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Di e Kun s t de s R e i s e ns

sFr. 10.—

F I SCH Michel Roggos Blick in die verborgene Welt der Schweizer Gewässer

Abendrundfahrt mit Reeto von Gunten auf dem Thunersee

Unterwegs auf dem Schwabenweg: Halt im Kloster Fischingen


I N H A LT

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Abenteuer

E R D E , F E U E R , LU F T & W A S S E R

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Raus!

Abtauchen mit Arielle & Fliegenfischen in Arosa

MIKROABENTEUER

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Nanu, Kanu?

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Vogelperspektive

Mit Kanu auf Thur & Rhein

Bergbahnfahrten mit Erinnerungen

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FA M I L I E N A U S F LU G

Schatzsuche

Ein Wochenende in der Aletsch Arena

WELLNESS

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Karte — Bundesamt für Landestopografie

Auffrischen

Dschungel in Luzern & Oasen des Alltags

WO ZUM TEUFEL

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Wohin ging Hanspeters letzte Fahrt?

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Inspiration 30 «Fisch»

Kultur

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Land unter

Begegnung mit einem Unterwasserfotografen

66 Kulturbunt

ARCHITEKTUR & DESIGN

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Im Wasser

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Stilvoll

Gedicht von Franz Hohler

40 Die Fischliebhaber

Fischreiher vs. Fischotter

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Fische im Bergbach

Fische aussetzen im Schwändital

C U L I N A R I A H E LV E T I C A

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Ein Räuber im Rauch

GASTRONOMIE

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46 Zugabe

Ein- und Aussichten auf dem Thunersee

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Lachsfarbige Insel

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V O R & H I N T E R D E R KU L I S S E

Halt im Kloster Fischingen

61 Fliegenfischerin Erna Honegger 63

Sammelsurium «Fisch»

Speis & Trank

BETTGESCHICHTE

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KU N S T, M U S I K & T H E AT E R

Frische Fischerhäuser in Romanshorn

L I T E R AT U R B E I L A G E

Goldkopfnymphen

Kopfkino: Simone Lappert

GENESIS

85 Die Eroberung des Aargau

D I E W E LT Z U G A S T

86 Norwegen

Titelbild Alet mit Höckerschwan, aufgenommen von Michel Roggo im Rhein, unterhalb des Rheinfalls.

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A U F TA K T

ALLEGRA AUS DER REDAKTION

Findet Dorie! Hollywood — Passend zum neuen Kinofilm «Findet Dorie», der ab dem 29. Sept. in den Deutschschweizer Kinos startet, haben sich Nemo und Dorie irgendwo in dieser Ausgabe versteckt. Wer uns bis 20. Sept. schreibt, auf welchen Seiten sie sich befinden, der nimmt an der Verlosung von 10x2 Kinotickets und Überraschungen teil. verlosung@transhelvetica.ch

Zuwachs, Jupi!

Herausgefischt Was sich unter der Wasseroberfläche abspielt, entzieht sich dem Auge. Doch wer eintaucht in die frische Welt der Fische, der findet darin unglaublich faszinierende Geschichten, die noch kein Beamter dieser Welt je fichiert hat. Derartiges aqua incognita zieht uns an wie ein Teller Egliknusperli auf der Terrasse über dem See. Darum haben wir lange Hälse gemacht, die Luft stundenlang angehalten und den Blick auf das Schlaraffenland unter uns gerichtet, die ein reichhaltiges Menü aus Text und Bild versprachen. Herausgezogen haben wir fotografische Leckerbissen und verspielte Geschichten von bedeutenden Fischern (S. 40), grossen Aussetzern (S. 42), einem tollen Hecht (S. 72), reichen Fischgründen (S. 32), einem Ort der Stille (S. 54), Schuppen am Handgelenk (S. 70) und der Masseneinwanderung der Fische (S. 6). Ich hoffe, dass Ihnen der Blick unter die Kulisse gefällt, und wünsche Ihnen eine erfischende Lektüre. Jon Bollmann, Herausgeber

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•  Geschlec

hre  s Alter: 60 Ja her Stör Atlantisc 5 kg / m: 50–110kg  •  Mögliche auf Seitenlinie: Knochen-

Zürich — Nur das Klicken einer Computermaus hallte hie und da durch die Redaktionsräume. Kaffee um Kaffee floss in die Tassen, damit die schwachen Augenlider wenigstens einen Spaltbreit offen blieben. So konnte es nicht weitergehen. Ein frischer Wirbelwind musste her, der zwischendurch mal lärmt und durch die Räume saust, als würde er von einer Biene verfolgt. Und sie kam, die Idee: ein Hund, ein superaktiver und jagdfreudiger Vizsla namens Jupiter! Und weil dieser Planet viele Monde braucht, die ihn umkreisen, haben wir auch gleich das Team aufgestockt. Stephanie Elmer leitet neu zusammen mit Michèle Fröhlich die Redaktion – und ein kleiner, aufgestellter Wirbelwind ist sie auch. Herzlich willkommen!

30–4 sser und hl Schuppen 1,5–5 m  •  w: t im Süsswa hre  •  Anza e: rfisch. Laich hre / w: 20 Ja um: Wande eblingsspeis ra Li reife: m: 8 Ja ns •    be 54 Le 18 : •  ng CH Schuppen  ais, eer. Letzer Fa M M , s platten statt er in m ür km W 00 der: nn bis zu 15 he  •  Angelkö sonderheit: wandert da n, kleine Fisc : 18,10 g  •  Be e, Schnecke 1 kj, Eiweiss 62 al, torben es kc Krustentier 8 sg 14 au 0 g: it 1854 als ährwert / 10 r Schweiz se Maden  •  N nd: gilt in de sta Be •  t  an Kaviarliefer

Fischposter Fribourg — Der Fotograf Michel Roggo hat uns für diese

Ausgabe nicht nur das Cover und die Bilder für die Geschichte «Land unter» (S.32) geliefert,

sondern uns gleich noch mit lauter kleinen Fischen bestückt, die durch die ganze Ausgabe schwimmen. Diese Fische fotografierte er für das Plakat «Die Fische der Schweiz» im Auftrag des Schweizerischen Fischereiverbands und WWF. Bestellen im Shop: sfv-fsp.ch, wwf.ch

Aquacasia Weit weg — Für uns ist Lukas Lienhard seit der «Max»-Ausgabe (#33) mit Wood-Food-Koch Valentin Diem unterwegs, um die besten Rezepte fürs Culinaria Helvetica zu fotografieren (S. 72). Zwischendurch zieht es

ihn aber weit, weit über die Landesgrenze hinaus, genauer nach Mauritius. Dort machte er Rezept- und Reportagebilder für das Kochbuch «Aquacasia – Culinary Jewels of the Indian Ocean». Zu bestellen bei: niraalpina.com

Verlag: Passaport AG, Alter Bahnhof Letten, Wasserwerkstrasse 93, 8037 Zürich, 044 241 29 29, passaport.ch — Herausgeber: Jon Bollmann (jb), Pia Marti (pm) Chefredaktion: Stephanie Elmer (se), Michèle Fröhlich (mf) — Redaktion: Sarah Altenaichinger (sa), Nicole Naville (nn), Claudia Walder (cw) Kommunikation/Marketing: Pia Marti (pm) — Art Direction: Jon Bollmann (jb), Fabian Leuenberger — Layout: Fabian Leuenberger, fabianleuenberger.ch Vertrieb: 7Days Media Services (GmbH) — Druck: Somedia Production, somedia-production.ch — Abonnement: Sabeth Bollmann (sb) — Korrektorat: text-it GmbH, Claudia Walder (cw), textit-gmbh.ch, Pia Walder — Gefällt mir: facebook.com/transhelvetica — TH-Newsletter: transhelvetica.ch/newsletter-anmelden Online: transhelvetica.ch von allerhand, Christoph Burkhard (cb) — Inserate: inserate@transhelvetica.ch, 044 241 29 29 — Kontakt: vorname.nachname@transhelvetica.ch

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Bild — Editorial: Alex Wydler / Weitere Bilder: zvg

EDITORIAL


A U F TA K T

Bei dieser Ausgabe mitgefischt

In jeder Ausgabe lädt Transhelvetica all diejenigen ein, die daran mitgearbeitet haben – und so pilgerte eine kleine Schar in die Bucht beim Restaurant Fischer’s Fritz in Wollishofen am Zürichsee. Auf der Brücke von links: Alec und Nicole Naville, Stephanie Elmer, Sarah Altenaichinger. Von links unten: Lena Grossmüller, Mohan Mani, Emil Zopfi, Pia Marti mit Hund Jupiter, Jon Bollmann, Berufsfischer Adrian Gerny, Michèle Fröhlich, Claudia Walder, Lea Reutimann, Aelys und Fabian Leuenberger mit Liv.

Bild — Impressum: Lea Reutimann / Weitere Bilder: zvg

Wachgeküsst Zürich – Barbara Tänzler ging für diese Ausgabe «Land unter» (S. 32), ansonsten ist sie aber über Land aktiv, zum Beispiel mit dem Kunstprojekt «Wachgeküsst», das 2017 startet. Zusammen mit weiteren Kunstschaffenden wird sie bereits vorhandene Kunstwerke im Kreis 5 in Zürich neu beleben.

Märchenfest Sutz-Lattrigen – Am 11. September findet im Von-RütteGut in Sutz-Lattrigen das kleine Märchenfest statt. Erzählende aus der ganzen Schweiz

präsentieren von 12 – 22 Uhr ihre schönsten Märchen. Auch

auch Herr und Frau Meise zwitschern wieder vergnügt vom Baum und fragen sich insgeheim, wer denn nun diese Mary ist? Unser Autor Ralf Schlatter (S. 28 & S. 66) geht ab dem 15. September auf Tournee mit

Susanne Christian, die sich für uns in jeder Ausgabe auf die Suche nach einer geeigneten Geschichte für den Familienausflug (S. 22) begibt, wird zu hören sein. märchenfest.ch

Mary Schweizweit — Herr Schön und Frau Gut sind zurück, und

seiner Bühnenpartnerin AnnaKatharina Rickert alias Duo schön&gut. Das Programm «Mary» ist bereits der fünfte Streich der beiden, gespickt mit viel Wortwitz, Gesang und

Satire. Wir sind gespannt! schoenundgut.ch

Warmbächli Bern – Die Architektin Daniela Meyer schreibt in «Stilvoll» (S. 70) über interessante Bauwerke in der Schweiz, sonst ist sie auch mal in Rotterdam an der Städtebau-Biennale unterwegs, wo das Projekt Warmbächli, an dem sie mitgearbeitet hat, präsentiert wird. Warmbächli ist ein Überbauungsprojekt einer ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage in Bern. Noch wird das Areal zwischengenutzt und lädt immer wieder mal zu Genuss & Spass ein. brache.ch, warmbächli.ch

Unser Dank geht an Michel Péclard & Katja Richard mit Team von Fischer’s Fritz und an den Berufsfischer Adrian Gerny für das Gastrecht zur Aufnahme des Impressumsbildes sowie an unsere Mitarbeitenden dieser Ausgabe. Text: Susanne Christian, Annette Gröbly, Lena Grossmüller, Patrick Harte, Franz Hohler, Martin Jenni, Nina Kobelt, Chandra Kurt, Simone Lappert, Miriam Lenz, Mohan Mani, Benedikt Meyer, Daniela Meyer, Kevin Nobs, Ralf Schlatter, Jürg Schmid, Nicole Schneider, Daniel J. Schüz, Martin Sturzenegger, Barbara Tänzler, Reeto von Gunten, Thomas Wyss, Emil Zopfi — Bild: David Birri, Stephan Engler, Corinne Kramer, Lukas Lienhard, Nadia Neuhaus, Lea Reutimann, Michel Roggo, Nico Schaerer, Gabi Vogt, Helmut Wachter, Jessica Wirth, Alex Wydler — Illustration: CinCin GmbH, cincinstudio.ch — Heftpreise: Einzelheft sFr. 10.—, 6 Ausgaben im Abo sFr. 55.— (Ausland sFr. 90.—), 12 Ausgaben im Abo sFr. 100.— (Ausland sFr. 160.—) — Copyright: © Passaport AG, alle Rechte vorbehalten.

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SCHWEIZER KARTE

Wanderfisch Von wegen sesshaft! Viele Fische legen in ihrem Leben   dutzende, hunderte, ja tausende Kilometer zurück, um sich fortzupflanzen und abzulaichen. Ein wahres Wunder der Natur! Die beiden Spitzenreiter unter   den Wanderfischen sind Aal und Lachs. Der Lachs wird im Süsswasser geboren, nach rund drei Jahren   wandert er bis zur Küste Grönlands, verbringt dort etwa   sechs Jahre, um dann in seinen Geburtsfluss zurück-  zukehren. Beim Aal ist es umgekehrt: Er wird in der Karibik geboren, schwimmt während einer dreijährigen Reise in unsere Gewässer und kehrt nach etwa sechs Jahren wieder zurück. Natürliche Hindernisse wie etwa den Rheinfall überwältigen sie dabei problemlos.   Dafür machen ihnen unnatürliche Hindernisse – Wehre,   Kraftwerksanlagen, Schwellen – schwer zu schaffen.   Der Lachs gilt deshalb in der Schweiz seit den 1950erJahren als «ausgestorben» und auch der Aal wird als «vom   Aussterben bedroht» eingestuft. Quelle: Fischwerk Werner Dönni im Auftrag des Bundesamtes für Landwirtschaft (BAFU)

  Schnellstrassen sind die wichtigsten Wanderkorridore.   Sie entsprechen oft den grösseren   Fliessgewässern.   Regionalstrassen sind kleinere Gewässer, in denen Wanderfischarten vorkommem können.   Gewässer

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Aal

•  w: – 150 cm, m: – 60 cm  •  –10kg  •  Mögliches Alter: 8–20 Jahre  •  Geschlechtsreife: 8–10 Jahre  •  Anzahl Schuppen auf Seitenlinie:   unzählige kleine Schuppen  •  Lebensraum: Langdistanzschwimmer. Laicht in der Karibik  •  Lieblingsspeise: kleine Fische, Krebse, Würmer  •  Angelköder: Tauwurm, Fischfetzen, Köderfisch  •  Nährwert / 100 g: 278 kcal, 1162 kj, Eiweiss: 15,00 g  •  Besonderheit: Auf der enorm   langen Reise zu seinem Geburtsort kann er kurze Distanzen an Land zurücklegen  •  Bestand: vom Aussterben bedroht

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SCHWEIZER KARTE

Forelle

•  20–90 cm  •  200 g–9 kg  •  Mögliches Alter: 10 Jahre  •  Geschlechtsreife: m: 5. Lebensjahr, w: 4. Lebensjahr  •  Anzahl Schuppen auf   Seitenlinie: 105–120  •  Lebensraum: sauerstoffreiche Bäche und Flüsse  •  Lieblingsspeise: Insektenlarven, kleine Fische, Amphibien  •  Angelköder: Heuschrecken, Fleischmaden, Bienenmaden  •  Nährwert / 100 g:  127 kcal, 530kj, Eiweiss: 19,70 g  •  Besonderheit: Forellen sind blitzschnell. Bis zu 35 km/h können sie erreichen und bis zu fast einem Meter springen, um Hindernisse zu überwinden  •  Bestand: nicht gefährdet

Barbe

•  30–80 cm  •  0,5–2,5 kg  •  Mögliches Alter: 20 Jahre  •  Geschlechtsreife: 4–6 Jahre  •  Anzahl Schuppen auf Seitenlinie: 12–14  •  Lebensraum: liebt steinige Fliessgewässer  •  Lieblingsspeise: Bodenorganismen,   Würmer, kleine Krebse  •  Angelköder: Mais, Würmer, Käse, Hanf •  Nährwert / 100 g: 150 kcal, 626 kj, Eiweiss: 20,10 g  •  Besonderheit: Angelrute sollte stabil sein. Barben sind sehr starke Kämpfer  •  Bestand: potentiell gefährdet

Lachs

F

Äsche

es Ja isch d

hres

2016

•  30–60 cm  •  500 g–3 kg  •  Mögliches Alter: 5–6 Jahre  •  Geschlechtsreife: 2–3 Jahre  •  Anzahl Schuppen auf Seitenlinie: 74–96  •  Lebensraum: lebt im offenen Gewässer in grossen Schwärmen  •  Lieblingsspeise: mag Insekten, Ameisen, Larven  •  Angelköder: Maden, Würmer, Kleininsekten  •  Nährwert / 100 g: 117 kcal, 488 kj, Eiweiss: 19,4 g  •  Besonderheit:   neugierig, furchtlos und zutraulich  •  Bestand: verletzlich

•  60–120 cm  •  20–40 kg  •  Mögliches Alter: bis 20 Jahre  •  Geschlechtsreife: 4 Jahre  •  Anzahl Schuppen auf Seitenlinie: 120–130  •  Lebensraum: Langdistanzschwimmer! Verbringt die Wachstumsphase im Meer, wandert zum Laichen zurück in den Fluss, in dem er geschlüpft ist.  •  Lieblingsspeise: Insektenlarven, Fische  •  Angelköder: Gummifische, Fliegen  •  Nährwert / 100 g: 188 kcal, 785 kj, Eiweiss: 20 g    •  Besonderheit: kann bis zu einem Meter hoch springen, um Hindernisse  zu bewältigen  •  Bestand: gilt seit den 1950er-Jahren als ausgestorben, Wiederansiedlungsprogramme sind im Gange

Nase

•  25–40 cm  •  0,3–1 kg  •  Mögliches Alter: 15–20 Jahre  •  Geschlechtsreife: 3–4 Jahre  •  Anzahl Schuppen auf Seitenlinie: 52–66  •  Lebensraum: fliessende Gewässer, selten See  •  Lieblingsspeise: mag vor allem Algen  •  Besonderheit: in der Schweiz ist die Nase   ganzjährig geschützt  •  Bestand: vom Aussterben bedroht

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TOURISMUS

V E RR E I S E N TOURISTICA — JÜRG SCHMID

DIE SCHÖNSTEN BERGSEEN

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Glückliche Fische Wo flinke Forellen gerne schwimmen Den Fischen ist es «vögeliwohl» in Schweizer Gewässern. Nicht nur des sauberen Wassers wegen, sondern weil sie auch meistens in Ruhe gelassen werden, hoch oben in den unzähligen Bergseen. Schliesslich ist unser Land nicht nur steinreich, sondern es ist auch das Wasserschloss Europas. Bei uns entspringen die wichtigsten Ströme des Eurolandes: Den Rhein zieht’s in die Nordsee, die Rhône landet im westlichen Mittelmeer, der Ticino speist Po und Adria. Und der Inn, vereint mit der Donau, mündet ins Schwarze Meer. Rekordverdächtig sind auch die kurzen Wege zu den seligmachenden Seen: Statistiker haben nämlich errechnet, dass man von jedem Ort in der Schweiz aus in maximal einer Viertelstunde eine Abkühlung vor Augen hat. Und wer etwas weiter fährt, der findet gar das grosse Glück: am Herzlisee, dem Lagh de Calvaresc im Calancatal. Nur schon seine «herzige» Form lässt romantische Herzen höher schlagen. Pünktlich zur Badesaison haben wir jene helvetischnatürlichen Nasszellen herausgefischt, wo nicht nur flinke Forellen und tolle Hechte am glücklichsten schwimmen. Jürg Schmid ist Direktor von Schweiz Tourismus. In der Rubrik Touristica zeigt der oberste Touristiker Knacknüsse und Lichtblicke aus der Schweizer Ferien- und Reiselandschaft auf. myswitzerland.ch

Kurz & knapp Selbstfahrendes Postauto Seit Kurzem fährt in Sitten ein autonomes Postauto durch die Altstadt. Noch ist der selbstfahrende Bus in einer Testphase, später könnte er abgelegene Regionen

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Sprung ins kühle Nass 1   BANNALPSEE Wo selbst Engel abheben: Der Bannalpsee im Engelbergertal ist von Oberrickenbach in Wolfenschiessen per Seilbahn gut erreichbar. Nach einem schönen Rundweg um den See folgt die Landung im siebten Badehimmel. bannalp.ch 2   GOLZERNSEE Fernab vom Fernverkehr: Zum kristallklaren Golzernsee im Strahlerparadies Maderanertal führt ein kleiner, naturbelassener Weg. Dort angekommen, wird am besten sogleich die Angelrute ausgeworfen – mit einem Patent ist das Fischen bis in den Herbst zugelassen. maderanertal.ch 3   LAC DE LA GRUYÈRE Insel der Glückseligkeit: Mitten im idyllischen Lac de la Gruyère liegt die winzige Ile d’Ogoz. Darauf streckt sich eine kleine Kapelle knapp über der Wasserfläche empor. Mit Pedalo, Ruder- oder Segelboot ein Katzensprung. la-gruyere.ch 4   LAC DE DERBORENCE Das Resultat zweier gewaltiger Bergstürze an den Diablerets: der wild-romantische Lac de Derborence im Tal der Lizerne. Da der See lange als verflucht galt, konnte sich hier die Natur ungehindert ausbreiten. Heute steht der Talkessel mit seiner seltenen Flora und Fauna unter Schutz. derborence.ch

befahren, die bisher vom öffentlichen Verkehr nicht bedient wurden. Die Fahrt ist kostenlos, Betrieb Di – So, je nach Wetter. Infos: postauto.ch/smartshuttle Lions Trail in Murten Die Schnitzeljagd durch Murten hat einen neuen Startposten beim Hotel Schiff erhalten. Wer die 15 Rätsel löst,

5   LAC DES BRENETS Grenzwertig: der Lac des Brenets & der Saut du Doubs – vier Kilometer lang und 200 Meter breit, eine «fliessende» Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Zu einem Höhepunkt zählt die Fahrt mit dem Kursschiff zum Wasserfall von 27 Metern Höhe. Auch Kanus oder Kajaks stehen zur Vermietung bereit oder es zappeln mit ein wenig Glück bald die besten Bachforellen an der Angel. neuchateltourisme.ch 6   LAC DES TAILLÈRES Ein heisser Tipp im Sibirien der Schweiz: Der Lac des Taillères, wunderbar eingebettet in eine geschützte Moorlandschaft und zu Fuss oder auf dem Velosattel zu erkunden. neuchateltourisme.ch 7   LAGH DE CALVARESC Eine Herzensangelegenheit: der Lagh de Calvaresc auf 2214 Metern über Meer im Calancatal – eine schöne Erfrischung nach diesem Aufstieg vorbei an Alpenrosenbüschen zum kleinen See. 8   LÄGH DA CAVLOC Am Ostufer liegt’s sich am schönsten: Der Lägh da Cavloc ob Maloja blickt wie auf dem Gemälde von Giacometti mit tiefblauen Augen und sich kräuselnden Lippen den Fischern entgegen, die hier geduldig Bachund Seeforellen fangen. Petri Heil! engadin.stmoritz.ch 

entdeckt einige unbekannte Orte. lionstrail.ch Bündner Geheimtipps «Aktiv-Kreativ Graubünden» heisst die neue Internetplattform, auf der man Geheimtipps im Bündnerland findet. Bronze giessen in Scuol oder jassen in Arosa – reinschauen lohnt sich! aktiv-kreativ-graubuenden.ch

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Hasel

Alter: 10 Jahre   g  •  Mögliches pen •  15–20 cm  •  100 •  Anzahl Schup re  Jah 3 fe: rei •  Geschlechts um: klare sra ben Le •  53  47– auf Seitenlinie: •  LieblingsFliessgewässer  sauerstoffreiche enlarven  ekt Ins , ton nk s Pla speise: tierische   •  Nährwert / se, Teig, Maden Kä er: köd t: gel An •    •  Besonderhei 4 kj, Eiweiss: 18 g 100 g: 115 kcal, 48 vorher ein ist d un Strömung Die Hasel liebt : nicht gefährdet mer  •  Bestand ragender Schwim


Bild — 1: Engelberg-Titlis Tourismus AG / 2: Albert Schmidmeister, as-digimage.ch / 3: Michael Rieder, michaelrieder.photography / 4: Jean-Pierre Fleury / 5: Vincent Bourrut / 6: zvg Schweiz Tourismus / 7: zvg Schweiz Tourismus / 8: Matteo Gaetani, 500px.com/matteophergaetani

TOURISMUS

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Abenteuer

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E R D E , F E U E R , LU F T & W A S S E R

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Geangelt

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Vogelperspektive

Raus!

Abtauchen mit Arielle & Fliegenfischen in Arosa

Für das Abenteuer draussen

Bergbahnfahrten bergen Erinnerungen FA M I L I E N A U S F LU G

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Schatzsuche

Ein Wochenende in der Aletsch Arena

WELLNESS

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Bild — Jessica Wirth  /  Karte — Bundesamt für Landestopografie

Auffrischen

Dschungel in Luzern & Oasen des Alltags

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Wohin ging Hanspeters letzte Fahrt?

Bild

MIKROABENTEUER

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Nanu, Kanu?

Mit Kanu auf Thur & Rhein

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ABENTEUER

E R D E , F E U E R , LU F T & W A S S E R

RAU S ! S I R V I VA L — K E V I N N O B S

A B TA U C H E N

Wie Arielle

Schuppen

Als Meerjungfrau im Schwimmbad abtauchen

Die jungen, saftigen Spitzen der Fichte werden nicht nur von Rehen gerne gegessen. Der Mensch sammelt die zitronenartig schmeckenden Triebe, um daraus leckere Limonaden und süsse Dessertsaucen zu zaubern oder sie dem Salat beizumischen. Dabei tut man vielerlei Gutes für den eigenen Körper: Nebst Vitamin C und Gerbstoffen enthalten die Nadeln auch ätherisches Öl. Dieses wirkt gegen Infektionen und hilft, verdünnt auf der Brust eingerieben, bei Atemwegserkrankungen. Die Fichte schützt sich mit ihren fischartigen Borkenschuppen vor Eindringlingen und ist mit dieser gräulich-rötlichen Rinde ausserdem gut von der Weisstanne zu unterscheiden. Obwohl angeblich ein Fichtenwald der Wohnort von der Hexe aus «Hänsel und Gretel» ist, lohnt es sich dennoch, den Talweg durchs Turtmanntal bis nach Gruben/Meiden zu gehen und sich auf die Atmosphäre des eher düsteren Waldes einzulassen. Zumindest für Verpflegung ist ja gesorgt. Kevin Nobs ist Autor. Sein Buch «Heilpflanzen an der Emme» erschien 2012 im ott Verlag. heilpflanzen-emme.ch Rezept für die süsse Fichtensprossensauce 100 g Fichtensprossen, 2 EL Rapsöl, 2 EL Waldhonig, 4 EL Wasser und eine Prise Salz im Mixer sehr fein pürieren. Die Sauce passt zu Früchten, Vanilleeis und Gebäck.

AKTIV

Petri Heil! Eins mit der Natur – beim Fliegenfischen Arosa – Erzählen Fliegenfischer von ihrem Hobby, erzählen sie oft darüber, wie es sich anfühlt, eins mit der Natur zu sein. Das

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Elegant unter Wasser: Meerjungfrauen.

Einst schwamm Arielle elegant über die Leinwand, den treusten Freund Fabius im Schlepptau, den schönen Prinzen in Aussicht. Und damit liess sie manches Mädchenherz höher schlagen. Einmal so schwimmen, tauchen, ja aussehen wie die schöne Meerjungfrau: Das wollten viele. Fast drei Jahrzehnte sind seither vergangen und der einst unerreichbar scheinende Mädchenwunsch ist in der Zwischenzeit

Fliegenfischen ist eine Methode in der Fischerei, bei der man nicht einfach Köder ins Wasser wirft und wartet, bis der Fisch anbeisst, sondern gezielt an die Stellen geht – und nach Möglichkeit selbst im Wasser steht –, an der man seine Beute vermutet, und dann die Schnur wirft. Fliegenfischer sagen: «Man muss das Wasser lesen können.» Dazu gehört beispielsweise die Analyse der Wetterlage, denn je nachdem sind andere Insekten unterwegs, an die man die eigenen Fliegen anpassen muss. Diese werden oftmals vom Fischer selbst hergestellt und

wahr geworden. «Mermaiding» heisst der Trend, der in den USA seinen Anfang nahm und nun auch in unsere Badis und Hallenbäder geschwappt ist. Das Prinzip dabei ist einfach: Flosse an, rein ins Wasser und sich im Wasser tummeln, wie das sonst nur Meerjungfrauen können. Mehrere Schulen in der Schweiz bieten inzwischen nebst Schnuppertagen verschiedene Kurse dafür an. Denn das Schwimmen als Nixe will gelernt sein, genauso die richtige Atemtechnik, um möglichst lange unter Wasser zu bleiben oder die verschiedenen Schwimmfiguren. Und während es für viele Mädchen ein für kurze Zeit wahrgewordener Traum ist, hat auch die Fitness-Industrie – und somit die Erwachsenen – die Vorzüge der Flossen entdeckt. Mermaiding trainiert die Kondition, stärkt die Koordination, Mermaiding ist der perfekte Workout. Denn mit der Flosse ins Wasser abzutauchen, heisst auch: abtauchen in eine andere Welt.

Schnupperkurse und Einsteigerkurse: bubble-swim.ch, atlantisswim.ch Meerjungfrauen-Schwimmschulen-Event am 28. August im Frei- und Hallenbad Bruggwiesen in Opfikon mit viel Unterwasser-Glamour: mjss.ch

Ruhe & Geduld: Fliegenfischen in atemberaubender Kulisse.

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Bild unten — zvg / Bild oben — Michael Alle

Wie Fichte schmeckt


E R D E , F E U E R , LU F T & W A S S E R

ABENTEUER

TIERISCH

Tausendsassa Dem Biber auf der Spur

Einst galten Biber als Fische. Das mag seltsam klingen. Im 15. Jahrhundert aber erklärte das Konstanzer Konzil den Biber offiziell zum Fisch – wegen seinem schuppigen Schwanz und weil er vorwiegend im Wasser lebt. Hauptgrund war wohl aber, dass sein Fleisch so während der Fastenzeit gegessen werden durfte. Die Fastenmahlzeit war so beliebt, dass sie dem Biber zum Verhängnis wurde – er wurde gejagt und verschwand Anfang des 19. Jahrhunderts aus vielen europäischen Ländern. In der Schweiz wurde der Biber zwischen 1958 und 1977 wiederangesiedelt. Heute schätzt man, dass rund 2800 Biber an den Schweizer Bächen, Flüssen und Seen leben. Davon profitieren auch viele andere Tier- und Pflanzenarten. Denn mit seinen Stau- und Grabarbeiten schafft er vielfältige Lebensräume. Der Biber selbst ist ein begnadeter Schwimmer und Taucher. Bis zu 15 Minuten kann er unter Wasser bleiben. Ein wahrer Meister ist er in der Baukunst. Damit der Eingang des Biberbaus immer unter der Wasseroberfläche ist, baut er einen Biberdamm. Eine Ingenieurleistung: Denn damit kann der Biber sogar den Pegelstand in einem Gewässer nach seinen Wunsch regulieren. Infos und Exkursionen zum Nager bei ProNatura: hallobiber.ch

Ein Vegetarier: Der Biber isst Kräuter und Rinde von Weidenästen.

Bild — Beat Hauenstein, Pro Natura

sind wahrlich kleine Kunstwerke. Wer die Anziehungskraft des Fliegenfischens noch nicht nachempfinden kann, dem sei empfohlen: ab ins Wasser und selbst ausprobieren.

3 Tipps KÜHLES BIER Fliegenfischen ist Geduldsund Genusssache.

Abenteuer pur, mit Reiten, Übernachten im Tipizelt und: Fliegenfischen. Alpenblick Arosa, alpenblick-arosa.ch

SONNENBRILLE Schutz vor der Sonne und einem versehentlichen Wurf der Fliege ins Auge.

