Fountain 3

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Eva Teissl, 2011

Gabriele Wagner: Wie beginnen?... Zu New York fallen einem in erster Linie Hochhäuser ein, eine Banalität, die aber mit weit zurückreichenden Emotionen verknüpft ist. Als Kind waren für mich Hochhäuser und Leuchtreklamen gleichbedeutend mit New York – ein sich stets bewegendes Meer an Lichtern... Elisabeth Wörndl: Ich denke, mit Städten ist es wie mit Personen, die ersten Sekunden oder die erste halbe Stunde entscheiden, ob es mir gefällt. Die große Liebe zu New York erfuhr ich gleich bei meinem ersten Aufenthalt 1983, als ich zum ersten Mal die Wolkenkratzer World Trade Center, Rockefeller Center betrachten und auch besteigen konnte. Sowohl ihre Höhe als auch die Aussicht fand ich viel beeindruckender als je erwartet. Seither ist die Stadt Teil meiner Inspiration. Gabriele: Man kann nicht einfach durch diese Stadt flanieren wie durch Paris oder 78

Amsterdam. Tut man es, wird man verschlungen. Man muss die Plätze kennen, zumindest einige davon. New York ist zu mächtig, zu reich an Angeboten, Entdeckungen, als dass man sich einfach treiben lassen könnte. Da bleibt das Gefühl zurück, das Beste versäumt zu haben… oder daran vorbei gelaufen zu sein... Du hast Dir einen Zugang zu dieser Stadt geschaffen, indem Du in Deinen Fotografien die Architektur mit Deinem eigenen Körper in Verbindung bringst. Elisabeth: Auf den Wanderungen durch Manhattan zwischen 2007 und 2009 galt mein Interesse den frei stehenden Hochhäusern über 150 m. Ich ging von meinem Studio in Chelsea Richtung Battery Park, vorbei an den Ikonen der 5th Avenue, am Chrysler Building, Empire State Building, Rockefeller Center, Trump Building bis hinunter zur Wall Street. Mich fasziniert vor allem die wirtschaftliche

Macht, die sie voll Stolz symbolisieren. Der englische Begriff Skyscraper stammt ursprünglich aus der Marine und bezeichnete den höchsten Mast auf Segelschiffen. Ich glorifiziere die Symbole aber nicht, sondern sehe den Wettstreit um den Bau von immer höheren Wolkenkratzern eher ironisch, meine daraus resultierenden Arbeiten tragen den Titel Urban Rhetorics. Als Metapher verbinde ich einige Bilder mit den Bildern meiner Zähne, die eine Zahnärztin in Chicago gemacht hat. Wolkenkratzer geben der Stadt und ihren Bewohnern ihre Identität und ihren Charakter. Ich erforsche das Gebäude als physisches und kulturelles Konstrukt. Mich interessiert es, den Raum zwischen den Wolkenkratzern einzufangen, der Frage nachzugehen, wie Formen und Strukturen miteinander kommunizieren, und wie Muster, die durch Wolkenkratzer in der Stadt entstehen, den Einzelnen, die Gesellschaft und die Umwelt beeinflussen. Gabriele: In New York ist eine unglaubliche Energie am Werk, von Anfang an, ständige Erneuerung. Da gibt es kaum Altes, es verändert sich alles rasend schnell. Elisabeth: Seit einigen Jahren habe ich eine besondere Beziehung zu Chelsea, die im Jahr 2008 durch einen längeren Atelieraufenthalt vertieft wurde und da tat sich Einiges. Pararell zum Hudson River verläuft oberirdisch eine Hochbahntrasse vom Meatpacking District über West Chelsea bis Hell‘s Kitchen (zw. 22nd und 34th Street), entlang historischer Industriegebäude, Wohnhäusern und zeitgenössischen Bürohäusern. Die Bahntrasse stammt aus den 1930iger Jahren, ursprünglich diente sie dem Viehtransport in das Schlachthofviertel. Als sie anfangs der 1980er Jahre eingestellt wurde, entstand zwischen den Gleisen ein Stück Wildnis. Der schienenbreite Garten wurde zum Biotop für eine anarchistische Form urbanen Lebens im Freien. Nun wurde durch Bürgerinitiativen und enormen Einsatz der Anwohner aus dem Wildwuchs ein öffentlicher Park, eine grüne Oase über der Stadt. Damit die Stimmung


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