Fountain 3

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Nach Manfred Pernice, Konserve 03, 2003

Arbeit, die er in Hamburg gemacht hat. Pernice arbeitet immer mit Modulen, so genannten Dosen, die er dann auf eine magische Weise umwidmet: Hier hat man z.B. die Parkhausdose, die stand in einem Parkhaus, das war die Bahnpolizeidose, die wurde dann an die Bahnpolizei rangeschoben und der Bahnpolizei angeglichen – die Kacheln auf der Außenseite waren den Kacheln der Toiletten der Polizei nachempfunden, und man hat dann auch noch Broschüren der Polizei da drinnen. Da wird mit der Ähnlichkeit als magischem Prinzip gearbeitet: Wenn das Ohr und die Schüssel einander ähnlich sind, dann bringen wir die mal zusammen und gucken was passiert. Hier wird die Dose, sobald man sie neben die Bahnpolizei stellt, zur Bahnpolizeidose. Und das ist die Thaidose, die stand neben einem Thairestaurant – es wird also ortsspezifisch die Magie des Ortes aufgegriffen aber gleichzeitig auch verwandelt. Das ist eine besondere Art der magischen Spezifität, die sich nicht dem Gesetz des Ortes unterwirft, sondern die Eigenschaften des Ortes übernimmt und zum Teil eines magischen Rituals macht. Ähnlich ist das bei der Hemddose von Manfred Pernice. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, weil die Hemddose eigentlich ein ontologischer Protestschrei ist. Normalerweise, wenn wir eine Dose haben, z.B. eine Pfirsichdose, dann sind die Pfirsiche in der Dose. Aber bei ihm ist das Hemd um die Dose. Eine Hemddose wäre ja eigentlich eine Dose voller Hemd. Aber hier wird das Innen nach Außen gedreht. Dieser grundsätzliche skulpturale Gedanke der Verkehrung von Innen und Außen wird hier radikalisiert, indem der Inhalt der Dose, eigentlich die Dose ist, also die Form ist der Inhalt. Die Hemddose ist nicht eine Dose voller Hemd, sondern eine Dose aus Hemd. Selbst Manzoni ist noch relativ konventionell: Die Dose mit Künstlershit ist voller Künstlerscheiße. Bei Pernice dagegen ist

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das, was in der Dose wäre— die Dose, oder Teil der Dose. Insofern haben wir hier auf der Ebene des reinen Umgangs mit Material einerseits einen ganz spezifischen praktischen Umgang: Ist das Hemd in der Dose oder außerhalb der Dose? Wenn die Dose zur Thaidose wird welche materiellen Eigenschaften hat sie dann? Aber genau auf der Ebene der Materialreflexion finden absolute Entgrenzungen im ontologischen Bereich statt, in Bezug auf das, was etwas ist und was Innen, was Außen ist? Was Objekt und was Umraum ist, also was mit wem spricht, Entgrenzungen, die radikaler nicht sein könnten. Deshalb ist Magie so interessant, weil sie einerseits absolute radikale Kategorie-Eingrenzung ermöglicht, aber auf der anderen Seite absolut materialspezifisch ist. Bei jedem Zauberspruch muss man genau wissen, in welcher Abfolge man die Schritte durchgeht. Das kennt man: Wenn man nicht aufpasst, geht etwas schief und dann sitzt dir ein Frosch gegenüber. Das ist die Idee der Skulptur als magisches Objekt, als Vehikel für einen entgrenzten Dialog mit anderen Körpern und ihrem Umraum. Das zweite Thema ist die Frage der Skulptur als Speicher; wir haben vorher von Storage gesprochen. In der Magie geht es ja immer auch darum, wie sich ein Objekt mit Erinnerung auflädt und dadurch eine bestimmte Funktion erhält. Der Dreamcatcher z.B. speichert meine Träume, man könnte sagen, wir sind heutzutage an so viele Aufnahmemedien gewöhnt: Digitale Aufnahmemedien, analoge Aufnahmemedien – und das ist ein magisches Aufnahmemedium. Das ist wie ein Mikrofon mit Speicher. Wenn ich schlafe, speichert es meine Träume. Das ist ein auch interessantes skulpturales Prinzip: Das Ding hängt. Also man hat eine Grundstruktur, die den Aufnahmekern ausmacht und dann hängt man jede Menge Zeug daran. Zurück zu den Arbeiten von Jim Lambie: da hängt das Gefühl raus aus den Dingern. Man muss sie hoch hängen und dann kann was davon runter hängen. Und während dieser ganzen Hängerei lädt sich das ganze möglicherweise mit Gefühlen auf. Ähnlich bei Isa Genzken, die dann den Sockel nicht nur als etwas nutzt, wo man was rauf stellen kann, sondern wo man was runter hängen lassen kann, was im Prinzip einfach leere Formen sind, die, während sie da hängen, eigentlich darauf warten, dass sich irgendwas in ihnen verfängt. Genau wie das auch beim Dreamcatcher der Fall ist. Bei dem eigentlich die Bedeutung von vornherein noch nicht definiert ist, sondern einfach eine Contraption, eine Falle aufgebaut wird, die, während sie da hängt, die Möglichkeiten generiert, das sich darin etwas fängt und die ganze Sache sich auflädt. Das kennt man auch von den Ghostbusters, die genau mit dieser Art von Fallen arbeiten, mit Gespensterfallen, ghost traps. Bei den Ghostbusters sind das, was sich da drinnen fängt, nicht nur irgendwelche Gefühle, sondern scheußliche Gefühle, Unholde, Gespenster, die seit Generationen ihr Unwesen treiben und dann gefangen werden müssen. Wenn man unter diesem Blickwinkel die Arbeit von Alina Szapocznikow anschaut und sich überlegt, dass das auch ghost


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