Gewusst wie: Kurse rund ums Fliegenfischen: lernefliegenfischen.ch

FORELLE IM TIEFKÜHLER Man beobachtet das Tier lange. Manchmal so lange, dass man es nach dem Fang doch wieder ins Wasser lässt.

Was das Fliegenfischerherz begehrt: fishingproducts.ch

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ABENTEUER

MIKROABENTEUER

Nanu, Kanu?

Text – Michèle Fröhlich / Bild — Jessica Wirth

Auf der Thur. Ruhe breitet sich aus, nur die Vögel zwitschtern wild zwischen den Ufern hin und her. Ich sitze im Kanu, der Blick in die Weite gerichtet. Paddelschlag um Paddelschlag dem Ziel näher – wenn’s denn eines gibt. Andelfingen — Aus Knochen, Ästen und Häuten bauten sich Indianer und Inuit ihre Kanus. Heute werden sie neben Holz auch aus Plastik und Gummi hergestellt und wir kennen vor allem die Untergruppen Kanadier und Kajak. Obwohl die beiden unterschiedlich aussehen – der Kanadier ist oben offen und wird mit einem Stechpaddel kniend gesteuert, während das Kajak geschlossen ist und man sich sitzend mit Doppelpaddel fortbewegt –, erfüllen sie denselben Zweck: Sie werden als Fortbewerungsmittel und für die Jagd genutzt – früher wie heute. Wir setzen uns in eines, um unbekanntes Terrain zu entdecken und um auf die Jagd nach Abenteuern, Ruhe und Natur zu gehen. Eine Jagd, die ich nicht verpassen will!

09:00 — DIE ANKUNFT Schwimmbad Andelfingen im Zürcher Weinland: Hier soll die Jagd beginnen. Mit dem Kanu auf der Thur Richtung Flaach in den Rhein paddeln. Jony Frei und Cornelia Metz haben Schwimmwesten, Wassersäcke, Wasserschuhe, Paddel, Boote und Pumpe bereits feinsäuberlich auf dem Boden ausgelegt. «Du kannst gleich mit Pumpen beginnen», ruft Jony. Die Boote, Schlauchkanadier, die auch für wilde Gewässer geeignet sind, müssen zuerst aufgepumpt werden, das gehöre dazu. Jony und Cornelia arbeiten für «wasser-land», eine Firma, die sich den Abenteuern in der Natur verschrieben

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hat. Mein Notnagel sozusagen, denn eigentlich wollte ich mein eigenes Wasserfahrzeug bauen, ein Floss. Das Vorhaben musste frühzeitig abgebrochen werden – Gesetz und Vorschriften pfiffen mich zurück. Ob die beiden Abenteurer mich nun vom Kanu überzeugen können? Ich bleibe skeptisch und hoffe, dass ich wenigstens den Biber sehe, der hier ja rege vorkommen soll. Von der kühlen, frischen Luft am frühen Morgen ist mittlerweile nicht mehr viel zu spüren: 30 Grad, bewölkt, feucht, schwül. Der Schweiss tropft bei jedem Luftstoss, den ich ins Boot pumpe, noch ein bisschen mehr. Nach einer gefühlten Stunde – es waren höchstens zehn Minuten – wünsche ich mir einen Sprung ins kalte Nass herbei. Kaum fertig gedacht, habe ich die Schwimmweste umgebunden und das Paddel in der Hand. «Das Wetter zieht zu, wir dürfen keine Zeit verlieren», sagt Jony.

10:30 — DER EINSTIEG Nach ein paar Anweisungen geht’s die Böschung runter, leicht ist das Boot nicht. Morgen muss ich wieder mit dem Armtraining beginnen, denke ich, und schon ist Jony hinter den Büschen im Wasser verschwunden. «Nicht vergessen: Gegen den Flusslauf starten, dann dreht’s dich einfach», ruft er noch. Trotz geringer Tiefe und schwacher Strömung steigt nun doch die Nervosität. Wenn das Boot gleich zu Beginn kentert, wäre das

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Nemo — © Disney Pixar

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Wie auf dem Amazonas: Mit dem Kanu auf Thur und Rhein vorbei am Naturschutzgebiet Thurauen.

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einfach nur peinlich. Aber kein Abenteuer ohne Wagnis! Wie vorher gelernt, klettere ich ins Kanu – der peinliche Moment bleibt aus. Die Thur hat mich. Ich bin Teil des zweitgrössten Rheinzufluss mit einer Länge von gut 130 Kilometern. Die wenigsten Flüsse verändern sich so stark wie die Thur, weiss Jony. An heissen Tagen wie heute schlängelt sie sich träge zwischen den Kiesbänken hindurch. Bei Regen schwillt sie schnell an und wird zum reissenden Strom.

11:00 — DIE RUHE Das leise Rauschen des Flusses und das regelmässige Aufschlagen des Paddels im Wasser begleiten uns – meine Gedanken fliessen dahin. Paddel anheben, nach vorne lehnen, Paddel ins Wasser tauchen, zurückziehen, Paddel anheben ... «Wie meditieren», sagt Jony, als ich endlich auf gleicher Höhe ankomme. Er erzählt von seinen Touren in Neuseeland und Asien. Rafting ist seine Spezialität, den Rheinfall sei er noch nie hinunter, aber ähnlich starke Wildwasser im Ausland. Verrückt, denke ich. Unvergesslich, sagt er und paddelt lässig wieder ein paar Meter voraus. Er, der Theologie studierte und Pfarrer werden wollte, so wie sein Vater und seine Schwester, es sich dann aber doch anders überlegt hat, weil er sich dem Buddhismus näher fühlte, und nun als Coach für Wasserabenteuer arbeitet. Würde er sein eigenes Tempo paddeln, hätte ich keine Chance: Während ich fünf Paddelschläge brauche, schafft er dieselbe Strecke in zwei – und das erst noch mit einem Stechpaddel. Ich habe ein Doppelpaddel, weil’s einfacher ist. Der Ehrgeiz packt mich – wäre ja gelacht, wenn ich das nicht auch könnte. Ich soll’s versuchen, meint er. Nach fünf Runden um die eigene Achse und Strandung auf der Kiesbank gebe ich auf. Doch kein verstecktes Naturtalent.

12:00 — DIE THURAUEN Wie auf einem Förderband werden wir vom Wasser langsam vorwärts getragen. Grösseren Steinen und Brückenpfeilern weichen wir ohne Mühe aus, bei diesem geringen Wasserstand bergen sie keine Gefahr. Je näher wir der Einmündung zum Rhein kommen, desto lauter wird das Singen der Vögel, wilder der Flusslauf, grüner die Natur. «Die Thurauen», sagt Jony. Das Naturschutzgebiet erstreckt sich über fast 400 Hektaren auf beiden Uferseiten, vom Eggrank bis zum Thurspitz. Seit 2008 wird die Thur renaturiert, damit neue Lebensräume für Biber, Eisvögel, Orchideen und weitere bedrohte und geschützte Tier- und Pflanzenarten entstehen. Über 90 Prozent aller Auenlandschaften in der Schweiz sind durch Begradigungen verloren gegangen. Auch an der Thur wurde seit 1876 in die Natur eingegriffen, nun erhält sie ihr natürliches Flussbett zurück. Der Unterschied ist bemerkenswert. Während der Fluss vorher noch geradeaus verlief und die Ufer eher karg ge-

staltet waren, ist es nun, als ob wir durch den Amazonas paddeln würden. Vergebens halte ich nach dem Biber Ausschau, der wird bei Dämmerung aktiv, gibt Jony zu verstehen. Ich hoffe weiter – und plötzlich sind sie überall: keine Biber, aber Fische, Bachforellen, sogar richtig grosse. Das perfekte Mittagessen! Aber sie sind flinker als unsere Paddel – Glück gehabt, der Fisch.

13:00 — DAS PICKNICK Vor uns endet die Thur und fliesst in den Rhein. «Jetzt wird’s schneller», sagt Jony. Und tatsächlich, als wären wir vorher an Ort und Stelle gestanden, zieht uns der Rhein ungefähr zwanzig Mal schneller flussabwärts. Jony warnt noch: «Bleib am linken Ufer, damit du die Ausstiegsstelle nicht verpasst.» Verstanden. Und dann doch fast vorbei geschwebt, auf meiner Wolke über dem Fluss. Vergass, dass ich schon lange Hunger habe und wie heiss es eigentlich ist. Aus der Traumblase zurück in die Realität geworfen, werde ich von der unerträglichen Hitze erdrückt. Gewitterwolken breiten sich aus. Wir ignorieren sie gekonnt und entfachen stattdessen beim Picknickplatz der Schweizer Familie ein Feuer.

14:00 — DER ABBRUCH Die Wolken haben sich verdichtet, es riecht nach Regen und der Wind beginnt bedrohlich die Blätter der Bäume aufzustellen. Eines liegt aber noch drin: Das Naturschutzgebiet an Land zu entdecken – und vor allem den Biberturm, schliesslich hoffe ich noch immer. Doch statt dem Biber empfängt uns eine Armee von Mücken. Alles Fuchteln mit den Armen nützt da nichts mehr. Zu Hunderten sitzen sie überall, als ob sie tagelang kein frisches Blut abgezapft hätten. «Das habe ich noch nie erlebt», sagt Jony, und er muss es ja wissen. Unsere Schritte werden schneller, von der unglaublich schönen, wilden Natur sind wir zwar beeindruckt, aber durch die unangenehmen Wegbegleiter ist von Genuss keine Rede. Nach einer gefühlten Ewigkeit steht der Turm vor uns – ein kurzer Lichtblick. Doch der Biber hält sich weiterhin versteckt, leider – und uns zieht es schnell weiter, da bereits die ersten Tropfen vom Himmel fallen. Das Abenteuer nimmt ein abruptes Ende. Ich bin müde und verstochen – aber zufrieden, und zwar richtig. Meine anfängliche Skepsis ist einem Gefühl gewichen, als ob ich eine Woche in den Ferien gewesen wäre. Das Wasser beruhigte, die Gedanken waren sortiert. Und obwohl auch sie in Erinnerung beiben, diese verdammten Mücken: Ohne sie wäre es ja kein Abenteuer. Michèle Fröhlich ist transhelvetische Redakteurin und ihre Mückenstiche haben sich nun in blaue Flecken verwandelt. Jessica Wirth ist Fotografin aus Zürich. Sie schiesst ihre Bilder nicht nur auf dem Fluss, sondern auch als «Jessica Wirth Bild & Text» an Land – meistens ohne Mücken. jessicawirth.ch

Gründling

•  10–15 cm  •  100 g  •  Mögliches Alter: 8 Jahre  •  Geschlechtsreife:   2 Jahre  •  Anzahl Schuppen auf Seitenlinie : 40 –45  •  Lebensraum: liebt ruhig e Abschnitte in Fliessgewässern  •  Lieblingsspeise: Insekten, Larve n  •  Angelköder: Maden, Würmer  •  Besonderheit: oftmals Köderfisch für Raubfische  •  Bestand: nicht gefäh rdet

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Auf und neben dem Fluss DIE THURAUEN Die Vielfalt des grössten Auengebiets im Mittelland entdecken: im Naturzentrum oder auf dem Erlebnispfad Thurauen, bis 23. Okt, Mi – Sa 13 – 17 h, So & Feiertage 11 – 17 h, Steubisallmend 3, Flaach. naturzentrum-thurauen.ch DIE ÜBERNACHTUNG Wer frühmorgens auf den Fluss will oder am Abend noch nicht nach Hause fahren möchte, der findet bestimmt ein Plätzchen auf dem Camping Flaach am Rhein, bis 9. Okt, 9.30 – 11.30 h & 14 – 18 h, Steubisallmend 741, Flaach. tcs.ch DIE ABENTEURER Wer sich nicht alleine traut, kein Material hat oder einfach, weil es in der Gruppe mehr Spass macht, geht mit «wasser-land» auf den Fluss. Und da kann auch zwischen Kanu, Schlauchboot, Rafting und Floss gewählt oder gar ein Boot gebaut werden. wasser-land.ch

DIE VERPFLEGUNG Eine offizielle Feuerstelle befindet sich beim Picknickplatz der Schweizer Familie kurz nach dem die Thur in den Rhein fliesst. Wo es nicht verboten ist, kann auch auf einer Kiesbank ein Feuer entfacht werden. Und das Fleisch für den Grill wird vorher bei der Metzgerei Boos gekauft, Mo – Fr 8 – 12 h & 15 – 18.30 h, Sa 7.30 – 15 h, Mi geschlossen, Wesenplatz 6, Flaach. Die Winti-Wurst ist zu empfehlen! AUF DEM RHEIN Wer noch mehr vom Rhein sehen möchte, dem empfiehlt sich eine Fahrt ab dem Kraftwerk Rheinfelden oder von der neu angelegten Rheintreppe im Stadtpark Ost. Man paddelt vorbei am Fischerei-Galgen und dem höchstgelegenen Frachthafen am Rhein und an der 100 Jahre alten Rheinbrücke und legt auf dem «Inseli» eine Pause ein. Nach der Aussicht auf den kleinen Wasserfall Warmbach geht die neun Kilometer lange Fahrt im Strandbad Kaiseraugst zu Ende. rheinfelden.ch

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Geangelt Bild — Nadia Neuhaus

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1 — Silbriggraue Lachsforelle aus der Migros. migros.ch 2 — Der Sonnenschirm Siena von Derby sorgt für ein lauschiges Schattenplätzchen, sFr. 39.95. bauundhobby.ch 3 — Der Brändi Grill ist der perfekte Begleiter. Bei einem Zwischenhalt in den Boden geschlagen, brutzeln damit bald Würstchen und Tofuburger, sFr. 49.90. transa.ch

5 — Mit einem der knallig bunten Wickelfische von Tourismus Rheinfelden darf alles mit ins Wasser! sFr. 25.— (gr.), sFr. 20.— (kl.). tourismusrheinfelden.ch 6 — Ein äusserst stylischer Sonnenschutz ist der Chambray Camper Hat Navy von Rothirsch, sFr. 38.—. rothirsch.com 7 — Das Design der Frauen-Flip-Flops Ono von Olukai wurde Fischflossen nachempfunden, sFr. 89.90. transa.ch 8 — Der Wassersportschuh Reef von Cressi macht am liebsten Tauchgänge an felsigen Stränden, sFr. 19.90. transa.ch

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10 — Mit den PalauFlossen an den Füssen und dem Marea VIP Set mit Schnorchel & Brille an Mund und Augen, beides von Cressi, verwandelt man sich – schwups – in einen Fisch! sFr. 38.90 / sFr. 59.90. transa.ch 11 — Bald zappelt der Fisch im Netz des Klappfeumers Abu Garcia. Oder er hängt an der Spinnrute MK Adventure Vertikal Stöckchen mit ihrer Rolle MK Adventure Spin FD, alles von Balzer, sFr. 39.—, sFr. 149.—, sFr. 109.—. fischen.ch 12 — Rothirsch widmet eine Hommage an die Ananas, die Königin der Früchte. Darum ziehen wir uns Pineapple Swim Shorts oder den Pineapple Bikini an, legen das Pineapple Towel Blue aus und machen es uns auf dem Pineapple Float gemütlich, alles sFr. 48.—, Float sFr. 98.—. rothirsch.com

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13 — Ab in die Sonne mit der Sportsonnenbrille matic von Adidas auf der Nase, sFr. 124.90. transa.ch 14 — Mit der Schwimmweste Vista von NRS auf Nummer sicher gehen, sFr. 89.—. paddlershop.ch 15 — Im Gummikanu Adventure Expedition von Grabner durch wilde Gewässer! sFr. 1600.—, auch Occasions-Modelle erhältlich. grabner.com

4 — Der GummibootFührer aus dem Werd Verlag lotst zu den schönsten Flüssen der Schweiz, sFr. 39.90. werdverlag.ch

9 — Ein Muss an abenteuerreichen Sommertagen und -nächten: Der Anti-MosquitoSpray von Incognito und die Sonnencrème Extreme SPF50+ von Ultrasun, sFr. 15.90 und sFr. 39.90. transa.ch

16 — Erst die Outfitter Paddle von Carlisle machen zur Flussfahrt bereit, sFr. 62.—. paddlershop.ch 17 — Auf dem GymBag Fische von WWF gucken die Flossenträger neugierig umher. Nebenbei hilft der Kauf des Beutels der Natur, sFr. 29.90. shop.wwf.ch

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Auf dem Chäserrugg mit seiner neuen Bergstation angekommen: Die Wanderung mit Weitsicht kann beginnen.

Vogelperspektive Die Fahrt mit einer Bergbahn birgt viele Erinnerungen

Bild — zvg

Text — Stephanie Elmer

«Eine richtige Wanderung braucht eine Fahrt mit dem Bähnli», pflegte Grossvater zu sagen. «Das Bähnli», wie er Bergseilbahnen liebevoll nannte, vereinte für den pensionierten Ingenieur und leidenschaftlichen Bergler viele Faszinationen: die technischen Raffinessen, das Ankommen in der Bergwelt – ja, sogar ein kurzer Moment des Schwebens, frei in der Luft, wie ein Vogel. Bis heute sind an den Kauf eines «Bähnli-Billettes» auch immer schwebende Geschichten von Grossvater gebunden. Wie staunte der Grossvater bei der Fahrt mit der neuen, modernen Titlis Xpress Bahn von Engelberg nach Trübsee. Und die Geschichte von der ersten Personenseilbahn in der Schweiz wurde unser Begleiter während der fünfstündigen Vier-Seen-Wanderung. «Das war 1866 in Schaffhausen. Aber die war nicht für die Öffentlichkeit zugänglich», sagte er, während sein liebevoll rastloser Blick über den ruhenden, tiefblauen Melchsee schweifte. «Die erste öffentliche Bergbahn kam 1908, war eine Schwebebahn und führte von Grindelwald aufs Wetterhorn.» Gross waren die Augen auch bei der Fahrt von Unterwasser auf den Chäserrugg gewe-

sen – eine Fahrt hinauf ins Blaue, zur neuen Bergstation, die von den weltberühmten Architekten Herzog & de Meuron gestaltet wurde und sich schlicht und edel in die erhabene Berglandschaft schmiegt. Eine Panoramasicht auf 500 Gipfel in sechs Länder eröffnet sich von da und beflügelte Grossvaters Ehrfurcht. «Wie sind wir klein, hier oben, in dieser wunderbaren Welt aus Fels», hörte ich ihn leise flüstern. Und wenn die Seilbahn von Miglieglia in zehn Minuten auf den Monte Lema fuhr und den Blick aufs Tessin wie auf eine grosse Bühne offenbarte, schwärmte er: «Diese Technik, das muss man sich mal vorstellen, was es dazu braucht. 849 Meter Höhenunterschied in zehn Minuten – verrückt!» Dann schüttelte er den Kopf, nahm den Wanderstock in die grossen Hände und begann die Voralpenquerung Richtung Tamaro. Und als der historische Passübergang von Sunnbüel im Berner Oberland zum Gemmipass im Wallis, durch die hochalpine Kulisse, vorbei am sanft eingebetteten Taubensee, von der Sunnbüel-Luftseilbahn und der Gemmibahn in einen schwebenden Rahmen gepackt wurde, erzählte Gross-

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vater vergnügt von seiner ersten Fahrt in einem roten Bähnli. Wohin sie führte? Das weiss er nicht mehr so genau. Einfach Richtung Himmel. Und während die Landschaft unten kleiner und kleiner wurde, drückte er die Nase fest gegen die Fensterscheibe.

WANDERN MIT WEITBLICK Viele Wege führen beim Wandern hin und zurück und rauf und runter – am besten mit dem öffentlichen Verkehr und den aktuellen Vergünstigungen von SBB RailAway. sbb.ch/wandern Wandergenuss auf dem Chäserrugg: sbb.ch/wandergenuss-chaeserrugg Vier-Seen-Wanderung Engelberg – Trübsee: sbb.ch/vier-seen-wanderung Voralpenquerung Tamaro – Lema: sbb.ch/montetamaro Wanderung über den Gemmipass: sbb.ch/wanderung-gemmipass

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Schatzsuche Ein Wochenende in der Aletsch Arena Text – Michèle Fröhlich / Illustration — CinCin

1. Start mit der Luftseilbahn Von Fiesch aus beginnt das Wochenende. Im Tages-Wanderpass Aletsch Plus sind alle Bahnen inbegriffen, ab sFr. 20.—. aletscharena.ch/wanderpass

2. View Points Ein Blick auf den längsten Gletscher der Alpen lohnt sich. Mit der Luftseilbahn von der Fiescheralp aufs Eggishorn (View Point) gondeln und die Aussicht geniessen. Zwei weitere View Points gibt es auf dem Bettmerhorn und der Moosfluh.

3. Bättmer-Hitta & Schatzsuche Eine Käseschnitte Walliser Art oder hausgemachte Spätzli probieren und nach der Stärkung auf die Suche nach dem transhelvetischen Geocache «TH Fisch» gehen. Infos zum Standpunkt: geocaching.com

4. Murmeltiere entdecken War da ein Pfiff? Bestimmt! Denn Murmeltiere gibt’s hier einige. Mehr über die Nager erfahren auf dem Murmeltierpfad von Wurzenbord auf die Bettmeralp oder mit der Sesselbahn eine Abkürzung nehmen.

5. Übernachten auf der Bettmeralp In einem der zehn Hotels oder einer Ferienwohnung übernachten. Und vorher mit dem Maskottchen Gletschi in den kühlen Bettmersee springen oder nur die Füsse baden.

6. Vergnügen unterwegs Am nächsten Tag weiterwandern zum Spielplatz «Hobbyland» oder Funpark auf der Riederalp – und mit einem Devilkart den Berg heruntersausen. Wer noch keine Lust auf Wandern hat: auf zur rasanten Trottifahrt nach Betten Dorf (40 Min.)! 7. Picknick und Heimweg Schöne Picknickplätze sind auf der ganzen Strecke verteilt, die Wurst kann bei der Grillstelle beim Alpmuseum Riederalp gebrätelt werden. Nach Hause geht’s von Mörel mit dem Zug.

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Märchen & Basteltipp auf der nächsten Seite.

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Gogwärgiweg & Klangweg Wer einen Tag früher anreist: Von Lax nach Fieschertal führt der Gogwärgiweg mit Holz-Zwergen, 2 Std. Zurück nach Fiesch geht es auf dem Klangweg, wo kuriose Instrumente ausprobiert werden können, ¾ Std.

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Die alte Spinnerin Text ausgewählt und bearbeitet von Susanne Christian

Im Aletschgebiet nahe beim Gletscher stand einst ein von Wind und Wetter dunkel gegerbtes Holzhäuschen, wo viele Jahre die Altschmidja wohnte, eine fromme alte Witwe. Sie sorgte sich sehr um die armen Seelen, die so zahllos im ewigen Eis büssen. Wenn die Alte an langen Winterabenden beim Schein ihres Öllämpchens emsig spann, betete sie viel für sie. Rückte sie dann ihr Spinnrad näher zum warmen Ofen, dachte sie an diese Ärmsten, die draussen in Frost und Finsternis bleiben mussten. Nachts liess sie die Haustüre immer nur angelehnt, damit sie in die geheizte Stube kommen und sich wärmen konnten. Doch durften sie erst eintreten, wenn sie es erlaubte und die armen Seelen dazu aufforderte. Bevor sie also zu Bett ging, öffnete sie ein Fensterflügelchen und rief leise hinaus: «Jetzt – aber meines Friedens unbeschadet!» – legte noch etwas Holz ins Feuer und liess das Licht sorglich brennen, damit die Geister auch etwas Wärme bekämen. Darauf öffneten sich die Türen sachte wie von einem kühlen Luftzug. Das Trippeln unzähliger blosser Füsse folgte. Gegen Morgen, wenn Altschmidja um die Zeit des Betläutens aufwachte, zog das gleiche Geräusch drüben hinaus. Einmal blieb die Witwe länger als gewöhnlich auf und spann noch eifrig. Es war eine schaurig kalte Nacht. Da pochten leise Finger ans Fenster und es rief draussen: «Hui, wie kalt! D’Altschmidja spinnt noch!» – «Ja, ich weiss wohl, dass ihr wartet», gab sie zur Antwort, «ich will nur dies Löckchen Werg noch abspinnen.» Aber es dauerte nicht lange, so klirrten die Scheiben ordentlich und das Rufen wurde lauter. Da erwiderte sie ungeduldig: «Wenn ihr denn nicht warten mögt, bis ich fertig bin, so kommt herein!» Sie vergass diesmal beizufügen: «Ohne mich zu belästigen!» Jetzt sprangen die Türen wie von einem starken Windstoss auf, ein eiliges Wogen von Unsichtbaren erfüllte das Haus, und das Herumrauschen in Gang und Gemach wollte kein Ende nehmen. Es wurde Altschmidja angst und bang so eingepfercht, und doch konnte sie keinen Schritt vom Spinnrad wegrücken. «Das ist nun meine Strafe», dachte sie. «Warum habe ich die armen Seelen so lang in der Kälte warten lassen!» Künftig wollte sie gewiss barmherziger und vorsichtiger sein. Als nach Jahr und Tag Altschmidja eines Winterabends in den letzten Zügen lag, fragten die beiden Krankenpfleger einander: «Was werden wohl die armen Seelen sagen, wenn ihre Freundin nicht mehr da ist?» Die Sterbende machte noch ein Zeichen, liess dann die Hand auf die Decke fallen und tat den letzten Seufzer. Im gleichen Augenblick drang von draussen eines starke Helle herein, und als die zwei Pfleger an die Scheiben traten, sahen sie eine Prozession brennender Lichtlein, die vom Haus weg bis zum Gletscher hinüber flackerten. «Das sind die armen Seelen», flüsterten die beiden, «mit all den Nachtlichtern, welche die Verstorbene für sie hat brennen lassen. Jetzt begleiten sie ihre Freundin über den Gletscher.» Susanne Christian ist reisende Märchenerzählerin, die gerne unterwegs ist, sei es in der Schweiz oder im Ausland. Quelle: Schweizer Sagen von Arnold Büchli, Sauerländer AG, Aarau Das Märchen «Die alte Spinnerin» ist Teil des «Schweizer Märchenschatz». Mit diesem Projekt unterstützt die Mutabor Märchenstiftung den Erhalt der Schweizer Märchen- und Erzählkultur. Es steht unter dem Patronat der Schweizerischen UNESCO-Kommission. schweizermaerchenschatz.ch

Altschmidja — In der Ausstellung «Gletscherwelt Bettmerhorn» auf dem View Point Bettmerhorn entdecken, Eintritt kostenlos.

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Längster Gletscher im Familiengebiet

Der Grosse Aletschgletscher ist 23 Kilometer lang und damit der längste Eisstrom der Alpen. Er ist über 80 Quadratkilometer gross, was etwa 12 000 Fussballfeldern entspricht, und seine dickste Stelle am Konkordiaplatz – hier fände die Stadt Chur Platz – misst 900 Meter. Eine unglaubliche Gletschermasse kommt hier zusammen, die von der UNESCO 2001 als Welterbe ausgezeichnet wurde. Doch nicht genug: Die Aletsch Arena erhielt vom Schweizer Tourismus-Verband kürzlich gleich

noch eine Auszeichnung für die Familienfreundlichkeit. Kein Wunder! Ob sich im Seilpark von Baum zum Baum zu angeln, ein paar wilde Sprünge in der Hüpfburg auszuprobieren oder Kräutersalben selber herstellen – Kindern wird es hier bestimmt nie langweilig. Und wer mit Kinderwagen anreist, der darf sich auf einige Spaziergänge oder gar anspruchsvolle Wanderungen freuen, denn gleich 16 Wege wurden für fahrbare Untersätze ausgebaut. Kinderparadies — In der Aletsch Arena gibt es vieles zu entdecken, beispielsweise eine Expedition ins ewige Eis. Voraussetzungen: Wanderschuhe, Sonnenschutz, warme Jacke, Verpflegung, Ausdauer für sechs Stunden, Mindestalter von 6 Jahren – und das Gletschererlebnis kann beginnen. aletscharena.ch/familien

Kleiner Held im ewigen Eis Es ist kalt, windet stark, schneit häufig und die Nahrung kann auch mal knapp werden im Gebirge. Die tierischen Bewohner dort oben haben sich der Natur angepasst. Murmeltiere verziehen sich im Winter für einen längeren Schlaf in ihre Höhlen und Steinböcke und Gämsen fressen sich ein Fettpolster an. Nur einer, der bleibt das ganze Jahr wach und liebt es, je kälter die Temperaturen sind: Der gerade mal zwei Millimeter grosse Gletscherfloh ist im Eis zuhause. Ein wahrer Held muss das sein, wer diese Kälte aushält, das fand auch die Aletsch Arena und machte ihn kurzerhand zum Maskottchen der Region: Gletschi führt die Kinder an die schönsten Plätze seines Lebensraums und hat spannen-

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de Geschichten zu erzählen, zum Beispiel wieso er ein kuschliges, eisblaues Fell hat und nicht dunkelfarbig ist, so wie seine Artgenossen. Gletschi — Animationsprogramm mit dem Maskottchen auf der Riederalp, Bettmeralp und in Fiesch-Eggishorn. aletscharena.ch/gletschi


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Pfeifen wie die Murmeltiere Text — Annette Gröbly

Murmeltiere pfeifen, um ihre Artgenossen vor dem grössten Feind, dem Steinadler, zu warnen. Ein schriller Pfiff – und blitzschnell sind sie alle im unterirdischen Bau verschwunden, bis die Gefahr vorbei geflogen ist. Einen solchen Pfiff wollen wir auch können, nicht um die Murmeltiere zu verscheuchen, sondern um beispielsweise mit anderen in einer Art Geheimsprache zu kommunizieren oder einfach, weil es rich-

tig Spass macht. Und das Beste: Die Pfeife kann selber aus Papier gebastelt werden. Die oben abgebildete Schablone ausschneiden oder von Hand reissen. Das Papier an den gestrichelten Linien falten, der mittlere Falz auf die andere Seite klappen als die beiden Laschen aussen. Die Raute in der Mitte ausschneiden, damit ein Loch entsteht. Die beiden Laschen mit den Fingern zusammen pressen, Papierpfeife an die Lippen hal-

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ten, pusten – und pfeift’s schon? Eines sei noch gesagt: Ganz einfach ist es nicht, aber Übung macht den Meister. Wir haben’s ausprobiert und es funktioniert! Wer wohl den schönsten Murmeli-Pfiff hinkriegt? Tipp von Annette Gröbly. Sie ist die Herausgeberin von Kiludo, dem digitalen Kreativmagazin für Kinder. Anleitung und Bastelbogen herunterladen: kiludo.ch/transhelvetica

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WELLNESS

ABENTEUER

AU F F RI SCH E N PFLANZENREICH

Ö KO LO G I S C H

Grüne Oase: Pflanzen zum Mitnehmen in Luzern.

PflanzBar

die zum Entdecken und Verweilen lädt, findet sich noch bis Oktober neben dem Naturhistorischen Museum Luzern. Dort hat sich die Stadtgärtnerei im Rahmen der schweizweiten Kampagne «Gartenjahr 2016 – Raum für Begegnung» etwas Besonderes einfallen lassen: die PflanzBar. Eine Freiluftausstellung, die zugleich Installation ist und die sich pflücken und essen lässt. In grossen Holztöpfen hat die Gärtnerei verschiedene Pflanzen gesetzt – heimische, wie auch exotische –, Infos dazu bereitgestellt und fordert die Passanten gleich auf, mitzunehmen, was die Gärten auf Zeit bereithalten.

Grüner Dschungel in der Stadt

Bild oben — zvg / Illustration — Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek: KGBH 162:5, Tafel 311.

Luzern – Da wächst ein Bananenbaum, mitten in der Stadt Luzern. Es riecht nach frischen Kräutern,

das Auge erfreut sich an den verschiedensten Variationen von sattem Grün. Eine sommerliche, etwas surreale Szene,

PflanzBar in Luzern, noch bis Mitte Oktober. GeniessBar am 3. Sep, 10 – 20 h, DankBar am 14. Okt, 16 – 20 h. naturmuseum.ch, gartenjahr2016.ch

ERLEBNIS SAISONAL

Apfelminze Saison Juni bis September.

