Fountain 3

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Mündlichkeit immer unterwegs. Nicht an einem Ort, sondern überall, weil Menschen sind wie laufende Bücher, wie Bibliotheken auf zwei Beinen. In einer, von der Mündlichkeit beieinflussten Gesellschaft, vergleicht man den Tod eines älteren Menschen mit der Verbrennung einer Bibliothek. Jetzt kommen wir zu einem weiteren Unterschied zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit: Verteilen (Mündlichkeit) und Bewahren (Schriftlichkeit). Das Aufbewahren von Büchern, als Kunstgegenstände, archäologische Fundstücke oder Dokumente – wäre absolut tödlich für das Gedächtnis der Mündlichkeit. Wenn ich eine Erzählung für mich selbst behalten würde, dann würde sie sterben und damit auch ein Teil des kollektiven Gedächtnisses oder „Memoria.“ Letztendlich klingen für mich das mündliche Mitteilen und Teilen, wie eine verkörperte Version des „online sharings.“ Als man die Unterschiede zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit um die 60er entdeckt hatte, war der Rechner ganz neu für die breite Öffentlichkeit. (Der erste Mac-Computer von Apple kam 1984 auf den Markt). Forscher wie Eric Havelock und Walter J. Ong hatten klassische grieschische Gedichte aus der Antike studiert, vor allem Homers Odyssey, um ihre Thesen zu bestätigen. Marshall McLuhan wendete sich dem neuen Medium zu, wobei der Fernseher in seinen Texten wichtiger war als der Rechner, weil Rechner in den 60ern keine Massen-Medien waren. Noch Anfang der 90er hatten Rechner keine Farbe, keinen Internet-Anschluß und keine beweglichen Bilder – man kann sich vorstellen, wie technisch-unappetitlich und bureaukratisch die Rechner der 60er ausgesehen haben. Havelock und Ong haben Rechner eher als eine Vorsetzung, Ausweitung oder Ergänzung zur Schriftlichkeit beschrieben: als Wörter, Texte und Informationen und nicht im Sinne von digitalen Büchern. Nach McLuhan hat der Rechner ein perfektes Gedächtnis, stärker und einheitlicher als das Gedächtnis der Bücher. Aber Havelock, Ong und McLuhan sind einfach zu früh gestorben, um die fantastische Weiterentwicklung der Rechner zu erleben, um unsere Zeitalter der nomadischen Digitalisierung zu studieren, von YouTube bis zum iPhone. Meiner Meinung nach hatten Havelock, Ong und McLuhan recht und unrecht gehabt. Der Rechner ist nicht nur eine Ausweitung oder eine Ergänzung der Schriftlichkeit, sondern eine ganz neue Art des kollektiven Gedächtnisses, ein „Memoria“ für sich. Heute können wir von drei grossen Phasen des „Memorias“ sprechen: Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Digitalisierung. Wie ich schon erwähnt habe, gab es nie einen radikalen Bruch zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, obwohl sie in manchen Punkten unvereinbar miteinander

Phillip Pichler, Ohne Titel, 2010

sind, wenn nicht entgegenwirkend. Denken Sie nocheinmal an den Unterschied zwischen mündlichem Verteilen und schriftlichem Aufbewahren. Auch die Digitalisierung macht keinen radikalen Bruch mit Mündlichkeit und Schriftlichkeit, sondern beinhaltet Spuren von beiden Arten des „Memorierens,“ was bereits angedeutet wurde. Einerseits funktioniert die Digitalisierung mit Hilfe von Verteilung und gemeinsamer Nutzung. Man denke an Links, Tweets, Online Forums oder Social Networks wie Facebook. Auf der anderen Seite funktioniert die Digitalisierung wie Havelock, Ong und McLuhan sie beschrieben haben, als ein perfektes und sehr mächtiges, jederzeit greifbares, kollektives Gedächtnis. Ein Posting auf Facebook – z.B. von wilden Party-Fotos – kann wie ein digitaler Tattoo wirken, der einen jetzt oder auch später belasten könnte. Wie wir alle wahrscheinlich schon erfahren haben, gibt es eine eingebaute Überalterung in der Digitalisierung, sowohl in der Hardware als auch in der Software. Vergleichen Sie Bücher, die sich über Jahrhunderte kaum im Formatgeändert haben mit iTunes, das alle sechs Monate automatisch aktualisiert wird. Die Digitalisierung lässt sich in manchen Punkten nicht mit Mündlichkeit und Schriftlichkeit vereinbaren. Texten und Tweeten haben kaum etwas mit der klassichen mündlichen Erzählung zu tun, die mit der Stimme und dem Körper des Erzählers und mit der Anwesenheit von vielen Zuhörern verbunden ist. Ich habe die Unterschiede zwischen Schriftlichkeit und Digitalisierung verstanden, nachdem ich einen „Digital-Native“ – einen digitalen Einheimischen – in einer Berliner Buchhandlung erlebt habe. Ein junger Mann, 17 oder 18 Jahre alt mit iPod unterwegs, kam mit einer Verkäuferin zu der klei-

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