Fountain 3

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dem, was ich neue Altar-Installation nenne – mit Digitalisierung zu tun hat. Wie schon ganz am Anfang erwähnt, spielen in der Mündlichkeit Wiederholungen eine sehr grosse Rolle, weil man nichts niederschreiben kann. Dieses Moment der Wiederholung findet man auch im Fetisch und im Kunstgewerbe, weil solche Kulturen das Neue und Veränderungen generell meiden. Diejenigen, die solche Objekte fertigen, bleiben meist anonym – genau wie der Erzähler. Schriftlichkeit vermeidet solche Wiederholungen, um das Neue, die Erfindung – und somit den Künstler als kreativen Einzelgänger – zu schätzen und zu betonen. Das Denkmal ist eine Art Markierung der Landschaft. Das Land wird quasi als Textfeld behandelt, wo man immer das Gleiche am bezeichneten Ort finden kann. So, wie sich das Zitat immer auf Seite 120 befindet, befindet sich auch ein Denkmal immer in diesem Park oder auf jenem Platz. Die Schriftlichkeit ist in der Ausführung eine künstliche Methode – vergleicht man sie mit dem Herstellungsmodus von Fetisch- oder Volkskunstobjekten, die stets „man-made“, in der Regel aus lokalen und natürlichen Materialen gefertigt sind. Im Gegensatz zur klassischen Skulptur, wurden Fetische und Kunstgewerbe-Gegenstände angefasst und benutzt, sei es in Ritualien oder im Alltag. Beuys Soziale Plastik als interaktive Skulptur fing an, sich in den 60ern zu verbreiten – genau wie de Rechner und die Information. Nochmals sehr vereinfacht gesagt: die Auflösung der in sich geschlossenen Skulptur durch Installationen, Environments oder durch orts-spezifische Interventionen spiegelt die Entwicklung des digitalen Gedächtnisses wieder, das zu keinem bestimmten Ort gehört, sondern überall. Das klingt wie ein Widerspruch, denn ortsspezifische Interventionen tendieren dazu, die Einzigartigkeit eines Orts zu betonen, sei er ein Raum in einer Galerie oder eine Strasse in einer Stadt. Aber wenn man den Ort irgendwie unterstreichen muss, ist er nicht mehr selbstverständlich. Relational Aesthetics ist auch mit dem Internet verbunden, nämlich als eine Vorwegnahme des Chat-Rooms, wo man Unbekannte in einem geschützten Bereich treffen kann. Relational Aesthetics Betonung auf den Körper, den menschlichen Kontakt und die gemeinsame physische Erfahrung, war vielleicht eine melancholische Vorahnung, das das Treffen „fâce à fâce“ im virtuellen Raum bald verschwinden würde. Relational Aesthetics gehört den 90er an, also eine Generation, die keine iPhones, iPods und iPads hatte. Ich glaube, dass für jüngere Künstler die Festigkeit der Skulptur, ihre Unbeweglichkeit – problematisch geworden ist. Natürlich sind sie daran gewöhnt, dass Gegenstände an einem Ort bleiben. Aber Kunstwerke sind keine alltäglichen Gegenstände und sollten zu einer gemeinsamen Erfahrung führen, die heutzutage vor allem im Internet stattfindet, genau wie Seth Price 2001 festgestellt hat. Einige Lösungen habe ich in der Rijksakademie in Amsterdam und in der Hamburger Kunsthochschule gesehen. Es handelte sich um Skulpturen und Installationen, die in ihrer formalen Gestaltung an säkulare Altäre erinnern. Beispiele sind provisorische, volkstümliche Denkmäler mit Blumen, Erinnerungsstücke,

Kerzen und Fotos der Toten oder Thomas Hirschhorns „Memorials“ für gestorbene Denker und Schriftsteller wie Deleuze, Bataille oder Ingeborg Bachmann. Aber die Künstler an der Rijksakademie und an der Hamburger Kunsthochschule haben ihre Skulpturen und Installationen keinem gestorbenen Menschen gewidmet. Der Tod schien nur eine Art, die Festigkeit der Skulptur – und wiederum die Präzenz der Betrachter – zu rechtfertigen. Für das OPEN-Event an der Rijksakademie im November 2009 inszenierte Melanie Bonajo eine kleine Welt für sich, The Grand Exploring Soul and the Point Where History Failed (2009). Diese raumgreifende Installation – samt Alltagsgegenständen (Wasserkocher), natürlichen Elementen (Sand) und vielen brennenden Kerzen als Beleuchtung – sah wie ein Tempel aus. Bonajo hat den Sand benutzt, um einen Kreis auf dem Boden zu formen, der die Bewegung der Betrachter durch die Installation sowohl leitete als auch ritualisierte. Frank Koolens Lucky Jack’s (2009) – genannt nach einem Kasino in Amsterdam – zeichnet sich durch eine kleine Ansammlung von Gegenständen aus: auf der Wand ein Neon-Schild mit gelben auratischen Kreisen und auf dem Boden Vasen, Flaschen und Münzen – wie Glücksbringer, ein Schrein oder ein Wunschbrunnen. Für die Tage der offenen Türen an der Hamburger Kunsthochschule im Sommer 2010 hat Phillip Pichler eine Art Wunschbrunnen auf eine Bushaltestelle gelegt. Auf dem Dach verstreute Pichler goldene Münzen, die nur vom Balkon der Kunsthochschule zu sehen waren. Ohne Titel (2010) erinnert nicht nur an den Verlust von öffentlichen Geldern während der Finanzkrise, sondern auch an die Vogelperspektive des Google Street Views. In einem Raum der Kunsthochschule baute Jasmin Böschen Ohne Titel (2010) auf: Fotos, Zeichnungen und Stickarbeiten der Körperteile von einem lebendigen und noch lebenden Mann, die auf einem kleinen Brett gestaffelt waren. Ganz besonders interessant waren die aufeinander liegenden Bildrahmen – genau wie in einem Schrein. Vom Inhalt her sind diese Arbeiten weder Altäre noch Denkmäler, aber letztendlich rufen sie die kollektive Erfahrung des Todes und der traditionellen öffentlichen Skulptur hervor.

Jennifer allen ist chefredakteurin von frieze d/e und schreibt eine regelmäßige kolumne für frieze. 2009 erhielt dr. allen den adkV-art-cologne-preis für kunstkritik. nachdem sie 1995 mit einem daad- stipendium nach Berlin kam, hat sie für zahlreiche deutschsprachige publikationen und internationale magazine sowie für ausstellungsinstitutionen im europäischen raum über zeitgenössische kunst geschrieben. sie hat an der université de montréal in Vergleichender literaturwissenschaft mit dem schwerpunkt theorie und Epistemologie promoviert und war lehrbeauftragte im fachbereich kulturwissenschaften der humboldt-universität zu Berlin. zuletzt hielt sie Vorträge u.a. bei iaspis in stockholm, der rijksakademie in amsterdam sowie bei platform3 räume für zeitgenössische kunst münchen.

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