Pflanze 50 bis 100 cm hohe Pflanze. Der Stängel ist weichhaarigzottig.

Geschichte Die Minze war bereits bei den Ägyptern und den alten Griechen bekannt.

Standort Bevorzugt sonnigfeuchte Plätze auf Wiesen & Weiden.

Essen & Trinken In Salaten, Desserts, Cocktails oder Tees, wie der Smoo’tea von Biotta mit Aprikosen aus dem Wallis. Die perfekte SommerErfrischung! biotta.ch

Inhaltsstoffe Enthält kein Menthol und kann dadurch von stillenden Frauen gegessen werden. Heilkraft Wirkt krampflösend, kühlend und schmerzlindernd. Ausserdem hilft sie gegen Übelkeit, belebt das Herz und beruhigt das Gehirn.

Gattung Gehört zur Familie der Minzen. Die Familie zählt mehr als 600 Arten.

Tipp Auf dem Hof Al Canton im Puschlav wird sie angebaut und als Tee verkauft. al-canton.ch

3 Oasen des Alltags Oase der Bäder Seit über 2000 Jahren werden die Thermalquellen von Baden zu Heilzwecken genutzt. Rundgang durch das historische Bädergebiet in Baden, 11. Sep, 11 h. Oase auf der Insel Lesungen, Vorträge und Spaziergänge im Barockpavillon auf der St. Peterinsel in Erlach, 10. & 11. Sep, viermal tägl.

Fische auf dem Dach Wenn Gemüse das Wasser für die Fische reinigt Basel – In einer Reihe wachsen grüne Büschel Nüsslisalat und Kresse, dazwischen leuchten Farbtupfer von Tomaten und Paprika. Und das Spezielle daran? Neigt man den Kopf ein wenig, wird unter den Pflanzenschalen ein Wasserbecken sichtbar, in dem sich Fische tummeln, genauer Tilapia-Buntbarsche! Auf dem Dach des Lokdepots im Basler Dreispitz hat sich «UrbanFarmers», die erste kommerzielle Aquaponic-Farm, einquartiert. Die Idee ist einfach: Das verunreinigte Wasser der Barsche wird zu den Pflanzen nach oben gepumpt, die es – ganz ihrer Natur entsprechend – filtern und reinigen. Von dort gelangt das Frischwasser wieder zu den Flossenträgern. Die SymbioseHaltung muss auf Dauer ökonomisch bestehen. Im Jahr werden rund fünf Tonnen Gemüse und 850 Kilogramm Fisch produziert. Die Kost wird dann per E-Bike mit Kühler an die Basler Gastronomen Schmatz, Schiffershaus oder den Platanenhof geradelt, wo sie in Nullkommanichts auf den Tellern liegt.

Oase der Stille Die Kathedrale in Chur ist die Hauptkirche eines der ältesten Bistümer der Schweiz, Führung, 10. Sep, 12.15 h.

Aquaponic-Fischfarm «Urban Farmers» in Basel besuchen, Aug – Okt & Jan – Feb, Anmeldung erforderlich. urbanfarmers.com

Diese und weitere Oasen an den Europäischen Tagen des Denkmals zum Thema «Oasen» besuchen, 10. – 11. Sep 2016. nike-kultur.ch

Die unkonventionellen Stadtführungen von «localholic» in Basel besuchen und mehr über die Fischfarm auf dem Dach erfahren. localholic.ch

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Es war Hanspeters letzte Fahrt. Nach 32 Dienstjahren. Und das Einzige, was er sich wünschte für diesen Tag, war der 12er. Seine Lieblingslinie. Wegen der einen Stelle, kurz vor der Endstation, am Stadtrand, wo die Strasse die letzten Häuser verliess und über eine Hügelkuppe führte. Und zuoberst auf der Hügelkuppe, bei guter Sicht, tauchten am Horizont die Berge auf. Wie eine Theaterkulisse. Wie eine Verheissung. Wie ein blaues Wunder. Sieben Mal in einer Schicht sah Hanspeter das blaue Wunder. Und sieben Mal standen ihm die Nackenhaare auf. An der Endstation war eine Wendeschlaufe, für den Bus. Geradeaus führte ein Feldweg. Schnurgerade Richtung Berge. Einmal, dachte Hanspeter, wenn er in die Schlaufe fuhr, einmal, da müsste man weiterfahren. Ins Blaue. Bis die Strasse nicht mehr weitergeht. Seine allerletzte Schicht ging bis nachmittags um vier. Dann übernahm Werner den 12er. Hanspeter fuhr die Hügelkuppe hoch. Und da waren sie wieder, die Berge. In der Nachmittagssonne. Hanspeter schaute im Spiegel über ihm, wer alles im Bus sass. Drei Leute: Ein Teenager mit den Augen am Handy, eine junge Frau mit den Augen in einer Gratiszeitung und die Alte, die fast nichts mehr sah, die tagelang Runden fuhr. Ein Lächeln huschte über Hanspeters Gesicht. Er bog in die Schlaufe ein, streckte den Rücken durch, was den hydraulischen Sitz ein wenig ins Wippen brachte, und fuhr geradeaus. Ein Rumpeln ging durch den Gelenkbus, als er auf den Feldweg fuhr. Dann einfach weiter, Richtung Horizont. Die drei Fahrgäste merkten nichts. Ab und zu gab Hanspeter eine erfundene Haltestelle durch. «Waldrand», brummelte er ins Mikrofon, «Sonnenbühl», «Luegisland». Drei Stunden später fuhr er durch Spiez, zweigte rechts ab, durchquerte Frutigen, immer weiter das Tal hoch, Kandergrund, und dann, wie von selber, fuhr der Bus rechts hoch, bis die Strasse nicht mehr weiterging. «Endstation», brummelte Hanspeter, stellte den Motor ab und stieg aus. Stille. Ein Milan, hoch oben. Von Weitem Kuhgebimmel. Tief atmete er die Bergluft ein. Streckte sich, ging ein paar Schritte. Er kam zu einem See. Setzte sich ans Ufer. Schaute den Forellen zu, wie sie im glasklaren Wasser ihre Kreise zogen. Überlegte sich, ob die Fische auch Schichten haben, und Linien, die sie täglich schwimmen. Und ob es ein Wort gibt für die Farbe dieses Wassers. Und ob sie das jetzt war, seine Fahrt ins Blaue. Dann fuhr eine Hand auf seine Schulter nieder. «Dem sagt man also Ruhestand!» Werners Bassstimme. Hanspeter schreckte auf. «Na dann, geniess es, Hanspi! Und wenn du warten magst: Ich fahre bis Mitternacht, dann stossen wir an, im Sternen, auf deinen Letzten.» Sprach’s, stieg in den 12er, stellte den hydraulischen Sitz ein wenig höher, schaute in den Rückspiegel, drückte den Anlasser, schloss die Türen, gab Gas, drehte den Gelenkbus um die Schlaufe und fuhr davon. Die Alte sass noch immer im Bus. Die junge Frau und der Teenager waren längst in den Wohnblöcken am Stadtrand verschwunden. Hanspeter rieb sich übers Gesicht. Dann stand er von der Bank an der Endstation auf, ging bis zum Anfang des Feldweges und schaute lange und unbeweglich in Richtung Horizont.

Text — Ralf Schlatter  /  Bild — Nico Schaerer

Wer weiss, wohin Hanspeter den Bus steuerte, schreibt die Lösung an wozumteufel@ transhelvetica.ch und gewinnt mit etwas Glück ein Exemplar von Ralf Schlatters Erzählung «Maliaño». Die richtige Lösung von «Wo zum Teufel» #35 war Zugersee. Herzlichen Glückwunsch dem Gewinner Martin Hettinger aus Samedan.

Nico Schaerer ist Fotograf. Seine Bilder sind auch online erhältlich. printedition.ch, nicoschaerer.com

Ralf Schlatter ist Autor und Kabarettist. ralfschlatter.ch, schoenundgut.ch

Wohin ging Hanspeters letzte Fahrt?

auf Schuppen •  Anzahl ross2–3  Jahre  G e: n if ne re ts de ässer in Geschlech ingssende Gew 5 Jahre  •  ing n)  •  Liebl Bitterl g  •  Mögliches Alter: 4– ende oder langsam flies n die Eier darin ablege zungszeit sind an eh he st 60 pfl : bc aum der Fort •  9 cm  •  g, da Wei t •  Lebensr zung nöti gefährde t: Während ie: 34–38  nd: stark Fortpflan onderhei Seitenlin sind (Zur t.  •  Besta ven  •  Bes n rb ar de fä nl ge fin ke t zu kmüc partie ro muscheln nkton, Zuc ere Bauch isches Pla d die vord speise: tier , Brust un le eh K n nche beim Män

WO ZUM TEUFEL

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ABENTEUER

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I N H A LT

Inspiration «Fisch»

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Im Wasser

Gedicht von Franz Hohler

40 Fischliebhaber

Fischreiher vs. Fischotter

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Kühe auf der Weide, Fische im Bergbach

Fische aussetzen im Schwändital

46 Zugabe Abendrundfahrt mit Reeto von

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Lachsfarbige Insel im grünen Meer

Im Kloster Fischingen treffen Benediktiner-Gemeinschaft und Seminarhotel aufeinander

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Vor & Hinter der Kulisse

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Sammelsurium «Fisch»

Bild — Michel Roggo, roggo.ch  /  Karte — Bundesamt für Landestopografie

Gunten auf dem Thunersee

Fliegenfischerin Erna Honegger

Bild

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Land unter

Karpfen in einem renaturierten Altarm der Aare bei Belp

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Land unter Michel Roggo hat Einblick in eine Welt, an der wir ahnungslos vorbeigehen. Denn der 65-jährige Freiburger Fotograf hält seit über drei Jahrzehnten seine Kamera in jedes süsse Nass auf der Suche nach der perfekten Kompos­ition von Farbe, Licht und Form. Ein gemeinsamer Tauchgang. Text – Barbara Tänzler / Bild — Michel Roggo

Konferenz der Alet: Aufgenommen im Rhein, unterhalb des Rheinfalls.

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LAND UNTER

Hochzeitstanz? Äschen-Weibchen (hell) und Äschen-Männchen in der Aare.

Verborgene Welt: Laichgrund der Äschen in einem der Lacs de Fenêtre (Wallis).

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Leicht trüb und grau ist das Wasser im ersten Becken des Vivariums des Zolli Basel. «Ist das ein Atlantischer Stör?», fragt Michel Roggo verwundert. Der schlanke Fisch mit seinem elfenbeinfarbigen Rückenschild streckt uns sein langgezogenes Maul so stolz entgegen, als wolle er seine Seltenheit untermalen. Sein Auftritt ist kurz. Der korpulente Flusswels macht ihm die Bühne streitig. Michel Roggo, Ur-Freiburger, Lehrer für Mathematik, ist 30 Jahre alt, als ihm ein Kollege in einem Wald zum ersten Mal eine Kamera in die Hand drückt und ihn bittet, Rehe zu fotografieren. Dies gelingt Roggo mehr schlecht als recht, was vielleicht gerade deswegen der Zünder für eine grosse Leidenschaft ist. Michel Roggo versucht sich zuerst in Tierfotografie, im Süsswasser findet er jedoch seine Berufung. Innert zehn Jahren wird aus dem Dilettanten ein Profi. Mit Lachsbildern aus Alaska macht er sich einen Namen, erforscht mit seiner Kamera den Amazonas und schon bald publiziert

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Situationen manövriert – und irgendwie immer wieder hinausfindet, erzählt Roggo. Die Disney-Taschenbücher haben ihn jahrelang in die Welt begleitet. SPIEGLEIN, SPIEGLEIN … Vor uns ziehen Rotauge und Stichling gleichmütig Kreise. Michel Roggo zeigt zur Wasseroberfläche, die wie ein leuchtend grauer Spiegel auf dem Wasser liegt. Der Fotograf arbeitet oft mit dieser Spieglung, sucht im Wasser nach den Sonnenstrahlen, die an der Oberfläche brechen. Sie dringen durchs Wasser wie durch ein Kirchenfenster. Die Unterwasserwelt wird zur Kathedrale, in der die Fische zu leuchten beginnen. Das tiefblaue ­Ultramarin, das bleibt, wenn alles Rot, Orange, Gelb und Grün vom Licht absorbiert ist, wirkt magisch. Roggo ist ein Suchender nach der perfekten Komposition von Farbe, Licht und Form. Der Fisch wird dabei zum hübschen Gesellen, der sich gut in Szene setzen lässt. Wir stechen tiefer in die Wasserwelt des Vivariums

«Schnorcheln am Roten Meer? Furchtbar. Viel zu viele Eindrücke und leuchtende Fische. Wie ein Supermarkt.»

er seine Bilder in einschlägigen Magazinen wie «Mare», «Geo» oder «BBC Wildlife Magazine». Seither lässt ihn das Süsswasser nicht mehr los. In fliessenden Gewässern ist alles immer in Bewegung. Die Wassermassen überfluten Landschaften und lassen immer wieder neue entstehen. Alles ist ungewiss, überraschend und für Michel Roggo so reizvoll, dass er es mit jeder Klimazone aufnimmt, bei Fischerfamilien in ärmlichsten Verhältnissen am Donaudelta haust, in Grönland im Schneesturm versinkt oder tagelang den Baikalsee absucht. Plötzlich ist er da, dieser einzige richtige Moment. Roggo drückt den Auslöser. 500 Mal. 500 Bilder. Und am Abend ist der Kopf leer und allenfalls drei Bilder entkommen der Delete-Taste des Fotografen. Michel Roggo, der eher einem viel reisenden Gentleman gleicht als einem Abenteurer, weiss so diese wilde Entschlossenheit gut zu tarnen. Je abgelegener und wilder, desto spannender. Manchmal komme er sich vor wie Donald Duck, der sich immer wieder in unmögliche

ein, als neben uns bunte Fische auftauchen, die durch das Wasser zu schweben scheinen. Die Südsee. Taucherparadies für alle Hobbyfotografen. Michel Roggo winkt ab. «Ich war mal mit meiner Frau am Roten Meer zum Schnorcheln und fand es furchtbar! Überall diese leuchtenden Fische. Ich kam mir vor wie in einem Supermarkt. Viel zu viele Eindrücke», meint Roggo schmunzelnd. Wir kehren den Farben und dem Salzwasser wieder den Rücken und wenden uns dem Karpfen mit seinem vorgestülpten Maul und der goldglänzenden Schleie zu, Süsswasser-Klassiker. Eine Schulklasse schiebt sich lautstark durch die Dunkelheit des Vivariums. Ein Pärchen klebt mit ihren Gesichtern an den grossen Scheiben und flüstert entzückt. Bereits als kleiner Junge steht Michel Roggo mit seiner Fischerrute an der Saane, später verfeinert er seine Technik beim Fliegenfischen. Ein guter Fischer ist er nie geworden, aber ein feiner Beobachter. Oben sehen, was unten ist. Michel Roggo kneift

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die hellen Augen zusammen und fixiert einen Punkt in der Weite. Die Bewegungen auf der Wasseroberfläche, ein plötzliches Aufsteigen der Insekten oder Kreisen der Vögel … , da weiss er, «da ist was!» DER WASSERSCHEUE Wir lassen uns um den Globus treiben. Im nordamerikanischen Gewässer stossen wir auf einen Knochenhecht und folgen im Süden dem aufgeregten Stakkato der Piranhas. Eine Roche spielt im sandigen Boden mit sich verstecken. Mit 60 Jahren entscheidet Michel Roggo, nur noch das zu fotografieren, was ihm Spass macht. Fünf Jahre lang vergräbt er sich im «Freshwater Project», mit der fixen Idee, dreissig möglichst unterschiedliche und spektakuläre Gewässer dieser Erde zu fotografieren. Dazu lernt er mit 62 Jahren zu tauchen. Ausgerechnet er, der immer wieder behauptet, wasserscheu zu sein. «Wenn möglich, ignoriere ich das Wasser. Zum Arbeiten liebe ich es.» Nach fünf Jahren sitzt er im Malawisee auf einem Boot, in der Hand ein Glas Wein – und weiss: Das Projekt ist abgeschlossen. Und jetzt? Gemütlicher Rückzug in Freiburg mit 65? Bei dieser Frage nimmt Roggos entspannter FreiburgerDialekt Fahrt auf: Als Nächstes will er zu den Gewässern der Antarktis. «Einer der unwirklichsten Orte der Welt.»

Doch was ist schon wirklich? Ein paar Jahre her steht Michel Roggo an der Saane, hält die an einer Stange befestigte Kamera ins Wasser und feilt an einer neuen Technik. Ein Bauer kommt mit seinem Traktor vorbei und fragt mit skeptischem Blick: «Tu fais quoi là? Prendre des mesures?» «Non. Non», erwidert Roggo,«je photographie.» «Quoi? Des poissons?» «Non, des paysages!» Der Bauer schüttelt den Kopf und tuckert weiter. Wenige Wochen später hängen Roggos Unterwasserbilder im Château de Gruyères – mit viel Farbe und wenig Fisch. Sie gewähren Einblick in scheinbar ferne Welten.

Barbara Tänzler ist Journalistin und Autorin. An der Limmat beobachtet sie fast täglich, wie Fischreiher nichts anderes tun, als bewegungslos auf den richtigen Moment zu warten – auch wenn sie dabei oft nur einen nassen Schnabel aus dem Wasser ziehen. Michel Roggo ist mehrfach international ausgezeichneter Fotograf aus Freiburg und auf Süsswasser spezialisiert. Auch um neue technische Tricks für seine Unterwasseraufnahmen auszuprobieren, zieht es ihn immer wieder zu den wenigen Karstquellen im Greyerzerland. roggo.ch

BUCHTIPP

AUEN – ZWISCHEN LAND UND WASSER

Michel Roggo: wasser.schweiz | water.switzerland | eau.suisse, Werd Verlag 2014

In den Jahren 2001 – 2003 fotografierte Michel Roggo fürs Bundesamt für Umwelt (BAFU) alle 78 Arten Fische, Rundmäuler und Krebse, die je in der Schweiz heimisch waren. 50 Fischarten sind nach wie vor in unseren Gewässern anzutreffen (S. 4). Wer ihnen in besonders reizvollen Landschaften auf die Spur kommen möchte, wird im «Inventar aller Auenlandschaften der Schweiz» vom BAFU fündig, wo alle 283 Auenlandschaften nach Kanton aufgelistet und in Karten markiert sind. Eine wahre Fundgrube. bafu.admin.ch/biodiversitaet (Stichwort-Verzeichnis «Auen»).

WERTVOLLER ALPENFLUSS Roggos liebster Fluss ist die Sense: «Als Kind habe ich dort mit der Familie Cervelat gebrätelt.» Heute kehrt er oft dorthin zurück, um zu fischen, mit der Fliege. Und er setzt sich für den Schutz des Flusses ein, denn: «Es ist mit Abstand der wertvollste Fluss nördlich der Alpen, da er der einzige ist, der unverbaut ist.» wwf.ch/wasserprojekte, fribourgregion.ch

Zum Beispiel aus der Heimat von Michel Roggo: pronatura-fr.ch/auried

Rotauge

e  •  Geschlechts•  Mögliches Alter: 12 Jahr •  15–45 cm  •  200g–1,5 kg  auf Seitenlinie: 39–49  ppen Schu hl Anza •  e  reife: 4–5 Jahr •  Lieblingszenreiche Uferbereiche  f, •  Lebensraum: flache, pflan •  Angelköder: Maden, Han en  flanz serp Was se, speise: Würmer, Kreb ch verwendet  erfis Köd als oft wird Mais  •  Besonderheit: t •  Bestand: nicht gefährde

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Reisen macht hungrig: Seeforellen, die zum Laichen vom Neuenburgersee in die Areuse aufgestiegen sind.

Gedränge: Rotaugen in einem Wiesenbach im Freiburger Mittelland.

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GEDICHT

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Franz Hohler

Im Wasser

Bild — Michel Roggo

Ich fühle mich wohl im Wasser. Ich schwimme ununterbrochen, ich kann gar nicht genug kriegen davon. Durch meine Kiemen atme ich Wasser ein und aus. Wenn ich mich ausruhen will, begebe ich mich hinter den Stängel einer Wasserpflanze, die ich mit dem Mund berühre. Von Zeit zu Zeit lasse ich mich zur Oberfläche steigen und schnappe mir eine Fliege, eine Mücke oder einen Wasserläufer. Im Bodenschlamm suche ich nach Algen, Larven oder Kleinstkrebsen. Ich bin ein Fisch. Ich bin am 1. März geboren. Jeden Tag sitzt der Tod am Ufer und wirft seine Angel nach mir aus. Irgendeinmal werde ich anbeissen.

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DIE FISCHLIEBHABER

Die Fischliebhaber: Text — Stephanie Elmer / Bild — Fabian Leuenberger

Grösse (cm)

110 – 130

mit Schwanz (ca. ½ der Länge)

84 – 102

mit gestrecktem Hals

Gewicht (kg)

4 – 14

1,6 –2

Alter (Jahre)

8 – 12

20

Nahrung (g / Tag)

ca. 1000

FISCHOTTER (Lutra lutra) Der Fischotter gehört zur Familie der Marder und ist somit ein Raubtier. Er hat sich sowohl ans Land ­– wie auch Wasserleben angepasst. Er ist ein hervorragender Schwimmer – nicht zuletzt auch weil seine Pfoten mit Schwimmhäuten versehen sind. Fische sind seine bevorzugte Nahrung und machen bis zu 80% seiner Nahrung aus. Um sie zu fangen, stöbert er sie auf und verfolgt sie schnell wie der Blitz. Gerne weicht er aber auch auf Amphibien, Kleinsäuger oder Wasservögel aus.

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Auch auf dem Land ist der Fischotter ein flinker Kerl: Auf der Suche nach Nahrung oder Sozialpartnern kann er in einer Nacht über 20 Kilometer zurücklegen. Sein Fell besteht aus rund 50 000 Haaren pro cm² – das schützt ihn vor Nässe und Kälte. Beim Menschen sind es lediglich 120 Haare auf der gleichen Fläche. In der Vergangenheit wurde dem Fischotter die Vorliebe für Fische zum Verhängnis: Insbesondere als Fischräuber, aber auch wegen seinem wertvollen Fell wurde er in Europa verfolgt und gejagt. Parallel dazu verschlechterte sich sein Lebensraum durch Chemikalien und Pestizide kontinuierlich und seine Hauptnahrungsquelle – die Fische – nahm

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ca. 500

ab. 1989 galt der Fischotter in der Schweiz offiziell als ausgestorben. Seit ein paar Jahren konnten in der Schweiz wieder vereinzelte Beobachtungen gemacht werden und geben Hoffnung auf Wiederansiedlung des hübschen Fischfressers.

DEM FISCHOTTER AUF DER SPUR Eine Ausstellung im Infozenter Eichholz in Wabern bei Bern beleuchtet noch bis 30. Oktober das Leben und die Geschichte des flinken Schwimmers. iz-eichholz.ch


DIE FISCHLIEBHABER

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Fischotter & Fischreiher Nachwuchs

1 – 4 Junge (2 Monate Tragzeit)

3 – 5 Eier (25 – 28 Tage Brutzeit)

Bestand Schweiz

Verbreitung Schweiz

Vereinzelte Sichtungen

Sichtungen & Spuren 2009 – 2016

Durchzugsorte Ab 2000

Quelle: Stiftung Pro Lutra

Quelle: Vogelwarte Sempach

1400 – 1600 Paare (Zählung 2008 – 12)

FISCHREIHER

Quellen: Stiftung Pro Lutra / Vogelwarte Sempach

(Ardea cinerea) Der Fischreiher – auch Graureiher genannt – ist bei uns sowohl Brutvogel wie auch fortziehender Wintergast. Da der Fischreiher als Fischfresser lange und intensiv verfolgt wurde, drohte ihm beinahe dasselbe Schicksal wie dem Fischotter: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war er aus der Schweiz fast verschwunden. Der Fischreiher schafft 2,8 Flügelschläge pro Sekunde. Als Zugvogel verbringt er pro Tag bis zu 10 Stunden fliegend und ist teilweise mit bis zu 50 km/h unterwegs.

Im Flug ruft der Fischreiher laut «kräich» und «kah-ärhk». Das klingt krächzend und durchdringend. Um Fische zu jagen kann der Fischreiher auch mal auf dem Wasser landen, ein paar wenige Sekunden schwimmen und dann wieder auffliegen. Er bevorzugt es aber, langsam und elegant durchs Wasser zu schreiten und dann flink zuzugreifen. Auf dem Speiseplan stehen auch Amphibien und Kleinsäuger. Fischreiher sind gesellige Tiere, sie leben meist in grösseren Kolonien. Friedlich geht es da aber nicht immer zu und her, Streitereien um Nistmaterial gehören zur Tagesordnung. Doch wehe, Krähen bedrohen die Jungvögel: Da spannen die Fischreiher sogleich zusam-

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men. Gestohlenes Nistmaterial hin oder her. Ein Brutpaar bleibt in der Regel ein Leben lang zusammen. Sowohl Nestbau wie auch die Aufzucht der Jungvögel ist ein Gemeinschaftsprojekt.

AMSEL ODER DROSSEL? Welcher Vogel wäre ich? In der Vogelwarte Sempach lässt sich die Welt des Fischreihers und seiner gefiederten Artgenossen spielerisch entdecken. Und: Ende Februar bis Anfang Juni lässt sich da eine kleine Kolonie Graureiher beobachten. vogelwarte.ch

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Kühe auf der Weide, Fische im Bergbach Text – Benedikt Meyer / Bild — David Birri

Fische aussetzen, statt Fische angeln. Das ist die Aufgabe von Andreas Zbinden, Fischereiaufseher im Kanton Glarus. Ein Ausflug ins Schwändital bringt viel Natur – oder eben auch nicht. Netstal — Das Wasser stäubt über die Felsen. Sie stehen senkrecht über dem Tal, sind überwuchert von einem vertikalen Urwald. Netstal. Eingangs Glarnerland sind wir auf ein kleines Strässchen abgebogen. Vor uns liegen die Gebäude einer ehemaligen Tuchfabrik, etwas weiter hinten steht eine spartanische Baracke, die mit «Kantonale Fischbrutanstalt» beschriftet ist. Dahinter liegen grosse Betonbecken in einem von Zäunen umschlossenen Gelände. Metallplatten dienen als Stege. Unverkennbar: der Charme der 70er-Jahre. Begrüsst werden wir vom Glarner Fischereiaufseher Andreas Zbinden. T-Shirt, Allzweckhose und am Gürtel ein Victorinox-Messer. Ein sympathischer Händedruck, dann führt er uns ins Innere der Baracke. Überall plätschert es, im Raum steht ein halbes Dutzend grosser runder Becken, an den Wänden hängen Netze, Futterkübel, Werkzeug. Nichts ist unnötig und nichts besonders schön. Zbinden lupft den Deckel eines Beckens: winzige Fischlein schwimmen darin herum. «Was Sie hier sehen, ist sicher nicht ideal. Die Bachforelle ist kein Schwarmfisch, sie braucht ihr Territorium. Ausserdem lernen die Kleinen da drin ja nichts. Darum schauen wir, dass wir sie möglichst früh aussetzen können.» Zbinden ist unkompliziert, hemdsärmlig und direkt. Seine nüchterne Art ist angenehm, denn unter Fischern wird gern leidenschaftlich politisiert. Braucht es Direktzahlungen? Braucht es Regenbogenforellen? Braucht

es mehr Treppen für wandernde Fische? Zbinden sagt nicht ja/nein, sondern wenn/dann. Er ist ein Experte, kein Ideologe. «Schlussendlich entscheidet die Politik» sagt Zbinden, «ich kann sie bestenfalls beraten». Politik und Fischerei waren früher im Glarnerland noch eng miteinander verknüpft: Die erste kantonale Fischzucht befand sich im Rathauskeller in Glarus. Zuchtfische auszusetzen ist für Andreas Zbinden nichts Ungewöhnliches. Mal muss er einen Bach nach einem Unglück neu beleben. Mal hilft er der Natur nach, weil es zu wenige Tiere an Schwellen, Verbauungen und Kraftwerken vorbeischaffen. Und dann gibt es noch einen dritten Grund, warum Fische ausgesetzt werden: zum Fischen. «Im Extremfall werden pfannenfertige Regenbogenforellen per Hubschrauber in einen Bergsee geschüttet. Die sind leicht zu fangen. So haben auch unerfahrene Angler mal ein Erfolgserlebnis.» Was wir heute vorhaben, gehört in die dritte Kategorie: Im Schwändital gäbe es ohne Mensch keine Fische. Zbinden greift sich ein Netz und fischt tausend kleine Bachforellen aus einem Becken, kippt sie in einen Eimer, nimmt eine Schwanenfeder hervor und pinselt auch die letzten Tierchen sorgsam aus dem Netz. Dann trägt er den Eimer zum Auto und kippt die Jungfische in einen sauerstoffdurchsprudelten Behälter. Gurte, Kupplung, Gas und wenig später fahren wir auf einer engen Strasse bergauf. Bäume, Felsen und Wasserfälle rauschen an uns vorbei, wir gewinnen an Höhe.

Free Forelle: Andreas Zbinden setzt die ← winzigen Fischlein im Schwändital aus.

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KÜ H E A U F D E R W E I D E , F I S C H E I M B E R G B A C H

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Früher war der Fischereiaufseher ein geachteter Mann und wenn er Fische mit dem Rucksack in die Bergbäche brachte, trug Zbindens Vorvorgänger sein bestes Sonntagsgewand. Heute ist dieser Beruf mit weniger Glamour verbunden. «Jänu», meint Zbinden und rückt sich sein Tschäppi zurecht, «den Lehrern zum Beispiel ist es ja auch nicht anders ergangen.» Überhaupt haben sich die Zeiten geändert. «In den 70er-Jahren hatten wir noch Probleme mit zu viel Phosphat im Wasser. Heute filtern die Kläranlagen das Wasser so gut, dass wir teilweise vorindustrielle Zustände haben. Von manchen Fischen gäbe es mehr, wenn das Wasser weniger sauber wäre.» Seit der Jahrtausendwende werden die Fliessgewässer spürbar wärmer, darunter leiden besonders die Bachforellen und Äschen im Schweizer Mittelland. Viele Fischer würden darum gerne mehr Regenbogenforellen aussetzen, denn die aus Nordamerika stammenden Tiere sind robuster. Doch in der Schweiz gelten fürs Aussetzen fremder Arten strenge Auflagen, weshalb die SVP die Regenbogenforelle gerne einbürgern würde. Vor dem Autofenster haben Nadelbäume den Laubwald abgelöst. Schliesslich erreichen wir das Schwändital, klettern aus dem Auto und stehen in einer Landschaft von beinahe kitschiger Schönheit. Prächtige Blumenwiesen, urchige Bauernhäuser und ein glucksender Bergbach. Neugierige Kühe lecken uns die Hände. Es ist, als wären wir in einer Schokoladenwerbung oder einem Heidi-Film gelandet. Eine traumhaft schöne Natur – in die vor vielleicht 150 Jahren die ersten Fische getragen wurden. Als Nahrungsquelle für die Bergbauernfamilien. Zbinden hat einen Teil der Fische in einen grünen Eimer umgefüllt und schreitet über eine Blumenwiese dem Bach zu. Und während wir ihm hinterhermarschieren, dämmert mir, dass er und ich unterschiedliche Dinge sehen. Mir scheint die Landschaft hier ursprünglich, natürlich und schützenswert. Hier der Mensch, da die Natur: Bitte nicht anfassen. Zbinden sieht das anders, er trennt Mensch und Natur nicht. Das Schwändital wäre ohne Landwirtschaft überwuchert von Sträuchern. Damit der Bergbach die Wiesen nicht überspült, sind seine Ufer an vielen Stellen befestigt. Und bei der majestätischen Brüggler-Felswand gibt es Haken für die Kletterer. Wir überlassen die Natur ohnehin nicht sich selbst. Wenn es richtig ist, Kühe auf die Weide zu bringen, ist es dann falsch, Fische im Bergbach auszusetzen?

