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Jahre Jubiläum

Die Jubiläumsausgabe S. 8 ZEITGESHEHEN

Jahresrückblick und Ausblick FEUILLETON S. 10 Eine erheiternde Liebelei am Theaterabend WETTER S.

12 PARIS, LOS ANGELES, TOKIO UND BERLIN SPORT S.14 ARTHUR FRIEDENREICH: GEÄCHTETER FUßBALLHELD BRASILIENS CITY GUIDE S.16 & 25 ZÜRICH, WIeN UND BERLIN 8-PAGE EDITORIAL SPREAD S. 17 THE AFTER PARTY VON ARNAUD ELE GESELLSCHAFT S. 26 5 Influencer,

die die Mode dominieren ACCESSOIRES S. 28 ESSENTIALS FÜR DIE WEIHNACHTSSAISON KUNST S. 30 HELMUT NEWTON STIFTUNG: AKTFOTOGRAFIE OHNE FEMININE POSITION FILMKRITIK S. 31 SUSPIRIA 2018 GOURMET S. 32 KULINARISCHER GENUSS IN NEW YORK, NEW YORK! DESIGN S. 34 Der Weihnachtsmann BEREITET SICH VOR: RELAXED AUF SEINEM KOMFORT-SESSEL, BENUTZT SEIN RASIERSET REISE S. 36

HUASCARÁN – GIPFEL ERKLIMMEN IN PERUS ANDEN ARROGANT BASTARD S. 38 MENTAL CRIPPLE


IMPRESSUM

WIR BEDANKEN UNS BEI ALLEN MITWIRKENDEN DES JAHRES 2018

AA-Collected, Wes Anderson, Eva Biringer, Tobias Wirth @ Tobias Bosch, Marco Buch, Anne-Béatrice Clasmann, Essie Cramer, Verena Dauerer, Alexander Davaroukas, Ralph Deisel, Dima, Elli Drake, EDISONGA, Arnaud Ele, Stefan Elfenbein, Kelley Frank, Klein Glien, Annette Görtz, Marc Hairapetian, Robin Hartmann, Alexandra Heckel, Isabelle Huppert, Cornelia Jeske, Silke Katenkamp, Julia Keesen, Laura Knoops, Dorota Kobiela, Anne Lailach, Karolina Landowski, Meilynn Lindlar, Gunnar Lützow, Paul Krause @m4models, Katja Maaßen, Raphaela Marx, Lucie Stoll @ Modelwerk, Charlotte Nolting @ Modelwerk, Chrissie Moissl, Bernd Neff, Sophie Nobis, (Yu + Ma): Yuji und Mari Oboshi, Rudolf Packevics, Vanessa Pecherski, Martin Thomas Pesl, Sebastian Pielles, Barbara Russ, Tamara Sarischwili, Frauke Schmidt, Ksenia Schneider, Dr. Inge Schwenger-Holst, Raimar Stange, Jacques Stephens, Christina Sticht, D. Strauss, Giles Taylor, Frank Thiel, Anna Tomforde, Saskia Trebing, Christina van Zon, Sutida Vestewig, Waldemar, Hugh Welchman, Michael Wolf, Karin Zweidler

Contributors

Arnaud Ele & Laura Knoops

Stefan Elfenbein Deutscher und Amerikaner, New Yorker und Berliner, ExUSA-Korrespondent der Berliner Zeitung und Autor für das Magazin Der Feinschmecker – seit 30 Jahren pendelt Dr. Stefan Elfenbein zwischen seinen Wohnsitzen auf beiden Seiten des Atlantiks hin und her. »Als ich diesmal in New York ankam und an meinem Subway-Stopp Church Street in Tribeca ausstieg, war ein ganzer Straßenzug abgerissen,« sagt er, »samt Schuster, Reinigung, Deli und Neighborhood-China-Imbiss, in dem ich drei Generationen am Wok habe aufwachsen sehen«. Auf den Seiten 32 stellt er die TOP 5 neuen Restaurants und Treffs in einer Stadt vor, in der man begonnen hat, auch mit Küche und Genuss nun dafür zu kämpfen, dass erhalten bleibt, für was sie steht.

Arnaud Ele, geboren in Kamerun und seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz ansässig, studierte Film- und Filmgestaltung in Genf. Der Fotograf und Videofilmer Arnaud ruft uns auf die Reise. Seine Arbeit im Vintage-Geist wirkt zeitlos und navigiert zwischen analog und digital. Seine Reisen und verschiedene Kooperationen mit internationalen Marken, Künstlern und Zeitschriften ermöglichten es ihm, einen originellen, klassischen und authentischen Stil zu entwickeln. Laura Knoops wurde in Frankreich geboren, aufgewachsen in Belgien und der Schweiz. Die Berliner Designerin lebt und arbeitet an der Schnittstelle von Digital- und Printgrafik. Sie landete 2012 in Berlin, um ihre berufliche Laufbahn als Grafikerin und Art Directorin zu beginnen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Zusammenarbeit, die manchmal bis hin zur Erforschung verschiedenster Kommunikationsmedien reicht. Ihre Interventionen befassen sich sowohl mit Print als auch mit Digital.

Cornelia Jeske Es ist wahrscheinlich das Wetter, das von dem Jahr 2018 am ehesten hängen bleibt, und vielleicht wird man eines Tages fragen: Wo warst du in jenem Sommer, der einfach nicht enden wollte? Was sonst noch in der Welt geschah – Cornelia Jeske, Buchautorin und Journalistin in Berlin, – hat es für diese Ausgabe zusammengetragen. Feinsinnig und amüsant, wie es ihre Art ist. Auf die Frage oben hat sie übrigens die richtige Antwort: am Strand war sie, wochenlang. Für ihren Blog (www.zweikuesten.de).

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VERLEGER

Jacques Stephens V.i.S.d.P.

SCHLUSSREDAKTION

TITELBILD

fotograf Arnaud Ele assistentin des fotografen Laura Knoops stylist Rudolf Packevics hair & make-up Meilynn Lindlar modell Lucie Stoll @ Modelwerk modell trägt Kuvertbeutel mit Kette 116Centseize, Matrosenhose mit hoher Taille Naya Rea Produktion AA-Collected

Julia Keesen

AA-Collected, Eva Biringer, Verena Dauerer, Arnaud Ele, Stefan Elfenbein, Marc Hairapetian, Robin Hartmann, Cornelia Jeske, Julia Keesen, Laura Knoops, Meilynn Lindlar, Paul Krause @ M4 Models, Sophie Nobis, Ksenia Schneider  @ M4 Models, Lucie Stoll @ Modelwerk, (Yu + Ma): Yuji und Mari Oboshi, Rudolf Packevics, Vanessa Pecherski, Barbara Russ, Jacques Stephens, D. Strauss, Michael Wolf

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MITARBEITER DIESER AUSGABE

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No 65 - 2018 TRAFFICNEWSTOGO.DE


Einpacken ist das vorspiel des schenkens THE CONCEPT SHOPPING MALL

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ZEITGESCHEHEN

Jahresrück- blick

8 2019

Das Jahr beginnt an einem Montag und man möchte tatsächlich nur eines: sich die Decke über den Kopf ziehen und gar nicht erst aufstehen. Deutschland hat, 99 Tage nach der Wahl, noch immer keine Regierung, während die Welt weiter-hin von Trump und Putin regiert wird, Erdogan seine Macht ausbaut und den deutschen Journalisten Deniz Yücel seit fast einem Jahr ohne Grund im Knast festhält. Fortschrittsmantras à la »Alles wird besser« sind schon lange ausgelutscht. Vielmehr erleben wir seit einiger Zeit das, was der Franzose Charles Maurice de Talleyrand (1754-1838) wohl meinte, als er die Geschichtsschreibung als »Unfallchronik der Menschheit« beschwor. Wir sitzen da und lecken unsere Wunden. Draußen alles grau und trüb. Zumindest letzteres kann nur besser werden. Bei allem anderen ist man sich nicht mehr so sicher...

JANUAR Anfang mit Affen

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Nein, wir befinden uns nicht im Jahr des Affen (das war doch, als Trump Präsident wurde), aber zu Beginn des Jahres machen unsere nächsten Verwandten gleich mehrmals Schlagzeilen. Da sind etwa die zehn Langschwanzmakaken, die in einer luftdichten Kammer vier Stunden lang die Abgase eines VW-Beetle einatmen und dabei Zeichentrickfilme gucken mussten, letztere zur Beruhigung. Mit dem Experiment wollte VW die Unbedenklichkeit von Dieselmotoren nachweisen – was ihnen merkwürdigerweise nicht gelang, hatte man den Motor doch so manipuliert, dass er weniger Emissionen freigab als üblich. China vermeldet derweil, dass es erstmals gelungen sei, Javaneraffen zu klonen. Mit der gleichen Methode könne man auch Menschen klonen, so die beunruhigende Nachricht, die uns in tiefster Dunkelheit erreicht. Noch nie war der Winter in Deutschland so mies wie jetzt.

FEBRUAR Komaglotzen

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MÄRZ Es geht um die Macht

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Machtverhältnisse bestimmen den März – manche enden, manche beginnen, andere richten sich auf die Ewigkeit ein. Russland wählt Putin zum vierten Mal zum Präsidenten. China ändert die Verfassung, damit Präsidenten Xi Jinping unbegrenzt im Amt bleiben kann. Kuba leitet mit der Parlamentswahl das Ende einer Ära ein: Nach über 60 Jahren Fidel und Raúl ist im März Schluss mit Castro. Bayern wählt Markus Söder zum Nachfolger von Ministerpräsident Seehofer. Und in Berlin geht Joachim Sauer zur Kanzlerwahl. Zum ersten Mal ist er dabei, wenn seine Frau Kanzlerin wird. Es ist das vierte, und sehr wahrscheinlich auch letzte Mal. In den USA hat Donald Trump zu diesem Zeitpunkt noch fast drei Jahre vor sich und spielt mit seiner Macht in Form neuer Strafzölle für die Einfuhr von Stahl und Aluminium, was die betroffenen Länder dazu bringt, ebenfalls welche zu erheben. Die Welt spielt Zölle-Pingpong! (Gähn.)

Die Groko erfährt nun also doch eine Fortsetzung und der müde Zuschauer, der nach den ersten beiden Staffeln (2005 bis 2009 und 2013 bis 2017) eigentlich nur noch aus Gewohnheit einschaltet, ertappt sich plötzlich beim Binge Watching. So viel Entertainment bot Politik lange nicht. Martin Schulz zum Beispiel, der als Kanzlerkandidat der SPD das schlechteste Wahlergebnis seit dem Krieg einholte, soll Außenminister werden, schmeißt aber zwei Tage nach dem Koalitionsvertrag alles hin. In der Slowakei wird derweil ein Politthriller real: Ján Kuciak und seine Verlobte werden in ihrem Haus ermordet. Der Journalist hatte Verbindungen zwischen der slowakischen Regierung und der italienischen Mafia aufgedeckt. Ein Happy End gibt es immerhin in der anderen Geschichte um einen Journalisten: In der Türkei kommt Deniz Yücel endlich frei.

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APRIL Mache Holocaust

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Im Jahr 74 nach Hitler werden in Deutschland zwei Gangsta-Rapper ausgezeichnet, die Zeilen singen wie »Mein Körper definierter als von AusschwitzInsassen« oder: »Mache wieder mal ‘nen Holocaust, komm’ an mit dem Molotow«. Daraufhin geben erst diverse Künstler ihre Echos zurück, dann schafft der Musikpreis sich selbst ab. War wohl doch keine gute Idee, Musiker nur deswegen auszuzeichnen, weil sie sich gut verkaufen: Beim Echo zählt allein der Umsatz, nicht der Inhalt – was zum nächsten Schock führt: Dieser Schund verkauft sich also noch! Klar, Antisemitismus ist salonfähig geworden, im letzten Jahr passierten im Schnitt vier Straftaten gegen Juden oder jüdische Einrichtungen pro Tag. Nachdem Mitte des Monats in Berlin zwei Männer mit Kippa angegriffen werden, gehen in Deutschlands Großstädten Zehntausende auf die Straße: demonstrativ mit Kippa!


