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Wolfgang G. Weber

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For global social change: Let’s work together

WOLFGANG G. WEBER, Univ.Prof. Dr.; seit 2000 Professor für Angewandte Psychologie an der Universität Innsbruck; Mitbegründer des Organizational Participation in Europe Network (OPEN, seit 2007), der interuniversitären Plattform Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie in der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie sowie des ForscherInnen-Netzwerks für Humanisierung der Arbeit; Forschungsschwerpunkte: Tätigkeitspsychologie des Alltagshandelns, organisationale Partizipation und demokratische Unternehmen, ethisches Unternehmensklima, Sozialisation sozialer und moralischer Kompetenz, soziale Entfremdung in der Arbeit, psychologische Arbeitsanalyse und -gestaltung; Mitherausgeber von Profile; wolfgang.weber@uibk.ac.at

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Als jemand, der die akademisch etablierte Arbeits- und Organisationspsychologie (A&O-Psychologie) zu vertreten hat und dabei versucht, auf wissenschaftlich-humanistischer Basis zu forschen, lehren und – mitunter – zu gestalten, ist es für mich eine Freude, ein paar Gedanken zum Werk und Netzwerk meines geschätzten Kollegen Dr. Gerhard Fatzer beitragen zu können. Gerhard ist mir noch aus meiner Zeit als Privatdozent an der ETH Zürich bekannt, wo ich erstmals im Rahmen eines Workshops am damaligen Institut für Arbeitspsychologie, den er zusammen mit Sabina Schoefer moderierte, mit dem durch ihn repräsentierten Ansatz der Organisationsentwicklung praktisch konfrontiert wurde. Das dahinter stehende Menschenbild, die Vorstellungen von nicht-technokratischem (Habermas würde sagen: verständigungsorientiertem statt szientistischem) Wandel und ein Teil der eingesetzten Methoden erschienen mir schließlich so relevant, dass ich, nachdem ich in Innsbruck den Lehrstuhl für Angewandte Psychologie angetreten hatte, Gerhard Fatzer bat, Vorlesungen, Seminare und Übungen bei uns durchzuführen. Seit einem Jahrzehnt lehrt er, auch als Gastprofessor, im Rahmen unseres Psychologiestudiums. Er gehört zu den – m. E. immer noch viel zu raren – universitären Psychologiedozenten, die gleichermaßen mit praxisbezogenen Phänomenen und darauf bezogenen wissenschaftlichen Theorien befasst sind und über die Vielfalt der praxisbezogenen Probleme weder die zu ihrer Lösung nützliche Theorie missachten, noch über die akademischen Verlockungen der Theoriearbeit vergessen, dass wissenschaftliche Konzepte vorwiegend dann einen Sinn haben, wenn sie in unserem Kontext direkt oder mittelbar zur Verbesserung der psychosozialen und psychophysiologischen Situation der Arbeitenden beizutragen vermögen (einem gemeinsamen Ahnherrn von OE und A&O-Psychologie, Kurt Lewin, sei Dank!). Ein großes Verdienst von Personen wie Gerhard Fatzer ist es, die OE in den deutschsprachigen Raum geholt zu haben. Seine Fachbeiträge in Gestalt vieler Herausgeberwerke und Artikel, manche davon Standardwerke der OE, haben dazu beigetragen, dass wir es hier mit einer OE zu tun haben, die ihren humanistischen Gründungsimpetus nicht aufgegeben hat. Vielmehr ist sie sich bewusst, dass die Humanisierung der Arbeit, die Persönlichkeitsförderung der Arbeitenden (Bildung im zeitlosen Sinne!) und die Förderung von organisationaler (damals: industrieller) Demokratie ein eigenständiges und gleichberechtigtes Ziel gegenüber der effizienten und effektiven Organisationsgestaltung bilden sollen. Die herausgeberische Arbeit von Gerhard Fatzer trägt auch dazu bei, dass, ganz im Sinne des Grundprinzips der OE, auch Theorien und Methoden der OE immer wieder kritisch hinterfragt werden bzw. Theoriedesiderate sichtbar gemacht werden. Um ein Beispiel anzusprechen: So bilden unterschiedliche Modelle von sozialen Systemen inklusive systemische Beratung zwar einen zentralen Bestandteil von OE. In welchem (politisch-wirtschaftlich-kulturellen) System sich OE und die sozialen Systeme bewegen, auf deren Neuerung systemische OE-Interventionen abzielen und wie man dieses umgebende Makrosystem durch langfristig angelegte Interventionen lebensdienlicher