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Die Forellen haben es gut hier, und wären da nicht die Wasserfälle und die 600 oder 700 Meter Höhendifferenz, es hätte hier immer schon Fische gegeben. Und wenn die Angler im Hofladen noch Käse und Konfitüre kaufen, finden die Leute hier ein Auskommen, kann die kleine Schule weiter betrieben werden, geht das Leben im Schwändital weiter. Ausserdem: Was ist denn die Alternative? Antibiotisch behandelte Zuchtfische? Per Lastwagen herangekarrte Meeresfische? Ein Platschen reisst mich zurück ins Hier und Jetzt. Zbinden ist in den Bach gestiefelt und hat eine geeignete flache Stelle gefunden. Hier werden sich seine Bachforellen wohl fühlen. Er kippt seinen Eimer und taucht ihn ins Wasser. Im Nu sind die Fischlein zwischen den Steinen verschwunden. Wir gehen zurück zum Auto, fahren etwas weiter hoch und wiederholen die Prozedur. Über einen guten Kilometer verteilt setzen wir die Tiere aus. Sie werden wachsen, fressen, sich fortpflanzen und einige werden geangelt werden. Wir hingegen fahren zurück ins Tal. Dort reicht uns Andreas Zbinden zum Abschied nochmals die Hand. Es ist Abend geworden und wir machen uns auf den Heimweg. Die Strasse verläuft schnurgerade, rechts neben uns fliesst die Linth genauso gerade. Plötzlich schwingt sich ein Fischreiher aus dem Wasser, schlägt ein paar Mal mit den Flügeln und segelt über uns hinweg. Im Schnabel trägt er einen Fisch. Zucht oder Natur? Und interessiert das den Reiher?

Benedikt Meyer ist Historiker und sehr naturverbunden. Er züchtet Silberfische unter den Sockelleisten. benediktmeyer.ch David Birri zieht mit seiner Kamera die besten Bilder an Land. Richtig gefischt hat er in Norwegen, auf Fidschi und in fast jedem Gewässer rund um Meiringen. david-birri.com

WAND STATT WASSER Das Schwändital zieht nicht nur Fischer an, sondern mit seinem sonnenverwöhnten Brüggler auch Kletterer. glarusnord-tourismus.ch

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KÜ H E A U F D E R W E I D E , F I S C H E I M B E R G B A C H

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Flügge: Die Bachforellen werden in der Fischbrutanstalt gezüchtet und dann ausgesetzt.

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Zugabe Text – Reeto von Gunten / Bild — Gabi Vogt

Kommt der Applaus zu früh, befürchtet man, das Publikum klatsche aus Erleichterung. Kommt er zu spät, fürchtet man, er komme gar nicht. Thunersee — Hier gab es gar keinen Applaus, weil niemand da war ausser ihm. Er sass so nahe bei ihrem Klavier, dass sie ihn riechen konnte: Er trug einen sorgfältig komponierten Duft aus Zitrone, Wacholderbeere, Muskat und warmem Sand. Und Kopfhörer, schalldichte, grosse Kopfhörer. Regungslos und mit geschlossenen Augen sass er als einziger Zuhörer in der Bar auf dem Oberdeck und sah aus, als würde er eine stille Revolution lostreten wollen, als hätte ihn jemand dort hingesetzt, als wäre er ausgestopft. Ein Publikum gewordener Protest gegen PianoBar-Musik, absolut ausdruckslos. Es war die Premiere der neu in den Fahrplan aufgenommenen Feierabend-Rundfahrten und ihr allererster Abend, ihre Jungfernfahrt. Kurz nach dem Ablegen sass er bereits da, sie konnte sich genau erinnern. Man vergisst oder verliert sonst vieles auf dem Wasser: den Bezug zu Wochentagen, anderen Verkehrsrouten und zum Festland beispielsweise, zu Familie, Freunden und allem anderen, was festen Boden unter den Füssen hat. Sie versuchte, sich ihn wegzudenken. Die übrigen Passagiere hatten sich erst einmal umgeschaut, mit den ungewohnten Gegebenheiten an Bord vertraut gemacht, den dampfenden Maschinenraum besucht, oder die Schiffsräder beim Pflügen der Fluten bestaunt. Man

hätte die anderen Passagiere auskundschaften, die frische Abendbrise auf dem Vorderdeck geniessen oder sich ans Heck stellen und dem Heimathafen beim Verschwinden zuschauen können. Mein Gott, man hätte sich zu zweit vor die Fahnenstange am Bug zwängen und die Titanic-Szene nachspielen können, solange es noch niemand sonst getan hatte. Aber kein Mensch sitzt doch gleich zu Beginn einer Rundfahrt bereits in der Piano-Bar und nippt mit demonstrativ geschlossenen Augen an einem Dry Martini! Der Job als Barpianistin war wohl am weitesten entfernt von ihrem eigentlichen, grössten Wunsch. Ihre Bestimmung war damals nur eine Vermutung gewesen, fragil, aber wiederkehrend: Irgendwann würde sie den Durchbruch schaffen zur grossen Konzertpianistin, davon war sie überzeugt. Manchmal. Doch dazu musste sie erst einmal das Studium am Konservatorium abschliessen. Mit «Ballade pour Adeline» würde sich kaum ein Konzertdiplom machen lassen, schon klar; aber die Aussicht auf einen Sommerjob mit fixer Gage fühlte sich so wunderbar real an, dass sie dieses Intermezzo wohl riskieren durfte. Konzertpianistin kann man studieren, sicher, eine Künstlerin wird man so aber kaum; dazu braucht es Leben und davon gab es reichlich auf einem Ozeandampfer, hatte sie sich gedacht, als sie

← Weg: Man vergisst oder verliert vieles auf dem Wasser.

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sich für den Job beworben hatte. Der Ozean, hatte sich dann allerdings herausgestellt, war ein See, gerademal der achtgrösste der Schweiz, und der Dampfer war keines dieser schwimmenden Luxushotels, wie sie sie in den Häfen von Hamburg, Helsinki und Stockholm oft fernwehmütig bestaunt hatte. Nein, es war ein ganz normales Linienschiff, ein Hybrid aus öffentlichem Verkehrsmittel und mobilem Ausflugsziel. Ein Dampfer, ja, mit sorgfältig renovierter Historie, aber ohne weltmännisch erhabenem Flair. «Blümlisalp» halt, statt «Queen Elizabeth II», und Thunersee statt Südsee. Dafür gab es eine abwechslungsreiche Uferbebauung, jedenfalls bei der Hinfahrt. Zurück war es dann nur noch die Wiederholung, in umgekehrter Reihenfolge. Sie konnte sich noch genau an den Moment erinnern, als sie ihren Irrtum bemerkte. Es war beim Bewerbungsgespräch, kurz nach dem Potpourri ihres Repertoires von Amadeus bis Yeezus, als man sie verwundert anschaute, weil sie über endlose Weiten und den Geruch von Salzwasser in den Haaren schwärmte. «Wir sprechen vom Thunersee», sagte jemand, und während sie sich «die Grösse spielt keine Rolle» sagen hörte, versuchte sie nur noch, so souverän wie möglich auszusehen. Und nun sass sie also da, musste ausbaden, was sie sich aufgehalst hatte, und schipperte, Gefälligkeiten klimpernd, durch den Sommer. «Feierabendfahrt» hiess das Ganze und war – wie sich bald zeigte – bloss eine bessere Umschreibung dafür, was hier wirklich abging: eine knapp dreistündige After-WorkParty ohne Fluchtmöglichkeit. Zum ersten Mal wieder ans Festland zurück hatte sie gewollt, als man noch gar nicht abgelegt hatte. Ihr Leidensweg war jedoch präzise vorgegeben: Thun, Hünibach, Hilterfingen, Oberhofen, Längenschachen, Gwatt, Einigen, Gunten, Spiez, Faulensee, Merligen, Beatenbucht und wieder zurück nach Thun – in umgekehrter Reihenfolge, mit uninteressiertem Publikum. 160 Minuten auf dann-halt-doch-nicht-ganz-so-hoher See. 160 Minuten gefällige Musik non-stop, jeden Abend, die ganzen Semesterferien lang. Vielleicht würde sie zum Ende wenigstens etwas über das echte Leben ausserhalb des Konservatoriums erfahren haben, machte sie sich vor. Und wünschte, sie wäre bereits wieder dort.

der tatsächlich in unmittelbarer Nähe des Klaviers und hörte sich mit Kopfhörern irgendetwas anderes an? Er kam fortan jeden einzelnen Abend und irgendwann beschloss sie, ihn aus seiner verfluchten Reserve zu spielen. Sie begann, Songs nach ihm zu werfen, als wären es Dartpfeile. Mit «I just Called to Say I Love You» und «You’re the One that I Want» versuchte sie, ihn zu erreichen, doch er sass einfach nur regungslos mit seinen Kopfhörern da. Was lauschte der eigentlich? Einem Hörbuch? Einem Podcast? Dem Funkverkehr der Polizei am Ufer, oder womöglich gar ganz anderer Musik? Und weshalb zeigte er keinerlei Anteilnahme an seiner Umgebung? Sie versuchte, seine Kopfhörer zu übertönen und bretterte Songs von Metallica und den Sex Pistols, spielte – inklusive 4’33“ von John Cage – alles durch, was ihr in den Sinn kam und bemerkte nicht die geringste Regung an ihm. Irgendwann würde jemand vom Eventbüro kommen, hoffte sie, und ihn als inhaltleeres Mahnmal entlarven und wegtragen, weg aus Sicht und Sinn. Doch da kam niemand. Auch die nächsten achtzig Minuten, eine Wendepause in der Beatenbucht, und während unendlich vieler unmusikalischer Verzweiflungstaten sass er da und machte den Eindruck, als würde er sich einfach treiben lassen. Sie erinnerte sich an ihren letzten Besuch des altehrwürdigen Aare-Flussbads Schwäbis und daran, eine Forelle beobachtet zu haben, wie sie ganz nah am Ufer gegen die Strömung schwamm und stehen blieb. Aus dem pfeilschnellen Fluchttier war eine Symbiose aus Angststarre und Nirvana geworden, die Regungslosigkeit so unaufgeregt, dass die Gesetze der Physik ausgehebelt schienen. Sie fragte sich, ob Leben in der Rastlosigkeit erst möglich wurde, wenn man innehielt, zu in sich ruhender Konzentration fand und den Widerstand, den Strom, an sich vorbeiziehen liess. Ob er aber menschgewordene Zen-Forelle oder bloss ein dumpf frittiertes Fischknusperli war, konnte sie trotzdem nicht entscheiden. Am Ende der Rundfahrt, zurück in Thun, beglich er seine Barrechnung und verschwand irgendwo in der nächtlichen Umtriebsamkeit des nahen Bahnhofs. An Land bekam sie ihn nie zu Gesicht. Nicht, dass sie ihn gesucht hätte, aber er war weder im Hafen noch sonstwo je zu sehen. Sie hatte ihn auch weder kommen noch gehen sehen, nie.

Dieser Mann, hingegen, er sass an seinem Tischchen und verharrte ruhig – andächtig beinahe – Note um Takt, Strophe um Refrain, Lied um Werk. Ab und zu nippte er am Glas, die Augen blieben auch dabei geschlossen. Seine Teilnahmslosigkeit irritierte sie zunehmend. Sass

Es kam auch anderes Publikum – richtige, lebendige Menschen zwar, doch auch sie nicht wegen der Musik, dafür mit nachvollziehbareren Absichten. Jemanden kennenzulernen, wenn irgend möglich, sich auszutauschen, aufzubauschen oder wenigstens zu betrinken.

«Ob er aber menschgewordene Zen-Forelle oder bloss ein dumpf frittiertes Fischknusperli war, konnte sie nicht entscheiden.»

Das richtige Leben: Versteckt es sich gar auf der «Blüemlisalp» statt auf der «Queen Elisabeth II» ? →

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Bei ihnen machte die Pianomusik Sinn: Sie bildete den Soundtrack zum Balzen an Bord. Lied für Lied, Süsswasser-Seemeile um Süsswasser-Seemeile, Abend für Abend. Nach jedem Set, manchmal sogar nach einzelnen Songs, spendete man freundlich gemeinten, aber uninteressierten Applaus. Drei-, viermal klapp, klapp, klapp und gut war. Ab und zu machte einer durch besonders lautes Klatschen auf sich und seine bevorstehende Einsamkeit nach der Rückkehr aufmerksam. Sie liess den offerierten Drink trotzdem halbvoll stehen und wartete so lange an Bord, bis keiner mehr zufällig beim Steg herumstand.

an ihre Zeit auf der «Blümlisalp». Es riecht nach frisch geöltem Edelholz, der Flügel steht in einem Kegel aus warmem Licht und fordernder Erwartung. Sie setzt sich hin, schaut sich um, passt Abstand und Sitzhöhe an und stimmt sich ein – auf die Stadt und ihren Konzertsaal, auf die Menschen und ihre Erwartungen und darauf, den Moment nicht zu verpassen; jenen Moment, den sie mittlerweile mit grosser Regelmässigkeit heraufzubeschwören versucht, den Moment, der aus einem Konzert ein Ereignis werden lässt. Seit jenem merkwürdigen Sommer als Auszubildende in Sachen Konzertieren hat sie etwas verstanden: dass Musik nur transportiert, was man in sie hineinzustecken vermag. Und dass es MoEr aber sass einfach nur jeden Abend pünktlich in der mente gibt, in denen man von etwas getragen wird, das vordersten Tischreihe, mit Kopfhörer und Martini­ sie in zahlreichen Vorträgen an Fachklassen als «Spirit» drink, zuverlässig teilnahmslos. Er blieb immer so zu bezeichnen pflegt. Der gute Geist, der irgendwann lange, bis der Schlussakkord verklungen und der An- kommt und einen über sich hinauswachsen lässt. Weil standsapplaus erloschen war. Dann bezahlte er, stand er einen aufsucht, durchdringt und davonträgt. Das sind auf und ging von Bord. die Momente der Kunst, für die es Er wurde zu ihrer künstlerischen sich zu leben lohnt, in denen etwas Herausforderung, ihrem Zielpubligeschieht, was über das menschlich kum. Ihre Freizeit verbrachte sie Erfassbare hinausgeht und dabei damit, Pläne zu schmieden: Weleine Kraft entwickelt, der sich nieches Kleid könnte ihm gefallen, mand entziehen kann. Alles, was welche Musik würde er bevorzugen, man dafür zu tun hat, ist bereit zu was wollte er hören, wie sollte sie sein, zu merken, wann es so weit ist, es spielen, was wollte er, wer war und dann – jenseits jeglichen KontGoldfisch   •  Mögliches Alter: 30 •  – 1kg •  35–40 cm  e •  Anzahl hr Ja 2 er? Ihre Arbeit bekam einen neuen rollierens – oder Gefallenwollens – e: eif hlechtsr Jahre  •  Gesc •  Lebensnlinie: 27–32  ite Se Inhalt, einen Sinn. Sie achtete sich geschehen zu lassen, was erst dann f au en Schupp   •  Lieblings rmes Wasser Wird als auf spärlichste Gefühlsausdrücke, geschehen kann. Nur, so richtig it: raum: mag wa he er nd so fresser  •  Be hsten speise: Alles versuchte sie zu bewerten, zu deufunktioniert hat es bei ihr noch nie. unterschiedlic s au n, lte ha sehr Zierfisch ge esetzt. Da er oftmals ausg ten und ihr Programm anzupassen, vereit Gründen aber ltw we ein hig ist, ist er um die Regungen häufiger und die Bis zu diesem Abend. Während anpassungsfä ung in unseren n. Fortpflanz auf etes Neozoo eit br heinlich, da er Abstände dazwischen kürzer wersc ihre Finger über die Tasten gleiten, hr wa un er fach Gewässern ab Farbe ein ein leuchtenden den zu lassen. Sie spielte nur noch merkt sie, wie sie aus sich hinauser in se d un Gr Futter ist für ihn, sie kam für ihn, sie war westeigt, sich neben sich und ihren zu findendes gen ihm da. Nicht jedoch er. Er war Flügel stellt und sich selbst beim scheinbar wegen niemandem da, er war einfach. Ihre Spielen beobachtet. Ein Zustand, den sie oft herbeigeVerzweiflung trieb sie zum Äussersten. Sie begann zu sehnt, aber zu sehr gefürchtet hat, um ihn je zu erreichen. singen, die Pedale wie Perkussionsinstrumente zu trak- Jetzt ist es so weit. Es geschieht ganz natürlich, ohne tieren, sie liebkoste die Tasten und quälte sie, donnerte Furcht und Pannen; sie ist komplett weg, gleichzeitig so von Fortissimo geradewegs in Leisestpassagen. Sie ris- nah bei sich und so tief in ihre eigenwillige Interpretatikierte alles – alles, ausser ihrem Innersten. Den ganzen on von Franz Schuberts «Forellenquintett» vertieft wie Sommer lang. Auch während der allerletzten Einfahrt noch nie zuvor. Nach dem Schlussakkord sinkt sie leise in den Heimathafen gab sie wieder alles und spielte ein in sich zusammen und wartet auf die Rückkehr der Gepaar ihrer, wie sie mittlerweile wusste, Piano-Bar-Klas- genwart. Dieser Moment kann eine Ewigkeit dauern. siker. Doch auch nach einem umwerfend mutigen Med- Man sitzt da, regungslos, bloss noch den Fuss auf dem ley aus Beatles-Hits und Stones-Klassikern und dem Pedal, und wartet, auch körperlich in sich gesunken, hinterhergehämmerten «Boléro» als Zugabe bezahlte er darauf, dass der Ausklang verhallt, leiser wird und sich nur, regungslos wie immer, und verliess das Schiff. Sie schliesslich in der Gespanntheit des Raums verflüchsah ihn nie wieder. tigt. Sie fühlt sich ruhig und konzentriert – fast, als wäre sie eine Forelle, die den Strom und allen Widerstand an Jetzt, mehr als fünfzehn Jähre später, geht ihr diese Zeit sich vorbeiziehen lässt. In einer Symbiose aus Angstihres Lebens durch den Kopf. Sie ist auf Solo-Tournee, starre und Nirvana. macht Halt in Thun und der Schadausaal erinnert sie

Treu: Süsswasser- Seemeile um Süsswasser-Seemeile ← schwimmt die «Blüemlisalp» ihren Weg.

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An diesem Moment lässt sich die Musikkompetenz des Publikums ablesen: das Timing zwischen der Rückkehr der absoluten Ruhe und dem Einsetzen der Applauswelle ist ähnlich fragil wie jenes der Berührungen beim Liebesspiel. Kommt der Applaus zu früh, befürchtet man, das Publikum klatsche aus Erleichterung, kommt er zu spät, fürchtet man, er komme gar nicht. Deshalb schaut sie mit gesenktem Kopf und eingefallenen Schultern auf die Tastatur, fühlt sich klein und hofft, die Situation würde erträglicher, wenn sie ihr nicht ins Gesicht blickt. Dann, endlich, ist es geschafft. Der Applaus setzt ein, zögerlich erst, doch stetig anschwellend, so, dass sie sich aus ihrer in sich zusammengesunkenen Haltung zu lösen wagt. Sie schaut auf und fühlt, den Blick noch immer in Richtung des Flügels gerichtet, wie sich erste Zuhörer erheben. Weitere ziehen mit, es gibt Bravo-Rufe und aus dem Publikum wird eine über sie hereinbrechende Woge aus Freude und Zuneigung. Nur ganz vorne, in der Mitte der ersten Reihe, bleibt jemand sitzen. Ein älterer Herr mit Kopfhörern. Während sie zum Bühnenrand geht, kann sie beobachten, wie er die Kopfhörer abnimmt, zusammen mit einem per Kabel verbundenen Hörgerät in eine Tasche verschwinden lässt, aufsteht und in den Applaus einstimmt. Heftig und mit Anteilnahme. Beim Verneigen fühlt sie etwas aus ihr heraus weichen, etwas Grosses, Altes; es fühlt sich an, als würde ihr eine Fessel abgenommen. Vornübergebeugt, mit den Händen neben sich, den Blick auf ihre Schuhe gerichtet, versucht sie, ihre Gedanken zu ordnen, sich auf den Moment zu fokussieren. Als sie sich aufrichtet, kann sie den wohltuenden Duft von Zitrone ausmachen, von Wacholderbeeren, Muskat und warmem Sand. Ein perfekt komponierter, diskreter Akkord. Sie atmet tief durch,

breitet ihre Arme aus und lächelt erleichtert und erlöst ins Publikum. Und dann, als ob sie sich seiner Gegenwart versichern wolle, schaut sie noch einmal in seine Richtung. Als sich ihre Blicke treffen, kann sie sehen, wie eine Träne über seine Wange rollt. Ihr ist, als wäre sie die ganze Zeit auf hoher See getrieben, die ganzen langen Jahre hindurch, verloren auf dem Meer der bedeutungslosen Kunst. Jetzt endlich ist sie angekommen, per Linien-Dampfschiff, in der erhabenen Schlichtheit ihres Heimathafens. Zugabe.

NACHWORT DES AUTORS Soviel ich weiss, gibt es bei den Abendrundfahrten der DS Blümlisalp auf dem Thunersee (Abfahrt 18:40 Uhr, Rückkehr 21:20 Uhr) kein Klavier auf dem Oberdeck; ich war die ganze Zeit unten, auf einem Bänkchen an Backbord. So gesehen ist dieser Text eine doppelte Einladung: für künftige Passagiere, die sich eine dieser sehr empfehlenswerten Abendrundfahrten mit ihrer eigenen Fantasie ausmalen möchten, und für die BLS, die mit dem Engagement eines Musikers womöglich Weltbewegendes für die Kunst tun könnten.

Reeto von Gunten ist selbstständiger Autor und Künstler und die Stimme des Sonntagsmorgens auf SRF3. reetovongunten.com Gabi Vogt ist Fotografin und findet die Weite(nschärfe) sowohl auf dem Weltmeer als auch auf dem See. gabivogt.ch

Schleie

•  20–70 cm   •  5,5 kg   •  Mögliches •  Anzahl Sc Alter:  18 Ja huppen au hre •  Gesch f Seitenlin den Grund lechtsreife ie: 95–100  langsam fli :  3 Jahre •  Lebensra essender G um: Sie lie Schnecken, ewässer  •  bt ab und zu Pfl Li eblingsspei anzen  •  An Mais  •  Näh se : Insektenla gelköder: M rwert / 100 rven, istwürmer g: 76 kcal, 32 widerstandf , Maden, 0 kj, Eiwei ähiger Kerl ss: 18,00 g  in Bezug au •  Besonder f Wasserqua heit: lität  •  Best and: nicht gefährdet

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Thun: am, im, beim Wasser 1

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1   Blumenmeer Ein Bed and Breakfast, das auch ein Blumenladen ist, oder ein Blumenladen, der auch Bed and Breakfast ist? So genau weiss man das nicht. Und das spielt auch keine Rolle, toll ist beides. Die Gästezimmer befinden sich nämlich mitten in der gemütlichen Blumenboutique und morgens ruft der Kaffeeduft zu einem feinen Frühstück mit selbst gemachter Konfitüre und frisch gebackenem Brot – und wenn man Glück hat und es die Zeit erlaubt, mit ein paar (Reise-) Geschichten der unkomplizierten Gastgeber.

Bild — Gabi Vogt

Die Macherin, Postgässli 12. T. 033 336 24 14. macherin.ch

4   Flusswelle Man muss sich selbst nicht ins Wasser wagen. Die Wellenreiter, die bei der Scherzligschleuse aufs Surfbrett steigen und den Hauch von «Sommer, Ferien und weiter Welt» versprühen, sind auch vom Ufer aus zu beobachten. Und wer dazu noch etwas über den Reiz des Flussreitens erfahren möchte, dem sei die Transhelvetica-Ausgabe «Amerika» (#26) als Lektüre empfohlen.

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2   Altes im Fluss In dieser Industriehalle im Selve-Quartier wurde einst an Metall gewerkt. Heute – das 1917 erbaute Gebäude ist in der Zwischenzeit unter Denkmalschutz gestellt – wird anders gewerkt: an Design, Kultur, in der Gastronomie. Entstanden ist ein Zentrum, in dem vieles im Fluss ist und in dem es vieles zu erkunden gibt. Als kulinarische (Ruhe-) Insel wartet das Restaurant Halle6, mit Mittagstisch und À-la-Carte-Menü unter der Woche und einem festlichen Brunch mit Livemusik an Sonntagen.

Konzepthalle6, Scheibenstrasse 6. T. 033 222 01 60 (Restaurant). konzepthalle6.ch

Wasservogel Etwas ausserhalb von Thun befindet sich das Gwattlischenmoos. Das Flachmoor mit nationaler Bedeutung grenzt direkt an den Thunersee. Seine grosse Schilffläche ist Lebensraum für eine Vielzahl Wasservögel. Diese lassen sich am besten vom Beobachtungs-Turm aus aufspüren. pronatura-be.ch/gewaesser renaturierungen

Italien an der Aare

Antipasti, Pasta, Pesto: Im Cinquequattro gibt es Italianità mitten in Thun. Im Geschäft, in dem sich auch viele kleine Geschenkartikel finden, findet sich gleichzeitig ein kleines Café, in dem sich bei einem feinen Kaffee und einem guten Stück Kuchen perfekt Verweilen lässt. Am allerbesten draussen, auf der kleinen Terrasse – direkt über der Aare. Cinquequattro, T. 033 222 12 00. cinquequattro.ch

5   Sicht aufs Wasser Ein Spaziergang im Schadaupark hält vieles bereit: Den Blick über den weiten See und die erhabenen Berge für NaturRomantiker, und die Wiese, in englischer Park-Manier, fürs stilvolle Sonnenanbeten. Wer da noch etwas Nostalgie draufsetzen möchte, dem sei das Thun-Panoramabild aus dem Jahr 1814 empfohlen. Dieses befindet sich in einem Rundbau im Park, ist 38 Meter lang, 7,5 Meter hoch und das älteste noch erhaltene Rundgemälde der Welt. Und es lädt zu einer Entdeckungsreise durch Thun der etwas anderen Art. Schadaupark, Seestrasse 45.

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3   Sommerfluss Dass der Sprung in den Fluss den Sommer genauso versüsst wie ein Vanilleglacé mit Himbeer-Creme, das ist ein alter Zopf. Das wusste man nämlich auch schon in den 1870er- Jahren, als das Flussbad Schwäbis gebaut wurde. Noch immer lädt der charmante, unter Denkmalschutz gestellte Holzbau zum Schwumm in der Aare, zum Sich-treiben-lassen im kühlen Blau. Flussbad Schwäbis. Grabenstrasse 40. T. 033 222 35 06. Saison von Mai – Sep

Wasser im Mund

Das Haus ist alt. Doch der Wind, der mitten in der Thuner Altstadt durch die 1437 erbauten Mauern des einstigen Zunfthauses zur Schmiede weht, ist frisch, duftet ausgezeichnet – und lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. Denn hier wird mit viel Leidenschaft gekocht und aufgetischt. Die Ingredienzen: Inspiration von fernen Reisen sowie regionale und saisonale Zutaten. Schmiedstube, Obere Hauptgasse 55. T. 033 534 06 62. schmiedstubethun.ch

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Lachsfarbige Insel im grünen Meer

Text – Stephanie Elmer / Bild — Helmut Wachter

Von Konstanz nach Einsiedeln führt der Schwabenweg als Teil des Jakobs­ pilgerweges, dessen Ziel Santiago de Compostela ist. 90 Kilometer lang ist er und in der Mitte liegt das Kloster Fischingen. Ein Halt mit Augenschein. Fischingen — «Irgendwie fühlt es sich anders an, das Wandern, an diesem Tag. Es ist nicht nur Wandern. Es ist Pilgern. Am Ende dieser Geschichte wird Pater Gregor sagen: «Oft haben Pilger Tränen in den Augen, wenn ich ihnen den Pilgersegen erteile. Ihre Reise wird in einen grösseren Kontext gestellt. Sie sind gerührt.» Doch nun sind wir am Anfang der Geschichte, die bei der Kapelle St. Margaretha in Münchwilen beginnt. Zeit und Hitze warten einen Moment draussen. Holzstäbe trennen die kleine Eingangshalle vom Kirchenschiff. Früher mussten Pilger dort warten. Zu gross war die Angst vor den Krankheiten und dem Ungeziefer, die sie auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela mitbrachten. Feine Linien zieren die Mauern der Pilgervorhalle, rosa, unlesbar, wie Gedichte, die zu geheimnisvollen Ornamenten wurden. Zum Vorschein gekommen sind sie 1986, als man die im 17. Jahrhundert gebaute Kapelle renovierte. Schnell wurde klar: Das sind Namenszüge, Monogramme, Jahreszahlen von Pilgern, die dort hinter den Holzstäben zu warten hatten. «Tags», könnte man heute sagen. Was here. Mit Zeit und Hitze geht es weiter. Stets entlang der weissen Wegweiser. «Schwabenweg». Irgendwo in der sanften Landschaft des Hinterthurgaus wartet das Ziel des heutigen Tages, das Kloster Fischingen. Die Hitze bleibt, die Zeit verabschiedet sich irgendwann. Verliert sich vielleicht hinter einem der Hügel oder am Ufer der

Murg, die wie ein Geheimnis durch das schattenspendene Grün fliesst. «Wir haben Wasser und Brot für Pilger», heisst es irgendwann bei einem Bauernhof. «Wie weit geht ihr heute», will etwas später ein alter Mann wissen. «Ins Kloster Fischingen.» Er nickt. «Und dann, nach Santiago de Compastela?», will er wissen. Das Kloster Fischingen erscheint am Horizont wie eine weisse Insel im grünen See. Cars stehen hier. Ein Lieferwagen parkt vor der Klosterbrauerei, wo das «Pilgrim», das Klosterbier gebraut wird. Die Tür der Töpferei steht offen. Daneben betritt eine Gruppe die Iddakapelle. Darin befindet sich das Grabmal der Heiligen Idda von 1496 – ein grosser Sandsteinsarkophag mit einer Öffnung und einem einfachen Hocker davor. Pilger können da ihre schmerzenden Füsse rein halten und auf Linderung hoffen. Der Duft von Wachs kitzelt in der Nase, während ich mich hinsetze und die Füsse in die kleine Öffnung halte. Das Kloster Fischingen ist ein Scharnier. In vielerlei Hinsicht. Es liegt nicht nur auf der Hälfte des Weges zwischen Konstanz und Einsiedeln, es ist auch der Ort, an dem Moderne und Tradition neben- und miteinander leben, ein Ort, an dem zwei Welten aufeinander treffen. Seminarhotel und Kloster. Die Besucher des Seminarhotels und die Benediktiner Mönche, die sich für das Leben im Kloster entschieden haben. Seit 1973 das Klosterverbot aus der Schweizer Verfassung gestrichen wurde, lebt hier wieder eine Benediktinergemeinschaft

Reise in grossem Kontext: Das Kloster Fischingen liegt auf dem Pilgerweg nach Spanien. →

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L A C H S FA R B I G E I N S E L I M G R Ü N E N M E E R

Kloster und Seminarhotel: Noch immer lebt eine kleine Benediktinergemeinschaft im Kloster Fischingen.

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Zeit und Hitze warten draussen: Einkehr im Kloster Fischingen.