ZEITGESCHEHEN MAI Selbstauflösung

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Ein anderer Preis für die Kunst hat es ebenfalls schwer in 2018: Der Literaturnobelpreis wird in diesem Jahr nicht vergeben. Die Jury hat sich in einen Skandal verwickelt. Es geht um Korruption, Geheimnisverrat und sexuelle Nötigung bis Vergewaltigung. Kein Grund aber, sich aufzulösen: Im nächsten Jahr soll es dafür gleich zwei Literaturnobelpreise geben. Tatsächlich aufgelöst hat sich hingegen die ETA, die separatistische baskische Untergrundorganisation, die fast 60 Jahre lang im Namen der Unabhängigkeit des Baskenlandes ganz Spanien terrorisierte – mehr als 800 Tote gehen auf ihr Konto. Damit aber nicht Geschichte: der Separatismus in Spanien. In Katalonien übernimmt der separatistische Politiker Joaquim Torra den Posten des Ministerpräsidenten und macht klar, dass man in Sachen Unabhängigkeit nicht nachgeben werde: »Nicht einmal einen Millimeter werden wir weichen.«

SEPTEMBER

Rechte und Unrecht

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»Die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme«, sagt Horst Seehofer nach den Ereignissen in Chemnitz. Und dass er »als Staatsbürger auch auf die Straße gegangen« wäre – »natürlich nicht gemeinsam mit Radikalen«. Vielleicht gemeinsam mit Hans-Georg Maaßen? Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz äußert ohnehin Zweifel, dass es in Chemnitz tatsächlich zu »Hetzjagden« auf ausländisch aussehende Menschen gekommen sei. Das veröffentliche Video – seiner Meinung nach ein Fake. Daraufhin jubeln die Rechten und schreien »Lügenpresse!« gleich noch etwas lauter als sonst. Und die große Koalition unter Merkel? Sie befördert Maaßen zum Staatssekretär im Bundesinnenministerium, wo er mehr verdient als vorher. In NRW stirbt derweil der Syrer Amed A. nach einem Brand in seiner Gefängniszelle. Da hätte er allerdings gar nicht einsitzen sollen. Er wurde verwechselt mit einem Mann gleichen Namens. Der kam aus Mali und sah ihm noch nicht mal ähnlich...

JUNI Daumen runter

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Alle zehn Jahre bringt die WHO eine Art Katalog der Krankheiten heraus. In der 11. Auflage soll Transsexualität nicht mehr als psychische Störung gelistet werden. Dafür neu im ICD, dem internationalen Standardwerk für Regierungen und Behörden: die Online-Spielsucht. Es sind ja schon Leute nach 20 Stunden daddeln tot umgefallen. Facebook nutzen ist hingegen noch kein anerkanntes Leiden. Dabei muss eigentlich schon ein bisschen krank sein, wer Zuckerbergs Datensauger freiwillig befüllt. Nach dem Datenskandal Anfang des Jahres um die Datenanalysefirma Cambridge Analytica, die geklaute Nutzerdaten für den Wahlkampf von Donald Trump missbrauchte, wird jetzt bekannt, dass aufgrund eines Software-Fehlers im Mai die Posts von 14 Millionen Usern ungewollt öffentlich wurden. Außerdem soll Facebook die Daten seiner Nutzer mit Herstellern von Smartphones und anderen Endgeräten geteilt haben.

OKTOBER Trump der Tropen

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Der rechtsradikale Jair Bolsonaro, auch »Trump der Tropen« genannt, wird Präsident Brasiliens. Der Mann, der Jahre lang gegen Schwarze, Schwule, Kommunisten und Frauen hetzte, kündigt ethnische und politische »Säuberungen« an, »wie sie in der Geschichte Brasiliens noch nie vorgekommen sind«. Polizisten sollen einen Freibrief zum Töten bekommen, Schwule solle man schlagen, um sie zu heilen, Linke an die Wand stellen. Und der Regenwald – weg damit. Auch die Demokratie sollte man am besten abschaffen. Bolsonara verherrlicht die Diktatur und holt Generäle in die Regierung. Wie viel Caipis braucht es, um all den Frust darin zu ertränken? In Deutschland gibt derweil Angela Merkel bekannt, dass sie im Dezember nicht erneut für den Vorsitz der CDU kandidieren und sich nach Ende ihrer Kanzlerschaft aus der Politik zurückziehen wird. Es war das richtige Timing – Aufbruchstimmung macht sich breit. Endlich.

JULI Endless Summer

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Es ist Sommer! Und das schon seit Monaten. Der Frühling fiel aus und der Herbst, das wissen wir nur zu dem Zeitpunkt noch nicht, wird in diesem meteorologisch denkwürdigen Jahr auch nicht stattfinden. Die Ostsee wird zum Mittelmeer und die Hoteliers der Küste erhöhen euphorisch ihre Preise. Endlessummer ist der Hashtag der Stunde – doch nicht wenige sehen in dem Sommer ohne Ende den Anfang vom Ende (#Klimawandel! #Erderwärmung!). Und die apokalyptischen Vorzeichen mehren sich. Auf den Feldern verdörrt die Ernte. In den Flüssen verenden die Fische. In einem Stausee tauchen drei dem Tagebau geopferte Dörfer plötzlich wieder auf und an Elbe und Rhein legt das Niedrigwasser massenhaft versunkene Munition aus dem Zweiten Weltkrieg frei. Es soll nicht das einzige sein, was in diesem Sommer aus der Nazizeit an die Oberfläche ploppt und für Sprengkraft sorgt.

NOVEMBER Verschwörungstheoretiker

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Maaßen – wir erinnern uns: der Krawallmacher in Sachen Chemnitz – äußert in einer Art Abschiedsrede von seinem Amt eine hanebüchene Verschwörungstheorie und bekommt daraufhin doch keinen neuen Job (zuletzt sollte er im Innenministerium im Rang eines Abteilungsleiters fungieren), sondern wird in den Ruhestand versetzt. Ob er tatsächlich ruhig bleibt, ist höchst fraglich. In die Politik wolle er gehen, kündigte der Ex-Verfassungsschützer an. Die Afd – wer sonst? – winkt euphorisch ein »Willkommen!« In den USA verlieren die Republikaner nach den Midterms am 6. November ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus an die Demokraten. Das ist so sehr Fakt, dass nicht mal Trump einen Fake draus machen kann. Also schreit er laut: »Betrug!« Die Demokraten hätten einfach mehrfach gewählt, sich einen Hut aufgesetzt und neu in die Wählerschlange eingereiht. Aha. Beweisen kann er das ebenso wenig wie Maaßen seine Zweifel an dem Chemnitz-Video.

AUGUST Flüchtlinge und Krisen

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In Marokko werden tausende Migranten, die es schon bis an die Küste geschafft hatten, gut tausend Kilometer zurück ins Landesinnere verfrachtet. Von »Deportationen« sprechen Menschenrechtler. In Brasilien entsendet die Regierung weitere Soldaten an die Grenze zu Venezuela, aus dem seit dem letzten Jahr mehr und mehr Wirtschaftsflüchtlinge Richtung Zuckerhut strömen (im ersten Halbjahr beantragten rund 56.000 Venezuelaner ein Bleiberecht in Brasilien). Und in Chemnitz wird bei einer Messerstecherei Daniel H. getötet – durch zwei Asylbewerber aus Syrien und dem Irak. Daraufhin zieht ein rechter Mob randalierend durch die Straßen und macht Jagd auf Menschen, die nicht Deutsch aussehen. Das Land steht unter Schock. Traurige Ironie: Daniel H., dessen Tod die Rechten rächten, war Deutsch-Kubaner und wurde aufgrund seiner Hautfarbe jahrelang selbst Ziel rechter Gewalt. Als »Negi« wurde er diskriminiert.

DEZEMBER Bei allem Graus

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Das Jahr geht zur Neige. Wir schauen zurück. Und ein bisschen nach vorn. Was wird es bringen, das neue Jahr? Den Brexit im März, so viel ist klar. Die Eröffnung des Berliner Stadtschlosses im September, so viel ist unklar. (Immerhin handelt es sich um ein Berliner Großprojekt und da kann sich, wie wir alle wissen, so eine Eröffnung schon mal ein bisschen verschieben.) Unumstößlich hingegen: die Gurke! Die wird Gemüse des Jahres. Und wie jedes Jahr stehen diverse Jubiläen und Jahrestage an. 100 Jahre Bauhaus, zum Beispiel. 100 Jahre Fontane (»Ein weites Feld«). Und gleich im Januar jährt sich zum 100. Mal die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Letztere soll daher hier das letzte Wort haben: »Die Welt ist so schön bei allem Graus und wäre noch schöner, wenn es keine Schwächlinge und Feiglinge auf ihr gäbe. Komm, Du kriegst doch noch einen Kuss, weil Du doch ein ehrlicher kleiner Kerl bist. Prosit Neujahr!«


FEUILLETON

Schluss mit Langeweile im Parkett Theater ist ein Glücksspiel. Selbst hochkarätig besetzte Premieren treffen nicht immer unseren Geschmack. Mir selbst war oft nach wenigen Minuten klar, dass mich das Bühnengeschehen auch für den Rest der Aufführung nicht mehr interessieren würde. Scham hinderte mich, den Saal als Störenfried während der Vorstellung zu verlassen. Über die Jahre eignete ich mir stattdessen ein Repertoire an Techniken an, mit denen sich auch der langatmigste Theaterabend unbeschadet überstehen lässt. Sollten Sie in eine ähnliche Situation kommen, probieren Sie Folgendes: werden. Erwägen Sie schon während der Aufführung, welchem Akteur Sie später wie kräftig applaudieren werden. Versuchen Sie sich zu erinnern, wie es funktioniert, auf den Fingern zu pfeifen. Ärgern Sie Ihren Sitznachbarn: Erheben Sie Anspruch auf die Armlehne. Nicken Sie ein. Der Büchnerpreisgewinner und Bundesverdienstkreuzträger Rainald Goetz sagt, Theaterschlaf sei fast noch schöner als Unischlaf. (Nicht für Schnarcher geeignet!) Machen Sie sich Gedanken erotischer Natur. Halten Sie die Luft an und stoppen Sie die Zeit. Zieht sich ein/e Schauspieler/in aus, vergleichen Sie den nackten Körper mit Ihrem eigenen. Kultivieren Sie einen kleinen Komplex. Husten Sie. Wenn Sie gehustet haben, schließen Sie eine Wette mit sich selbst ab, wie viele Zuschauer auf Ihr Husten antworten.

»Machen Sie sich Gedanken erotischer Natur.«

Verlieben Sie sich in eine Schauspielerin oder einen Schauspieler. Nichts wertet eine Vorstellung stärker auf als eine unschuldige Schwärmerei. Spannen Sie abwechselnd alle Muskelpartien in Beinen und Armen an. Lutschen Sie ein Bonbon und freuen Sie sich darüber, dass im Dunkeln niemand erkennt, wie blöd Sie dabei aussehen.

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Entwickeln Sie Vorfreude auf den Verriss, den Sie am nächsten Tag ganz sicher lesen

No 65 - 2018 TRAFFICNEWSTOGO.DE

Entwickeln Sie einen Hustcode mit einem anderen Zuschauer. Versuchen Sie sich zu erinnern, was Sie am letzten Dienstag zu Mittag gegessen haben. Rekonstruieren Sie im Folgenden Ihre weiteren Mahlzeiten bis zum heutigen Tag. Entwickeln Sie ein schlechtes Gewissen wegen Ihrer unvernünftigen Diät. Schuldgefühle vertreiben die Zeit. Greifen Sie Ihre Essensgewohnheiten von verschiedenen Perspektiven an. Nicht nur Ihr Körper, auch die Umwelt nimmt durch Ihre Maßlosigkeit erheblichen Schaden. Bemessen Sie die Tiefe Ihres ökologischen Fußabdrucks, stellen Sie ihn sich bildlich vor, und bringen Sie ihn auch in Verbindung mit Ihrem Gewicht.


FEUILLETON

Verlieben Sie sich in eine Schauspielerin oder einen Schauspieler. Keine Sorge, haben Sie bereits etwas Erfahrung in der Liebe oder im Theater gesammelt, wird die Leidenschaft zuverlässig kurz nach dem Applaus abebben. Trinken Sie vor dem Theaterbesuch. Alkohol hebt die Stimmung und fördert das Interesse am Bühnengeschehen. Passen Sie die Dosis an die Länge der Vorstellung an. Übertreiben Sie es nicht; achten Sie aber auch darauf, dass Ihr Alkoholspiegel frühestens zur Pause wieder bei 0,0 Promille liegt. Sind Sie unsicher, besorgen Sie sich ein Blasröhrchen und pusten Sie diskret hinein. Unterteilen Sie die Aufführung in Intervalle. Zählen Sie im Stillen bis tausend. Sind Sie angekommen, fangen Sie von Neuem zu zählen an. Steigern Sie sich, indem Sie in anderen Sprachen zählen. Gehen Ihnen die Sprachen aus, erfinden Sie eine neue. Gehen Sie nur mit Menschen ins Theater,

spielerin. Sorgen Sie sich nicht, dabei als zweifelhafte/r Voyeur/ in zu erscheinen. Für niemanden sonst wurde Theater erfunden.

mit denen Sie ein romantisches Versprechen verbindet. Fummeln Sie bei Bedarf im Haar Ihrer Begleitung herum. Versuchen Sie im Kopf herzuleiten, warum die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem 23-köpfigen Ensemble zwei Schauspieler am gleichen Tag Geburtstag feiern, bei über 50 Prozent liegt.

Atmen Sie in den Bauch. Gerade im Falle, dass Sie nie verstanden haben, was das bedeutet oder wie es funktionieren soll. Nun haben Sie Gelegenheit der Sache auf den Grund zu gehen.

Denken Sie darüber nach, ob Sie zu Hause den Herd ausgestellt haben. Steigern Sie sich in den Gedanken herein, den Herd nicht ausgestellt zu haben. Erwägen Sie das Theater nun doch zu verlassen. Es ist schließlich ein Notfall!

Schlagen Sie doch mal zur Abwechslung das linke Bein über das rechte. Versuchen Sie sich zu erinnern, wann Sie begonnen haben, Ihre Beine auf diese erwachsene Art übereinanderzuschlagen.

