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NO 56

BEAUTY

&

DESIGN

ZEITGESCHEHEN S. 4 Fords Chef Fields weicht einem Innovations-Outsider

FEUILLETON S. 6 Refugees’ Design WETTER S. 8 Amsterdam, Glasgow, Berlin und

London 8-PAGE EDITORIAL SPREAD S. 9 »Delicate Personalities« photographed by Yu + Ma MODE S. 18 FASHION WEEK: Streetwear als Leitkultur DESIGN S. 20 Zwiegespräche: Duos unter sich REISE S. 24 Alpen-EKStase im Gradonna GOURMET S. 26 Top 5: Berlins kulinarische Elite SPORT S. 28 TEJO: der Lieblingssport der Kolumbianer


TONY & DRAKE.

STAY A NIGHT.

THEKOOPLES.COM


IMPRESSUM

Contributors

Verena Dauerer

Robin Hartmann ist freier Reisejournalist und hat bereits für alle großen deutschen Zeitungen sowie diverse Zeitschriften und Magazine geschrieben. All sein Geld investiert er in Abenteuer, die ihn bereits in etwa 40 Länder auf vier Kontinente geführt haben. Doch egal wie schön es in der Ferne ist, der Sommer schmeckt immer noch am süßesten in seiner Berliner Heimat.

Robin Hartmann

Das Fotografen-Duo (Yu+Ma): Yuji und Mari Oboshi begann ihre außergewöhnliche Zusammenarbeit im Jahr 2010. Seit-dem teilen sie das Interesse für die Schnittpunkte zwischen dem French Porn der 1920er Jahre, Moderner Kunst, Ruinen und nachhaltiger Mode. Sie sind empfindlich für all die Schönheit um uns herum und lieben, was sie tun. Das Duo lebt und arbeitet zurzeit in New York City, weit weg von ihrer Heimat Japan.

Die Designjournalistin werkelt an der Schnittstelle von Technik und Kreation und arbeitete mehrere Jahre in Tokio als Redakteurin für ein englisch-japanisches Designmagazin. Bis heute fühlt sie sich Japan verbunden. In Berlin hat sie die Redaktionsleitung bei der re:publica Konferenz inne, arbeitet im Bereich Corporate Publishing für Automotive, gibt Workshops oder hält auch mal Trend-Vorträge.

Yu + Ma

Impressum TRAFFIC NEWS TO-GO

»Constituting a New Read« Gormannstr. 20 A D-10119 Berlin trafficnewstogo.de

ABO

abo@trafficnewstogo.de

SOCIAL

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VERLEGER

Jacques Stephens V.i.S.d.P.

INHALT

redaktion@trafficnewstogo.de

SCHLUSSREDAKTION Julia Keesen

TITELBILD

Photographers: Yu + Ma [IG: @yumanyc] Model: Eydis Evensen @ Silent Models NY [IG: @eydisevensen] Make-Up: Sabrina Ziomi using MAC Cosmetics [IG: @sabrinaziomi] Hair Stylist: Kazuto Shimomura 1

[IG: @kazutoshimomura]

Manicure: Rie Yokoi using CHANEL Post Production: The Invisible Touch Wearing: Bioxidea Element 48 Natura Diamond Mask [bioxidea.com]

WEBDESIGN Desisn

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MITARBEITER DIESER AUSGABE

Eva Biringer, Hannes Breustedt, Verena Dauerer, Oliver Deichmann, Stefan Elfenbein, Eydis Evensen, Kelley Frank, Robin Hartmann, Julia Keesen, Yuji Oboshi (Yu + Ma), Mari Oboshi (Yu + Ma), Stephen Molloy, Blasius Osko, Vanessa Pecherski, Gunnar Rönsch, Barbara Russ, Dr. Inge Schwenger-Holst, Kazuto Shimomura, Jacques Stephens, The Invisible Touch, Oliver von Riegen, Rie Yokoi, Sabrina Ziomi

ISSN

1869-943 X


MEDIZIN Dr. Inge Schwenger-Holst Die Medizinerin, Homöopathin und Klinikmanagerin, betreibt derzeit das Schlossgut Schönwalde mit Gästehaus, Restaurant und Polozentrum.

Milieu geschädigt

Penicillin in der Zahnpasta, keimtötende Shampoos und Mundwasser, desinfizierende Putzmittel – Bakterien scheinen für uns die Ratten des 20. Jahrhunderts zu sein und erst allmählich besinnt man sich auf das, was Antoine Béchamp Mitte des 19. Jahrhunderts mit den einfachen Worten »Le microbe, c’est rien, le milieu, c’est tout!« (die Mikrobe ist nichts, das Milieu alles) beschrieb. Millionen von Bakterien besiedeln unsere Haut, die Mundhöhle, den Verdauungstrakt. Viele von ihnen sind uns weder mit Namen bekannt, noch kennen wir ihre Lebensumstände, ihre Wirkungsweise oder ihren »Zweck«. Wir teilen ein in gute und schlechte Bakterien, ohne zu wissen, welche guten Effekte ggf. schlechte und umgekehrt haben. Und trotz dieser fundamentalen Unwissenheit gibt es in jedem »sauberen« Haushalt etliche Vernichtungswaffen, dazu geschaffen, die ganze Populationen dieser Mitbewohner auszulöschen. Und immer noch empfiehlt der Zahnarzt seiner Familie die chemische Keule Mundwasser, anstatt einer Packung guten Jogurts, um die Kariesbakterien im Zaume zu halten. Während noch als Verschwörungstheorie gehandelt wird, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in China einen Wirbelsturm in der Karibik auslösen kann, so ist längst nachgewiesen, welche Auswirkungen z.B. Bakterien unseres Darmtraktes auf unser Nervenkostüm haben können, und dass spezielle Hautbakterien unerlässlich sind, uns vor Ekzemen oder bedrohlichen Hautinfektionen zu schützen. Ein Forscherteam um Frida Fåk in der Universtät Lund hat herausgefunden, dass Alzheimer auslösende Plaques im Gehirn auf eine aus dem Ruder gelaufene Keimbesiedlung im Dickdarm zurückgeführt werden können. Das Team um Richard Gallo von der University of California in San Diego scheint einen neuen Weg zur Eindämmung des Hauptverantwortlichen für Erkrankungen durch Antibiotika resistente Keime – Staphylokokkus Aureus – gefunden zu haben. Offenbar greifen antibiotisch wirkende Hautbakterien den Killer an und machen ihn unschädlich. http:// www.wissenschaft-aktuell.de/artikel/Wie_Hautbakterien_Krankheitserreger_abwehren1771015590321. html So scheint die Pflege, nicht die Abtötung unserer miniatur-Mitbewohner, Auswege aus Erkrankungen zu weisen, für die herkömmliche medizinische Forschung keine Lösung kennt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesundes Milieu innerlich und äußerlich, wo immer Sie sich gerade befinden.

Bis Bald!

ZEITGESCHEHEN

Das Aus von Ford-Chef Fields Der zweitgröSSte US-Autobauer Ford entlässt unter dem Druck von der Investoren seinen Vorstandschef. Mark Fields’ gröSStes Problem war der Aktienkurs. Bei Zukunftsthemen wie E-Autos oder Car-Sharing setzt die Börse auf andere Firmen. Doch kann der Chefwechsel das ändern?

