Fountain 3

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traps sein könnten, stellt sich die Frage: Was fängt sich in ihnen? Was kann sich in einer Skulptur verfangen? Wenn man diese Anus-Mund Korrelation hier aufgreift und mit diesem Still von den Ghostbusters vergleicht, könnte man wohl sagen: Das was sich da fängt, das stinkt. Die Kacke ist am Dampfen. Wenn man das zivilisationstechnisch deutet, dampft die Kacke eigentlich immer. Das sagt Strindberg auch. In jeder Familie dampft was. In jeder Familie wird was durchgereicht. Das heißt, die Gespenster, die immer wieder kommen, sind das, was dampft und nicht weggeht, sind die Probleme, die die Großeltern schon nicht lösen konnten und deswegen an die Eltern weitergegeben haben, und jetzt sind es unsere Sorgen. Als ich das erste mal in Wien war vor 15 Jahren, habe ich immer wieder ähnliche Geschichten gehört. Ich hatte das Gefühl, die österreichischen Täler sind voller Gespenster, die kommen dann alle in die Stadt und keiner weiß so richtig wohin mit ihnen. Die Lösung sind Gespensterfallen. Wenn wir die Fallen nicht stellen, dann geht das immer weiter, dann kommt das aus dem Tal in die Stadt und kreist dort immer weiter. Es müssen Skulpturen her, die wie Gespensterfallen funktionieren und dem ganzen Spiel endlich mal ein Ende machen. Deshalb kommen wir auch wieder zur praktischen Frage der Magie zurück. Wie baut man eine Gespensterfalle? Was passiert in dem Moment, wenn man z.B. in der Bibliothek ist? Bibliotheken sind voller Gespenster. Also ist es immer gut, einen Protonenstrahler dabei zu haben. Auch wenn man ins Museum geht, in ein kulturgeschichtliches Museum oder in eine zeigenössische Austellung: Zack, Gespenst – gut, Protonenstrahler dabei, kann man sofort reagieren. Da ist die Gespensterfalle (Bild), man muss das Gespenst mit dem Protonenstrahler fassen und dann langsam in die Falle rein bewegen. Wenn man unter diesen Gesichtspunkten die Arbeit von Alina Szapocznikow anguckt, merkt man: Das, was sich da fängt in diesem Objekt, ist ein Trauma, was über Generationen wandern würde, aber in diesem Moment arretiert wird in der Arbeit. Die Arbeit auf der linken Seite heißt Alina’s Funeral. Alina Szapocznikow hat drei Konzentrationslager überlebt und dann diese Arbeit in den 1960er Jahren gemacht. Was man sieht, ist ein Polyester-Knoten, in den verschiedene Portraitfotos von Menschen in eine merkwürdige amorphe Masse, eingefügt sind. Unten ist noch ein weiterer Blob, wo ein Portraitfoto von ihr selber drinnen ist und ein Stück von einer KonzentrationslagerInsassen-Uniform. Was ich daran so stark finde ist, dass das Gefühl eines kollektiven Traumas trotzdem durch ein Objekt gefasst wird. In dem Moment, in dem die Traumata als Energiespur im Raum sind, betreffen sie gleichermaßen all jene, die sich in diesem Raum aufhalten. Also muss es darum gehen, in dieser kollektiven Verbindlichkeit, dieser Gemengelage, diese Energiespur irgendwie zu binden – in derGespensterfalle, die unter Umständen eine Skulptur ist. Ich mag die Idee der Gespensterfalle, weil sie uns wegbringt von der Idee des Kathartischen. Normalerweise denkt man: Therapie machen wir alle, quasi à la Otto Mühl hauen wir auf die Töpfe, das ist kathartisch

Gespensterfalle

und dann sind wir das los. Freud nennt das bloßes „Ausagieren“. Es hebt die Energiespur eigentlich nicht auf. Gerade bei dramatischen Situationen, wie dem Holocaust, ist das was kathartisch bedeuten sollte, sehr zweifelhaft. Wieso sollte man ein Monument oder ein Denkmal bauen? Wegen der kathartischen Wirkung? Damit wir es dann endlich los sind, das Trauma? Darum kann es nicht gehen. Trotzdem aber geht es darum, dass das Trauma nicht ständig weiter wandert, irgendwo gefangen ist und dadurch nicht die Illusion entsteht, wir wären es los. Das ist die Funktion der Gespensterfalle: Das Gespenst, das Trauma, ist in dem Ding drin und wenn man auf den Knopf drückt, ist es wieder draußen. Es bleibt für den Moment gefangen im Objekt, aber dieses Objekt steht immer noch zwischen uns. Wenn ich die Arbeit von Szapocznikow im Museum anschaue, dann steht sie da weiter zwischen uns. Wir sind das Trauma nicht los. Es bleibt trotzdem auf gewisse Weise gebunden, und zwar so gebunden, dass es nicht stillschweigend in der Familie die ganze Zeit weiter gereicht wird, sondern im öffentlichen Raum als gebundenes Gespenst existiert, wo es ständig daran erinnert, dass es noch da ist. Eine Arbeit, die dies meines Erachtens auf ähnliche Art und Weise widerspiegelt, ist diese Arbeit von Manfred Pernice, die bei den letzten „Skulpturen Projekte“ in Münster 2007 installiert war, und da ist es nicht nur ein Objekt, was diese Verbindung herstellt, sondern ein ganzer Raum. Denken wir an diese Autobahntoilette zurück, so handelt es sich um eine Transformation eines gesamten Raumes. Pernice installierte die Skulptur gegenüber einem Männerwohnheim für Haftentlassene. Dieser Unterstand war der Bushaltestellenunterstand gegenüber einem Gefängnis in Berlin, der nach Münster verfrachtet worden ist. Und die Bühne, die er da gebaut hat, befand sich an der Stelle, wo die Villa desjenigen stand, der diese ganze Park-

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