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L A C H S FA R B I G E I N S E L I M G R Ü N E N M E E R

Wels

e  •  Geschlechtsreife: 3–5 Jahr liches Alter: 30–40 Jahre  warme •  1–3m  •  bis 150 kg  •  Mög er  •  Lebensraum: sommer Körp loser ppen schu e: nlini •  Anzahl Schuppen auf Seite sche  •  Nährwert / 100 g: fenfi Karp e klein n, ecke Insekten, Schn   •  BesonderSeen  •  Lieblingsspeise: m, Köderfisch, Gummifische 15,3 g  •  Angelköder: Wur 163 kcal, 678 kj, Eiweiss: t hrde gefä l ntiel pote meist  •  Bestand: heit: versteckt sich tagsüber

von sechs Mönchen. Andererseits hat der Verein Kloster Fischingen, dem die Anlage gehört, das Kloster vor zwei Jahren zu einem modernen Seminarhotel umgebaut. «Es ist ein Spagat, den wir machen. Es gibt Grenzen, zwischen zwei Welten, die wir respektieren und immer wieder neu verhandeln müssen», sagt Direktor Werner Ibig. Er sitzt im grossen gemütlichen Speisesaal des Klosters, die Tische sind mit weissen Tischtüchern gedeckt. Die Seminargruppe einer internationalen Firma sitzt am Nachbarstisch. Kirchenbesucher am anderen. Geschöpft wird aus einer grossen Platte, die mitten auf dem Tisch serviert wird. «Wir betonen damit die Gemeinschaft beim Essen. Wir sind ein Kloster, kein Disneyland», sagt er. Bruder Leo Gauch begrüsst die Gäste des Hotelbetriebes. Die Gästezimmer tragen die Namen Heiliger. In allen Räumen hängt diskret ein Kreuz über der Tür. Die zwei Betriebe laufen parallel, überschneiden sich, verweben sich, ziehen wiederum die Grenze. «Klar, vieles wäre einfacher, wäre der Ort nur noch Seminarhotel und nicht auch noch Kloster», sagt Ibig. Und Pater Gregor, der als Prior die Benediktinergemeinschaft leitet, schmunzelt, bevor er dieselbe Frage mit einem verheissungsvollen Kopfnicken bejaht. «Unsere Räumlichkeiten befinden sich mitten in der Hotelanlage. Das Klosterleben in einem Hotel ist nicht immer einfach.» Und dennoch: «Eine Ehe wäre ab und zu auch einfacher, wenn man alleine wäre. Aber das ist nun mal nicht Sinn der Sache», fügt Werner Ibig hinzu. Das Kloster fasziniert ihn. «Ein Zug, der seit Jahrhunderten in Bewegung ist», sagt er und führt durch die weiten Gänge, auf deren Boden das Licht Schatten zeichnet. Gänge in denen unzählige Geschichten hausen. Werner Ibig kennt viele davon, erzählt sie mit viel Herzblut, als ob er Schatullen öffnet und wieder schliesst. Vom Kinderheim St. Iddazell beispielsweise, das hier von 1879 bis 1976 untergebracht war. «Kinderheime waren eine Antwort auf die sozialen Missstände als Folge der Industrialisierung. Allerdings gelang es angesichts der beschränkten Mittel nur bedingt, diesen Missständen adäquat zu begegnen», sagt Werner Ibig. Er führt durch die Bibliothek, die damals Schlafsaal war. Dann zeigt er das barocke Archiv, mit hunderten bunten Schubladen und Fächern, erklärt das damalige Ordnungssystem und die Wichtigkeit der Symmetrie im Barock, während er durch eine Türe geht, die als Gestell getarnt ist und genau gegenüber der Eingangstür liegt. Unsichtbar für das ungeübte Auge. Dann bleibt er im Innenhof stehen, inmitten der Naturwiesse und sagt: «Das ist sozusagen unser grösster Seminarraum. Sitzbänke, auch zum Ausruhen, Steine, auf denen die eigenen Schritte gehört werden, Tische zum Arbeiten – was braucht es mehr für ein erfolgreiches Seminar?» Mit tiefem Gesang erklingen die Glocken des Kirchenturms. Wenn auch fünf Minuten zu früh – Pünktlichkeit ist wichtig, in der Benediktinergemeinschaft.

Langsam wird es Abend. Die Cars sind weg, Stille legt sich über das Kloster und das Dorf Fischingen. Dieses liegt wie das Kloster auf 600 Metern über Meer. Das Klima entspricht aber einer Höhenlage von rund 1000 Metern über Meer. Der Winter ist härter am Fuss des Hörnli, dafür liegt Fischingen häufiger über der Nebelgrenze. Am Morgen heisst es Abschiednehmen. Auch das ist Teil des Pilgerns: Weiterziehen. In der Kirche drückt Pater Gregor den Pilgerstempel in den Pilgerpass. Und dann sind wir am Ende dieser Geschichte angelangt. In der Iddakapelle packt Pater Gregor den Pin, den er uns gleich mit auf den Weg geben wird aus dem Plastik. Aus­ser dem Rascheln ist es still. Dann der Pilgersegen. Ein Wort mit auf den Weg. Die Reise als Mosaikstein eines grossen Bildes. Das Kloster im Rücken geht es über das Hörnli weiter Richtung Einsiedeln. Ein paar Tage sind seither vergangen. Die Zeit ist wieder zurückgekehrt, mit einem vorwurfsvollen Grinsen hat sie sich wieder dazugesellt, als wäre sie nie weggewesen. Irgendwann eine Entdeckung, beiläufig, am Morgen beim Anziehen der Socken. Sie sind weg, die Risse in den Füssen, die monatelang geschmerzt haben und die sich weder mit Cremen noch mit Salben kurieren liessen. Einen Moment Innehalten. Das hat doch keinen Zusammenhang mit der Öffnung am Grab der Heiligen Idda? Das kann doch nicht sein! Oder doch? Stephanie Elmer ist transhelvetische Redakteurin und hat sich für diesen Artikel zum ersten Mal auf Pilgerwege begeben. Ob es irgendeinmal bis nach Santiago de Compostela reicht, wird sich zeigen. Helmut Wachter ist Fotograf und lebt mit seiner Familie in Zürich. Die Einkehr im Kloster hat ihm gefallen, aber für den Fussballmatch am Abend hat er eine Ausnahme gemacht. wachter-fotografie.com

PILGER ODER SEMINARGAST Das Kloster Fischingen lädt zur Einkehr – in vielerlei Hinsicht. klosterfischingen.ch

DER SCHWABENWEG Als Schwabenweg wird der Abschnitt des Jakobsweges zwischen Konstanz und Einsiedeln bezeichnet, der rund 90 Kilometer lang ist und zur Hälfte durch den Kanton Thurgau führt. Der Name dürfte auf die überwiegend schwäbischen Pilger zurückzuführen sein, die früher auf diesem Abschnitt anzutreffen waren. Der Thurgau war der erste Kanton, der den historischen Pilgerweg wieder durchgehend begehbar machte und beschilderte. Am 2. September erzählt der damalige Projektleiter Ueli Gubler Geschichte und Geschichten über den Kanton Thurgau in der Villa Sutter in Münchwilen. villa-sutter.ch, jakobs-pilgerweg.ch

Genesung: Die Öffnung am Grab der Heiligen Idda soll schmerzende Pilgerfüsse heilen. →

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E R F O LG S G E S C H I C H T E

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Ein Sammelsurium: Erna Honegger in ihrem Fischerei-Artikel-Geschäft in Mollis.

Vor der Kulisse: Fliegenfischerin Erna Honegger

Dorie — © Disney Pixar

Text — Sarah Altenaichinger / Bild — Lea Reutimann

Wir befinden uns in Ihrem Fischerei-Artikel-Geschäft in Mollis. Was verbindet Sie mit diesem Laden? Die Erinnerung an meinen Vater ist hier verankert. Wie ich, liebte er es, draussen zu sein, vor allem um zu fischen! Schon als kleines Mädchen durfte ich ihn begleiten. Gründete Ihr Vater das Geschäft? Als ich sieben Jahre alt war, eröffnete er den ersten Fischereiladen im Kanton Glarus und Umgebung. Er fing mit ein paar Ruten und Rollen an. Die Fischerei begann sich zu entfalten und unser Geschäft entwickelte sich immer weiter. Über 30 Jahre lang führte er den Laden, bis ich ihn übernahm. Das muss jetzt schon gut 35 Jahre her sein! Manchmal vergesse ich, wie alt ich bin. Was ist das Spezielle an Ihrem Geschäft? Das Fliegenfischen. Ich verkaufe handgemachte Fliegen, Nymphen und Streamer. Was versteht man unter Fliegenfischen? Bei dieser Methode wird eine künstliche Fliege als Köder an ein feines Vorfach geknüpft. Durch verschiedene Wurftechniken landet die Fliege zielgenau und sanft, wie eine lebendige Fliege, im Wasser. Es ist eine nachhaltigere Art des Fischens.

Wieso nachhaltig? Diese Art zu fischen ist unglaublich tierschonend, da man ohne Widerhaken angelt. Falls der Fisch an der Angel noch zu klein ist, kann er im Wasser wieder losgemacht werden, ohne ihn zu verletzen. Wer sind Ihre Kunden? Der Jüngste ist sechs, der Älteste 84 Jahre alt. Letzterer kommt bis zu viermal im Jahr in meinen Laden, um für sein Angelhobby, das Fischen im Bergbach, die nötigen Zutaten einzukaufen. Grundsätzlich ist das Fischen für alle meine Kunden ein Hobby: Deshalb findet man bei mir nicht nur sämtliches Zubehör, sondern trifft auch auf die verschiedensten Menschen – vom Handwerker bis zum Arzt. Sie sind 76. Haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt, den Laden zu schliessen? Ach, das sage ich seit fünf Jahren. Dann bitten mich die Leute aber immer, ihn weiterzuführen. Das ist für mich ein grosses Kompliment! So lange ich gesund bin, werde ich dies nun tun. Geld kann man nicht mehr wirklich verdienen, aber der Plausch an den Jungfischern und die Freude am Beruf zählen.

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Welches Erlebnis möchten Sie immer in Erinnerung behalten? Extrem schön finde ich, wenn jemand Fliegenfischen lernt und ich dabei bin, wenn er den ersten Fisch fängt. Oder eben auch, wenn er ihm beim ersten Mal entwischt: Das ist nicht ungewöhnlich und war auch bei mir der Fall. Theoretisch weisst du alles und machst dann vor Aufregung doch alles falsch! Und die Buben. Wenn sie mir einen 20oder 50-Räppler als Trinkgeld geben und ich sage: «Musst du doch nicht!» Und sie: «Doch! Wir wollen dir das geben!» Ich muss das Geld dann annehmen, sonst wäre es fast eine Beleidigung. Auf der nächsten Seite erzählt Erna Honegger in «Hinter der Kulisse» von ihrem wichtigsten Fang.

erfolg-Geschichte #11 Unsere Partner von «erfolg» zeichnen in jeder Ausgabe besonders erfolgreiche Menschen aus. Die elfte Auszeichnung geht an Erna Honegger, die in Fischerei-Kreisen eine Koryphäe darstellt.

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E R F O LG S G E S C H I C H T E

Fliegenbinden: Mit den bunten Knüpfkunstwerken fängt Erna Honegger ihre Fische.

Hinter der Kulisse: Fliegenfischerin Erna Honegger Text — Sarah Altenaichinger / Bild — Lea Reutimann

Die Fliegen, die Sie in Ihrem Fischerei-Artikel-Geschäft verkaufen, knüpfen Sie selbst. Was ist Ihre Spezialität? Ich binde gerne Parachuten, sogenannte Fallschirmfliegen. Ich arbeite mit verschiedenen Materialien. Beim Spaziergang mit dem Hund entdecke ich draussen oft Entenfedern oder Federn von Greifvögeln. Daraus binde ich naturgetreue Fliegen. Gestern flog mir ein Insekt entgegen, das ich noch nie gesehen hatte. Ich dachte: «Jawohl, für dich brauche ich die gefundenen Federchen!» Wie viele Fliegen schlüpften schon aus Ihren Händen? Ach du grüne Neune! Ich bin mir nicht genau, x-tausend, denke ich. Ich habe sie nie gezählt. Die halbe Welt hat schon bei mir Fliegen bestellt und gekauft. Geben Sie auch Kurse? Früher brachte ich den Kindern und Erwachsenen das Fliegenbinden und das -fischen bei. Wenn sich dann beim Üben eine Fliege in einem Ast verfing, kletterten die Kleinen hinauf und befreiten sie. Heute führe ich nur noch äusserst selten Kurse durch.

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Welcher Fang macht Sie besonders stolz? Die 54 Zentimeter lange Bachforelle, die ich im Bergsee gleich auf Anhieb gefangen habe, freute mich besonders. Schon nach dem ersten Wurf hing sie an der Trockenfliege. Ein perfekter Moment! Erst am Abend zuvor hatte ich die Fliege dafür gebunden. Es war nicht mein grösster Fisch, den ich je gefangen habe. Ein anderes Mal angelte ich im Linthkanal mit dem Streamer eine 84 Zentimeter lange Seeforelle. Ihr Leben lang haben Sie sich in Männerdomänen bewegt. War das schwierig? Vor allem für meine Eltern war es schwer, als ich ihnen mitteilte, dass ich mit Pferden arbeiten wollte. Das war damals eindeutig etwas für Männer. Ich lernte Pferdepflegerin, Bereiterin und anschliessend Reitlehrerin. In diesem Beruf arbeitete ich zuletzt für drei Jahre in Italien. Schliesslich kehrte ich in die Schweiz zurück, wo ich dann zwölf Jahre bei einem Maler tätig war. Auch da wunderten sich die Leute. Wenn ich gemalt habe, standen sie daneben und haben zugeschaut. Schliesslich übernahm ich den Fischereiladen von meinem Vater und tauchte wiederum in ein Männergebiet ein.

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Ihr Leben ist ja eine wahre Wundertüte. Würden Sie es als erfolgreich bezeichnen? Das ist ein komisches Wort. Erfolgreich mag ein Sportler sein, wenn er eine Medaille an Olympia gewinnt. Aber gut, von Männern beim Fischen akzeptiert zu werden und ihnen etwas beibringen zu können, das ist schon ein Erfolg. Darauf kann ich eigentlich wirklich stolz sein. Erfolgreich ist mein Leben auch deshalb, weil ich meine Träume verwirklichen konnte! Zurückblättern und in «Vor der Kulisse» von Erna Honeggers Liebe zum Fliegenfischen lesen. Lea Reutimann ist Fotografin aus Winterthur und absolvierte vor Jahren ganz im Geheimen die Fischerprüfung. leareutimann.ch Sarah Altenaichinger ist transhelvetische Redakteurin.

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I N S P I R AT I O N « F I S C H »

Sammelsurium «Fisch» Text — Thomas Wyss

In der warmen Jahreszeit beginnt frau und man den Feierabend gern mit einem wohlmundenden Sommerdrink. Die bekanntesten Mixturen heissen «Aperol Spritz», «Hugo» oder neu «Portonic», eine aus Portugal importierte Kreation, bestehend aus weissem Portwein, Tonic-Wasser und Pfefferminz. Weniger geläufig ist dagegen der «Fisch» ... ausser in der Talacker Bar mitten in der Zürcher City, welche diese schräg benamste, simple und süffige Sommerdrink-Variante – Eistee kombiniert mit Vodka – seit zehn Jahren auf der Karte hat, und sie deshalb nicht ganz zu unrecht «Klassiker» schimpft. Schräger Klassiker? Dazu passt natürlich auch ein trotz Diminutiv weitaus grösserer «Fisch», nämlich das Duo Fischli/Weiss, das zusammen mit Pipilotti Rist zu den im In- wie im Ausland bekanntesten Schweizer Gegenwartskünstlern zählt. Peter Fischli und David Weiss fanden 1979 zusammen, ihren ersten Welterfolg feierten die sensiblen und bisweilen auch etwas sentimentalen Parodisten 1987 mit dem Kunstfilm «Der Lauf der Dinge» an der renommierten Kunstausstellung «documenta 8» in Kassel. Das Werk, das eine verblüffende Kettenreaktion festhält, ist charakteristisch für das Schaffen der beiden Zürcher, die auf augenzwinkernde und doch philosophische Art den Gang der Welt zu reflektieren versuchten. Anderes Paradebeispiel hierfür ist das smarte Lebensfragebuch «Findet mich das Glück?». Leider aber wird nichts Neues mehr kommen, David Weiss ist im April 2012 verstorben. Ans Ende ihrer Tage gekommen schienen auch die «Karpfen» – also nicht die Fische, sondern die rund dreissig gleichnamigen, blau-weiss bemalten Trams mit Baujahr 1959 und 1960 und der Fachbezeichnung

«Be-4/4», die in Zürich bis im Dezember 2006 über die Schienen quietschten – und dann, nach über vierzig Jahren Betriebszeit, ausrangiert wurden. Statt im Alteisen landeten sie zwischen 2007 und 2011 jedoch allesamt als Geschenk in der ukrainischen Stadt Winnyzja, wo sie noch heute, zusammen mit ihren technisch engen Verwandten, den Gelenkwagen «Be-4/6» (Übername «Mirage»), im Einsatz sind. Auch nichts mit lebendigen Fischen (und Säugetieren) zu tun haben a) der helvetische «Fichenskandal», der Ende der 1980er-Jahre das Vertrauen des Schweizer Volkes in den Bundesstaat heftig erschütterte, und b) der Walensee im Kantonsgebiet Glarus/St. Gallen, dessen Name historisch «der See der Welschen» bedeutet, womit die Germanen vermutlich romanisierte Kelten (Englisch: the Welsh) bezeichneten. Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft, konkret ins Jahr 2022. Ab dann soll im Basler «Ozeanium» eine hierzulande nie dagewesene Artenvielfalt an Meeresbewohnern zu bestaunen sein. Ob auch ein Wal dabei sein wird? Gewiss ist, dass Basel am Rhein liegt. Und dass dieser mächtige Strom, bevor er in Belgien in die Nordsee mündet, in den Niederlanden ein Gebiet durchfliesst, welches – genau! – die Waal genannt wird.

Thomas Wyss ist Redaktor beim «Tages-Anzeiger» im Ressort «Zürich» und Autor. Seine Bücher heissen «Sammelsurium Schweiz» (2010) und «Das um ein Haar geköpfte Matterhorn und ca. 17 weitere, neu entdeckte und mehrheitlich erschütternde Geheimnisse rund um die Schweiz» (2012), beide sind im Faro Verlag erschienen. faro.ch

re  •  Geschlechts hes Alter: 38 Jah 1–25 kg  •  Möglic auf pen up •  35 cm–1,2 m •  Sch l zah •  An   re, m: 3–4 Jahre  gen Untergrund reife: w: 4–5 Jah : liebt schlammi   •  Lebensraum Kartoffeln, is, Ma er: Seitenlinie: 33–40 köd Angel e: Bodentiere  •  s: 18 g  •  Lieblingsspeis l, 484 kj, Eiweis ert / 100 g: 115 kca und hrw Nä •  lic  Fro ät zu Weihnachten alit ezi Sp e sch kulinari •  Besonderheit: lich nd: verletz Silvester  •  Besta

Karpfen

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I N H A LT

Kultur

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97

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68 Lesestoff

LITERARISCHE ORTE

69 Der Grüne Heinrich von Fischenthal 70

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ARCHITEKTUR & DESIGN

Stilvoll C U L I N A R I A H E LV E T I C A

Ein Räuber im Rauch

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GASTRONOMIE

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BETTGESCHICHTE

Speis & Trank Frische Fischerhäuser

L I T E R AT U R B E I L A G E

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Goldkopfnymphen

Kopfkino von Simone Lappert

GENESIS #36

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Der Aargau wird erobert

D I E W E LT Z U G A S T

86 Norwegen KALENDER

97 August / September

Bild — zvg  /  Karte — Bundesamt für Landestopografie

Z U FA L L S R E I S E # 2

98 Gegen den Strom Bild

KU N S T, M U S I K & T H E AT E R

66 Kulturbunt

Die Herzbaracke auf dem Zürichsee

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KU LT U R

KU N S T, M U S I K & T H E AT E R

K U LT U R B UN T Am Rhein Kleinkunstfestival Stein am Rhein — Es ist ein altes Pflaster. Ein zweitausend Jahre altes Pflaster. Kein Wunder, denn wo der Rhein aus dem Untersee fliesst, ist der Ort für eine Brücke und ein Städtchen wie gemacht. Und es lebt sich gut hier, auch wenn das alte Pflaster heute vornehmlich von Bequemschuhen deutscher Touristen begangen wird. Auf diesem Pflaster muss mehr möglich sein, dachten sich die Theaterleute Katja Baumann und Simon Gisler. Als ich Letzteren kürzlich sah, hatte er ein Pflaster auf der Stirn, denn einmal im Jahr spielt er Verbrecher für auszubildende Polizisten, und eine Verhaftung lief aus dem Ruder, aber item. Vor acht Jahren riefen die beiden das Kleinkunstfestival «nordArt» ins Leben. Gespielt wird auf dem alten Pflaster: Unter freiem Himmel im «Asylhof», dem ehemaligen «Spital zum heiligen Geist» aus dem 13. Jahrhundert. Heuer erhält dort der helle Geist Uta Köbernicks Asyl. Im Saal des Klosters Sankt Georgen, aus dem 15. Jahrhundert, spielt die Compagnie La Pendu wunderbares Puppentheater. Und an der Schifflände gibt es Strassenkunst für alle. Stein am Rheins altes Pflaster: ein tolles Pflaster für nagelneue Kleinkunst. Und sollten Sie übers Pflaster stolpern und dann eins auf der Stirn haben: Sagen Sie einfach, Sie hätten einen Verbrecher gespielt. Ralf Schlatter ist eine Hälfte des Kabarettduos schön&gut. Er erzählt hier von seinen liebsten Kleintheatern. schoenundgut.ch nordArt Festival in Stein am Rhein, 19. – 27. Aug. nordart.ch

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T H E AT E R S T Ü C K

Zauber vom Zürichsee Die schwimmende Baracke mit Herz

ziehens gekostet hat, bringt man sie fast nicht mehr weg, diese brennende Sehnsucht, die glüht wie ein Sonnenuntergang auf dem Zürichsee. Aus dem Theaterbären Pfaffen ist so ein Seebär geworden, aus dem Theater-Direktor ein Kapitän. Zusammen mit Co-Direktorin Nicole Gabathuler hat er die Herzbaracke durch manchen Sturm geführt. Und davon gab es viele – im und abseits des Wassers. Beirren liessen sie sich aber nie. Jedes Jahr stellen sie ein abwechslungsreiches Kulturprogramm zusammen, das sie durch ihre verzauberte Gestaltungs-Maschine rattern lassen, die dann liebevolle Bilder dazu ausspuckt. Und dass in der Herzbaracke der Kulturbegriff so weit wie der Himmel über dem See ist, zeigt ein Blick in die Speisekarte. Dort steht: «Ihr Gaumen ist uns soviel Kultur wie ihre Augen und Ohren.» Ahoi!

Wie aus einer anderen Welt: Die Herzbaracke auf dem Zürichsee.

Zürichsee – Melodramatische Seemannslieder schaukeln in die dunkelblaue Nacht, Welle um Welle. Blues, Boggie Woogie und Swing brechen sich im schäumenden Wasser. Der Flamenco tanzt über den See. Wie im Traum erscheint das Salon-Theater Herzbaracke auf dem Zürichsee, ein blaues Haus mit Turm und Türmchen. Scheinbar entsprungen aus einer anderen Zeit wirft sie den Anker, legt an, und bringt mit dem sanften Hauch der Belle Epoque Theater, Varieté, Musik und Tanz in die Häfen von

Rapperswil, Stäfa, Thalwil und dem Bellevue in Zürich. Und dann tuckert sie weiter, leise, so, als wäre sie nie dagewesen. Dieses Spiel treibt sie schon seit bald zwei Jahrzehnten. Damals hatte sich Federico Emanuel Pfaffen einen schwimmenden Theatersaal auf dem Zürichsee vorgestellt. Viele Sturm-undDrang-Jahre lagen hinter dem leidenschaftlichen Theatermacher, einem Tausendsassa mit Ideen im Kopf, wie wilde Flöhe. Das Theaterleben machte einen Vagabunden aus ihm und, wenn man erst einmal den Geschmack des Weiter-

Herzbaracke Die Herzbaracke legt im August in Thalwil und im Oktober in Stäfa an. Danach geht’s bis Mitte März nach Zürich und im Frühling nach Rapperswil. Programm und Reservation: herzbaracke.ch

MUSIKSTÜCK

Bergsee

Erinnern Zum 80. Geburtstag von Mani Matter Bern — Seine Liedertexte sind legendär, haben uns durch die ganze Schulzeit und in manches Klas-

Im leuchtenden Wasserabgrund, kühl, grün und gläsern, scheinen die Fische, Geduld und Ungeduld, ihr Leben lang auf etwas zu warten.

Gedicht aus dem Buch «Was kann einer allein gegen Zen Buddhisten» von Mani Matter, erscheint im Oktober 2016 im Zytglogge Verlag.

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Bild oben — zvg

B R E T T E R D E R H E I M AT — R A L F S C H L AT T E R


KU N S T, M U S I K & T H E AT E R

KU N S T S T Ü C K

KU LT U R

TA K T V O L L — R O C K E T T E

Kunst im Freien Wo die Natur zum Kunstwerk wird Safiental — Ein Null-Sterne-Hotel schmiegt sich in eine Grasnische mit Blick auf grüne Hänge und die kantigen Hauben des Crap Grisch und Piz Tomül. Auf der anderen Seite des Tals hangelt sich eine Regenbogen-Wäscheleine über die VersamerSchlucht und ihre blaue Ader, die Rabiusa. Grund dafür ist die erste «Alps Art Academy», welche dreissig Studierende aus 22 verschiedenen Ländern ins malerische Safiental führte. In sechs Tagen pflanzten sie mit bekannten Dozierenden sorgfältig acht Kunstwerke in die Bündner Berglandschaft hinein. Unter den Schweizer Dozierenden befanden sich die Künstler von «Com&Com», «Atelier für Sonderaufgaben» und «Les Frères Chapuisat». Gemeinsam spielten sie mit modernen Formen der «Land Art». Diese Kunstform setzt sich zum Ziel, im natürlichen Raum eine Installation zu kreieren, die weder käuflich, noch mobil, noch von Dauer ist und sich wiederfindet im spannungsgeladenen Spielraum zwischen Mensch und Natur. Die Land-Artisten sind nun wieder ausgeflogen nach Island, Palästina, Venezuela, Thailand, Zürich, Genf oder St. Gallen. Für uns Wandervögel fängt das Ganze aber erst an: Bis in den Oktober hinein können die Kunstwerke besucht und interaktiv genutzt werden. Mit gutem Schuhwerk und einer Wanderkarte geht es los, zu der versteckten Zwinkerkunst in allen Ecken des Safientals! Art Safiental Bis 16. Okt, tägl. geöffnet. artsafiental.ch

Bild oben — z vg / Bild unten —zvg

Farbentanz: «Silent shapes» von Filippo Minelli.

senlager begleitet. Alltagspoesie in Form von Musik, gepaart von spitzer und dennoch liebevoller Beobachtungsgabe und pointierter Wiedergabe. Am 4. August dieses Jahres wäre der Berner Liedermacher Mani Matter 80 Jahre alt geworden. Doch er verunfallte im November 1972, auf dem Weg an ein Konzert. Wir verneigen uns vor einem grossen Künstler und stimmen an: «Ich han es Zündhölzli azündt.»

Matter Stadtplan Auf den Spuren des grossen Liedermachers quer durch Bern spazieren: Orientierung hierzu gibt es mit dem entsprechenden Matter Stadtplan. Download: manimatter.ch Matter Musik Seit 2004 setzt sich Ueli Schmetzers «MatterLive» mit dem musikalischen Erbe Mani Matters auseinander – und tourt auch im Jubiläumsjahr durch die Schweiz, 4. Aug – 22. Dez 2016. matterlive.ch

Riesenfisch im Wohnzimmer: das Musikvideo «Seriously» von Gina Été.

Von wegen stumm Wenn Fische Musik machen Patent Ochsner-Frontmann Büne Huber hat mit «Fischer» einst ein Lied davon gesungen, wie gerne er alleine da draussen in einem Boot wäre, einen «Mordshecht» aus dem Wasser ziehen würde – oder der Fisch ihn rein. Sein Kollege Polo Hofer, übrigens im Sternzeichen Fisch geboren und Ehrenmitglied des Schweizerischen Fischerei-Verbandes, hat schon als Kind leidenschaftlich gerne geangelt. Mit dem Song «Gah lieber ga fische», hat er viel später einen Blues auf sein gutes altes Hobby geschrieben. Warum auch immer: Die Natur, die Ruhe an Seen und Flüssen, die Gummistiefel, der Beutetrieb, irgendetwas im Zusammenhang mit Fischen übt eine Faszination auf Musiker aus. Thomas Schläppi, Gitarrist bei der Bieler Rockband Death by Chocolate und Projektleiter beim Fischereiverband, bestätigt: Von seinen Fischerkollegen machen viele Musik. Und umgekehrt lässt so mancher Künstler die Unterwasserwelt in sein Schaffen einfliessen. Wie Gina Eté, die junge Zürcher Post-Poetic-Pop-Sängerin, die viele Instrumente spielt und in drei Sprachen singt. Sie hat für ihr neustes Video «Seriously» einen übergrossen Clownfisch durch ein Zimmer schweben lassen. Die Basler Indie-Band Hecht hat sich das Tier zum

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Namen gemacht, so auch Extrafish, eine Klezmer-Gypsi-Band. Man kann tatsächlich darauf vertrauen: Eine Band mit Fischnamen oder Unterwasserbezug ist in aller Regel ein guter Fang.

Rockette sind fünf Journalistinnen, die hemmungslos über die Schweizer Musikszene schreiben. Mehr Geschichten: rockette.space

ROCKETTES LIEBLINGE 1. GINA ÉTÉ Die Single «Seriously» ist ein herrlicher Appetizer für die EP «Moonchild». ginaete.com 2. EXTRAFISH Reinhören in die EP «Dshingis Balkhan» der vier Musiker mit Fischmaske! extrafish.ch 3. FISH Die Karriere des Musikers neigt sich nach eigenen Angaben dem Ende zu. Am 10. Sep will er in Augst das Publikum an seine Blütezeit zurückerinnern. fish-thecompany.com 4. EGLI Der Singer-Songwriter und Jazzmusiker aus St. Gallen untermalt seine Mundarttexte mit Gitarre, Ukulele, Mandoline und Minikeyboards. theegli.ch

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BÜCHER

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Lesestoff Text — Sarah Altenaichinger

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Liebevoll und poetisch erzählt Matthias Keilich die Kindergeschichte «Mariuschla – Das Rhein-Quellchen», die mit zarten Pinselstrichen von Jean-Louis Vidière zum Leben erweckt wurde. casanova.ch 2

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  Quer durch die Schweiz

Abtauchen zu Höhlentouren, sich treiben lassen auf Wasserwegen oder schwitzen auf Klettersteigen? Der Reiseführer «Erlebniswanderungen Schweiz» von Jochen Ihle hält aufregende Ausflugstipps für Gross und Klein bereit. werdverlag.ch 3

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  Ein Leuchtturm auf Reisen

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  Mit dem Schiff über den Pass

Pietro Caminada – ein Mann mit einem verrückten Traum: die Schiffbarmachung der Alpen! Anita Siegfried verwebt in «Steigende Pegel» Fiktion und Fakten und folgt den Spuren des Ingenieurs. bilgerverlag.ch

  Wo das Wasser fällt

Hier sind sie: Die grössten, die längsten und schönsten Wasserstürze, die die Schweiz zu bieten hat und die besten Wege dorthin. «Die Wasserfälle der Schweiz» von Christian Schwick und Florian Spichtig ist aber neben den Wandertipps auch ein spannendes Nachschlagewerk. at-verlag.ch

  Franz, der Fisch

«Mein Name ist Franz. Wer mich ärgern will, nennt mich Franzi», stellt sich der schuppige Protagonist aus Erwin Kochs Erzählung «Franz» vor und erlebt auf seiner Reise zum Bodensee viele Abenteuer und seine erste grosse Liebe. nzz-libro.ch

  Von wegen stummer Fisch!