Beruhigen Sie sich damit, dass es längst zu spät und Ihre Küche bereits abgebrannt ist.

Lachen Sie an Stellen, an denen sonst niemand lacht.

Denken Sie über neues Mobiliar nach. Formulieren Sie in Gedanken einen Tweet, den Sie nach der Aufführung abschicken werden. Es gilt, die erlittenen Stunden angemessen auf 280 Zeichen herunterzubrechen.

Erfreuen Sie sich daran, dass Ihr Sitznachbar nun sicher darüber nachdenkt, welche Pointe ihm entgangen ist. Rauchen Schauspieler, suchen Sie nach dem mit Wasser gefüllten Eimer, der aus Brandschutzgründen irgendwo im Bühnenbild stehen muss. Berechnen Sie den Flächeninhalt der Büh-

Verlieben Sie sich in einen Schauspieler oder in eine Schau-

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ne unter der Annahme, dass ein Schauspieler X 1,80 Meter groß und 40 Zentimeter breit ist und ausgestreckt auf dem Boden liegend 1/7 der Länge und 1/10 der Breite der Bühne besetzt. Gähnen Sie. Schließen Sie eine Wette mit sich selbst ab, ob der rechte oder linke Sitznachbar Ihrem Beispiel als erster folgt.

Vor allem aber: Verlieben Sie sich. Das hilft. Versprochen.

Von Michael Wolf


DAS WETTER präsentiert neue Produkte und Erkenntnisse, die die Menschheit braucht

Von Verena Dauerer

Paris

48° 51’ 24” N 2° 21’ 03” E leicht bewölkt und nass

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Los Angeles

3

34° 03’ N 118° 15’ W sonnig

Tokio

35° 41’ N 139° 41’ E meist sonnig

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BERLIN

52° 31’ 18.905” N 13° 24’ 47.574” E leicht bewölkt und nass

IKEA & Off-White

Beats x UNDEFEATED

Matcha & Latte

Licht x Schatten

Die Hitzewelle erstreckt sich in den Spätsommer und beschert der Paris Fashion Week einige strahlend warme Momente. Bereits mehrmals angeteasert wurden hier endlich die ersten Produkte der Kollaboration vorgestellt: Markerad heißt die Zusammenarbeit des schwedischen Einrichtungsgiganten mit dem Multikreativen Virgil Abloh von Louis Vuitton. Neben der Neuinterpretation der universellen blauen Plastiktasche Frakta sind es vier Teppiche, auf die einige Ikea-shoppende Digital Natives ein Auge werfen werden. 2019 sollen sie in die Läden kommen: Etwa der Still Loading-Teppich für alle, die den langsamen Pixel-Aufbau beim Laden eines Web-Bildes gewohnt sind. Oder der selbstironische Keep Off-Perser. In der Ecke unten rechts hat er wie alle anderen auch den Titel und Copyright mit aufgedruckt bzw. aufgemalt bekommen. Damit sieht der Teppich aus wie ein manifestiertes jpeg im Wohnzimmer. Schöne neue OnlineOffline-Symbiose. Teppiche zwischen 79 Eur und 229 Eur. Ab 2019 bei www. ikea.com/de.

Bei fast 30 Grad auf dem Asphalt von Silver Lake sammeln sich die Kids vor dem Undefeated Laden: Beats by Dr Dre und die amerikanische Sneaker-Hipster-Marke, ursprünglich von der Westküste, haben sich für eine attraktive wie limitier-te Kollaboration zusammengetan: Beats Pill+ -Lautsprecher und BeatsX-In-Ohr-Kopfhörer wurden mit der eigens kreierten »Tiger Camouflage« überzogen, einem wilden Tarnfarbenmuster, und mit dem markanten Undefeated-Logo in Grellorange versehen. Die Tigerstreifen-Camouflage, das nebenbei, hat durch verschiedene Armeen in Asien einige Verwandlungen und Abwandlungen erfahren. So etwa war es die Tarnuniform der südvietnamesischen Armee während des Vietnam-Kriegs im Dschungel, die wiederum von den USamerikanischen Spezialeinheiten übernommen wurde. Heute ist es lange schon in der Freizeit angekommen. Im Fall des Lautsprechers findet es Platz in einer Stoffhülle mit Karabiner zum Anklippen an den (Militär-) Rucksack. Ab 149 Eur bei www. apple.com.

Der Wind tost und rüttelt an den Häusern in Tokio – Herbst ist die Zeit der Taifune in Japan. Drinnen ist es gemütlich warm bei einer Tasse Matcha-Tee: Matcha ist fein gemahlener grüner Tee, dessen Pulver um so potenzierter wirkt, was seine Antioxidantien betrifft. Mit einem Minilöffel aus Bambus wird es genau portioniert und mit einem Teebesen, ebenfalls aus Bambus, in heißem oder kaltem Wasser aufgelöst, bis sich keine Klumpen mehr bilden. Das geht natürlich auch mit Milch, schließlich hat sich diese giftgrüne Alternative zum Latte damit bereits in viele Kaffee-Ketten geschmuggelt. Die Berliner Teemarke P&T bietet dafür speziell ein Matcha-Set an, damit für die Tee-Zeremonie alle Utensilien inklusive schönem Matcha-Becher parat stehen. P&T importieren den Tee selbst, von ausgesuchten Farmern. Umgekehrt haben es die Berliner aber auch bis nach Japan geschafft: Im japanischen MegaDiscounter Don Quijote stehen die TeeMischungen des Berliner Teehauses im Regal. Matcha Starter Kit für 75 Eur. www. paperandtea.de

Die Temperaturen sinken unweit des Tiergartens, doch ab und zu sticht die Sonne jäh durch die Wolken. Es wird Winter und das bedeutet Couch-Zeit – am besten mit dem Kaminfeuer im Blick. Feuerstellen sind jedoch heutzutage rar, stattdessen vermittelt auch der Schein einer Kerze wohlige Wärme. Noch besser geht dieses Licht- und Schattenspiel mit dem Windlicht der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM). Das zarte Porzellan von Planetarium ist so fein, dass die Kerze hindurch zu leuchten scheint, und das Biskuitporzellan jedes Flackern malerisch wiedergibt. Das filigrane Design stammt vom Berliner Studio Mark Braun und soll für die heimische Entschleunigung sorgen. Die kreisrunde Struktur spielt auf die Umrundung der acht Planeten um die Sonne an. Auf jedem Windlicht sind die Tage per Hand gemalt, die der jeweilige Planet benötigt. Dieses Licht von KM P+ wird für eine Umrundung noch viele Teelichter überdauern. 88 Eur€bei www.kpm-berlin. com.

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No 65 - 2018 TRAFFICNEWSTOGO.DE


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No 63 - 2018 TRAFFICNEWSTOGO.DE


SPORT

Der geächtete König Erfolgreichster Torschütze aller Zeiten – und Ausgestoßener: Arthur Friedenreich hat DAZU beigetragen, den brasilianischen Fußball zu dem zu machen, was er ist. Doch die rassistische Gesellschaft der 20er-Jahre duldete keine schwarzen Helden.

lieben seine Gegner und wurde deshalb schon bald »El Rey de fútbol« genannt – der König des Fußballs.

überhaupt. Die französische Fußballnationalmannschaft wurde mit 7:2 überrannt, von neun Partien verlor Paulistano nur eine, Friedenreich markierte 11 Treffer. Die Presse erhob ihn zum »Roi des Rois de Futbol«, zum König der Könige. Der brasilianische Journalist und Autor Armando Nogueira sagt heute über ihn: »Er spielte Fußball mit seinem Herzen im Fuß. Er war es, der dem brasilianischen Ball den Weg ins Tor gezeigt hat.«

Die dunkle Seite der Gesellschaft

Er wusste, wenn er nur schnell genug rennen würde, könnte ihn niemand mehr stoppen. So oft hatten sie ihm ihre Beine in den Weg gestellt und ihre Ellenbogen in die Brust gerammt, doch er hatte gelernt, sie zu täuschen. Eine Körperdrehung links, eine rechts, den Ball dabei immer an seinen Füßen, unaufhaltsam auf seinem Marsch zum gegnerischen Tor. Dieser Mann, der 27 Jahre zuvor geboren worden war, sollte dafür sorgen, dass wenige Sekunden nach seinem Treffer ein ganzes Land in FußballEuphorie erblühte, dass in Brasilien die Geburtsstunde dessen gefeiert wurde, was wir heute »Jogo Bonito« nennen. Dieser Mann war Arthur Friedenreich, Sohn eines deutschen Einwanderers und in Luz, einem Stadtteil von Sao Paulo aufgewachsen. Mit 10 Jahren fand hier ein Kind den Weg zum Fußball, das sich einmal zum erfolgreichsten Torschützen aller Zeiten entwickeln sollte. Der Legende nach schoss Friedenreich in einem Zeitraum, der sich über drei Jahrzehnte erstreckte, 1329 Tore in 1239 Spielen – viele Sportwebseiten, vor allem im spanischsprachigen Raum, bestätigen diese Zahl unabhängig voneinander. Als neunfacher Torschützenkönig mit einem Spitzenwert von 33 Treffern pro Saison dominierte der Stürmer nach Be-

In einer von schwelendem Rassismus geplagten Gesellschaft, als Kind einer schwarzen Wäscherin auf die Welt gekommen, behaftete ihn mit einem »Makel«, der ihn seine gesamte Karriere über verfolgen sollte: Man trug sich allgemein mit der Sorge, das Auftreten nicht-weißer Spieler könne Brasilien einen Ruf als unterentwickeltes Land einhandeln. Deshalb wurde der dunkelhäutige FriedenFoto © Archiv reich auch nur dank der Beziehungen seines Vaters 1909 beim SC Germânia aufgenommen, einem Klub für Spieler mit deutscher Herkunft. Bereits fünf Jahre später war er Nationalspieler, doch auf der ganz großen Bühne sollten er und seine schwarzen Kollegen ihre Herkunft nicht zeigen – man forderte sie auf, sich die Haare zu glätten oder sich gar das Gesicht mit Reismehl zu weißen, damit sie mehr wie »Normalbürger« erschienen. Eine Pein, die Friedenreich wie sie viele andere über sich ergehen ließ, um nur spielen zu können. Es war unter Schiedsrichtern damals nicht ungewöhnlich, Fouls an schwarzen Spielern nicht zu ahnden, und so wurde der Stürmer zum Ziel zahlloser Attacken, verlor in einem Match gegen den englischen Verein »Exeter City« sogar einmal zwei Zähne.

Sein wichtigster Treffer aber wird eingangs beschrieben, er markierte ihn 1919 im Finale der dritten Ausspielung der südamerikanischen Kontinentalmeisterschaften, dem »Campeonato Sudamericano«. Im Spiel gegen Uruguay stand es nach 90 Minuten 0:0, eine Verlängerung musster her, viermal 15 Minuten. In der 150. Minute schließlich sah es schon so aus, als müsse die Partie per Münzwurf entschieden werden, doch da kam Friedenreich. Sein 1:0 brachte Brasilien den ersten kontinanentalen Titel ein, die tapferen Urugauyer tauften ihn daraufhin ehrfurchtsvoll »El Tigre« (Der Tiger). Ein ganzes Land explodierte im kollektiven Fußballrausch, die Medien traten auf den Plan, Friedenreich schien auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Man empfing ihn und seine Mannschaftskollegen bei der Ankunft in Recife mit Jubelstürmen und stehenden Ovationen, er umgab sich mit der brasilianischen Bohème, ein talentierter junger Mann, der auch Gitarre spielte und sang.

