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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser Der Schweizer ist dem grossen Wurf gegenüber skeptisch. Las Vegas oder Cape Canaveral findet man nicht in den Alpen – kühne Projekte werden nur im klar abgesteckten Rahmen von Landesausstellungen und auf Zeit gebaut. Für die grossen Gedanken ist das Land zu klein. Es hat leider zu wenig Platz. Tut mir leid. Doch warum sollen wir uns von abschlägigen Machbarkeitsanalysen den Spass verderben lassen? Die entscheidenden Wendungen der Geschichte sind immer von Menschen ausgegangen, die sich von Sachzwängen befreit haben und ihren Gedanken freien Lauf liessen. Von diesen Denkern und ihren Ideen haben wir uns für die vorliegende Ausgabe inspirieren lassen. Auch wir können solche Denker sein! In der Küche, auf dem Gipfel oder im Café haben wir Zeit, den Kopf vom Alltag zu befreien und mit neuen Gedankenexperimenten zu füllen. Dabei beflügelt die Vorstellung davon, wie die Welt aussehen könnte, die Gedanken zuweilen in ungeahnte Richtungen. Wie wäre es, wenn wir die Schweiz neu organisieren könnten? Wenn wir zehn grün-wuchernde Grossstädte bauen und den Rest der Schweiz für die Freizeit entsiedeln könnten? Oder wenn guter Stil zur conditio sine qua non des Schweizer Bürgerrechtes würde? Wenn jeder

Schweizer jährlich zwei Wochen gemeinnützige Arbeiten leisten müsste, oder wenn Gemeinden mit weniger als 20 000 Einwohnern zusammengelegt würden? Für solche Spielereien hat uns Thomas Morus ein Land geschaffen, das wir frei besiedeln dürfen: Utopia. Eine Insel, die dem Gedankenexperiment dient und nicht von der Realität eingeholt werden kann. Wir waren dort und sind auf Projekte und Protagonisten gestossen, deren Ursprung hier in der Schweiz liegen – im Inspirationsteil stellen wir Ihnen eine Handvoll davon vor: selbsternannte Stadtgärtner, Wasserstrassen über die Alpen, rotierende Gebäude auf Bergspitzen, selbstversorgende Städter oder neue Verkehrsmittel. Zudem nutzten wir die anregende Wirkung der körperlichen Betätigung als Entschuldigung für ausschweifende Gedankengänge, auf denen Franz Hohler ein gestrandetes Raumschiff entdeckte und Cla Semadeni Zukünfte für eine schöne neue Schweiz ersann. Tun Sie’s denen gleich, geniessen Sie den heissen, warmen Sommer, erbauen Sie sich an den grossen Gedanken anderer und setzen Sie zur Krönung Ihre eigene Utopie obendrauf. Es hat Platz genug. ● Jon Bollmann, Herausgeber

Cover-Illustration: Gezeichnet mit Caran d’Ache von Fabian Leuenberger, fabianleuenberger.com Editorial-Bild: Alex Wydler, alexwydler.com

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Inhalt

Reisen

7 Vor der Kulisse

8 Fundstücke

Spezialregion 10  Gurtnellen

Naturgewalten und Gotthardbahn

Jürg Schmids Touristica

23 Wo Unrealistisches wahr wird

7  Vor der Kulisse

90 Kunststücke

Bergwärts – von Emil Zopfi

24 Das grüne Horn Erste alpine Unterkunft des SAC Tödi Jons Bettgeschichten 26 Zen & Wein in Hertenstein

Culinaria Helvetica

28 Culinarium Utopicum Vierzehn Jahre Selbstversorgung in Trun Rezept

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Gruss aus dem Garten à la «Hospezi»

Arno Camenischs Welt

35 Im Sommer in den Süden

Eine Runde Schweiz – von Martin Jenni

36 Alkohol verboten

28  Culinarium Utopicum

In Vino Veritas

37 Täglich einen Liter! 38 Postkartenfranz

BerglandWirth – von Jürg Wirth

39 Wellness für die Wiesen

Kultur

Alternatives Reisen

80 Experiment Dorfplatz

Wo zum Teufel

82 Wo surft die Sirene?

Genesis der Schweiz #17

85 Bischofskult in Chur

Es war einmal

86 Der Schweinehirt von Twann 87 Lesestoff – mit Thomas Geiger 88 TH-Kalender 90 Kunststücke 92 Abogeschenke & -talon 95 Hinter der Kulisse 96 Interna/Impressum

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10  Spezialregion Gurtnellen


Inhalt

Utopie

Inspiration

42 Schöne neue Schweiz Blick auf zehn helvetische Utopien 52 Zukünfte Ein Spaziergang mit Zukunftsforscher Cla Semadeni am Neuenburgersee

Unikate

58 Herr der Blüten Zürich blüht anders – dank Maurice Maggi 64 Durch Zeit und Raum Flugstunden über Wildhaus

Die Rote Seite — von Thomas Wyss

72 Zwischen Wahrheitsberg und Zufallsliteratur 73 Theäterle isch dänk scho ächt Das Ökodorf in Degersheim lädt zu Traumwelten 42  Schöne neue Schweiz

78 Ins Leere Raumschiff-Landung im Valle di Lei – gesichtet von Franz Hohler

52 Zukünfte

64  Durch Zeit und Raum

58  Herr der Blüten

Sender Transhelvetica

Utopie-Remix von Harald Taglinger 3:24 min. transhelvetica.ch/hoeren 3


Land unter! Was würde mit der Schweiz geschehen, läge der Meeresspiegel um tausend Meter höher? Reliefbauer Konrad Weber ist der Frage nachgegangen und ermöglicht mit der vorliegenden Karte einen Blick auf eine Schweiz (fast) unter Wasser. Die voneinander losgelösten Inselgruppen mit tiefen Fjorden wären eine Schweiz, die nur noch per See- oder Luftweg miteinander verbunden ist. Eine utopische Vorstellung gewiss, aber nicht völlig losgelöst von einem möglichen Zukunftsszenario: Noch während der letzten Eiszeit beispielsweise lag der Meeresspiegel rund 130 Meter tiefer als heute.

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Quelle: reliefs.ch/meeresanstieg/schweizanstieg.htm

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Geografisches Inhaltsverzeichnis

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Vor der Kulisse mit

Christian Jott Jenny, Gründer & Artistic Director «Festival da Jazz» in St. Moritz

Festivalorganisator Christian Jott Jenny

Bild: zvg

Text Olivia Gähwiler

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Festival zu gründen? Eigentlich kam ich gar nicht auf die Idee, sondern das Festival in St. Moritz ist aus sich selbst heraus gewachsen. Als wir 2005 begannen, ein paar läppische Konzerte im «Kronenhofkeller» zu veranstalten, haben wir nie an etwas Grosses gedacht. Es war einfach purer Spass! Dies ist es heute übrigens immer noch – einfach mit dem Unterschied, dass wir unterdessen ein mittlerer Betrieb sind. Warum braucht es das «Festival da Jazz»? Es gibt ja schon genügend Festivals in der Schweiz. In der Tat. Es gibt wohl zu viele Festivals – vor allem in Graubünden. Den meisten fehlt jedoch ein klares Profil, eine Handschrift, ein klarer Absender und vor allem ein Gastgeber. Im «Dracula Club» sind Weltstars in kleiner, unverwechselbarer Atmosphäre erlebbar. Doch warum ausgerechnet in St. Moritz? Die Gäste kommen doch grösstenteils aus Zürich. Wir haben in der Tat viele Gäste aus dem Unterland, doch es mischt sich immer häufiger internationales Publikum darunter. Das ist ja auch der Sinn eines Festivals: Es braucht eine Art Pilgergang auf unseren grünen Hügel; man muss zu uns wollen. Dies ist der Unterschied zu einem Festival in der Stadt. Unsere Gäste sind auch meistens entspannter.

Welche gemeinsamen Eigenschaften haben der Jazz und die Schweiz? Ich finde, dass es zu wenig Gemeinsames gibt. Auch ein Grund, warum wir St. Moritz als Austragungsort ausgesucht haben: eine wundersame Enklave der Schweiz. Hier wird eigentlich ausschliesslich improvisiert. Und dies seit dem 19. Jahrhundert, als die Engländer den Tourismus erfunden haben. Dieser Improvisationsgeist hält glücklicherweise an. Man hilft sich, wo es nur geht. Wenn Stühle fehlen, ein Scheinwerfer kaputt ist oder etwas mit der Hotelbuchung schief gegangen ist; der Nachbar kann meist aushelfen. Diese Spontanität auf engstem Raum ist schlicht genial. Aber man muss damit umgehen können, sonst dreht man durch ... ! Wie vertreibt man sich die Zeit vor und nach den Konzerten? Nach den Hauptkonzerten gehen unsere Gäste meist zu unseren «Round Midnight Concerts» in die «Miles Davis Lounge» im nahegelegenen «Kulm»-Hotel. Dort darf man auch noch zur Musik rauchen. Das gibt es doch sonst nur noch in alten Filmen von früher. Danach steht ab 3 Uhr das «Hemingway» bereit für die ganz Wilden. Das ist ein Club unter jeglichem Geschmack – und deshalb so toll. Wie soll das «Festival da Jazz» in 15 Jahren aussehen? Zum 20. Jubiläum wünsche ich mir, dass neben den regelmässigen Gästen noch ganz viele neue erscheinen – vor und auf der Bühne. Wir sind unterdessen eine Familie geworden. Künstler und Publikum verschmelzen – und mein Team mit ihnen. ●

Hinter der Kulisse mit Christian Jott Jenny  →  S. 95

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Fundstücke

Blütezeit

Schluchtflucht

Kopfüber

Im Restaurant «Eisblume» in Worb sind regelmässig versammelt: Geburtstagskinder, Jubiläumsgesellschaften oder kulinarische Gwundernasen. Angezogen werden sie alle wie Falter vom Licht; von feinsten Gaumenschmäusen und immer wieder wechselndem, thematisch ausgerichtetem Interieur. Hier kann in die «Welt des Zirkus» eingetaucht oder der «Farbenwind des Südens» gespürt werden. Vergangene Wintersaison überraschte das Lokal mit «kulinarisch Utopischem». Passend zum jeweiligen Thema scheuen der Inhaber und ehemalige Dekorationsgestalter Mario Caretti und sein Team keine Mühen und verführen ihre Gäste geschickt und ohne Kitsch. Bereits zehn Jahre ist es her, seit die «Eisblume» als temporäre Weihnachtslounge in den Gewächshäusern der ehemaligen Gärtnerei eingezogen ist. Der Erfolg war gross, der Ort zu schön, um wieder hergegeben zu werden und die Ideen zu zahlreich. So wächst die «Eisblume» heran und bildet Jahr für Jahr prächtige Blüten, die wie Butter auf der Zunge wieder zergehen. Der Sommer präsentiert nun einen ganzen Kaleidoskopsaal; Spiegelspiel und Köstlichkeiten warten.

Welche schöne Landschaft sich im Val d’Uina, hinter der wilden und unzugänglichen Felsenpassage mit dem klangvollen Namen «Chavorgia dal Quar» verbirgt, war lange Zeit nur den wenigsten bewusst. So versteckt ist die Gegend, dass sie lange nur als unvollständiger Fleck auf Landkarten eingezeichnet war. Schliesslich war es der Deutsche Alpenverein, der sich im Jahr 1910 dafür einsetzte, die enge Stelle passierbar zu machen – unter der Bauherrschaft der Engadiner Gemeinde Sent. Seither führt ein spektakulärer, in den Kalkfelsen geschlagener Pfad durch die senkrechte Wand des Quars. Er ist gut 600 Meter lang und nur für Schwindelfreie geeignet, jedoch mit festem Schuhwerk gut zu bewältigen. Selbst mutige Mountainbiker befahren den schmalen Pfad. Hinter dem Quar eröffnet sich eine andere Welt, fast schon ein anderes Land. Auf die enge Klamm folgt die Weite der von der Südtiroler Gemeinde Mals gepachteten Alp Sursass; grüne Weideflächen lösen die graue Gesteinswelt ab. Wie unwirklich erscheint nun der Gang zurück durch den Felsen! Entsprang die Schlucht etwa nur der eigenen Fantasie?

In der reformierten Kirche Fläsch bei Maienfeld steht die Welt Kopf. Kopfüber um genau zu sein, befindet sich doch im Dachstock des Kirchturms die grösste Mausohrenkolonie der Schweiz. Jedes Jahr hängen in den frühen Sommermonaten tagsüber über 1500 Fledermausmütter mit ihren Jungen im Turmhelm der Kirche und warten dösend und voller Vorfreude auf das nächste Abendrot und den ersten Insektensnack. Damit nicht alle Besucher und Fledermausfans vor lauter Begeisterung zu den scheuen Fledermäuschen hoch in die Turmspitze klettern, ist seit einigen Jahren eine Infrarotkamera angebracht, die auf Knopfdruck direkten Einblick in die ausgefallene Kinderstube ermöglicht. Mausohren gelten als stark bedroht. Aberglaube und Umweltgifte haben den Tieren im letzten Jahrhundert immer wieder massiv zugesetzt, wenig förderlich für den Bestand waren zudem fledermausfeindliche Renovationen an bestehenden Unterschlüpfen. In der Schweiz ist der Kirchturm Fläsch eine der wenigen Wochenstuben, die überhaupt noch existieren. Ein Spektakel, das man sich also nicht entgehen lassen sollte.

Eisblume, Enggisteinstrasse 16a, Worb. T. 031 839 03 00. eisblume-worb.ch

Verschiedene Wanderungen führen ins Val d’Uina und durch die Felsenpassage Chavorgia dal Quar. sent-online.ch

Weitere Informationen und Führungen: flaesch.ch, stiftungfledermausschutz.ch

Restaurant Eisblume in Worb

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Val d’Uina bei Sent

Mausohrenkolonie in Fläsch

Bild: Simon Schmid / Andrea Badrutt / zvg Fledermausschutz


Fundstücke

Living History

Stadtfisch

Kein Luftschloss

Utopische Inseln sind für die Allgemeinheit meist schwer bis gar nicht erreichbar. Ganz anders steht es glücklicherweise um den «Monte Verità» oberhalb von Ascona, der weitherum als «Hügel der Utopien» bekannt ist. Und Utopisten waren sie allesamt, die damaligen Gäste, Vegetarier auch, und meistens Künstler oder dem Schriftstellertum zugewandt. Der Monte galt bis in die 1960er Jahre als Mekka für Revolutionäre, Anarchisten und Aussteiger aller Art. Zu ihnen gesellte sich unter anderem Hermann Hesse himself, der legendäre Rudolf von Laban bot seine Sommerkurse für Ausdruckstanzen an, aber auch Hans Arp oder Hugo Ball zählten zur illustren und lange Listen füllenden Gästeschar. Das 1929 im Bauhausstil errichtete Hotel steht heute noch als denkwürdige Unterkunft zuoberst auf dem Berg. Als Besucher kann man durch die mit Geschichten beladene Parkanlange zum Hotel streifen und sich vor Ort ein Bild verschaffen, wie es sich angefühlt haben muss, hier zu leben. Im angrenzende Restaurant «Monte Verità» findet man dann über eine leichte, regional ausgerichtete Menukarte den Weg zurück in die Gegenwart.

UrbanFarmers BOX ist die Weiterentwicklung des Schrebergartens. Für manche ist der Spaziergang durch Wald und Feld bis zum Refugium Schrebergarten essentiell dafür, auf Freizeit umzuschalten. Für andere nicht: Die UrbanFarmers BOX lässt die Herzen aller Couchpotatoes und Stadtbauern höher schlagen. Die gesamte Konstruktion wiegt über 3,5 Tonnen und ist 5 Meter hoch, kann aber durch ihren Aufbau mobil und nomadisch in der Stadt eingesetzt werden. Die Box fühlt sich am wohlsten auf Parkplätzen, Hinterhöfen oder Flachdächern. Sie sieht aus wie eine zweischichtige Torte: unten CargoContainer, oben Gewächshaus. Diese Kombination produziert in einem Sommer bis zu 200 Kilo frisches Gemüse und 60 Kilo frischen Fisch. Ja, richtig gehört; frischen Fisch. Die AquaponicTechnologie ermöglicht mit einem geschlossenen Wasserkreislauf gleichzeitig Lebensgrundlage für Fische und Bewässerung für Salat und Tomaten. Das ist genug, um eine Familie mit einem reichhaltigen Angebot ernähren zu können. So kann der Traum vom Garten auch für eingefleischte Städter wahr werden. Einfach auf dem Parkplatz.

Die neu eröffnete Kantine nahe dem Wasserschloss Schweiz im aargauischen Vogelsang beseitigt gleich drei Missstände auf einmal und schlägt Brücken zu neuen Ufern. Erstens im sozialen Bereich: Als neue Dépendance des Vereins «Lernwerk» bietet sie eine Perspektive für Erwerbslose oder nur teilweise leistungsfähige Arbeitskräfte. Zweitens in architektonischhistorischer Hinsicht: So wurde dem ehemaligen lichttechnischen Labor der BAG (Broncewarenfabrik AG) über den Umbau und die Neunutzung neues Leben eingehaucht. Drittens, last but not least, betreffend touristischen und kulinarischen Anliegen: Bisher gelangte man vom Industriekulturweg rund um Baden nur mit hungrigem Bauch zum Gewerbeareal zwischen Reuss, Limmat und Aare. Ebenso erging es Naturfreunden auf dem Weg zum anliegenden Naturschutzgebiet oder den zahlreichen Paddlern auf einem der drei Flüsse. Diese Durststrecke ist nun dank der neuen Kantine definitiv aufgehoben. Die Verköstigung erfolgt über hausgemachte Pastaspezialitäten, aber auch für den kleinen Hunger stehen diverse Häppchen bereit.

Geführter Rundgang durch die Parkanlage: März – Okt, Sa 14 h. Weitere Informationen: monteverita.org

UrbanFarmers BOX, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Wädenswil. Anmeldung über urbanfarmersbox.ch

Kantine Lounge Take-Away Wasserschloss, Limmatstrasse 55, Vogelsang. Mo – Fr, 7 – 19h. kantine-wasserschloss.ch

Monte Verità in Ascona

Bild: zvg Monte Verità / zvg Urban Farmers / zvg Lernwerk

UrbanFarmers BOX in Wädenswil

Kantine Wasserschloss in Vogelsang

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Spezialregion

Gurtnellen Naturgewalten und Gotthardbahn Gurtnellen liegt an der Gotthardstrecke zwischen Wassen und Amsteg. Darüber thront der Geissberg – unübersehbar mit der mächtigen Lawinenverbauung unter den Gipfeln des Schnuerstocks und des Witenstocks.

Auf der Kantonsstrasse gelangt man über Amsteg nach Gurtnellen-Wiler, einer Siedlung zwischen Bahn, Reuss und Autobahn. Augenfällig die Schmelzmetallfabrik und das Schulhaus; beides markante Granitbauten. Ocker und blassrosa – die Häuser am weiten Bahnhofplatz. Reisende wähnen sich bereits jenseits des Gotthards, im Tessin. Gurtnellen-Wiler entstand zwischen 1872 und 1882 mit dem Bau der Gotthardbahn. Tausende italienische Gastarbeiter arbeiteten im Tunnel, an der Zufahrtsstrecke und in den Steinbrüchen. Einige Bertolosis, Luzzanis oder Triulzis blieben und brachten ein Stück Italien ins Reusstal. Eine Kultur, die den Einheimischen nicht fremd war. Seit Jahrhunderten hatten die Urner Vieh über den Gotthard bis nach Mailand exportiert. Durch die Säumerei kamen Makkaroni, Polenta und Reis auf die Teller der kinderreichen Bauernfamilien.
 Am Fusse des Geissbergs, am alten Gotthardsaumweg, liegt Gurtnellen-Dorf. Auf 935 Meter über Meer gruppieren sich ein Dutzend Häuser, ein Laden und zwei Gaststätten um die barocke Kirche St. Michael. Gurtnellen-Dorf gilt dank zahlreicher Föhntage als Sonnenhang des oberen Reusstals. Im milden Klima wachsen Föhren und Lärchen, blühen Wildrosen, Orchideen und Johanniskraut. Smaragdeidechsen huschen über warme Granitplatten. Ein Dukatenfalter leuchtet orange aus dem Pflanzenteppich. Wald, Felskuppen und Lawinenkeile schützen schwarzgebrannte Bauernhäuser, die Ställe ducken sich fast ebenerdig in den Hang. Trockenmauern und Hecken begrenzen fruchtbare Wiesen und Weiden. 20 Bauernbetriebe bewirtschaften diese vielfältige Kulturlandschaft unterhalb des Geissberges.

Die Geissen gaben dem Gurtneller Hausberg den Namen. Sie lieferten Milch und Fleisch, waren die Existenzgrundlage der ansässigen Bauernfamilien über Jahrhunderte. Anfang des 20. Jahrhunderts weideten im Sommer um die 200 Tiere in den steil abfallenden Grasflanken bis unter die Gipfel des Geissbergs. Im gleichen Gebiet mähten die Bauern jedes Jahr viele Tonnen Wildheu, schichteten es zu Tristen und zogen die Heuballen Anfang Winter zu ihren Ställen. Mit dieser intensiven Nutzung brachten sich die Gurtneller in Gefahr: Ein Schutzwald konnte nicht aufkommen. Im Winter donnerten die Lawinen ins Tal. Von den Jahrhundertlawinen redet man noch heute: Am 22. April 1917 gingen am Geissberg mehrere Grundlawinen gleichzeitig ab. Vier Menschen starben, 12 Tiere kamen um, zwei Wohnhäuser und 14 Ställe wurden zerstört. Am 31. Januar 1942 stiess eine gewaltige Staublawine bis ins Tal vor. Neun Menschen starben im Heimet Eilen. Die Gurtneller hatten genug und forderten grossflächige Lawinenverbauungen des Geissbergs, in den Anrissgebieten des Witenstocks und des Schnuerstocks. An der Gemeindeversammlung vom 29. April 1956 wurde das erste Projekt für eine Lawinenverbauung am Geissberg genehmigt. Im Mai 1958 verbot der Bundesrat der Gemeinde Gurtnellen jegliche Weide- und Wildheunutzung im Aufforstungsgebiet. Dank der Lawinenverbauungen reduzierte sich die Lawinengefahr Jahr für Jahr. «34 Hektare wurden von 1956 bis 2011 verbaut – ein Jahrhundertwerk», sagt Caspar Walker, Präsident der Baukommission der Lawinenverbauung Geissberg. 15 Kilometer Rechen, Schneebrücken und Netze halten Schneemassen mit bis zu fünf Meter Höhe zurück. Zwischen den Verbauungswerken wurden 30 000 Bäume angepflanzt. Am 9. Februar 1999 löste sich eine Staublawine unterhalb der Lawinenverbauungen, riss eine Schneise in den aufgeforsteten Wald, verschüttete die Strasse und zerstörte die Wasserversorgung. Wochenlang waren die Menschen in Gurtnellen-Dorf abgeschnitten. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. ●

Bild links: Streusiedlung Ober Gurtnellen mit Blick Richtung Windgällen

Christof Hirtler arbeitet als selbständiger Autor und Fotograf in Altdorf. In seinen Arbeiten stehen oft Menschen in Berggebieten der Innerschweiz ins Zentrum. 2012 brachte er im Eigenverlag das Buch «Urnerboden» mit 33 Portraits heraus. bildfluss.ch

Text & Bild Christof Hirtler

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Von weither erkennbar: Der Geissberg oberhalb von Gurtnellen-Dorf mit seiner imposanten Lawinenverbauung

Begehrte Landschaftspfleger: s端dafrikanische Burengeissen von Antonia und Beat Furger, Getzigen, Gurtnellen

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Gurtnellen — Der Geissberg

Renaissance der Geissen

Lange scheint es her, dass Sommer für Sommer die Alp Gorneren am Geissberg das Reich der Geissbuben und ihrer Tiere war. Doch nach und nach werden die Alpen erneut auch von Geissen bestossen. Denn sie sind wertvolle wie auch günstige Landschaftspfleger. Text Christof Hirtler

Bild: Christof Hirtler (unten), Caspar Walker (oben)

Die Genossenschaftsalp Gorneren wird heute mit 60 Kühen, 40 Rindern und 10 Schweinen bestossen. Bis 1978 weideten die Geissen auch in den steilen Planggen des sechs Kilometer langen Gornertals. Die letzten Geissbuben und Geissmädchen kamen vom Waldi, einem kleinen, abgelegenen Bauernbetrieb am Gotthardsaumweg. Hier wohnen Anna Furger und ihr Mann Josef, ein ehemaliger Geissbub der Gornerenalp. «Wir waren stolz, Geissbuben zu sein», erzählt Josef Furger. «Unsere Markenzeichen waren ein grosser Hut, ein Stecken, Hochwasserhosen, Holzschuhe und ein kleiner Lederrucksack. Manchmal pafften wir heimlich eine Toscanelli, wie die Grossen.» Die Eltern von Josef Furger hatten dreizehn Kinder. «Wir gingen immer zu zweit. Zuerst waren Elsi und Konrad an der Reihe. Die nächsten waren Konrad und Niklaus. Der Ältere gab jeweils dem Jüngeren seine Erfahrungen weiter.» Bei dreizehn Kindern wurden daraus zwanzig Geisssommer. Auf sich allein gestellt Geisshüten war eine aufwändige und anstrengende Arbeit. Sie begann im Mai und endete mit dem allgemeinen Weidgang im Oktober oder November. Sobald es im Frühling aperte, trieben die Bauern ihre Geissen auf die Allmend. Anfang Mai, rund vier Wochen vor der Alpfahrt, begann die Arbeit der Geissbuben. Man zügelte sämtliche Gorneren-Geissen zur Geisshirti Weri, am Weg zur Alp Gorneren. Die fünf Geissställe auf Allmendboden waren Ausgangspunkt und Sammelplatz sämtlicher Ziegen der Gornerenalp. Dort wurden die Tiere während der Alpzeit gemolken. Die Geissbuben zogen jeweils am Morgen nach dem Melken mit 70 Geissen zu den Weideplätzen auf die

Alp und brachten sie am Abend rechtzeitig zum Melken zurück. «Als Zehnjährige mussten wir überlegt handeln. Uns waren die Tiere vieler Familien anvertraut», fährt Josef Furger weiter. Der Weg zur wilden und abgeschlossenen Alp Gorneren ist lang und steil. Mehr als zwei Stunden brauchten die Buben mit ihren Geissen zum obersten Stafel Hobeng. Dort mussten die Tiere aus der Kuhweide in die hoch gelegenen, steilen Geissweiden getrieben werden. Damals war es nicht so tragisch, wenn ab und zu eine Geiss in der Kuhweide war. «Sie hent immer glyych lang chennä alpä», bemerkt Josef Furger. Den Älplern brachten die Geissbuben die bestellten Lebensmittel und die schweren Karbidsteine für die Lampen. Beim «Znyyni» gab es allerlei zu berichten. Die Geissbuben waren das «Radio» für die Älpler. Danach arbeiteten sie den ganzen Tag auf der Alp. Das hiess: Holz holen, Unkraut mähen oder Steine auflesen. Bei schönem Wetter blieben die Geissen unter den Felsen und kamen am Abend von selber mit ihnen heim. Ausser es blies der Föhn: «Wenn dr Feen gaad, spinnet d Geissä. Das sagten wir immer, wenn wir sie holen mussten.» Jeden Abend mussten die Geissen mit prallvollem Euter wieder zwei Stunden heimlaufen. Das war eine gewaltige Leistung. Jede Geiss gab bis zu zwei Liter Milch am Tag. Alle haben gemolken, auch die Frauen und Mädchen. So ging es Tag für Tag. Mehr als einmal verirrten sich die Geissbuben bei der Suche von Tieren im Nebel. Bei Unwettern drohten Hochwasser, Murgänge und Steinschlag. Selten sind Tiere umgekommen. Die Geissbuben hatten Glück. Nach hundert Tagen wurden die Kühe, Rinder und Schweine abgetrieben. Alpabfahrt war immer nach dem Bettag, am 19. September. Damit waren auch die langen Sommerferien zu Ende und die Geissbuben mussten wieder in die Schule. Gallustag war Stichtag Die Geissen aber weideten weiterhin auf der Alp Gorneren, denn die Bauern sparten das kostbare Wildheu für die Winterfütterung. Bis zum Gallustag am 16. Oktober trieben die Geissbuben jeden Tag vor Schulbeginn die

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Gurtnellen — Der Geissberg

«Die Geissen wären die besseren Landschaftspfleger als wir Bauern.»

