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GiBt ES Ein »WESEn« dEr BildhaUErEi? EinE vorläUFiGE Bilanz dES ErWEitErtEn SKUlptUrBEGriFFS. Abschluss-Podium zum Symposium „Sculpture Unlimited“ Nikolaus Hirsch, Jennifer Allen, Martin Hochleitner, Anne von der Heiden, Jan Verwoert, Eva Grubinger, Andrea van der Straeten Moderation: Jörg Heiser Jörg Heiser: Vivian Rehberg hat heute Morgen die kunsthistorische Grundlage für unsere Diskussion gelegt, indem sie sich mit der berühmten Neuinterpretation des Skulpturbegriffs durch Rosalind Krauss beschäftigt hat. Ein Zitat ist mir im Gedächtnis geblieben: „Stare at a pit and think of sculpture“. Vielleicht könnte man aber auch sagen: „Stare at a pit and think of it as sculpture“. Ich glaube dieses Spannungsverhältnis – bei der Betrachtung von etwas, an Skulptur denken, oder von etwas als Skulptur denken –könnte heute bei der Diskussion eine Rolle spielen: das Skulpturale als eine Denkweise. Vivian hat auch dieses starke Beispiel gebracht, wie in den 1960er Jahren nicht nur der Skulpturbegriff erweitert wurde, sondern auch der Kinobegriff – Stichwort „Expanded Cinema“ – und wie sich plötzlich diese beiden Erweiterungen an bestimmten Stellen überkreuzt haben. Da war dieses Beispiel: Anthony McCalls Line Describing a Cone von 1973 – wie der Name schon sagt, eine filmisch projizierte Linie, die einen Kegel, im mit Trockeneisnebel erfüllten Raum, beschreibt – und plötzlich ist der Lichtstrahl des Projektors der eigentliche cinematische Raum, nicht mehr die Leinwand. Ein anderer Satz der besonders in Erinnerung geblieben ist, war: „how necessary is sculpture to produce the effects of sculpture?“ Also, wie notwendig ist die Skulptur eigentlich, um die Effekte von Skulptur zu erzeugen? Könnte es also Arbeiten geben, die nicht mehr Skulptur sind, aber sehr wohl die Effekte von Skulptur produzieren? Und ein weiteres, was sich wiederum auf Rosalind Krauss zurückführen lässt, ist die Idee des Videos: „video is that which allows you to project and remember“ – das künstlerische Medium als etwas, das als Katalysator für die Möglichkeit des Projizierens und Erinnerns dient. Jennifer Allen hat aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive heraus argumentiert, im Hinblick auf die Digitalisierung und den mit ihr einher gehenden Veränderungen für unseren Begriff von Schriftlichkeit und Mündlichkeit. Zunächst hat sie eine Parallele

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hergestellt: zwischen der Verschiebung von mündlichen zu schriftlichen Kulturen, und der Verschiebung von schriftlichen zu digitalen Kulturen. Die mündlichen Kulturen sind auf Wiederholungen als Erinnerungstechnik angewiesen – etwa, wenn in Märchen bestimmte Formulierungen immer wieder kehren, oder bei Homer in den klassischen Schriften bestimmte poetische Wiederholungsformen, die aus der mündlichen Überlieferung herrühren, oder diese mitreflektieren. Diese Formen der Erinnerung durch Wiederholung tauchen nun im digitalen Zusammenhang in verwandelter Form wieder auf. Aleksandra Mir hat am Beispiel ihrer eigenen Arbeit sehr treffend auch dieses Spannungsverhältnis zwischen Monumentalität und dem Ephemeren deutlich gemacht. Sie arbeitet mit dem Effekt der Monumentalität, lässt ihn zugleich aber wieder zerfasern, zerfransen, nomadisierend verschwinden: etwa bei den 16 Tonnen Postkarten, die sie bei der Venedig-Biennale 2009 als Paletten aufstellte und die im Verlauf der Biennale in den Distributionswegen der Post verschwunden sind. Eine Aussage von ihr, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war diese: Wenn jemand zu ihr sagt: „you can’t do that“, ist dies genau der Punkt, an dem es für sie interessant wird. Zum Beispiel wenn sie im öffentlichen Raum einen Ballon in Form eines Flugzeugs aufstellen will und ihr Leute aus verschiedenen Gründen sagen, warum das ja nicht gehen kann – sowohl technisch als auch bürokratisch – und warum es dann eben doch geht und gehen können muss, weil es einfach die Idee selbst verlangt: „bringing something impossible into the world“ – das war ihre zweite dazu gehörige Aussage; die Idee, dass man etwas Unmögliches zu verwirklichen versucht. Was auch bei Nikolaus Hirsch wieder auftaucht, jedoch in einer anderen Form: das Ermöglichen des scheinbar Unmöglichen. Bei ihm tauchte der Begriff der skulpturähnlichen Phänomene auf: Was passiert, wenn Künstler ihre skulpturale Denkweise in architektonische Kontexte einbringen,


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