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Systeme gerne an die Soziologie und die Politikwissenschaft. Diese übergeben sie wiederum gerne den politischen Verantwortungsträgern – welche allzu oft in resignativer Selbstzufriedenheit verkünden, »es gibt keine Alternative«, weil beispielsweise »die Märkte« es nicht erlaubten. Auch wenn ich persönlich mir in der Profile noch mehr konzeptuell hochwertige Artikel zur Auseinandersetzung mit makrosystemischen Einflüssen auf die OE und solche OE-Interventionen, die auf die Humanisierung der Wirtschaft abzielen, wünschen würde – Gerhard Fatzer und die ProfileMacherInnen haben mit einigen AutorInnen und ihren Artikeln (z.B. Profile 15.2008 über »Gesellschaft, Politik und Beratung« oder Profile 20 zu Systems Thinking / System Dynamics) hier Zeichen gesetzt, die auf unsere beiden (Inter-)Disziplinen ausstrahlen mögen. Wenn uns die OE (und hier eingeschlossen, Profile) eines lehren: Es gibt in demokratischen Systemen immer eine Alternative, solange noch PraktikerInnen und WissenschaftlerInnen unter dem Schutz der Freiheit von Forschung und Lehre existieren, die Kompetenzen und Motivation für kooperatives, reflektierendes Handeln besitzen.

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machen könnte, ist, soweit ich es überblicke, aktuell weniger ein Gegenstand von fundierten Recherchen, Konzeptualisierung und (unvermeidbarem) Diskurs. Mitunter verschwindet die Gesellschaft sogar im abstrakten »System« und Menschen in abstakten »Funktionen«, reale Entfremdungsprozesse der Arbeitenden von ihren Produkten, Tätigkeiten und (weltweit angesiedelten!) Mitmenschen vornehm nachzeichnend und virtuell entschärfend. Dies, obwohl die Beschäftigung mit »desirable futures« insbesondere von Fred und Merrilyn Emery, Russell Ackoff oder Frank Heller immer wieder angeregt wurde. Dabei setzte man sich – m.E. unvermeidlicherweise – auch mit radikalhumanistischer Gesellschafts- und Kulturkritik auseinander und ließ sich durch außerwissenschaftlich motivierte Ausgrenzungsversuche und mikropolitische Forschungsbehinderungen, die auf etablierte damalige Kurienrepräsentanten der angloamerikanischen A&O-Psychologie zurückgingen, wenig beeindrucken. Mein eigenes Fach, die Psychologie, delegiert solche Grundlagenfragen der wissenschaftlich gestützten Analyse und Humanisierung gesellschaftlicher

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Im Rahmen seiner Arbeiten veranschaulicht Gerhard Fatzer immer wieder die Bedeutung des Soziotechnischen Ansatzes der Arbeitssystemgestaltung für die OE. Dieser plurale, transdisziplinäre Approach, ohne den es wissenschafts- und wirtschaftsgeschichtlich betrachtet möglicherweise keine Bewegung für die Humanisierung des Arbeitslebens gegeben hätte, ist es, was unsere beiden (Inter-)Disziplinen, die OE und die A&O-Psychologie, von Anfang an konzeptuell verbindet. Dies gilt, obwohl diese Verbindung eines »Social Engagement of Social Science« (Trist & Murray, 1993), ihre Früchte und ihr potenzieller Nutzen während ihrer nun 60-jährigen Geschichte auf sehr unterschiedliche Weise wahrgenommen (oder verdrängt) worden sind. In Profile finden sich in einigen Artikel erfreulicher- und notwendigerweise Spuren und sogar Weiterentwicklungen der großen humanistischen soziotechnischen Ideen der 60er- bis 80-er-Jahre des vergangenen Milleniums, nämlich z.B. der »purposeful systems« (Ackoff & Emery, 1972), der »global social change organizations« (Cooperrider & Pasmore, 1991) oder der skandinavischen Work-Development-Programme (Gustavsen, 2007). Zukunftsrelevante Resonanzen dieser soziotechnischen Konzepte finden sich etwa in Profile-Beiträgen über Dialog, Zukunftskonferenzen, Town Meeting. In diesen Jahren, in denen ich fachlich sozialisiert wurde, war (nicht nur) in Kontinentaleuropa soviel Hoffnung, dass eine menschenwürdige und -gerechte sowie demokratische Arbeitswelt jenseits des gerne angeführten, »alternativlosen« Wirtschaftlichkeitsdiktats verwirklichbar sei, in den Köpfen und Herzen von AktivistInnen in Arbeiterbewegung, Bildungsinstitutionen, Beratungsunternehmen, Forschungsinstitutionen und mitunter sogar in politischen Parteien und Organen spürbar. Manche Unternehmen, wie z.B. Opel Hoppmann in Deutschland oder der Genossenschaftskonzern Mondragon im spanischen Baskenland leben sie vor. »It lives in our hearts!«, sagte mir über den soziotechnischen Ansatz neulich Denise Rousseau (Fachkollegin, Organisationskulturforscherin und ehemalige Präsidentin der nordamerikanischen Academy