Von Hannes Breustedt, dpa

»Dies ist eine Zeit zent gestiegen, das der beispiellosen entspricht in etwa im april überholte der Elektroautobauer Tesla – mit U mwälzungen «, dem Kursverlust, sagt Chairman Bill Ford. den Ford in Fields’ seinem schillernden Chef Elon Musk – Ford beim Kurz zuvor hat sein Unknapp dreijähriger Börsenwert. ternehmen VorstandsAmtszeit erlitt. Nun chef Mark Fields nach hat das mächtige nicht einmal drei Jahren Direktor ium um gefeuert. Nun muss eine Chairman Bill Ford radikale Personalentscheidung erklärt werden: Fields die Reißleine gezogen und den 56-jährigen Fields mit war bei Investoren in Ungnade gefallen, an der Börse ein paar netten Worten in den Ruhestand verabschiegilt der zweitgrößte US-Autobauer als Problemfall, dem det. Mit dem 62-jährigen Hackett setzt Ford auf eidie Zukunftsideen fehlen. Mit Jim Hackett, der bislang nen Quereinsteiger, dessen Karrierehöhepunkt bislang für Innovationen zuständig war, soll ein Branchen- dadurch kennzeichnet, beim Möbelhersteller Steelcase Outsider den Konzern wieder auf Augenhöhe mit der das Ruder herumgerissen zu haben. Konkurrenz bringen. »Ich bin begeistert, mit Bill Ford und dem gesamten Das zentrale Ereignis, das den für Fields’ verhängnisvol- Team ein noch dynamischeres und lebhafteres Ford auflen Epochenwechsel in der Autowelt markierte, spielte zubauen«, sagte der neue Vorstandschef, der seit März sich im April ab. Da überholte der Elektroautobauer 2016 die Innovationssparte »Ford Smart Mobility« leitet. Tesla – mit seinem schillernden Chef Elon Musk – Ford Bill Ford, der Urenkel des Firmengründers Henry, griff beim Börsenwert. Finanzprofis rieben sich ungläubig bei der Vorstellung am Firmensitz in Dearborn nahe Dedie Augen, ein Analyst bezeichnete die Wachablösung troit kräftig in die Harfe: »Er ist ein wahrer Visionär, der als »irrsinnig«. Zum Vergleich: Tesla verkaufte im ersten einen einzigartigen Führungsstil mitbringt, der unser Quartal weltweit rund 25 000 Neuwagen, während volles Potenzial erschließen wird«. Ford alleine auf dem US-Markt über 617 000 Autos Doch nicht alle teilen die Begeisterung. Branchenkenabsetzte. ner Stadler äußert große Zweifel: »Fords Chefwechsel Während Tesla die Herzen der Anleger zufliegen, ob- ist unnötig«, sagt der Professor der Warwick Business wohl das Unternehmen seit seiner Gründung 2003 in School. »Dem Unternehmen geht es eigentlich recht gut den roten Zahlen steckt, war Fields, der mit Ford in in Sachen Profit«. Tatsächlich hatte Fields dank florierden letzten fünf Jahren 26 Milliarden Dollar verdiente, ender Geschäfte mit SUV und Pick-up-Trucks im USschon länger angezählt. »Ford hat bislang keinen plau- Heimatmarkt in den letzten Jahren mit starken Zahlen siblen Ansatz bei Mobilität und E-Autos«, sagt Experte auftrumpfen können. »Nur der Aktienpreis entwickelte Christian Stadler von der Warwick Business School. sich in die falsche Richtung«, meint Stadler. Allerdings Fields’ Problem: Die Zukunft der Autobranche dreht geht inzwischen auch dem Auto-Boom in den USA sich um alternative Antriebe, Roboterwagen, künstliche zunehmend die Luft aus. Intelligenz, 3D-Druck, Mitfahr-Apps., etc. Der entscheidende Punkt sei jedoch, so Stadler, dass Tesla und Uber, aber auch die an selbstfahrenden Autos sich an den wesentlichen Problemen kaum etwas forschenden Tech-Giganten des Silicon Valleys, wie die ändern dürfte. »Ein neuer Chef wird wahrscheinlich Google-Mutter Alphabet und der iPhone-Riese Apple, keinen erheblichen Unterschied machen - kurzfristig liefern offenbar die attraktiveren Geschichten für An- könnte Hackett einen positiven Effekt bewirken, doch leger. auf Dauer steht er vor denselben Herausforderungen«, Teslas Aktienkurs ist seit Jahresbeginn um über 40 Pro- sagt Stadler. 4

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ZEITGESCHEHEN Die Friseure wollen weg vom Image als Mindestlohnbranche. Der Beruf soll attraktiver werden - denn die Branche hat Nachwuchssorgen wie das Handwerk insgesamt.

Von Oliver von Riegen, dpa Foto © S.H Lee

Das Friseurhandwerk will attraktiver für Azubis werden und mit Reformen dem Nachwuchsmangel begegnen. »Wir sehen eben auch, dass das Friseurhandwerk über viele Jahre Auszubildende verloren hat«, sagte der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks, Jörg Müller, der Deutschen Presse-Agentur. Die Bezahlung sei sicher ein Grund dafür, aber nicht der einzige. »Der Trend der Akademisierung in Deutschland ist einfach eine Entwicklung, die nicht gesund ist«, sagte Müller. Die Branche zählte im

BLUMEN STATT WORTE

vergangenen Jahr 22 430 Lehrlinge, 1,5 Prozent weniger als 2015. Der Verband trifft sich von Samstag bis Montag in Mainz zur Mitgliederversammlung. Das wirtschaftliche Umfeld sei günstig. »Das Thema Aussehen und Schönheit ist wichtiger geworden«, sagteder Hauptgeschäftsführer. »Wir nähern uns dem französischen oder italienischen Gesellschaftsbild an.« Erstmals seit mehr als 20 Jahren ist die Zahl der Betriebe praktisch konstant geblieben: Mitte 2016 zählte die Branche 80 664 Salons, das waren 33 weniger als im Jahr zuvor. Der Trend zur Filialisierung ist nach Ansicht des Zentralverbands gestoppt. Um Auszubildende anzulocken, will die Branche den Friseurberuf zudem interessanter machen. Die Meisterprüfung soll reformiert werden, wie Müller ankündigte. »Wir wollen den modischen Aspekt und das fachliche Können des

Friseurs wieder stärker in den Vordergrund rücken.« Die Ausbildung sei modernisiert worden, damit Azubis schneller mit Kunden arbei-ten könnten und Erfolgserlebnisse hätten. Geplant ist auch, dass Ausbildungsinhalte per Laptop oder Handy abgerufen werden können. Im Bundesleistungszentrum »Haare und mehr« in Koblenz soll im Sommer zudem ein Bachelorstudium mit Praxisbezug zur Beauty-Branche starten – zunächst mit privatem Träger. Und schließlich will der Verband weg vom Image als Mindestlohnbranche. Mit der Gewerkschaft Verdi will er einen neuen Tarifvertrag für ein Mindestentgelt vereinbaren. »Wir wollen jetzt ein Mindestentgelt, das über dem Mindestlohn von 8,84 Euro aktuell liegt«, sagte Müller. »Ich habe große Hoffnung, dass wir das in diesem Jahr hinkriegen.« Möglicherweise werde es ein Vertrag mit zwei verschiedenen Geschwindigkeiten geben. Er betonte aber: »Was nicht machbar ist, dass man die Löhne so exorbitant über 10 Euro die Stunde anhebt.» Verdi kritisiert niedrige Vergütungen für Friseur-Azubis und hatte deshalb 2016 die Tarifkampagne »Besser abschneiden« gestartet. Friseur-Azubis bekamen 2016 in Westdeutschland eine tarifliche Vergütung von im Schnitt 523 Euro im Monat, für Ostdeutschland lag keine Zahl vor.