Geissen nach Gorneren und holten sie nach der Schule wieder heim zum Melken. «Niemand war mehr auf der Alp, kein Mensch, keine Tiere. Die Hütten geschlossen, Türen und Fenster winterfest verriegelt. Wir konnten die Stille hören, uns war es oft unheimlich zumute», erinnert sich Josef Furger. Nach dem Alpabtrieb durften die Geissen bis zum Wintereinbruch auf den Wiesen sämtlicher Bauern weiden. Es war Aufgabe der Geissbuben, die Tiere jeden Abend zu holen. Für die Arbeit zahlten die Bauern den Eltern der Geissbuben einen kleinen Lohn. Um das Wildheu zu strecken, verfütterte man den Geissen im Winter Tannenäste, Flechten oder Laub. Das Laub wurde im Herbst gesammelt. Die Kinder halfen mit, schnitten Haselstauden und Eschen mit der Sichel. Die Stauden wurden zu Garben gebunden und im Obergaden getrocknet. Das scheint alles sehr lange her. Dabei: «Heute würde es sich lohnen wieder Geissen aufzutreiben», ist Josef Furger überzeugt. «Die Landschaft am Geissberg verwuchert zusehends. Jedes Jahr schneiden wir mit grossem Aufwand Brombeer- und Himbeerstauden. Wenn wir die Erlenstauden im Frühling abschneiden, sind sie im Herbst wieder nachgewachsen. Für die Geissen waren dies Delikatessen. Was die Geissen mehrmals abfressen, stirbt ab. Die Geissen wären die besseren Landschaftspfleger als wir Bauern.» Neue Pacht auf dem Geissberg Antonia Furger wohnt mit ihrem Mann Beat und ihrem Sohn Sebastian in Getzigen, einem kleinen Bauernbetrieb in Gurtnellen-Wiler, unmittelbar an der Gotthardbahnlinie. Am 5. Juni 2012 donnerten 3000 Kubikmeter Felsen ins Tal. Ein Arbeiter kam ums Leben. Vier Wochen war die Bahnstrecke unterbrochen. Furgers verloren durch diesen Felssturz Land und suchten Ersatz. Das Amt für Landwirtschaft gab Beatrice ArnoldWalker die Telefonnummer von Antonia Furger. Die Besitzerin vom Wolfsbiel, einem kleinen Bergbetrieb unterhalb des Geissbergs, suchte einen Pächter für ihr Land, um die drohende Verwilderung einzudämmen. Furgers nahmen die Pacht an. «Letzten Sommer zog ich das erste Mal mit

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meinen Tieren aufs Wolfsbiel», erzählt Antonia Furger. Dort werden die Tiere eingezäunt. Grüne Stauden, wie die schnell wachsenden Erlen, fressen die Burengeissen am liebsten. Dafür lassen sie sogar das frische Gras stehen. Von den Erlenbüschen bleiben nur noch dürre Äste. Der Hag wird jede Woche versetzt. Am Ende der Alpzeit war von Weitem zu erkennen, in welchem Gebiet die Burengeissen geweidet hatten. Südafrikanische Hoffnungsträger Auf ihrem Hof in Gurtnellen-Wiler hält Antonia Furger seit 2003 südafrikanische Burengeissen in Mutterziegenhaltung. 18 ausgewachsene Tiere und 24 Gitzi stehen im Stall, doch können jederzeit nach draussen. Das Bergheimet ist ideal für ihre Geissen – steil und felsig. Die Gitzi können sich im Klettern üben. Antonia Furger ist eine engagierte Züchterin: «Die Burenziegenlämmer werden sehr schnell handzahm. Die Milch schmeckt neutral, wie Kuhmilch. Das Fleisch ist zart und ohne den typischen Ziegengeruch.» Die Burengeissen haben weitere Vorteile: Die Gitzi erreichen eine Gewichtszunahme von 180 bis 300 Gramm pro Tag. Nach hundert Tagen sind sie bis zu 27 Kilogramm schwer. Die Rasse ist sehr fruchtbar: Durchschnittlich werden pro Wurf zwei Lämmer geboren. Drillinge sind keine Seltenheit. «Wenn auf den Alpen pro Kuh eine Geiss mitlaufen würde, sähe es auf vielen Alpen anders aus», bemerkt Antonia Furger. «Ich war drei Sommer auf der Alp Mättental im Schächental z’Alp. Dort werden Kühe, Rinder und Geissen aufgetrieben.» Das Nebeneinander verschiedener Tiere sei unproblematisch. Die Geissen weiden in den steilen Planggen, das Rindvieh im flacheren Teil der Alp. Die Zahlen im Kanton Uri untermalen die Ansicht von Antonia Furger: Zur Zeit sind im Ziegenzuchtverein Urner Oberland 50 Betriebe mit total 416 Geissen, davon 185 Tiere der Rasse Burengeissen eingetragen. Seit Kurzem halten auch einige Gurtneller Bauern auf ihren Betrieben neben den Milchkühen zwei, drei Geissen gegen die Vergandung der Weiden. Gibt es wieder eine Zukunft für die Geissen am Geissberg? ●


Bild: Christof Hirtler (unten), Archiv Anton Huser, ehemaliger Pfarrer in Gurtnellen-Dorf (oben)

Melkerinnen und Melker der Geisshirti Weri eingangs Gorneralptal um 1960

«Wir waren stolz, Geissbuben zu sein»: Josef Furger, Waldi

«Sehr schnell handzahm»: Antonia Furger und ihre zehnjährige Geiss Gurtli

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Gurtnellen — Porträt

Ruedi Kunz, des Kraftwerks letzter Arbeiter

Text & Bild Christof Hirtler

Ruedi Kunz ist der letzte Arbeiter im Kraftwerk Gurtnellen, einem Industriedenkmal aus der Gotthardbahnzeit. Seit 34 Jahren begibt sich Kunz auf Kontrollfahrt, setzt sich auf den vordersten der vier Holzbänke der offenen Standseilbahn, stellt seinen Militärrucksack mit dem Mittagessen neben sich, dreht den Schalter. Langsam wird die Kabine entlang der Druckleitung zur Bergstation gezogen. Einen Meter pro Sekunde legt die Bahn zurück, die maximale Steigung ist mit 77 Prozent schwindelerregend. «Vor 113 Jahren wurde das Werk gebaut, lieferte den Strom für die Öfen der damaligen Karbidfabrik», erzählt Kunz. 1925 kaufte das Elektrizitätswerk Altdorf den Gebäudekomplex, erhöhte mit einer zweiten Maschinengruppe die Kapazität und liefert heute 6 Megawatt Strom für 5700 Haushalte. Bis 1991 arbeiteten neun Angestellte im Drei-Schichtbetrieb beim Kraftwerk Gurtnellen; im Maschinenraum, in der Werkstatt, beim Unterhalt der Gebäude. Nach schneereichen Wintern gab es am Wärterhäuschen und an der Wasserfassung auf der Alp Gorneren wochenlang Arbeit. «Mit der Seilbahn haben wir Holz, Eisen und Zement transportiert.» Auf der Bergstation wurde das Material in einen Wagen umgeladen und mit einer Seilwinde über den steilen Alpweg einen Kilometer zur Wasserfassung gezogen. «Das Stahlseil wurde über Rollen geführt und musste in den Kurven von Hand umgelegt werden. Das war gefährlich», so Kunz. Nach elf Minuten Bergfahrt geht’s eine halbe Stunde zu Fuss weiter bis zur Wasserfassung des Gornerbaches. Diesen Weg ist Ruedi Kunz unzählige Male gegangen. Besonders nach Unwettern brachte der Bach viel Geschiebe, verstopfte den Rechen. «Für die Reinigung musste man sofort nach Gorneren, oft auch mitten in der Nacht. Wenn du allein unterwegs bist, musst du besonders auf der Hut sein vor Wasser, Rüfenen und Steinschlag. Das ist unheimlich. Manchmal habe ich im Wärterhaus bei der Fassung übernachtet. Ich lag wach, hörte die Steine rumpeln im tosenden Bach …» 1991 wurde das Werk automatisiert, die Arbeiter nach der Pensionierung nicht mehr ersetzt.

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Seit 34 Jahren auf Tour: Ruedi Kunz auf Kontrollfahrt entlang der Druckleitung des Kraftwerks Gurtnellen

Ruedi Kunz wurde 1951 in Uster geboren. Seine Eltern trennten sich, als er sechs Monate alt war. Seine Mutter gab ihn zu seinen Grosseltern nach Gurtnellen. Auf dem Heimen Butzen, einem kleinen Bauernbetrieb mit ein paar Kühen, Rindern, Schafen und Geissen, ist Ruedi Kunz aufgewachsen. Die Verhältnisse waren einfach, fliessendes Wasser im Haus der einzige Luxus. Gerne wäre er Alpknecht geworden. Grossmutter war dagegen. Sie war der Meinung, dass es auf dem Heimbetrieb genug Arbeit habe. Nach der Sekundarschule lernte er Maschinenmechaniker bei der Dätwyler AG in Altdorf. Von 1975 bis 1979 arbeitete Kunz am Bau des Seelisbergtunnels mit. «Ich war der erste Arbeiter von Emil Gisler», sagt Kunz. «Gisler erfand die weltweit erste mobile Steinbrecheranlage. Sein damaliger Partner Martin Herrenknecht baut heute die grössten Tunnelbohrmaschinen der Welt.» 1979 erhielt Ruedi Kunz eine Stelle als Maschinist beim Kraftwerk Gurtnellen. Ende 2013 wird er pensioniert. Ruedi Kunz war immer besonders von der Geschichte der Geissenhaltung in Gurtnellen fasziniert. Mit dem Ziel, die lebendige Kultur vor dem Vergessen zu bewahren, besuchte er ehemalige Geissbuben, schrieb ihre Erlebnisse auf und recherchierte in Archiven. 2010 erschien nach fünf Jahren intensiver Forschungsarbeit sein Buch «Die Ziegen um den Geissberg», von dem heute nur noch wenige Exemplare erhältlich sind. ● Ruedi Kunz, «Die Ziegen um den Geissberg – Als dort noch richtig gemeckert wurde», 2010, Eigenverlag.


Gurtnellen — Chruut & Rüebli

Gurtnellen — Hotel & Gastro

Tells Nachkommen

Was in Altdorf in Stein verewigt ist, wird in Gurtnellen gelebt. Seit fast sechzig  Jahren üben sich im neben der Reuss gelegenen Schützenstand die Armbrustschützen und -schützinnen in der Kunst des Pfeilschiessens. Dass sie dabei ihrem Vorbild Wilhelm Tell in nichts nachstehen, zeigen ihre Erfolge bei den Zentralschweizer Verbandsmeisterschaften. Dort stehen sie nämlich ganz oben auf der Rangliste. zsav.ch

Reuss Rush

Neben der Reuss liegt das kleine Camp mit dem hoffnungsvollen Namen «Lucky Nugget». Die Initiantin, Tanja Tanner, wurde bei ihren Reisen in den Yukon/ Alaska vom Goldwasch-Fieber infiziert. Seither fliesst reines Reusswasser in die grossen Becken des Camps und Gross und Klein versuchen ihr Glück im Goldwaschen. Wer dabei kalte Hände bekommt, wärmt sich diese am Lagerfeuer auf und summt leise: «I’m a poor lonesome Cowboy …»

Gasthaus im Feld

Noch reiben sich die Gurtneller verwirrt die Augen: 2012 übernahm Beat Walker das «Gasthaus im Feld» von seinen Eltern. Zusammen mit seinem Lebenspartner Marco Helbling wird seither eine gehobene Küche geboten, mit der sie landesweit nicht nur Gastrokritiker bezirzen, sondern auch die Herzen und Gaumen von Gästen aus der ganzen Schweiz nach Gurtnellen-Dorf hinauf locken. Wenn wundert’s? In diesem Haus wird jedem bereits beim Betreten des Hauses so richtig wohl. Gasthaus im Feld, Gurtnellen-Dorf. T. 041 885 19 09, Di–So und an Feiertagen geöffnet. feld.ch

Anmeldung für Schulen, Gruppen oder Einzelpersonen: goldwischwasch.ch

Katzenmusik

Vergessen Sie die Luzerner Fasnacht. Richtig auf die Pauke gehauen wird bei den Urnern und somit auch bei den Gurtnellern ab der Nacht auf den Schmutzigen Donnerstag. Katzenmusik nennt sich der ohrenbetäubende Anlass mit Pauke, Trommel und Trompete, der mit einem Trauermarsch, dem sogenannten Austrommeln, am darauffolgenden Dienstag endet. An Schlaf ist in diesen Tagen nicht zu denken. Unbedingt vormerken!

Bild: zvg

26.2. – 4.3. 2014

Brückentour

Hotel Gotthard

gottardo-wanderweg.ch

Hotel Gotthard, Gurtnellen-Wiler. T. 041 885 11 10. gotthardhotel.ch

Sie soll eine der schönsten Teilstrecken des Gotthard-Bahnwanderweges sein: Von Göschenen über Gurtnellen führt der Weg hinunter zur 2007 erstellten Hängebrücke im Wassnerwald. Dann geht’s wieder hinauf zum Rast- und Aussichtsplatz Felliboden und weiter Richtung Amsteg.

Seit 80 Jahren ist das Hotel «Gotthard» in Gurtnellen-Wiler in Familienbesitz. 1973 übernahmen die drei Schwestern Eva, Leonie und Greta Sicher das Zepter. Die Küche, die sie auf ihrer kleinen, saisonal ausgerichteten Karte anpreisen, hat sich mit 14 Punkten seit Jahren einen Ehrenplatz im Gault-Millau-Tempel der Feinschmecker gesichert. Legendär sind unter anderem ihre Fischgerichte. Wer sie einmal gekostet hat, kommt auf dem Weg Richtung Süden um eine Extrarunde über Gurtnellen nicht mehr herum.

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Arnisee  18

Bild: André Sägesser


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Gurtnellen — Ausflugstipps

Immer der Geiss nach

Die Kirche St. Michael in Gurtnellen-Dorf ist der Ausgangspunkt der Geissberg-Rundwanderung. Auf dem ganzen Weg begleitet die Wandernden der Kopf einer Geiss auf den eigens für diesen Gebirgspfad reservierten Wegweisern. Mit Hilfe dieser Infotafeln wird die Geschichte der Lawinenverbauungen dokumentiert – von den ersten einfachen Steinmauern bis zu den neuesten Stahlgerüsten. Zudem bietet der Rundweg ein Eintauchen in eine einmalige Alpenwelt. Wem diese Tour trotz der gut 1100 Höhenmeter zu gemütlich bleibt, baut am besten die beiden Bergspitzen Schnuerstock und Witenstock mit ins Programm ein. Themenweg Geissberg: Dauer: 5 1/2 h, rund 1100 hm geissberg.ch

Bike to Lake

Egal ob mit der Seilbahn, zu Fuss oder per Bike – letztlich treffen sich alle beim Arnisee (1370 m ü. M.). Eine attraktive Möglichkeit auf zwei Rädern beginnt unten an der Reuss in Gurtnellen-Wiler (746 m ü. M.) und führt über die Dorfstrasse hinauf nach Gurtnellen-Dorf (Bild). Dort hat sich das Restaurant «Bergheim» einen besonders bikerfreundlichen Namen gemacht (auch bei den motorisierten). Weiter geht es entlang einer Schotterstrasse über die Heissiegg zum Arnisee, wo ein Sprung ins kühle Wasser die Strapazen fast vergessen lässt. Achtung! Wer alleine strampeln will, sollte sonnige Sonntage meiden.     ≈

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Trost den Suchenden

Nach einer Sage war die Stäubentanne im Stäubenwald einst ein Ort des Trosts. Eine arme Mutter, die ihr einziges Kind verloren hatte, soll bei dieser Tanne ein Marienbild gefunden haben und war seither überzeugt, dass die heilige Maria mit ihrer Präsenz bei dieser Tanne die Verlassenen und Traurigen tröstete. Als der Baum einging, bauten die Urner um 1910 die Stäubenkapelle an seiner Stelle. Der Rundweg führt von GurtnellenWiler aus vorbei an den imposanten Dreistäuberfällen bis hin zur Stäubenkapelle (909 m ü. M.). Die glücklichen Familien mit Kindern, welche heute die grandiose Aussicht geniessen, zeigen der Mutter Gottes: Ihre Arbeit hier ist getan.     ≈

Stäubenweg bis zur Kapelle: 1 h, 210 hm

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Bild: André Sägesser (Stäubenkapelle), Raimund Sicher (Gurtnellen-Dof), Caspar Walker (Geissberg)

Gurtenellen-Wiler – Arnisee: Fahrzeit: 1½ – 2 h, 1000 hm. arnisee.ch, bergheim.ch.vu


Gurtnellen — Ausflugstipp

Arnisee als Ausgangspunkt: Ein besonders reizvoller, hochalpiner Rundweg führt über die beiden Hütten Sunniggrätli und Leutschach.

Bild: zvg Illustration: CinCin

Fernsicht garantiert Fragt man die Gurtneller, wohin sie ihre Gäste führen, heisst es unisono: zum Arnisee. Der Bergsee ist auch Ausgangspunkt für folgende Rundwanderung in hochalpine Gefilde: Von der Bergstation der Seilbahn Intschi-Arnisee führt der Weg am Berggasthaus «Alpenblick» vorbei zum See. Am Ende des Sees beginnt westwärts der Aufstieg durch den schattigen Grüenwald. Auf angenehmen Bergpfaden geht’s kurvenreich und steil bergauf. Auf dem Riedboden wird der Weg bequemer. Vor den Wanderern öffnet sich ein Hochmoor mit Heidelbeerstauden, Legföhren und Riedgras. Kurz unter der Sunniggrätlihütte (1977 m ü. M.) liegt der zweite Bergsee. Baden ist erlaubt. Erfrischt erreicht der Berggänger die Hütte. Spätestens dort sollte eine kurze Auszeit genommen und der Ausblick ins Reusstal und auf die 3000er der Urner Alpen genossen werden. Weiter dem Hang entlang führt der Pfad zum Langchälengrätli. Auf dem Hangweg ist bei der Überquerung der Schotterfelder Vorsicht geboten. Beim Älpli, wo sich die Wege trennen, kann weiterhin dem Höhenweg gefolgt werden, um so zur Leutschachhütte (2218 m ü. M.) zu gelangen. Die markante SAC-Hütte ist eine der günstigsten der Schweiz und auch deswegen eine ideale Unterkunft für Familien. Südlich der Leutschachhütte, durch einen steilen Abstieg zu erreichen, liegt der Nidersee (2091 m ü. M.). Seine Farbe

ist von einem einmaligen Türkis. Im Zickzackkurs geht es abwärts zur Alp Furt. Eine Sage berichtet, dass an einem Abend vor langer Zeit ein weisser Vogel über die Alp flog und schrie: «Furt, furt!» Die Menschen und das Vieh missachteten die Warnung jedoch. Nach dem dritten Abend mit Warnschrei des weissen Boten bekam es der eine Senn mit der Angst zu tun und floh just als ein schreckliches Gewitter losbrach. Als der Senn auf Heitersbüel noch einmal zurückblickte, barst gerade die Felswand ob der Alp, stürzte samt dem dahinterliegenden Jakobsee krachend in die Tiefe und begrub die Alp mit Menschen und Vieh unter haushohen Trümmern. Der Alpbetrieb musste anschliessend auf die andere Talseite verlegt werden. Von der Alp führt der Weg zum Leitschachbach hinunter, der tosend über die Felsen schiesst. Alpenrosen, Wollgras und Orchideen ergeben ein idyllisches Postkartenbild. Bei Bidemli den Bach überqueren und ihm talabwärts von Alp zu Alp folgen. Bei der Alp Chäserli liegen riesige Felsbrocken am Weg – der grösste davon trägt die Tafel: «Geometrischer Mittelpunkt des Kantons Uri». Danach die Richtung nach Hinter Arni halten und zurück zum Arnisee. ● Wanderung Dauer: 5½ h, Auf- wie Abstieg: rund 1000 hm, T3. Anreise und Infos Arnisee: arnisee.ch Sunniggrätlihütte, Familie Gnos. T. 079 386 14 85 Leutschachhütte. T. 079 293 05 67. leutschach.ch App Downloaden Sie die App «Alpenblumen Finder – Entdecken Sie die Wildblumen der Alpen», 2013. sFr. 6.—

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myclimate

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Quelltuff und ein vergessliches Auerhuhn Wer sich in die kinderfreundlichen «myclimate Audio Adventures» stürzt, der erfährt auf unterhaltsame und informative Art alles über Klima und Umwelt. Was in Museen längst Standard ist, kann nun auch in der freien Natur genossen werden: informative Rundgänge mit Knopf im Ohr. Die Stiftung myclimate, welche sich für eine hohe Lebensqualität mit möglichst geringen Treibhausgasemissionen einsetzt, hat an verschiedenen Schweizer Standorten Audio-Abenteuer eingerichtet, auf denen man Rätsel lösen, Klimafakten aufspüren und anderen Informationen nachjagen kann. Dabei wird aufgezeigt, wie die idealisierte «Low Carbon Society» einen klimafreundlichen Alltag meistert, ohne die Lebensfreude zu bremsen. Um die Klimahörpfade nutzen zu können, lädt man sich die Abenteuerkarte sowie die Audiodatei auf den mp3Player oder leiht sich den Audioguide auf dem lokalen Tourismusbüro. So ausgerüstet zieht man dann los, um an definierten Stationen Episoden einer zusammenhängenden Geschichte zu lauschen. Im Verlaufe des AudioAbenteuers erfährt man dann alles zum Klimaschutz vor Ort, zur Stadt, zur Natur und deren Geschichte. So lernen sowohl Erwachsene als auch Kinder im Rahmen der ein- bis zweistündigen Rundgänge die jeweilige Region auf lustvolle und spannende Art von einer neuen Seite kennen. Die «myclimate Audio Adventures» verfolgen einen Infotainment-Ansatz, ohne erhobenen Zeigefinger. So beschreibt etwa eine Episode in Scuol anhand der örtlichen Jugendherberge, welche Möglichkeiten die Hotellerie hat, umweltbewusst zu arbeiten, ohne den Komfort

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der Gäste einzuschränken. Und während sich die Eltern über Quelltuff und Kohlendioxid informieren, werden die Kinder von der Geschichte «Bigna, Gian-Fadri und das vergessliche Auerhuhn» (ab fünf Jahren) unterhalten. Schliesslich gilt es noch ein Rätsel zu lösen, wozu sich Eltern und Kinder über ihre Eindrücke austauschen müssen. In der Schweiz bietet myclimate mit den Partnern Baumeler Reisen, Danone, sowie lokalen Tourismusorganisationen sieben «Audio Adventures» an. Seit der Premiere in Zermatt 2010 sind weitere Pfade in Zürich, St.Gallen, Winterthur, Zürich-Nord, Scuol und im Goms entstanden. Im Sommer 2013 folgt ein Pfad durch Luzern, weitere Destinationen sind in Planung. Informationen unter: myclimate-audio-adventure.ch Dort können auch die einzelnen Geschichten heruntergeladen werden. Spenden für Klimaschutz-Massnahmen: myclimate.org

Über myclimate The Climate Protection Partnership Seit der Gründung als Spin-off der ETH Zürich vor elf Jahren engagiert sich die Stiftung myclimate weltweit für den Klimaschutz. Neben den hochwertigen Klimaschutzprojekten zur Kompensation von Treibhausgasemissionen legt myclimate einen besonderen Schwerpunkt auf Bildungsprojekte zum Thema Klimawandel und Klimaschutz. Projekte wie die «Audio Adventures», die Klimapioniere (für KiGa- und Primarschulbereich) oder die Klimawerkstatt (Lehrlinge und Auszubildende) zeigen auf, wie Klimaschutz auf lustvolle Art vor Ort funktioniert. Sie sind nur dank Spenden von Institutionen, Unternehmen und Privatpersonen möglich.


Jürg Schmids Touristica

Wo Unrealistisches wahr wird Ich gebe es zu: Utopien sind nicht mein Ding. Und deshalb tue ich mich schwer mit dem aktuellen Heftthema. Ich bin kein Träumer und baue selten Luftschlösser. Denn eine Utopie ist per Definition nicht erreichbar, ein Nicht-Ort. Und nichts liegt mir ferner, als Orte zu propagieren, die es nicht gibt. Zwar erfüllen wir auch in der Reisebranche, wo immer möglich, die Wunschträume unserer Gäste und leben so gesehen in einer Traumwelt, aber in einer sehr realen. Als Promotor unseres Landes fällt mir diese Rolle besonders leicht. Denn die Schweiz ist ein Reiseland, wo Unrealistisches wahr wird, wo Träume greifbar sind. Ein immer wieder überraschendes Konstrukt, ein Ort, an dem vier Kulturen seit Jahrhunderten friedlich zusammen leben – für viele unvorstellbar, für uns Alltag. Kurzum: Für mich hat das Motto von «Transhelvetica» für einmal nichts mit der Schweiz zu tun. Denn es gibt sie bereits: Utopia – made in Switzerland. Oder kennen Sie ein anders Land, wo Bauern wie jene

auf der Grimselalp eine Pipeline ins Tal legen, damit ihre Milch in Obergesteln jeden Morgen zu Käse verarbeitet werden kann? Ein Käse, den die ganze Welt liebt. Oder haben Sie sich schon mal den Berg hochschleppen lassen, von einem Skilift, der ausschliesslich mit Solarstrom betrieben wird? Im Land, wo der Wintersport laufen lernte, tut dieses technische Wunderding seinen Dienst: im Val Lumnezia, im Tal des Lichts! Tönt utopisch, nicht wahr? Und wenn Sie mir noch immer nicht glauben: Im Waadtländer Jura steht seit 1920 ein Hotel just auf der Grenze. Wenn also ein Paar im «Arbez Franco-Suisse» ein Doppelzimmer bucht, liegt er im In- und sie träumt im Ausland. Verrückt, aber wahr! Träumen ist bei uns erlaubt und in unserer Branche sogar Programm. Was wir jedoch auf keinen Fall tun sollten, ist, Utopien zu verkaufen. Vielmehr sollten wir das Bestehende – und vor allem das Unentdeckte – besser zugänglich machen. Im Zeitalter der Weltraum-Ferien bleiben wir bewusst auf dem Boden der Realität. Denn: Bei Schweiz Tourismus glauben wir an gelebte Traditionen, ans bodenständige Brauchtum, an die intakte Natur – für viele unbezahlbar, bei uns inbegriffen. Sprich: Ich wandere mit den Schneeschuhen lieber durch eine frisch verschneite Landschaft in einem unserer 15 Naturpärke, als dass ich von freischwebenden Schritten auf dem Mars träume. Apropos: Wussten Sie, dass das Marsmobil mit Sensoren aus Sachseln unterwegs war? Ausgetüftelt in Obwalden, wo Bauern heute noch wildheuen. Hightech und Tradition, Tür an Tür – so etwas geht eben nur bei uns. Utopia – made in Switzerland. ● Jürg Schmid ist seit 1999 Direktor von Schweiz Tourismus. In der Rubrik Touristica zeigt der oberste Touristiker Knacknüsse wie auch Lichtblicke aus der Schweizer Ferien- und Reiselandschaft auf. myswitzerland.com

Ausflugstipp Auf dem Skywalk in Sattel Hochstuckli: die längste FussgängerHängebrücke Europas. sattel-hochstuckli.ch

Bild: zvg

Zwischen Himmel und Erde auf der Gelmerbahn, der steilsten Standseilbahn Europas. grimselwelt.ch Mit dem Seilbahn-Cabrio aufs Stanserhorn schweben und den Bergbauern bei der Heuet zuwinken.

