wollte sich nichts anmerken lassen. »Männerprobleme« flüsterte Tom scherzhaft, und Linda versuchte zu lachen, aber es misslang. »So etwas in der Art« erwiderte sie. Ihr wurde klar, dass es nichts brachte, ihm weiterhin etwas vorzumachen. Nach einem tiefen Seufzer sagte sie schließlich: »Wenn du mich fragst, hätte es gar nicht anders kommen können, und ich bin froh, dass es endlich vorbei ist. Ich bin froh, dass er es beendet hat, bevor wir uns etwas vorgemacht hätten, weil unsere Gefühle nicht reichen. Verstehst du, was ich meine. Ich…« das Worte betonte sie besonders. »Ich war zu feige.« Sie machte eine Pause und wartete ab, wie Tom reagierte, aber er grinste, wie immer. Diese Rede klang aufgesetzt, das merkte sie selbst. »Du wirst schon darüber hinwegkommen.« sagte er, und nahm sie in den Arm. Das war eine seltene Geste, und Linda genoss diese Geste sogar. »Ich werde morgen das Dach reparieren« sagte Tom schließlich, »es werden zwei Kumpel vorbeikommen. Wenn du Lust hast, kannst du uns helfen.« Linda war erleichtert. Diese Arbeit würde ihr gut tun, doch sie fügte hinzu: »Dennoch mache ich mir um Sarah ein wenig Sorgen,« aber Tom winkte ab: »Sarah ist ein großes Mädchen. Ich werde jetzt schlafen gehen« sagte er gähnend: »Es ist sicherlich schon spät.« Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, dann ging er nach oben. Sie selbst folgte ihm und ging zurück in ihr Zimmer. Die Arbeiten am Dach standen an. Sie wusste, dass vor ihnen viel Arbeit lag. Es wurde Zeit, dass sie etwas Schlaf 52


bekam, dennoch schlief sie erst ein, als vor ihrem Fenster bereits die Sonne aufging. Am nächsten Morgen erwachte Linda später, als sie gehofft hatte. Sie ging in die Küche und fand Sarah, Tom und zwei Andere vor, die bereits in der Küche saßen und Bier tranken. Tom stellte die Beiden so lässig vor, wie es seine Art war: »Ähm, ihr kennt euch bereits? Das sind Dino und Fabian. Sie helfen beim Dach.« »Gut« erwiderte Linda, ihr Schädel brummte. »Hat einer von euch Beiden das schon mal gemacht?« Sie sahen sich beide an, und schüttelten den Kopf. Dann hob einer die Bierdose hoch und deutete an, dass er anstoßen wollte. »Ich habe es mir erklären lassen,« sagte Tom schließlich, als er bemerkte, dass Linda skeptisch war, es ist gar nicht so schwer. Er hatte sich verändert, war braungebrannt, natürlich und sah gut aus, so erholt. »Na dann.« sagte Linda und bemerkte, dass sie zynisch klang, wie ihre Mutter. Eine halbe Stunde später standen Tom und Dino auf dem Dach und richteten die Ziegel während Fabian gute Ratschläge gab. Linda stand in der Küche und schmierte ein paar Brote für alle. Sie ging Sarah aus dem Weg, denn sie ertrug ihre überschwänglichen Verliebtheitsgefühle nicht. Auch deshalb reinigte sie zunächst gründlich die Küche, bevor sie wieder nach oben zu den Anderen ging. Sie stellte das Tablett mit den Brötchen ab, während sich die Anderen hungrig darauf stürzten. Sie selbst hatte keinen Hunger, sondern stieg die Leiter hinauf aufs Dach, um nachzusehen, wie weit die Anderen gekommen waren. Ein paar Ziegel waren bereits verlegt, Linda machte sich an die Arbeit um ein paar Weitere zu verlegen. Sie legte die schweren roten Steine dicht aneinander, doch es dauerte lange, war anstrengend, denn die Steine waren sehr schwer. Unten hörte sie die Anderen lachen, und je lauter ihr Lachen ertönte, desto mehr Antriebskraft bekam sie. Nach 53


zwei Stunden hatte sie bereits eine gute Fläche des Daches abgedeckt, während sich niemand sonst auf dem Dach blicken ließ. Wahrscheinlich war jemand losgegangen und hatte neues Bier gekauft. In diesen Zeiten tranken Alle sehr viel, und die Wenigsten machten sich Gedanken um Morgen. Linda richtete sich langsam auf, wollte aufstehen und ein paar neue Steine holen, hangelte sich über das Dach bis hin zum offenen Fenster, von wo aus sie aufs Dach gestiegen war. Doch dann stolperte sie über einen wackeligen Stein, verlor den Boden unter den Füßen und spürte keinen Halt mehr. Sie rutschte ab. Mit einem dumpfen Schlag schlug sie vor dem Haus auf dem Rasen auf, die Anderen hatten den Aufprall gehört und liefen schnell nach draußen.