MARSANO-BERLIN.COM


FEUILLETON

vom schicksal designt

CUCULA-Werkstatt: Stuhl- Design

Man kann viel für Geflüchtete tun. Zum Beispiel künstlerische Aufmerksamkeit mit grossformatigen Installationen wie auch

Von Verena Dauerer

Designer-Rucksäcke für den Alltag aus den Schwimmwesten von Geflüchteten erregen – aber dient das eigentlich denen, die es betrifft, oder nur deN

Künstler selbst? Man kann sich als Konzern mit karitativem Design hervortun wie zum Beispiel IKEA. Nur wurden ihre 10.000 Flüchtlings-Hütten wegen ihrer leichten Entzündbarkeit von der UN bislang nicht genutzt.

Mannigfaltigkeit: Beispielsweise lernen Flüchtlinge in der CUCULAWerkstatt in Berlin Basiswissen im Handwerk und Gestaltung.

I

st sinnvolle Hilfe für Geflüchtete vielleicht noch sinnvoller, wenn sie zusätzlich alles dafür tut, Leuten wieder auf die Beine zu helfen? Sozusagen eine Starthilfe für Flüchtlinge zum Anschub ihrer eigenen Projekte gibt es auch längst, ob nun aus dem Kreativbereich oder beim Start-up-Unternehmertum. Das Berliner state of DESIGN-Festival geht das Thema Geflüchtete mit verschiedenen Projekten an. Vom 1. bis 4. Juni 2017 kommen mehrere vor Ort mit Ausstellungen, Diskussionen und Filmvorführungen zu Wort:

ist einer der Pioniere des demokratischen Designs mit »Autoprogrettazione«. Diese berühmten DIYBauanleitungen zum Möbelbauen für jeden und jede erschienen 1974 als Buch. Mari erlaubte den Geflüchteten, die Möbel nachzubauen und die fertigen Produkte aus Stuhl- und Tischkombinationen auch zu verkaufen. Mittlerweile baut die Möbelmanufaktur von und für Geflüchtete nicht nur die 19 Teile der Serie, sie bildet auch aus: als Integrationsprojekt will Cucula auch mit einem Berufsvorbereitungsprogramm Geflüchteten bei ihrem Einstieg in die Ausbildung, Schule oder den Beruf helfen. Ihre Möbel sehen – und anfassen – kann man in der Ausstellung des Festivals.

Cucula ist so eine Flüchtlings-Initiative, die sich seit ihrer Gründung Ende 2013 weit über Berlin-Kreuzberg etabliert hat. Es begann mit fünf westafrikanischen Geflüchteten – und Modernist Enzo Mari. Er

Von einer anderen Seite nähert sich Design in the Middle an das Thema an. Das italienische Projekt organisierte im März seinen ersten interdisziplinären Workshop im MAXXI, Museum of Arts of the XXI

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FEUILLETON

Design in the Middle Workshop-Projekt: Nomadentity, Digital Dunes, Core.ligious, Lost In Translation und Food Print.

Zusammen mit den Geflüchteten haben die Studenten weiterhin Konzepte für Workshops entworfen, um auch andere Begegnungszentren auf diese Weise anzuleiten. Die Idee dabei ist, dass die Geflüchteten sich bei der handwerklichen Produktion in ihre Umgebung mit einbringen, um sich leichter mit dem neuen Ort identifizieren zu können und gleichzeitig durch die Interaktion in einen gemeinsamen Austausch kommen. Vertreter von Cucula und von Piece Per Piece treffen sich auf dem Festival zur Diskussion unter dem Titel Design on the Run. Nicht nur Möbel, sondern gleich eine ganze Unterkunft für Geflüchtete wird unter anderem auch auf dem state of DESIGN-Festivals vertreten sein. Komplett erbaut mit einfachen Holzpal etten wurde The Pallet House Project ursprünglich für Vertriebene des Kosovo-Kriegs designt. 100 Schiffs-Paletten sind für so ein kleines Haus nötig, das Material selbst ist günstig zu bekommen und wiederverwertbar. Die New Yorker Macher von I-BEAM geben an, dass 83 Prozent aller Flüchtlinge weltweit allein mit einer Jahresproduktion an amerikanischen Paletten Unterkünfte finden würden. Ihre Bauanleitung für die Paletten-Hütte gibt es für 75 Dollar zu kaufen. Vielleicht eine Alternative zur Hütte von IKEA – auch beim zusammenschrauben.

century, in Rom: 28 Teilnehmer – Geflüchtete sowie Migranten – aus dem Nahen Osten und dem mediterranen Raum versammelten sich, von Griechenland und der Türkei, über Ägypten bis zu Jordanien, Israel, Syrien und dem Iran. Die Hälfte der Kreativen kam direkt aus ihren Herkunftsländern, die andere Hälfte setzte sich aus Designern und Studenten aus Nahost zusammen, die derzeit in Europa arbeiten oder studieren. Zusammen mit mehreren Sozial-Designern und Unternehmern entwickelten sie in fünf Tagen Konzepte, bei denen Design zum Mediator werden soll – zwischen Welten, Bereichen, Disziplinen. Bei den Inhalten ging es unter anderem um Migration, religiöse Diversität oder Datenauswertung ausgehend vom Nahost-Konflikt. Die Ergebnisse des Workshops werden in einer Dokumentation darüber gezeigt: Film mit anschließender Diskussion mit den Kuratoren des Workshops.

Ein spannendes Projekt kommt aus München: Bellevue Di Monaco ist seit letztem Sommer ein selbstorganisiertes Flüchtlingsprojekt für unbegleitete Jugendliche in drei städtischen Häusern und konzipiert als genossenschaftliches Wohn- und Kulturzentrum. Studenten der Hochschule München unter Prof. Florian Petri mit Matthias Marschner von Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner entwarfen nun zusammen mit Geflüchteten Caféhaus-Möbel. Angeleitet von Designer Michael Geldmacher entstanden unter dem Namen Piece Per Piece ein Stuhl und ein Tisch. Diese robusten Einzelstücke angelehnt an die 1950er-Architektur der Begegnungsstätte kommen aber nicht nur dort zum Einsatz, sondern sogar in Serie: Das Ensemble wird von einem Hersteller produziert und verkauft und die Geflüchteten wirken bei der Produktion mit, etwa mit einer individuellen Sandstrahl-Gravur auf dem Messing-Fuß. Ein Teil der Erlöse fließen wiederum in dieses Projekt mit ein. 7

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Sozialgenossenschaft

BELLEVUE DI MONACO e.G.