Der Bioakustiker Roland Kurt bringt uns in «Stumm wie ein Fisch?» die Sprache der Fische bei. Die sind richtige Plappermäuler und können mit ihren Lauten kommunizieren, jagen oder auch verteidigen. Auf der beiliegenden CD hört man sie zischen und trommeln. fischueberalles.ch


LITERARISCHE ORTE

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Der Grüne Heinrich von Fischenthal Text — Emil Zopfi  / Bild — Corinne Kramer

Fischenthal – Auf dem Wanderweg von Steg im Tösstal aufs Hörnli kommen wir an der Waldlichtung Leiacher vorbei, auf der ein ehemaliges Bauernhaus steht. Es ist renoviert, mit einem gepflegten Garten, einem holzverschalten Anbau, Dachfenstern und einem kleinen Balkon. Nichts erinnert daran, dass hier Jakob Senn (1824–1879) mit seinen Eltern und den fünf Geschwistern als Heimarbeiter am Webstuhl lebte. «Es waren mir Tage tiefster Betrübnis», schreibt der bildungshungrige junge Mann, der schon früh den Wunsch hegte, ein Dichter zu werden. Geboren ist er im Äner Länzen bei Steg in einem Zürcher Oberländer Flarzhaus. Jakob konnte nur fünf Jahre zur Schule, fand jedoch Förderer in seinem Lehrer und dem Apotheker von Fischenthal, der ihm Bücher auslieh. Er las Homer, Goethe und Gotthelf, lernte autodidaktisch Latein und Französisch. Angeregt von George Byrons Lyrik verfasste er Gedichte, doch für einen Druck fehlte ihm das Geld. «Der ganze Plunder landete im Feuer», schreibt er. Den Durchbruch brachte die Bekanntschaft mit dem Dichter Jakob Stutz (1801– 1877), der auf dem Sternenberg in einer Klause lebte und junge Männer um sich scharte. Sie lasen sich selbst verfasste Texte vor, diskutierten sie und liessen sich von Stutz anleiten. Oft wanderte Jakob mit seinem Bruder Heinrich vom Leiacher hinauf auf den Sternenberg. Stutz empfahl ihm, nicht Vorbildern nachzueifern, sondern die eigene Lebenserfahrung als Inspiration zu nutzen. Auf Grund seines Tagebuchs verfasste er um 1863 in Zürich, wo er in einem Antiquariat arbeitete, den Entwicklungsroman «Hans Grünauer» – auch der «Grüne Heinrich von Fischenthal» genannt. Anschaulich, genau und ernsthaft, aber auch mit Humor und Ironie schildert Jakob Senn die Lebenswelt seiner Kindheit und Jugend im Tösstal, die ungeliebte Arbeit am Webstuhl und seine Sehnsucht nach Büchern und Bildung bis zu dem Tag, an dem er sich entschliesst, ein Schriftsteller zu werden. Das Buch endet mit den Sätzen: «Als ich begann, sprossen die ersten Maiblumen, heute sah ich die ersten Eisblumen auf den Scheiben eines Küchenfensters. Das Buch, der Traum meines Lebens, ist ein Sommernachtstraum geworden, den ich zwischen Maiblumen und Eisblumen geträumt habe.» «Ein vollendeter Roman, der über 150 Jahre hinweg seine Gültigkeit bewahrt hat»,

Auf dem Hörnli: Aussicht auf Fischenthal.

schreibt der aus Fischenthal stammende Publizist Matthias Peter, der den Roman im Zürcher Limmat Verlag neu herausgegeben hat. Erschienen ist das Buch erstmals 1888 unter dem Titel «Ein Kind des Volkes». Für Jakob Senn kommt die Erfüllung seines Lebenstraums jedoch zu spät. Nach einem Versuch als Gastwirt in St. Gallen wandert er mit Frau und Sohn nach Uruguay aus, kehrt arm und verzweifelt zurück nach Zürich und nimmt sich das Leben im März 1879 durch einen Sprung in die Limmat. Emil Zopfi ist Schriftsteller, Bergsteiger und Wanderer in Zürich. Mit seiner Frau Christa hat er das Wanderbuch verfasst: «Sehnsucht nach

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den grünen Höhen. Literarische Wanderungen zwischen Pfannenstiel, Churfirsten und Tödi», rotpunkt Verlag, Zürich 2014. zopfi.ch Corinne Kramer ist Fotografin aus Zürich. Nachzulesen Jakob Senn, «Hans Grünauer», Limmat Verlag, Zürich 2006. Nachwort von Matthias Peter. Matthias Peter, «Jakob und Heinrich Senn – Zeitbilder der Schweiz aus dem 19. Jahrhundert», Verlag NZZ, Zürich 2004. Nachzuwandern Bahnhof Steg–Leiacher–Breitenweg– Hörnli, 1 ½ Std. Von hier diverse Möglichkeiten, unsere Empfehlungen: Hörnli–Chlihörnli– Gfell–Sternenberg, 1 ¼ Std. oder Hörnli– Chlihörnli–Allenwinden–Fischingen, 2 Std.

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ARCHITEKTUR & DESIGN

S T I LVOL L DESIGNSTÜCK — NICOLE SCHNEIDER

Leder aus Fisch

Ein Gespräch mit Designerin & Materialscout Sabina Brägger

Aus Fischleder gemacht: Taschen, Uhrenbänder und Gürtel.

Bern — Sabina Brägger, mögen Sie Fisch? Ja, am liebsten vom Grill. Deshalb sind Sie auch auf die Idee gekommen, aus Fischhaut Taschen, Uhrenbänder und Gürtel zu produzieren? Nein, die Idee, Fischhaut zu Produkten zu verarbeiten, entstand während einer Führung im Tropenhaus Frutigen. Dass die in der Kaviarproduktion abfallenden Störhäute verbrannt werden, machte mich hellhörig, denn das Gerben von Fischleder ist keine neue Technik. Die erste Hürde war, einen geduldigen Gerber zu finden, der sich auf dieses Experiment einlässt. Die Gerberei Zeller in Steffisburg erwies sich als Glückstreffer. Gemeinsam pröbelten wir mit den ersten Störhäuten auf der Basis alter Rezepte. Bei früheren Tests des Gerbers ging die erste Serie völlig bachab, die Fischhäute hatten sich nach sieben Tagen vollständig aufgelöst. Inzwischen funktioniert die

Rezeptur aber tadellos. Und wie stark riechen die Produkte nach Fisch? Durch das Gerben riecht Störleder wie herkömmliches Leder, das wir kennen. Es ist jedoch robuster, griffiger in der Oberfläche und dauerhafter als andere Leder. Zusätzlich ist es wasserabweisend und sogenannt schweissresistent. Im Gebrauch wird das Material geschmeidiger und passt sich seinem jeweiligen Besitzer an. Hat das Störleder Kaviarpreise? Störleder ist nicht viel teurer als herkömmliches Leder. Mit der bewussten Entscheidung, die Häute in der Schweiz zu verarbeiten, kann der gesamte Prozess der Verarbeitung kontrolliert werden. Der lokale Kreislauf mit Bezug zum Ursprung des Materials bleibt erhalten. Durch die Produkte werden Sie auch als «Frau Stör» bezeichnet. Trifft das zu? Materialliebende Designerin

BAUWERK — DANIEL A MEYER

3 Tipps NOU Wenn sich Fische auf Socken tummeln, ist Jennifer Grunder am Werk. Sie fertigt grafische Unikate im Siebdruckverfahren. Siebundbrot, Neugasse 145B, Zürich. Mi & Fr 11 – 19 h. siebundbrot.ch, nou-nou.ch 24 STOPS Zwischen der Fondation Beyeler in Riehen und dem Vitra Campus in Weil am Rhein verläuft der Rehberger-Weg – ein Skulpturenweg mit 24 Stops. Er verbindet Natur & Kultur mit Kunst, Architektur & Design. 24stops.info LANGE NACHT Eine abwechslungsreiche Entdeckungsreise durch die zahlreichen Kulturstätten in Zürich. 3. Sep, 19 – 2 h. langenacht.ch

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Museum mit Bullaugen Geheimnisvolle Öffnungen beim Erweiterungsbau des Landesmuseums Zürich Zürich — Würden Museen von ihren Direktoren entworfen, wären sie vermutlich fensterlose Gebilde. Denn Sonnenlicht gilt als Feind für die erlesenen Ausstellungsstücke und bei seiner Wanderung durch die Räume ist die Belichtung der Objekte schwierig zu kontrollieren. Doch in erster Linie muss ein Museum für seine Besucher attraktiv sein, weshalb es selten ganz ohne Fenster auskommt. Das gilt auch für den Erweiterungsbau des Zürcher Landesmuseums. In dessen grösstenteils geschlossener Betonfassade fallen die spärlich

gesäten Öffnungen besonders auf. Der expressive Anbau der Architekten Christ & Gantenbein aus Basel macht neugierig. Warum weist ein steinernes Gebäude, das fest auf dem Boden steht, Schiffsaugen auf und was verbirgt sich dahinter? Die präzise angeordneten, runden Fenster durchbrechen die achtzig Zentimeter dicken Mauern und bringen Tageslicht in die dahinterliegenden Erschliessungsräume. Dadurch geben sie Ausblicke auf den über 100-jährigen Bestand, den Park und die Stadt frei und schaffen eine Orientierung für den Besucher. Gleichzeitig

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lassen sie dank der geringen Dimension nur wenig Wärmeeinstrahlung durchdringen, was für die hohen energetischen Anforderungen an das Gebäude relevant ist. Rätsel geben auch die verschiedenen Türen, Tore und Klappen mitten im Volumen auf. Ob etwa der Lauf eines historischen Kanonenrohrs zum Vorschein kommt, wenn das mit Baubronze belegte Falttor aufgeklappt wird? Nein, hierbei handelt es sich nicht um eine Schiessscharte, sondern um das Eingangsportal für besonders grosse Exponate. Mit Hilfe eines Krans gelangen sie direkt in die Ausstellungsräume. Einen weiteren Zugang in luftiger Höhe gibt es für die Feuerwehrleute. Die mit einem «F» geschmückten Türen gewähren ihnen Einlass über die Fassade im Falle eines Brandes und lassen frische Luft zur Ent-

Bild oben — Sabina Brägger

DESIGNREISE


ARCHITEKTUR & DESIGN

und Materialscout bringen es wohl besser auf den Punkt. Denn wir machen nicht nur Produkte aus Fischhaut, aktuell entwickeln wir auch solche auf der Basis von Schweizer Bisonwolle. Diese ist so fein und weich wie Kaschmir, hat aber bisher noch keinen grossen Stellenwert in der Schweiz.

«Dass die abfallenden Störhäute verbrannt werden, machte mich hellhörig.» Das Thema Upcycling zieht sich konsequent durch Ihre Arbeit. Woher kommt diese Faszination? Das Thema Material und Recycling beschäftigt mich seit meiner Kindheit. Versandhauskataloge hatten es mir besonders angetan, die abgebildeten Kleider habe ich ausgeschnit-

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ten und anschliessend nach Farben und Muster sortiert. Daraus erstellte ich mir ein erstes Materialmusterarchiv. Während meines Studiums zur Textildesignerin an der Hochschule Luzern setzte ich mich immer wieder mit dem Thema Upcycling auseinander. Das Potential von vermeintlich wertlosem Material in Verbindung mit Design hat mir ein neues Berufsfeld geschaffen.

Nicole Schneider ist Designerin und viel unterwegs, um die besten Designstücke aufzuspüren. le-comptoir.ch Accessoirs aus Restmaterialien Sabina Brägger, Bottigenstrasse 379, Bern. sabinabraegger.ch Tropenhaus Frutigen Für die Fischlederprodukte arbeitete Sabina Brägger mit dem Tropenhaus Frutigen zusammen, nun können die Produkte dort gekauft werden, Tropenhausweg 1, Frutigen. tropenhaus-frutigen.ch

Bild unten — Roman Keller

Ähnlichkeit: Der Tuffbeton für den Erweiterungsbau kommt der Tuffsteinfassade des Landesmuseums Zürich farblich sehr nahe.

rauchung hineinströmen. Ob Schiff oder Burg – eine Öffnung ist den Museumsdirektoren aber dann doch sehr wichtig: Der Besuchereingang. Ihn als solchen zu erkennen, dürfte niemandem Schwierigkeiten bereiten. Und nach Abschluss der Bauarbeiten am Landesmuseum wird er wieder leichter zu finden sein.

Daniela Meyer ist Architektin und freischaffende Autorin. Landesmuseum Am 1. August wird das Landesmuseum mit Erweiterungsbau wieder eröffnet. Passend dazu die Wechselausstellung zur Renaissance «Europa in der Renaissance. Metamorphosen 1400 – 1600», 1. Aug – 27. Nov 2016. nationalmuseum.ch

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Ein Räuber im Rauch

Text — Daniel J. Schüz  / Bild — Lukas Lienhard

Zürichsee-Fischer Andreas Braschler braucht Glück, wenn er ihn fangen will, und Wood-Food-Koch Valentin Diem riskiert blutige Finger, wenn er ihn in den Rauch hängt, den Hecht. Hurden am Zürichsee — «Soso», brummt der Fischer. «Einen Hecht; ihr wollt also einen Hecht …» Andreas Braschler, 45, wirft den Aussenborder an, löst die Leine vom Steg und tuckert auf den See hinaus. Der Vater von drei Töchtern und einem Sohn ist einer von zwanzig Berufsfischern auf dem Zürichsee. Tag für Tag legt er, noch bevor der Morgen graut, rund um den Seedamm seine Netze aus – so, wie es schon sein Vater getan hat. Und der Grossvater. Und der Urgrossvater. Manchmal nimmt er den kleinen Nick mit. Der stellt sich, wenn er die Felchen aus den Maschen klaubt, schon ganz geschickt an. Schön wär’s schon, wenn der sieben Jahre alte Bub dereinst die siebte Fischergeneration Braschler begründen würde. «Schwierig. Die Hechtsaison fängt erst wieder im Herbst an; jetzt, im Sommer, braucht es schon sehr viel Glück ...» Der Metallrumpf des Fischerboots zieht einen glitzernden Keil hinter sich her. Über den Hügeln des Zürcher Oberlands wirft die Sonne ihre ersten Strahlen aufs spiegelglatte Wasser, am Nordufer scharen sich Hotels und Restaurants ums Schloss Rapperswil, auf der anderen Seite ruht Pfäffikon im Schatten des Etzel, dazwischen das Dorf Hurden, wo die Braschlers fast schon seit Menschengedenken Fische fangen, ausnehmen, filetieren, einfrieren, verwursten und verkaufen. «Warum ausgerechnet einen Hecht?» Das ist eine buchstäblich delikate Geschichte. Sie beginnt ein paar Wochen zuvor ein paar Kilometer weiter nördlich, in Wetzikon, wo Patrick Marxer «DasPure» betreibt, eine

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exklusive Wurstmanufaktur und Delikatessen-Räucherei (Culinaria Helvetica Ausgabe #35). Dort hängt ein Prachtexemplar von einem Hecht im Räucherofen am Fleischerhaken. Regelmässig kontrolliert Valentin Diem auf einem Display die Temperatur tief im Fleisch des goldbraunen Fisches. Bei Bedarf reguliert Valefritz – der Zürcher Kult-Koch und Wood-Food-Pionier hat seinen alten Spitznamen zum Label erhoben – die Temperatur, indem er glühende Kohle aus einer offenen Schale holt und in den Räucherofen schaufelt. «Und jetzt wollt ihr wissen, wie das so ist, wenn man einen Hecht fängt?» Ganz genau. Denn eigentlich sollte diese delikate Geschichte ja nicht beim Räucherofen beginnen, sondern hier, auf dem See, wo unser Hecht vor Jahren entweder von Fischzüchtern ausgesetzt oder selbständig aus seinem Ei geschlüpft ist, zunächst Glück gehabt hat, weil er nicht sofort aufgefressen worden ist – und dann doch noch Pech, weil da plötzlich dieses Netz im Wasser hing … KEIN EINFACHER FANG Der Hecht hat gar keinen guten Ruf. Ein Räuber, sagt man, sei er – und das ist, gemessen an den schaurigen Geschichten, die über ihn erzählt werden, immer noch ein schmeichelhaftes Kompliment. Nach vollzogenem Liebesakt, so ist etwa bei Wikipedia zu lesen, tue er gut daran, so rasch wie möglich das Weite zu suchen, denn das Weib – es ist in der Regel grösser und kräftiger als der Gatte – trachte diesem, sowie er seine Pflicht erfüllt

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Im Wasser: Noch schwimmt der Hecht irgendwo.

In seinem Element: der Berufsfischer Andreas Braschler.

Ins Netz gegangen: kein Hecht, aber ein Felchen.

Im Ofen: Der Hecht wird von Valentin Diem geräuchert.

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habe, gern auch mal nach dem Leben; und kaum ist die Mutter niedergekommen, machen sich die Eltern in ruchlos gefrässiger Absicht über ihre Nachkommen her. Dieser Kannibale, der die eigene Brut verspeist, ist nach dem monströsen Wels der zweitgrösste Raubfisch in heimischen Gewässern. «Man mag ihn wirklich nicht besonders», sagt Valentin Diem, der den Hecht allerdings etwas differenzierter beurteilt. Dessen mangelnde Beliebtheit habe nichts mit seinem mörderischen Charakter zu tun, noch weniger mit der Qualität seines Fleisches, das «für einen Süsswasserfisch eine bemerkenswert feste Konsistenz hat». Zudem fehle das feucht-moosige Aroma, das anderen Fischen seines Kalibers – etwa dem fettigen Karpfen – eigen ist. «Mit seiner nussigen Note erinnert der Hecht eher an den Felchen.» Schuld am ramponierten Ruf ist eine anatomische Besonderheit, die den Hecht als Delikatesse von anderen Speisefischen unterscheidet: «Die Gräten sind das Problem», weiss Valefritz. Es sind sogenannte Y-Gräten. Wie Widerhaken verkeilen sich die aufgespaltenen Äste der Gräten im Fleisch des Fisches. Und das macht die Verarbeitung zur Herausforderung. «Der Fisch lässt sich nicht einfach filetieren; wenn man ihn grätenlos servieren will, muss man das Fleisch mühsam zupfen.» Deshalb wählen viele Küchenchefs den Weg des geringsten Widerstands: Sie stopfen den rohen Fisch in den Mixer und servieren ihn als Hecht-Soufflé.

fältig verschraubt werden muss, dass er für die Dauer des Räucherprozesses das Gewicht des Hechts tragen kann und stabil fixiert bleibt; die Arbeit ist gefährlich, weil man in unmittelbarer Nähe der Zähne hantieren muss – und die sind scharf wie Rasierklingen. «Da hat sich», warnt Valentin Diem, «manch einer schon blutige Finger geholt.» Ausser dem Haken werden an drei verschiedenen Stellen im Fisch Thermometer angebracht, sie müssen eine kontinuierliche Kontrolle der Temperatur sicher stellen. Um die Temperatur zu regulieren, unterhält Valentin Diem neben der Glut im Ofen noch ein zweites Feuer in einer offenen Schale; so kann je nach Bedarf glühende Kohle entfernt oder zugefügt werden. «Zum Schluss», sagt er, «kann man noch ein weiteres Holz beifügen, zum Beispiel Wacholder – dann wird der Abzug geschlossen, damit der Rauch nicht entweichen und das neue Aroma sich noch einmal schön entfalten kann.» Das tut es beispielsweise in einer klaren ArvenholzBouillon, in der kleine heissgeräucherte Hechtstücke treiben, die in geduldiger und geschickter Präzisionsarbeit von den Y-Gräten befreit worden sind. Man legt sie sich auf die Zunge und schliesst die Augen: Das unvergleichliche Wacholderbuchenholzaroma breitet sich langsam über den ganzen Gaumen aus. Mag sein, dass er ein ruchloser Geselle ist, der seine eigenen Kinder verzehrt. Wenn er allerdings selbst verspiesen wird, ist der Hecht zweifellos sehr viel besser als sein Ruf.

GESCHMACK BRAUCHT GEDULD Die Grätenproblematik sowie seine Grösse – er kann nahezu anderthalb Meter lang und bis zu zwanzig Kilo schwer werden – machen den Hecht zu «einem klaren Fall für den Profi», sagt Valefritz. Er zaubert mit verblüffenden Rezepturen das Aroma des Waldes auf den Teller und kitzelt den Gaumen mit den olfaktorischen Ingredienzen verschiedenster Baumarten. «Wenn man den Hecht unversehrt zubereiten will, hängt man ihn zum Heissräuchern in den Ofen. Als Gewürz passt Safran sehr gut zum Hecht, und das Holz der Buche oder der Arve, die als Energie- und Aromaquelle harmonieren – oder aber spannend kontrastieren.» Noch lange vor dem Feuer kommt das Wasser: Der frisch gefangene Hecht darf ein letztes Mal in sein altes Element zurückkehren – und wird zum ersten Mal kein Süsswasserfisch mehr sein. Schon am Vortag hat Valentin Diem eine Beize vorbereitet, eine Salzlake, die exakt berechnet werden muss: Das Wasser entspricht dem doppelten Gewicht des Hechtes und wird mit drei Prozent Salz versetzt. Darin lagert der Fisch 24 Stunden lang im knapp null Grad kalten Kühlraum. «In dieser Zeit», erklärt Valentin Diem, «findet zwischen dem Fisch und seiner Umgebung ein atmosphärischer Ausgleich statt: Das Fleisch wird durch und durch gleichmässig eingesalzen.» Am nächsten Tag beginnt die heikelste und zugleich gefährlichste Phase des heissen Räucherprozesses – und sie endet erst, wenn der Fisch im Rauch baumelt. Heikel ist sie, weil der Haken im Genick des Fisches so sorg-

NOCH EINMAL DAVONGEKOMMEN Nach drei Stunden zieht Andreas Braschler das letzte Netz ein, schält drei Felchen aus den Maschen und nimmt Kurs auf Hurden. «Tut mir leid, aber ich hab’s euch gesagt: Im Sommer fängst du keinen Hecht.» Dennoch ist er mehr als zufrieden: Weit über hundert Kilo Felchen sowie zwei dicke Karpfen sind ihm ins Netz gegangen. «Für euch war’s halt Pech», grinst er, «aber für mich war dies der bis anhin beste Fang des Jahres!» Sagt’s – und drosselt plötzlich den Motor. Etwas plätschert neben dem Boot im Wasser: Ein silbern glänzender Fischbauch taucht auf, windet sich – «Da ist er ja», staunt der Fischer. «Es ist tatsächlich ein Hecht!» – und verschwindet in der Tiefe. Da hat noch einer Glück gehabt. Rezept «Heissgeräucherter Hecht» — S. 76

Valentin Diem kocht 2016 für Transhelvetica. Er arbeitet an einem Kochbuch, das demnächst erscheint. valefritz.ch Daniel J. Schüz ist freier Autor und lebt auf der Forch. Lukas Lienhard ist Fotograf und lichtet mit Vorliebe alles ab, was gut aussieht und gut schmeckt. lukaslienhard.com Andreas Braschler ist Berufsfischer auf dem oberen Zürichsee. fischerei-braschler.ch

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Heissgeräucherter Hecht in Hechtconsommé mit Safran & Schnittlauch Rezept — Valentin Diem / Bild — Lukas Lienhard

FÜR 10 PERSONEN

HECHT •  •  •  • 

•  •  •  •  •  • 

1 Hecht, ca. 4-5 kg 10 kg Wasser 300 g Salz Buchenholz

Wasser und Salz vermischen und den Hecht 12 Std. darin einlegen. Danach den Hecht mit Küchenpapier gründlich innen und aussen trocknen. Einen Räucherhaken an der Hechtwirbelsäule verschrauben und bei möglichst moderater Hitze mit Buchenholz heissräuchern, bis der Fisch eine Kerntemperatur von 57°C erreicht hat. Den Fisch noch warm zerpflücken und die Karkassen für den Fond verwenden. Das Fleisch in einer Schüssel zugedeckt beiseite stellen.

½ Sternanis, zerstossen 10 Safranfäden 200 g weisser, trockener Wermut 200 g Chasselas 1,6 kg Wasser 500 g Eiswürfel (oder sehr kaltes Wasser)

Hechtkarkassen, Gewürze, Wasser, Wermut, Wein und Eis hinzufügen. Wichtig: Der Aufwärmprozess muss so langsam wie möglich stattfinden. Bei kleiner Hitze den Sud langsam zum Kochen bringen und stetig den Schaum abschöpfen, ca. 45 Min. Sobald der Fond kocht, die Hitze stark reduzieren und ca. 30 Min. ziehen lassen. Durch ein Sieb passieren und abkühlen lassen.

SUPPE •  •  •  • 

GEMÜSE •  •  •  •  •  •  •  • 

200 g gelbe Zwiebel 200 g Weisses vom Lauch 200 g Fenchel 8 Knoblauchzehen 200 g Champignons 200 g Knollensellerie 200 g Brokkolistiele 50 g kalt gepresstes Sonnenblumenöl

Gemüse und Pilze kleinschneiden und mit Öl in einem Topf dünsten, bis das Gemüse stark zusammengefallen ist, ca. 30 Min.

600 g Zanderfleisch 6 Eiweiss (etwa 200 g) 1 Sternanis Salz

Zanderfleisch durch den Fleischwolf drehen und mit Eiweiss vermischen, bis eine klebrige Masse entsteht. Klärmasse mit Hechtfond und Sternanis in einen Topf geben und langsam aufkochen, dann ca. 1 Std. ziehen lassen. Durch ein Küchentuch passieren. Mit Salz und Verjus abschmecken. Die ausgekochte Klärmasse wegwerfen.

SERVIEREN FOND

•  Schnittlauch

•  Gezupfter Kerbel nach Geschmack •  2 frische Lorbeerblätter •  1 TL weisser Pfeffer, zerstossen

Das geräucherte Hechtfleisch im Suppenteller anrichten, die Hechtessenz angiessen und mit etwas Schnittlauch garnieren.

Hecht

hlechtsreife: w: 4 Jahre / liches Alter: 15 Jahre  •  Gesc •  50–100 cm  •  16 kg  •  Mög Lebensraum: Standfisch, •  –130  e: 110 nlini auf Seite m: 2 Jahre  •  Anzahl Schuppen ch! Flinker Raubfisch, Fleis e: speis lings Flüssen  •  Lieb mag Ufernähe von Seen und che, Hechtfliegen  mifis Gum er, tköd lköder: Kuns neigt zu Kannibalismus  •  Ange Hechtbällchen iss: 18,40 g  •  Besonderheit: Eiwe kj, 355 kcal, 85  g: / 100 •  Nährwert gefährdet nicht nd: Besta •  t  ialitä Spez als kulinarische

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GASTRONOMIE

SPEIS & TRANK EINE RUNDE SCHWEIZ — MARTIN JENNI

Fisch aufgetischt Wo die Forelle besonders schmeckt

Soubey — «In einem Bächlein helle, da schoss in froher Eil, die launische Forelle vorüber wie ein Pfeil ...» Das berühmte Lied von Franz Schubert ist das perfekte Wanderlied zum Weiler Clairbief, wo dem Gast im gleichnamigen Restaurant eine hervorragende Forelle aufgetischt wird. Von Soubey aus führt ein vier Kilometer langer Weg zum Ziel. Wer in Soubey auf der Brücke steht und flussaufwärts blickt, wählt den Weg am linken Ufer, der nach der Hälfte autofrei wird und kurz vor Clairbief über eine schmale Fussgängerbrücke zum rechten Ufer führt, während der motorisierte Forellengänger direkt auf der rechten Sei-

Schmeckt: Truite au Bleu.

te bis zur Beiz vorfährt. Ist der Juragänger, egal wie, angekommen, staunt er über die Atmosphäre des Hauses. Wer hier auf die Idee kam, eine patinierte Doubsbeiz mit viel Blau und noch mehr Verzierungen in eine griechische Taverne zu verwandeln, ist nicht bekannt. Nun, die Beiz ist nicht der Grund für einen Besuch, zumal auch die Terrasse nicht bis ans Wasser reicht. Was in Clairbief zählt, ist die Gastfreundschaft, die Forelle und der rund einstündige wild-romantische Spaziergang am Doubs entlang. Seit 2010 führen Marlyse und ihr Mann Philippe Jobet-Krall das beliebte Traditionshaus. Die Forellen stammen nicht aus dem Doubs, sondern aus der Forellenzucht von Monsieur Fidel bei Le Locle. Die Stammgäste schwören auf die Qualität der Fische und die «Beurre noisette» von Patron Philippe, der die Butter beim Erhitzen leicht aufschlägt, bis sie ihre goldbraune Haselnussfarbe erlangt. Hinzu gibt er einige Tropfen aus seinem Forellensud, den er mit Wasser, Weisswein, Gemüse und Gewürzen wie Lorbeer und Nelken ansetzt. Nicht selten wählt der Gast gleich das ganze Forellenmenü, das sich aus Carpaccio de truite au

basilic, Bisque de truite et sa rouille, Truite au Bleu und einem Parfait glacé zusammensetzt. Im November, kurz bevor das Restaurant Clairbief seine Tore schliesst, geht es nochmals hoch zu und her. Saint-Martin ist angesagt, eine frugale «Chochonnaille» der besonderen Art ... aber das ist eine andere Geschichte. Martin Jenni ist Journalist und Autor. Sein Beizenbuch «Cervelat und Tafelspitz, 99 stimmungsvolle Beizen der Schweiz» hat sich 16 000 Mal verkauft. Die fünfte Auflage mit 25 neuen Beizen ist soeben erschienen. at-verlag.ch Forelle blau mit Beurre noisette in der Beiz am Doubs in Clairbief, T. 032 955 12 20. clairbief.com

DREI WEITERE FORELLEN-TIPPS

LANDGASTHOF RODERIS Forelle oben blau und unten knusprig gebraten im Landgasthof Roderis, Eichelbergstrasse 6, Nunningen. roderis.ch BARMELHOF Auf dem Barmelhof werden Forellen aus den eigenen Weihern auf Vorbestellung frisch gefangen, in viel Butter gebraten und aufgetischt, Barmelhofstrasse 49, Erlinsbach SO, T. 062 844 22 71. FISCHFRITZ Bachforelle im Einkaufskorb bei FischFritz, Di – Fr 9 – 12.30 h & 15 – 18.30 h, Sa 9 – 16 h, Klosterplatz 15, Olten. fischfritz.ch

Der Falsche Müller-Thurgau alias Riesling x Silvaner Tägerwilen — Müller-Thurgau ist die wichtigste Weissweinsorte der Deutschschweiz, deren Namen immer wieder für Verwirrung sorgt, da sie primär unter ihrem eigentlich falschen Namen «Riesling x Silvaner» bekannt ist. 1882 wurde sie vom Thurgauer Professor Hermann Müller (1850-1927) an der Forschungsanstalt von Geisenheim in Deutschland aus einer

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Kreuzung zwischen Riesling und Chasselas gezüchtet. Zum falschen Namen kam es, da lange als Mutter der Neuzüchtung Riesling und als Vater Silvaner angenommen wurde. Hermann Müller lehnte es konstant ab, die neue Rebe Müller-Thurgau zu nennen, obschon sein Spitzname Müller-Thurgau war. Aus diesem Grunde wird die Traube in der Schweiz immer noch mehrheitlich unter Riesling x

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Silvaner geführt. Erst nachdem der bayrische Züchter August Dern (1858-1930) um 1913 die Rebe in Deutschland einführte, erhielt sie den Sortennamen Müller-Thurgau. Weltweit findet man heute rund 28 000 Hektaren, die mit der Rebsorte bepflanzt sind, knapp die Hälfte davon in Deutschland. In der Schweiz sind es rund 500 Hektaren, wobei besonders ein Wein zu Ehren seines Schöpfers kultiviert wird. In Tägerwilen, wo Hermann Müller aufgewachsen ist, bewirtschaften fünfzehn Rebleute seit über 20 Jahren einen kleinen Rebberg am westlichen Dorfrand und keltern daraus einen spritzigen, fruchtigen «Tägerwiler

Bild oben — zvg Jura Tourisme / Bild unten — zvg

V O L LG E TA N K T — C H A N D R A KU R T


K A F F E E K L AT S C H – PAT R I C K H A R T E

La Columbiana Unterwegs zu den besten Cafés der Schweiz Basel — Heute ist’s an dir, Anna, wohin geht’s? Ins La Columbiana im Gundeli in Basel, da, wo ich aufwuchs. Und du willst wirklich hier parkieren mit der Vespa? So «tätsch» vor dem Eingang? Aber genau so! Noch näher als das Drämmli. Okey – fängt schon mal gut an! Was? Ja, schau das Interieur! Hammer! Die kupfrigen Kaffeebehälter mit diesen Massbecherschaufeln – oder so. Und die gewaltige Kaffeemaschine! Die mit dem Adler obendrauf ... Hab ich dir zu viel versprochen? Klein, aber fein – alles auf engstem Raum und original. Ja, und wie das hier riecht – unglaublich! Wehe, wenn jetzt der Kaffee nix ist, dann kannst du zu Fuss nach Hause gehen! Du wirst nicht enttäuscht sein. Wie lange gibt’s das Café eigentlich schon? Ewig. Meine Eltern haben immer ihren Kaffee hier gekauft. Die Rösterei wurde 1978 gegründet. Wer ist der Typ hinter der Bar?