Verstoßen, dann veraltet Doch nur zwei Jahre später durfte Friedenreich nicht für sein Land antreten, durfte kein schwarzer Spieler auflaufen – der Präsident von Brasilien höchstselbst, Epitácio Lindolfo da Silva Pessoa, befürchtete aufgrund ihrer Anwesenheit einen Imageschaden für Brasilien. Seine Hautfarbe wurde ihm erneut zum Verhängnis. Ein junger Mann, der zum Spielball von Launen der Mächtigen wurde: Doch schon 1922 führte er das Land trotz rassistisch motivierter Proteste erneut zum Titel – als man mit 3:0 gegen Paraguay gewann. 1930 nahm sein Leben dann eine drastische Wendung und seine Karriere endete endgültig: Ihm wurde die Teilnahme an der ersten Fußballweltmeisterschaft verwehrt, weil Spieler aus Sao Paulo aufgrund eines Streits zwischen verschiedenen brasilia-

In der Staats-Liga von Sao Paulo wurde Friedenreich dagegen gefeiert und »Pé de Ouro«, Goldfuss genannt – angeblich hat er in seiner gesamten Karriere nicht einen einzigen Elfmeter verschossen. Zwischen 1918 und 1929 gewann er mit seinem Verein Athletico Paulistano insgesamt sechs Landesmeisterschaften, fegte 1925 mit der Mannschaft wie ein Sturm über europäische Teams hinweg – die erste Auslandsreise eines brasilianischen Teams 14

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nischen Verbänden für das Turnier nicht zugelassen wurden. 1934 war Friedenreich bereits 42 Jahre alt und zu alt für den ganz großen Traum. Am 31. Juli 1935 schließlich zog sich Friedenreich beim »Clube de Regatas do Flamengo« leise zurück, nachdem er in seinem Abschiedsspiel mit der brasilianischen Nationalmannschaft noch die argentinische Club-Legende Rivar Plate mit 2:1 besiegt hatte. Zunächst jobbte er danach als Trainer, später dann in einer Brauerei, bevor er sich 1969 nach sechsjährigem Leiden aufgrund einer ParkinsonErkrankung vom Fußball-Platz des Lebens verabschiedete. Noch im selben Jahr wurde zum ersten Mal die »Premio Arthur Friedenreich« verliehen – niemand geringerer als ein gewisser Neymar Jr. sollte sie sich 2010 mit 42 Toren sichern, und auch 2012 war Brasiliens neuer Wunderknabe mit 43 Treffern Preisträger. Auch die Art solcher Jungs, Fußball zu spielen, wird bis heute stark beeinflusst von der Raffinesse und des Spielwitzes von Friedenreich, der als Erfinder des »Effetschusses« gilt und den Bällen als Erster einen scheinbar magischen Drall verlieh. In seiner Heimatstadt erinnert heute noch ein Denkmal an den »Rey del Fútbol«. Einer, der ihn an Popularität später weit übertroffen hat und heute als Brasiliens unbestrittener König des Fußballs besungen wird, ist Edson Arantes do Nascimento, besser bekannt als Pelé. 2008 fand er bei Spiegel.de bewegende Worte für seinen Vorgänger, das vergessene Vorbild aller brasilianischen Kinder: »Mein Vater hat oft von seinen Toren geschwärmt. Arthur war ein ganz großer Spieler in Brasilien.«

Von Robin Hartmann

Und wer weiß, vielleicht wird man sich im nächsten Jahr auch an ihn erinnern, wenn in Brasilien die Fußballweltmeisterschaft stattfindet. An ihn denken, an den Effetschuss, die geschickten Körpertäuschungen, den gnadenlosen Torinstinkt. An den Deutschen, der dafür sorgte, dass der brasilianische Fußball brasilianisch wurde.


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I N T E R N AT I O N A L FA B R I C T R A D E FA I R M U N I C H FA B R I C STA R T

SPRING SUMMER 2020 W W W. M U N I C H FA B R I C STA R T . C O M


CITY GUIDE

Alle Jahre wieder Im Sommer ist alles gut. Man kann schwimmen gehen, Eis essen, mittags den ersten Aperol Spritz trinken, im Park dösen, auf Bordsteinen sitzen, in den Himmel schauen. Im Winter sieht die Sache anders aus. Was hat eine Stadt dann zu bieten? Alles verlagert sich nach drinnen. Ins Theater zum Beispiel, ins Museum, natürlich in Cafés, Bars und Restaurants. Es ist die Zeit der wärmenden Eintöpfe und für Gerichte, die eigentlich auf eine Berghütte gehören. Statt Aperol Spritz trinkt man heiße Schokolade mit Schuss. Oder Glühwein. Wenn es gut läuft, hat die Stadt ein paar schöne Weihnachtsmärkte zu bieten. Vielleicht eine Schlittschuhbahn? Oh, und endlich ist Zeit für Christmas Shopping. Kurzum: Der Winter ist keine Ausrede, um zu Hause zu bleiben. Wir haben jeweils drei Orte in drei Städten ausgesucht, an denen die Zeit schneller vorübergeht als man Winterblues sagen kann. Sie alle befinden sich im Radius von wenigen Kilometern, nah genug also, um spazieren zu gehen, weil wir wissen: Besonders im Winter sorgt frische Luft für gute Laune. Es geht weiter auf Seite 25 für weitere Informationen...

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Der Berliner Winter ist legendär, legendär katastrophal. Von Monaten ohne Sonnenlicht ist die Rede, von einer Himmelfarbe, die an Kanalisation erinnert. Wir begeben uns nach Mitte. Die Sophiensaele sind eine Off-Spielstätte, die mit Tanz, Theater und Performance den trüben Geist in Schwung bringt. Danach gehen wir trinken, weil Trinken im Berliner Winter die einzige Option ist. Erst in die Freundschaft, wo man zu überraschenden (Natur-) Weinen sogar noch ein Butterbrot bekommt, dann auf ein paar Negroni zu Mr. Susan.

Sophiensaele Sophienstraße 18, 10178 Berlin Foto © Artwork Happyhours C. Jean-Lecointre

2 Freundschaft Mittelstraße 1, 10117 Berlin

Von Eva Biringer Kartendarstellungen von Sophie Nobis

Cocktail Rezept:

Cold Brew New Fashioned

Wir bleiben unserem Motto und trinken gegen trübe Stimmung. Zutaten: 3 cl Cold Brew 2 cl Talisker Whisky 1 cl Ruby Port 50 ml Sahne Zubereitung: Alle Zutaten bis auf die Sahne in ein hohes Gefäß geben und gut verrühren. In ein Moscato-Glas füllen. Sahne leicht erwärmen, dann schaumig schlagen und über den Cocktail geben.

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Mr. Susan Krausnickstraße 1, 10115 Berlin Fotos © Sonia Broman

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fotografie Arnaud Ele kreative & assistierende fotografie Laura Knoops styling Rudolf Packevics haar & make-up Meilynn Lindlar produktion AA-Collected modelle Lucie Stoll  bei Modelwerk Ksenia Schneider  &  Paul Krause bei m4models

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PARTY Ksenia trägt Cristina Real Lacklederpumps Lucie trägt Naya Rea Gelbe Matrosenhose

Cristina Real Patent Lederpumps Paul trägt

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Ariel Bassen maßgeschneiderte Nadelstreifenhose Joao Oliveira Lederschuh mit Rüsche


Lucie trägt Naya Rea Gerüschter Trenchcoat

Mies Nobis Texturiertes Gold Vermeil & grüne Turmalinringe Bolsillo Klassische Krokoledertasche


Naya Rea Gerüschter Trenchcoat TYPE Berlin Goldene ‘Letter’ ringe TYPE Berlin Goldene ‘Stick’ ringe

Ksenia trägt Mies Nobis Goldmanschette

Mies Nobis Kettenblatt Lucie trägt Gina Melosi Dop-

pelzeigerring TYPE Berlin Goldstäbchen-Manschette


Lucie trägt Anekdot Boutique Spitzenbody Nico Sutor Pailletten Cardigen

Gina Melosi Doppelzeigerring Ksenia trägt Naya Rea Geschnürte Jeansbluse

Mies Nobis Doppelter Kettenblatt Metal Atelier Warrior Prinzessin Stachelarmreif Paul trägt Ariel Bassen Seidenes Übergrößenhemd Ariel Bassen Maßgeschneiderte Nadelstreifenhose Nathan X Thomas Augenring & Schwarz/Goldring

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Ksenia trägt Anekdot Boutique Silber Einteiler Ariel Bassen Graue, maßgeschneiderte Hose Lucie trägt Adi Benjo Graues Kimono Kleid

Milanova Studio Silbernes Schlangenhalsband


Paul trägt Ariel Bassen Mandarin Kragenhemd

Marco Scaiano Berlin MaĂ&#x;geschneiderte Jacke mit Ausschnitt

Nathan X Thomas Augenring & Schwarz/Goldring


Ksenia trägt Marco Scaiano Berlin Oversize Nadelstreifenmantel Cristina Real Lacklederpumps

116Centseize Schwarze Kuverttasche aus Leder

ENDE


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CITY GUIDE

Torte Rezept: Linzertorte

Garage X Theater Petersplatz Petersplatz 1, 1010 Wien Fotos © links: Cornelia Anhaus und recht Alexander Gotter

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Geduld! Diese Torte, die genau genommen ein Kuchen ist, wird besser, je länger man sie durchziehen lässt. Zutaten für eine Tarteform mit 24 cm Durchmesser 300 g Weizenmehl 150 g Muscovado-Zucker 150 g kalte Butter 250 g Mandeln, gemahlen 1 Ei 3 EL Kirschwasser 2 EL Sahne 3 TL Zimt 1 Messerspitze Nelken, gemahlen Joseph Bäckerei Pâtisserie Führichgasse 6, 1010 Wien

Abrieb von 1 Bio-Zitrone 200 g Johannisbeermarmelade 1 Eigelb, zum Bestreichen Zubereitung:

Mandeln in einer Pfanne anrösten. Butter in kleinen Stücken in

Wien und Winter, das passt gut. Vor allem, wenn in der Vorweihnachtszeit überall die Punschstandl leuchten. Der erste Bezirk ist jetzt noch schöner als sonst. Dort befindet sich die Garage X, ein Theater mit für lokale Verhältnisse gewagtem Programm. Davor stärkt man sich bei Joseph mit Mélange und Scheiterhaufen oder Tonkabohnen-Sachertorte. Wer zu Hause Lust auf Käsefondue bekommt, hat hoffentlich bei Jumi vorbeigeschaut, einem der besten Käseläden der Stadt. Den Fonduekäse gibt es abgepackt zu kaufen.

das Mehl schneiden. Zusammen mit Muscovado-Zucker, Mandeln, Ei, Kirschwasser, Sahne, Zimt, Nelken, und Zitronenabrieb schnell zu einem glatten Teig verarbeiten. In Klarsichtfolie wickeln und eine Stunde im Kühlschrank ruhen lassen. Zwei Drittel des Teigs auf einer bemehlten Arbeitsfläche ausrol-

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Jumi Käse Lange Gasse 28, 1080 Wien

len und in eine gebutterte Tarteform geben, dabei den Rand hochziehen. Mit Johannisbeermarmelade bestreichen. Den restlichen Teig ausrollen, zu Streifen schneiden und gitterförmig über den Kuchen legen. Mit dem verquirlten Eigelb bestreichen. Bei 170 Grad vierzig Minuten backen.

Theater am Neumarkt Neumarkt 5, 8001 Zürich

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Grand Café Lochnergut Badenerstrasse 230, 8004 Zürich

Traditionell Rezept: Käsespätzle

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Sie kommen gar nicht vom Skifahren? Macht ja nichts. Zutaten für 4 Personen: 400 g Mehl 4 Eier 1 TL Salz etwas Wasser 200 g Emmentaler, frisch gerieben 1 Prise Muskatnuss, frisch gerieben Salz Pfeffer Für die Röstzwiebeln: 2 große Zwiebeln 2 EL Butter und ein wenig mehr für die Form Zubereitung: Mehl, Eier, Wasser und Salz solange zu einem zähen Teig verkneten, bis er Blasen wirft. Zehn Minuten ruhen lassen. Zwiebeln in feine Ringe schneiden. In einer Pfanne Butter zerlassen und die Zwiebeln goldbraun anbraten. Beiseitestellen. Den Teig durch eine Spätzlepresse drücken. Wer keine hat, kann versuchen, den Teig von einem Brett zu schaben. In einen großen Topf mit kochendem Salzwasser geben. Wenn die Spätzle nach oben steigen, sind sie fertig. Mit einem Schaumlöffel abschöpfen.

Bar Dante Zwinglistrasse 22, 8004 Zürich

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Nun die Spätzle in eine mit Butter eingefettete Auflaufform schichten. Jede Schicht mit geriebenem Käse bestreuen, mit Muskatnuss würzen, salzen und pfeffern. Mit Käse abschließen, dann die Röstzwiebeln darüber streuen. Für zehn Minuten bei 180 Grad im Ofen goldbraun backen.

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Berge sind eine feine Sache. Man muss weder hinaufwandern noch hinunterfahren, anschauen reicht. Unten in der Stadt empfiehlt sich ein Besuch im Theater am Neumarkt, das Klassiker ebenso würdigt wie zeitgenössische Romanadaptionen, Stuckrad-Barres »Panikherz« etwa. Nicht weit davon befindet sich das Grand Café Lochnergut, das klingt nach weiter Welt und tatsächlich wird hier orientalisch inspiriertes Essen serviert. Hitzig wird es später in der Bar Dante. Gegen das Fegefeuer kann ja nur derjenige etwas einzuwenden haben, der nicht friert.


Gesellschaft

Mission Influence

Unter die Haut

Foto © Joel Barhamand

Wie sagt man so schön? Ein Bild sagt oftmals mehr als tausend Worte. In den Sozialen Netzwerken steht es oftmals sinnbildlich für mehrere tausend Dollar. Influencer sind die Ikonen der Jetztzeit und für viele Marken zu einem wichtigen Marketinginstrument geworden. Nachrichten und Bilder werden binnen Sekunden über Blogs, YouTube-Kanäle, Instagram- und Facebook-Profile weltweit verbreitet – und ebenso rasant werden Entscheidungen getroffen. Von Mode über Beauty bis hin zu Lifestyle erweisen sich Influencer für Millionen von Anhänger als relevante Referenz, die wahrhaft Einfluss nimmt. Wir haben einen Blick hinter Likes und Followerzahlen geworfen und sie gefunden: Fünf Influencer aus und um Mode, die Sie sich merken sollten.