Geisterfahrt mit dem gelben Cabrio der Rhätischen Bahn: Zeitreise durch Kehrtunnels im UNESCO Welterbe. rhb.ch

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Bergwärts

Das grüne Horn Die erste alpine Unterkunft des SAC Tödi ist heute ein Museum

Text Emil Zopfi, Bild Caroline Fink

Es ist Sommer, doch am Tag zuvor hat es geschneit. Mit sicherem Schritt geht Gaby Aschwanden voran auf dem Weg zur Grünhornhütte, der sonst harmlos ist, aber nun recht tückisch. Sie tritt Stufen, reicht Hände, beruhigt und ist frohgemut wie immer. Die Wanderleiterin und Hüttenwartin der Fridolinshütte sei die «Sonne des Glarnerlandes», meinte letzthin ein Bekannter. Tief unten, winzig schon, steht «ihre» Hütte im verschneiten Gelände bei einem kleinen See. Über uns wuchten gelbe Felsen in die Höhe: der Nordostgrat des Tödi. Auf der andern Seite des zerschrundeten Bifertengletschers steilt sich mehrere hundert Meter die Nordwestwand des Bifertenstocks auf. Wir sitzen vor der kleinen Grünhornhütte auf Felsblöcken, überwältigt von dem Panorama, das in der Schweiz seinesgleichen sucht. Hier stand noch keine Hütte und der Ort hatte noch nicht mal einen Namen, als der Arzt und Botaniker Johannes Hegetschweiler aus Stäfa mit seinen Führern im August 1820 hier rastete und sich wunderte, in so grosser Höhe noch Pflanzen anzutreffen. «Weil rings bereits alles Leben erstorben, könnte man dieses Horn das grüne nennen», schrieb er in einem Buch. Viermal versuchte Hegetschweiler den Tödi von Norden zu besteigen in jenen Jahren, bevor er zur Politik kam, ein Liberaler, erster Regierungsrat des Kantons Zürich aus der Landschaft. Am 6. September 1839 streckte ihn auf dem Münsterhof ein Schrotschuss nieder, abgefeuert von einem Attentäter aus dem Zürcher Oberland während der Kämpfe des konservativen «Züriputschs». Tödibesteigungen waren äusserst selten in jenen Jahren, erst 1837 war es drei Linthaler Bauern und Gemsjägern gelungen, von Norden bis auf einen der drei Gipfel vorzudringen – man glaubte ihnen nicht. Eine Woche später schafften sie es nochmals, begleitet vom jungen Zürcher Armensekretär Friedrich von Dürler. Der Junker fand drei Jahre später einen seltsamen Tod: Im März 1840 stürzte er am Üetliberg ab. Der «Dürlerstein» im Staffel erinnert an den forschen Alpenpionier. Noch ein Zürcher hat sich hier verewigt: der Chemiker Rudolf Theodor Simler. Am 30. Juli des Jahres 1861 um die Mittagsstunde blickt er vom Gipfel des Piz Russein, dem höchsten Tödigipfel, mit dem Fernrohr in die Runde. Angesichts der vielen noch unbestiegenen Gipfel hat er eine Vision: «Dies alles überwältigte mich. Meinen schwachen Kräften konnte ich die Erforschung dieser Gegenden allein nicht zutrauen und so reifte in mir der Gedanke an eine Association.» Die Idee lag in

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der Luft. Englische Herren hatten 1857 in London den Alpine Club gegründet und erstürmten in sportlichem Wettbewerb, von einheimischen Führern und Trägern unterstützt, Gipfel um Gipfel der Alpen. Es waren die Jahre, die man heute als «Goldenes Zeitalter des Alpinismus» bezeichnet. Simler verschickt ein «Kreisschreiben an die Bergsteiger und Alpenfreunde der Schweiz». Am 19. April 1863 versammeln sich «35 schweizerische Berg- und Gletscherfahrer» im Bahnhof Olten und «konstituiren sich zu einem Schweizer Alpenclub.» Der Club bestimmte das Tödi- und Claridengebiet als erstes Forschungsgebiet, zu diesem Zweck errichtete die Sektion Tödi auf dem Grünhorn eine erste alpine Unterkunft. Steinmauern, über die man als Dach eine Harzdecke breiten musste, mehr Notbiwak als Hütte. Doch die erste Frau, die den Tödi bestieg, die Engländerin Fanny Maitland, verbrachte im Juli 1869 trotzdem eine geruhsame Nacht – in Gesellschaft von zwei Mäusen, während ihre Führer im Freien biwakierten. Obwohl schliesslich mit einem richtigen Dach ausgestattet, diente die Grünhornhütte nach dem Bau der Fridolinshütte 1890 nur noch als Notunterkunft. Aus Anlass des 150-Jahr-Jubiläums hat sie der Club restauriert, als kleines Museum im Hochgebirge, ein spektakuläres Ziel für Berg- und Hüttenwanderer. Der Aufstieg ist harmlos, ausser es liegt viel Neuschnee wie an diesem Tag mitten im Sommer. ●

Emil Zopfi lebt als Schriftsteller und passionierter Kletterer in Zürich. Mehr über das Schicksal von Johannes Hegetschweiler und Friedrich von Dürler in seinen Büchern: «Schrot und Eis – als Zürichs Landvolk gegen die Regierung putschte» (Limmat Verlag, 2005) und «Tödi – Sehnsucht und Traum» (AS Verlag, 2000). zopfi.ch Caroline Fink schreibt und fotografiert freischaffend in den Bereichen Berge, Alpinismus und Reisen. Jüngst erschien von ihr «Das grosse Wanderbuch Glarnerland», ein Bildband, der 40 Streifzüge durch die Glarner Alpen beschreibt. Das Bergsteigen führt sie gern als Beweis dafür an, dass Utopien realisierbar sind. caroline-fink.ch

Ausflugstipp Wandern Die Fridolinshütte liegt auf 2111 m ü. M. und ist unter anderem Ausgangspunkt für die Besteigung des Tödis (3614  m ü. M.). Die Grünhornhütte (2448 m ü. M.) kann von der Fridolinshütte aus in 1 h erreicht werden. fridolinshuette.ch


Bergw채rts

Lesung bei der Gr체nhornh체tte mit Emil Zopfi

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Jons Bettgeschichten

Zen & Wein in Hertenstein Hotel Park Weggis

Text Jon Bollmann

Im Jahre 1997 übernahm der erfolgreiche Schweizer Reeder Martin Denz das in die Jahre gekommene Jugendstilhaus in Weggis und verwandelte es zusammen mit dem Hotelier Peter Kämpfer in eines der prickelndsten 5-Sterne-Häuser der Schweiz. Seither investierte er viel in den lokalen Tourismus, baute dem Hotel einen SGVtauglichen Schiffssteg, holte zur Fussball-WM 2006 die brasilianische Nationalmannschaft ins Dorf, erwarb zwei weitere Hotels und ein Restaurant, gründete eine Weinhandelsgesellschaft sowie ein Architekturbüro und betreibt eine Wäscherei, die bis ins Muotathal hinein Hotelbettwäsche reinigt.

Ausflugstipp Hotel Park Weggis, DZ ab sFr. 400.—. parkweggis.ch Weggis Tourismus: wvrt.ch

Bild: zvg

Sehen: Das Hotel liegt auf einem sanft-hügeligen Ausläufer der Rigi am See, während sich aus der Liegestuhlperspektive Bürgenstock und Uri Rotstock in die Höhe türmen. Riechen: Am hoteleigenen Sandstrand vermählen sich die Düfte von Portofino mit denen des Vierwaldstättersees zu einer «unione libera di lucerna», während in der Hotelbar schwere Zigarren und Whiskey die Nase umschmeicheln. Da der Bruder des Eigentümers in der

Parfumindustrie tätig ist, riecht es im Haus ansonsten wunderbar ausgewogen. Schmecken: Die Punkteküche serviert liebevolle Skulpturen aus Biskuit und Schaum, die den Gaumen mit neuen Geschmackskombinationen überraschen. Der Hauswein dazu kommt aus dem familieneigenen Weingut in Bordeaux, welches zu den besten der Welt gehört. Tasten: Das Haus wurde in den letzten Jahren mit Materialien aufgemöbelt, welche die Finger zum sinnlichen Abtasten einladen: grossflächige Stofftapeten, lederbezogene Schränke, dunkle Holzmöbel oder glassteinige Badezimmer. Ein Fest für die Hände. Hören: Im Zentrum der Anlage lädt ein japanischer ZenZarten dazu ein, sämtlichen Störgeräuschen meditierend zu entschweben. Abends in der Bar begleitet ein Pianist auf dem Flügel Apéro und Schlummertrunk.

Pilatus, Privatstrand und Parkhotel

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Hotelkolumne

« ZEITREISEN » Unterwegs zu historischen Hotels der Schweiz Wir offerieren den Leserinnen und Lesern das Buch zum Spezialpreis von sFr. 82.— minus 20% Rabatt. Sie bezahlen sFr. 65.— inklusive Verpackung & Versandkosten bei einer Bestellung bis zum 30. September 2013. Dazu erhalten Sie bei einem Aufenthalt in einem der 47 Partnerhotels eine besondere Überraschung vom Haus offeriert. Buchbestellungen unter: info@swiss-historic-hotels.ch, Vermerk «Transhelvetica»

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Culinaria Helvetica

Culinarium Utopicum Vierzehn Jahre Selbstversorgung in Trun

Kochbuch-Autor Martin Weiss hat in den vergangenen Jahren so manche kulinarische Rarität aufgespürt; zu Ursula und Christian Weber im Hospezi Trun ist er immer wieder zurückgekehrt. Eine Begegnung mit den beiden Selbstversorgern und einem ihrer grössten Fans. Text Flurina Gradin, Bild Mara Truog

Mit Martin Weiss unterwegs auf Reisen durch die Schweiz zu sein, ist kein geradliniges Unterfangen. Zu gut kennt er sämtliche Gasthäuser und Abstecher entlang des Weges, zu viel weiss er aus dem Nähkästchen zu berichten, ganz wie es sich für den Kenner und Autor der Schweizer «Urchuchi» geziemt. Doch je näher wir unserem Zielort Trun und dem legendären Hospezi kommen, desto grösser seine Vorfreude. Ob der letzte Schnee rund ums Haus bereits geschmolzen ist, die Bündner Oberländer Schafe schon auf der Alp sind? Und wie steht es um das Wachstum von Rotem Amaranth, Liebstöckel oder Erdbeerspinat? Hoffentlich haben unsere beiden Gastgeber überhaupt Zeit, nicht dass etwa die zwei Wollschweine wieder den Zaun eingerissen haben vor lauter sommerlichem Übermut. Bereits während der Fahrt erläutert Martin Weiss, dieses Hospezi sei ein wundersamer Ort, an dem kein Tag dem anderen gleiche. Hier gehören unzählige bedrohte Kulturpflanzen und ausschliesslich seltene Nutztierrassen zum Hofbestand, allesamt ProSpecieRara, und es wird entgegen jeglicher Vernunft und Machbarkeit auf rund 1000 Metern über Meer gewirtschaftet und gekocht. Ursula und Christian Weber leben ihr Leben als Selbstversorger, so wie es sich viele wünschen, aber im gleichen Atemzug nicht umsetzen können; Bescheidenheit, Durchhaltewille und 16-Stunden-Tage sind nicht jedermanns Sache. Kurz nach Trun legt Martin Weiss einen Zacken zu und manövriert geschickt die letzten Meter auf dem schmalen

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Strässchen den Hang zum Weiler Caltgadira hinauf. Schon von Weitem zieht die ehemalige Pilgerresidenz, ganz in blättrige Grüntöne gehüllt, alle Blicke auf sich. Der grosse Garten und die Beete rund um das in traditioneller Architektur gehaltene Holzhaus sind so vielfältig gestaltet wie die Melodie eines Musikstücks ohne Refrain. Weisse Flecken auf der Wiese entpuppen sich als fröhliche Schar der Rasse Schweizerhühner samt Hahn, der einzelne schwarze Fleck beim mittleren Stall als Christian Weber, und schon wird die Eingangstüre weit geöffnet und Ursula Weber nimmt ihre Gäste in Empfang. Es ist nun vierzehn Jahre her, seit die Webers die Stadt Zürich, sie die Modeboutique und er seine Anstellung als Jurist, verlassen haben, um hier oben, unweit von Christian Webers Elternhaus, im Einklang mit der Natur zu leben. Ökologische Produktion stand für die beiden von Anfang an fest, dass das grosse Haus auch weiterhin für Gäste geöffnet sein soll, ebenfalls. Vom Garten ausgehend kam über all die Jahre das eine oder andere Stück Land dazu und das Hospezi entwickelte sich unter der sorgfältigen Führung der Webers zu einem in der Schweiz einzigartigen Betrieb, der unlängst mit dem «Premio Slow Food» der Internationalen Organisation Slow Food ausgezeichnet wurde. Ursula Weber führt uns durch die Gaststube auf die grosse Terrasse. Wir werden mit einem Glas hausgemachtem Löwenzahnsirup versorgt und geniessen die frische Luft und den weit ausladenden Blick auf die Surselva. Im Garten hinter dem Sommerflieder befinden sich der Hühnerstall, ein Schlachtplatz und die kleine Kalträucherei. Schräg oberhalb des Hauses erstrecken sich über steile Hänge die drei zugehörigen Stallgebäude und Weideflächen. Hier finden grosse Erntemaschinen keinen Halt mehr, die Bündner Strahlenziegen sind hingegen ganz in ihrem Element. Was die landwirtschaftliche Nutzung betrifft, verlangen die topografischen Voraussetzungen den Webers einiges


Das Gasthaus Hospezi liegt an steiler Hanglage unmittelbar neben der Kirche.

Vom Feld direkt auf den Teller …

… grüne Delikatessen in ihrer ganzen Vielfalt


Auf Gartentour mit Christian und Ursula Weber (l.) gibt es f端r Martin Weiss (r.) so manche Entdeckung zu machen.

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Culinaria Helvetica ab. Ursula Weber: «Wir sind sicher Idealisten und unsere Existenz ist eine enorme Willensangelegenheit. Der Anbau rarer Sorten in kleineren Mengen ermöglichte uns aber die Spezifizierung auf ein Nischenangebot, das funktioniert, sogar gänzlich ohne staatliche Unterstützung, darauf sind wir bedacht. Zudem wird so auch unser eigener Bedarf an Abwechslung auf dem Teller gestillt. Wir möchten auf keinen Fall wochenlang nur Broccoli essen müssen.» Um Selbstversorger zu werden wie die Webers, ist ein gewisses Vorwissen sicherlich von Vorteil. Bereits auf ihrer Stadtzürcher Dachterrasse standen damals um die hundert Töpfe mit grünbunten Zöglingen. Ebenso wichtig sei die mentale Positionierung, meint Ursula Weber: «Die zentrale Stellung des Essens hat uns schon lange beschäftigt, die Problematik der Welternährung, aber auch des monopolisierten Saatguts und die ständige Verfügbarkeit exotischer Waren.» Mit diesen Gedanken im Kopf haben sie dann im entscheidenden Moment zugegriffen, das Hospezi gekauft, stapelweise Sachliteratur studiert, den Austausch mit Fachpersonen gesucht und vor allem Jahr für Jahr mehr praktische Erfahrungen vor Ort gesammelt. «Das Hospezi ist unsere Insel, unser Forschungsprojekt. Ständig folgen weitere Experimente, heuer beispielsweise die Buchweizenverarbeitung, Schnapsbrennen, Auberginen und eine kleine Weinrebe», so Christian Weber. Martin Weiss ist inzwischen im Garten verschwunden, um dort die rotgelbgrüne Gartenmelde zu bestaunen, einen seiner persönlichen Favoriten in Webers Sortengarten. Während der Arbeit am neuen ProSpecieRaraKochbuch hat er über zwei Jahre das Hospezi regelmässig besucht und staunt doch immer wieder aufs Neue über die hier vorhandene Üppigkeit. Auf wenigen Quadratmetern wachsen an die 150 verschiedene, meist essbare Kostbarkeiten. Zahlreiche davon finden ihren Weg selten oder nie in den klassischen Einkaufskorb. Paradiesische Zustände also für einen passionierten Kulinarikscout. Ursula und Christian Weber sind für ihn Botschafter der Tat, was die Sensibilisierung für Sortenvielfalt und Biodiversität betrifft: «Die Vermittlung des Wissens liegt ihnen wie mir am Herzen, das verbindet. Wir bestimmen anhand unserer Essgewohnheiten stark mit, wie sich die Umwelt und die genetischen Ressourcen verändern. Kochen und Essen sind so gesehen hochpolitische Akte, für die es sich zu kämpfen lohnt.» Ausgerüstet mit frischen Eiern und einer Schüssel voller Gartenmelde geht’s dem Haus und der Küche zu. Hier verwandeln die Webers jede noch so unscheinbar aussehende Grünstaude zu einer Delikatesse. «‹Nur› eine Pizzeria zu führen, würde mich nicht interessieren. Ich möchte unsere Gäste während des Essens zum Denken animieren, die Leute für die Relevanz und den Gout alter Sorten und Rassen begeistern können», sagt Christian Weber, während die Pouletbrüste in der Pfanne braten. Später auf der Terrasse der prüfende Blick auf den Teller. Tatsächlich: bis auf das Olivenöl stammen alle Zutaten aus nächster Nähe. Ein ehrfürchtiges Gefühl macht sich

im Gaumen breit. Nein, die Webers leben nicht dogmatisch, trinken auch Kaffee und essen ab und zu Schokolade. Der Unterschied zu gängigen Lebensformen liegt im Bewusstsein, das sie sich angeeignet haben, für die Wertigkeit der Dinge. Ursula Weber: «Natürlich verfügen nicht alle über eigenes Land, das ist klar. Die aktuellen Entwicklungen in den Städten, die Rückeroberung und Bespielung verfügbarer Grünflächen sind allerdings sehr erfreulich, eröffnen hoffentlich für viele ganz neue Blickwinkel auf die natürlichen Ressourcen.» Ihr Mann ergänzt: «In meiner Vorstellung würden die Wertschöpfungsketten wieder enger gezogen werden. «Stadttomaten», «Stadthonig», «Stadtfleisch», «Stadtwasser», Food-Kooperativen wie «Ortoloco», da steckt viel Potenzial drin, auch was die Erhaltung von Wissen betrifft. Ebenso würde ich mir wieder mehr Handwerker wünschen, Korber, Drescher, Störbrenner.» Martin Weiss spinnt den Faden noch weiter: «Es bräuchte einen Brainpool, in dem alte Berufe bezeichnet und beschrieben werden, um sie als Kompetenzen wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zu holen. Dann wäre es vielleicht auch spannend, ohne das Zahlungsmittel Geld zu wirtschaften, Socken gegen Hühnereier beispielsweise.» Und als ob sie nur auf das Stichwort Huhn gewartet hätten, melden sich nebenan Hahn Caruso und seine fröhlich gackernde weisse Hühnerschar zu Wort, ersterer neuerdings von seinem Patenonkel auf den Namen Luke Skywalker umgetauft, doch dies scheint ihn nicht weiter in seiner stimmkräftigen Berufung als stolz krähender Hofhahn zu stören. An den Eiern soll es nicht liegen. ● Rezept Schweizerhuhn mit Chioggia-Randen und Gartenmelde à la «Hospezi» Trun  →  S. 33 Flurina Gradin ist transhelvetische Redaktorin. Mara Truog arbeitet als freie Fotografin in den Bereichen Porträt und Reportage. maratruog.com

Ausflugstipp Essen und Trinken Einkehren im Hospezi ist auf Voranmeldung möglich. Wir empfehlen zwei Übernachtungen als Verwöhnpaket, inklusive dreigängigem Abendessen und reichhaltigem Bauernfrühstück. Sämtliche Zutaten stammen natürlich aus eigener Produktion. hospezi.ch

Buchtipp «Blaue Schweden, Grüne Zebra, Roter Feurio – Alte Sorten neu entdeckt. Das ProSpecieRara-Kochbuch.» Martin Weiss, Albi von Felten, AT-Verlag, 2012. at-verlag.ch Auf 335 Seiten sind umfangreiche Fakten, Geschichten und Hintergrundwissen samt feinen Rezepten rund um alle alten ProSpecieRara-Sorten vereint. urchuchi.ch, prospecierara.ch

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Culinaria Helvetica

Schweizerhuhn mit Gartenmelde und Chioggia-Randen à la «Hospezi» Trun Rezept Ursula und Christian Weber

Gebratene Brust und Wachsei vom Schweizerhuhn 4 Portionen

4 Hühnerbrüste 1 EL grobkörnigem Senf, 2 EL Olivenöl, Kräutern, wenig Salz und Pfeffer

2 Eier

vom weissen Schweizerhuhn mit marinieren und eine halbe Stunde bei Zimmertemperatur stehenlassen. Danach die Fleischstücke braten. des Schweizerhuhns sechs Minuten kochen und vor dem Servieren halbieren.

Chioggia-Randen mit Gartenmelde 4 Portionen

½ Chioggia-Rande Olivenöl 2 grob geschnittene Zwiebelschoten Salz und Pfeffer Chioggia-Rande

Gartenmeldeblätter, etwas Schnittlauch, Petersilie und Liebstöckel

1 dl Apfelessig, 1 dl Rapsöl, 1 dl Olivenöl, Saft einer halben Zitrone, Salz und Pfeffer Hühnerbrüste, halbierte Eier und Gemüse

Blüten von Gänseblümchen, Kornblumen, Ringelblumen, Kapuzinerkresse und körnigem Brot

in kleine Würfel schnelden und in wenig sanft goldbraun braten. kurz mitdünsten und mit abschmecken. Die zweite Hälfte der mit dem Sparschäler in feine Scheiben schneiden und mit einem Küchensieb voll zarter roter, gelber und grüner mischen.

gut zu einer Vinaigrette verrühren. auf einem Teller anrichten und die Vinaigrette darübergeben. Garniert mit wahlweise

servieren.

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Arno Camenischs Welt

Im Sommer in den Süden

Text & Illustration Arno Camenisch

Hockte der Lukmanierpass noch im Nebel, klärte der Himmel spätestens auf der kurvenreichen Strasse hinunter nach Biasca auf. Ich war unterwegs ins Tessin mit Roberta, meiner italienischen Übersetzerin. Was uns erwartete, waren zwei Festivals, zwei Seen, zwei Sonnentage und zwei Autopannen. Auf der Fahrt übten wir die Lesungen, und Roberta fing Feuer, da ich das Programm immer wieder umstellte. (Was ich übrigens auch während der Auftritte mache, was ein Casino gibt, sobald wir zu zweit lesen.) Und je tiefer man ins Ticino kommt, umso billiger ist der Kaffee. So günstigen Espresso wie in Lugano, nach Verbania unser zweites Ziel, gibt es wohl nur noch in Tavanasa, unserem Ausgangspunkt. Ich kurbelte das Dachfenster auf. Ins Tessin fahre ich gerne, es erinnert mich an eine erste verlegene Amore, und an die bunten Hochwasserhosen, die man damals noch trug, und an die Bürokratie, die man machte, bis man sich endlich etwas hielt. Seitdem sind einige Donnerstage übers Land gezogen, per fortuna. Das erste Mal, dass ich überhaupt im Tessin war, war als kleiner Kekerli. Ich durfte mit meinem Onkel in seiner orangen Ente mitfahren, der im Auftrag vom Fussballklub ins Tessin musste, um für das jährliche Grümpelturnier im Dorf die Pokale zu kaufen. In diesem Laden in Bellinzona, wo die Trophäen auf den Ablagen wie Kristalle glitzerten, ging mir zum ersten Mal das Weltbild in Scherben, in so zartem Alter noch. Dass man die Pokale für das Grümpelturnier kaufte, das wollte mir nicht einleuchten, das war Bschiss. Auf dem Rückweg vom Festival LetterAltura, das in Verbania stattfand, auf italienischem Gebiet gleich vor der Grenze am Lago Maggiore, lag uns der Polo ab. Japanische Touristen mit Fotokameras, umgehängt wie Me-

daillen, waren so nett, uns bis zur nächsten Tankstelle anzuschieben. (Ich hätte doch einen Subaru Justy kaufen sollen, schoss mir durch den Kopf.) Also fuhren wir weiter und blieben in der Ebene zwischen Locarno und Bellinzona ein zweites Mal stecken. Dieses Mal jedoch gleich bei einer Tankstelle. Dio mio, sagte Roberta und schaute auf die Uhr. Ein Einheimischer, der zufällig mit dem Hund vorbei spazierte, schraubte uns die Kiste zurecht. Etwas mit dem Kühler stimmte nicht. Für Kaffee blieb keine Zeit mehr. In Lugano findet seit 2011 jährlich das LongLake Festival statt. Es dauert einen Monat und versammelt eine breite Palette von Konzerten und Theateraufführungen bis hin zu Lesungen und Ausstellungen. Viele der Anlässe finden open air statt, auf den Bühnen gleich am Seeufer. Befremdlich ist einzig der englische Name, das Festival an sich ist in diesem sommerlichen Timbre ein Genuss. Wir schafften es dann doch noch rechtzeitig nach Lugano, fanden auch subito einen Parkplatz und sprangen vor dem Auftritt in den See, um den Kopf zu kühlen, bevor es losging, am Lungolago. ● Arno Camenisch ist freier Schriftsteller und lebt in Biel. Im Juni ist sein neuer Roman «Fred und Franz», wie bereits «Sez Ner», «Hinter dem Bahnhof» und «Ustrinkata», beim Urs EngelerVerlag erschienen. arnocamenisch.ch

Ausflugstipp Kultur LongLake Festival Lugano, 21. Juni – 21. Juli. Innerhalb eines Monats bietet das Festival über 200 kostenlose Veranstaltungen mitten in der Stadt: longlake.ch

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Eine Runde Schweiz – Freiberge

Alkohol verboten! Text Martin Jenni, Illustration Andreas Thiel

Wir schreiben das Jahr 2026. Alkohol ist seit dem Zusammenbruch der EU in der Schweiz verboten und nur noch illegal erhältlich. Die haltlosen Zustände in den Nachbarländern mit den kollektiven Besäufnissen arbeitsloser und gewalttätiger Politiker haben die Schweizer Behörden zum Handeln bewegt. Winzer aus der ganzen Schweiz sind in die Freiberge geflüchtet und haben eine Freizone für politikabstinente Freitrinker gegründet. Einige Rebstöcke werden von den Winzern gerettet, der Rest wird durch die nationale Feuerwehr Salamander ausgegraben, zersägt und dem Fegefeuer übergeben. Ein Teil der Weinbauern wird auf ihrer Flucht in Biel in die Enge getrieben. Sie verschanzen sich in der Altstadt von Biel. «Transhelvetica», das seit einem Jahr aus dem Untergrund agiert, schliesst sich ihnen an und berichtet aus der belagerten Stadt. 13.6., 20:21 — Ein desertierter Feuerwehrmann, nennen wir ihn Guy Montag, trifft vor Biel auf einen flüchtigen Weinbauern und klärt ihn über das Projekt «Fahrenheit 451» auf, bei dem alle Bücher mit alkoholischem Inhalt verbrannt werden. Gemeinsam durchbrechen sie in einem trojanischen Salamander die Sperrzone um Biel. In der Brasserie «Saint-Gervais», der provisorisch installierten Kommandozentrale der Winzer, muss sich Guy diversen Verhören unterziehen. Seine geläuterte Gesinnung stellt er beim Alkoholtest «In Vino Veritas» glaubhaft unter Beweis. 13.6., 22:54 — Dass es nach dem Blaukreuzzug im Hauptsitz der Nationalen Sicherheit mit «Himbi» zu einem spontanen Siegesfest kommt, erweist sich als Gerücht. Denn selbst die bei der Lungenfraktion ausgeliehenen Raucherspürhunde, welche seit Jahren die letzten untergetauchten Raucher dingfest beissen, können trotz Umschulung zu Weinspürhunden nicht zur Alkohol-Endlösung beitragen. 14.6., 13:07 — Während in den Freizonen die Freitrinker an Tafeln schlemmen, hat die offizielle Schweiz das Essen durch die Soylent-Green-Pille ersetzt. Ob die Hauptsubstanz der Pille nun tatsächlich aus Plankton besteht, wie von den Behörden versichert oder ob sie sich doch aus anderen Substanzen zusammensetzt, wie von den Winzern befürchtet, ist Teil einer Untersuchung, die der übergelaufene Polizist Robert seit heute Morgen leitet. 14.6., 18:18 — Auch Eveline, die nach ihrem politischen Ende erfolgreich als Herstellerin von Verbots- und Hinweisschildern agiert, wird kurz nach 18 Uhr in einer fahrbaren Badewanne in Biel gesichtet. Die Winzer stoppen sie und verweigern ihr das Asyl, zu sehr schmerzt die