Stefano, der Barista. Er ist der Sohn des Gründerehepaars und führt die Rösterei heute. Seine Eltern hatten damals eine Beiz in Kleinbasel und beschlossen nach einer Ferienreise durch Italien, auf eine Rösterei mit Kaffeebar umzusatteln. Schöne Geschichte. Ja. Nur leider ist sein Vater kurz darauf bei einem Flugzeugabsturz in Mulhouse ums Leben gekommen, Stefanos Mutter führte den Betrieb weiter. Sie ist heute noch aktiv dabei. Du, der Espresso kostet nur 3.50 – chillig! Und ich muss zugeben, er ist richtig, richtig gut! Der Punkt geht an dich. Merci. Das ist übrigens die Hausmischung, La Columbiana. Du kannst gleich ein Paket davon kaufen für zuhause. Ja, ja – schon gut. Patrick Harte liebt Kaffee, Cafés und die Geschichten dazu. Mit Bruce und Anna führt er hier durch die verschiedensten Cafés in der Schweiz. Kaffeerösterei La Columbiana, Güterstrasse 112, Basel. lacolumbiana.ch

Müller-Thurgau». Die 2015erAbfüllung ist unglaublich frisch mit einer Aromatik, die an Rosen, Muskat, Honig und Passionsfrucht denken lässt. Kulinarisch ist der Wein, eiskalt serviert, ein herrlicher Partner für Süsswasserfischgerichte und vegetarische Gerichte. Ideal geniesst man ihn zwei bis drei Jahre nach der Ernte. In dieser Zeit kommt seine bunte Fruchtigkeit am besten zu Geltung.

Tägerwiler Müller-Thurgau 2015 Probieren: im Gasthaus Ochsen in Tägerwilen. ochsentaegerwilen.ch Kaufen: im Chäshüsli, Bahnhofstrasse 1, Tägerwilen, oder beim Präsident der Rebleute, Niklaus Lussi, T. 071 669 16 04.

Chandra Kurt ist die bekannteste Weinpublizistin der Schweiz. Die 47-Jährige hat über zwei Dutzend Weinbücher geschrieben und ihr «Weinseller 2016» ist letztes Jahr erschienen. chandrakurt.ch

Müller-Thurgau-Winzer Michael Broger Weinbau in Ottoberg: broger-weinbau.ch Karthause Ittingen: kartause.ch Wolfer Weinbau in Weinfelden: wolferwein.ch

Thurgauer Weine In Berlingen bietet das Restaurant zum Schiff die wohl grösste Auswahl an Thurgauer Weinen. 230 Weine von 36 Betrieben aus allen sechs Anbaugebieten – MüllerThurgau-Weine sind ebenfalls im Angebot. thurgauwy.ch

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Bild — Stiftung Ferien im Baudenkmal

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Das Fischerhaus besteht aus drei Wohnungen für 4, 6 und 10 Personen und wird grundsätzlich wochenweise vermietet. Preise ohne Endreinigung zwischen sFr. 1084.– und sFr. 1364.– pro Woche. Weitere Infos und Buchungen: T. 043 210 56 83 oder direkt im Internet, wo die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» auch ihre anderen Häuser vorstellt: magnificasa.ch

Sehen — Der Bodensee und die sanften Hügel der Region weiten den Blick und inspirieren zu grosszügigen Gedanken. Wer mit etwas Geduld auf den See hinausschaut, sieht vielleicht weit draussen etwas Gelbes: das liebe Seeungeheuer Mocmoc, welches die Stadt einst vor einer Katastrophe gerettet hat. Seine Statue ist nur wenige Schritte vom Hauseingang entfernt. Tasten — Die Häuser sind aus Holz gebaut, das den Fingern viele Geschichten zu erzählen weiss. Neben knorrigen Balken und altem Täfer findet der neugierige Gast wunderbare Details aus verschiedenen Zeiten, wie etwa Teile einer historischen Stofftapete oder Lederriemen zum Schliessen der Fensterläden. Riechen — Die Häuser riechen nach See und Geschichte, den hölzernen Dielen und dem feinen Rauch aus dem Holzofen. Ganz feine Nasen erschnuppern darüber hinaus den ledrigen Duft der ehemaligen Schusterwerkstatt oder die letzten Duftspuren der Leckereien, die einst unter dem Dach geräuchert wurden. Schmecken — In der prächtig ausgestatteten Küche werden die kulinarischen Schätze des Thurgaus fast von selber zum Festessen: Gangfisch, geräucherte Felchen, Böllewegge, Salzissen und Frisches von den Feldern. Dazu Müller-Thurgau und Orangenmost, sowie zum Dessert ein kleines Glas Thurgados. Wer nicht selber kochen mag, findet im «Schiff» und im «Hafen» Bodenseefisch und andere Gaumenfreuden. Hören — Tagsüber jagt Nachbars Katze über den Kiesvorplatz, während die Stadt Romanshorn sanft ihre Geschichten erzählt. Doch wenn die letzten Züge abgefahren sind und die Hochseedampfer mit kalten Kesseln sanft in den Wellen liegen, wird es mitten in der kleinen Stadt ganz still, so dass der glückliche Gast wunderbar durch die Zeit träumen kann.

Romanshorn – Die Fischerhäuser gehen auf das 17. Jahrhundert zurück, als sie Teil waren eines kleinen Dorfes am See. Sie lagen nahe am Wasser und boten ein einfaches Dach für Wohnen und Handwerk. Der Aufschwung von Romanshorn kam mit der Aufschüttung der Bucht für Bahnhof und Hafen, wodurch der Fleck ab 1855 zu einem lebendigen Handels- und Tourismusort wurde. 2009 konnte der Denkmalschutz die letzten Zeitzeugen des alten Fischerdorfs retten und vermietet diese seit ihrer liebevollen Renovation an Besucher, die in dieser historischen Oase der Stadt eine Reise durch die Zeit antreten wollen.

Text — Jon Bollmann

Die historische Oase von Romanshorn

Frische Fischerhäuser

BETTGESCHICHTE


Kopfkino

Goldkopfnymphen

Simone Lappert


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Seit über einem Jahr bietet Transhelvetica jungen Schweizer Schriftstellern eine Plattform im Magazin. Wir schicken die Autorinnen und Autoren auf Spurensuche in der realen Welt, auf welcher die nicht immer realen Geschichten entstehen. Lassen Sie sich von den literarischen Texten entführen und erleben Sie in Ihrem Kopfkino einen Winkel der Schweiz, den Sie so noch nicht kannten. Bei diesem Auftritt lädt Sie Simone Lappert mit ihrem Kopfkino an den Doubs ein. Ein Fluss, der durch Kraftwerke, die Landwirtschaft, Industrie und auch das Klärwasser stark gefährdet ist. Auch der «Roi du Doubs», ein Fisch der Spezies Zingel asper, droht bald auszusterben. Er kommt schweizweit einzig in der Flussschleife um St. Ursanne vor. Ironischerweise ist der Flusslauf und sein Ufer trotz der lamentablen Umstände eine betörend schöne Erholungszone. Wir wünschen viel Lesespass und heissen Sie herzlich willkommen im Kopfkino!

Simone Lappert (*1985) ging als Kind mit ihrem Vater ein paar Mal Fischen, nur um die Forellen, die er aus der Wigger zog, sofort wieder ins Wasser zu werfen. Heute fischt sie nur noch auf dem Papier. Simone Lappert studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und lebt in Basel. 2014 erschien ihr Debütroman Wurfschatten im Metrolit Verlag Berlin, er wird derzeit ins Amerikanische übersetzt. Simone Lapperts Arbeit wurde mehrfach gefördert und ausgezeichnet. Sie ist literarisch und performativ an diversen Kunstprojekten beteiligt, führt literarisch durch Ausstellungen, zuletzt in der Fondation Beyeler, ist Mitglied der Basler Lyrikgruppe, Mitbegründerin der transdisziplinären Gesprächsreihe Raum für Unsicherheit, Kuratorin für Babelsprech Schweiz und Mitglied des AdS (Autoren der Schweiz).

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eute würde er früher gehen. Kleeber tastete nach der Fasanenfeder in seiner Manteltasche und umschloss sie mit der Hand wie den Griff eines Messers. «Am Montag werde ich wieder da sein», hatte Carla gesagt, «weiter unten, in der Biegung, wo die Forellen stehen, dort, wo die Krautbetten bei Sunk aus dem Wasser ragen.» Kleeber schaute auf seine Armbanduhr. Noch zwanzig Sekunden. Um punkt halb fünf schaltete er den giftgrünen Ventilator auf der Fensterbank ab und fuhr den Rechner herunter. Er schwitzte, ein Schweisstropfen löste sich aus seiner Kniekehle, rann die Wade entlang und versickerte im Bund seiner feingerippten Socke. Kleeber entfluste das Polster seines Bürostuhls, nahm den Mantel von der Lehne, knipste die Schreibtischlampe aus und verbrannte sich dabei die Kuppen von Daumen und Mittelfinger am heissen Blech. Sein Kopf dröhnte, aus allen Ecken drängelte Telefongeklingel, und hinter jedem Klingeln schien ein nörgelnder Anrufer zu warten, der sich eine Versicherung gegen jegliche Zufälle wünschte. «Schon Feierabend?» Emmenegger deutete auf den Rucksack, den Kleeber unter dem Schreibtisch verstaut hatte. «Was Besonderes vor?» Kurz war Kleeber versucht, die Wahrheit zu sagen. Er hätte Lust gehabt, von Carla zu erzählen und ein bisschen anzugeben, nur um Emmenegger vor den Kopf zu stossen. Er griff in die Manteltasche, drehte die Garnrolle zwischen den Fingern, die er aus dem Nähkasten seiner Frau gestohlen hatte, und sagte stattdessen: «Ich habe mein Telefon zu dir rübergeschaltet. Falls die Entenfrau wieder anruft. Ich habe ihr heute mehrmals erklärt, dass es bei Entenbissen an öffentlichen Gewässern sehr schwer ist, jemanden für die beschädigte Kleidung haftbar zu machen. Sie ruft aber bestimmt nochmal an.» Emmenegger öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber da war Kleeber schon halb zur Tür hinaus. Auf dem Weg zum Lift öffnete er das Fenster im Flur und hielt seinen Kopf hinaus. Es kam ihm nur warme Luft entgegen. Die Frühsommerhitze flimmerte über den Dächern, wie ein Bremsklotz schob sie sich ins Getriebe der Stadt, zwischen die Vorhaben der Bewohner und zwischen ihre Gedanken. Erst als er von der Autobahn abzweigte, löste sich sein Griff ums Lenkrad. Er fuhr viel zu schnell, aber das war ihm egal, links schob sich schon die Birs ins Blickfeld, später die Sorne, kühl und blau. Kalkfelswände zogen vorbei, die ersten jurassischen Tannen warfen ihre Schatten auf die Strasse, und die Luft, die durchs Fenster kam, wurde allmählich kühler. Kleeber begann zu pfeifen, im Fahren löste er einhändig die Schnürsenkel seiner Lederschuhe, zog sie aus, streifte die Socken ab und warf alles auf den Rücksitz. Kurz vor Ortseingang machte er an einem Rastplatz halt, um sich umzuziehen. Der kleine Holzkiosk, in dem ein alter Mann manchmal Konfitüre, Käse und Früchte verkaufte, war geschlossen. Kleeber faltete seine Kleidung zusammen, stieg in die Fischerhose, zog frische Socken und die hüfthohen Watstiefel an, bei Carla wusste man nie. Die Weste hatte er schon in der

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Mittagspause bestückt, unten in der Tiefgarage, mit Arterienklemme, Schwimmmittel und Fliegenbüchse, die Polaroidbrille baumelte an einer Schnur um seinen Hals. Den Rest seiner Ausrüstung packte er in den Rucksack. Er schloss den Wagen ab und ging das letzte Stück zu Fuss. Der Doubs hob sich spiegelnd gegen das grüne Ufer ab, stand stellenweise fast still, schlängelte sich dann wieder um Felsen, schäumte über Kiesbänke, unterströmte Büsche und Trauerweiden oder floss dem kniehohen Ufergras entlang. Kleeber kniff die Augen zusammen und suchte das Ufer in der Nähe der Flussbiegung ab, aber Carla war nirgends zu sehen. Durch das mittelalterliche Tor betrat er nach einer guten Viertelstunde den kleinen Ort, ein schwerer Lindenblütengeruch hing in der Luft. Nur der Kirchbrunnen war zu hören und weit weg ein Rasenmäher. Am geschlossenen Hôtel du Cerf bewegte sich das Drei-Sterne-Schild quietschend hin und her, ansonsten war es still. Kleeber ging an weiteren geschlossenen Hotels und Herbergen vorbei. In einem Café sass eine Frau in Schluppenbluse und drehte eine Flasche Rivella Blau in den Händen, als wollte sie die Zukunft daraus lesen. Vor fast allen Fensterbrettern hingen Blumenkästen mit fetten Geranien, Petunien und Vergissmeinnicht, vor dem Imbiss neben der Post versprach ein Schild hausgemachtes Zitroneneis. Kleeber begann zu zweifeln, dass heute ein guter Tag zum Fischen war. Er hatte schon erlebt, dass alle fünfzig Meter ein Fischer im Wasser stand und man Angst haben musste, von einem fremden Haken getroffen zu werden. Er hoffte, dass wenigstens das Hôtel du Sanglier geöffnet war, wo man die Tagespässe zum Fischen kaufen konnte. Er stiess die Tür auf, drinnen roch es nach Kaffee und Frittierfett. Die einzige Lichtquelle war der Fernseher neben der Kasse, der eine dicke Kellnerin beleuchtete, die mit dem Rücken zur Tür am Tresen lehnte, sich gedankenversunken am Oberarm kratzte und in die Quizshow auf dem Bildschirm vertieft war. Kleeber räusperte sich, die Kellnerin fuhr herum. «Ja», sagte sie, mehr nicht. Kleeber verlangte einen Tagespass und bestellte das Stück Aprikosenwähe, das unter der Plastikglocke neben den eingepackten Nussgipfeln und Spitzbuben lag, dazu einen Apfelsaft. Die Kellnerin schaufelte das Wähenstück auf einen Teller, schenkte ungeduldig den Saft ein, hielt ihm den Taschenrechner mit dem Gesamtbetrag vor die Nase und kassierte schweigend ein, eine Gabel bekam er nicht. Draussen setzte sich Kleeber an einen der Gartentische im Schatten. Er packte den Bindestock aus, spannte einen Fischerhaken mit Goldkopf ein, trennte mit der Schere ein paar Fibern von der Fasanenfeder, montierte das Bindegarn im Spulenhalter und begann, die Fibern auf den Hakenschenkel zu binden. In wenigen Minuten hatte er eine hübsche Goldkopfnymphe gefertigt, die er zu den anderen Fliegen in die Büchse legte. Damit würde er heute kaum einen Fisch fangen, trotzdem war es sein wichtigster Köder. Er

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spannte einen kleineren, dünndrahtigen Haken ein und präparierte ihn mit Fasanenfedern, wie einen Kragen legte er am Ende die letzten Fibern um den Hakenkopf und hielt nach kurzer Zeit eine täuschend echte Eintagsfliege in der Hand. Aus dem Supermarkt an der Ecke trat eine Verkäuferin auf die Strasse und räumte das Schild mit der Kalbswurstaktion hinter die Glasschiebetür. Kleeber stand auf und verstaute seine Sachen, in wenigen Schlucken trank er den Saft aus, die Wähe liess er stehen. Am Ufer tanzten Mücken im Gras, auch wegen der Bremsen musste er aufpassen. Kleeber holte eine Petflasche mit kaltem Kamillentee aus seiner Tasche und rieb sich damit Gesicht und Arme ein, ein Trick, den er Carla abgeschaut hatte. Der Rucksack wurde ihm jetzt schwer auf dem Rücken, bis zur Flussbiegung hinunter war es weiter, als er gedacht hatte. Die Sonne brannte und er schwitzte unter seinem Hut. Kleeber ging weiter, vorbei an säuberlich angelegten Gemüsegärten, verwilderten Wiesenstücken und grasenden Kühen, hin und wieder traf er zwischen den Böschungen auf einen Graureiher oder eine Katze, sonst begleiteten ihn nur der Fluss und die Insekten, mal laut, mal leise. Hinter einem Brombeerbusch, der die Sicht auf den Doubs verdeckte, blieb er stehen. Er hörte etwas, das klang wie das Quaken eines kleinen Froschs. Carlas Fischerschnur. Er lief den Brombeerbusch entlang und fand eine lichte Stelle, durch die er hindurchsteigen konnte. Unten im Fluss sah er Carla auf einer Kiesbank stehen, das Wasser bis zu den Knien. Wie ein Reiher auf Pirsch stand sie da, schwang die Schnur über den Kopf und liess ihre Fliege übers Wasser tanzen. Ein paar Forellen befanden sich bereits im Abendsprung, für Sekundenbruchteile blitzten ihre hellen Bäuche auf, eine kunstvolle Choreografie allein für Carla. Sie warf ihre Fliege immer wieder in Richtung einer Weide auf der anderen Uferseite aus, interessierte sich nicht für die leicht zu täuschenden Fische. Vermutlich befand sich unter den herabhängenden Zweigen ein misstrauischer älterer, den sie aus der Reserve locken wollte. Kleeber versuchte leise aufzutreten, er wollte sie nicht stören, noch nicht. Er ging gute fünfzig Meter flussabwärts, legte seine Ausrüstung ins Gras und setzte seine Rute zusammen. Die Insekten flogen dicht übers Wasser, am Horizont zogen die ersten Gewitterwolken herauf, die besten Bedingungen, um mit Trockenfliegen den Tiefflug zu simulieren. Stattdessen aber klaubte Kleeber die Goldkopfnymphe aus der Büchse, die er im Hôtel du Sanglier gebunden hatte, ein Köder, der nach dem Auswerfen absank. Vor einigen Wochen hatte Carla plötzlich hinter ihm gestanden, die Hände in die Hüften gestützt, die Augen gegen die Sonne zusammengekniffen. Kleeber hatte vor Schreck die Rute fallen lassen. «Durchsichtige Schnüre sind etwas für Fischer, die denken wie Menschen. Ein Fischer aber sollte denken wie ein Fisch. Bei den Lichtreflexionen, die das Ding da über dem Wasser erzeugt, kannst du den Döbeln auch gleich mit blossen Händen und einer Taschenlampe nachstellen.» Sie zog

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eine Rolle mit kobaltblauer Schnur aus der Westentasche. «Nimm die, dann weisst du auch, wo deine Fliege treibt. Für die Fische ist deine Schnur nichts als ein Schatten. Schatten haben immer dieselbe Farbe.» Kleeber spähte hinüber zu Carla, die gerade dabei war, eine grosse Bachforelle vom Haken zu trennen. Sie nahm keine Notiz von ihm. Sie hielt den Fisch hoch wie ein Haustier, küsste ihn auf die Rückenflosse und setzte ihn zurück ins Wasser, sah zu, wie er davonzog. Kleeber fragte sich, wie oft er wohl in seinem Leben schon aus dem Wasser gezogen worden war. Vielleicht, dachte er, war ihm schon einmal dieselbe Forelle auf den Haken gestiegen wie Carla. Nichts wusste er über diese Frau, ausser, dass sie hier war, jeden Tag, dass sie gern Apfelbier trank und lieber schwieg als redete, es sei denn über Fische, Krautbetten, Kiesbänke und Laichplätze. Allerdings kam sie nur, wenn er etwas fing. Oder einen Fehler machte. Kleeber befestigte die Nymphe und liess sie in der Nähe eines Krautbetts ins Wasser sinken. Es dauerte nicht lange, da hörte er Carla hinter sich die Böschung hinunterklettern. «So kannst du auch warten, bis sie von alleine an Land kriechen, gib her.» Sie deutete auf Kleebers Rute. Flink holte Carla die Schnur ein, löste die Goldkopfnymphe und steckte sie in die Hosentasche. Sie öffnete Kleebers Fliegenbüchse, die auf dem Felsen neben seiner Ausrüstung lag. «Die da», sagte sie und zeigte auf die Eintagsfliege, die er im Hôtel du Sanglier gebunden hatte, «mit der wird’s klappen.» Kleeber sah ihr zu, wie sie die Rute umrüstete. Alles an ihr, was sie zum Fischen brauchte, war gross geraten, die Ohren, die Augen, die Hände, bestimmt auch die Füsse. Sonst war sie zierlich, fast zerbrechlich in ihrer grünen Wathose und den schweren Stiefeln. Das rote Haar hatte sie unter die Werbemütze eines örtlichen Stromanbieters gestopft, die Haut im Schatten der Hutkrempe war hell wie der Bauch einer Forelle. Kleeber stellte sich vor, wie sie in einem der windschiefen Häuser lebte, Petunien goss und über einem alten Keramikwaschbecken Fische putzte, während ihr Mann in der Postbar Schnaps trank. Bestimmt hatte sie einen Mann. «Wie heisst du», fragte Carla und drückte ihm die Rute in die Hand. «Walter», sagte Kleeber. Der Name kam ihm fremd vor, fast verwegen. Seine Frau nannte ihn Walli oder Hase, selbst im Streit, und im Büro wurde er nur mit Nachnamen angesprochen. Carla nickte. «Im Winter werde ich weiter oben fischen, bei La Goule, im Hechtwasser.» Das war alles, was sie an diesem Abend sagte. Als Kleeber gegen neun zusammenpackte, hob sie bloss schweigend die Hand zum Gruss. Es begann einzudunkeln, als Carla sich auf den Weg machte. Kurz nach Ortsausgang fuhr sie auf den Rastplatz und zog sich um, bis auf ein paar frühe Grillen war sie allein. Einen Moment lang stand sie nur da und atmete die Dämmerung ein. Dann legte sie Wathose, Stiefel, Weste und Hut feinsäuberlich auf den Rücksitz, der hellblaue Kittel und die Turn-

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schuhe lagen daneben schon bereit. Ein bisschen wehmütig blickte sie hinunter auf die Lichter des kleinen Orts und den Fluss, der sich stellenweise schaumhell gegen die Felsen abhob. Bestimmt sass Walter irgendwo hinter einem der Fenster und goss Geranien, weil seine Frau ihn darum bat. Bestimmt hatte er eine Frau, und trotzdem stellte Carla sich vor, wie es wäre, mit Walter auf einem der knarrenden Holzbalkone zu sitzen und Reizfliegen zu binden, und wie er sie ins Bett tragen würde, sobald sie über dem Binden zu gähnen begann. Solange sie beim Fischen auf Walter traf, kam es ihr vor, als gebe es in der eingeschworenen Friedlichkeit dieses Städtchens eine Tür, zu der sie den Schlüssel hatte. Zurück in der Stadt war es laut und heiss, die Anhänger einer Fussballmannschaft drängten hupend und kreischend durch die Strassen, ein Hubschrauber kreiste über dem Landeplatz des Krankenhauses und vor der Einfahrt zum Versicherungsgebäude kickten angetrunkene Jugendliche leergetrunkene Bierflaschen gegen die Wand. Carla parkte in der Tiefgarage. Die anderen warteten bereits am Eingang zum Lift. «Auch schon da», sagte die Beringer und schob ihr einen Putzwagen zu, «12. Stock, zuerst die Büros, dann die Toiletten, aber bisschen mit Hummeln, wenn ich bitten darf.» Das Büro im 12. war stickig und schlecht beleuchtet, eine der Neonröhren gab flackernd den Geist auf, als Carla den Lichtschalter drückte. Sie steckte den Staubsauger ein und entdeckte auf der Fensterbank einen giftgrünen Ventilator. Als sie sich über den Schreibtisch zum Einschaltknopf bückte, klang es, als wäre ihr etwas Metallisches aus der Tasche gefallen. Sie knipste die Schreibtischlampe an und sah sich um, entdeckte aber nichts, weder auf dem Tisch noch am Boden. Sie nahm den Staubsauger auf und saugte die Krümel ein, die unter dem Bürostuhl des Nachbarschreibtischs lagen. Beim Verlassen des Büros knipste sie die Schreibtischlampe wieder aus und verbrannte sich dabei die Kuppen an Daumen und Mittelfinger. Am nächsten Morgen fand Kleeber in der obersten Schreibtischschublade zwischen Heftklammern und Gummibändern eine Goldkopfnymphe, die genau so aussah wie jene, die er am Vortag im Hôtel du Sanglier gebunden hatte. Er legte sie in einen Briefumschlag mit Firmenaufdruck und steckte sie in die Hosentasche. Wenn es irgendwie ging, würde er heute wieder früher gehen.

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In der Flussschleife Der Doubs bildet über eine lange Strecke die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich. Auf der Höhe von Soubey jedoch biegt er ab nach Osten, ins Landesinnere, um weiter nördlich wieder nach Frankreich zurückzukehren. Die Region, die der Fluss bei seinem Abstecher in die Schweiz umfliesst, ist der Clos du Doubs. Das Gebiet wurde im Mittelalter durch die Fürstbischöfe von Basel beherrscht, bis 1793 die Franzosen einmarschierten und die Herrschaft übernahmen. 1815 wurde der Clos du Doubs durch den Wiener Kongress zum Kanton Bern geschlagen, bis er 1979 Teil des neu gegründeten Kantons Jura wurde. Das malerische Städtchen St. Ursanne ist mit seinen mittelalterlichen Bauten und der ehrwürdigen Stiftskirche Sehenswürdigkeit und Ausgangspunkt für zahlreiche Ausflüge zugleich. Von da lässt sich zum Beispiel zu Fuss der Bergrücken des eigentlichen Clos du Doubs erklimmen. Nach dem Aufstieg, der immer wieder mit fabelhaften Ausblicken belohnt wird, geht es ab Montenol geradeaus weiter durch Wälder und Wiesen bis nach Epauvillers. Hier wartet «Chez Le Baron» mit feinster Hausmannskost auf. Öffnungszeiten gibt es genauso wenig wie eine Menükarte. Deshalb lohnt sich ein Anruf, um den Hunger rechtzeitig anzumelden. In der guten Stube bieten Mutter und Tochter Guyot eine Gastlichkeit, die ihresgleichen sucht. Einfach, sympathisch und echt. Nach dem Mahl geht es bergab Richtung Chervillers, um wieder zum Doubs zu gelangen. Der Rückweg nach St. Ursanne führt dem wunderschönen Flussufer entlang, durch das Naturschutzgebiet, wo Flora und Fauna gleichermassen entzücken. Chez Le Baron in Epauvillers, T. 032 461 35 41 Wanderkarte «Les 66 du Doubs»

Bild

Simone Lappert

Unterstützt von Oertli Stiftung

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GENESIS

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1415 Der Aargau wird erobert

Bild — Museum Aargau

Text — Benedikt Meyer

Zofingen — 18. April 1415. Von der 1415 Stadtmauer schweift der Blick der Wachen über die Umgebung. Über Felder, Wäl1356 1349 der, Jurahügel und ein erdrückend überlegenes 1319 Heer. Hellebarden, Speere, Rüstungen blitzen 1315 im Sonnenlicht; auf Bannern prangt ein Bär 1257 auf gelb-rotem Grund. Die Wächter sind wenig 1240 überrascht. Sie haben es kommen sehen. Vor 1211 zwei Wochen hat König Sigismund persönlich die Eidgenossen aufgefordert, den Aargau zu 1157 attackieren. Etwas Hintergrund: Sigismund war Herrscher des «Heiligen Römischen Reichs». Ei1050 1030 nem Gebiet von Kiel bis Siena, dessen Land999 karte aussah wie das Bällchenbad bei IKEA. 962 Es bestand aus zahllosen Fürstentümern und Grafschaften. Die Eidgenossenschaft gehörte 917 genauso dazu wie das Herzogtum Habsburg. Diese ursprünglich aargauische Dynastie wurde immer einflussreicher. Zu einflussreich für 819 Sigismund. Er suchte nach einem Weg, sie zu 774 schwächen und fand ihn mithilfe des Papstes, 753 bzw. der Päpste. Denn 1415 gab es drei Anwärter und Friedrich von Habsburg unterstützte ei700 nen anderen Kandidaten als König Sigismund. Deshalb «ächtete» ihn Sigismund: Jeder war dazu aufgerufen, den Habsburgern zu schaden. 610 Die Luzerner, Zürcher und Innerschweizer kümmerte das wenig – sie hatten erst vor 520 Kurzem einen Friedensvertrag mit Habsburg 507 unterzeichnet. Die Berner hingegen waren auf Expansionskurs. Schnell marschierten sie los und wenige Tage später standen sie mit wehen401 den Bannern vor Zofingen. Was dann geschah, war nicht unüblich: Statt gekämpft wurde verhandelt. Und wenig später öffneten die Wachen 303 die Tore. In den nächsten Wochen gingen auch 295 275 Aarau, Lenzburg und Brugg fast kampflos an Bern. Die Eidgenossen machten der Oberschicht verlockende Angebote und für die Un200 tertanen war ohnehin egal, wer das Sagen hatte. 150 Habsburger oder Eidgenossen, was spielte das schon für eine Rolle? Inzwischen waren auch Luzerner, Zürcher und Innerschweizer ins Feld 50  gezogen und die Eidgenossen trafen sich keine 20  drei Wochen nach Beginn des Berner Feldzugs 0 in Baden. Habsburgs Statthalter gaben nach 50 v. C.  kurzer Belagerung auf. 150 v. C.  500 v. C. Für die Eroberer änderte sich von da an 500 v. C.  alles. Baden und das Freiamt wurden «gemeine 41 000 v. C. Herrschaften»: die Eidgenossen verwalteten 12 000 v. C.

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das Gebiet zusammen. Dafür trafen sie sich nun mehrmals im Jahr zu Besprechungen in Baden. Der Aargau war ihr erstes gemeinsames Projekt, er zwang sie dazu, sich über alle Gräben zusammenzuraufen. Andere Bündnisse hatten kein solches verbindendes Element – und sind längst verschwunden. Durch den Aargau wurde das Bündnis zum Bund, hier wurde die Schweiz zur Schweiz.