Foto © Martin Popp

Umdenken, Einfluss nehmen

Daria Alizadeh 169.000 Follower auf Instagram ‚Gift auf unserer Haut‘ – so der Name der Dokumentation, der Daria Alizadehs Leben grundlegend veränderte. 2010 hat die gebürtige Wienerin das Lifestyle- und Fashion-Blog ‚DariaDaria‘ ins Leben gerufen, das binnen kürzester Zeit zu einem der meistgelesenen Deutschlands wurde. Dann 2013 der radikale Cut und die Entscheidung zu einem bewussteren, verantwortungsvolleren und nachhaltigeren Lebensstil – insbesondere und auch in Sachen Mode. Heute hat sie vordergründigen Trends und High Street den Rücken gekehrt und arbeitet als Podcasterin, Kolumnistin und Designerin ihres eigenen FairFashion-Labels – erfrischend authentisch und wahnsinnig inspirierend!

Die eigene Marke

Emily Weiss 411.000 Follower auf Instagram Skinfluencer – das ist wohl die treffendste Bezeichnung, um Emily Weiss und das, wofür sie brennt, zu beschreiben. Die ehemalige Vogue-Redakteurin entscheid sich 2010 ihren Job an den Nagel zu hängen und sich auf intothegloss.com den Kosmetikschränken der wohl inspirierendsten Frauen der Welt zu widmen – mit bahnbrechendem Erfolg. Ein paar Millionen Likes, Follower und Jahre später ist sie Inhaberin des innovativen Directto-Consumer-Beauty-Unternehmens Glossier, das den Austausch mit der Community für das Einkaufserlebnis nutzt und die Beauty-Industrie damit nachhaltig aufgerüttelt hat. Das nennt man wohl Einfluss, der unter die Haut geht.

Foto © Chiara Ferragni für Lancôme

Chiara Ferragni 10.2 Millionen Follower auf Instagram Der Name Chiara Ferragni ist ein Synonym für alle nur möglichen Superlativen im Fashion-Influencertum. Kein Cover, keine Marke, kein Event, das die Italienerin in den beinahe zehn Jahren seit Gründung ihres Blogs theblondesalad.com mittlerweile nicht auf ihrer Bucket List abhaken kann. Sie ist deshalb ein lebender Superlativ, weil sie verkörpert, welch enormes Marketingpotenzial sich eine einzelne Person auf internationalem Niveau erarbeiten kann und wie man mit ein wenig Glück und harter Arbeit ein veritables Business daraus machen kann. Ihr Umsatz im Jahr 2018: Über zehn Millionen Dollar. Noch Fragen?

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Gesellschaft

Virtuelle Zukunft

Alles, außer Schublade

Foto © Miquela in Prada

Lil‘ Miquela 1,2 Millionen Follower auf Instagram Wenn man das erste Mal über den Instagram-Account von Lil’ Miquela stolpert, dann muss man unweigerlich zweimal hinsehen: In hunderten von Fotos präsentiert sich die 19-Jährige mal am Strand, mal auf einer Bank im Park, mal an einer Straßenecke – verblüffend echt und verblüffend erfolgreich. Das Paradoxe: Miquela ist kein Mensch, sondern ein virtueller Star, ganz oder teilweise am Computer entstanden. Die Follower kommunizieren mit ihr, verteidigen sie und bewundern sie für ihren Stil, ihr Talent und ihre Looks – die auch Marken wie Prada ins Auge gefallen sind, mit der sie in Mailand sogar kooperierte. Real oder fake? In Sachen Influence offenbar Ansichtssache!

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TJ 117.000 Follower auf Instagram Im virtuellen Raum sollte man sich nicht täuschen lassen. Vor allem nicht von Zahlen, die über den Einfluss, die die dahinterstehende Person nimmt, nur bedingt etwas aussagen. Unser fünfter Influencer to-look-at oder sollen wir lieber sagen Influencerin, Terra Lynn Juano , kurz TJ – arbeitet eigentlich als Model und wandelt mal feminin-verrucht, mal im Skaterboy-Stil an den Grenzen unserer binären Geschlechtervorstellungen. Mit dem Ziel, eine Plattform zu kreieren, auf der sich jeder grenzenlos ausdrücken kann, vermittelt TJ damit eine eindringliche, überaus zeitgemäße Botschaft: Die Freiheit im Netz limitiert sich nicht nur darauf, wann wir posten, sondern vor allem auch was wir posten. Mann und Frau? Nebensache! Das ist doch Individualität in ihrer reinsten Form, oder?

Von Vanessa Pecherski

“I think ‘influencers’ right now are the new media.” Chiara Ferragni


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Die Düfte und das Wesentliche

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ACCESSOIRES

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einige D端fte und Essentials, die f端r die Weihnachtseinkaufssaison zu ber端cksichtigen sind.

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KUNST

NUDES Die Helmut Newton Stiftung zeigt drei stark unterschiedliche und herausragende Aktfotografen und deren Blick auf den weiblichen Körper. Eine weibliche Position fehlt leider.

Ist es möglich, den nackten (weiblichen) Körper zu betrachten, ohne ihn zu objektifizieren, zu fetischisieren, zu politisieren? Kann ein Künstler die alte Tradition des Machtgefälles überwinden, das zwischen dem meist männlichen, aktiven Künstler/Betrachter und dem meist weiblichen, passiven Aktmodell besteht, wie John Berger es in seinem Werk Sehen beschrieben hat? Jede der drei in der Ausstellung Saul Leiter. David Lynch. Helmut Newton: Nudes gezeigten Positionen bietet einen Versuch der Antwort auf diese Fragen. So fängt Saul Leiter in seinen Aktfotografien privater Bekannter intime Beziehungen ein, in denen er eine observierende und zurückhaltende Rolle einnimmt. Als unbeteiligter Beobachter hielt Leiter auch die Straßenszenen im New York der 50er Jahre fest, für die er in erster Linie bekannt ist. Bretterverschläge, Cafémarkisen und Regenschirme versperren darin den freien Blick auf seine Motive – und werden so selbst zum entscheidenden Teil seiner Kompositionen. Auch seine Aktfotografien weisen diese »Abstandshalter« auf. Gegenstände zwischen dem Ob-

“To be naked is to be oneself. To be nude is to be seen naked by others and yet not recognised for oneself.” - John Berger, Ways of Seeing

jektiv des Fotografen und dem Objekt seines Bildes erzeugen, paradoxerweise, mehr emotionale Nähe. So entsteht ein »komplizenhaftes oder spielerisches Miteinander«, wie Dr. Matthias Harder, Kurator der Ausstellung, es ausdrückt, 30

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das die »Natürlichkeit der Nacktheit« in den Aktfotografien Leiters unterstreicht. David Lynchs Aktfotografien setzen dieser Intimität extreme Inszenierung und abstrakte Körperlandschaften entgegen. Sie erzeugen, ähnlich seiner Filme wie Mulholland Drive oder der Serie Twin Peaks, ein Mysterium. Bei diesen erstmals in einer Ausstellung gezeigten Aktfotografien steht das Unerwartete und Surreale im Vordergrund. So bieten sich dem Betrachter Nahaufnahmen von Körperteilen, bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert und Ausschnitte, die eher von der Suche nach ungewöhnlichen Formen und Licht-Schattenmustern getrieben zu sein scheinen, denn von der nach dem Erotischen. Helmut Newtons Akte präsentieren sich stark und zugleich verletzlich, sich mal ihrer Selbst bewusst und posierend, mal im Akt verloren. Vor allem aber zeigen sich als aktive Frauen, die nicht ihre alleinige Daseinsberechtigung im männlichen Blick suchen. »Die Aktfotografie macht etwa ein Fünftel des Werkes von Helmut Newton aus. Er war eigentlich Modefotograf. Aber er ist bekannt geworden durch die Aktfotografie«, sagt Dr. Matthias Harder. Und gerade für sie stand Helmut Newton oft im Zentrum feministischer Kritik. Ein Artikel des Magazins Spiegel aus dem Jahr 1994 berichtet über die Fehde mit Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, die ihm neben Sexismus auch noch Rassismus und sogar Faschismus vorwarf. Zu seiner Verteidigung schrieb die Autorin des Artikels, die feministische Autorin Silvia Bovenschen, Newtons Fotografie ziele nicht auf die Festlegung einer wahren Bedeutung des Körpers. »Sie


Filmkritik

KUNST

Von Marc Hairapetian Dario Argentos poppiger Giallo-Meilenstein Suspiria (1977) - sicherlich neben »Profondo Rosso« (Rosso – Die Farbe des Todes, 1975) sein bester Film – übertraf in Italien seinerzeit sogar die Kino-Einspielergebnisse von Steven Spielbergs Der weiße Hai (1975). Bis heute wird er von einer ständig anwachsenden Fan-Gemeinde kultisch verehrt. »Einer der vermutlich experimentellsten HorrorFilme überhaupt« (Moviestar), in dem alternde Weltstars (Joan Bennett, Alida Valli) jungen Talenten (Jessica Harper, Stefania Casini) das Fürchten lehrten, braucht eigentlich kein Remake. Doch siehe da: Die mit einem politischen Subtext versehene Neuverfilmung von Luca Guadagnino Call Me by Your Name ist kein Sakrileg, sondern eine großartige Hommage an Dario Argentos bizarres Genie.

Bilder Im Uhrzeigersinn von links: Helmut Newton, Bergstrom over Paris, Paris 1976 © Helmut Newton Estate, David Lynch Untitled, Lodz, 2000s © David Lynch, Helmut Newton Tied-Up Torso, Ramatuelle 1980 © Helmut Newton Estate, Saul Leiter Untitled, New York, ca. 1950 © Saul Leiter Foundation

Berlin im Jahr des »Deutschen Herbsts« 1977: Der Terror der RAF erschüttert eine ganze Nation – im Westen wie Osten des nach dem Zweiten Weltkrieg geteilten Landes. Die junge US-Amerikanerin Susie Bannion (Dakota Johnson) kommt in die Mauerstadt, um sich in der berühmten Ballettschule Marcos Dance Academy einzuschreiben. Madame Blanc (Tilda Swinton), die gestreng-revolutionäre Leiterin des Etablissements, erkennt ihr großes Potential sofort. Alles könnte für Susie, die sich mit ihrer Mitschülerin Sara (Mia Goth) anfreundet, so schön sein, doch auf einmal geschehen unheimliche Dinge. Denn Susies Platz ist nur frei geworden, weil ihre Vorgängerin Patrica (Chloë Grace Moretz) als vermisst gilt. Zuletzt gesehen hat sie der alternde Witwer und Psychotherapeut Dr. Josef Klemperer (Lutz Ebersdorf, in Wirklichkeit ebenfalls Tilda Swinton mit PenisProthese!). Schritt für Schritt offenbart sich ein düsteres Geheimnis um schreckliche Hexen, NS-Vergangenheit sowie Schuld und Sühne. Suspiria made by Luca Guadagnino ist grausam, voll unterschwelliger Erotik, artistisch, berührend, machmal langatmig, aber auf unheilvolle Weise immer faszinierend, von verstörender Bildkraft und die Umkehrung des Originals! Wo 1977 grelle Farben und extreme Lichtstimmungen dominierten, bestimmt bei ihm ein entsättigtes Graubraun seine Bilderflut. Aus Dario Argentos knackig kurzem Thriller (Laufzeit 94 Minuten) macht er ein zweieinhalbstündiges Ungeheuer von einem Film mit sechs Kapiteln und Epilog. Anstatt im märchenhaften Freiburg und dem nicht minder pittoresken München hat er die Szenen in der Tanzschule in dem seit 1968 leerstehenden Grand Hotel Campo dei Fiori in Varese gedreht und den Rest in West-Berlin.

verdeutlicht vielmehr dessen Verfügbarkeit für alle möglichen Bedeutungen. Seine Körper-Bilder machen den Körper, das Medium der Mode, selber zur Mode.« Kann der Akt also seine Nacktheit tragen wie eine Uniform? Ist das vielleicht ein Stück weit die Befreiung von den Fesseln des Machtgefälles der traditionellen Beziehung zwischen Künstler und Modell? Zeigt sich in dieser inszenierten, perfekten Nacktheit der Newton-Akte der Prototyp einer Frau, die ihre Sexualität selbst bestimmt?

Argentos Suspiria war von geradezu brutaler Naivität durchzogen, Guadagnino gibt sich formstrenger und arbeitet den politischen Kontext einer bewegten Zeit perfekt ein. An sich war bei dem Langzeitprojekt zuerst Gordon Green als Regisseur vorgesehen und als Hauptdarstellerin Isabelle Huppert. Auch sehr reizvoll, obwohl man sagen muss, dass Tilda Swinton in Zusammenarbeit mit den Maskenbildnern als Doppel-Darstellerin eine wahrhafte Meisterleistung vollbringt. Der Zuschauer wird lange in die Irre geführt, wer dieser unbekannte Schauspieler sein soll, den man noch nie zuvor in einem Film gesehen hat und der nun auf einmal Dr. Josef Klemperer mimt. Für diesen vermeintlichen Akteur wurde sogar im Vorfeld der diesjährigen Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig eine Vita lanciert!