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Erinnerung an die von ihr ausgelöste Schilderflut. 15.6., 6:09 — Vor ihrer Rückschaffung taucht Eveline ab. Zurück bleiben eine leere Badewanne und ein Hinweisschild «Anschnallpflicht in der Badewanne obligatorisch». 16.6., 4:46 — Wie wir soeben erfahren, wird Andreas, der Wolf im Schafspelz unter den Kolumnisten, getarnt als Milchwagenchauffeur mit schwarzweiss geflecktem Haarkamm, mitsamt einem Milchtank voller Vin Jaune von den Alkohol-Häschern nichtsahnend nach Biel durchgewunken. 16.6., 6:43 — Grosser Jubel bricht bei den Winzern aus. Vin Jaune ist ein jurassischer Zaubertrank, wer ihn trinkt, hält jeder Belagerung ewig stand. Das kennen wir doch … die Lage ist ernst, aber weniger hoffnungslos. Wir bleiben am Glas. ● Martin Jenni ist freier Journalist und Autor. Er schreibt in Printmedien über patinierte Einkehren, kulinarische Spezialitäten und verträumte Plätze in Stadt und Land. Seine Bücher «Cervelat und Tafelspitz» und «Eine Runde Schweiz» sind seit April in der dritten, erweiterten Auflage erschienen. Andreas Thiel ist Satiriker, schreibt für die «Berner Zeitung», «Die Sonntagszeitung» und «Die Weltwoche», und teilt mit Martin Jenni die Begeisterung für jurassische Weine. andreasthiel.ch

Ausflugstipp Trinken Brasserie Saint-Gervais. stgervais.ch Einkaufen Cave Le Signolet, Jean-Daniel Giauque, La Neuveville. T. 079 321 06 16. Lesen «Fahrenheit 451» von Ray Bradbury und «New York 1999» von Harry Harrison


In Vino Veritas

Täglich einen Liter! Text Chandra Kurt

Heute noch prosten wir uns beim Anstossen ein herzliches «Gesundheit» oder «zum Wohl» zu – ganz so wie unsere Vorfahren vor 2 000 bis 3 000 Jahren, die noch wussten, dass Wein nicht nur gut ist, sondern auch gegen allerlei Gebresten hilft. Während rund 2 500 Jahren galt Wein als Lebensmittel, Genussmittel und universelles Heilmittel: Pur und vermischt mit allerlei Kräutern half es gegen fast alle Beschwerden, wobei man aufpassen musste, wer was trank. So berichtet der lateinische Schriftsteller Plinius (23 – 79 n. Chr.) über eine Weinsorte in Arkadien, dass sie die Frauen fruchtbar, die Männer aber rasend mache. Die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 – 1179 n. Chr.), die aus den antiken Quellen schöpfte, verweist in ihrem naturwissenschaftlichen Werk «Physica» auf dessen blutbildende Wirkung. Bei vielen ihrer Ratschläge für ein gesundes Leben erwähnt sie den Wein als das geeignete Auszugsmittel, um den Pflanzen die heilsamen Wirkstoffe zu entziehen. Bei Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Magenbeschwerden empfiehlt sie etwa einen Weinabsud mit Melisse, da dieses Kraut die Kräfte von 15 anderen Kräutern in sich vereinige. Auch im 18. Jahrhundert galt er als gesundheitsförderndes Mittel – nicht zuletzt, weil es sicherer war ein Glas Wein, anstelle Wassers zu trinken, das wahrscheinlich nicht so keimfrei war. Dank seines Gehalts an Alkohol und Säure hemmt Wein das Wachstum aller krankheitserregenden Mikroorganismen. 1871 tranken die 755 Patienten im Darmstädter Elisabeth-Hospital 4633 Flaschen Weisswein, 6233 Flaschen Rotwein, 60 Flaschen Champagner, 350 Flaschen Portwein sowie noch einige Flaschen besonders gehobener Qualitäten – und das innerhalb von sechs Monaten. Ich erwähne das, weil auch der «Humagne Blanche» eine ganz spezifische «medizinische» Vergangenheit hat. Dem lang haltbaren Wein wurde seit dem 12. Jahrhundert eine besondere gesundheitliche Wirkung zugesprochen – so soll er unter anderem drei Mal mehr Eisen enthalten als andere Weine (was inzwischen von der modernen Wissenschaft wieder widerlegt worden ist). Auch bekannt ist der Wein als Wöchnerinnen-Wein. Da er als besonders energetisch galt, wurde er den Müttern nach der Geburt verabreicht. In alten Dokumenten ist nachzulesen, dass den Frauen nach der Geburt täglich ein knapper Liter «Humagne Blanche» serviert wurde – vermischt mit Zimt, Muskat, Gewürznelken und Honig. Meist wurde er erhitzt getrunken. Im Walliser Museum «Musée Valaisan de la Vigne et du Vin» befinden sich noch einige Exemplare der Hebammenbecher. Es handelt sich um spezielle, aus Holz geschnitzte Messbecher, in denen der Wein nach der Ge-

Bidl: Musée valaisan de la Vigne et du Vin, Sierre

Der Saft aus den Trauben, wie die des Combe d’Enfer in Fully, galt lange nicht nur als Genuss-, sondern viel mehr auch als Heilmittel.

burt verabreicht wurde. Übrigens: einen Top «Humagne Blanche» vinifiziert die Domaine Cornulus in Savièse. Er wird auch in der rustikalen Vinothek des Weinguts ausgeschenkt. «Zum Wohl!» ● Chandra Kurt ist eine der bekanntesten Schweizer Wein-Autorinnen. Sie lebt in Zürich, ist international als Wine Consultant tätig und hat bereits diverse Weinbücher publiziert. Unter anderem gemeinsam mit Madeleine Gay «Von Humagne Rouge bis Heida». chandrakurt.ch, ofv.ch

Ausflugstipp Besuchen Musée Valaisan de la Vigne et du Vin, Rue Sainte-Catherine 6, Sierre. März – Nov, Di – So, 14 – 17 h. museevalaisanduvin.ch Einkaufen Domaine Cornulus, Savièse. cornulus.ch

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Postkartenfranz

Zora’s Taten

Franz sammelt nicht nur Postkarten, sondern auch Fans auf Facebook. Seine Grüsse mit exotischen Ansichten sind auch im Abo erhältlich. postkartenabo.ch

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BerglandWirth

Wellness für die Wiesen Text Jürg Wirth, Illustration CinCin

Meine Lieblingsarbeit ist das Misteinreiben, deshalb schreibe ich jetzt auch darüber, obwohl ich grad am Heuen bin. Dazu kommt, dass ich ohne eingeriebenen Mist viel weniger zu heuen hätte. Was Misteinreiben ist? Mit einem heidnischen Brauch, den Bauern in Vollmondnächten pflegen, hat’s nichts zu tun. Auch wer jetzt an eine Abwandlung von Fangopackungen denkt, liegt falsch und von Hand mach ich ebenfalls nichts. Denn Misteinreiben ist eine Feldarbeit, quasi Wiesenmassage, bei der es darum geht, den früher ausgebrachten Mist fein zu verteilen und in die Erde einzuwirken. Dazu fahre ich mit meinem Traktor über die Wiesen und ziehe eine Art Eisenteppich hinter mir her. Dieser sieht aus wie die Vergrösserung der Makrameematten, die meine Mutter in den 1970er Jahren knüpfte. Die Eisenmatten zerkrümeln die Mistbatzen, verteilen sie gleichmässig über die Wiese und massieren das junge Gras kräftig. Dieses verströmt dadurch den saftigen Geruch, der mich an die epischen Fussballmatches von früher denken lässt. Das Schönste am Misteinreiben aber ist, dass durch das Ziehen des Teppichs dieselben hellen und dunklen Streifen entstehen wie auf gut gepflegten Fussballplätzen.

Selbstverständlich orientiere ich mich am WembleyStandard. Ausser ich bin gerade wild und kreativ, dann zeichne ich eine Spirale auf die Wiese oder ein Schachbrettmuster. Und dass sich die Wiese über meine Behandlung auch freut, seh ich dann beim Heuen, wenn sie hoch und dicht gewachsen ist. Jürg Wirth ist seit 10 Jahren praktizierender Landwirt in Lavin und noch viel länger Journalist, momentan frei und als Kolumnist für die «Südostschweiz» und das «oliv». Mehr zu Hof, Texten und Kultur gibt’s auf: uschlaingias.ch, schurnalist.ch und staziun-lavin.ch


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I N S P I R AT I O N

Utopie

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Inspiration Utopie

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Schöne neue Schweiz

Was ist eine Utopie? Zehn Antworten von Menschen, die es gewagt haben, in unserem Land gross zu denken.

von Richard Saage zitiert wird, macht Utopien plötzlich fassbar, als etwas, das umsetzbar ist, sobald man die Veränderung will. Utopien fordern ein kollektives Umdenken, sonst bleiben

Text Martina Zürcher

sie nur die subjektive Träumerei eines Menschen, der gross

Kaum ein anderer Ausdruck entfaltet so viele unterschied-

und weit denkt. Stellt sich nun die Frage, ob wir beschei-

liche Gedankenstränge. Utopie – und schon explodiert in

denen, zurückhaltenden Schweizer überhaupt dazu in der

unseren Köpfen ein Feuerwerk von Ideen, Visionen und

Lage sind, gross und weit zu denken? Im Buch «Verkannte

fernen Welten. Nachdem die letzte Rakete einen glänzen-

Visionäre» von Helmut Stadler werden 24 Schweizer por-

den Schweif aus Rot-Orange am Himmel hinterlassen hat,

trätiert, die im Schatten grosser Erfinder dieser Welt zwar

seufzen wir erschöpft «Ach, das wäre schön» und bleiben

einen wesentlichen Anteil zu deren Erfolg beigetragen ha-

so ganz in der Realität. Der Duden gibt uns recht: Er defi-

ben, dennoch nie aber aus deren Schatten herausgetreten

niert Utopie als «undurchführbar erscheinender Plan» oder

sind. Dies untermalt das Klischee, dass wir unserer natio-

«Idee ohne reale Grundlage».

nalen Identität nicht zugestehen, gross zu denken und diese

Anders äussert sich die italienische Geschichtsprofessorin

Gedanken dann noch in riesigen Lettern an unsere Berge zu

Laura Passerini: «Die Utopie wird nicht als Idealbild einer

schreiben. Wagt sich dann doch einer auszubrechen, seine

vollkommenen Zukunft gesehen, sie soll vielmehr in eine ra-

Ideen laut posaunend in unser Land hinauszutragen, wird

dikale Gegenwartskritik und in eine unverzügliche, von der

er schnell als Spinner oder Schnurri betitelt. Wir haben

eigenen Situation ausgehende Veränderung miteinbezogen

trotzdem zehn grosse Ideen auf Schweizer Boden gefunden

werden.» Diese Sicht, welche im Buch «Utopie Forschung II»

und reisen diesen einmal um die Schweiz nach.

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Schöne neue Schweiz

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Bild: Zentralbibliothek Zürich, Grafische Sammlung und Fotoarchiv

GLACIER 3000 Panoramagalerie mit Weitsicht UTOPIST Ron Arad, Architekt, Künstler & Designer PLANUNG seit 2007

Die Idee eines Drehrestaurants oben auf dem Berg ist an und für sich nichts

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Neues. Die Art und Weise, wie der israeIm Prospekt zu Henripolis – das Einzige,

lische Künstler und Designer, Ron Arad,

das von diesem Projekt realisiert wurde

das Ganze umsetzen möchte, aber schon.

– pries Henri die Region gross an: «In

Auf der schmalen Bergflanke oberhalb

der Umgebung ist alles zu haben. Boden-

des Sex Rouge, unterhalb der Bergspit-

schätze, Wein, Korn, Fische, Früchte.

zen Les Diablerets und Dôme soll auf

Um die Stadt herum liegen Wiesen und

3 000 Meter über Meer eine waghalsige

Auen, wo man herumwandeln und sich

Konstruktion angebracht werden. Das

UTOPIST

erholen kann. Leitet man Wasser in Ka-

Restaurant-Konstrukt und die dazuge-

Fürst Henri II. d’Orléans-Longueville

nälen um die Stadt, so könnte man auf

hörige Treppe würden als ein Stück um

kleinen Booten und Gondeln fischen,

den Berggipfel rotieren, bei der bereits

PLANUNG

jagen oder auch nur so herumfahren …

vorhandenen Bergstation der Bergbahn,

um 1626

Die geplante Stadt ist 6 Tagesreisen von

welche die Touristen von Col du Pillon via

Mailand entfernt, 4 von Lyon und Nancy,

Cabane auf den Gipfel bringt, jeweils Halt machen, um neue Gäste aufzuladen, und

HENRIPOLIS Die ideale Handelsstadt

Am Neuenburgersee plante Fürst Henri  II.

3 von Zürich und Dijon, 2 von Basel und

d’Orléans-Longueville eine weniger fan-

Genf, 1 Tagesreise von Bern, Freiburg und

tastische als viel mehr kommerzielle

Solothurn.» Henri und seine Gefolgsleute

Stadt. Zwischen Thielle und den Dörfern

warben in ganz Europa für «ihre» Stadt.

St. Blaise und Marin sollte die ideale Stadt

Ein ungewöhnliches Vorgehen, vor allem

entstehen, welche Religions-, Handels-

wenn man bedenkt, dass zu jener Zeit in

und Gewerbefreiheit propagierte. Eine

Europa der Dreissigjährige Krieg tobte,

Gesellschaftsutopie, die ihrer Zeit rund

Städte geplündert wurden und in wei-

200 Jahre voraus war. Interessiert daran

ten Teilen eine Hungersnot herrschte.

war nicht nur Fürst Henri, der seine Ein-

Die Umsetzung des Projektes scheiterte

nahmequellen steigern und den aufmüp-

schlussendlich an fehlendem Geld und am

figen Neuenburgern eins auf die Nase ge-

lokalen Machtzentrum: Mit rund 10 000

ben wollte, sondern auch die Hugenotten,

Einwohnern war Bern die Schutzmacht

die daran interessiert waren, ihre Han-

von Neuenburg und hatte kein Interesse

delsbeziehungen zu Italien zu stärken.

an einer Konkurrenz mit voraussichtlich

Im Zusammenhang mit der Stadtpla-

13 000 – 15 000 Einwohnern.

nung stand übrigens auch die wahnwitzige Idee des transhelvetischen Kanals, welcher die Schweiz von Nord nach Süd schiffbar machen wollte (#  11). Laut Fürst Henri hatte Henripolis durch die Lage am Kanal den perfekten Standort.

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AUSFLUGSTIPP Heute laden in Marin-La Tène und St. Blaise schöne Strände zum Baden ein. Weitere Ausflugstipps S. 52.


Schöne neue Schweiz

sodann weiter seine Runde drehen. Dies mit der kleinstmöglichen Berührungsfläche am Berg. Das exklusive Gebilde wäre eine Vision mit Prestige: Der Gipfel ist aus jeder Richtung bis zu einer Distanz von 50 Kilometer sichtbar. Diese Tatsache führte, neben anderen Gründen, zum Genickbruch der Idee. Zu extravagant das Gebilde mitten in der Natur. Zu schwierig die Anbringung am Gipfel. Nun planen die Initianten von Glacier 3 000 anstelle dieses futuristisch anmutenden Restaurants eine Art Hängebrücke zwischen den Berggipfeln. Läuft Bild: heinzjulen.com

alles wie geplant, beginnen die Arbeiten oben auf dem Berg im Sommer 2014. Ron Arads Glacier 3 000 bleibt eine Utopie. Zumindest auf diesem Gipfel hier.

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DREAM PEAK Der neuste 4000 er der Alpen

Lift würde die Touristen zur Plattform hinauf bringen. Dazu gehört auch die Idee eines Hotels mit allem, was es auf einem 4 000 er so braucht: Shop, Cafeteria, Restaurant, Toiletten, Zugang zum Gletscherpalast und mehr Platz für weitere Bergbahnen, die künftig entstehen

AUSFLUGSTIPP Das ganze Jahr führt eine Seilbahn auf den Sex Rouge, wo eine durch Mario Botta erstellte Bergstation mit Restaurant liegt. Oben auf dem Berg wartet eine Rodelbahn mit Jumps und Brücken oder führen Wanderungen über den Gletscher. glacier3000.ch

UTOPIST

sollen. Eine Idee, die mit dem Himmel

Heinz Julen & Ueli Lehmann,

verschmilzt – oder doch eher wie Schnee

Architekten

in der Sonne dahinschmilzt? Laut den Zermatter Bergbahnen wurde die ur-

PLANUNG

sprüngliche Idee 2011 überarbeitet und

seit 2005

die Pläne angepasst. Aber seither ist in dieser Hinsicht nichts passiert, zumin-

Das Klein Matterhorn ist lange nicht so

dest wird gegen Aussen dieser Schein ge-

bekannt wie seine grosse Schwester. Da-

wahrt. Die Prioritäten lägen anderswo,

bei liegt dort auf 3820 Metern über Meer

heisst es. Aber: «Visionen und Utopien

die höchste Seilbahnstation Europas.

haben kein Ablaufdatum», schreibt der

Aber an die 4 428 Meter des Matterhorns

CEO der Zermatter Bergbahnen, Markus

und dessen schlanke Figur kommt es

Hasler, auf Anfrage.

nicht heran. Da entstand bei den Zermatter Bergbahnen die Idee, das Horn des Berges zu erhöhen und so den neusten 4 000er der Alpen zu erschaffen. Gott ins Handwerk pfuschen? Und das erst noch im konservativen Wallis? Warum auch nicht, dachten die lokalen Architek-

Bild: Ron Arad Associates, London

ten Heinz Julen und Ueli Lehmann und liessen ihre Fantasie spielen. Entstanden ist daraufhin ein Projekt, das eine an den Berg angelehnte Glaspyramide vorsieht, die ihre Fühler hoch hinaus reckt und ganz am Ende, auf genau 4 000 Metern, eine Besucherplattform mit einem atemberaubenden Panorama bietet. Ein

AUSFLUGSTIPP Es muss ja nicht immer das Matterhorn sein. Von Zermatt lässt es sich im Sommer herrlich Wandern. Vor allem die Aussicht vom Klein Matterhorn ist sehr zu empfehlen. zbag.ch, zermatt.ch

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Bild: Stadt Zürich, Amt für Städtebau

Schöne neue Schweiz

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CITY IM SEE Das Seebecken als Bauland

In der Entwicklungsgeschichte der Stadt

über Wollishofen sollte die Insel mit dem

Zürich stösst man immer wieder auf die

Festland verbunden sein. Weiter als zu ei-

Idee, die Stadt ins Seebecken wachsen zu

nem Artikel in der NZZ schaffte es André

lassen. Eine bis heute verpasste Chance,

E. Bosshard 1961 jedoch nicht. 1974 prä-

das beschauliche Zürich zu einer Welt-

sentierte dann der «Seepark-Müller» die

stadt à la Dubai zu wandeln? Den See-

zweite Variante seiner Vision, mit nur

Park-Projekten von Werner Müller be-

noch 23  000 Quadratmetern Neuland

UTOPIST

gegnete man mit gar nicht mal so viel

zwischen Bürkliplatz und See Enge. Zwei

André E. Bosshard und

Ablehnung. 1956 reichte er bei der Stadt

Gründe vereitelten die Umsetzung: Son-

Werner Müller, Architekten

das Projekt Seepark I ein. Er wollte Land

dierbohrungen zeigten, dass die Idee

im Seebecken aufschütten und plante da-

nicht ohne Risiko zu realisieren wäre

PLANUNG

rauf ein Kulturhaus, ein Theater, ein Res-

und schliesslich lehnte das Stimmvolk

ab 1956

taurant und einen Park. Die Stadt Zürich

1974 die «Motion Seepark» mit 76 Pro-

und diverse Politiker stimmten sich dar-

zent Nein-Stimmen deutlich ab.

auf ein. Aber die Utopie war für Zürich und die Schweiz offensichtlich zu gross. Ein anderer versuchte vier Jahre später etwas Ähnliches – allerdings war die City im See bei ihm mehr von der Wirtschaft her angedacht: Die Idee von Architekt André E. Bosshard sah vor, im Seebecken eine Fläche von 700 000 Quadratmeter, dies entspricht einer Fläche von knapp 92 Fussballfeldern, aufzuschütten und darauf Hochhäuser wachsen zu lassen, die zu Arbeits- und Einkaufsflächen werden sollten. Via Tunnel von Tiefenbrunnen

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AUSFLUGSTIPP Folgt man dem Uferweg des Schanzengrabens vom See aus, stösst man nach rund zehn Minuten auf eine ruhige Oase mitten in der Stadt: Alter Botanischer Garten Zürich, Talstrasse. bg.uzh.ch


Bild: Pro Swissmetro

Schöne neue Schweiz

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Die Idee klingt gut: eine Hochgeschwin-

die Swissmetro wieder eher utopisch.

digkeitsmetro, welche Bern mit Zürich im

Es fehlt am Geld: 25 Milliarden wurden

6-Minutentakt verbindet. In einer Vier-

bereits 1985 für die Strecken St. Gallen-

telstunde wäre man von Bern in Zürich,

Genf und Basel-Chiasso veranschlagt.

das wäre gleich lang, wie das Tram vom

Laut des Präsidenten von Pro Swissmetro

Hauptbahnhof an den Bürkliplatz benö-

fehlt es aber vielmehr am politischen

tigt. Die Tunnel würden rund 50 bis 100

Willen. Mit der weiteren Vergrösserung

Meter unter der Erde gebaut werden, be-

des Verkehrsaufkommens in der Schweiz

UTOPIST

wegen würde sich der Zug – oder das Flug-

gäbe es keine bessere Lösung als den

Rodolphe Nieth, Ingenieur,

zeug ohne Flügel, wie die Pro Swissmetro

unterirdischen Zug, so Rudolf Mettler.

und Pro Swissmetro

schreibt – mit Magnetschwebebahn-Tech-

Die Rechte und Pläne liegen nun in den

nologie. In einem Tunnel mit sechsein-

Schubladen der ETH Lausanne. Der Pa-

PLANUNG

halb Meter Durchmesser soll der Zug eine

piertiger reckt im Staub seine Pfoten und

seit 1974

Geschwindigkeit von 500 Stundenkilo-

träumt davon, dass ihm doch noch Flügel

meter erreichen, die Passagiere sässen

wachsen. Wir Pendler auch.

SWISSMETRO In 15 Minuten von Bern nach Zürich

wie im Flugzeug in einer Druckkabine. Das Projekt war tatsächlich schon einmal der Realisierung näher als einer Utopie: Die ETH Lausanne bestätigte 1993 in einer Machbarkeitsstudie die Umsetzbarkeit der Vision des Ingenieurs Rodolphe Nieth. Danach gründete sich die Swissmetro AG, welche Geld in die Forschung investierte. Aber dann, 2009, erklärte die Swissmetro AG die Liquidation, da das Projekt in absehbarer Zeit in der Schweiz nicht umsetzbar sei. Und so scheint heute

AUSFLUGSTIPP In der Ausstellung im Versuchsstollen Hagerbach gibt es ein kleines Modell der Swissmetro. Pro Swissmetro plant dort in naher Zukunft die Umsetzung eines 1:1 Modells. hagerbach.ch, swissmetro.ch

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Schöne neue Schweiz

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TRABANT Waldstadt bei Schaffhausen Bild: Häberli Heinzer Steiger, Architekten ETH, Winterthur

UTOPIST Giorgio Behr, CEO, und Thomas Holenstein, Wirtschaftsförderer PLANUNG 2013

Wenn die Realität dazu zwingt, andersherum zu denken, dann ergibt sich daraus die Chance auf eine utopische Idee. So ergeht es momentan dem Kanton Schaffhausen. Er steht laut dem Wirt-

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DÜLAND Eine Schweiz in der Schweiz

schaftsförderer Thomas Holenstein vor dorf, klingt ein wenig wie ein Fabelwe-

mehreren Problemen: Schaffhausen ist

sen: Wohnungen für 10 000 Menschen,

der drittälteste Kanton der Schweiz, was

Büros, Cafés, Schulen, Läden und auch

das Budget künftig stark belasten wird.

Verwaltungsgebäude hätten Platz ge-

Das Kantonsdefizit beläuft sich bereits

funden, doch nicht Politiker oder feste

jetzt auf einen zweistelligen Millionen-

Gesetze. Das Landschaftsbild wäre von

betrag und weiter wächst bekanntlich

viel Grünraum und der Veränderung ge-

auch der wirtschaftliche Druck von au-

UTOPIST

prägt: Nichts ist für die Ewigkeit gebaut.

ssen. Um den Hals aus der Schlinge zu

Stefan Heinzer und Mathias Steiger,

Intellektuelle, Künstler oder Dissidenten

ziehen, wagt die kantonale Wirtschafts-

Architekten

und Aktivisten würden eingeladen in

förderung Schaffhausen ein Gedanken-

«Düland» zu leben, um dem Ort einen

experiment. Neben Schaffhausen könnte

PLANUNG

persönlichen Schliff zu geben, der sich

auf 0,3 Prozent der Fläche des gesam-

seit 2011

dann auch wieder verflüchtigt, denn neue

ten Kantons eine Waldstadt für bis zu

Ideen sind die Nahrung von Düland. Mit der stetigen Wandlung könnte man auch Ein Zukunftslabor, eine Baby-Schweiz,

einmal etwas falsch machen. Schliesslich

ein Anti-Ballenberg. So beschreiben die

würden auch die Fehler vorbeiziehen und

beiden Idealisten und Architekten Stefan

Neuem Platz machen. Oder wie es im Ma-

Heinzer und Mathias Steiger ihr «Dü-

nifest steht: «Einmal im Leben kann man

land». Ein freches, junges Land im Land,

auch nebens Töpfli scheissen.»

ein utopisches Kleinland, wo alles aus-

Im Mai 2013 wurde entschieden, dass

probiert werden kann, was ausprobiert

weder «Düland» noch andere utopische

werden muss. «Was wir brauchen, ist

Ideen zur Umnutzung des Flugplatzes

einen kleinen Bruder, der in Frage stellt,

je umgesetzt werden. Das grösste Stück

aufmüpft und all das machen darf, was

Land im Kanton Zürich, das je neu ge-

wir, als verantwortungsvoller, vorbildli-

nutzt hätte werden können, bleibt, was

cher, vernünftiger grosser Bruder nicht

es war: ein Flugplatz.

zu denken wagen … Gedankenflüge satt Militärflüge», ist im «Düland-Manifest» zu lesen, eine Anspielung auf den Militärflugplatz Dübendorf, wo «Düland» hätte entstehen können. «Düland», eingereicht am Ideenwettbewerb der Denk-Allmend Flugplatz Düben-

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AUSFLUGSTIPP Eine Reise nach Düland lässt sich nur virtuell machen: dueland.ch

Pläne aus dem Jahr 1971 für die Waldstadt oberhalb von Zürich


Schöne neue Schweiz

12  000 zusätzliche Einwohner gebaut werden. Zum Vergleich: Im Stadtgebiet von Schaffhausen leben momentan rund 35 400 Menschen. Konkret heisst dies einen Quadratkilometer zentrumsnahes Land umzuzonen, damit in der gut erschlossenen urbanen Umgebung rund um die Stadt verdichtet gebaut werden kann. Bild: Bau- Verkehrs- Forstdepartement, Kanton Graubünden.

Diese Neustadt neben der Altstadt soll junge Menschen und Familien anziehen und dem Kanton die nötige demografische Veränderung bringen. Gleichzeitig fliesst durch den Landverkauf Geld in die Kantonskassen, welches unter anderem dazu genutzt werden kann, ländliche Gebiete als Bauland auszuzonen und so die Zersiedelung des Kantons zu stoppen. Giorgio Behr, der Präsident der Industrie- und Wirtschaftsvereinigung Schaffhausen, auf dessen Miststock die Idee ursprünglich gewachsen war, ist

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überzeugt, dass die «Vision-Waldstadt» viele Probleme auf einmal lösen würde.

PORTA ALPINA Die tiefste Bahnstation der Welt

Noch sind nicht alle Kritiker überzeugt.

ist der Gotthard-Basistunnel der längste Tunnel der Welt. Die Porta Alpina würde rund zwei Kilometer unter dem Fels gebaut und wäre der am tiefsten unter der Erde gelegende Bahnhof der Welt. Zudem würde der weltlängste Lift die Passagiere innerhalb von zwei Minuten 800 Meter

AUSFLUGSTIPP Zurück in die Vergangenheit, bevor es in Schaffhausen in die Zukunft geht: Ein- bis zweimal pro Monat finden Nachtwächter-Führungen durch die Stadt statt. Dabei werden schaurige Geschichten zur Pest, zum Aberglauben und zu Mordtaten erzählt. Anmeldung erforderlich. T.052 632 40 20. schaffhauserland.ch

UTOPIST

in die Höhe katapultieren. 2012 jedoch

Eduard Gruner

hatte der Bundesrat, wie bereits 2007, nicht genügend Geld für den Schweizer

PLANUNG

Pioniergeist übrig. Die Vision Eduard

seit 1947

Gruners, der die Idee des Gotthardbasistunnels bereits vor 60 Jahren skizzierte, wird vorläufig nicht umgesetzt. Dabei war die Porta Alpina nicht die verrück-

Vor gut einem Jahr schoss der Bundesrat

teste seiner Ideen. Er träumte sogar von

die Porta Alpina vorläufig ab: Nach 2007

einem Europa-Afrika-Express, der die

bereits das zweite Aus für den unterirdi-

beiden Kontinente mit einer Zugstrecke

schen Bahnhof. Die fantastische Idee,

verbinden würde – selbstverständlich

welche Tausende von Touristen durch den

ebenfalls mit Halt in Sedrun.

