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diE inStallation in oppoSition zUm marKt?! „Inside the White Cube“ revisited oder eine kleine Einführung in die Rauminstallation. Genoveva Rückert

Im Versuch die Kunst der Moderne mit einer retrospektiven Distanz zu betrachten und einer weiteren Bemühung um einen gemeinsamen Nenner entdeckte 1976 eine interessierte Leserschaft Folgendes: „And in its midst, one notices an evenly lighted „cell“ that appears crucial to making the thing work: the gallery space.” 1 Doch Brian O´Doherty hat sich mit seiner einflussreichen, in der Kunstzeitschrift Artforum publizierten Essayfolge „Inside the White Cube“2 verspekuliert. Denn, zieht man wirklich Resümee über die zeitgenössische Kunst seit dem Zweiten Weltkrieg, wäre der Minimalkonsens einer äußert heterogenen Kunstentwicklung doch wohl die „Rauminstallation“. Die Installation ist eigentlich ein Terminus Technicus, der auf die Haustechnik und den Ausstellungsaufbau verweist. Sie ist jenes Genre, das sich seit den 1960er Jahren zu „der“ dominierenden Gattung zeitgenössischer Kunst entwickelt hat – auch wenn die Zuschreibung bei vielen Werken erst im Nachhinein erfolgte. Gerade durch das Herausarbeiten der kontextuellen Bedeutung des Raums („context becomes content“3) markiert dieser Text einen Paradigmenwechsel4 in der Kunstrezeption und einen Meilenstein für die weitere Kunstentwicklung. O´Doherty hat aber nicht nur den „neutralen“ weißen Galerieraum auf den Begriff gebracht, sondern im zweiten Teil5 auch eine erste Geschichte der Installationskunst entwickelt. „Wenn die Galerie durch Entfernung aller Inhalte ihren Zustand der Vollendung erreicht, dann wird sie zum Nullraum und unendlich formbar. Der implizite Inhalt der Galerie kann dann durch Gesten herausgearbeitet werden.“6 Die beschriebenen „Gesten im Ausstellungsraum“7 von Marcel Duchamp bis zu den 1960er und 1970er Jahre zählen auch heute noch zu den kanonischen Werken einer kontextorientierten Kunstgeschichtsschreibung.8 Zur Genealogie der Installation Beschäftigt man sich näher mit dem seit den 1990er Jahren breit verwendeten Begriff „Installation“ wird rasch klar wie desperat und vielfältig die damit bezeichneten Phänomene sind.9 Doch für Begrifflichkeiten gibt es neben Wörterbüchern Spezialisten: Die Installation bezeichnet der Philosophin Juliane Rebentisch zu folge nicht nur eine Kunstform sondern benennt auch die Weise ihre Herstellung, was sich auch in dem technisch instrumentellen Bedeutung spiegelt. Diese implizite Doppeldeutigkeit verweist auf den selbstreflexiven Bezug

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der Installationskunst, da immer die Bedingungen ihres jeweiligen Mediums reflektiert werden.10 Julie Reiss konstatiert 1999 in der ersten Kunstgeschichte der jungen Kunst „from Margin to Center“,11 dass es aber sehr wohl Schlüsseleigenschaften gibt, zeichnet aber vor allem die Verwendung des Begriffs nach: Zunächst ersetzte er den Vorgänger „Environment“, den der Künstler Allan Kaprow 1958 einführte um seine raumgreifenden Multimedia-Arbeiten zu beschreiben.12 Während die Verwendung des Begriffs Mitte der 1970er Jahre populärer wurde und u.a. von Projekt(-Kunst) / „projekt art“, „ambient art“, „environmental art“ oder einfach nur „temporary art“ begleitet wurde, kam es zu einer Verschiebung. „Hasn´t the term installation come to replace exhibition?“.13 Der englische Terminus „Installation“ wurde bald synonym mit Ausstellung und für im Ausstellungsraum produzierte Arbeiten verwendet.14 Im Deutschen vermittelt sich der Raumbezug in der gleichbedeutend verwendeten „Rauminstallation”. Installationen werden gerne in Verbindung mit dem Begriff des Gesamtkunstwerks15 gebracht, nachdem die per se intermedial sind. Wobei für eine Differenzierung nach den eingesetzten Medien Unterkategorien wie Videoinstallation16 , Medien oder Sound-Installation verwendet werden. Eine Antwort auf die Frage nach den Eigenschaften der Installation gibt die Kuratorin Claire Bishop in ihrer grundlegenden Aufarbeitung der Installationskunst: „,Installation art is a term that loosely refers to the type of art into which the viewer physically enters, and which is often described as ‚theatrical‘,‚immersive‘ or ‚experiential‘.“ 17 Ihre weiteren Ausführungen zur Installation bilden einen interessanten Link zu Brian O´Dohertys Überlegungen: „The photographic documentation of this arrangement was termed an ‚installation shot‘, and this gave rise to the use of the word for works that used the whole space as ‚installation art‘.“ 18 Der Installation Shot, als „Ikone“ der Moderne, steht für O´Doherty für eine Auffassung vom Raum in der „Auge/eye“ und „Geist/mind“ willkommen sind, raumgreifende Körper aber nicht. Für die Installation wesentlich ist aber das Konzept des „embodied viewer“, wie ihn die Minimal Art geprägt hat. Beeinflusst von der Phänomenologie Maurice Merleau-Pontys,19 ist der Betrachter eben kein statischer, monofokaler Apparat sondern ein „Körper“. Mit zwei Augen ausgestattet, ist er zu räumlichen Sehen befähigt und soll sich physisch


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