Wie die MeToo-Debatte und Fälle wie der Terry Richardsons oder Patrick Demarcheliers gezeigt hat, reizen Fotografen regelmäßig die Grenze dessen, was das Model zu tun bereit ist, zu weit aus. Gerade in Anbetracht dieser Entwicklungen ist eine Ausstellung dreier männlicher Positionen bei einem so aufgeladenen Thema eine Entscheidung, die zumindest hinterfragt werden muss. Nudes:

Ausstellung 30. November 2018 bis 19. Mai 2019

Öffnung:

20 Uhr. 30 November 2018 Saul Leiter. David Lynch. Helmut Newton.

Wo:

Helmut Newton Foundation Jebensstraße 2 D-10623, Berlin DI, MI, FR, SA, SO 11-19, DO 11-20 UHR

Von Barbara Russ 31

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Trefflich sind darüber hinaus die Nebenrollen mit Alt-Stars wie Ingrid Caven, Angela Winkler und Renée Soutendijk besetzt. Ein wahrer Club der Teufelinnen! Jessica Harper hat zudem einen Cameo -Auftritt. Genial auch die Kameraarbeit des Thailänders Sayombhu Mukdeeprom, der hier wieder mit 35-mm-Film und nicht mit Digicam gefilmt hat. Last but not least hat Thom Yorke, Sänger und Texter der Rockgruppe Radiohead, einen beängstigenden, aber melodiösen Soundtrack geschaffen, der vor allem dem unvergesslichen Showdown seinen Stempel aufdrückt.


GOURMET

Manhatta – Financial District

Gebratene Ricotta Gnocchi, Romesco-Sauce © Daniel Krieger

obere und untere Fotos © Emily Andrews

Den spektakulärste neue Restaurant der Stadt hat Stargastronom Danny Meyer im einstigen Boardroom von CHASE in der 60. Etage eines Wolkenkratzer aufgemacht: rundum Glas, gedimmtes Licht, man schaut gen Midtown, auf East River und Brücken und tief in die Häuserschluchten rund um die Wall Street – eine selbst für New Yorker kaum gekannte Perspektive! Wandvertäfelungen und Parkett aus Mahagoni sind erhalten. Schlichte, dunkle Holztische und -stühle im Hauptraum ordnen sich dem Panorama unter. Küchenchef Jason Pfeifer war zuvor in Meyers Gramercy Tavern und auch im Per Se. Die Küche kombiniert Gerichte aus – was sonst! – Alt-New York und Frankreich. Würzig, deftig war »Scotch Snails«, die nach Burgunder-Art zubereiteten und zusätzlich mit Wurst umhüllten Weinbergschnecken. Das auf den Punkt perfekt gebratene Filet vom Lamm war mit Gurke, Dill, Speck und heirloom beans, bunten alten Bohnensorten, kombiniert. Die noch ofenwarme Datteltarte kam mit Vanilleeis und samtig-rauchiger Whiskey-Karamell-Sauce. In den Barbereich mit Ledersesseln darf man auch ohne Reservierung. Als Absacker nun noch ein »Manhattan« – und wir stoßen an, auf Stadt und Menschen: Good old New York pass auf Dich auf! Manhatta, 28 Liberty Street, Tel. +1-212-23 05 78 8, www.manhattarestaurant.com

Tempura Jakobsmuscheln © Daniel Krieger

TOP 5 NEUERÖFFNUNGEN IM BIG APPLE

New York, New York – gerade recht gebeutelt! Seelenlose Bauprojekte mit Luxuswohnraum zur Geldanlage für Superreiche, meist aus Übersee, fressen sich quer durch die Stadt, historisch Gewachsenes muss weichen. Dazu kommen superhohe Steuern und Gewerbemieten; auch die mom-and-pop-stores und -places, New Yorks Mini-Läden, Kneipen, Imbissorte geben auf oder sind samt Häuserblock weggerissen. Die Seele leidet. Neues gibt es natürlich trotzdem. Innovative Köche und Restaurants präsentieren sich genussvoll kämpferisch. Genussexperte Dr. Stefan Elfenbein stellt vor:

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foto © Lores Robert Wright

Foto © Bouley at Home

Foto © La Mercerie: Lores Robert Wright

La Mercerie, Soho... »Le Whoof« steht am Wassernapf vor der mit Reben romantisch umrankten Eingangstür, dahinter grüßen Schnittblumen, es duftet nach Lilien und frisch gebackenen Croissants, himmelblaue Polsterbänke laden zum Verweilen ein. Vor knapp drei Jahren kam Küchenchefin Marie-Aude Rose von Paris aus nach New York zusammen mit Ehemann und Daniel Rose, dem Küchenchef im Le Coucou um die Ecke. Ihr gelang nun ihr eigener New Yorker Traumort: eine Genussoase mit Landpartie-Feeling, Eleganz und entspannter Ruhe. Serviert wird Herzhaftes neben kreativen Gemüsegerichten: Zu den Oeufs cocotte schmeckte das Toastbrot mit Butter, Vanille und Anchovies aus dem Kantabrischen Meer. Angenehm würzig und sauer waren in Weißwein gedämpfter Lauch und pochierter Rhabarber mit Minze, Schnittlauch und Curry-Sherry-Vinaigrette. Ossobuco gaben Mangold, weiße Bohnen und Zitrone einen frischen Dreh. Interessante Auswahl an Rohmilchkäsen auch aus den USA. Entstanden ist Roses La Mercerie als zentrale Mitte des Roman & Williams Guild, dem ersten Showroom des renommierten Einrichtungsund Designstudios Roman & Williams mit Kunden wie Ben Stiller, Gwyneth Paltrow. Alles rundum, einschließlich des Geschirrs auf dem serviert wird, kann gekauft werden, selbst die Blumen am Eingang. Perfekt zum Business Lunch. La Mercerie, 53 Howard Street,

Tel. +1-212-85 29 09 7, www.lamerceriecafe.com

Norman, Greenpoint Brooklyn

Bouley at Home, Flatiron District…

Bilder Im Uhrzeigersinn von links (Sieben Lebensmitteleinsätze): Frühstück @ La Mercerie Soho © July Gentlhyers, Wilde Alaska-Lachsrosen, Goldener Osetra-Kaviar, Biodynamisches Grün @ Bouley at Home, Bio Wachtelei gedünstet & 24 Monate Comté Cloud @ Bouley at Home, Roti Ost-Ansicht @ Rôtisserie Georgette, GrenobleTintenfisch @ Rôtisserie Georgette © M. Hom, Innenräume @ Rôtisserie Georgette © M. Hom, Gebratenes Huhn @ Rôtisserie Georgette © M. Hom, Salmon Sauce Meurette sautierte Gurken und Dill @ La Mercerie Soho.

Balsam für die Seele war immer schon gut gemachte Landküche, insbesondere die französische. Gleich eine ganze Reihe neuer Brasserien oder ähnliches hat aufgemacht. Die schönste ist das Georgette von first time-Gastronomin Georgette Farkas. Entstanden ist sie auf der traditionell eleganten Upper East Side. Und die Mischung ist gelungen: eine Brise Versailles, ein Hauch Landgasthof. Edle Gobelins und funkelnde Spiegel hängen an getünchten Backsteinwänden, die goldenen Lüster sind in Louis XV und in der halboffenen Küche drehen Brathühner vor der Flammenwand ihre Runden. Serviert wird Klassisches vom Grill, aber auch Leichtes, Grünes, Kreatives. Herrlich frisch war die »Chilled Corn Soup« aus jungem Mais mit Avocado und Limette. Nach Sommer am Meer schmeckten die »Moules Basquaise«, die Miesmuscheln mit Chorizo, Tomate und in SafranWeißwein-Sud. Von der Tarte Tatin blieb kein Krümel übrig. Vor ihrem Debüt als Gastronomin war Georgette Farkas in der Küche bei Roger Vergé und Alain Ducasse und dann lange Köchin und PR-Frau für den großen Daniel Boulud im Daniel um die Ecke. »Dann wollte ich zurückgeben,« sagt sie, »und zeigen, dass Neues mit Herz und Seele auch jetzt noch funktioniert«. Angestammte Treffs rundum wie The Plaza samt Oak Room und Bar oder das Waldorf sind verkauft, geschlossen, in Luxuswohnraum umgewandelt. Das einst stolze The Drake auf der Park Avenue ist abgerissen, Amerikas zweithöchstes »Wohn«-Gebäude steht nun dort. Wie einst, menschlich. lebendig, genussvoll, geht es bei Georgette‘s Champagnerbrunch immer sonntags zu (früh reservieren). Danke, Ms. Farkas! Rôtisserie Georgette, 14 East 60th Street,

Rôtisserie Georgette, Upper East Side…

ganz auf die Heilkraft bester Küche und Produkte setzt Starkoch David Bouley. Sein einst legendäres Bouley in Tribeca hat er aufgegeben. »Ich arbeite jetzt am Kern der Sache«, sagt er. Herzstück im neuen Restaurant ist der lange Bulthaup-Küchentresen, auf der einen Seite Koch und Crew, auf der anderen die Gäste. Gerichte reicht der grand chef meist höchstpersönlich. Et voilà: Auf Chips aus Kuzu mit duftenden Trüffeln in Aligoté und New Yorker Weiderind-Tartar folgt Malibu Seeigel in »Grüner Apfel-Wolke« mit Bio-Avocado und Spirulina – alles und jedes auf den Tellern wunderbar und nach ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen penibel aufeinander abgestimmt! Kuzu etwa, die Stärke aus der Wurzel einer japanischen Schlingpflanze, war am Hof in Kyoto schon vor 800 Jahren als Superfood bekannt. Aligoté, eine uralte Rebsorte aus dem Burgund, hält bestes Mineralisches bereit. Seeigel liefert Jod. »Gute Küche erkennt man daran«, sagt Bouley, »dass man sich beim Essen auf der Stelle wohlfühlt und dieses Glücksgefühl noch mindestens zwei Stunden danach anhält.« Rundum glücklich machte uns das süße Finale aus Himbeeren, Limone, Basilikum und Eiscreme aus fermentiertem Reis. Auch Kochkurse bietet Bouley nun an. Und an den »The Chef & The Doctor«-Abenden kocht er zusammen mit ärztlichen Koryphäen und nach deren Ratschlägen. Bouley at Home,

31 West 21st Street, Tel. +1-212-255 5828, www. bouleyathome.com

Tel. +1-212-390 860, www.rotisserieg.co wir hüpfen über den East River und gehen auf Mini-Kur. Brooklyns Greenpoint war Schiffswerft und Umschlaghafen, in den alten Hallen ist kreatives Leben eingezogen. Kulinarischer Treff im Viertel ist das Norman, auf den ersten Blick eine Art Kantine, auf den zweiten ein wahrer Schatz. Gekocht wird nordisch-regional und mit dem, was die Natur an Gutem gerade hergibt. Knackig, knusprig war das Sauerteigbrot-Sandwich mit Frischkäse, Ei, Kapern, Dill, Räucherlachs und roter Bete. Das Brot wird im Holzofen gebacken, die Butter selbst geschlagen. Auch optisch ein Genuss war die Flunder mit rohem und püriertem Kürbis und knalloranger Studentenblume. Engagierter Teamchef in der Küche ist Stephen Ilnyckyj aus dem noch vor 2 Jahren weltweit gefeierten einstigen Betony an Manhattans West 57th Street, der neuen »Billionaire‘s Row«. Das Gebäude, in dem es war, wartet ebenfalls auf den Abriss. Zum süßen Quark mit Buttermilch, Apfelwein-Sirup und Roggen wird Kaffee von den »Brownsville Roasters« gereicht. »Brooklyns Brownsville ist eines der Viertel außerhalb Manhattens, die gerade abstürzen,« sagt Ilnyckyj. Mit Projekten wie der Rösterei oder auch Gärten und konkreter Ausbildung am Herd hilft man bei der Selbsthilfe. Entstanden ist das Norman als kulinarischer Mittelpunkt des von BMW’s Marke Mini finanzierten Innovationszentrum A/D/O mit Schwerpunkten wie Umwelt, Stadtplanung und Ernährung. Wer an Kursen und Seminaren teilnimmt, muss auch im Restaurant Hand anlegen und auf Feldern und in Gärten pflanzen, ernten. Wie vor hundert Jahren zubereitet, war der Blueberry Shrub aus Apfelessig, Zucker, Blaubeeren. Norman, 29 Norman Ave.,Tel. +1-347-966 2092, www.restaurantnorman.com

Birnensorbet @ Norman

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TO-GO BOUTIQUE

DESIGN

by Kelley Frank

PUFF DADDY

Zwei Dinge, die wir wissen müssen

Wir suchen nach Würze in der Kürze zur vorweihnachtlichen Zeit. Und finden neben Kardamom und Anisstern stets bereit: die Stuhl-Tisch-Komposition – eine vorweihnachtliche Tradition. Unser Weihnachtsmann bereitet sich hier ganz gern vor; nutzt das königlich rote Ambiente, schläft sich aus auf einem komfortable designten Liegesessel. Davor steht ein rotes Tischchen. Und vor Tannengrünem Dekor trimmt er seinen Bart nun richtig – denn vor seiner Reise wirkt das gewichtig.