Berg nach Sedrun und von dort in die Surselva, schneller in die Gotthard-Region oder nach St. Moritz und Zermatt bringen soll, wurde in ihrem eigenen Stollen

Bild: Baugeschichtliches Archiv, Stadt Zürich

begraben, einem Stollen, der notabene bereits existiert. Nachdem 2006 die erste Sprengladung im Innernen des Berges explodierte, war oben auf dem Berg die Euphorie fast überall gross. In Sedrun entfachte die Idee des unterirdischen Bahnhofs der Superlative viele weitere Visionen, schliesslich würde das Dorf um eine nicht so einfach zu toppende Attraktion bereichert. Mit 57 Kilometern

AUSFLUGSTIPP In Sedrun kann man den Gotthard-Basistunnel besuchen und sich über das gesamte Projekt informieren. Tunnelbesichtigungen ab Juni, Sa/ So, um 9 h, 10:30 h, 14 h. Mindestalter 12 Jahre. Informationszentrum Sedrun, T. 081 936 51 20. alptransit.ch

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Bild: Hans E. Widmer

Schöne neue Schweiz

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BOLO’BOLO Eine visionäre Gesellschaftsform

Die Globalisierung war für den Autor der

zu seiner Utopie eine eigene Sprache

visionären Stadt bolo’bolo, Hans Widmer,

und Schrift. Mitte der 1980er Jahre gab

bereits in den 1980er Jahren der grosse

es einen Versuch seine Utopie umzuset-

Feind des Menschen und seiner Umwelt.

zen. Die «Karthago am Stauffacher» in

bolo’bolo will der ungerechten Verteilung

Zürich scheiterte aber an inneren Wider-

der Ressourcen und ihrer steigenden Nut-

sprüchen und an fehlenden finanziellen

zung entgegenwirken. Daher erfand der

Mitteln. Aber P.M. konnte letztlich doch

UTOPIST

Autor seine eigene visionäre Gesellschaft.

noch mithelfen, eine seiner Stadtutopien

P.M., auch bekannt als

In seiner optimalen Welt gibt es soge-

umzusetzen: Das «Kraftwerk 1» ist bis

Hans E. Widmer, Visionär

nannte bolos, autarke Lebensgemein-

heute eine Bau- und Wohngenossenschaft

schaften, in denen bis zu 500 ibus (Men-

in Zürich, die etwas andere Wege geht.

PLANUNG

schen) zusammen leben. Das Leben im

Aktuell setzt sich P.M. für multifunk-

ab 1984

bolo ermöglicht dem ibu ohne Geld zu

tionale Nachbarschaften ein – ähnlich wie

leben. Denn hier erhält es alles, was es

bei «Kraftwerk 1» geht es ums gemeinsa-

braucht: «2000 Kalorien, Unterkunft,

me Nutzen von Ressourcen, das Zusam-

medizinische Betreuung, alles, was zum

menleben und die optimale Zulieferung

Überleben nötig ist, und noch viel mehr.

von Lebensmitteln direkt vom Bauer – für

In einem bolo wird das ibu geboren, ver-

Hans Widmer ist dies eine Weiterent-

bringt seine Kindheit, wird gepflegt,

wicklung seiner bolo’bolo-Vision.

wenn es krank ist, lernt gewisse Dinge, werkelt herum, wird getröstet, wenn es traurig ist, kümmert sich um die anderen ibus, trödelt herum, stirbt», schreibt der Autor unter seinem Pseudonym P.M.. Er gründete in den 1980er Jahren seinen eigenen Verlag, um die Vision des bolo’bolo zu veröffentlichen und erfand passend

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AUSFLUGSTIPP Zwischen den «Kraftwerk 1»-Siedlungen, Hardturm und Heizenholz, liegt der sogenannte Weinweg Höngg. weinweghoengg.ch


Bild: Bildarchiv Kurt Wanner

Schöne neue Schweiz

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Zu seiner Zeit war Pietro Caminada ei-

der Rofflaschlucht im Norden verkehren

ner der erfolgreichsten Ingenieure über-

sollten.

haupt. Er machte sich mit den Stadtpla-

Caminada, der unweit des Splügenpasses

nungen von Rio de Janeiro und Brasilia

geboren wurde, wollte seiner Heimat hel-

einen Namen und kehrte dann, beflügelt

fen, wirtschaftlich wieder aufzublühen.

von solch grossen Ideen, in seine Heimat

Denn mit dem Bau der Eisenbahnroute

zurück: Caminada schwebte eine Was-

über den Gotthard hatte der Splügen und

serstrasse von Genua über den Splügen-

seine Handelsstrasse an Bedeutung ver-

UTOPIST

pass vor, die weiter zum Bodensee bis

loren, die Menschen standen plötzlich

Pietro Caminada

nach Basel und von dort über den Rhein

ohne Einkünfte und Arbeit da. Seine

in die Nordsee führen sollte. Die grösste

Idee wurde, so begeistert sie damals in

PLANUNG

Herausforderung bestand darin, den

der ganzen Welt aufgenommen wurde,

ab 1907

Splügen, der ganze 2 113 Meter über dem

nie umgesetzt. Zu unüberwindbar die

Meeresspiegel liegt, zu überwinden. Er

Alpen, zu utopisch die Idee.

VIA D’AQUA Transalpine Wasserstrasse

entwickelte eine Schleusentechnologie, die es möglich machen sollte, die schweren Schiffe über die steile Anhöhe zu befördern. Das Transportschiff fährt dazu in die unterste Schleuse ein und wartet bis der steigende Wasserspiegel den Frachter aufwärts hebt, so dass das Schiff die nächste Schleuse erreichen kann. Die als Röhrensystem angelegte Konstruktion sollte die Schiffe bis auf 1200 Meter hoch heben. Von dort aus wollte Caminada einen Tunnel durch den Fels graben, wo die Schiffe zwischen Isola im Süden und

AUSFLUGSTIPP Zeitzeuge der Geschichte auf dem Splügen ist das 200 Jahre alte Berghaus «Splügenpass». Alpine Küche und historisches Schlafen. T. 081 664 12 19. berghaus-spluegenpass.ch Literaturquelle: Pietro Caminada und seine «via d’acqua transalpina» von Kurt Wanner im Bündner Monatsblatt 2/2005.

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Zukßnfte Von Henripolis in die Welt von morgen – ein Spaziergang mit Cla Semadeni von swissfuture


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Zukünfte

Cla Semadeni ist Zukunftsforscher. Er beschäftigt sich mit Szenarien, die es (noch) nicht gibt. Manchmal auch mit solchen, die es nie gegeben hat. Wie die Stadt Henripolis bei Neuenburg. Text Claudia Walder, Bild Marcel Kultscher

Mit Blick auf den Neuenburgersee, im edlen Grand Salon des psychiatrischen Zentrums Préfargier soll Friedrich Dürrenmatt sein Stück «Die Physiker» geschrieben haben. Doch nicht nur Dürrenmatts Figuren Möbius, Newton und Einstein kapitulierten hier vor der Wirklichkeit, auch der französische Fürst Henri II. d’Orléans-Longueville musste im 17. Jahrhundert seine ehrgeizigen Pläne für das idyllische Fleckchen Land aufgeben. «Das ist eine faszinierende Geschichte», kommentiert Cla Semadeni, pensionierter Kantonsplaner und aktiver Zukunftsforscher, und schaut von einem ins grünlich-graublaue Wasser hinausragenden Steg zurück aufs Ufer, wo heute dichtes, rötliches Schilf den Regen nickend erduldet und wo vor rund vierhundert Jahren Henri II. eine neue, nach ihm benannte Handels- und Herrschaftsstadt gründen wollte: Henripolis (S. 44). Gezeichnet mit rechtwinklig angelegten Strassen und einer halbkreisartigen, polygonalen Stadtmauer, blieb die Stadt am Neuenburgersee eine Utopie. Zu viel Widerstand regte sich in den Städten Neuenburg und Bern, die durch die Neugründung geschwächt werden sollten, und zu wenig Geldmittel konnten die beiden damit beauftragten Kaufleute auftreiben. So findet sich nun auf dem einst dafür vorgesehenen Gebiet in der heutigen Gemeinde La Tène statt geschäftiger Kopfsteinstrassen der blühende, friedliche Park der Einrichtung Préfargier. Statt auf dichte Häuserzeilen trifft man auf die gemütlichen Wohnwagen des Campings La Tène. Und die Schiffe, die hier ankern, sind nicht unzählige, schwer beladene Frachtschiffe grosser Unternehmen, sondern knapp ein Dutzend zierlicher Segelschiffe, die im kleinen Port de La Ramée unter blauen Planen auf besseres Wetter harren. Die Zukunft im Blick Henripolis ist ein Projekt der Vergangenheit. Und eigentlich richtet Cla Semadeni seinen Blick lieber nach vorn, in die Zukunft. Dennoch faszinieren ihn derartige Utopien, weil sie illustrieren, welche Kräfte am Werk sind, welche Machtspiele und Gesellschaftsordnungen eine Realisierung verhindern, oder begünstigen, und welches in solchen Situationen die treibenden Konstellationen sind. Das sind Fragen, die in der Gegenwart noch immer aktuell sind und die auch die Zukunft betreffen. Denn Zukunftsforschung ist eng mit der Zukunftsgestaltung verbunden, weiss Cla Semadeni, der sich in seinem früheren Beruf als Architekt und Raumplaner viel damit beschäftigte, wie geplante Strukturen zukunftsfähig gestaltet werden können, und der so zur Zukunftsforschung gekommen ist.

Beim Ausfluss des Zihlkanals, an der südöstlichen Ecke des utopischen Henripolis, ragt eine Mole in den Neuenburgersee. Cla Semadeni schaut den langen, geraden Linien der Mole nach und überlegt. «Was die Zukunft mit der Utopie gemeinsam hat? Beide treffen sich im Nirgendwo», sagt er schliesslich. Denn die Utopie, das ist der Nicht-Ort. Die Zukunft ist das auch irgendwie: «Die Szenarien, die wir in der Zukunftsforschung erstellen, sind Gedankenwelten, sie existieren nicht in der Wirklichkeit», erklärt er. Wie aber erforscht man etwas, das es nicht gibt? Gerade darum geht es bei der Zukunftsforschung, um Methoden, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Denn um die Zukunft aktiv zu gestalten, muss man erst darüber nachdenken, muss mit anderen darüber diskutieren und sich austauschen können. Aber: «Zukunftsforschung ist nicht Hellseherei», betont Cla Semadeni gleich zu Beginn. Es werden keine Voraussagen gemacht. Es geht auch nicht darum, mit Computern mathematische Prognosen zu erstellen. Denn bei solchen Prognosen ist der Blick eigentlich auf die Vergangenheit gerichtet: man studiert die vergangene Entwicklung, um aus dieser die zukünftige zu extrapolieren.

«Was die Zukunft mit der Utopie gemeinsam hat? Beide treffen sich im Nirgendwo.»

Denkmodelle im Werkzeugkasten Zwar klammert auch die Zukunftsforschung die Vergangenheit nicht aus, getreu ihres Namens konzentriert sie sich aber auf die Zukunft als Untersuchungsgegenstand. Sie will weiter – und breiter – denken, als dies bei technischen Voraussagen der Fall ist. Sie will verschiedene Grundannahmen offenlegen, will nicht einzelne mathematisch wahrscheinliche Entwicklungen, sondern einen Fächer an möglichen Gesamtentwicklungen aufzeigen. Prognosen und Megatrends, zum Beispiel das Bevölkerungswachstum und die Individualisierung, fliessen in die Arbeit der Zukunftsforscher mit ein, aber das eigentliche Instrument in ihrem Werkzeugkasten sind Szenarien: Denkmodelle, die nicht Varianten der tatsächlich eintreffenden Zukunft sind, sondern Instrumente, die Zukunft an- und weiterzudenken. Entworfen werden solche Zukunftsszenarien in mehreren Schritten. Zuerst werden Annahmen getroffen und Thesen formuliert. Diese werden zusammen mit Experten überprüft und anschliessend in konsequente, stimmige Bilder überführt, welche erneut in einer Expertenrunde diskutiert werden. Bei swissfuture, der Vereinigung für Zukunftsforschung, deren Co-Präsident Cla Semade-


Zukünfte

ni ist, werden pro Thematik mindestens vier Szenarien entwickelt. Vier, damit man nicht in Versuchung gerät, zwei Alternativen gegen einander auszuspielen oder, bei drei Szenarien, automatisch zwei Extreme und einen Mittelweg zu präsentieren. Vielfalt ist wichtig, genauso wie Dialog und Transparenz: Zukunftsforschung ist eine Geisteswissenschaft, man muss sich des eigenen Hintergrundes, der eigenen Perspektive bewusst sein, muss die eigenen Werte transparent darstellen. Wild Cards und Kippeffekte Bewusst sein muss sich der Zukunftsforscher auch der sogenannten Wild Cards und Kippeffekte. Wild Cards sind plötzliche, unerwartete Ereignisse, die grosse Veränderungen nach sich ziehen. Eine Umweltkatastrophe oder ein Meteoriteneinschlag, zum Beispiel. Kippeffekte dagegen sind Diskontinuitäten, Bruchstellen in Entwicklungen, bei denen diese sich plötzlich ins Gegenteil verkehren. Wild Cards und Kippeffekte sind nicht oder schwer voraussehbar und können deshalb nicht in stimmige Szenarien integriert werden. Zwar gibt es Forscher, die sich mit Wild-Card-Situationen, Kippeffekten und deren Ursachen-Wirkungszusammenhängen beschäftigen. Aber die eigentliche Zukunftsforschung wie Cla Semadeni sie betreibt, will in der Wirklichkeit verhaftet bleiben und lässt deshalb solche unwahrscheinlichen und unvorhersehbaren Ereignisse aussen vor, die dafür gerne in Science-Fiction-Geschichten auftauchen. Science-FictionFilme oder -Bücher sprechen Cla Semadeni weniger an. Zwar findet er die darin gezeichneten Zukunftsvisionen interessant und denkt, dass die Zukunftsforschung von solchen Projektionen profitieren kann. Aber für seinen Geschmack sind sie in den Geschichten zu sehr mit anderen Elementen vermischt, mit Horror- oder Thrillersegmenten zum Beispiel. Ausserdem sind die Horizonte andere. Science Fiction projiziert die Handlungen oft weit in die Zukunft, während die Zukunftsforschung eine Spanne von 20 bis 40 Jahren anschaut. So gibt es im Moment viele auf das Jahr 2050 angesetzte Szenarien. Science Fiction aus der Vergangenheit hingegen, deren Visionen heute Realität sind, wie Jules Vernes Reise zum Mond, oder deren Themen heute noch oder wieder aktuell sind, wie Orwells Überwachungsstaat, die findet Cla Semadeni spannend. Mit der Sehnsucht unterwegs Überwachung und totale Reglementierung des Lebens sind auch Grundannahmen in einem von vier Szenarien zum Thema Wertewandel der Vereinigung swissfuture. Diese Szenarien untersuchen, wie sich die Wertemuster in der Schweiz bei unterschiedlichen Entwicklungen und unter differierenden Voraussetzungen ändern könnten. Gegenwartskritik wollen die Zukunftsforscher im Unterschied zu gewissen Literaten mit solchen Szenarien nicht betreiben, zum Nachdenken anregen aber schon. «Es wäre schön, wenn sich die Politik stärker mit der Zukunft

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befassen würde, und nicht nur mit den aktuellen Wehwehchen», sagt Cla Semadeni, «das wäre Teil meiner persönlichen Utopie.» Dass die Zukunftsforschung auch besser im Bewusstsein der Bevölkerung und der akademischen Welt verankert wäre, das wäre ein weiterer Teil, erklärt er und stellt sich ein Institut oder ein Kompetenzzentrum für Zukunftsforschung vor. Vielleicht auch ein nationales Forschungsprogramm. Und schliesslich hat die Zukunftsforschung auch dies mit der Literatur gemein: die Hoffnung. «Hoffnung spielt in der Gestaltung der Zukunft eine grosse Rolle», erzählt Cla Semadeni ernst und lächelt dann. «Wie sagt man doch gleich: Nicht das Rudern muss man trainieren, um Amerika zu entdecken, sondern man muss die Sehnsucht wecken.» Henri II. mag das bereits gewusst haben, jedenfalls liess er nicht nur Werbeprospekte in drei Sprachen drucken, sondern versprach für das geplante Henripolis auch Religions-, Gewerbe- und Handelsfreiheiten. Geklappt hat’s trotzdem nicht … wie sagte doch gleich Friedrich Dürrenmatt: «Das Zukünftige ist immer utopisch.» ●

Claudia Walder ist Übersetzerin, Lektorin sowie freie Autorin und verliert sich gerne und oft in zwischen Buchdeckel gefasste Utopien. textit-gmbh.ch. Marcel Kultscher ist Architekt und freier Fotograf. Als Bildermacher versucht er immer wieder Utopien zu belichten. marcelkultscher.com

Sender Transhelvetica Utopie-Remix von Harald Taglinger, 3:24 min. transhelvetica.ch/hören

Ausflugstipp Respektvolle Spaziergänger sind im wunderschön gepflegten Park des psychiatrischen Zentrums Préfargier (heute Centre neuchâtelois de psychiatrie) willkommen, ebenso im Restaurant (Fahrräder, Hunde sowie Picknicks sind nicht gestattet). Neben dem Campingplatz am Ausfluss der Zihl kann man im Restaurant La Tène den Flammkuchen oder das «Filet de Perche» bei gutem Wetter auf der Terrasse direkt am See geniessen. la-tene.ch


Fotostiftung Schweiz

Brissagoinseln im Langensee, Tessin, 1935. Hans Baumgartner © Fotostiftung Schweiz

Adieu la Suisse! Eine neue Ausstellung in Winterthur erforscht die sehnsuchtsvollen, utopischen Elemente der Schweiz Acht Millionen Einwohner auf einer Fläche von 41 285 Quadratkilometern – die Schweiz gehört zu den am dichtesten besiedelten Ländern Europas. Auf der einen Seite: Drei Viertel aller Schweizerinnen und Schweizer leben in Städten und deren Agglomerationen. Auf der anderen Seite: Erhabene Gipfel, liebliche Seen, friedliche Täler – das klassische Bild der Schweizer Landschaft wurde schon früh von Fotografen mitgeprägt. Was ist aus dieser Landschaft geworden, die immer auch eine Projektionsfläche für Sehnsüchte und Fantasien, für ein Leben in Freiheit und im Einklang mit der Natur war? – «Adieu la Suisse!» geht nicht nur dem objektiven Wandel der Wirklichkeit nach, sondern auch den Veränderungen des Blicks auf die helvetische Landschaft. Aus der Dekonstruktion der älteren fotografischen Mythen sind neue, zeitgenössische Bilder der Schweiz entstanden, bei denen auch das Unspektakuläre, Abstossende und Irritierende bildwürdig ist. Ab den 1990er  Jahren setzte sich eine Fotografie durch, die einen eigenständigen und sensiblen, mitunter auch lustvollen und spielerischen Umgang mit der neuen Wirklichkeit fand. Die Fotostiftung Schweiz präsentiert in der aktuellen Ausstellung «Adieu la Suisse!» sieben markante Positionen mit Fotografien von Jean-Luc Cramatte, Nicolas Faure, Yann Gross, Andri Pol, Christian Schwager, Jules Spinatsch und Martin Stollenwerk als Vertreter der neueren Fotografie und stellt deren Arbeiten zu den historischen Bildern aus der Sammlung der Fotostiftung Schweiz. Als Auftakt und als Ausblick auf die Ausstellung haben wir eine frühe Arbeit von Hans Baumgartner gewählt: Thomas Morus’ Utopia in der unendlichen Weite des Locarneser Meeres. Ob die Schweiz doch eine Insel ist? ●

Ausflugstipp Ausstellung «Adieu la Suisse!» , 8. Juni – 25. Aug, Fotostiftung Schweiz, Grüzenstrasse 45, Winterthur. fotostiftung.ch

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Unikate

Herr der Blüten Zürich blüht anders – dank Maurice Maggi

Als Malvenkönig und helvetischer Ur-Guerilla Gardener wird Maurice Maggi in die Geschichte eingehen. Seit 30 Jahren lässt er Zürichs Innerstadt erblühen. Dass nun auch die Stadt Zürich Saatgutsäckchen mit «Malven-Power» verteilt und bald Verkehrsinseln mit Fenchel, Krautstiel und Grünkohl bepflanzen will, findet er amüsant. Text Samuel Schlaefli, Bild Philippe Hollenstein

Ich geb’s zu: Wir hatten ein chaotisches Blumenmeer erwartet im Zuhause des ersten helvetischen GuerillaGardeners – und wir wurden enttäuscht. Denn in Maurice Maggis Vierzimmerwohnung im Zürcher Kreis 4 gibt’s nicht viel an floraler Pracht zu sehen: eine leuchtend gelbe Narzisse auf dem Wohnzimmertisch, eine Kartonpflanze auf dem kleinen Fernseher und einige Küchenkräuter auf dem Balkon. Für Maggi alles andere als ein Widerspruch: «Jedes Ding hät si Läbensruum; äs Huustier haltä isch ä nid mini Sach.» Maggi freut sich, dass das «Urban Farmening» – er spricht den Begriff so beiläufig falsch aus, als hätte er ihn soeben zum ersten Mal gebraucht – zum Mainstream geworden ist. Vor wenigen Wochen verteilte die Stadtgärtnerei Zürichs erstmals Saatgutsäckchen zur Begrünung der Innerstadt. Darunter auch «Malven-Power», eine Saatgut-Mischung mit kleinwüchsigem Sigmarswurz, BisamMalven und Chäslikraut. Die Mischung lässt sich auch

als späte Huldigung des dreissigjährigen Schaffens von Maurice Maggi verstehen – dem Zürcher Malvenkönig. «Dr Druck vor Schtrass nimmt zue», sagt Maggi. «Dr Druck vor Schtrass», der zur Adoption von Maggis Ideen durch die Stadtverwaltung führte, geht auf: Anrufer verteidigen Maggis Blumenwerke bei der Stadtverwaltung seit Jahren und auch Facebook-Gruppen machen sich für Maggis Malven stark. Die Stadt tolerierte zwar Maggis alljährliche Aussaaten stillschweigend, doch rücken die unbarmherzigen Rebscheren der Zürcher Stadtgärtner den in voller Blüte stehenden Malven meist schon im Juni zu Leibe. Ob sich das dieses Jahr ändern wird, ist noch nicht klar. Aber immerhin: Zum ersten Mal freut sich die Stadt nun auch offiziell über Maggis Pflanzungen – und diejenigen seiner Nachahmer. «Ä Pflanze, wo de Beton schprängt» Das war nicht immer so: Als Maggi 1984 seine ersten floralen Spuren durch die Stadt zog, mussten die Erdkreisel um die Stadtbäume per Gesetz braun und unbewachsen bleiben. Doch der jungen Generation von Unangepassten wurde das autoritäre Korsett zu eng, das den öffentlichen Raum zu Tode regulierte. Bürokratie und Büromief waren schon früh Maggis Graus. Sein Vater war ein Bürolist und arbeitete für die Swissair in Rom. Dort verantwortete er, dass der gesamte Vatikan seine Streifzüge durch die heiligen Lüfte First Class bei der Schweizer Gesellschaft buchte. Maggi wollte Künstler werden, am liebsten Fotograf.

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Unikate

Schliesslich einigte man sich in der Familie auf eine Gärtnerlehre. In Zeiten, wo Flower-Power noch nachwirkte und «Gits käi Pflanze, wo de Beton schprängt», ein oft skandierter Slogan war, keine schlechte Wahl, um im Freundeskreis Respekt zu schinden. Als im Zürich der 1980er Jahre Freunde Maggis Punkbands gründeten und die Stadt mit selbst gedruckten Stickern verklebten, um für Potentiale im öffentlichen Raum zu sensibilisieren, begann Maggi die Stadt zu besamen. Als gelernter Gärtner wusste er: Malven sind resistent, treiben Wurzeln bis zu eineinhalb Meter Tiefe, blühen von Ende Mai bis anfangs Oktober in allen möglichen Pastelltönen und sind mit einer Höhe von zwei bis drei Metern selbst für ignorante Passanten nicht zu übersehen – «äs blüehä uf Augehöchi», war Maggis Ziel. Seine Saat war immer auch politisch. Als Mitte der 1980er Jahre in der Stadtverwaltung debattiert wurde, was mit dem oberen Letten zu tun sei, besäte Maggi eine Parzelle mit Johanniskraut, Glockenblumen, Steinbrech und raren Königskerzen. Lauter Sorten, die unter Schutz stehen. Das Umweltamt machte daraufhin bei der Stadt geltend, dass auf der Parzelle nicht gebaut werden dürfe und bis heute steht sie weitgehend unter Schutz. Als später rauskam, dass hinter dem schützenswerten Biotop der Guerillagärtner steckte, waren die amtlichen Pflanzenschützer alles andere als amüsiert. Maggi hatte sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Manchmal steckt der gesellschaftspolitische Zwist aber auch gleich in den Saaten selbst. So beim «Papaver somniferum», dem blauen Schlafmohn, einer von Maggis Lieblingen. Er schmückte damit einst sämtliche Beete der Meinrad-Lienertstrasse vor seiner Haustür – ein kleines Stück Afghanistan mitten in Zürich. «Pflanze, wo tuusig Facette hän und i dä Menschä ä Zwieschpalt hinterlö», das interessiert Maggi. So wie der Schlafmohn, an dessen Saft Millionen Junkies hängen, dessen getrocknete Kapsel aber gleichzeitig zur Verzierung von biederen Blumenbouquets dient. «Und niemer wäiss hüt meh, dass ir Schwiz bis Ändi 19. Jahrhundert praktisch uf jedem Burehof äs Beet für ä Schlafmohn reserviert isch gsi.» Laudanum, eine Art Opiumschnaps, war das Allerwelts-Heilmittel der Landwirte. Anfangs 20. Jahrhundert wurde es verboten – im Zuge der aufkommenden Pharmaindustrie. Was früher eine Selbstverständlichkeit war, nämlich den eigenen Garten als Quelle für Medizin und Lebensmittel zu nutzen, erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Des Städters neue Sehnsucht nach dem essbaren Grün gehört heute zum guten Ton jeder selbsternannten Weltstadt. Kürzlich liess Grün Stadt Zürich verlauten, dass die Verkehrskreisel ab 2014 als öffentliche Gemüsebeete genutzt werden. Der Hype amüsiert Maggi: «Das isch nüt anders als ä Rückchehr zum Urschprung vo all üserä Gärte.» Schliesslich ist es noch nicht allzu lange her, als auch Frau und Herr Schweizer auf einen Fleck Erde zur Selbstversorgung mit Früchten, Gemüse und Fleisch angewiesen waren. Die Ziergärten kamen erst mit dem Wohlstand und den dicken Bäuchen. Ohne es zu forcieren,

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«Malven sind resistent, treiben Wurzeln bis zu eineinhalb Meter Tiefe, blühen von Ende Mai bis anfangs Oktober in allen möglichen Pastelltönen und sind mit einer Höhe von zwei bis drei Metern selbst für ignorante Passanten nicht zu übersehen.»