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KATHRIN NORD

GEORG TURKELBAUM Auszüge aus einem Roman Pssst! Wir wollen uns einen Film ansehen. Gleich geht es los. Ich muss nur noch die Filmrolle einlegen und die Wohnzimmerfenster abdunkeln, dann machen wir es uns gemütlich und schauen anderen Menschen beim Leben zu. Ich werde auch alle anderen Fenster schließen. Auf der Straße ist es so laut. In der Mitte meines Zimmers, auf einem Stehpult, schnarrt ein Filmprojektor. Meine Traummaschine. Sie wirft ein weißes Licht an die leere weiße Wand. Der abgewetzte Samtsessel daneben und ich bald darin. Gleich geht es los. Die Traummaschine läuft sich warm und strahlt ihre Wärme ab. Sie riecht gut. Wie neue Bücher, nur eben, dass es alte Filme sind, die sie an die Wand werfen wird. Unter dem Filmprojektor mein akustischer Projektor, über ihn läuft die Tonspur. Darüber tanzen im Lichtkegel Staubkörner, sie glitzern. Wie schön doch Dreck aussieht, wenn die Beleuchtung stimmt. Ich habe auf ebay ein Archiv alter Privatfilme ersteigert. Stellen Sie sich vor: Es gibt Menschen, in deren Leben passiert genauso wenig wie in meinem. Genau genommen das: Aufstehen, leben und arbeiten, trinken, einschlafen, dreibis viermal im Jahr Familienfeste, ein Volksfest, eine Urlaubsreise, viel TV, ab und an Kino. Dann gibt es Menschen, die filmen so etwas. Und mich gibt es, und ich sehe mir diese Filme an. Seit Wochen. Dieselben alten Privataufnahmen. Schaue dabei zu, wie Nora zur Schule geht, 55


sich verliebt und entliebt und so weiter, wie Georg zur Schule geht, Hausaufgaben macht, später studiert und für die Uni lernt, zwischendurch was isst und vor allem existiert. Manchmal, wenn es schon spät am Abend ist und die Müdigkeit meine Wahrnehmung trübt, kommt es mir so vor, als wären die Filme nicht mit einer Kamera aufgenommen worden, sondern als habe jemand Erinnerungen abgefilmt. Wie auch immer das funktioniert haben mag … Sie werden schon sehen, was ich meine. Diese Figuren … ihr Leben… diese schwarz-weißen Alltagsbilder … sie lullen mich ein. Ein Filmkokon, in dem ich verharre. Für Sie könnte ich ein Stückchen zur Seite rutschen, ein kleines, damit Sie dazu kriechen und mitgucken können. Fremde alte Privatfilme gucken … ist jedenfalls interessanter, als das eigene langweilige Leben anzugucken – viel besser. Und Ihres kann in diesem Moment auch nicht besonders aufregend sein, sonst wäre es Ihnen dazwischen gekommen. Zwischen Sie und mich. Zwischen die Buchseiten. Und Sie sind doch in diesem Moment hier, hier bei mir. Den Privatfilm-Figuren kam auch immer etwas dazwischen. Irgendwas oder irgendwer, das oder der sie vom Leben abhielt. Manchmal waren es die falschen Personen. Zackbum stehen sie in der Kulisse und halten das Leben unserer Freunde auf. In den letzten Sekunden unseres Lebens blicken wir bekanntlich zurück: Ein schwarz-weiß Film – oder ist er bunt? – läuft vor unserem inneren Auge ab und zeigt Ausschnitte aus unserem Leben. Es wäre schön, wenn es ein Film ohne Überraschungen wäre. Ich will dann jedenfalls keinen Grund haben, die rechte Augenbraue heben zu müssen, weil plötzlich Zeitgenosse XY zu sehen ist. Derjenige, dessen Name mir entfallen ist, weil unsere Begegnung, so dachte ich bisher, kurz und unbedeutend gewesen war. 56