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Benedikt Meyer ist Historiker und erzählt in der Rubrik «Genesis» Episoden aus der Schweizer Geschichte. Er findet, der Aargau wäre es jederzeit wieder wert, erobert zu werden – mit Blumen und Mousse au Chocolat. benediktmeyer.ch

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Anschauliche Informationen zu den Treffen der Eidgenossen und zum Alltag der Landvogt-Familien bietet das Historische Museum Baden in der Ausstellung im authentischen «Landvogteischloss». museum.baden.ch Die Stammburg der Habsburger steht in der Aargauer Gemeinde Habsburg, südwestlich von Brugg. habsburg.ch

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Die Habsburg: auf dem Hügelkamm des Wülpenbergs im Kanton Aargau.

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Norwegen Text — Mohan Mani  / Bild — Stephan Engler

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Ein Fjord, ein Chalet im norwegischen Stil und eine Sängerin aus Oslo haben eines gemeinsam: Sie alle trifft man in Verbier im Val de Bagnes. Verbier — Die zwei Norwegerinnen Kathrina Hentsch alias Sängerin KSyran und die langjährige Hotelbesitzerin Chris Stuckelberger fallen sich an der Rezeption des Mirabeau-Hotels in Verbier in die Arme, als wären sie Busenfreundinnen. Kathrina Hentsch, die vor allem in England und Amerika ihren Erfolg feiert, ist die Herzlichkeit in Person. Sie, mit ihrer blonden Lockenpracht, strahlt wie ein Weihnachtsbaum, wenn sie neue Leute kennenlernt. Ganz anders war es, als die vierfache Mutter mit ihrem Banker-Gatten vor fünfzehn Jahren nach Rolle kam: «Damals fanden mich viele Leute unfreundlich», erinnert sie sich. «Beim Betreten eines Geschäfts musste ich lernen, zuerst mal ‹Guten Tag› zu sagen, bevor ich meinen Kaufwunsch äusserte. Heutzutage lache ich vielleicht zu viel, was wiederum manche Leute überfordert», sagt sie und schmunzelt. Hier im Hotel Mirabeau fühlt sie sich auf Anhieb wohl – und das nicht nur, weil bereits am Eingang ein norwegischer Troll die Gäste willkommen heisst, sondern vor allem, weil sie das Holz-Ambiente des 3-Sterne-Hauses an ihre Heimat erinnert. Deshalb wählte sie es auch als Ausgangspunkt für unsere kleine norwegische Tour durch Verbier aus. NORDIC WALKING OHNE STÖCKE Nicht nur Kathrina Hentsch zieht es ab und an für Ferien nach Verbier, wegen der Direktflüge und der guten Anbindung zum Genfer Flughafen haben diverse Königshäuser aus dem hohen Norden Verbier zum Hotspot der Skandinavier gemacht. Für acht Monate lebte Hentsch gar im Ferienparadies, obwohl für sie das Fehlen von Ganztagesschulen für ihre Kinder gewöhnungsbedürftig war. Dennoch erinnert sie sich gerne an diese Zeit zurück. Beim Spaziergang durchs Dorf, vorbei am Käseladen La Chaumière und mit kurzem Mittagshalt im La Grange, wo saisonaler Fisch auf den Tellern angerichtet wird, erzählt sie: «Ich liebe es, mich mit anderen Leuten beim Wandern oder Spazieren auszutauschen. Hier in Verbier lief ich jeweils rauf und runter. Und nach acht Monaten bestand mein Körper fast nur noch aus Muskeln. Eine Art Nordic Walking – nur ohne Stöcke.»

gemäss einer Volkssage die Männer in eine Berghöhle, aus der sie nicht mehr entkommen. Während sie in den USA mit ihrem Song «Hello» in den Charts auf Platz 57 steht, ist sie hierzulande mangels jeglicher PR-Aktivitäten noch gänzlich unbekannt. Mit dem staatlich subventionierten Schweizer Kulturbetrieb konnte sich die Norwegerin sowieso nie anfreunden: «In Genf regiert die Finanzbranche, die Kultur spielt eine Nebenrolle. Es war für mich nicht einfach, hierzulande als Schauspielerin zu arbeiten.» In ihren Augen ist die Schweiz etwas träge geworden: «Viele Jugendliche haben keine Träume mehr. Einige gehen lieber stempeln als arbeiten. Das macht mich traurig. Ich selbst war nie so, obwohl der Sozialstaat in Norwegen extrem ausgebaut ist.» Tatsächlich kennt Norwegen schon heute drei Monate Vaterschaftsurlaub und zwei Jahre staatlich bezahlte Kinderbetreuung. REGENFREUDE Fünfzehn Jahre in der Schweiz und zehn Jahre in England haben Kathrina Hentsch geprägt. Sogar ihre Mutter findet, dass sie keine Norwegerin mehr sei: «Ich musste mich gegenüber neuen Kulturen öffnen und mich anpassen, das hat Spuren hinterlassen.» Müsste sie heute in der Schweiz nochmals neu beginnen, würde sie die Stadt Zürich als Wohnort wählen: «Ich mag die dortige Offenheit im Vergleich etwa zu Genf. Die Leute sprechen Englisch und das Leben ist meines Erachtens internationaler.» Zurück in Verbier ziehen derweil dunkle Regenwolken auf. Für Kathrina Hentsch ein perfektes Ende für den heutigen Tag. «In meiner Heimatstadt Bergen regnet es fast täglich. Deshalb vermisse ich hierzulande den Regen. Ich mag die Feuchtigkeit – und meine Haarlocken auch», sagt sie mit einem fröhlichen Lachen, bevor sie sich verabschiedet. Mohan Mani ist freier Journalist, stammt aus Indien und wohnt seit einer gefühlten Ewigkeit in Zürich. Stephan Engler ist Fotograf aus Vevey. stephanengler.com

TRÄUME LEBEN Heute lebt die gelernte Schauspielerin und aufstrebende Sängerin noch immer im Waadtland, für ihre Songs lässt sie sich aber häufig von ihrer Herkunft inspirieren. So handelt etwa ihr Song «A côté» von einer Femme fatale. Diese heisst auf norwegisch «Hulder» und entführt

Maifisch

Wie ein Fjord: Das Poster vom Lac des Vaux, ← der eingebettet zwischen den Felsen liegt.

tsreife:  10 Jahre •  Geschlech linien  •  Mögliches Alter:  ne typischen Seiten • 40–70 cm  •  – 3 kg kei e: lini ten Sei l Schuppen auf Atlantik tritt er 3–6 Jahre  •  Anzah im er, Me im e 0 g: raum: Küstennäh on  •  Nährwert / 10 schuppen  •  Lebens gsspeise: Zooplankt men auf  •  Lieblin stanzschwimmer, gdi Lan in grossen Schwär eit: erh ond eiss: 19,00 g  •  Bes weiz ausgestorben 143 kcal, 597 kj, Eiw •  Bestand: in der Sch sser – Salzwasser  Salzwasser – Süsswa

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Ein Tag im Land der Trolle 1

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1   9:00 Aufwachen im Troll-Hotel Schon einige hatten beim Betreten des Hotels Mirabeau in Verbier einen kurzen Schreckmoment, aber Nordländer fühlen sich beim ausgestellten Troll sogleich wie zuhause. Die norwegische Hotelbesitzerin Chris Stuckelberger hat vor vielen Jahren das Frühstücken im skandinavischen Self-Service-Stil mit Fisch und Fleisch in Verbier eingeführt und fühlt sich bis heute als «Mama aller norwegischen» Gäste. Schlafen: Hôtel Mirabeau, Rue de Ransou 72, Verbier. mirabeauhotel.ch

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10:00

Chalet-Zauber Viel Holz und eine grosszügige Raumaufteilung prägen das einzige Chalet in Verbier, das im norwegischen Stil gebaut wurde. Es liegt diskret oberhalb der Bergbeiz «Chez Dany» und befindet sich in Privatbesitz. Aber dran vorbeiwandern und einen Blick aufs Gelände riskieren liegt immer drin. Entdecken: Norwegisches Chalet, ab Verbier via Route du Golf, zurück via Homeau du Hatay und Restaurant Chez Dany, 1½ Std.

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Fisch auf dem Tisch Nordländer lieben Fisch und in Verbier kommt frischer und saisonaler Fisch im Restaurant «La Grange» auf die Teller. Die Gäste werden hier in altem Holz-Décor und überall an den Wänden mit Bären- und Wolfsbildern in eisiger Winterlandschaft begrüsst. Und wer keinen Fisch mag, Fleisch steht auch auf der Speisekarte. Essen: La Grange, Route de Verbier Station 70, Verbier. lagrange.ch

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14:00

Norwegische Shoppingtour Die Boutique Dépêche Mode verkauft Mode aus Skandinavien. Hier ist der Norweger-Pulli auch im Sommer erhältlich. «Heimelig» sind die Holzbänke und Schlitten im Antiquitätenladen «Gingham». Und der Emmentaler vom Käseladen «La Chaumière» erinnert an den halbfesten Schnittkäse Jarlsberg des norwegischen Molkereiproduzenten Tine. Einkaufen: Dépêche Mode, Rue de Médran 4, Verbier. depechemodeverbier.com Antiquités CD Gingham, Rue de la poste und La Chaumière, Rue de Médran 2, Verbier.

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16:00

Curling im Sommer Sogar im Sommer lässt sich die Curling-Halle im «Centre sportif» mieten, wobei die Norweger ja an bisherigen Olympischen Spielen nicht nur mit sportlichem Können, sondern insbesondere mit schrillen Outfits von sich reden machten. Und ja: Dank Kart-Wagen und anderen Vehikeln ist «Hundeschlittenfahren» nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer möglich. Zwar nicht ganz billig, aber es lohnt sich. Erleben: Eywa’s Trails, Batterie de Cretadzera 132, Bruson. chiensdetraineau.ch

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18:00

Winziges Zuhause Mitten in Verbier findet man das kleinste Chalet weit und breit. «L’Annexe» ist nicht nur denkmalgeschützt, sondern spielte auch eine witzige Nebenrolle in der schwedischen Erfolgskomödie «Snow Roller» aus dem Jahre 1985, die zu grossen Teilen in Verbier gedreht wurde. Heute sieht es aus, als würde ein Troll darin hausen. Entdecken: Chalet L’ Annexe, Chemin de St. Christophe 4, Verbier.

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7   19:00 Dinner & Party Trinken und feiern bis in die frühen Morgenstunden gehört im Norden dazu. Im «Le Rouge» tanzt man, bis sich die Balken biegen. Viele Skandinavier schätzen das Ambiente – und die Holzschlitten mit eingeklemmten Shot-Gläsern. Da werden die Gläser zum «skål» erhoben! Und für den kleinen oder grossen Hunger ist vom kalten Plättli bis zum ausgiebigen Nachtessen vorgesorgt. Essen & Trinken: Le Rouge, Rue de Ransou 37, Verbier. lerouge-verbier.com

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23:00

Fjord-Feeling Es gibt viele Ecken, an denen sich Nordländer zuhause fühlen. Ein Paradebeispiel ist der Lac des Vaux, der an einen typisch norwegischen Fjord erinnert. Die Gondelbahn führt auf den Gipfel von Savoleyres, wo ein Weg über den CrebletPass zum Lac des Vaux auf 2543 Meter Höhe führt. Erste Bilder laden zu Träumereien ein, die sich anderntags gleich umsetzen lassen. Entdecken: Lac des Vaux. verbier4vallees.com


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S RE UIBTREIN KS /APRRTUIN KG E LT I T E L

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Kultur

DEN NORSKE OPERA Das moderne Opernhaus aus Beton, Marmor und Glas ist wohl eines der spektakulärsten Opernhäuser der Welt. Schneeweiss und in die Bucht hinein gebaut erinnert das einzigartige architektonische Wahrzeichen an einen schwimmenden Eisberg. Da lohnt sich ein Spaziergang auf dem Dach der Oper oder gar der Besuch einer Vorstellung in einem der prachtvollen Säle. operaen.no Aker Brygge: Auf dem früheren Werftgelände wird heute Café geschlürft und Fisch gegessen.

Während sich das Zentrum von Oslo um den hufeisenförmigen Fjord schmiegt, ziehen sich die Quartiere am Stadtrand die Berghänge hinauf und verlaufen sich schliesslich im Grün der dichten Wälder. Doch die Stadt hat einiges mehr als Wald und Wasser zu bieten. Die Vielfalt Oslos zeigt sich beim Besuch der verschiedenen Stadtteile. Ob Grossstadtflair an den Hauptstrassen Karl Johans Gate und Aker Brygge, Eleganz im Frogner-Quartier oder Multikulti in Grønland – die Stadtteile haben alle ihren ganz besonderen Charme und Reiz. Und dass Oslo weder langweilig noch verschlafen ist, zeigen nicht nur die architektonischen Sehenswürdigkeiten wie Kunstmuseum oder Opernhaus – neuerdings wird gar den einst tristen Hafenanlagen und Industriegebieten neues Leben eingehaucht. swiss.com/explore Zürich — Oslo Mehrmals täglich mit SWISS ab sFr. 179.—.

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Ursprünge Oslo wurde vermutlich 1050 gegründet und als Norwegen 1397 unter die dänische Krone kam, verlor die Stadt an Bedeutung. Nach dem Brand 1624 liess der dänisch-norwegische König Oslo neu erbauen. Den Stadtnamen änderte er auf Christiana, dieser blieb bis 1924 bestehen. 1814 erlangte das Land seine Unabhängigkeit von Dänemark und Oslo entwickelte sich zum grössten Verkehrs- und Handelszentrum Norwegens. Bevölkerung Obwohl Oslo flächenmässig eine der grössten Städte Europas ist, leben nur zirka 620 000 Menschen in der Hauptstadt von Norwegen. Klima Im Sommer wird es bis zu 30°C warm, während im Winter Minusgrade normal sind. Nice to Know Der Spitzname von Oslo ist Tigerstadt. Skulpturen vor dem Rathaus und dem Bahnhof erinnern daran. Grünfläche Von der 454 Quadratkilometer grossen Stadtfläche ist nur ein Viertel bebaut. Inseln Zu Oslo gehören 40 Inseln. Friedensnobelpreis Die Auszeichnung wird seit 1901 jedes Jahr am Todestag von Alfred Nobel, dem 10. Dezember, in Oslo verliehen. Sport Die Skisprungschanze Holmenkollen gehört zu den Wahrzeichen von Oslo. Sie gilt als die älteste Sprungschanze der Welt.

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Essen & Trinken

ENGEBRET CAFÉ Das älteste Restaurant Oslos eröffnete im Jahr 1857 und bis heute fühlt man sich beim Betreten des Lokals in diese Zeit zurückversetzt. Gekocht wird aber zeitgemäss. Chefkoch Knut Solberg serviert hinter Spitzengardinen leichte mediterrane Gerichte. Ein Klassiker: Bacalao (Stockfisch). engebret-cafe.no LORRY 129 Biersorten aus über zwanzig Ländern machten das Pub berühmt. Auch heute wird noch eine grosse Auswahl serviert. Am Schlosspark gelegen, ist das Lorry ein echtes Osloer Original. Seit 1887 zieht es Künstler, Autoren, Persönlichkeiten aus der Kulturszene und Bierliebhaber an diesen kuriosen Ort. lorry.no NORSK FOLKEMUSEUM Dieses Freilichtmuseum imponiert Philipp (Supervisor Onsite Marketing) besonders. Es beherbergt 155 historische Originalgebäude aus ganz Norwegen. Das Highlight: eine originale Stabskirche, die bereits 1885 aus der norwegischen Stadt Gol aufs Museumsgelände versetzt wurde. norskfolkemuseum.no SWISS CREW TIPP

Bild — VISITOSLO: Tord Baklund / Erik Berg / zvg

Oslo Die Fjordstadt

MUNCHMUSEET Im Jahr 1963, rund 100 Jahre nach der Geburt des Künstlers Edvard Munch, eröffnete das Kunstmuseum seine Türen und zeigt seitdem den umfangreichen Nachlass des weltberühmten Malers und Grafikers. Eine erhebliche Anzahl an Originalwerken kann hier entdeckt werden. munchmuseet.no


Bild — VISITOSLO: Heidi Thon / VISITOSLO: Tord Baklund / VISITOSLO: Susanne A. Finnes / zvg SWISS / zvg SWISS / zvg

A B E N T/ I O N S LO P I / KU LT U R

R U B R I KS/A I TNEG L E IR TT E INKSEPLT RU

Attraktionen

Einkaufen

Schlafen

VIGELAND SKULPTURENPARK Gustav Vigeland war der bedeutendste Bildhauer Norwegens. Im gleichnamigen Park sind mehr als 200 seiner Skulpturen aus Stein, Eisen und Bronze zu entdecken. Spaziert man entlang des Werkes über den Zyklus des Lebens, staunt man über die Vielfalt der Skulpturen, und beim Monolithen angekommen, könnte man stundelang den Kopf in den Nacken legen. vigeland.museum.no

MATHALLEN Die hippe Markthalle mit vielen Essständen, an denen regionale und nationale Spezialitäten angepriesen werden, laden zum Verweilen ein. Und wer das ganze Marktgeschehen ein bisschen. beobachten will, nimmt in einem der vielen Cafés Platz oder probiert sich durch die Weine und Biere in der Bar. Sogar Kochkurse werden hier angeboten. mathallenoslo.no

GRAND HOTEL Das prächtige Hotel am breiten, historischen Boulevard mit seiner beeindruckenden Fassade, Türmen und Jugendstilelementen wurde 1874 im Stil Ludwig XVI erbaut und zählt zu den 500 besten der Welt. Seit Jahrzehnten verkehren hier Staatsoberhäupter, Diplomaten und Berühmtheiten. Auf der Dachterrasse der eigenen Bar Etoile geniesst man den Blick über die Stadt. grand.no

WASSERFALL IN DER STADT Im angesagten Quartier Grünerløkka, wo sich kleine Läden und Bars aneinander reihen, fällt auch der grösste Wasserfall des Flusses Akerselva in die Tiefe. Neben dem roten Holzhäuschen namens Hønse-Lovisas Hus an der Brücke Beierbrua zaubern die Wasserspritzer kleine Regenbogen in die Luft. Nicht nur deswegen ist ein Spaziergang entlang des Flusses lohnenswert.

BARE JAZZ An diesem Ort dreht sich alles um Jazz. Im Erdgeschoss sind die Wände mit CDs vollgepflastert und hier findet bestimmt jeder seine lang gesuchte CD. Nach der Shoppingtour, geht’s in den ersten Stock mit Bar und Café, wo abends die besten Jazzmusiker Norwegens auftreten. Da die Norweger jazzbegeistert sind, sollte man sich frühzeitig einen Platz ergattern. barejazz.no

THE THIEF Einst war das Hafenviertel von Tjuvholmen eine Gefängnisinsel, bekannt als «Thief Island». Heute ist das Viertel ein blühendes Zentrum für Wirtschaft, Kunst und Nachtleben. Ein perfekter Standort also für das Designhotel, in dem dunkle Farben und edle Stoffe dominieren. Vor allem aber fallen die grossartigen Kunstwerke – viele vom Astrub Fearnley Museet – auf. thethief.com

MIT KOMMISSAR HARRY HOLE UNTERWEGS Spürnasen aufgepasst! Harry Hole ist der Hauptkommissar in den Welt-Bestsellern des norwegischen Musikers und Autors Jo Nesbø. Zu einem grossen Teil spielen seine Kriminalromane in Oslo. Und wer einige der blutrünstigen Bücher gelesen hat, kann bei einer Tour durch die Stadt die Wohnorte der Protagonisten sowie die Tatorte aufspüren – alleine oder: osloguidebureau.no

SHOE LOUNGE Die kleine Schuhkette ist ein wahres Paradies für Liebhaberinnen ausgefallener Schuhe. Die Modelle sind trendy, witzig und manchmal auch etwas verrückt. Sandalen, Pumps, Stiefel – alles, was das Herz begehrt. Passend dazu findet man hier Taschen, Gürtel und Accessoires – und in einigen Niederlassungen gar flippige Klamotten. shoelounge.no

COMFORT HOTEL BORSPARKEN Das von aussen etwas unspektakulär wirkende Hotel befindet sich in einer ruhigen Seitenstrasse gegenüber der alten Börse. Die Einrichtung ist nordisch schlicht und trendy. In wenigen Minuten ist man bei der Oper, am Zentralbahnhof und im Zentrum. Übrigens: den Tag mit einem Frühstück im Hotel beginnen – das üppige Buffet lädt zum Schlemmen ein. nordicchoicehotels.com

Swissness Jura über den Wolken Quinoa-Frischkäse-Tatar mit Mangosalsa, Kaninchenrücken mit Eierschwämmli und Spinat oder ein saftiges Rindsfilet mit Kräuterkruste und Rotweinsauce – das sind nur einige Beispiele, auf die man sich bis Ende August hoch oben über den Wolken freuen darf. Denn bis dann ist der Kanton Jura zu Gast in der Küche der First und Business Class von SWISS. Mit 16 Gault-Millau-Punkten und einem Michelin-Stern bietet das Hôtel-Restaurant du Cerf, geführt von JeanMarc Soldati, erstklassige Top-Kreationen und zeichnet sich durch eine der besten Küchen im gesamten Jura-Bogen aus. JeanMarc Soldati, ehemaliger Schüler von Frédy

Girardet und des verstorbenen Philippe Rochat, verwöhnt die Passagiere mit exklusiven Zutaten und begeistert durch sein prägendes Merkmal der Schlichtheit. swiss.com/stos Immer auf dem neusten Stand Die besten Angebote, Wettbewerbe und Neuigkeiten rund um die SWISS flattern mit dem Newsletter in jeden Posteingang. Einfach anmelden und kein Sonderangebot mehr verpassen: swiss.com/newsletter

Datenpackages: 20 MB für sFr. 9.—, 50 MB für sFr. 19.— und 120 MB für sFr. 39.—. SWISS Connect schaltet automatisch ab 10 500 Fuss ein und entsprechend unter 10 000 Fuss wieder ab. Die erlaubte Betriebsflughöhe wird durch die Luftfahrtbehörden festgelegt. Zusätzlich gestattet SWISS an Bord der Boing 777 auch die Nutzung von Telefoniediensten via Roaming. swiss.com/swiss-connect

Internet an Bord Surfen mit dem Satelliteninternet «SWISS Connect»? Die Boeing 777 macht’s möglich. Zur Auswahl stehen drei verschiedene

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KALENDER

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Bild — 2016 Calder Foundation, New York – ProLitteris, Zürich / zvg / zvg / zvg/ zvg/ zvg / zvg

August  / September KU N S T

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T H E AT E R

GASTRO

Balanceakt Basel bis 4.9.

Frische Fische Zürich bis 14.9.

Gegen den Strom Luzern bis 27.11.

Sinnesrausch Lavin 18. – 21.8.

Ein Windhauch und alles wäre zunichte! In der aktuellen Ausstellung der Fondation Beyeler treten Objekte des Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss mit Werken von Alexander Calders in einen Dialog. Sie loten den Moment der Balance aus. Da harrt ein Tischgedeck in einem fragilen Gleichgewicht und abstrakte Formen bilden ein zerbrechliches Mobile. Selbst die Ausstellung wird bald verwehen – also wirbeln Sie bald hin. «Alexander Calder & Fischli/Weiss» in der Fondation Beyeler, Basel. fondationbeyeler.ch

In der «barfussbar» im Herzen von Zürich wird der Abend zu Kurzferien: Am Wasserbecken sitzen, das verdiente Feierabendbier geniessen und die vielseitige «Kultur am Mittwoch» auf sich wirken lassen. Unter dem Slogan «Frische Fische» lädt die Badibar zu einem erfrischenden Schwumm: Jungmusiker, Skizzenkritzler, Wortzauberer und passionierte Filmschneider werden jeden Mittwoch auf das Publikum losgelassen – da sind einige Regenbogenforellen mit dabei! «Frische Fische» in der barfussbar Zürich, jeden Mi. barfussbar.ch

«Wie kamen nur diese Fische auf den Berg», fragte sich der Stadtarzt Karl Nikolaus Lang, als er bei einer Wanderung auf den Pilatus versteinerte Meeresbewohner fand. Er entwickelte eine neue Theorie, wie die Natur abseits von der Kirche erklärt werden könnte. In Kooperation mit dem Natur-Museum und dem Historischen Museum Luzern wandert eine Theatertour durch die Geschichte der Wissenschaft. «Karl Nikolaus Lang oder Wie die Fische auf die Berge kamen» im Historischen Museum Luzern. historischesmuseum.lu.ch

«Der marinierte Zander mit Randen und Ingwer ist als Vorspeise gesetzt. Wahrscheinlich gefolgt von der Hummerbisque. Ob der Kabeljau zum Hauptgang im Pergamentpapier schmort, wird sich noch weisen», steht auf der Einladung zum viertägigen Sinnesrausch im Piz Linhard geschrieben. Dort oben im Engadin werden die Gäste von einer rosaroten Fassade empfangen und in den Arvensaal geführt, wo der Fisch in all seinen Variationen aufgetischt wird. Guten Appetit! «Fisch & Blumen» im Piz Linard in Lavin. pizlinard.ch

SPORT

KU LT U R

A U S S T E L LU N G

Angelwerfen Langenthal 3.9.

Essen & Co. Basel 3. – 4.9.

Die Fly Show in Langenthal ist für Fischfans ein Muss! Binder und Werfer zeigen ihr Können und weisen in die hohe Kunst des Fliegenfischens ein. Denn es benötigt etwas Übung, bis die anspruchsvolle Technik beherrscht wird. Das Zubehör – Rute, Rolle und die filigranen Fliegen – lässt sich anschliessend in der Markthalle vergleichen, ausprobieren und erwerben. Bei einem Imbiss bleibt auch genügend Zeit für einen Schwatz. Wer das mal ausprobiert hat, hört nie wieder auf! «Fly Show» in Langenthal. fischen.ch

Gesunde Ernährung? Eine wahre Wissenschaft heutzutage! Zwischen Kochshows, Food-Blogs und immer bunteren Kochbüchern wird es schwierig, sich zu orientieren: Verschreibe ich mich dem Veganismus oder bleibe ich der Fleischeslust treu? Massenernährung oder doch Fine Food? Das Museumsfest im Museum der Kulturen geht diesen und weiteren Fragen auf den Grund. Mit dabei: ein Theaterbus, Poetry-Slamer Gabriel Vetter und Madam Tricot . «Kultur kocht!» im Museum der Kulturen in Basel. mkb.ch

Tropenfische Frutigen Das warme Wasser aus dem Lötschberg sorgt für zweierlei: die tropische Hitze für das Wachstum exotischer Früchte und das «Thermalbad» für die Vermehrung des Störfischs. In der neuen Ausstellung «Wie der Fisch auf den Berg kam»

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führen eine Wissenschaftlerin, ein Koch, ein Stör und ein Murmeltier durch fünf Themenwelten: Wasser, Stör, Kaviar, Genuss und Energie. Wieso ist der Stör ein Dino unter den Fischen? Was haben Stör, Mensch und Banane gemeinsam? Sind diese Fragen beantwortet, geht’s weiter zum Aquarium, um zahlreiche Störarten zu entdecken. «Wie der Fisch auf den Berg kam» im Tropenhaus Frutigen, Di – So 9 – 18 h. tropenhaus-frutigen.ch

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Z U FA L L S R E I S E N

Zufallsreise #2

Gegen den Strom

Ein Ort, den man angeblich nicht gesehen haben muss. Wo wird er dem Klischee gerecht, wo nicht. Zürich — Das ist eine Falle, völlig klar: Ich habe zugesagt einen Ort zu besuchen, den man nicht gesehen haben muss. Was hält wohl der Ort davon, den ich besuche? Und erst die Menschen, die dort leben? Wie komme ich da bloss wieder ungeschoren raus? Da fällt mir ein allseits populäres Unding ein: der neue Swissmill Tower am Sihlquai in Zürich. «118 Meter Hässlichkeit», sagt die NZZ dazu. «Schattenwurf», sagen die Badi-Besucher im Unteren Letten. Als Wipkinger bin ich wohl prädestiniert, diesem neuen Nachbarn einen Besuch abzustatten. Empfangen werde ich von Raimund Eigenmann, und da ist’s auch schon um meine kritische Haltung geschehen. Er ist der operative Leiter der Mühle und Auftraggeber für die neuen riesigen Silos. Und Raimund Eigenmann ist auch eine PR-Waffe erster Güte: offen, sympathisch, Thurgauer, direkt, fröhlich, begeistert und ganz der Profi. Entwaffnend sympathisch. Nach einem Kafi-Schwatz in der kleinen Kantine, unterbrochen notabene durch den Haus-Beck, der mir einfach so ein frisches Brot vorbeibringt, ziehen wir los zum ominösen Turm. Coop betreibt mit Swissmill mitten in der Stadt die grösste Mühle der Schweiz. In den 1950er-Jahren als Auslaufmodell gedacht, heute eine Vorzeige-Mühle in Europa, technisch auf dem letzten Stand und nun sogar noch mit einem Turm mit den benötigten neuen Silos. Jetzt aber hopp, ab in den Lift

und hoch hinaus auf 118 Meter. Dort oben ist die Luft dünn und die Aussicht berauschend. Zum ersten Mal werfe ich selber Schatten auf meine Badi. Der Blick schweift vom Limmattal über den Üetliberg bis zum Zürisee und den Alpenkämmen dahinter.

mir die sauber gestrichenen, weissen Wände auf. Auch die mattgelben Böden in den Zwischenstöcken wirken edel. «Feng Shui», erklärt mir Raimund Eigenmann, «Gelb, die Farbe der Veränderung.» Der Turm ist sein Baby und die rund sechzig Mitarbeitenden sind seine Familie. Er stellt mich einer Müllers-Familie vor, die er vor Jahrzehnten aus Argentinien in die Schweiz zurückgeholt hatte, Exil-Schweizer mit Heimweh und den richtigen Fähigkeiten. Heute arbeitet der Jüngste in der dritten Generation als Lehrling in der Hightech-Mühle. Und was sage ich nun zu diesem grauen Koloss? «Netter Nachbar» oder «den Ort sollte man gesehen haben». Vielleicht nistet sich oben im Turm ein Phönix ein und macht daraus eine Touristenattraktion. Wer weiss. Der Swissmill Tower am Sihlquai in Zürich kann auf Anfrage besucht werden. swissmill.ch

Aussicht auf Zürich: vom Swissmill Tower.

Nun hat mich auch der Turm im Sack: Ich mag ihn, wie er so über allem dasteht und ich zuoberst drauf. Etwa so muss sich Sauron aus «Der Herr der Ringe» fühlen, nur das grosse Auge wäre noch auf der Turmspitze anzubringen. Beim Runtersteigen fallen

Martin Sturzenegger ist Direktor von Zürich Tourismus und hat sich auf die Zufallsreise für diese Ausgabe gemacht. zuerich.com Lena Grossmüller ist Autorin des «Reiseführer des Zufalls». Sie gibt Ihnen in der Rubrik «Zufallsreisen» Impulse und Experimente passend zur jeweiligen Transhelvetica-Ausgabe mit auf den Weg, die Sie zu Neuem inspirieren können. lenagrossmueller.de

Zufallsreise #3 Impuls für die Transhelvetica-Ausgabe #37 «Sturm»:

Sturm & Drang

Besuche einen Ort, der mit «S» beginnt. Entdecke ein Gebäude, das mit «T» beginnt. Fotografiere einen Gegenstand, der mit «U» beginnt. Koste ein Menü, das mit «R» beginnt. Schreibe einer Person, die mit «M» beginnt. Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns und senden Sie Ihre Zufallsreise mit Fotos an zufallsreise@transhelvetica.ch. Die besten Geschichten werden veröffentlicht. Die nächste Ausgabe «Sturm» erscheint am 6. Oktober 2016.

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Bild — Martin Sturzenegger

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Transhelvetica Die Kunst des Reisens #36 «Fisch»

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