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Unikate

schlägt Maggi heute selbst Kapital aus dem Hype: Für die Axa-Winterthur hat er kürzlich den Garten des «Eco Place» beim Zollfreilager gestaltet; vierzig Wohnungen für Mieter, die sich einem grün-urbanen Lebensstil verpflichten. Für Maggi war klar: kein Zier-, sondern ein Nutzgarten. Die Bewohner sollen mit Obstbäumen, Beerenstauden und Knollengewächsen zumindest einen kleinen Teil ihres Speiseplans abdecken können. Eiernüdeli statt Pasta Derzeit arbeitet Maggi an einem Buch zur «essbaren Stadt», eine Urban-Farming-Rezeptsammlung, die ein Schweizer Verlag bei Maggi in Auftrag gab. Denn seit jeher ist nicht nur das Gärtnern seine Leidenschaft, sondern genauso das Kochen. Rom, wo er aufgewachsen ist, hat ihn diesbezüglich geprägt. Als Maggi acht war, kam sein Vater bei einem Flugzeug-Unglück ums Leben. Die Mutter brachte die sieben Kinder zurück nach Zürich. Nicht nur, dass Maggi hier ein «Tschingg» war und als Linkshänder nun plötzlich rechts schreiben sollte; «anschtatt Pasta hets plötzli nur no Eiernüdeli gä. Und ds «Napoli» isch dr äinzig Ort in Züri gsi mit erä richtige Pizza.» Maggi vermisste auch den Markt, wo seine Mutter das Huhn bei lebendigem Leibe inspizierte, bevor es unter den Hammer kam. «Choche het für mi vil mit Geborgehäit

ds tuä.» Neben dem Künstler-, war deshalb auch der Kochberuf schon immer ein Traum gewesen. Als er mit 36 als Verantwortlicher für Grossgarten-Projekte mit 30 Mitarbeitern im Dauerstress seine Beziehung an die Wand fuhr, war der Zeitpunkt gekommen: Er bewährte sich als ungelernter, dafür umso ideenreicherer Koch bei einer Handvoll Zürcher Szenebeizen. 1995 eröffnete er mit dem «Kaffi Boi» einen Treffpunkt für die Alternativszene. Doch es lief nicht recht an, Maggi wurde von den Investoren gelinkt und versank in einem Privatkonkurs. Er geriet in den Strudel einer Wutspirale; ganz Zürich hatte sich gegen ihn verschworen, schien es ihm. Der Psychiater Berthold Rothschild riet ihm daraufhin: Mach es wie die Juden; kämpf bis zum bitteren Ende oder hau ab! Maggi entschied sich für Letzteres und landete in Brooklyn, New York, wo er auf der Suche nach einem Job als Koch zuerst einmal Klinken putzte. Doch er hatte Glück: Wenige Wochen nach seinem Start als Küchenchef in der «Bar Sol» wurde er Stadtgespräch. Die Wochenzeitung «Village Voice» hatte seine kubanisch-asiatische Fusion – ein Potpourri aus Ceviches, Chutneys, Currys, Mango, Yucca und Kokosrum – in höchsten Tönen gelobt. Das Restaurant füllte sich daraufhin drei- bis viermal pro Abend. Doch Maggi verkrachte sich mit dem Besitzer und zog weiter. Bei einem Argentinier im East Village

Den Malven nach: Die von Maurice Maggi gelegten Saat-Spuren in der Zürcher Innenstadt

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Illustration: CinCin

Ausflugstipp


fand er einen neuen Posten als Chef. Doch kurz darauf mobbte ihn sein Hilfskoch aus dem Betrieb. Schliesslich hatte er die Schnauze voll vom Gastro-Zirkus und heuerte wieder bei einer Gärtnerei an. Für diese pflegte er nun die Dachgärten von Julia Roberts und Spike Lee in Downtown Manhattan. Gleichzeitig säte er weiterhin fleissig Malven, wenn er die Gefängnisgärten in der Bronx und in Brooklyn in Ordnung brachte. Maggi wäre in New York geblieben; nirgends sei er so gut aufgenommen worden und sich selber so nahe gewesen. Und nirgends erlebte er später nochmals einen solch kreativen «Spirit». Doch während seinem vierten Jahr im Big Apple brach er zusammen. Ein Diabetiker-Koma führte ihm die Schattenseiten eines Staats mit nicht-existenter Gesundheitsvorsorge vor Augen. Wohl oder übel musste er wieder Wurzeln in Zürich schlagen. Anfangs widerwillig, doch heute weiss er: «Mä dörf nie vergässe, was es bedütet, ä Basis ds ha!» Seither arbeitet Maggi wieder als Koch und schmeisst das Catering für Theatergruppen wie Karls Kühne Gassenschau. Dazwischen hält er Vorträge an Kunstschulen und greift Lehrern unter die Arme, um Zürcher Stadtkinder zu «renaturieren», die noch nie einen Finger in einen Dreckhaufen gesteckt haben. Und dann ist da noch Maggis Schmetterling-Projekt zusammen mit dem Landschaftsarchitekten André Rey: Während drei Jahren hat Maggi im Jura 120 Kreuzdornzipfelfalter-Raupen eingesammelt und zum Schlüpfen nach Zürich gebracht. Der letzte dieser Art starb hier 1959. Maggi legte mehrere Beete mit allerlei Nektarpflanzen, Kreuzdorn und wildem Thymian an und will die Raupen diesen Sommer darin aussetzen. Später wird er die Biotope vernetzen und den Falter in Zürich wieder heimisch machen. Wer weiss, vielleicht wird «Urban Butterflying» bald zum nächsten grossen Hype und der Malvenkönig zum Schöpfer des ersten Schweizer Freiluft-Papiliorama. ● Samuel Schlaefli ist freischaffender Journalist. samuelschlaefli.ch Philippe Hollenstein ist selbständiger Fotograf. Die beiden arbeiten regelmässig an gemeinsamen Aufträgen.

Sender Transhelvetica Utopie-Remix von Harald Taglinger, 3:24 min. transhelvetica.ch/hören


Durch Zeit und Raum Flugstunden Ăźber Wildhaus

Blick vom Berg Gulmen oberhalb Wildhaus auf den Mattstock, Federispitz, Speer, Neuenalpspitz, Gmeinenwis-HĂśhe und die Schafbergwand.


Durch Zeit und Raum

Der grosse Filmregisseur Werner Herzog hat ihn auf Film verewigt, inzwischen lebt Walter Steiner seit über 20 Jahren im schwedischen Falun. Wir wollten vom ehemaligen Skisprungweltmeister wissen, wie es ist, zu fliegen, und was seine Heimat Toggenburg ihm heute bedeutet. Text Flurina Gradin, Bild Walter Steiner

Walter Steiners Toggenburg ist eine wunderbare Landschaft. Er beschreibt die Dörfer seiner Heimat mit ein paar modernen Bauten weniger, dafür stellt er eine Handvoll Häuser in traditionellem Baustil dazu. Vielleicht sogar eines als Bergrestaurant, beispielsweise auf dem Chäserrugg; das wär schön, nach der flotten Fahrt mit den Bergbahnen Toggenburg von einem prächtigen Berggasthaus empfangen zu werden. Den wohlgeformten Schafberg mit seinem schlangenförmigen Grat übernimmt er bewundernd, wie er ist, auch alle Churfirsten mit den seitlich geformten felsigen Sprungschanzen dürfen bleiben. Gerne möchte er Reformator Zwinglis Geburtshaus in Wildhaus ein wenig mehr Umschwung verschaffen; der Detailhandel in den Dörfern mit Metzgereien und Bäckereien, ab und an einer Käserei, floriert. Rund um die Siedlungen schmiegen sich Bächlein und Seen als Perlen des Tals an die Bergflanken, dazwischen wachsen wild und ursprünglich Hecken, Laub- und Nadelbäume. Die Menschen erkunden die Gegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln und mit viel Zeit und Musse. Auf den Speisekarten der Gasthäuser finden sich Nidelzune, Ribelmais und Chriesiprägel, die Gäste lassen es sich munden und kommen wieder. Zahlreiche sportliche und kulturelle Aktivitäten ergeben des Abends die richtige Bettschwere für einen tiefen, ruhigen Schlaf bei offenem Fenster. Walter Steiner selber würde oben auf dem Gulmen sitzen, seinem Berg, und die schöne Aussicht aufs Tal geniessen. Hinunter nach Wildhaus, dann nach Osten, Westen, Norden und Süden. Vielleicht würden seine Gedanken abschweifen zu frühen Kindheitstagen, als er hier oben mit seinem besten Freund und dem Schlafsack unter freiem Himmel sein Plätzchen gefunden hatte, von einem Ufo und Sternschnuppen in den Schlaf begleitet. Oder als das zeitige Aufstehen und der steile Aufstieg mit einem Riesenfrühstück und dem Sonnenaufgang auf dem Gipfel belohnt wurde. Hier oben ist das Verhältnis von Mensch und Natur in all seinen Facetten ersichtlich und bewegt zum Nachdenken und Philosophieren. Gulmen, Schafberg und die Churfirsten – sie sind heute noch der Inbegriff von Heimat für Walter Steiner. Selbst vom Küchentisch im schwedischen Falun aus errichtet sich ein ganzes Toggenburg-Relief, bestückt mit vielen

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liebevoll ausformulierten Details, wenn er berichtet. In Wildhaus wurde er 1951 geboren, dort ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen, lernte von seinen Eltern, die ein Sport- und Lebensmittelgeschäft führten, viel fürs Leben und konnte, nicht zuletzt dank seines Lehrers Edwin Baur, die grosse Naturverbundenheit entwickeln, die ihm bis heute eigen ist. Als Legastheniker, aber mit viel handwerklichem Geschick, absolvierte er später die Lehre zum Holzbildhauer. Schon als Knabe sei er ein Wirbelwind gewesen, der am liebsten durchs ganze Tal gesaust wäre, von Wildhaus bis nach Wattwil hinunter und wieder zurück. Fliegen und Geschwindigkeit, das waren bereits früh zwei wichtige Themen in Walter Steiners Leben. Er konnte kaum langsam laufen oder gar stillsitzen, davon zeugten auch zahlreiche Bremsspuren fremder Autos vor dem elterlichen Haus. Die langen Beine trugen ihn überall hin, in jungen Jahren lief er noch ohne Liftbillett den Hang hinauf um gleich wieder hinunterzufahren. Anfänglich als talentierter Nachwuchsskifahrer und bald eben auch als Schanzenspringer. «Beim hinteren Schwendisee stand die Trainingsschanze von Skisprunggrösse Niklaus Stump aus den 1930er Jahren, welche meine Kameraden und ich präparieren durften», berichtet er, «dann haben wir einen der erwachsenen Skispringer geholt. Elio, einer der Gebrüder Cecchinato, vermittelte uns entscheidendes Grundwissen und führte mich später zum ersten Sieg im Ausland». Erst 1977 wurden in Wildhaus zwei «richtige» Sprungschanzen samt der Möglichkeit zum Sommertraining errichtet. Steiner hingegen trainierte am Anfang seiner Karriere auf selbst gebauten Sprungschanzen und der Stumpschanze, was anscheinend genügte. Plötzlich ging es schnell: 1967 wurde er im Alter von sechzehn Jahren Ostschweizer Meister, bereits 1969 zählte er zur Weltspitze und sprang für das Schweizer Nationalkader. In den Jahren 1972 bis 1977 verzeichnete Walter Steiner seine grössten Erfolge. Trotz seiner schlaksigen Postur und den langen Beinen galt er als herausragendes Talent und wurde 1972 der erste Skiflugweltmeister überhaupt. Er war buchstäblich ein Überflieger, seine grösste Sorge während der Wettkämpfe war es denn auch paradoxerweise, dass er zu weit springen könnte. Mehrmals sprang er deutlich über den damaligen Weltrekord und über den so genannten kritischen Punkt, stürzte, und der ganze Durchgang musste mit kürzerem Anlauf für alle Teilnehmer wiederholt werden. Die Tragik, dass er tatsächlich fast schon zu gut war, um gewinnen zu können, war denn auch der Grund dafür, dass Regisseur Werner Herzog begann, sich für den jungen Schweizer zu interessieren. Im 44-minütigen Dokumentarfilm «Die grosse Ekstase des Bildschnitzers Steiner» stellt er den damals 23-jährigen «Vogelmenschen» als Helden der


An der Skiflugwoche 1974 in Planica (Slowenien) erzielte Walter Steiner mit 169 Metern einen neuen Weltrekord.


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Durch Zeit und Raum

«Meine grösste Sorge beim Skifliegen war damals tatsächlich, zu weit zu springen.»

Skisprungschanzen Skisprungschanzen werden in fünf verschiedene Grössenklassen eingeteilt: Kleinschanze und Mittlere Schanze für Nachwuchsspringer und Trainingszwecke, Normalschanze und Grossschanze für erfahrene Springer, auch Weltmeisterschaft und Olympische Spiele werden auf Grossschanzen ausgetragen. Flugschanzen stehen nur für Wettkampfzwecke zu Verfügung. Pro Jahr finden zwei bis vier Skiflugveranstaltungen statt und alle zwei Jahre werden Skiflugweltmeisterschaften durchgeführt. Im Sommer kann auf so genannten «Mattenschanzen» trainiert werden, hier wird der Aufsprungbereich mit Kunststoffmatten belegt, der Anlauf erfolgt über eine Keramik- oder Porzellanspur.

Lüfte dar, der sich nicht von seinen Sprüngen abbringen lässt, weder von falsch konstruierten Sprungschanzen noch von den daraus resultierenden ungültigen Ergebnissen oder fatalen Stürzen. «Der Film ist eine Wucht und Werner Herzog hat mich mit seinem Werk wohl über mein Leben hinaus verewigt», so Walter Steiner. Jedoch hatte er eigentlich gehofft, im Film noch etwas präziser erklären zu können, was damals genau das Problem, oder besser sein Anliegen war: nämlich die Profile der Aufsprunghänge aller Sprungschanzen zu ändern, damit sichere und reguläre Sprungkonkurrenzen durchgeführt werden können. Walter Steiner erklärt: «Ende der 1960er Jahre wollte man mit einer steileren Schanzenbauweise die Voraussetzungen für die Springer optimieren. Die Berechnungsgrundlage der Anlagen war aber eine Ausrüstung mit dicken Pullovern und flatternden Keilhosen. Unsere aerodynamischen Sprunganzüge, bessere Skis und die moderne dynamischere Sprungtechnik veränderten aber diese Voraussetzungen enorm.» Damit hatten die Schanzenarchitekten laut Steiner nicht gerechnet: «Der letzte Teil des Landehangs war ganz einfach zu steil konzipiert, steiler als der Winkel der Flugbahn bei einem guten Sprung oder bei Aufwind. Zudem ging die Landebahn direkt mit einem engen Radius in den flachen Bereich über. Dies war für mich als hochgewachsenen Springer mit guter Technik verhängnisvoll. Sprang ich zu weit, kam ich im Extremfall nur unweit vor dem horizontalen Bereich auf, statt hineingleiten zu können wie vorgesehen.» Walter Steiner erinnert sich: «Ich glaube, die konnten oder wollten damals nur Bahnhof verstehen, als ich versucht habe, meine Lösung zu erklären.» Es sollte noch zwanzig Jahre dauern, bis der Internationale Skiverband die nötigen Änderungen im Reglement verankerte und die Sprungschanzen angepasst wurden – grundsätzlich nach Steiners bestehenden Skizzen und Ideen. Schwerelos – im Traum Es ist ein schlanker, gesund aussehender Mann, der am Tisch sitzt. Er spricht Toggenburger Dialekt, ab und zu suchen schwedische Wörter seine Sätze auf. Das Gesicht ist etwas schmaler geworden und mit ein paar Falten bestückt, die Nase noch so markant wie damals. Die hellen Augen scheinen seinen Gedanken in alle Richtungen zu folgen, wie früher der Aussicht auf dem Gulmen. In seiner Wohnung in Falun mischen sich verschiedene Kulturen, schwedisches Mobiliar wird gekreuzt mit Schweizer Bildern und Gegenständen. Vor klassischem schwedischen Tapetenmuster hängen an Holzstangen drei grosse Kuhglocken so an der Wand, dass die Klöppel jederzeit geschlagen werden können. Walter Steiner fühlt sich offensichtlich wohl hier, die nordische Wildnis direkt vor seiner Haustür ist zur zweiten

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Durch Zeit und Raum

Heimat geworden, die ihn prägt. Nur die Churfirsten, die vergisst man nicht so schnell. Regelmässig zieht es ihn zu seinem Ursprung zurück. Wohl waren es die heimatlichen Aussichten, die Walter Steiner so viel vom Fliegen träumen liessen: «Als Kind schwebte ich immer wieder des Nächtens schwerelos um die Gipfel und Hochböden des oberen Toggenburgs, um den Schafberg und über den Talgrund. Es war ein immer wiederkehrendes Szenario, von dem ich dann auch tagsüber kaum losgekommen bin, so sehr hat mich dieser Gedanke fasziniert.» Walter Steiner weiss, dass die Fähigkeit, sich äusserst präzise und konzentriert mental an einen Ort und in eine Situation versetzen zu können, massgebend zu seinen Leistungen als Skispringer beigetragen hat. «Während meiner Arbeit als Holzbildhauer hatte ich viel Zeit zu springen, mir ein Traumschloss zu bauen, viel weiter und besser als ich es tatsächlich konnte. Ich vollendete im Kopf meine Bewegungen zu einer Idealvorstellung und konnte später im Training davon profitieren, wenn ich auch manchmal buchstäblich auf den harten Boden der Realität zurückgefallen bin.» Dann galt es, keine Angst aufkommen zu lassen, sondern der Situation mit Respekt zu begegnen und nicht aufzugeben. Auch während seiner Zeit als Elitesportler war mentales Training eine wichtige Trainingseinheit: «Zweifelt man, hat man bereits verloren. Auf dem Berg Gulmen nordöstlich von Wildhaus erdachte ich meinen mentalen Ort, die ganze Landschaft in meinem Kopf gruppierte sich um ihn und unzählige Male habe ich mich während Wettkämpfen dorthin zurückgezogen, um mich zu sammeln und zu stärken.» Bei seinen Besuchen in der Schweiz streift der 62-Jährige gerne ausgiebig durch die Toggenburger Landschaft. Ein Abstecher zu den Schwendiseen und Schwendi, wo sein Vater aufgewachsen ist, darf eigentlich nie fehlen. Auch Gamserrugg und Chäserrugg stehen oft auf dem Programm, besonders wenn Gäste begleitet werden wollen. Oder eine Tour auf den Schafberg, dorthin, wo die Flugkünste der Bergdohlen von oben betrachtet werden können. Walter Steiner schätzt die an vielen Orten noch intakte Natur und zieht sich in Schweden wie in der Schweiz gerne an entlegene Plätze zurück. Dann fühlt er sich in seine Kindheit zurückversetzt, als er bereits seine engere Heimat erforschte. «Als der Skulptur und Fotografie verbundener Naturmensch war es ein Privileg für mich, dort im oberen Toggenburg aufwachsen zu dürfen, mit solchen Kunstwerken von Bergen vor der Haustür, und ich wünsche mir nichts mehr, als dass dieses Paradies auch zukünftigen Generationen bewahrt werden kann», so Steiner. Das Gleiche wünscht er sich für die hiesigen Sprungschanzen: «Ich habe grosse Freude am Erfolg von Simon Ammann und hoffe, dass talentierte Schweizer

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Skispringer auch weiterhin ihre Heimat im Toggenburg haben werden.» Steiner hat seine ersten Skisprungskis in den frühen 1960er Jahren noch selber im elterlichen Sportgeschäft aus alten Holzskis gebaut und in Handarbeit Laufrillen in die Unterseite gehobelt um sie in Sprungskis zu verwandeln. Sein weitester Flug gelang ihm 1972 in Oberstdorf mit 179 Metern, er konnte den Sprung aber nicht stehen und so wurde dieser für ungültig erklärt. Inzwischen liegt der Weltrekord bereits bei 246,5 Metern. Vorsichtig formuliert Steiner: «Heute sind dank der Umformung und Verlängerung der Schanzenhänge viel weitere Sprünge möglich und es gibt auch weniger Stürze bei den Wettkämpfen, das erleichtert mich persönlich sehr. Ich vermute, die Springer heute können den Flug durch die Luft mehr geniessen als wir damals, da kitzelt es mich schon lustvoll in den Beinen, aber ohne den direkten Wunsch, wieder oben stehen zu wollen.» Heute, über dreissig Jahre nach Beendung seiner aktiven Karriere als Skispringer, brilliert Walter Steiner dafür nunmehr geerdet – als Spitzenlangläufer seiner Alterskategorie. Mitte Februar 2013 wurde er Senioren-Weltmeister in klassischer Technik. ● Flurina Gradin ist transhelvetische Autorin und hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt, nebst Walter Steiner in Falun auch ihre Verwandschaft in Nordschweden zu besuchen.

Ausflugstipp Wanderung Auf Walter Steiners Spuren empfiehlt sich als kleine Tour entweder der Panoramaweg Steinwald ab Gamplüt oder der Weg von Iltios über die Schwendiseen nach Oberdorf. Die weiteste Aussicht über die gesamte Region des oberen Toggenburg erhält man hingegen vom Chäserrugg und dem Panoramarundweg über den Rosenboden. Chäserrugg, Iltios, Alp Sellamatt, Oberdorf und Gamplüt sind Bergbahnstationen. bergbahnentoggenburg.ch Essen und Trinken Restaurant Chäserrugg. Gutbürgerliche Küche mit regionalen Produkten. Kombi-Angebote mit Bahntickets erhältlich. bergbahnentoggenburg.ch Restaurant Stump’s Alpenrose, am Schwendisee, Wildhaus. Traditionelle Toggenburger Küche und diverse Pauschalangebote. stumps-alpenrose.ch Restaurant Gade, Unterwasser. Saisongerechte Mahlzeiten und hausgemachte Dessert-Spezialitäten. gade.ch Weitere Berggasthäuser befinden sich unmittelbar bei den Bergstationen der Bergbahnen.


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Rote Seite

Zwischen Wahrheitsberg und Zufallsliteratur

Text  Thomas Wyss

Als utopischer Schweizer Kraftort schlechthin gilt der Monte Verità ob Ascona (S. 10). Es muss eine wunderbare Zeit gewesen sein – auf wenigen Quadratkilometern zelebrierter Tiefsinn und ausgelebter Nonsense; eine Utopie, die aus heutiger Sicht wahrhaftig utopisch anmutet. Umso mehr, als wir’s in der Schweiz ja angeblich nicht so wirklich mit übersteigerten Fiktionen und grenzenlosen Visionen haben, wie hüben wie drüben behauptet wird. Wenn’s um die Wunschträume als mehr oder weniger exakte geografische Angaben geht, haben die Nörgler wohl recht: Utopia existiert unter anderem in Texas, Illinois, New York, Australien und gar auf dem Roten Planeten (dort als markiertes Fleckchen Erde – pardon: natürlich Mars – namens «Utopia Planitia»), aber nicht in Helvetien. Richtet man den Blick jedoch wieder Richtung Alpen, lassen sich etliche Beispiele für Utopien und Utopisten mit Schweizer Nährboden oder Ursprung entdecken. Ein ziemlich nachdenklich stimmendes Exempel ist Stefan Haupts Film «Utopia Blues» aus dem Jahr 2000 – die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte eines jungen Musikers, der sich den gesellschaftlichen Spielund Verhaltensregeln auf teils radikale Weise entzieht oder widersetzt und deshalb eines Tages als psychisch krank eingestuft wird. Fündig wird man aber auch abseits der Kunst – unter anderem beim bekannten und wirtschaftsnahen Thinktank Avenir Suisse, dessen Mitarbeiter in regelmässigen Abständen ökonomische Zukunftsszenarien oder -strategien publik machen, die zwar an der Realität geschult, bisweilen dennoch von einem utopischen Geist beseelt sind. Weniger um pekuniäre, sondern um nachhaltigökologische Wunschvorstellungen dreht sich die Arbeit (und Denkhaltung!) des Gottlieb Duttweiler Instituts in Rüschlikon; das GDI ist ein Zukunftsforschungslabor, das ganz im (gutmenschlichen) Zeichen des MigrosGründers und Pioniers Gottlieb Duttweiler steht. Eine Art importierte Utopie-Fabrik ist TerraCycle. Das Unternehmen, 2001 vom Princeton-Studenten Tom Szaky ins Leben gerufen, hat sich der Idee einer «abfalllosen

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Welt» verschrieben. Dazu werden seit 2011 auch in der Schweiz auf freiwilliger Basis (zum Beispiel in Schulen) Abfälle gesammelt. Und zwar solche, die bislang in der Praxis als nicht recyclebar galten – unter anderem leere Filzstifte, Pommes-Chips-Tüten, Plastikbecher, Kaffeekapseln, Handys, Windeln, Schuhe ... und sogar Zigarettenstummel. Das gesammelte Material landet dann im Schweizer Depot von TerraCycle, unweit von Zürich, von wo es in lokale Recycling-Stationen verfrachtet und verarbeitet wird. Aus den gewonnen Stoffen lassen sich Behälter oder Sitze herstellen. Der utopische Clou an der Sache ist, dass die Kosten, die beim Recycling entstehen, von grossen, teils gar multinational tätigen Firmen getragen werden, die TerraCycle für das Projekt gewinnen konnte. Wenn bespielsweise pro eingesammeltem Filzstift zwei Rappen verrechnet werden, wird dieser Betrag von den Firmen für ökologische Zwecke oder an gemeinnützige Stiftungen überwiesen. Für die Unternehmen ist das nicht nur eine Image-fördernde Massnahme, sie werden auch dafür sensibilisiert, bei der Herstellung ihrer Güter eine möglichst geringe Abfallmenge zu produzieren. Zum Abschluss aber nochmals zu einem klassischen Utopisten mit Schweizer Wurzeln namens Brion Gysin (1916 – 1981): Der smarte Mann hat nicht nur die «Dreamachine» (das einzige Kunstwerk, das man mit geschlossenen Augen betrachtet ... und dabei in einen TranceZustand geraten soll), sondern auch die grandiose «Cut Up»-Technik erfunden. Bei diesem Verfahren werden willkürlich bestehende Texte aus Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern geschnitten – und im Zufallsprinzip neu zusammengesetzt. Beat-Poet William S. Burroughs, ein Kumpel von Gysin, hat diese meist in schräge Utopien mündende Literaturform zur Meisterschaft gebracht. ● Thomas Wyss ist «Tages-Anzeiger»-Redaktor im Ressort Kultur und Gesellschaft und Buchautor. Sein neustes Buch heisst «Das um ein Haar geköpfte Matterhorn – und ca. 17 weitere, neu entdeckte und mehrheitlich erschütternde Geheimnisse rund um die Schweiz». Es ist im November 2012 im Faro Verlag erschienen. fona.ch/faro


Theäterle isch dänk scho ächt Das Ökodorf in Degersheim lädt zu Traumwelten

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Theäterlä isch dänk scho ächt In der Gemeinschaft «Sennrüti» haben rund 30 Erwachsene und ebenso viele Kinder einem ehemaligen Kurhaus neues Leben eingehaucht. Eine von ihnen ist die elfjährige Anouk, die in dieser Idylle zwischen Säntis und Bodensee immer wieder neue Welten inszeniert. Text Oliva Gähwiler, Bild Per Kasch

«Gsesch de Säntis?» fragt die sieben Jahre alte Léa und zeigt fachkundig mit dem Zeigefinger am grossen Tipi vorbei auf einen Bergspitz in der Ferne. Das oberhalb von Degersheim gelegene Ökodorf «Sennrüti» bietet einen beeindruckenden Panoramablick. Léa schaut nur kurz gedankenversunken zu den Bergen, springt dann schon wieder auf. Das Werken der elfährigen Anouk hat ihr Interesse geweckt. Neben Léa leben noch 30 weitere Kinder und 30 Erwachsene in der Gemeinschaft «Sennrüti». Das einst als Erholungsort für Stickereiarbeiter dienende Kurhaus wurde 2009 gekauft und wird seither von der Genossenschaft umgebaut. Jede Familie oder jede Einzelperson besitzt zwar ihre eigene Wohnung mit eigener Küche und Bad – vom Einzelzimmer bis zur zweistöckigen Familienwohnung ist im Kurhaus alles vorhanden –, dennoch wird das Zusammenleben mit besonderer Sorgfalt kultiviert. Jeden Mittag wird in der «Sennrüti» gemeinsam zu Mittag gegessen. Anmeldung genügt und schon darf sich Gross und Klein an den gemeinsamen Tisch setzen. Einmal die

«Ich spiele gern e Fee, wel die cha flüge und uf Zauberponys riite zumene Wulcheschloss zum Bischpiel.» Jael, 5

«S’ Theaterstuck fad no lang nid a. Zerscht muess mer üebe, üebe, üebe.» Anouk, 11

Woche setzen sich die Erwachsenen zusammen, um ihr Zusammenleben zu reflektieren, dieses fein austarierte Netz zwischen Distanz und Nähe. Und an einem Samstag im Monat wird im Kollektiv gemalt, gehämmert und gegärtnert: ein Hegen und Pflegen für das Gemeinwohl. Wir befinden uns auf der grossen Wiese vor dem Kurhaus, die in den warmen Monaten das eigentliche Herzstück des Ökodorfes ist. Da wird Holz für das Grillfeuer am Abend gesammelt, dort wird leise auf der Gitarre Melodien gezupft, weiter drüben hangeln Buben in den Baumkronen. Die jüngeren Kinder gehen unten im Dorf zur Schule, die meisten Erwachsenen arbeiten irgendwo in der näheren oder weiteren Umgebung. Wer hier eine autarke, abgeschottete Lebensgemeinschaft erwartet, wird enttäuscht. So widerspiegelt auch Anouks Idee für ein Freiluft-Theater, das sie heute Nachmittag auf die Beine stellen will, so gar nicht die Idylle auf dem Land, sondern geht direkt zur Sache: ein Handtaschenraub in der Disco, Lösegeldforderung inklusive. Das Mädchen steht mitten in der Wiese und versucht violette Batiktücher an Äste zu binden. Der Vorhang fürs Theater. Interessierte Schauspieler findet Anouk schnell: Léa spielt die Hauptrolle. Loan übernimmt als Zweitältester der Gruppe die Regie-Assistenz. Jael und Eleonora haben sich Statisten-Rollen ergattern können und zeichnen mit viel Elan die Eintrittskarten für die Erwachsenen – für die Kinder ist es «dänk gratis». Der vierjährige Levi beobachtet die ganze Szenerie mit einem kritischen Blick. Bald langweilt ihn das Ganze und er kehrt erst wieder zur Premiere zurück, als Popcorn verteilt wird.