Coastal Russian flight suit liners, British Navy windsmocks and other rigorous military garments from around the globe continue to inspire silhouettes alongside precision construction for this Italian sportswear brand. C.P. Company’s iconic Goggle Jacket design dates back to 1988, originally architectured for their sponsorship of Mille Miglia, a classic car race held in Italy for almost 100 years. The FW018 collection is a peregrination of synthetic fabrics that secure warmth without all the weight. A stretch poly outer arranges for water resistance while a poly lining and padding provide the ultimate hygge. Zip pockets, a drawstring hem and ribbed cuffs finish it off. Interseasonal and intersectional, this jacket looks good all year, everywhere. C.P. Soft Shell Mixed Goggle Full Zip Short Jacket C.P. Company 370 Eur

De Padova. Das variable Arrangement, die Baureihe S 5000 kennzeichnet eine neue Art Sofa.

Alles begann 1930 mit dem Archetyp, ein minimalistisches Sofa mit gebogenen Stahlrohrboden. Die Gestaltungsidee basiert auf dem »Baukastenprinzip«. Es können bis zu vier identische Polsterelemente auf dem Standard-Basiselement als Armlehnen oder Rückenlehnen platziert werden. Ob Schlafcouch, Chaiselongue oder Sofa – hier kreiert sich jeder sein Sofaerlebnis selbst. www.depadova.com

Provincial The classical puffy winter jacket get an upgrade from AlphaTaur, a brand founded by Red Bull. Known for their innovation in every sector, AlphaTaur showcases textiles and technology in a way we haven’t seen before. The LOOF is a padded leather jacket insulated by Primaloft®. Primaloft® was originally developed in the 80’s for the US Army as a down substitute. When wet, PrimaLoft is able to retain 96% of its insulating capability, unlike down. A fleece lining of polyester and elastane keeps the wearer cozy while adjusting accordingly. The 100% lamb leather shell does requires professional leather cleaning. This jacket proves that fashion can also have function.

Sober. Das Sober Shave Wet Grooming Kit bringt Ihre

Haut zum Glänzen. Ein ideales Geschenkset für Männer, die ihr Gesicht durch eine perfekt rasierte Haut betonen möchten. In der Box enthalten, sind ein Rasierhobel aus Edelstahl, ein Silvertip Fibre-Rasierpinsel und ein hautpflegendes After Shave, welches ihrer Haut 24h Feuchtigkeit spendet. www.soberberlin.com

LOOF AlphaTauri 599,90 Eur

Ligne Roset.

Der Cimba/Cimbo mit der abgerundeten Rückenlehne erinnert an den Geist der 1950er Jahre. Die breite Sitzfläche bietet hervorragenden Komfort. Cimbo wird auf Wunsch gepolstert, die CimbaBrücke ist marine-farbend oder in Orange erhältlich. www.ligne-roset.com

Bureau von Earnest Studio. Der

Schreibtisch BUREAU vereint Funktionalität mit zeitloser Klasse. Unter der Tischplatte befindet sich eine zweite Ebene. Dort können Laptop und Büroutensilien verschwinden. www.schoenbuch.com

Local To call Iriedaily a Berlin-based streetwear brand would be an understatement. The company revolves around a DIY-ethos, friendship, respect and responsibility. Responsibility not only to their fellow man, but also the earth. The Kotti Jacket embodies all of this. Named after a bedraggled but vibrant kiez, this jacket is reversible. Depending on the street you walk down, you can flank the crowd sporting the navy blue outer shell. Or if seek to hobnob with the creatives you can perhaps don the purple and blue abstract patterned innershell. The body features nylon, a full length zipper and front pockets with hidden press buttons making it wearable in any weather. This jacket is vegan, staying true to Iriedaily’s sustainable mission.

Carl Hansen & Son.

Wegener hat den zeitlosen CH24-Stuhl Wishbone, passend zur Geschenke-Zeit, anhand der oberen Schienen und Arme zu einem einzigen Stück kombiniert. Der charakteristische Y-förmige Rücken verleiht der Konstruktion Stabilität und ist dem Sitzenden eine komfortable Unterstützung. www.carlhansen.com

Kotti Jacket Iriedaily 119,90 Eur

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Mattiazzi.

Medici ist als niedriger Stuhl mit einer bequemen Liegeposition konzipiert. Mit der großzügigen Dimension einhergehend kann man sich hier geborgen fühlen. Vier verschiedene Hölzer sind erhältlich: Nussbaum, Douglasie, Esche oder wärmebehandelte Esche (als Outdoor-Stück).

L&Z Ed-Rollcontainer.

Der Ed-Rollcontainer von Daniel Lorch (2012) wir aus nur einem Stück Stahlblech gefaltet. Explizite Funktionen sind nicht vorgegeben: eignet sich als wendige Ablage für mobile Geräte wie Notebooks, als Beistelltisch oder spontane Sitzgelegenheit.

Mühle.

RYTMO ist in den Varianten Edelharz, schwarz und mint verfügbar. Optional ist die Serie auch in thermobehandeltem Eschenholz erhältlich. Alle Farb- und Materialvarianten werden durch den edel glänzenden, verchromten Fuß besonders akzentuiert. www.muehle-shaving.com

www.lz-elements.com

www.matiazzi.eu

Arper. Die

eleganten Marmorauflagen gibt es in den Größen für Bar- und Beistelltische in jeweils zwei Höhen. Eine gediegene Krönung für die geschmeidige Tischform von Dizzie, ob zu Hause, im Gastoder Arbeitsbereich.

www.arper.com

Thonet. Das schlichte und

unvergängliche Design ist ein Hingucker der neuen Kollektion von Sofas. Es besteht eine besondere Harmonie zwischen der strengen Außenlinie und der weichen Daunenkissen im Innern des Sofas. Die Rückenkissen können mit losen Kissen bestärkt werden, den Bezug gibt es wahlweise aus Stoff, Leder oder Samt. Ein langer Vorderdeckel aus Stoff wird auch angeboten. www.thonet.de

Graham Hill. Dieses Set hat alles, was

Mann für die Nassrasur braucht – ein klassisches Weihnachtsgeschenk also. Eine milde Rasierseife von Casino und ein dazu passender Rasierpinsel von Shaving Brush für feinporigen Schaum, danach ein Mirabeau After Shave Tonic – und das lässt sich zusammen perfekt in der Graham Hill Cosmetic Bag verstauen. www.grahamhill-cosmetics.com

Thonet.

Der Bugholz-Klassiker hat einen ausladenden Bügel, der Rücken- und Armlehne zugleich bildet, und er wird in einem Stück aus massivem Buchenholz in seine Form gebogen. Die Konstruktion besteht aus nur sechs Einzelteilen. www.thonet.de

Knoll. Wie viele der Möbelentwürfe von Saarinen erforderte auch die

Gebärmutterbank Produktionstechniken und Materialien, die noch in den Kinderschuhen steckten. Die Flexibilität der Kunststoffschale, die bei den Modellen 70 und 72 von Vorteil ist, erwies sich beim Modell 73 als problematisch. Letztendlich setzten sich Pardo und sein Team durch; das Stück wurde bereits 2015 begrüßt. www.knoll-int.com

L&Z Elements: Roll-Up Bin. Michel Charlot

designte den Roll-Up L Behälter, der auch 2016 als Best of the Best beim Iconic Design Award ausgezeichnet wurde. Ihn kann man wie die Beine einer Jeans aufrollen und sein Besitzer bestimmt so auch die gewünschte Form. Insgesamt kann der Behälter bis zu 60 Liter fassen. Das robuste Material hat eine gummiähnliche Haptik und ist ringsum wasserdicht. Einsetzbar ist der Roll-Up als Wäschekorb, Übertopf für Pflanzen oder auch als Spielzeugbehälter.

www.lz-elements.com


REISE

Laguna 69 ist ein kleiner See in der Nähe der Stadt Huaraz, in der Region Áncash, Peru.

S

chon der Einstieg zu der wohl spektakulärsten Wanderung in ganz Peru beginnt mit einem magischen Naturereignis: Nach einer etwa dreistündigen Fahrt vom Bergsteigerort Huaraz aus, einer teilweise magenzerrüttenden Strecke aus Haarnadelkurven auf Wegen, die man nur sehr wohlwollend als solche bezeichnen kann, ist plötzlich auf einen Schlag alle Anstrengung vergessen. Vor uns liegen zwei der schönsten Lagunen der gesamten Anden: Chinancocha und Orconcocha, zwei Gewässer, bei deren majestätischem Anblick auf etwa 4000 Metern Höhe man sofort versteht, warum sie den einheimischen Quechua-Indianern bis heute heilig sind.

Wir befinden uns im Nationalpark Huascarán, einem gigantischen Naturschutzgebiet von etwa 34 000 Hektarn Fläche, das seit 1985 zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört, benannt nach seinem höchsten Berg. Auch gibt es hier den Alpamayo, der in den 60er Jahren von dem deutschen Magazin Alpinismus (heute Alpin) zum schönsten Berg der Welt gewählt wurde, und von dem der deutsche Erstbesteiger Günter Hauser einmal sagte: »Ein Traumberg erhebt sich über den Tälern der nördlichen Cordillera Blanca, wie ihn nur Kinder zu zeichnen wagen, die noch nie einen Berg gesehen haben.« Die Cordillera Blanca bezeichnet den nördlichen Teil der peruanischen Anden – Huascarán ist ein Teil davon, gesegnet mit 660 Gletschern und 300 Lagunen, bietet er Bergfreunden 25 Wander- und über 100 Kletterrouten. Warum es nicht noch mehr sind in einem derart gewaltigen Park, verrät Guide Jaime: »Die Gegend hier ist auch heute noch touristisch sehr wenig erschlossen, denn viele unserer Gipfel können ausschließlich erfahrene Bergsteiger bezwingen. Wir entdecken auf unseren eigenen Wanderungen immer wieder neue Wege und Lagunen, die noch nicht einmal kartographiert sind.« Heute soll es zu so einer geheimen Perle gehen, der Laguna 69, gelegen auf über 4600 Metern Höhe – ein mysthisches Gewässer, entdeckt erst vor einigen Jahren. Sie trägt diesen wenig spektakulären Titel übrigens deshalb, weil alle Lagunen, die bei der Einrichtung des Nationalparks noch keinen eigenen Namen hatten, einfach mit Zahlen verzeichnet wurden. Bevor es losgeht, ein berührender Moment, als der Indio Jaime ein Schutzgebet auf Quechua spricht, das uns eine sichere Wanderung und den Schutz der Berge bescheren soll: »Hirka kuna ke ku kata/sharshaku ancashya apayame/arrobata kukeki arrarko.« Für diese Worte kennt er keine adäquate Übersetzung, er selbst spricht sie jedoch vor jeder Wanderung, seit er ein kleiner Junge ist, in etwa bedeuten sie so viel wie: »Ihr heiligen Berge, wir bitten euch um euren Segen, wenn wir heute in eurem Schatten wandern.« Jaime greift in seine Tasche und holt ein Beutelchen mit Kokablättern hervor, von denen er einige als Opfer für die Berg-Götter unter einen Busch legt, als

Teilmitglieder der Terrorgruppe Sendero Luminoso. Foto: © Archiv

Dem Himmel ganz nah Der Nationalpark Huascarán mit seinen bis zu knapp 7000 Meter hohen Bergen ist eines der schönsten Wandergebiete in ganz Peru – und dennoch vom Massentourismus bisher komplett verschont. Unser Autor verrät, wo Sie sich dem Himmel ganz nah fühlen können. Die Region Ancash, in der der Huascarán-Nationalpark liegt, wird als Wanderrevier bei Touristen aus aller Welt immer beliebter, doch aufgrund ihrer Lage ist sie bisher vom Ansturm der Massen noch komplett verschont geblieben – schon Huaraz befindet sich auf über 3000 Metern über dem Meer, der Huascarán mit seinem Nord- und Südgipfel ist bis zu 6768 Meter hoch. Ein paar Tage müssen Einsteiger hier akklimatisieren, um überhaupt nur normal atmen zu können. Wir haben derweil unsere Tour begonnen und vor uns öffnet sich eine scheinbar unendlich weite Ebene, zur Linken begleitet ein kleiner Fluss jeden unserer Schritte, dessen eiskaltes Wasser herrlich frisch schmeckt – in solchen Höhen ist es wichtig, ständig zu trinken, auch wenn man keinen Durst hat. Einsteiger sollten sich generell an den 10 Grundregeln für das Bergsteigen orientieren, die der Summit Club des Deutschen Alpenvereins herausgegeben hat und die unter anderem auch besagen, dass man keinesfalls zu schnell zu hoch aufsteigen sollte. Zudem sollte man am Berg die Atemfrequenz und den eigenen Herzschlag permanent beobachten und bei den ersten Anzeichen von Unwohlsein sofort abbrechen. Unsere Herzen schlagen dann auch schnell tatsächlich höher, allerdings auch wegen der wunderbaren Ausblicke, unter anderem auf den Huascarán im Hintergrund, einen wirklich unfassbar gewaltigen Klotz aus Stein, Eis und Schnee. Vor uns türmt sich immer mächtiger ein Gletscher-Gebirge auf, Gipfel wie der 6112 Meter hohe Chacraraju, in deren Schatten die sagenumwobene Laguna 69 liegt. Geisterhaft winden sich die moosbewachsenen Äste der bizarren Queñua-Bäume, einer endemischen Art, die nur in den Anden vorkommt. 36