Müllerstraße 2, 80469 München Tel: 089 – 550 5775-0 info@bellevuedimonaco.de bellevuedimonaco.de telefonische Sprechzeiten Dienstag: 14.00 bis 16.00 Uhr Mittwoch: 10.00 bis 12.00 Uhr Donnerstag: 10.00 bis 12.00 Uhr

FÜR WEITERE INFORMATIONEN STATE OF DESIGN, CUCULA, DESIGN IN THE MIDDLE UND The Pallet House Project [stateofdesign.berlin ] [cucula.org] [designinthemiddle.org] [i-beamdesign.com]


DAS WETTER präsentiert neue Produkte und Erkenntnisse, die die Menschheit braucht

Von Vanessa Pecherski

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Amsterdam

52° 22’ 12.778” N 4° 53’ 42.605” E wolkenlos

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Glasgow

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55° 51’ 51.253” N 4° 15’ 6.502” W heiter bis sonnig

Berlin

52° 31’ 50.318” N 13° 22’ 59.045” E wechselnhaft

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London

55° 51’ 51.253” N 4° 15’ 6.502” W bedeckt

gisou

TAN-LUXE

ATELIER OBLIQUE

CHARLOTTE TILBURY

Negin Mirsalehi ist eine jener Frauen, denen man unweigerlich hinterherschaut. Gertenschlank, strahlend schön, stilvoll gekleidet und mit seidig-glänzenden, springenden Locken gesegnet. Die schlechte Nachricht? Man kann im Leben nicht alles haben. Die Gute? Aber schönes Haar. Als wandelndes Testimonial hat die international renommierte Mode-Bloggerin mit Gisou (heißt auf persisch treffenderweise »goldene Locke«) eine auf Honig basierende Haar-Linie lanciert, die Hoffnung macht. Auf natürlich schönes Haar. Dabei ist das Produkt nicht bloß ein weiteres aus den mittlerweile unzähligen BloggerKooperationen, sondern hat Hand und Fuß. Die iranisch-stämmige Niederländerin Negin stammt nämlich aus einer sechs Generationen zurückreichenden Imkerfamilie und kam so schon in früher Kindheit in Kontakt mit dem »flüssigen Gold«, das zusammen mit Mandel- und Kokosöl die Basis für das vielversprechende Honey Infused Hair Oil bildet. Frei von Sulfaten und Parabenen, kann es auf vielfache Weise genutzt werden: als Haarmaske, als Feuchtigkeitsspender über Nacht sowie als Behandlung vor und nach dem Styling. Das dazugehörige Rezept hat übrigens Negins Mutter bereits vor rund 30 Jahren entwickelt. Ganz offensichtlich mit Erfolg.

Spätestens dann, wenn die ersten, zaghaften Frühlings-Sonnenstrahlen unsere Haut berühren, ist sie jedes Jahr aufs Neue wieder da: Unsere Sehnsucht nach jugendlichfrischer, leuchtender, dezent gebräunter Haut. Das Dilemma? Zu viele UV-Strahlen machen alt. Selbstbräunungsexperimente enden oftmals im Fiasko. Abhilfe könnte nun das schottische Brand TAN-LUXE schaffen, dessen Mission keine geringere ist als die Art, wie wir uns bräunen zu »revolutionieren«. Und zwar mit Produkten, die maßgeschneidert, vielseitig und unkompliziert sind. So wie etwa The Water, ein transparentes Wunderwasser, das mit einem Mix aus demineralisiertem Wasser, den Vitaminen B, C und E und Himbeerkernöl illuminiert und hydriert und nach nur zwei bis vier Stunden einen Glow hinterlässt – ganz ohne Streifen, unangenehme Ge rüche und vor allem: ohne Drama. Mit einer fünfjährigen Entwicklungsphase im Gepäck, versteht sich TAN-LUXE gewissermaßen als Antithese zu altmodischen, stark pigmentierten Produkten, die auf der Basis von DHA (Dihydroxyaceton) arbeiten. Stattdessen folgen sie dem einleuchtenden Mantra: »We understand that a great tan alone won’t change the world but positive vibes can. And that’s what we deliver.«

Berlin. Mulackstrasse 20. Wer sich hierhin verirrt, der ist gewiss seiner Nase gefolgt. Denn hier, umgeben vom geschäftigen Treiben rund um den Rosenthaler Platz, befindet sich ein olfaktorisches Kleinod. Genauer gesagt ein Kleinod, das seinen Besucher, sobald er die Türschwelle überschreitet, als bald in ein Meer aus Eindrücken, Geschichten und Emotionen hineinzieht: das Atelier Oblique. 2015 in Berlin vom renommierten Gestalter Mario Lombardo gegründet, widmet sich das Avantgarde-Dufthaus traditionellen Düften, die in Grasse, dem französischen Epi-Zentrum der Düfte entwickelt und komponiert wurden. Atelier Oblique offeriert aktuell 27 verschiedene Parfum-Kreationen, die trotz aller Vielseitigkeit doch eines gemeinsam haben: Sie erzählen Geschichten, im wahrhaftigen Sinne. Würde man versuchen den Spirit der Hauptstadt nun in einem Duft konservieren, dann wäre dieser wohl ein Potpourri aus spritzigen Zitrusnoten als Hommage an ihre Dynamik und herbem Leder als Synonym ihrer einzigartigen Robustheit – so wie unser Lieblingsduft B – Beauty Remains – poetisch, geschmackvoll, zeitlos, einzigartig, schön.

»It makes a difference, it really does«, kommentierte die Berliner Mode-Instanz Anita Tillman kürzlich unter einem Foto auf ihrem Instagram-Feed. Darauf zu sehen: ein Wonderglow aus der Tube, ein Concealer und ein Mascara. Die Urheberin? Charlotte Tilbury – ein Name, der wie nur wenige für Pionierarbeit in der Beauty-Industrie steht. Von ihrem weitreichenden Erfahrungs-schatz als renommierte Make-Up-Künstlerin inspiriert, kreiert die 80-fach ausgezeichnete Expertin Produkte, die mühelos und dennoch anspruchsvoll sind. Produkte, die trotz oder gerade wegen der mitunter versprochenen Wunderwirkungen wie gemacht sind für moderne Frauen, die in Sachen Kosmetik vollends auf Effektivität und Natürlichkeit setzen. Ihr neuester Coup: Die patentierte Instant Magic Facial Dry Sheet Mask, die bereits zur Feuchtigkeitsmaske der Zukunft erkoren wurde. Das Besondere? Anders als die uns geläufig getränkten Vliesmasken, funktioniert dieses trockene Modell bei Hautkontakt nach einem biometrischen Wirkungsprinzip, das Falten reduziert, glättet, strafft und die Haut genau an den Stellen mit Feuchtigkeit versorgt, an denen es ihr bedürft. Ma-gie und kleine Wunder sind hier Programm – und das macht den Unterschied. It really does.