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Theäterlä isch dänk scho ächt

Die Requisiten werden an diesem Frühlingsnachmittag fortlaufend gesucht, ersetzt, erfunden. Und so verwandelt die bunt zusammengewürfelte Theatergruppe einen grossen, abgebrochenen Baumzweig in einen Wald, den Liegestuhl in ein Bett und das schwarze Jackett wird zum Räuber-Kostüm. In der Verkleidungskiste wird gewühlt, Rollen werden während dem Proben getauscht, Mitwirkende springen plötzlich ab, neue Kinder kommen dazu und «Vorhangzieher», Popcorn-Verkäufer und Billet-Kontrolleure werden kurz vor der Premiere spontan bestimmt. Endlich geht der violette Vorhang auf. Kinder, Eltern und Freunde sitzen wie gebannt vor dem improvisierten Theatervorhang. Die gemalten Eintrittskarten werden bestaunt und dann unter lauten ProtestRufen der Eltern von der Billet-Kontrolleurin zerrissen. Sonst sieht man ja nicht, wer den Eintritt schon bezahlt hat. Das Theater beginnt. Das Publikum geht mit, lacht oder diskutiert untereinander Verständnisprobleme. Die Schauspieler sprechen ganz leise – so sehr sind sie in ihre Rollen vertieft. Kaum fällt der Vorhang nach der letzten Szene, bricht Applaus aus. Während Eltern noch laut «Zugabe!» in Richtung Bühne schmettern, haben sich die Kinder schon längstens um die Popcorn-Schüssel geschart und lecken genüsslich das Salz von ihren Fingern. ●

«Ich tuä nur Musig mache. Tanze tuän ich sicher nid.» Loan, 9

Oliva Gähwiler ist transhelvetische Autorin. Per Kasch ist freier Fotograf. Er arbeitet in Zürich und Hamburg. perkasch.de

«Ich ha sicher nid Angscht vorem Räuber. Nur die ganz Chliine verschrecket vilicht.» Eleonora, 5½

Sennrüti Sei es an Besuchs- und Aktionstagen, an Sing- oder Yoga-Workshops oder als Gasthelfer; das Ökodorf «Sennrüti» kann das ganze Jahr über auf verschiedenste Arten kennengelernt werden. Mehr Infos unter: oekodorf.ch

Ausflugstipp Kultur Oliver Lüttin ist ein umtriebiger Zeitgenosse: In seiner Klangarena in Degersheim baut er nicht nur Musikinstrumente und Klangskulpturen aus alten Baumstämmen, sondern bietet auch Musik-Workshops an. oliverluettin.ch Wandern Von Degersheim führt eine leichte Wanderroute über die Landscheide nach Schwellbrunn, der höchsten Gemeinde des Kantons St. Gallen. Ausblick auf Bodensee und Säntis sind hier garantiert. Dauer: gut 2h, aufwärts: 320 hm, abwärts 110 hm. degersheim.ch

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Gedankengang

Ins Leere Raumschiff-Landung im Valle di Lei – gesichtet von Franz Hohler


Gedankengang

Text & Bild Franz Hohler

Der Anblick ist erwartet und doch bestürzend.Als wir den Damm des Stausees im Valle di Lei betreten, liegt dahinter nicht der See, sondern eine Schlammwüste, an deren Grund sich ein Bergbach dahinschlängelt. Vor gut 50 Jahren war der Bau der Mauer vollendet worden, und man konnte mit dem Stauen und mit der Verwandlung von Wasser in Strom beginnen. Nun mussten die Ablaufvorrichtungen am Grunde der Mauer zum ersten Mal überholt werden, wozu man den ganzen See auslaufen liess. Wir gehen auf der Uferstrasse talaufwärts und blicken in die Tiefe, wo alle Hütten und Weiden, die vor einem halben Jahrhundert ertranken, als graue Gespenster vor sich her dämmern. Grundrisse von Ställen sind zu sehen, aus Steinen gebaute Pferche für das Vieh, grossflächige Rechtecke, lange Trennmauern zwischen dem, was einst Alpwiesen waren, sie sind zu einer nutzlosen Geometrie erstarrt. Im Sommer erstreckt sich der See wie ein Fjord von einem unwahrscheinlichen Blau gegen den Pizzo Stella. Heute, an einem der letzten Apriltage, ist es bewölkt, der Berg hat sich verhüllt, auf der Strasse liegen noch Schneeresten, von Zeit zu Zeit geht ein Regenschauer nieder, dann geistert wieder ein Sonnenfleck über den Talgrund.

Etwa bei der Hälfte des verschwundenen Sees steigen wir ab, der Boden wird nun halb sandig, halb schlammig, wir hinterlassen Fussspuren, eine Expedition in die Vergangenheit. Nach einer Weile bleiben wir vor einem Steinhaufen stehen, der einmal eine kleine Kirche war, der Heiligen Anna gewidmet. Die Bauleitung hatte seinerzeit verfügt, dass die Kirche abgebrochen werden sollte, weil man nicht wollte, dass sie bei niederem Wasserstand wieder auftauchen könnte, doch die Arbeiter, fast alle aus dem katholischen Italien, hatten sich geweigert, ein Heiligtum zu zerstören. Welches gottlose Kommando den Befehl schliesslich doch ausführte, ist nicht bekannt, aber noch ist zu erkennen, dass das Mauerwerk durch das Dynamit seitlich umgekippt ist. Ein wunderschöner, verschiedenfarbig geäderter Marmorstein hat vielleicht einmal zum Altar gehört. Er liegt wie ein Trost zwischen den andern Steinen – sie alle hat das gleiche Schicksal ereilt. Wir gehen ins Tal hinunter, kommen an einer Hütte vorbei, vor der ein Wasserrad in den Trümmern eingeklemmt ist, an eingefallenen Häusern, deren Türöffnungen stehen blieben, sogar zwei oder drei Dächer konnten dem Druck des Wassers standhalten; vorsichtig betreten wir eine Hütte, in der noch Gerätschaften an Nägeln hängen und Schürhaken für längst erloschene Feuerstellen an der Wand lehnen. Fast fürchtet man, es könnte auf einmal einer heraustreten und nach den Kühen rufen, mit dem Wohlklang in der Stimme, der auch in den alten Flurnamen mitschwingt, Alpe Rebella, Ganda Nera, Scengio, Palù. Aber es tritt keiner heraus, die Ruinen liegen am Abhang wie gestrandete Boote von Schiffbrüchigen, die sich vor den Fluten retten konnten. Der gewölbte Staudamm, dem wir uns langsam nähern, steckt zwischen den Felswänden, als sei ein gewaltiges Raumschiff punktgenau im Tal gelandet und habe Tod und Verwüstung mit sich gebracht. Doch schon nächste Woche, wenn die neuen Kugelschieber für die kommenden fünfzig Jahre bereit sind, soll das Wasser wieder einlaufen und die Turbinen zum Rotieren bringen, damit unsere Eisenbahnen fahren, unsere Geschirrspülmaschinen brummen, unsere Computer summen und unsere Strassen und Häuser nachts erleuchtet sind. ● Franz Hohler ist Schriftsteller und Wanderer. Im Herbst erscheint sein neues Buch «Gleis 4» im Luchterhand Verlag. franzhohler.ch

Ausflugstipp Hören Am 3.8. eröffnet Franz Hohler mit «Landschaft lesen» das Kulturfestival «Hexperimente» in Avers-Cresta. hexperimente.ch Entdecken Die Kraftwerke Hinterrhein bieten im Juli und Aug. Besichtigungen der Staumauer Valle di Lei an. Dauer ca 1½ – 2 h. Anmeldung bei Gästeinformation Viamala, T. 81 650 90 30. viamala.ch

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Alternatives Reisen

Aesch (ZH): ein Dorfplatz wie aus dem Bilderbuch

Experiment Dorfplatz Text & Bild  Flurina Gradin

Während zwei Wochen sitzen die beiden Künstler Vincent Hofmann und Hansueli Nägeli täglich auf einem Dorfplatz. Sie sorgen dabei für viel Aufmerksamkeit, geben sich aber nicht zu erkennen. Lieber erzählen sie Räubergeschichten und lassen die Rollen auf sich wirken, die die Dorfbewohner ihnen zuschreiben. Danach verschwinden sie ungesehen. Was wie die Einleitung zu einem Theaterstück klingt, hat tatsächlich stattgefunden, und zwar in Aesch (ZH). Das Dorf zählt rund 1150 Einwohner und liegt südwestlich des Üetlibergs an erhöhter Lage zwischen Reppischund Reusstal. Viele Pendler leben in Aesch, der ländliche Charakter ist aber immer noch klar erhalten geblieben; man sagt sich Grüezi auf der Strasse. Auswärtige kennen solche Dörfer vielleicht vom Vorbeiradeln, sie stoppen, holen sich ein Cornet am Bahnhofskiosk oder suchen den Volg nach lokalen Spezialitäten ab, meistens Käse. An besonders schönen Sommertagen, nach der Wanderung, bestellen sie einen Kafi Crème. Gerne mit der Postautohaltestelle im Blickfeld, damit sie die stündliche Verbindung nicht verpassen, mit ein paar Eiern vom Hofladen und einem Glas Honig als Souvenir im Rucksack. Als Akteure mögen auftreten: der Beizer, der Pöstler, die Kassiererin im Volg, die Polizistin, die Jugendlichen da und dort, die Frau auf der Bank, der Radfahrer, die Wandertruppe. Besucher oder Bewohner, Alteingesessene und Zugezogene aller Altersgruppen. Doch was passiert,

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wenn man in keines dieser Profile so recht passen möchte? Vincent Hofmann und Hansueli Nägeli richten sich also auf dem Dorfplatz Aesch ein. Am nächsten Morgen kommt bereits die Polizei und untersucht Ausweise und Portemonnaies. Nein, keine strafbaren Handlungen, aber ja, viele Anrufe auf dem Posten. Was denn die beiden wohl im Schilde führen. Nur «Es gefällt uns hier»? Äusserst suspekt. Nach wenigen Tagen sind die zwei jungen Männer das Thema Nummer eins im Dorf, spalten die Bewohner in zwei Lager, pro und contra Dorfplatzfremdlinge. Statt die zwei nur auszuhorchen, geben die Aeschemer immer mehr eigene Geschichten preis, finden in den beiden Fremden dankbare Zuhörer auf der Bank und trinken trotz aller Vorbehalte gerne ein Glas spendierten Most. Kein Wunder, wissen die beiden bald mehr, als man Fremden zutrauen würde und können immer wieder Trümpfe ausspielen. Bald gehören an die dreissig neue Bekanntschaften zur Kontaktliste. Jeden Abend wird der Platz sorgfältig gewischt und ein Nachtquartier ausserhalb des Dorfes aufgesucht, nur der Becher mit den Zahnbürsten unter der Bank erinnert an die Gäste, und selbst dieses dezente Symbol provoziert. Sind alle erleichtert als die beiden eines Tages wieder verschwunden sind? Eines Tages, bereits sind einige Sommer ins Land gezogen, nehmen wir uns nun als neugierige Besucher diesen schönen Dorfplatz vor, mit Schatten spendender Linde samt Rundbank und einem fröhlich plätschernden Brunnen davor. Rundherum gruppiert in loser Folge:


Alternatives Reisen Gemeindehaus, Post und Bibliothek; ein paar Wohnhäuser mit Balkon zum Platz und der Volg um die Ecke können nicht schaden. Sonniges Wetter ergibt eindeutig bessere Voraussetzungen. Wir entsteigen also in den mittleren Nachmittagsstunden dem Postauto, laufen zielstrebig zur Bank hin und richten uns gemütlich ein. Je kürzer der Aufenthalt geplant ist, desto mehr lohnt sich ein gewisses proaktives Auftreten. Wir gehen also zwischendurch zum Volg, kaufen eine Aktionspackung Kägifret und kommen so ungezwungen mit der Kassiererin ins Gespräch. Ob sie sich denn noch an die beiden erinnern kann? Während die Frau den Kopf schüttelt, «ich bin nicht von hier», wird die Kundin bei der Gemüseabteilung hellhörig und hinter einem in der Schlange ruft es schon hilfsbereit: «Frau Müller da drüben ist doch aus dem Dorf, vielleicht kann sie weiterhelfen», und bereits sind wir mitten in ein Gespräch verwickelt. «Die haben doch immer im Brunnen gebadet» und «Der Herr Meier, der weiss sicher mehr, der war damals oft mit den beiden beschäftigt». Die Frau mit der Gurke in der Hand ergänzt: «Er wohnt im Haus mit der neuen Fassade, vorne die Strasse hoch rechts, klopfen Sie doch da an die Tür». Und die Beiz? «Nein, leider, das Restaurant «Landhaus» ist seit Kurzem geschlossen, die Besitzer haben aufgehört…». Herr Meier ist noch nicht zuhause, dafür offeriert seine Tochter ein Getränk und bald sitzen wir auf dem schönen Kiesplatz hinter dem Haus und plaudern über Hausaufgaben und Grossmütter. Auch sie kann sich noch an die

zwei Männer erinnern, hat aber immer einen extraweiten Bogen um den Dorfplatz gemacht. Also weiter zum Hofladen der Familie Suter. Hier möchte sich niemand so recht äussern, dafür gibt’s ein Glas Zwetschgenkonfitüre 2012 mit auf den Weg. So ist das also. Zurück auf der inzwischen bereits vertrauten Bank beim Dorfplatz ist die Bilanz nach nur wenigen Stunden Aesch nicht schlecht, elf Personen stehen auf der Liste, nein halt, zwölf, eine alte Frau auf dem Weg zum Postauto gesellt sich dazu, «ja, es ist sehr schön hier», sagt sie. Der Nachmittag ist wie im Flug vergangen und tatsächlich kitzelt es einem in den Fingern, ob wohl auch andere Dorfplätze so schöne Dorfgeschichten präsentieren und auf ihre Entdeckung warten? Nur Mut und Geduld. ● Flurina Gradin ist transhelvetische Redaktorin.

Ausflugstipps Entdecken Aesch (ZH) ist ab Zürich mit dem Postauto halbstündlich erreichbar, der Dorfplatz befindet sich direkt hinter der Postautohaltestelle. Verpflegen kann man sich vor Ort über den Volg oder einen der beiden privaten Hofläden. sutershofmaert.ch, stalderhof.ch Ansehen Nägeli und Hofmann reinszenierten ihre gesammelten Gespräche und Erlebnisse in einer Serie von sechs Filmen unter dem Titel «Offni Szene». youtube.com/baffundschub


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Ich wollte lediglich im Internet eine Telefonnummer suchen. Da hat mich die Welle erfasst. Ich bin ja beileibe kein Surfer, nie gewesen. Aber am Rand von der Telefonsuchmaske hat, so erinnere ich mich vage, etwas ganz intensiv geblinkt und das muss meine Maus wohl abgelenkt haben und da hat sie wohl draufgeklickt. Und die Welle trug mich hinfort. Zuerst kam ich auf ein Last-Minute-Angebot für Familienferien in der Türkei. Dort hat dann wieder etwas geblinkt und gewackelt am Rand und ich landete beim Wettbewerb eines neuen Softdrinks. Die Preise blinkten und zuckten, und meine Maus hat auch wieder gezuckt und schon war ich mitten in einem Hifi-System drin, ein House-Beat zuckte, meine Maus zuckte mit und weiter gings zu irgendeiner halbnackten amerikanischen Sängerin, von dort flugs und ich weiss bis heute nicht, wieso, zu einer Schweizer Krankenkasse, dann zu einem neuen Auto, von dort zu einer österreichischen Skifahrerin, weiter zu einem Schweizer Tennisspieler, von dort zu einer Kaffeemaschine, von der Kaffeemaschine zu einem gut aussehenden Schauspieler und immer weiter, meine Maus hörte nicht mehr auf zu zucken, immer rasanter wurde die Welle, immer grösser und schneller, überall blinkte und flimmerte und drehte sich alles und wie ein Strudel zog es mich hinein, erst die Augen, dann die Hände, dann die Arme, den Kopf und den ganzen Rest, und zum Glück erinnerte ich mich in diesem Augenblick an einen Kurs im Rettungsschwimmen. In einem Strudel muss man sich passiv verhalten, sich hinabziehen lassen, bis man auf Grund trifft, dort dem Strudel

Text Ralf Schlatter, Bild Nico Schaerer

entweichen und sich nach oben abstossen. Genau das tat ich. Und was sah ich, als ich den Kopf wieder über Wasser hatte? Eine blonde Surferin schoss, einer grinsenden Sirene gleich, geradewegs auf mich zu. Real oder digital? Zum Herausfinden blieb mir wenig Zeit, die Surferin raste mir auf der perfekten Welle ungebremst entgegen. Ich strampelte mit den Füssen und schaute mich um. Ich war in einem See. Der See schien lang und schmal zu sein. Links und rechts steile Berghänge. Links sah ich auf dem Streifen zwischen Hang und See eine Zuglinie und eine Autobahn. Von einer Lastwagenblache herunter lachte der Schweizer Tennisspieler, und ich wollte mit der Maus auf sein Gesicht klicken. Darüber vergass ich, mit den Beinen zu strampeln und ging beinahe unter. Ich schnappte nach Luft und drehte mich nach rechts. Weit oben mächtige Berge, wie riesige einzelne Zähne standen sie vor dem blauen Himmel. Einem eigenartigen Instinkt folgend begann ich sie zu zählen. Bei fünf schwoll das Rauschen der Welle zu einem Tosen an, bei sechs legte sich der Schatten der Surferin über meine Augen, bei sieben hörte ich auf zu zählen, denn es waren nur sieben Bergspitzen. Dann erfasste mich das Brett. Als Letztes sah ich auf dem Bildschirm mich selber, auf dieser abgefilmten Landkarte, wie ich triefend aus dem See stapfte. Hinter mir ein Ortsschild. Warum war das Dorf nach einem Fünf-Ton-Sprung benannt, wo es doch sieben Berge sind? Dann ging ein Fenster auf: «Safari wurde unerwartet beendet. Wollen Sie einen Bericht senden?» Ich klickte auf «Ausschalten …». Wieder ein Fenster: «Wenn Sie keine Auswahl treffen,

Wo surft die Sirene?

Die richtige Lösung von «Wo zum Teufel» in # 16 war «Faulhorn». Herzlichen Glückwunsch dem Gewinner Ueli Fischer aus Emmenbrücke.

Wer weiss, wo Ralf Schlatter der surfenden Sirene begegnet ist, schreibt die Lösung an wozumteufel@transhelvetica.ch und gewinnt mit etwas Glück zwei Freikarten für «Schönmatt», das neue Kabarettprogramm von schön&gut.

Gewinnspiel

Nico Schaerer ist Fotograf. Seine Bilder sind auch online erhältlich. printedition.ch, nicoschaerer.com

Ralf Schlatter ist freier Autor und Kabarettist. ralfschlatter.ch, schoenundgut.ch

wird der Computer in 59 Sekunden automatisch ausgeschaltet.» Der Countdown lief. Ich liess die Hände sinken und schloss die Augen. ●

Wo zum Teufel


Wo zum Teufel

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2010

Transhelvetica

Genesis der Schweiz

# 17 Bischofskult in Chur Text Marius Kindlimann, Illustration CinCin

520 507

# 17 Bischofskult in Chur # 16 Intrigen rund um Genf

401

# 15 Zurzachs bekanntester Badegast

303 295 275

# 14 Martyrium des Heiligen Mauritius # 13 Grosse römische Mauer # 12 Via Romana

200

# 11 Aventicum

150

# 10 Augusta Raurica

50  20  0

# 8 Legio Patria Nostra # 9 Dolce Vita

50 v. Chr. 

# 7 Götterdämmerung

150 v. Chr. 

# 6 Konservierte Kelten

Chur gilt als älteste Stadt auf dem Gebiet der heutigen Schweiz, wenn sie auch in römischer Zeit nicht vergleichbar war mit einer grossen Stadt wie Augusta Raurica (#10) oder Aventicum (#11). Dennoch brachte die Lage am nördlichen Ausgangspunkt des wichtigsten antiken Alpenüberganges, dem Septimerpass, einigen Wohlstand. Erst in der Spätantike erhielt Curia eine grössere Bedeutung, als es, vermutlich schon im 4. Jahrhundert, zum Sitz eines Bischofs und Hauptort der Provinz Raetia prima wurde. Asinio ist der erste Bischof, dessen Name belegt ist. Sonst aber wissen wir von ihm nur, dass er beim Verfassen eines Briefs im Jahr 451 nicht anwesend war und deshalb der Bischof von Como für ihn unterzeichnete. Nachdem die römische Armee abgezogen war und die «Kriminaltouristen» aus dem Norden vermehrt das Rheintal hinaufzogen, wurde die Siedlung vom linken Ufer der Plessur auf das Kastell verlegt, das wohl schon um 300 gebaut worden war (#13). An diesem Ort residierte auch der Bischof. Die Bedeutung der Siedlung kann man daran ablesen, dass am Ostrand inmitten des Friedhofs eine Grabkirche für die Bischöfe gebaut wurde. Diese wurde nach dem Geschmack der Zeit ausgemalt und mit Reliquien des ersten christlichen Märtyrers Stephanus ausgestattet. Die Kirche wurde in den Hang hineingebaut. Unter dem Fussboden, in unmittelbarer Nähe der Gebeine des Heiligen Stephanus, waren die Gräber für die Bischöfe platziert. Über den Reliquien befand sich in der Wand eine Nische, in der man die Eucharistie zelebrieren konnte. Das Innere war mit Fresken ausgeschmückt, die einen Paradiesgarten darstellten, in dem die zwölf Apostel schritten, in deren Nachfolge sich der Bischof sah. Der Bischof von Chur herrschte über ein Gebiet, das als Raetia prima Teil der römischen Provinzeinteilung gewesen war und neben dem heutigen Graubünden auch das Vintschgau, Vorarlberg und das Sarganserland umfasste. 476 wurde der letzte römische Kaiser abgesetzt und 493 übernahm der Gotenkönig Theoderich die Macht in Italien. Theoderich setzte alles daran, das weströmische Reich, als dessen Machthaber er sich verstand, wiederzubeleben. Dazu versuchte er die anderen Erben des Reichs, wie zum Beispiel die Burgunder (#16), in die Herrschaft zu integrieren. In Rätien liess er Alemannen ansiedeln, die vor den Franken geflohen waren. Auch soll er eine Stadt namens Theodoricopolis gegründet haben; ob es sich dabei um eine Neugründung von Chur handelt, ist aber in der Forschung umstritten. Nach dem Tod Theoderichs (526) kehrt man wohl zum alten Namen zurück und Chur sowie die romanische Bevölkerung dieser Gegend (die Räto-Romanen) konnten den Namen ihrer Stadt bis in die heutige Zeit bewahren. ● Marius Kindlimann ist Historiker, Mittelschullehrer und Stadtrundgänger. In dieser Rubrik führt er chronologisch durch die Schweizer Geschichte. zueritour.ch

Ausflugstipp 500 v. Chr.

1 500 v. Chr.  4 000 v. Chr. 12 000 v. Chr.

# 5 Die Tapferen

# 4 Stechen, schlagen, schneiden # 3 Die Schweizer tauchen auf # 2 Wollnashorn und Mammut

Kultur Die Grabkirche St. Stephan am Hang des Mittenbergs in Chur war seit dem 16. Jh. in Vergessenheit geraten und wurde 1955 wiederentdeckt und ausgegraben. Seit der Renovation der Kantonsschule 2010 können die Überreste der Kirche, die unter dem Pausenplatz der Kantonsschule entdeckt wurden, in einem kleinen Museum bewundert werden. Öffentliche Führungen finden an ausgewählten Sonntagen statt. Weitere Infos: churtourismus.ch

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Es war einmal

Der Schweinehirt von Twann Text Andrea Hofman, Illustration CinCin

Fruchtbares Land erstreckt sich bis an den glitzernden Bielersee. Die Weintrauben für die Herrschaften von Bern ranken sich hoch an den Sonnenhängen der ersten Jurakette und füllen sich mit süssen Säften. Dort, oberhalb von Twann, weitab vom Geschehen im Flachland, muss er gesessen haben, der Schweinehirt im folgenden Märchen:

V Überarbeitete Version aus Otto Sutermeisters «Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz», 1873 (ursprünglich erschienen im Almanach «Alpenrosen», 1824). Andrea Hofman ist Märchenerzählerin und lebt in Stettlen. Sie ist überzeugt davon, dass Märchen keineswegs nur versponnene Utopien sind, denn ihre Spuren finden sich überall.

Schweizer Märchenschatz Das Märchen «Der Schweinehirt» ist Teil der Online-Datenbank «Schweizer Märchenschatz». Mit diesem Projekt unterstützt die Mutabor Märchenstiftung den Erhalt der Schweizer Märchen- und Erzählkultur. Es steht unter dem Patronat der Schweizerischen UNESCO-Kommission. schweizermaerchenschatz.ch

Ausflugstipp Wandern Von Twann nach Ligerz führt ein RebLehrpfad, der unmittelbar nach der Brücke über der Twannbachschlucht beginnt und bis zum Rebbaumuseum Hof in Ligerz führt. Der Hof wurde gegen 1555 durch Rudolf von Ligerz auf einst fürstbischöflichem Gebiet erbaut und steht heute auf dem Gemeindegebiet von La Neuveville. rebbaumuseum.ch

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or hundert Jahren sass ein Schweinehirt am Felde. Er hatte Hunger und weil er sah, wie die Pflüger üppig zu Mittag assen, wünschte er sich, auch ein Bauer zu sein. Plötzlich veränderte sich die Umgebung und er stand als Bauer auf seinem grossen Hof. Gerade ritt ein Kornhändler heran und drückte höhnisch den Preis der Ernte um die Hälfte. Da wünschte sich der Bauer, doch ein Kornhändler zu sein. Kaum gedacht, schon sass er vor seinem eigenen Kornmagazin. Aber es war Krieg im Land und ein Oberst ritt herbei und gab Befehl, das Korn fortzutragen. Da wünschte sich der Kornhändler, ein Oberst zu sein. Als Oberst stand er nun vor dem Kriegsgericht und wurde von einem Minister zu lebenslänglicher Haft verurteilt. In diesem Moment wünschte sich der Oberst, ein Minister zu sein. Als Minister sass er in einer Kutsche, Frau und Kinder schluchzend neben ihm. Lügen und Ränke am Hof hatten den König zur Ungnade gereizt, Güter und Häuser waren eingezogen, es blieb nur die Flucht. Wie wünschte sich da der Minister, er wäre doch selbst König. Kaum gedacht, schon lag er krank als König im Sessel. Vier Heiducken trugen ihn eine verborgene Treppe hinunter, denn ein nächtlicher Überfall drohte. Die Gicht und eine Kriegsverletzung liessen ihn nicht selber auf den Beinen stehen. Er schrie: «O dass ich doch der armseligste Sauhirt meines Landes wäre, nur gesund und gerettet aus dieser Leibesgefahr!» Und plötzlich war der König wieder ein Schweinehirt und erkannte sich in seinen Lumpen. Jetzt war er zufrieden.