Nun aber das: Er tritt mit schweren Stiefeln in mein Leben, genau genommen in meine Wohnung. Dreckige Profilabdrücke auf meinem Teppich, er nimmt meinen Raum und meine Lebenszeit ein … und …, dann läuft der Film langsamer ab. Ich in Zeitlupe, während das Drumherum genauso schnell weiterlebt wie zuvor. Eine alte Videotechnik (siehe Radioheads „Street Spirit“) in meinem Todesfilm, das entertaint, das ist cool anzusehen. Schnitt: Es sind Jahre vergangen und jetzt verlässt XY die Szene. Kaum ist er zur Tür raus, dreht sich mein Leben wieder in einem zur Umgebung angemessenen Tempo. Dann Stirnrunzeln und ärgern – in den letzten Sekunden des Lebens. Zurückgeblickt und festgestellt, eine lange Zeit mit der falschen Person und falschen Dingen totgeschlagen zu haben. „Das hätte wirklich nicht sein müssen“, könnte dann mein letzter Gedanke lauten – und das muss nun wirklich nicht sein. Aber wir erdulden das Falsche lange, bevor wir uns davon verabschieden. Weil wir Zeit haben. Wir haben so viel Zeit. Hinter uns liegt sie, hier ist sie und da vorne liegt sie auch. Ist sie uns mal zu präsent, na, dann schlagen wir sie halt tot. Erst versuchen wir es mit leichten Klapsen und wenn das nicht hilft, dann verdreschen, und bringt auch das nichts, dann holt man seine Freunde dazu und wendet so richtig Gewalt an, zu zweit oder mit mehreren, auf jeden Fall gemeinsam. Hat man keine, ersäuft man die Zeit, das geht recht gut alleine. Seit ich die alten Privatfilme sehe, wünsche ich mir, dass meine letzte eigene Filmvorführung ohne Überraschungen ablaufen soll. Jede Figur, die ich sehe, möchte ich mit Namen erinnern. Ich möchte sie gerne sehen und wissen, warum sie eine Rolle in meinem Film bekommen hat. Von jeder Szene möchte ich wissen, weshalb sie den kritischen Blicken des Regisseurs und Cutters standgehalten hat. Verstehen Sie: Ich bin gerne bereit, die Zeit totzuschlagen. 57


Aber nicht mit irgendjemanden. Es sollte schon ein Komplize sein, der an meiner Seite steht. Einer, dem ich vertrauen kann. Jemand wie A. zum Beispiel. A. und ich, wir waren die Hauptpersonen einer Liebesgeschichte. Einer echten, wirklichen, richtigen, einer Reality-Liebesgeschichte. Dann zog A. weg und um die Welt und ich in eine andere Stadt, wir mailten und skypten und twitterten und facebookten – statt Gespräche Mails, statt Liebeslieder Tastaturgeklapper. Ab und an schickte ich ihr zweiminütige Kurzfilme, und sie mailte Fotos von mir fremden Orten. Sie dort, ich hier, von mir zu ihr und von ihr zu mir flogen Buchstaben. Klappklappklappklapp ging das. Stundenlang. Klappklappklapp machte ich, und in meine Pausen klapperte sie, für mich stumm, ihre Buchstaben hinein. An unserem schönsten gemeinsamen Abend schrieb sie, morgen sei sie wieder in der richtigen Zivilisation und ihre Freundin, bei der sie ein paar Tage bliebe, habe einen MAC mit integrierter Kamera. „Dann können wir uns in Echtzeit sehen“, schrieb sie, „endlich.“ So klapperten wir in Vorfreude durch die Nacht. Am nächsten Abend sah ich sie und sie sah mich – und wir hatten uns nichts zu sagen, außer „Nun ja“ und „Und dir geht es wirklich gut?“, „Ja, bin nur ein bisschen müde“ – das sagten wir dafür etliche Male. Am Ende des Gesprächs versicherten wir uns gegenseitig, wie schön es sei, einander endlich wiederzusehen, das öfter, als es zum Verständnis notwendig gewesen wäre. Sie sagte, sie käme in zwei Wochen zurück nach Deutschland. Das hat sie dann auch getan und wir haben uns seitdem nicht mehr gehört, gesehen oder gelesen. In den vergangenen Monaten hatten wir die Ferne mit Texten überbrückt. Typographie statt Physiognomie, was auch immer, so bedeutungslos, ein Fremdwort mit -ie am Ende 58