HONEY Infused HAIR OIL

THE WATER

B

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Instant Magic Facial Dry Sheet Face


DELICATE photography by Yu+Ma [Yuji and Mari Oboshi]

PERSONALITIES

KINKA Japan – Hakuichi Cosmetics 24K Pure Gold Leaf for Beauty [hakuichi.co.jp/en/]

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karuna Correct+ Melting Boost [karunaskin.com]

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PETER THOMAS ROTH Cucumber De-tox Hydra-gel Eye Patches [peterthomasroth.com]

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No 53 - 2016 TRAFFICNEWSTOGO.DE

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Koh Gen Do Macro Vintage Essence Mask [kohgendocosmetics.com]


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No 51 - 2016 TRAFFICNEWSTOGO.DE


BIOXIDEA ELEMENT 48 NATURA DIAMOND MASK [bioxidea.com]

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No 56 - 2016 TRAFFICNEWSTOGO.DE


GIVERNCHY BLACK FOR LIGHT MASK [givenchybeauty.com]

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Koh Gen Do MACRO VINTAGE ESSENCE MASK [kohgendocosmetics.com]

No 56 - 2017 TRAFFICNEWSTOGO.DE

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model: Eydis Evensen @ Silent Models NY make-up by Sabrina Ziomi using MAC Cosmetics hair stylist by Kazuto Shimomura manicure by Rie Yokoi using CHANEL post production by The Invisible Touch


www.fashintech.berlin

AT KÜHLHAUS STATION-BERLIN


TO-GO BOUTIQUE

MODE

by Kelley Frank

Swag savant: tennis

slow Fashion Week Es ist still um die Berliner Fashion Week, ein bisschen zu still vielleicht. Nach Jahren der Unruhe, der Bewegung und des Aufruhrs scheint sich die Berliner Modewoche gesettelt zu haben — oder ist

Match Point

das nur die Ruhe vor dem Sturm?

Once a staple of ‘80s British terrace culture, this shoe has had many lives. The company was originally founded in 1948 in Italy as an “artisan’s laboratory”. Tennis champ Bjorn Borg was honoured in 1981 with a legend to fit his legacy. The recent release is a limited edition fabricated from a leather body, synthetic sole and bottoms out on a moulded rubber tread. Diadora Heritage Borg Originals €79,95

Agile and Sturdy

Fila’s 2017 Heritage Collection reminded the world why they’re one of the forefathers of sportswear as streetwear. The recent release of the Original Tennis does not leave the classic path already paved. The full grain leather upper silhouette is monochromatic. It’s bleakness interrupted only by the small red and blue of the logo visible from all sides. Fila Original Heritage Tennis €89,95

Von Barbara Russ, Düsseldorf

The Other Side of The Green

One half of the Rod Laver Super pack, this green and white classic is as much of an outlier as the man who’s name they bare. This ’70s classic has an air mesh upper set atop a pivotpoint rubber cupsole. The front dons a finesse of suede and the tongue a small accent that compliments the sole of the same color. The reissue has been updated with a supersoft PU outsole unit making sure your feet won’t get tired running the streets all day. Adidas Rod Laver Mesh €60

Lite as a Feather

Standing at 0.0kg, New Balance has reimagined the 300 Vintage Rev Lite tennis shoe to amalgamate function and fashion. A little extra cushion for the pushin, your toes will never get tired – while playing on the court in these classics. The body is composed of the perfect distribution of mesh and suede. Stark green insoles provide just enough contrast to the almost entirely baby blue exterior. New Balance 300 Vintage €90

Bildern von Chris Smart

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MODE

Benu Berlin

Philomena Zanetti

Mit ihren aufwendig gestalteten Kleidern stellt Karen Jessen, Designerin des nachhaltigen Modelabels Benu Berlin, die Modeindustrie auf den Kopf. Das Label verwandelt ungewöhnliche Streetwear in tragbare Kunst. Dieses Jahr wurde Benu Berlin vom Fashion Council Germany zum Gewinner des Mentoring-Programms für Nachhaltigkeit benannt. Vor Benu Berlin startete Karen Jessen schon einmal ein anderes Label: Das Bade-Label luluBerlin in Costa Rica, bevor sie sich bei ESMOD Berlin besondere Fähigkeiten des Mode-Designens sowie Kleider-Machens aneignete.

Seit ihrer Kindheit lebt Designerin Julia Leifert mit einem besonderen Bewusstsein für Natur und Umwelt. Noch während ihres Jura-Studiums entschied sie sich dann für einen veganen Lebensstil – und um diesem gerecht zu werden, begann sie, ihre Kleider selbst zu designen und zu schneidern. So entdeckte sie Modedesign als ihre Leidenschaft. Dieses Jahr wurde das Label zusammen mit Benu Berlin mit dem Mentoring-Programm-Preis für Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Kernstück ihres 2014 gegründeten Labels Philomena Zanettis ist eine ganzheitliche gewaltlose Philosophie. Mit ihrem Label will Julia Leifert ein Zeichen für die Vereinbarkeit von Fashion und Nachhaltigkeit setzen. Ihre Mode ist puristisch und clean.

Augenscheinlich bleibt alles beim — relativ neuen — Alten. Der Berliner Modesalon zeigt weiterhin seine Designerselektion, eine wunderbare Auswahl dessen, was deutsches Modeschaffen zu bieten hat, im ebenfalls sehr erlesenen Ambiente des Kronprinzenpalais. Andere, ebenfalls gute und wichtige Designer präsentieren ihre Kollektionen im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week, die derzeit den zweiten Hotspot der ModenschauenLocations bildet. Abseits dieser beiden Orte finden, wie gewohnt, die großen Mode-Messen statt, zu denen Einkäufer und Modelabels aus ganz Europa und dem Rest der Welt anreisen. Neu ist dabei, dass die Premium Gruppe in dieser Saison die im vergangenen Oktober übernommene Show&Order unter dem Namen Kraftwerk Show&Order als Inspirationsplattform nutzen will. Dabei konzentriert sie sich weiterhin auf feminine Brands und Lifestyle-Produkte, zeigt aber insbesondere Lösungen für innovative Retail-Konzepte und ein modernes Einkaufserlebnis auf. Die Frage, wie der Handel die Konsumentinnen heute beeindrucken und eine sinnvolle Ergänzung zum Online-Shopping bilden kann, wird hier beispielsweise mit Hilfe von Add-Ons wie Schmuck oder Kosmetik, einer Ausstellung mit Versace-Unikaten zum 20. Todestag des Designers und Stylingtipps für diverse Frauentypen, in Zusammenarbeit mit dem Team der Onlineredaktion Refinery29, beantwortet.