of Management) auf einer Tagung der deutschsprachigen A&O-PsychologInnen. Ich habe Hoffnung, dass Profile und möglichst viele der sie tragenden Kolleginnen und Kollegen in Zukunft wieder stärker dafür sorgen, dass sich unsere Herzen solcher Art auch in unseren Werken, nämlich der menschengerechten Gestaltung von Arbeit, Organisation und Wirtschaft verkörpern werden. In einem Beitrag für Profile (8.2004) habe ich versucht aufzuzeigen, dass die Arbeitspsychologie einige Erkenntnisse und Methoden anbietet, welche im Rahmen von OE-Projekten und für die Theoriebildung zur OE stärker genutzt werden könnten, um das große gemeinsame Vorhaben einer menschenwürdigen Ökonomie und Arbeitswelt voranzutreiben. Die A&O-Psychologie stellt z.B. zahlreiche gut validierte Arbeitsanalyse- und Organisationsdiagnosemethoden bereit, die auch in der Prozessberatung und zur Ermittlung von Hemmnissen des organisationalem Lernens eingesetzt werden können. Weiterhin wurden Leitfäden entwickelt, die Hinweise für die persönlichkeits- und gesundheitsförderliche Gestaltung der Arbeit von Individuen, Gruppen und ganzen Organisationen geben. Die stärker struktur-, bedingungs- und expertenbezogene Ausrichtung der A&O-Psychologie steht dabei nicht im Gegensatz zum Partizipations- und Prozessparadigma der OE. Die besagten Methoden können partizipativ im Rahmen von Survey-Feedback-Projekten verwendet werden, denn sie bieten Hinweise, Anregungen und Optionen an Stelle von technokratischen Vorgaben. Gerhard Fatzer und ich haben bei manchem Gläschen vortrefflichen Weins auch unsere gemeinsame Freude an der Musik gepflegt (in der ja, wie in der Kunst allgemein, nach Adorno am ehesten positive Gesellschafts- und Kulturentwürfe sich ausdrücken, solange wir sie noch nicht weltweit verwirklicht haben). Deshalb möchte ich meinen Dialogkommentar mit dem Motto einer unserer Lieblingsbands schließen, auch wenn dieses nachhaltige Motto – schweizerdeutsch mit Urban Gwerder und Stiller Has ausgedrückt – manchem Zeitgeistigen nur »B-postmodern« erscheinen mag: »Together we stand, divided we fall … let’s get on the ball and work together!«

Literatur Ackoff, R. L. & Emery, F. (1972). On Purposeful Systems. New York: Aldine, Atherton. Cooperrider, D. L. & Pasmore, W. A. (1991). Global social change: A new

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agenda for social science? Human Relations, 44 (10), 1037-1055. Gustavsen, B. (2007). Work organization and the ›Scandinavian Model‹. Economic and Industrial Democracy, 28 (4), 650-671.

Trist, E. & Murray, H. (Eds.) (1993). The Social Engagement of Social Science (Vol. II: The Socio-Technical Perspective). Philadelphia: University of Pennsylvania Press.

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