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Dass wir überhaupt hier sein können, sich in Ancash heute ein sanfter Tourismus entwickelt hat, ist nicht selbstverständlich, denn die Region gehörte zu jenen, in denen der sogenannte Sendero Luminoso, der Erleuchtete Pfad, bis weit in die 90er Jahre Angst und Schrecken verbreitete – im Kampf gegen die kommunistische Guerillatruppe starben schätzungsweise 70 000 Menschen, und das ist nur die Dunkelziffer. Es verschlägt einem die Sprache, wie Guide Robert noch in einem Moment von seinen zwei Kindern erzählt, um im nächsten zu sagen: »Der Sendero Luminoso hat meinen Vater umgebracht, da war ich noch ein kleines Kind. Er war Lehrer in unserem Dorf, ein Intellektueller, das hat ihnen nicht gepasst, da haben sie ihm die Kehle durchgeschnitten.« Noch heute werden überall in Peru vereinzelt Aktivitäten der Terrorgruppe registriert, doch das Land muss längst nicht mehr in der permanenten Angst leben, die damals herrschte. Inzwischen haben wir mit dem ersten Anstieg begonnen, ganz nah ist jetzt das blendend weiße Gletschermassiv, schon geht der Atem stoßartig, das Tempo verlangsamen, bei derartig schönen Ausblicken wird das Ankommen ohnehin fast zur Nebensache. Ein rauschender Wasserfall stürzt sich neben dem Weg in die Tiefe, die Luft wird langsam kälter und schneidender. Gänsehaut treibt einem aber auch immer noch der Name eines Ortes über den Rücken, den wir vor unserer Wanderung hier besucht haben: Yungay. Am 31. Mai 1970 ereignete sich in dem damals etwa 20 000 Einwohner zählenden Dorf Yungay, das man auf


REISE

Sommerresorts Quechua Indische Mädchen mit Babyschafen Foto: © James Paris

The Residence Maldives Das Villenresort The Residence Maldives liegt nur 20 Kilometer nördlich des Äquators, auf Falhumaafushi, einer Insel des Gaafu Alifu Atolls – einem der größten und tiefsten der Welt. Die 94 strohgedeckten Villen von The Residence Maldives befinden sich direkt am Strand oder stehen auf Stelzen über dem Wasser. Sie alle beeindrucken durch ihr schlichtelegantes Ambiente, einen sagenhaften 360º-Rundumblick und jeden nur erdenklichen Komfort. Falhumaafushi, Gaafu Alifu Atoll, Republic Of Maldives T 960 6820088 www.cenizaro.com/theresidence/maldives-fm

dem Weg in den Huascarán-Nationalpark passieren muss, eine Katastrophe wahrhaft biblischen Ausmaßes. Ausgelöst durch ein Erdbeben rutschte damals eine gewaltige Lawine aus Schnee, Schlamm und Geröll vom Huscarán ins Tal ab und begrub innerhalb von wenigen Minuten den gesamten Ort sowie fast all seine Bewohner unter sich – noch tagelang schwebte über dem Katastrophengebiet eine bis zu 5000 Meter hohe Dunst- und Staubglocke, Hilfskräfte konnten aufgrund der Verschüttungen nicht vordringen. Wie durch ein Wunder überlebten damals etwa 400 Kinder, weil sie sich zum Zeitpunkt des Unglücks auf einem erhöhten Punkt, den die Lawine nicht überrollte, eine Zirkusvorstellung ansahen – sie erlangten in der Folgezeit tragische Berühmtheit als die »Waisen von Yungay«. Einer von ihnen war Cesar Crúz Chauca, damals 16 Jahre alt: »Erst nach einer Woche voller Hunger und Angst wurden wir gerettet und nach Lima gebracht. Wir waren 80 Kinder, die alle ihre komplette Verwandtschaft verloren hatten. Mir ist mein Bruder geblieben, aber meine Eltern und zwei meiner Geschwister sind damals gestorben.« Chauca selbst blieb zwei Jahre in Lima, wurde Kunstlehrer und kehrte mit 25 an den Ort der Katastrophe zurück, so wie andere auch: Sie stellten dort, wo einst ihre Häuser gestanden hatten, Grabsteine auf - Yungay Viejo, also das »Alte Yungay«, ist noch heute ein riesiges, beklemmendes Freilichtmausoläum, stets muss man daran denken, dass sich nur wenige Meter unter den eigenen Füßen die Ruinen einer ganzen Stadt befinden. Doch die Menschen in Yungay wehren sich so gegen das Vergessen, natürlich könnten sie es auch gar nicht: »Als die Lawine kam, sah ich Menschen um mich herum im Schlamm treiben«, so Chauca. »Im nächsten Moment waren sie schon verschluckt worden.« Die Stadt wurde in den Folgejahren neu aufgebaut, Yungay Nuevo zählt heute wieder etwa 20 000 Menschen, die im Schatten des Huascarán leben. Der Ort selbst lebt heute überwiegend vom Tourismus, es gibt viele Reisebüros, die sich auf Wanderungen in der Cordillera Blanca spezialisiert haben – auf diese Weise versucht man sich von der Vergangenheit zu lösen, dennoch herrsche in Yungay eine permanente Anspannung, wie Chauca sagt. Angst habe er aber nicht: »Wenn so etwas

passiert, dann kommt der halbe Berg runter – da kann man dann ohnehin nichts mehr machen.« Wir schütteln den Gedanken an Yungay mühsam wieder ab, hier oben ist der Huascarán zum Glück weit genug entfernt, ist nicht mehr und nicht weniger als ein absolut imposanter Anblick. Konzentration auf den letzten Anstieg zur Laguna 69, es geht noch einmal ein paar hundert Meter in die Höhe, bevor das Ziel erreicht ist, die letzten Meter sind wie so oft die schwierigsten, da helfen auch all die motivierenden Zurufe nichts, die von den schon wieder absteigenden Wanderern kommen. Doch dann liegt sie da, majestätisch und von einem fast überirdisch schönen blau, eingerahmt von massiven Gletschern, hier fühlt man sich dem Himmel wahrlich nah. Um uns herum Lachen und babylonisches Sprachgewirr der Freude, ein jeder hier ist stolz, heute dieses Ziel erreicht zu haben – ein flüchtiges Glück, denn schon bald müssen auch wir uns wieder auf den Rückweg begeben, auch das eine der Bergsteiger-Regeln des DAV in solcher Höhe: Don’t stay too high, too long.

The Residence Mauritius The Residence Mauritius liegt an einem kilometerlangen, puderzuckerweißen Traumstrand an der Ostküste der Insel. Das 1998 eröffnete Resort, das den Kolonialstil der Herrenhäuser zitiert, wie sie um die Jahrhundertwende der 1900er Jahre auf den Plantagen der Zuckerbarone standen, ist von einem 10 Hektar großen tropischen Garten umgeben. Das Hotel verfügt über drei Restaurants, einen Sportclub mit einem vielfältigen Angebot an kostenlosen Aktivitäten sowie uber einen Kids Club und den völlig neu gestalteten Sanctuary Spa. Coastal Road, Belle Mare, Mauritius T 230 401 88 88 www.cenizaro.com/theresidence/mauritius/about

Das ist wohl das Charakteristische solcher emotionalen Höhenflüge: Sie dauern nie sehr lange. Die Erinnerung daran zum Glück schon.

Von Robin Hartmann

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Le Sereno St. Barth Eine neue Ära fur Le Sereno Gutes Design sowie eine exzellente Lage spielen eine zentrale Rolle bei den Sereno-Hotels. Das gilt auch fur das Le Sereno St. Barth, das sich mit seinem neuen, frischen Look selbst uberbietet. So haben die Designer bei den Zimmern der „Bungalow Piscine“-Kategorie die ursprungliche Optik von dunklen Parkettböden und weißen Decken in ihr Gegenteil verkehrt: Letzere bestehen nun aus Eiche und sind das Ergebnis aufwändiger Schreinerarbeiten, während für die Böden ein Stein in einem warmen Weißton gewählt wurde. Die Zimmerdecken sind nach oben hin geöffnet, so dass die bis maximal 3,35 Meter hohen Räume eine lichte, luftige Atmosphäre ausstrahlen. Grand Cul de Sac, 97133, France T+590 590 29 83 00 www.serenohotels.com


musik dieser tage MONTAG

Van Morrison »Moondance« 10 Tracks Staff Track: »Crazy Love«

DIENSTAG

John Legend »A Legendary Christmas« 14 Tracks Staff Track: »Purple Snowflakes«

MITTWOCH

Jean-Michel Jarre »Equinoxe Infinity« 11 Tracks Staff Track: »Robots Don’t Cry« (movement 3)

DONNERSTAG

Anderson .Paak »Oxnard« 14 Tracks Staff Track: »Tints (feat. Kendrick Lamar)«

FREITAG

Swizz Beatz »Poison« 10 Tracks Staff Track: »Echo (feat. Nas)«

SAMSTAG

Robyn »Honey« 9 Tracks Staff Track: »Baby Forgive Me«

SONNTAG

John Coltrane »1963: New Directions« (Compilation) 13 Tracks (Volume 1), 10 Tracks (Volume 2), 7 Tracks (Volume 3)

Staff Track: »They Say It’s Wonderful« (Volume 2)

ARROGANT BASTARD

Mental Cripple I’ve had to curtail my social schedule a bit since suffering a freak accident at the dads of a gleeful two year-old who, last I heard, is still at large, benefiting from the general inefficiency of the Berlin legal system. It probably doesn’t help that her mugshot was taken when she was two months old and she no longer resembles a pumpkin. Regardless, as free wine is my bread and butter, the temporary inability to attend openings, take in comped performances, misplace my wallet at the end of industry dinners, and deploy the same three adjectives when hobnobbing with publicists has not merely resulted in a surfeit of boredom and random Facebook/Netflix clickings but, inevitably, an overwhelming existential despair regarding my meaning, position, and stomach in society. A life without a plethora of little pretzel sticks is a life in which little meaning sticks.

someone, somewhere, is losing capital. Tripping down the stairwell into the street, I searched for three suitably hard types, noting that the Venn overlap between the homeless and the professional musician/DJ is relatively large. Making sure not to confuse any inebriated Easyjetset types for actual junkies, I invited them up to the apartment by jangling a little change purse in front of them and, soon enough I had them positioned in front of my balcony door holding a variety of cookware, children’s toys, and a bag of autumn leaves to shake. I closed all the windows, dimmed the lights, and lit three packets of cigarettes, setting off the apartment’s smoke alarm, which only added to the feel of the concert hall. My guests shook, and rattled, and rolled but, in the end, I only felt as if I was getting my money’s worth–and so I was once again disappointed.

...noting that the Venn overlap between the homeless and the professional musician/DJ is relatively large... These sort of blues can considerably retard one’s healing schedule, so I immediately set my mind toward an attempt to replicate the conditions of my usual lifestyle. Hobbling along in my bathrobe, leaning on a cane, my glasses unevenly hanging from a chain around my neck, I insisted that my cook/romantic partner/roommate purchase the lowest quality meats and cheeses that she could find at the Aldi and array them in a flower patterns upon saltines, scattering them on a large plate in a non-polyhedronal pattern, while adding sugar to our cooking vinegar which she then half-filled into a dozen plastic cups. I picked at the cracker flowers and bitterly sipped from the cups, while staring at the timer of our microwave oven count down from eleven to zero, after which we applauded, shouting out, “Bravo, Mr. Marclay! Bravo!” We also placed some of the cheese from the plate onto the floor, in order to attract rodents from our walls, a substitute for the lemming-like connoisseurs found at most openings. I appreciated the effort (though made no attempt to show it), but it just wasn’t the same. It would take considerably more skill to duplicate the incompetence found at most gallery openings. I had failed, but my immeasurable free time allowed for the proposition that I attempt to recreate the (+1) concert experience at home, as I cannot truly appreciate music unless I am assured that 38

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There was little choice: Despite my diminished physical status, I would have to go out into the world in order to maintain my inflated sense of self-worth. It was a risk, but I am a can-do sort of guy. For example: I am probably going to finish this column. I perused my invites and found a gallery not so far from my home, one with few steps to navigate, and an aristocratic, professional approach, which would mean white walls and adequate lighting, as opposed to a student-run cellar blanketed in grey, wet cement and illuminated by Spati L.E.D. “Open” signs. Poking a few revelers out of the way with a stick, I stumbled inside, knocking over a sculpture or an artist (I’m still not certain), before collapsing onto a video monitor that had been engaging the audience with a loop of a bird hopping upon one leg, evidently some sort of comment on the Syrian conflict. The crowd gathered around me, attempting to get me on my feet. iPhones flashed, and it occurred to me — in my depleted and injured situation, my very presence has made me central to the works of art in the room. I was instantly Instagrammable! My sense of well-being restored, I confirmed a long-held suspicion that I shared a primary aspect with the very mechanics of the art world itself. In that we are both falling apart.


15 JANUARY 2019

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