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Wie kommt man auf die Idee, 3000 Kilometer durch die Alpen zu wandern? Was sind deine Beweggründe?

In meinem Fall hat ein Blick auf die Übersichtskarte des ÖAV gereicht. Anfangs wollte ich nur den Südalpenweg von Bozen nach Bad Radkersburg gehen, dann sah ich mögliche Verbindungen mit dem Zentral- und Nordalpenweg und die Sache nahm Gestalt an. In Österreich hat es derartige Aktionen seit den 1990er Jahren nicht mehr gegeben und daher motiviert es mich besonders, alle drei Hauptwege "in einem" zu bewältigen. Das Reisen zu Fuß fühlt sich für mich einfach gut an. Es gibt nichts Besseres als Plätze aus eigener Kraft zu erreichen, um so einen guten Überblick von Umgebung, Kultur und Menschen zu erhalten.

So ein Projekt erfordert ja nicht nur spezifische Vorbereitung, sondern jahrelange Erfahrung, erzähl ein bisschen was von dir.

Ich bin, seit ich mich selbstständig fortbewegen kann, draußen unterwegs. Als Kind verbrachte ich jede freie Minute am Bach und im Wald hinter dem Haus meiner Eltern, um Unterstände und Baumhäuser zu bauen. Mein Vater nahm mich oft zu Touren auf die Hohe Wand mit und als Achtjähriger war ich zum ersten mal mit Skiern am Schneeberg. Es fühlt sich für mich daher sehr natürlich an, draußen zu sein. Bei meiner ersten Weitwanderung am GR221 auf Mallorca ist mir trotz vieler anfänglicher Schwierigkeiten bewusst geworden, dass ich gerne nicht nur für ein paar Tage wandern möchte, sondern am besten für Wochen und Monate. Währenddessen habe ich auch meine Leidenschaft zum Ultra-Trailrunning gefunden. Am GR221 entdeckte ich einen Streckenmarker des Ultra Trail Serra de Tramuntana, daheim hab ich im Internet nachgesehen was ein Ultra-Trail ist. Ich konnte es zuerst gar nicht glauben und war von der Idee fasziniert und begeistert zugleich. Zwei Jahre später stand ich selbst am Start des Ultra Mallorca und lief die 110 km Strecke als mein erstes Trail-Rennen überhaupt. Ein Jahr zuvor habe ich eine komplette Durchwanderung des 4.270 Kilometer langen Pacific Crest Trail in Amerika absolviert. Daher hatte ich großes Vertrauen in meine Physis und Psyche. Bis heute hab ich seit 2010 über 20.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, in Form von Weitwanderungen oder als Trailrunner. Heuer konnte ich auch mein erstes 100 Meilen Rennen finishen. Ultra-Trail laufen ist für mich das perfekte "Abenteuer" für zwischendurch, mein Herz schlägt aber ganz klar für eigene Projekte und Unternehmungen.

Wie funktioniert das bei dir mit der Arbeit und Familie?

Meine Freunde und meine Familie stehen zu 100% hinter mir. Ich denke sie kennen mich gut genug, um zu wissen was ich brauche und freuen sich auf Geschichten und Bilder von unterwegs. Vor meinen größeren Trips habe ich bisher immer die Arbeitsstelle gekündigt und während der Tour auf monatliches Gehalt verzichtet. Ich verzichte im Alltag gut und gerne auf ein Auto, lebe minimalistisch und brauche nicht besonders viel Geld zu verdienen. Das Leben während der Tour ist meist günstiger als normal, ich komme daher mit Erspartem aus und finanziere die Reisen im Nachhinein bis zu einem guten Teil mit Vorträgen. In Zukunft möchte ich Workshops und geführte Touren anbieten um selbstständig arbeiten zu können und Menschen für die Natur und ein selbstbestimmtes Leben als Weitwanderer zu begeistern.

Bist du die ganze Zeit alleine unterwegs oder hast du auch Begleitung?

Am Zentralalpenweg gibt es einige hochalpine Abschnitte, die ich gerne, sofern die Verhältnisse passen, anstatt der Ausweichrouten gehen möchte. Darunter sind auch einige Gletscherquerungen die ich nach Möglichkeit mit einem Seilpartner machen werde. Natürlich hoffe ich auch, dass mich Freunde und Bekannte von Zeit zu Zeit begleiten.

Wie hast du dich darauf vorbereitet und wie lange?

Die Vorbereitung beruht zum Großteil auf vorherigen Unternehmungen. Ich weiß genau was ich benötige und kann gut einschätzen was für mich möglich ist. Ich trainiere nicht im eigentlichen Sinne, sondern mache draußen hauptsächlich das, worauf ich Lust habe. Das kann eine Tageswanderung sein, eine Übernachtung, ein langer Trailrun, oder eine Berg- bzw Klettertour. Das passiert bei mir alles sehr spontan und ganz ohne Trainingsplan oder dergleichen. Wichtig ist, in den ersten Tagen der Tour nicht zu übertreiben, sodass sich der Körper spezifisch anpassen kann. Die Routenplanung, vorallem die Versorgung und Logistik während der Tour ist da schon etwas mühsamer und hat im aktuellen Fall ca. 3 Monate gedauert. Ich trage alle wichtigen Orte, Hinweise und Tageskilometer in Excel Tabellen ein, um eine strukturiertere Übersicht zu erhalten.

Erfährt man unterwegs wie es dir geht?

Ich werde ein- bis zwei mal pro Woche auf meiner Webseite und der dazugehörigen Facebook Seite kleine Berichte, Fotos und kleine Sequenzen veröffentlichen.

www.matthiaskodym.com

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Profile for Trailrunning-Szene

Trailrunning Szene 04/2016  

Das Offroad Laufsport Magazin, Juli/August 2016

Trailrunning Szene 04/2016  

Das Offroad Laufsport Magazin, Juli/August 2016

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