sich diese Lifestyle-Kultur im jeweiligen Segment ausdrückt: »The Feminine Cool« auf der Kraftwerk Show&Order, »The Voice of Street Culture« auf der Seek‚ »Core Skate and Lifestyle« auf der Bright und »Fashionable Distinguished Streetstyle« auf der Premium. Das Ziel: Dem Handel einen Leitfaden an die Hand zu geben, wie er für seine Zielgruppe weiterhin interessant bleiben kann. Zu guter Letzt macht sich der Fashion Council Germany, auf dem hohe Erwartungen lasten, neuerdings gemeinsam mit der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe und der Messe Frankfurt, für nachhaltiges Modedesign made in Germany stark. Benu Berlin und Philomena Zanetti haben sich bei dem in diesem Jahr ausgeschrieben Wettbewerb gegen ihre Mitstreiter durchgesetzt und werden jetzt mit einem Mentoring-Programm gefördert. Für Berlin kann die Förderung von nachhaltigem Design durchaus ein Weg in die Zukunft sein, wäre dies doch eine Nische, die in der internationalen Städtelandschaft noch nicht eindeutig mit einem Stadtmarketing besetzt ist: »Gemeinsam mit unseren Partnern wollen wir mit dem Mentoring-Programm die Themen nachhaltige Produktion und Kreislaufwirtschaft stärken sowie die Basis an nachhaltig produzierenden Start-ups in Berlin verbreiten. Gezieltes Coaching soll den Unternehmen helfen, sich erfolgreich im Markt zu positionieren,« sagt Ramona Pop, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe über die Zusammenarbeit. Zusammenfassend bleibt also tatsächlich alles Grundlegende beim Alten. Kein Sturm, nichts Disruptives, dafür aber eine Berliner Modewoche, auf die es sich zu freuen lohnt: Schöne Labels, viel Inspiration und Innovationsideen für die Modebranche, um sich mit dem Onlinehandel anzufreunden und sinnvoll zu ergänzen. Und vielleicht ist es genau das, was Berlin für ein paar Saisons braucht. Bei all dem hektischen Treiben der vergangenen Jahre hatte sich die Mode selbst überholt. Nun gönnt sie sich ein bisschen Zeit, um sich Gedanken über die Zukunft zu machen und dabei stilvoll das Hier und Jetzt zu genießen. Und dafür ist Mode ja schließlich da.

»‚Streetwear’ ist ein Näherungsbegriff, der beschreibt, was heute global die Sprache von Mode, Musik, Lifestyle und Social Media prägt. Einflüsse von Skateboarding, Workwear, Military und Athleisure ergeben indes eine Melange, die in verschiedenen Zirkeln verschieden Ausdruck findet.«

Ein weiteres prägendes Thema dieser Modewoche bleiben Streetwear-Styles und deren Einfluss auf die Mode. Die Betrachtung von Streetwear als Subkultur ist dabei eine veraltete — sie ist längst zur Leitkultur geworden. Die Premium hat das erkannt und betrachtet sie deshalb messeübergreifend unter diesem neuen Gesichtspunkt. »Streetwear« ist dabei ein Näherungsbegriff, der beschreibt, was heute global die Sprache von Mode, Musik, Lifestyle und Social Media prägt. Einflüsse von Skateboarding, Workwear, Military und Athleisure ergeben indes eine Melange, die in verschiedenen Zirkeln verschieden Ausdruck findet. So bildet die Premium - Gruppe auf ihren verschiedenen Messen ab, wie 19

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DESIGN

the duos

Oliver, in vielen Interviews werden wir nach unserem Lieblingsmaterial gefragt. Mich würde interessieren, kommst du besser vom Material zur Idee oder von der Idee zum Material? Beides! Zum Beispiel in unserem aktuellen Projekt Vlex, das gerade im Rahmen des Becker Design-Forums in Köln gezeigt wurde, ging die Reise vom Material zum Konzept. In diesem Fall handelte es sich um Formvlies, ein Polyestervlies das man frei verformen kann, mit sehr schöner Haptik und guten akustischen Eigenschaften. Lange Zeit wurde es hauptsächlich in der Automobilindustrie eingesetzt. Seit einigen Jahren hat es auch bei Möbeln Einzug gehalten. Bei unserem Arbeitsstuhl Vlex konnten wir eine Eigenschaft von Formvlies ausnutzen, die bisher immer übersehen wurde; nämlich seine große Elastizität. So kann sich die Sitzschale von Vlexs Rücken und Sitz in einem geschlossenen Teil ausbilden und erlaubt gleichzeitig die Verformung beim Zurücklehnen.

Das Duo Osko und Deichmann steht für Produktgestaltung mit hohem künstlerischen Anspruch. Ihre Kreationen dienen in erster Linie als Sitzmobiliar, das wie Kunst gehandelt wird. Im Zwiegespräch bei TRAFFIC NEWS TO-GO erläutern die Designer ihre Herangehensweise ans Material bis zum Design – oder umgekehrt. Die Möbeldesigner Rönsch und Molloy faszinieren mit mathematisch inspirierten Möbelstücken. Das Fundamental Berlin-Team gibt Einblicke in ihre Gestaltungsräume.

Es kann aber auch genau entgegengesetzt funktionieren. Wie bei unserem Hocker Dress für die Brunner-Group, hier kamen wir vom Konzept zum Material. Viele höhenverstellbare Hocker und Stehhilfen sehen sehr technisch aus, weil man sowohl die Gasdruckfeder als auch den Mechanismus zur Höhenverstellung sieht. Weil Arbeitsumgebungen sich immer mehr am Zuhause orientieren, wollten wir die Technik elegant verbergen, am besten mit einem Textil fast wie bei einem Polstermöbel. Nach langer Recherche und vielen Experimenten sind wir dann bei dem richtigen Material gelandet, nämlich einem elastischen Hightech-Gestrick das die dynamische Höhenverstellung mitmacht. Blasius, wir sagen immer, dass der Mensch bei unserem Design im Zentrum steht, was bedeutet das genau? Wir wollen mit unserem Design dem Benutzer einen echten Mehrwert bieten, etwas das einen Quantensprung gegenüber dem Status Quo darstellt. Viele unserer Projekte fangen deshalb mit einer Beobachtung an. Weil die Sitzlandschaft Plot informelle Kommunikation fördern soll, haben wir zu Beginn eine Sitzstudie durchgeführt. Dabei kam heraus, dass je entspannter die Situation, desto ungezwungener wurde auch die Körperhaltung. Unsere Hypothese war daraufhin, dass umgekehrt eine lockere Haltung auch zu unverkrampften Gesprächen führt. So haben wir ein Möbel entworfen, bei dem der Nutzer selbst entscheidet, wie er es nutzen möchte. Plot bietet drei SitzEbenen an. Es gibt die klassische Sitzfläche, man kann sich aber auch auf die Arm- und Rückenlehnen setzen. Dadurch ergibt sich ein sehr großer Spielraum. Die Menschen setzen sich von hinten auf die Rückenlehne, schauen sich über die Schulter oder treffen sich zu einem kurzen Gespräch.

PONTON @LIGNE ROSET von Osko+Deichmann Occasional Tisch Tisch I: 90x90x30 cm Tisch II: 120x120x30 cm

VLEX @BECKER-DESIGNS von Osko+Deichmann

So ein Mehrwert muss keineswegs auf die Funktion beschränkt sein, bei unserem Couchtisch Ponton für Ligne Roset wollten wir das Gefühl, das man an einem schönen Ort in unberührter Natur empfindet, ins Wohnzimmer holen. Ein solcher Ort war für uns ein verborgener Steg, den man entdeckt und für einige Stunden ungestört in Besitz nehmen kann, um sich jenseits der Hektik des Alltags vollkommen zu entspannen. Das haben wir durch eine clevere Idee möglich gemacht. Die Tischplatte besteht aus Latten, aber der Clou besteht darin, dass die Vase nicht auf dem Tisch steht, sondern auf einer zweiten Ebene darunter. So können die Pflanzen durch die Tischfläche hindurch sprießen – ganz so wie bei einem verborgenen Steg, der langsam von der Natur zurückerobert wird.