Der Sauhirt ist also ein König, wer hätte das gedacht. In seinen Utopien durchlebt er einen gesellschaftlichen Aufstieg, nur um ein zunehmend bedrohlicheres Schicksal vorzufinden. Heilfroh lobt der König schliesslich die einfachen Verhältnisse. Da will wohl ein Herrscher seiner Verantwortung entfliehen. Aber warum? Wenn das Märchen erstmals 1824 abgedruckt wurde und angibt, das Geschehen liege hundert Jahre zurück, muss es sich um die Zeit nach dem Dreissigjährigen Krieg handeln. Und wirklich, damals waren die Kornkammern leer und die Landbevölkerung litt grosse Not. Nicht länger die Ungerechtigkeiten der städtischen Obrigkeit ertragend, erhob sich das Volk im Bauernkrieg von 1653. Insbesondere die Emmentaler zogen wütend gegen Bern. Ob solcher Vehemenz will unser Märchenkönig fliehen, am liebsten ins Seeland zu den regierungstreuen Untertanen, noch besser an die Hänge, wo noch keine Uferstrasse leichten Zugang für Rebellen gewährt und wo Sonne und Wein süsses Nichtstun versprechen. Der Aufstand scheiterte und die Herrscher rächten sich auf das Brutalste. Trotzdem wäre es dem König fortan nicht mehr möglich gewesen, seinen Absolutismus weiter zu betreiben. Die Utopie von Gleichheit und Freiheit hatte sich in den Köpfen seiner Untertanen festgesetzt und würde 150 Jahre später beginnen, sich zu verwirklichen.


Lesestoff

Durchs helvetische Territorium Text Thomas Geiger

P.M.: «Agbala dooo!» 128 S., englische Broschur, 1998. paranoiacity.ch

Schon einmal von Filonex oder Rotaped gehört? Kaum, denn diese Ausdrücke gibt es nur in der Geschichte, die sich ab 1800 parallel zu der unsrigen entwickelt hat. Die Helvetik, die von 1798 bis 1804 dauerte, war eine ungewöhnlich dynamische Periode der Schweizer Geschichte. Neue Kantone, neue Institutionen wurden geschaffen, verändert, wieder abgeschafft. Was, wenn die Geschichte danach im gleichen Tempo weitergegangen wäre? Wie sähe die Schweiz aus, die so entstanden wäre? Und in was für eine Welt würde sie passen? Kanua Igbono aus Lagos reist auf seinem Rotaped (Fahrrad) durch das helvetische Territorium des Jahres 205 p.r. (1998 gemäss altem Kalender). Zwischen Les Verrières und Altstätten besucht er sadistische Gourmets, Automaten

Thomas Geiger betreibt seit 1975 die Paranoia City Buchhandlung und den Paranoia City Verlag in Zürich. paranoiacity.ch

Zwölf gewagte Reisen

Swiss Wilderness

Wild Wild Southwest

Lesen und Wandern

Galegge – Muotathal

La grande peur

Warum der Name Vreni in Afrika, wie sieht ein Crashkurs beim IKRK aus? In «Die andere Seite der Welt» kommen zwölf Schweizerinnen und Schweizer mit persönlichen Sichtweisen zu Wort, die im Geiste der humanitären Tradition des Landes in alle Richtungen verstreut losgezogen sind und gewirkt haben, von den 1960er Jahren bis zur Gegenwart. hierundjetzt.ch

Cover «Horizonville»: © Yann Gross & JRP|Ringier

bauende alte Männer, neolithische Dörfer, ekstatische Sekten, gemütliche Kanderheimer, verlassene Retortenstädte … Das helvetische Territorium hat mit der heutigen Schweiz fast nur noch die Landschaft gemeinsam. Es hat zwar auch seine zivilisatorischen Widersprüche, doch das Leben ist leichter, spielerischer, genussvoller. P.M.s Reisebeschreibung ist eine lockere und überraschungsreiche Parodie auf die zwei möglichen Geschichten, auf ihre Helden und auf sich selbst. Trotz seiner sehr befremdlichen Praktiken wächst einem bis zum Ende des Texts das helvetische Territorium richtig ans Herz.

Im Wallis war Yann Gross unterwegs, mitgebracht hat er von seinen Reisen Bilder aus dem Wilden Westen, aus «Horizonville». Als Betrachter taucht man ein in Line-Dance-Veranstaltungen und Country-Konzerte, lernt tätowierte Männer und heisse Ladies kennen und vermeint in der Rhone-Ebene plötzlich das New Pine Valley zu erkennen. jrp-ringier.com

Für 1 Kilo Käse muss die Kuh rund 25 Kilo Gras fressen. Dies machen Kühe landauf, landab an den wunderbarsten Ausflugszielen. Umso erfreulicher, sind nun im schmucken Büchlein «Chäswandern» siebzehn ausgewählte Touren vereint und schmackhaft gemacht und führen zum Galegge-Chäs, zum Moorkäse, zum Urwald-Schmelzer … chaeswandern.ch

«Swiss Wilderness» entführt die Leserschaft mit staunenden Augen in eine Welt der beeindruckendsten Landschaften und Wildnisse, die man sich nur wünschen kann. Fast schon utopisch erscheinen die Aufnahmen, sie stammen jedoch allesamt aus der Schweiz und laden ein zu weitläufigen Erkundungstouren ausserhalb des Siedlungsraumes. benteli.ch

Hochkarätige LiteratInnen finden sich jedes Jahr zum Festival in Leukerbad ein. Damit sie nicht nur vorlesen, sondern auch schreiben können, hat Hans Ruprecht siebzehn von ihnen eingeladen, von ihren Erkundungstouren rund um Viertausender und Pfynwald eine Geschichte mit nach Hause zu bringen. Nachzulesen im Band «Einen schweren Schuh hatte ich gewählt». doerlemann.com

Was ist wirklich geschehen auf der Alp Sassenaire und was existiert als Vorstellung in den Köpfen? «Die grosse Angst in den Bergen» ist eines der wichtigsten Werke des Schriftstellers Charles Ferdinand Ramuz, der als grosser Literat unsere 200-FrankenNote ziert. Ein Bergroman gesponnen zwischen Wunsch- und Wahnvorstellungen der Akteure. hanser-literaturverlage.ch

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Kalender

15.6.

13.8. — 18.8.

1. «Erlebnis Gotthard»

Fribourger Folkloretreffen

Ob im windschnittigen TEE-Zug, gemütlich im«Krokodil» oder zu Fuss entlang dem Bahnlehrpfad von Göschenen nach Erstfeld; Sie haben die Qual der Wahl.

300 Tänzer und Musiker aus neun verschiedenen Ländern machen Fribourg zum «Nationendorf». Beginnen tut es mit Ungarn, Mexiko und Portugal.

gottardo-wanderweg.ch

fribourgtourisme.ch

Ab 21.6.

16.8. — 18.8

Einsiedler Welttheater

Alptöne international

Aus der Feder von Tim Krohn treten Calderons Figuren unter freien Himmel, zum berührenden Spiel über das Zerbrechen an vielen Möglichkeiten.

Das sind die Tage der offenen Tür ins alpine Klanggedächtnis. Mit dem berüchtigten Holstuonarmusigbigbandclub aus dem Bregenzerwald! Internationales Musikfestival Altdorf.

einsiedler-welttheater2013.ch

alpentoene.ch

Ab 2.7.

Bis 25.8.

51. Orgelfestival Magadino

Inhabitable Objects

Als Marcel Dupré 1963 in der Pfarrkirche von Magadino eines seiner letzten Konzerte spielte, war es nachher mucksmäuschenstill. Ein Applaus in der Kirche war damals undenkbar. Heute stehen die Berge noch genauso steinern am Lago Maggiore, doch einiges hat sich auch verändert: Unter anderem weist die Orgel 21 Register mehr auf und hat einen Ruf, der um die Welt geht.

Wann hört ein Haus auf, Haus zu sein? Lässt es sich trotzdem noch betreten, wenn ihm der Eingang fehlt? Und sind Treppen ohne Böden im Grunde Wände? Im Kunstmuseum Chur wird die gängige Vorstellung der vier Wände aufgehoben. Damit in den Lücken und unter dem Titel der Unbewohnbarkeit ein neuerRaum entstehen kann für die Fantasie. 1.6. – 25.8. Kunstmuseum Chur.

2.7. – 19.7., Magadino. organ-festival.ch

buendner-kunstmuseum.ch

Ab 3.7.

Bis 28.9.

«Z Alp ga»

Arte Hotel Bregalia

Im Landschaftspark Binntal, dem ersten regionalen Naturpark des Kanton Wallis, werden Sie eingeladen, den Begriff «z Alp ga» versuchsweise unter die Füsse, in die Hände und auf die Zunge zu nehmen. Anton Walpen, Landwirt aus Binn, nimmt Sie mit auf eine Wanderung rund um die Binneralp «Brunnbiel». Dabei bringt er Sie aber nicht nur den Kühen näher und lässt Sie vom feinen Alpkäse probieren, sondern er erzählt auch vom Brauchtum und täglichen Leben des Älplers. Dieses wird heute kaum mehr wahrgenommen und oft romantisiert. Dabei trägt das Hüten, Zäunen, Melken und Käsen – ob direkt oder indirekt – immer auch zum Erhalt der traditionellen Kulturlandschaft der Alptäler bei.

Kurator Luciano Fasciati lädt zum Kunstereignis in Promontogno ein, täglich von 10 – 17h. Mit Signer, Huber.Huber, Danuser u.a. 2.6. – 28.9. Promontogno.

3.7., 17.7., 14.8. Treffpunkt Binn/ Brunnebiel, Endstation Bus Alpin. landschaftspark-binntal.ch

artehotelbregaglia.ch

Bis 6.10.

Aufgezogen – aufgeladen Die Sonderausstellung im «Spielzeug Welten Museum» in Basel zeigt Spielzeuge aus dem letzten Jahrhundert und aus aller Welt, darunter auch seltene Sammlerobjekte von hohem nostalgischem Wert. Da die kleinen Figürchen leider nicht für sich sprechen könnnen, stehen ihnen 70 Kurzfilme zur Seite, die zeigen, was für Kunststücke sie vollbringen können. 20.4. – 6.10. spielzeug-welten-museum-basel.ch

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Kulturinserate

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Kunststücke

Robin Hood

Sintflut

Zwischenraum

Mit zwanzig Rappen konnte man sich im Wallis des 18. Jahrhunderts zweimal rasieren lassen oder fünf Kilo Kartoffeln kaufen. Diese Tatsache war auch Joseph-Samuel Farinet durchaus bekannt. Im Aostatal geboren, beschäftigte er sich bereits als Jugendlicher ennet dem Gotthard mit Falschmünzerei und Schmugglergeschäften. Auch, als es ihn 1869 ins Unterwallis zog, setzte er seine Geschäfte fort und produzierte falsche Zwanzigräppler im grossen Stil. Mit dem Geld kaufte er beim Krämer ein, war bei den Restaurants der Umgebung als grosszügiger Gast bekannt und beliebt, verteilte aber auch gerne seine Münzen an arme Schlucker. Dem Freigeistler schwebte ein eigenes Geldsystem vor, das die lokale Wirtschaft zum Blühen bringen sollte, er war mit diesem Plan so erfolgreich, dass seine Münzen bald schweizweit das ganze kapitalistische System ins Wackeln brachten und sich die Walliser Landjäger an seine Fersen hafteten. Nach seinem Tod in der Salentze-Schlucht nahe Saillon wurde er zum lokalen Robin Hood erkoren. Grund genug, das Museum zu seinen Ehren, die Place Farinet und den Farinet-Pfad zu erkunden.

Vor nunmehr sieben Jahren eröffnete Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger im kleinen Dorf Riom im Albulatal die umgenutzte Burg Riom als erstes professionelles Theaterhaus der rätoromanischen Kulturgeschichte. Sie ist Teil einer ganzen Reihe von Aktivitäten, die die Kulturinstitution Origen von Giovanni Netzer und seinem Team in den letzten Jahren rund um Riom realisieren konnten. Gäste können sich im Zuckerbäckercafé «Madlaina» verköstigen, eine winterliche Erweiterung des Theaterprogramms ist bereits in Planung. Absolutes Highlight unter den Veranstaltungen ist jedoch das jährlich in den Sommermonaten stattfindende «Origen Festival Cultural»: bespielt werden jeweils die Burg und umliegende, zu Spielstätten umgebaute Lokalitäten. Dieses Jahr ist man unter anderem in der Nachbargemeinde Marmorera und ihrem Stausee weiter hinten im Tal zu Gast. Passend zum aktuellen Festivalthema «Sintflut» wurde hoch über der Mauerkrone des gewaltigen Staudammes von Marmorera ein Theaterbau, eine wahrhaftige Arche Noah errichtet; radikal neu und futuristisch ist das Schauspiel dazu.

Unter dem Namen «Villa Florida» wurde das Museum «Bellpark» in Kriens 1911 vom bekannten Luzerner Hotel-Architekten Emil Vogt erbaut. Das prächtige Haus war bis Mitte der 1980er Jahre der Privatsitz der Familie Bell, Inhaber der Maschinenfabrik Bell in Kriens. Heute gehört die Liegenschaft mit ihrem stattlichen Park der Gemeinde Kriens und ist seit 1991 als Museum öffentlich zugänglich. Unter der Leitung von Hilar Stadler entwickelte sich das Haus in den vergangenen Jahren weit über die regionalen Grenzen hinaus zu einem Begriff mit Ausstellungsfokus auf die Bereiche Kunst, Fotografie und Geschichte. Das gute alte «Töffli» war hier schon ein Thema, auch die falschen Chalets von Christian Schwager, die spektakulären Bilder des Ballonpioniers Eduard Spelterini oder das legendäre «Las Vegas Studio» von Robert Venturi und Denise Scott Brown. Die aktuelle Ausstellung ist eine Hommage an den Langenbrucker Flugpionier Oskar Bider. Am besten besucht man am 13. Juli die Ausstellung, auf den Tag genau zum 100-jährigen Jubiläum seines Fluges über die Alpen in einem Aeroplan. Eine Utopie wurde Realität.

Weitere Informationen: Verkehrsbüro Saillon, T. 027 743 11 88. saillon.ch, farinet.ch

Freilicht-Musiktheater «Noah», Marmorera, 12. Juli – 10. Aug. Genaue Spieldaten und weitere Veranstaltungen: origen.ch

Ausstellung «Der Raum zwischen den Bergen», Kriens. Bis 28. Juli, Mi – Sa 14 – 17h, So 11 – 17h. bellpark.ch

Falschgeldproduzent Farinet in Saillon

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Origen Festival Cultural in Riom

Museum im Bellpark in Kriens

Bild: Yannick Broccard / Benjamin Hofer / Mario Kunz


Kunststücke

Theater im Dorf Bruniversum «Der dreizehnte Ort» in Hundwil

Skulpturenpark in Dietikon

Schwerelos

«Wir können nichts dafür, dass es hier so schön ist», ruft eine Fotografin am Anfang des Stücks, als sie sich vom Appenzeller Hausberg, dem Alpstein, ein Bild macht. Fünfhundert Jahre ist es her, seit das Land Appenzell als dreizehnter Stand in der Bund der Eidgenossenschaft aufgenommen wurde. Die Teilung in Ausserrhoden und Innerrhoden erfolgte knapp hundert Jahre später. Der Landsgemeindeplatz war damals der Ort, wo die Trennung besiegelt wurde. Heute verwandelt das Festspiel «Der dreizehnte Ort» den Platz und das Dorf in einen grossen Erzählund Theaterraum. Vor der Fenster- und Häuserreihe des Spielortes geht es nicht nur um historische Schwerpunkte, sondern auch um das Rechthabenwollen und um das Überrumpeltwerden, um Fernweh und Heimweh, um Fortschritt und Stillstand, um Sehnsucht und Tod. Unter dem Motto «Theater ist auch vor dem Theater» stimmen die Spielerinnen und Sänger bereits eine knappe Stunde vor Beginn des Stückes auf den Theaterabend ein. Dabei werden auch die Gaststätten des Dorfes mit ihren regionalen Spezialitäten zu Schauplätzen des musikalischen Spiels.

Vor den Toren Dietikons liegt das goldgelbe Vogeltor zu einer anderen Welt. Etwas oberhalb der Ortschaft, eigentlich noch auf Spreitenbacher Boden, hat der Künstler Bruno Weber ab 1962 ein halbes Jahrhundert lang über 20 000 Quadratmeter Fläche mit unzähligen Betonskulpturen und Raumstrukturen belebt. Ursprünglich unter Johannes Itten an der Schule für Gestaltung Zürich in Farbenlehre und Malerei ausgebildet, wendete sich Weber je länger je mehr dem plastischen Gestalten zu und betätigte sich als Architekt, Zimmermann und Bildhauer. Sein ursprüngliches Familiengrundstück mit Atelier verwandelte sich dabei nach und nach in eine surreale Traumwelt. Heute ist die Kinderrutschbahn eine Seeschlange, der Gartengrill ein Feuervogel, und aus dem Alphorn wird ein beseelter Alpgeist; ausprobieren, anfassen und durchblasen erlaubt. Die Anreise zum Skulpturenpark erfolgt übrigens am besten zu Fuss entlang des 2006 eröffneten Bruno-Weber-Wegs. Es grüsst eine Froschgestalt und Laufhunde geleiten einem bergaufwärts bis vors Eingangstor. So eingestimmt, kann die Erkundungstour durch den Park losgehen.

Das utopische Ideal der Moderne, durch vereinheitlichte Formgebung und standardisierte Produktion von Mobiliar eine Egalisierung der Gesellschaft herbeizuführen, ist gescheitert. DesignIkonen des frühen 20. Jahrhunderts wie der abgebildete Freischwinger von Werner Max Moser – Entwurf 1930 –, die kostensparend hätten sein sollen, werden von Liebhabern heute vielmehr als Fetischobjekte hoch gehandelt. Dieser Widerspruch mag tragisch anmuten. Umso stärker verdeutlicht der Umstand aber die Bedeutung von Gestaltung als Zeitzeugin einer Epoche und die Wertsteigerung, die ein Objekt durch den ihm anhaftenden Zeitgeist erfährt. Der Freischwinger als Inbegriff des modernistischen Möbels suggeriert die Aufhebung der Schwerkraft, die scheinbar schwebende Sitzfläche symbolisiert eine Entmaterialisierung der physischen Welt – und somit die Aufhebung von materiellen Werten und der zu überwindenden, gesellschaftlichen Hierarchien. Seit 2002 stellt die Firma Embru originalgetreue Reproduktionen des Fauteuils Modell 1435 her. Wenn auch Utopie: Es lebe das Schwerelos-Sitzen!

3. Juli bis 24. Aug, Landsgemeindeplatz, Hundwil. derdreizehnteort.ch

Bruno Weber Skulpturenpark, Dietikon. April bis Okt. immer Mi-, Sa-, So-Nachmittag. bruno-weber.com

Designsammlung, Museum für Gestaltung Zürich: eMuseum.ch. Embru-Werke AG Rüti. embru.ch

Bild: Daniel Schmid / Kurt Zwahlen / FX. Jaggy © ZHdK

Aus der Designsammlung

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Plakativ

Transhelvetica &

präsentieren:

Plakat «Blau»

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Das Titelsujet wurde im Rahmen einer gemeinsamen Kunstaktion von Caran d'Ache und Transhelvetica geschaffen. Fabian Leuenberger hat mit Prismalofarbstiften gezeichnet und Adrian Weber mit Pigmenten gemalt. Nun können Sie beide Plakate im Format A2 bestellen unter: shop@transhelvetica.ch 1 Plakat = sFr. 29.-, 2 Plakate = sFr. 49.(zzgl. Porto & Verpackung; sFr. 14.—)

Den ersten 150 Bestellungen legen wir eine 6-teilige Schachtel Prismalo-Farbstifte bei! 92


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#11 Wasser

#12 Wolf

#16 Kauz

#17 Utopie

#8 Indien

#13 Nebel

#14 Russland

#9 Holz

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#7 Gold

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#3 Blitz

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#2 Miniatur

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#1 Kreuz

#15 Rosarot

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Abogeschenke «Fahrenheit 451», Ray Bradbury

Lagerfeuer-Grillwerkzeug

Ray Bradburys beängstigende Geschichte von einer Welt, in der das Bücherlesen mit Gefängnis und Tod bestraft wird, ist ein zeitloses Plädoyer für das freie Denken. Deluxeausgabe mit flexiblem Leinenbändchen. diogenes.ch

Mit der leichtgewichtigen Grillgabel lassen sich stabil und stilvoll Fleisch, Gemüse oder Brot aufspiessen oder einklemmen. Das 30 Gramm leichte Werkzeug bringt eine Spur Hightech ins Wanderer-Dasein und ist in jedem Transa-Shop erhältlich. swiss-advance.com

Meine Bestellung

  1 Jahr = 6 Ausgaben für sFr. 50.— (Ausland sFr. 80.—)   2 Jahre = 12 Ausgaben für sFr. 90.— (Ausland sFr. 150.—)

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  #18 «Kristall» am 15. August 2013   #19 «Unterwelt» am 10. Oktober 2013   #20 «Japan» am 5. Dezember 2013

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  Ray Bradburys «Fahrenheit 451», Diogenes   Lagerfeuergrillwerkzeug von Swiss Advance

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Hinter der Kulisse mit

En famille in St. Moritz: Künstler Rolf Sachs, Jazzpianist Ahmad Jamal und «Festival da Jazz»-Direktor Christian Jott Jenny

Festivalorganisator Christian Jott Jenny

Bild: zvg

Text Olivia Gähwiler

Sie sind selber Sänger und touren als Operntenor wie auch als Kabarettist Leo Wundergut durch die grosse und kleinere Häusern. Stehen Sie lieber auf oder hinter der Bühne? Am liebsten stehe ich auf der Bühne. Dann zieht es mich doch wieder in Richtung Opernintendanz, dann wieder zur Rolle als Kunstfigur Leo Wundergut. Persönlich mag ich eher überschaubare Theater mit bis zu 1000 Plätzen. Massenveranstaltungen hasse ich wie die Pest. Ich liebe den Wechsel, den Austausch zwischen Organisieren und Auftreten. Ich weiss genau, wann ich wo mehr ausrichten kann. Welcher Konzertbesuch war für Sie bisher schlicht der atemberaubenste? Das Verdi-Requiem an Verdis Todestag mit Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich in jungen Jahren. Grauenhaftes gibt es auch vieles. Aber da ich oft an Konzerten lieber stehe, bin ich auch schnell wieder weg … Für welchen Künstler würden Sie persönlich über den Styx, damit er am «Festival da Jazz» auftreten könnte? Horace Silver oder Miles Davis. Ihre Musik hat mich seit meiner Jugendzeit geprägt. Damals haben wir in der Schülerband versucht, deren Lieder nachzuspielen. Das war für mich die beste Schule. Horace Silver ist leider zu

krank, um bei uns auftreten zu können. Er hat mir die Liebe zum Bebop geschenkt. Wer wird nie auftreten, solange Sie involviert sind? Selbstgefällige Schweizer Musikprojekte, die im Zweifel auch noch von der Pro-Hel(F)-vetia unterstützt sind und der Welt weniger als nichts bringen. Nur Ärger und Zeitverlust. Oder beispielsweise der arrogante Schweizer Jungkünstler, der eigentlich an der allgemeinen Musikschule XY Instrumentalunterricht erteilt und uns erzählt, wie es im Musikbusiness so läuft. Davon ist unser Land leider voll. Meine Toleranz ist gross, aber am Ende des Tages sollte es mir doch auch noch etwas Freude bereiten. Wie erleben Sie die Besucher des Festival da Jazz? Unsere Gäste sind zwischen 20 und scheintot, nehmen aktiv am Leben teil, sind gebildet und kultiviert, meist sehr humorvoll und lieben die Einfachheit. Natürlich sind sie musikaffin und oft Genussmenschen. Sie verzichten gern auf grosses Schickimicki – das wollen sie nicht oder nicht mehr – und sitzen gut und gern für ein gutes Konzert mal für zwei Stunden auf dem Holzboden. Sie lieben bei uns die einmalige Stimmung in familiärer Atmosphäre, weg vom grossen Rummel, und suchen oft Kontakt zu anderen Gästen. Welche Utopien entstehen in Ihrem Kopf, wenn Sie Jazz-Klänge hören? Ein Club-Festival in St. Moritz – so ganz back to the roots – zu gründen. Aber ich liebe es, Utopien umzusetzen. Vermutlich ist das meine Lebensaufgabe. ● Festival da Jazz, 11. Juli – 11. Aug, St. Moritz. festivaldajazz.ch

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Vor der Kulisse mit Christian Jott Jenny  →  S. 7

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Interna

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Wenn im alten Bahnhof Letten an der längsten Wand im Warteraum der III. Klasse kein Platz mehr frei bleibt, nähern wird uns dem Abschluss einer weiteren Transhelvetica-Ausgabe. Hölzerne Wäscheklammern an blassbraunen Bindfäden haben sich an die hundert Seiten geschnappt. Da und dort wird Papier runtergezogen, definitiv ins Altpapier geworfen und durch neue Idee ersetzt, während die Inserateseiten hin und her wandern. Wir verbringen Stunden vor der schönen Dame, die uns keck entgegenblickt und fragt: «Bin ich schön?» Und wir nicken ihr Tag für Tag bejahender entgegen. Doch nachts, wenn der Letzte von uns das Licht löscht, wird es der transhelvetischen Dame langweilig an ihrer kalten Wand. Sie träumt sich weg zu den Menschen, die sie künftig in den Händen halten werden – zu den transhelvetischen Leserinnen und Lesern von morgen.So reist sie in Rucksäcken, Aktentaschen, Ziehkoffern und Handtaschen quer durchs ganze Land. Vom Binntal nach Basel, von Delémont ins Val Sinestra. Besonders wohl ist ihr, wenn sie stundenlang in den Händen gehalten wird – immer und immer wieder. Wenn Kind wie Oma, Banker wie Bauer sich über sie beugen und sich an ihr sattlesen und -sehen. Dann möchte sie erröten, so ein kleines bisschen. Das Licht geht an, ein neuer Tag beginnt im alten Bahnhof. An der langen Wand hängen nur noch die leeren Wäscheklammern faul wie Fledermäuse an den Fäden. Die transhelvetische Dame selber wurde in Druckdaten verpackt, nach Chur ge-

schickt, belichtet und durch die Druckmaschinen gepresst. Ein Traum wird wahr. Die Reise kann losgehen.

Verlag Passaport AG Alter Bahnhof Letten Wasserwerkstrasse 93 8037 Zürich 044 241 29 29 passaport.ch Kontakt vorname.nachname@ transhelvetica.ch Herausgeber Jon Bollmann Pia Marti Redaktion Barbara Tänzler (Chefredaktion) Martina Zürcher (Stv. Chefredaktion) Flurina Gradin Noëmi Lerch Olivia Gähwiler Sara Lisa Schäubli Kommunikation & Marketing Angela Fessler Paola Stoffel Art Direction & Layout Fabian Leuenberger fabianleuenberger.com Finanzen Alex Wydler Abonnement Sabeth Bollmann Korrektorat text-it GmbH Claudia Walder textit-gmbh.ch

Unser Dank geht an folgende Mitarbeitende, die mit viel Herzblut an dieser Ausgabe mitgewirkt haben: Text Arno Camenisch Thomas Geiger Andrea Hofman Franz Hohler Christof Hirtler Martin Jenni Marius Kindlimann Chandra Kurt Ralf Schlatter Samuel Schlaefli Jürg Schmid Claudia Walder Jürg Wirth Claudio Zemp Emil Zopfi

Heftpreise Einzelheft sFr. 10.— 6 Ausgaben im Abo sFr. 50.— (Ausland sFr. 80.—) 12 Ausgaben im Abo sFr.  90.— (Ausland sFr. 150.—) Vertrieb Valora AG valora.com

Bild Caroline Fink Franz Hohler Philippe Hollenstein Christof Hirtler Per Kasch Marcel Kultscher Mara Truog Nico Schaerer André Sägesser Raimund Sicher Walter Steiner Marco Volken Caspar Walker Alex Wydler

Druck Südostschweiz suedostschweiz.ch

Sender Transhelvetica Harald Taglinger taglinger.de

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IT Aaron Richiger Onlinedesign transhelvetica.ch von allerhand Christoph Burkhard Gefällt mir facebook.com/ transhelvetica

Illustration CinCin – Christ & Carpi cincin.be Andreas Thiel Konrad Weber

Nächste Ausgabe: Inspiration «Kristall» erscheint am 15. August 2013 96

Inserate Kilian Gasser Medienvermarktung GmbH kiliangasser.ch kg@kiliangasser.ch 079 443 55 21 oder: inserate@transhelvetica.ch 044 241 29 29

Bild: Transhelvetica

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