Fountain 3

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Andrea van der Straeten: Ich möchte kurz was zu dem Problem sagen, von dem Jennifer Allen sprach: diese Frage der Wiedererkennung, die das Hinsehen ersetzt. Genau diese Erfahrung gibt es in der Lehre. Immer wieder bringt es uns als Lehrende in den Zwiespalt, auf der einen Seite darauf aufmerksam zu machen, wenn es mögliche Referenzen gibt, auf der anderen Seite leisten wir damit einem Prozess der Konditionierung Vorschub. Ähnlich läuft es in der kuratorischen Praxis – wenn ich mir z.B. die, in den letzten Jahren um sich greifende Praxis des „Re-Enactments“ ansehe, des Wiederdurchspielens, der Wiederholung. Wobei dieser Hang zum „Re-Enactment“ sich nicht nur auf die gezeigten künstlerischen Arbeiten bezieht, sondern auch auf das Re-Enactment der kuratorischen Praxis selbst. Plötzlich gab es eine ganze Reihe von Ausstellungen, die explizit reflektierten, wie Ausstellungen funktionieren, was von Ausstellungen bleibt usw.. Das heißt, es sind zwei Sphären die ineinandergreifen, wo wir immer dazu neigen die eine als die Sphäre der Produktion zu sehen und die andere als eine Sphäre der Rezeption. Aber ich glaube, dass es nicht stimmt. Ich glaube, dass beide Bereiche in gewisser Weise produzieren und sich in diesen Produktionen auch gegenseitig verschränken. Eva Grubinger: Bei der Lehre kommt unweigerlich eine zusätzliche Ebene dazu, ohne dass man Referenzkunst heranzüchten will. Aber es ist eben auch wichtig, etwas zu wissen: Wie geht man in der Lehre damit um, dass man einerseits den Studierenden etwas mitgibt, was sie brauchen können und auch wissen müssen – und sie andererseits nicht schon zu sehr in eine Drucksituation bringt? Viele haben natürlich das Gefühl: „Das gibt es schon, das hat schon jemand gemacht, etc…“ Gleichzeitig kann man ihnen aber diese Information nicht vorenthalten – es ist ja auch spannend. Nikolaus Hirsch: Da ist natürlich gleich die Frage – welches Wissen meinen wir jetzt, welches Wissen ist notwendig? Ist es das Wissen per se, um dann später mit Referenzen spielen zu können, oder ist es ein Wissen des Produzierens, immer schon auf die Produktion bezogen? Ich glaube da eher an die Intelligenz von Studierenden, extrem selektiv vorzugehen und sich Dinge einfach instrumentell anzueignen, um auch zu Skulpturen oder ähnlichen Produktionsformen zu kommen. Jörg Heiser: Sind das die, die schon mit sechzehn wissen, wo sie in ihrer Karriere stehen wollen mit fünfunddreißig? Es gibt ja auch die anderen, ohne diese Art Masterplan... Nikolaus Hirsch: Ich glaube nicht, dass das linear verläuft – denn dann fliegst du immer wieder auf die Fresse. Du kommst auch in der Lehre sehr schnell mit deinen Lehrern in die Diskussion – es gibt wahrscheinlich extreme Reibungen, die Sicherheit im Diskurs ist gar nicht da. Du kannst gewisse Dinge nicht einfach voraussetzen: Ich kenne brillante Architekten, die keine Treppe zeichnen können, weil sie in ihrem Studium nicht gelernt haben, wie man das macht – dafür aber einen Film gemacht haben. Eva Grubinger: Unsere Studierenden kommen aus ganz verschiedenen Hintergründen, unterschiedliches Alter, Ausbildungen, etc. Mit welchem Wissensstand kommen die Leute an? Ich glaube schon, dass es gut ist, Studierende total zu bombardieren mit Wissen und sie auch vielleicht mal komplett zu überfordern, indem sie viel Input bekommen und auch viel Wissen, dass sie vielleicht gar nicht gesucht haben. Dieses Selektive, wie du es benannt hast (Nikolaus Hirsch)

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– da bin ich eher der Ansicht, dass es vielleicht genau das Gegenteil sein soll, weil man am Anfang auch noch gar nicht genau weiß, was interessant ist und was nicht. Anne von der Heiden: Das ist ja das tolle an so einer Institution, dass man hier die Chance hat, das Zweifeln, das „Zaudern“ sich leisten zu können…

martin hochleitner studierte klassische archäologie und kunstgeschichte an der universität salzburg. Er kuratierte zahlreiche ausstellungen und ist seit 2000 leiter der landesgalerie linz. seit 2008 ist martin hochleitner professor für kunstgeschichte und kunsttheorie/schwerpunkt kuratorische praxis an der kunstuniversität linz. zuvor lehrte er an verschiedenen universitäten, u.a. von 2007 – 2008 als Gastprofessor für fototheorie an der universität für angewandte kunst Wien. martin hochleitner lebt in linz. anne von der heiden studierte kunstwissenschaft, sozialwissenschaft und psychologie in Essen und Bochum. seit dem Ws 2010 ist sie professorin für kunstgeschichte und kunsttheorie an der kunstuniversität linz. zuvor lehrte und forschte sie u.a. am zkm und der hfG in karlsruhe, der khm in köln, der Bauhaus-universität Weimar, sowie an den universitäten Basel und zürich. sie ist autorin und herausgeberin zahlreicher publikationen, u.a. am nullpunkt. positionen der russischen avantgarde., suhrkamp Verlag. frankfurt a. m. 2005 (zus. mit aage hansen-löve u. Boris Groys). Eva Grubinger ist künstlerin und seit 2008 professorin für BildhauErEi – transmEdialEr raum an der kunstuniversität linz. Einzelausstellungen u.a. am Baltic centre for contemporary art, Gateshead uk (2003), der Berlinische Galerie (2004), der schirn kunsthalle frankfurt (2007) und dem museum der moderne in salzburg (2009); Gruppenausstellungen u.a. krannert art museum, illinois (2009), taipei fine art museum (2008), deichtorhallen hamburg (2002). Eva Grubinger lebt in linz und Berlin. Jörg heiser ist co-chefredakteur von frieze, herausgeber von frieze d/e und Gastprofessor im Bereich BildhauErEi – transmEdialEr raum der kunstuniversität linz. sein Buch plötzlich diese Übersicht. Was gute zeitgenössische kunst ausmacht erschien 2007 im claassen Verlag. Er kuratierte u.a. die ausstellungen funky lessons, BaWaG foundation, Wien (2005) und romantic conceptualism, kunsthalle nürnberg 2007. Jörg heiser lebt in Berlin. nikolaus hirsch ist architekt und kunsttheoretiker sowie seit 2010 rektor der städelschule und direktor des portikus in frankfurt /main. zuvor war er professor an der architectural association in london und Gastprofessor an der penn university in philadelphia. seine jüngsten projekte konzentrierten sich auf die konzeption von kunstinstitutionen wie die European kunsthalle in köln (2006–2008), unitednationsplaza in Berlin (mit anton Vidokle, 2006–2008), cybermohalla hub in delhi, cultural agencies in istanbul und eine studiostruktur in the land / tailand. hirsch ist autor von on Boundaries und institution Building (beide sternberg press).


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