PLOT @BRUNNER-GROUP von Osko+Deichmann

FÜR WEITERE INFORMATIONEN Osko + DeIchmann Blasius Osko und Oliver Deichmann | oskodeichmann.com & THE FUNDAMENTAL GROUP Gunnar Rönsch und Stephen Molloy | fundamental.berlin

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DESIGN

Stephen Molloy: Warst du gut in Mathe? Ähm, ich weiß nicht, was heißt denn gut? Gunnar Rönsch: Ich denke, wenn wir da deine Standards anwenden, dann war ich gut, ja. Ich mochte es. Es ist ein Weg, um die Welt zu verstehen.

RaUTE FOTO @FUNDAMENTAL GROUP von Rönsch & Molloy

GR: Warum fragst du? SM: Wegen unseres Claims, dass wir so auf die Mathematik der Natur abfahren. Ich bekomme ständig diese Frage. Normalerweise sag ich dann, dass ich von Mathematik fasziniert war, gerade weil ich nicht so gut darin war. Ich habe darin Potential gesehen. In den Missverständnissen. SM: Ost oder West? Das fragst du mich? Ist das nicht ein bisschen rassistisch? Meinst du OstBerlin oder West-Berlin? Ostdeutschland oder Westdeutschland? Asien oder die USA? SM: [gibt side-eye] GR: Du brauchst immer beides. Ich bin wirklich dankbar für die einzigartigen Umstände, welche meine Erziehung geprägt haben - zwei sehr unterschiedlichen Ideologien ausgesetzt zu sein und sichere Umstände zusammen krachen zu sehen. Für Berlin ist die Antwort gleich: Beides! Wir sehen es an unseren eigenen Läden: in der Bikini Mall am Breitscheidplatz bekommen wir ein etwas älteres Publikum und viele inländische Touristen. Dieses Einkaufszentrum ist eine wirklich gute Möglichkeit, sie zu erreichen. Und es ist auch schön zu sehen, wie wir dort mit etablierten Playern wie Vitra und Artek mithalten. Aber das Herz des Unternehmens liegt in Mitte, das muss man schon sagen. Ist schon was besonderes, Büro, Wohnung und Laden alles unter einem Dach zu haben. Hat was vom 19. Jahrhundert. Die Kunden sind hier auch irgendwie bunter, zum Beispiel Menschen die hier wohnen und Last-Minute-Geschenke abholen, Ausflügler und dann die Omas, die hier ihr ganzes Leben gelebt haben und überraschend aufgeschlossen gegenüber neuen Designs sind. Zum Thema Asien oder USA: können wir nicht beides haben? Wir starten gerade in Südkorea total durch, gleichzeitig ist aber auch das MoMa unser größter Kunde. Warum auf den einen oder den anderen verzichten müssen? GR: Warum hast du dich so dafür eingesetzt, ein Geschäft in der Ackerstraße zu eröffnen? Bist du denn anti-Westen? SM: Also die Chance, ein Geschäft im gleichen Haus wie unsere Büros zu haben, konnten wir nicht vergeben. Wir haben hier die Möglichkeit einen ganzheitlichen Raum zu schaffen, mehr als in einem Einkaufszentrum oder durch unsere Webseite. Das Internet kann eine einsame, kalte und rationale Erfahrung sein. Es ist für uns total wesentlich zu erfahren, wie die Menschen auf unsere Produkte reagieren, persönlich und direkt vor unserer Nase hier im Haus. SM: Warum hast du so stark dafür plädiert, dass wir den Laden mit einem Café teilen? GR: Ich mag keine sterilen Design-Geschäfte. Die machen mich nervös. Auch dieses Wort Design ist an sich schrecklich. Es suggeriert, dass woanders Sachen nicht entworfen werden. Oder dass unsere Produkte mehr gestaltet sind als andere Sachen, das wäre ungeschickt. Design ist wie Sprache an sich. Sie sollte so wenig wie möglich fabriziert sein. Mit unseren Werken erschaffen wir eine Weltanschauung, eine Blickweise auf die Dinge, voller Bewunderung für Muster und Materialien. Und unser Laden hier in Berlin-Mitte ist ein Ort, um das zu zeigen.   SM: O.k. gut, aber warum ausgerechnet ein portugiesisches Café? GR: Ehrliche Antwort? Es gibt keinen speziellen Grund. Sie waren einfach das beste Team mit dem wir in Kontakt kamen. Es gibt erstmal keine offensichtliche Verbindung zu unseren Produkten, aber die Leichtigkeit und ein tolles Gespür für Gastfreundschaft haben uns imponiert. Ihnen ist Qualität wichtig, und das zu einem erschwinglichen Preispunkt. Die mathematisch inspirierten Welt, die wir in unseren Produkten kreieren, lässt sich auch nicht direkt in eine bestimmte Küche übersetzen. Noch nicht. Aber: Pastel de Nata, eine portugiesische Spezialität. Ich denke, das ist ein Argument für sich.

ATLAS TABLE @FUNDAMENTAL GROUP von Rönsch & Molloy

DÜRER FOTO @FUNDAMENTAL GROUP von Rönsch & Molloy

Nest 30 @FUNDAMENTAL GROUP von Rönsch & Molloy

Nest 20 @FUNDAMENTAL GROUP von Rönsch & Molloy


T DESIGN

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WEET

Rival @Artek

von Konstantin Grcic

HOFF @MORTEN & JONAS von Morten & Jonas

Das Designer-Duo MORTEN & JONAS hat eine neue Kollektion aus zweimodularen Hockern und Sesseln kreiert, mit denen man sowohl Sofas wie auch Wohnlandschaften gestalten kann. Charakteristisch sind die hochwertigen Oberflächen. Diese Kollektion besteht aus vier Modulen.

FUSION SESSEL @BOCONCEPT von Oki Sato, nendo © BoConcept

Highline @Linteloo

von Sebastian Herkner

Zur Zeit des Salone del Mobile 2017 präsentiert das niederländische Uternehmen Linteloo sein modulares Sofaprogramm Highline von Sebastian Herkner, das zahlreiche Möglichkeiten bereitstellt. Sofa- und Sesselvarianten in zwei Tiefen lassen sich zu kompletten Sitzlandschaften zusammenfügen. Mit gemütlichen Sitzpolstern und optionalen Kissen ausgestattet, steht Highline für bequemes Sitzen. Das neue Sofaprogramm sorgt für den für Linteloo typischen »feel good factor«. Glänzende Keramik trifft auf edle, halbtransparente Stoffe, während warme Farbtöne eine wohlige Atmosphäre schaffen.

I love animals: Cillina, Cillirose, Cillioptical @ ALESSI von Pier Paolo Pitacco

LAB-TRIPOD Kitchen Set Extra @KPM Berlin von Thomas Wenzel

BULB Vase @KPM Berlin

Die KPM Berlin präsentiert hochwertige Vasen in heterogenen Erscheinungsformen. Für jedes Bouquet hält es eine passende Form bereit. In dem auf einem strahlenden Messingfuß stehenden KPM-Blumenschiff scheinen im dazugehörigen Einlegeboden platzierte, kurz gehaltene Blumen nahezu über dem Vasenrand zu schweben. Den klassischen Charme des Bauhaus-Stils hingegen verkörpert die HALLE-Vase von Marguerite Friedlaender, die durch ihre unterschiedlichen Größen für alle Strauß-Varianten ein zeitlos schönes Zuhause darstellt.