eben. Unsere Liebesgeschichte verkam zu Mails und Statusmeldungen und Posts und Kommentaren und Internetgezwitscher. Eigentlich war sie wunderschön. Ich habe einen Reisekoffer voller Dokumente, die unsere Liebe beweisen. Dokumente, das klingt doch besser als Ausdrucke, finde ich. Ausdrucke ihrer Ausdrücke und sie hatte Tausende, die zu mir und zu ihr und zu unserer Liebe passten. Ich habe mehr Erinnerungen in diesem Koffer als Erinnerungsbilder im Kopf. A. war Text und 2-D-Bild. Wollte ich ihre Liebe spüren, klappte ich meinen Laptop auf. Ich entschied wann und wo. In der Zeit dazwischen lagen Tagträume. Keine Interaktion in Echtzeit, keine synchron laufende Bild- und Tonspur. Jaja. Zwischen uns liegt jetzt eine Menge Deutschland. Glasfaserkabel auch. Tief verbuddelt, so tief wie wir unsere Wörter verbuddelt haben. Zwischen uns liegt eine Menge Schweigen. Ich lausche dem Summen der Traummaschine. Es ist so ein beruhigendes Summen … wollen Sie’s hören? Es hört sich so an: rrrrrrrrrrrrrr, rrrrrrrrrrrrrr. Was meinen Sie? Sie und ich, einige Stündchen gemeinsam, Popcorn essen, Film schauen, später ein Eis und zwischendurch aufs Klo. Der eine sagt beim Aufstehen: „Du kannst den Film ruhig laufen lassen“, der andere: „Nee, nee, ich halt schon an.“ Das wäre doch was, was Vertrautes mit einem Fremden. Das ginge doch. Wir sollten uns entscheiden, ob wir dieser Begegnung eine Chance geben … … lassen Sie uns aber nichts überstürzen … Fangen wir es doch so an: Mein Name ist H.H. Ich bin Regisseur für Film und Fernsehen, leidenschaftlicher Puzzlespieler und zurzeit arbeitslos. Ich habe genügend Zeit, um sie totzuschlagen. Vielleicht gemeinsam mit Ihnen, vielleicht könnten Sie 59


mein Komplize sein. Gemeinsam würden wir die Tat so begehen: Ich werde die ersteigerten Filme so zusammenschneiden, dass sie eine stimmige Geschichte ergeben. Ich werde Ihnen erzählen, was auf der Leinwand zu sehen ist, hier in diesem Buch. Und Sie schalten Ihr Kopfkino ein – dann ist es so, als würden wir beieinander sitzen und gemeinsam den Film gucken. Machen wir doch eine kleine Testvorführung: Gehen wir ein paar Schritte gemeinsam – bis zu meinem Sofa. Ich nehme auf dem Sessel Platz, von hier aus kann ich gut die Filmrollen einlegen. Sie lassen sich dort auf dem Sofa nieder, das ist ein wenig bequemer. Erst mal noch Abstand und viel Schweigen und an die Gegenwart des anderen gewöhnen. Ich will auch gleich still sein. Die Fernbedienung behalte ich erst mal. Das Handy dürfen Sie anlassen, ich bin da nicht so. Das Popcorn ist für uns beide da – einmal gesüßt, einmal gesalzen, fast wie im richtigen Kino. In der Küche habe ich noch mehr. Der Film ist schlechter als im Kino, also von der Qualität her schlechter. Und ich muss auch die Filmrollen öfter einmal wechseln. Es ist ein wenig wie youtube, nur, dass es eine alte Technik ist, mit der der Film aufgenommen wurde und projiziert wird. Die Person, die die Schwarz-weiß-Filme gedreht hat … ich weiß nichts über sie. Ich vergesse sie, sobald ich die Figuren auf der Leinwand sehe. Jeder Film ist mit einem anderen Vor- und Zunamen betitelt und folgt dem Erzählstil der subjektiven Narration. Jeder Film ist aus Sicht einer anderen Person erzählt. Wir haben rund 100 Figuren, 100 Perspektiven, 100 Erzählstimmen und Innenleben. 100 Mal zwei Minuten, 100 Mal subjektive Perspektive, Kopfkino und Gedanken. Manchmal meine ich, der Regisseur habe Erinnerungen abgefilmt. Seit ich das Paket geöffnet habe, flimmern Nacht für Nacht die Filme über meine Wohnzimmerwand. Nacht für Nacht 60


dringen die Stimmen und Hintergrundgeräusche aus meinen Lautsprechern. Nacht fßr Nacht frage ich mich, wer sie gedreht haben mag und weshalb. Es gibt keinen Plot, keinen roten Faden. Die Filme sind banal, real – was auch immer, so bedeutungslos, ein Wort mit -al am Ende eben. 100 Mal den Blick im Leben eines anderen Menschen verlieren und sich selbst vergessen. Noch mal wohin vorher? Gleich rechts neben dem Badezimmer.

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Copyright für alle Texte bei den jeweiligen Autoren. Hinweis: Der Beitrag von Axel Roitzsch wird im Frühjahr 2011 in der Anthologie „Stellwerck Lesebuch 2“ aus dem Stellwerck Verlag abgedruckt und erscheint mit freundlicher Genehmigung in dieser Zusammenstellung. 62


Junge Autoren für LITERATURUPDATE