DONO @ROLF-BENZ Rolf Benz

Das Sofa- und Anreihprogramm Rolf Benz DONO ist ein internationaler Bestseller. Die Reling in Leder mit Eiche furniert, verleiht mit dem matt gebürsteten EdelstahlGestell ein besonderes Schick. Dank variabel aufsteckbarer und auf Wunsch verstellbarer Rückenkissen, loser Seitenkissen und einer optionalen Sitztiefenverstellung lassen sich unterschiedlichste Relaxpositionen einnehmen. Erhältlich ist DONO mit einer komfortablen Schlafstätte für Gäste oder als DONO Classic mit festerem Komfort der Sitzund Rückenkissen. 22

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T DESIGN

!

WEET

EUGENE @E15 von Stefan Diez

LUFT @Poltrona frau

von Walter Maria De Silva

Fließendes Design. Ergonomie und Komfort. Technologie und Forschung. Ein Sessel mit funktionellem Design, von dem Wunsch nach Entspannung inspiriert, schlicht und ungezwungen. Der Sessel von LUFT umhüllt förmlich Körper und Geist. Einer der Strukturkomponenten wurde bewusst externalisiert. Ein plastisches Element aus Aluminiumdruckguss zeichnet das Profil des Sessels von der Rückenlehne bis zu den Füßen nach. Völlig nahtlos. Die Armlehnen und die Sitzfläche verfolgen eine perfekte, elegant geschwungene Linie. Der Bezug aus Pelle Frau®-Leder akzentuiert seine Weichheit und seinen Komfort.

DANDY @Gärsnäs

von Pierre Sindre © Lennart Durehed

Shell Chair @Carl Hansen & Son von Hans J.Wegner

Der Shell Chair – auch als CHO7 bekannt – zählt zu den bekanntesten Möbelstücken Hans J. Wegners. Besonders aus machen ihn die geschwungenen Linien. Den Dreibeinigen kennt man auch als »lächelnden Stuhl«. Zur Stabilisierung entwickelte Wegner ein doppeltes Gestell.

Herausgegeben von Julia Keesen

I love animals: Cillina, Cillirose, Cillioptical @ ALESSI

von Pier Paolo Pitacco

Pixel Sofa @ZUZUNAGA von Cristian Zuzunagas

BOURGIE @KARTELL von Ferruccio Laviani

Das Pixel Sofa spiegelt Cristian Zuzunagas künstlerischen Umgang mit Farben wieder. Die Größe der sich wiederholenden Struktur des Textilbezugs und die Art des Zuschnitts macht jedes Pixel Sofa einzigartig. Kein Sofa des Designers wird jemals dem anderen gleichen. Ein intrinsisches Element von Zuzunagas Arbeit ist seine Überzeugung, dass Farbe menschliche Emotionen positiv beeinflussen kann. Alle Bezüge lassen sich austauschen, so kann man sein Sofa seiner aktuellen Stimmung und seinem individuellen Style anpassen.

POCKET REGAL SYSTEM @STRING

von Nils Strinning

1949 entwarf Nils Strinning den Klassiker des skandinavischen Designs: das Regal String. Minimalistisch und mit seiner zeitlosen Formsprache soll es betören. Die Regalböden werden durch leiterähnliche Regalwände fixiert. Der filigrane Drahtrahmen fällt einem jeden Betrachter sofort ins Auge. Ferner kann String beliebig zusammengestellt werden. Es passt zu allen möglichen räumlichen Gegebenheiten. Strinning hat ein zeitloses, schlichtes und vielseitig einsetzbares Regal geschaffen. Proportionen und Details harmonieren. 23

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REISE

GRADONNA Es gibt die Berg- und es gibt die Meermenschen. Letztlich, glaube ich, entscheidet der Ort, an dem man aufgewachsen ist, über diese Präferenz. Ich bin ein Landmädel. Urlaub am Meer finde ich nett, Bergurlaub netter. Mit dem aktiven Wandern allerdings ist das so eine Sache. Es fängt bei der Ausrüstung an (»Festes Schuhwerk? Also die weißen Ledersneaker?«) und hört bei der Unterkunft auf. Wer hat schon Lust, nach einem Tag körperlicher Verausgabung die Nacht in einem Gemeinschaftssaal zu durchleiden? In der Nase den Geruch ungelüfteter Socken, in den Ohren das Schnarchen des Bettnachbarn? Und für die Langschläfer reicht das Warmwasser nicht?

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REISE Das Alpenpanorama am Gradonna Mountain Resort im österreichischen Bezirk Lienz in Kals am Großglockner ist gerade im Sommer ein fantastischer Ort, um die Seele baumeln zu lassen. Die Schönheit der Berge tut einfach gut. Und das Hotel begeistert mit extravagantem Mobiliar, beheiztem Außenpool und einer wunderbaren Saunalandschaft.

Auch wegen solcher Szenarien habe ich es bislang beim Alpenpanorama-Desktophintergrund belassen. Dann entdeckte ich das Gradonna Mountain Resort. Vermutlich in irgendeinem LifestyleMagazin, schließlich hat das Hotel seit seiner Eröffnung 2012 zahlreiche Designpreise gewonnen. Das Architektenbüro Reitter/Strolz arbeitete fast ausschließlich mit heimischen Rohstoffen wie Zirbenholz und Kalser Marmor, geheizt wird mit Solarenergie. Von Wien aus dauert die Fahrt nach Osttirol mit der ÖBB etwa fünfeinhalb Stunden und kostet nicht mal halb so viel wie vergleichbare Strecken mit der Deutschen Bahn. Das WLAN funktioniert praktisch störungsfrei. Wer ohne Auto anreist, wird am Bahnhof Lienz von einem Shuttleservice abgeholt. Schon auf der rund dreißigminütigen Fahrt nach Kals am Großglockner ballern meine Begleitung und ich so viele Fotos in die Cloud, dass wir uns fragen, wohin das führen soll. Spätestens bei der Ankunft wird klar: Gäste dieses Viersternehotels tun gut daran, sich selbst ein Fotoverbot aufzuerlegen. Wir Angehörigen der Generation #picsoritdidnthappen müssen ja ständig uns selbst und anderen beweisen, wie toll unser Aufenthaltsort ist. Sorry, ihr Daheimgebliebenen, aber ausnahmsweise trifft das zu. Das Gradonna hat die faszinierende Eigenschaft, dass Fotos von jedem Standpunkt aus grandios werden (#mountaingirl #iloveaustria #urlaubfürimmer). Das gilt insbesondere für unser nach Fichtenwald duftendes Zimmer mit Blick auf den Großglockner. Die gesamte Front ist verglast, man steht da und fällt praktisch in die Berge hinein. Links neben dem Balkon befindet sich eine ebenfalls verglaste Koje, dort sitzen wir tagsüber mit unseren Laptops und abends mit Drinks von der Bar. Die oberen Stockwerke des Hauses sind den zwölf Suiten vorbehalten. Einmal kurz reinschauen reicht, sonst besteht die Gefahr, sich in die Badewanne mit Talblick zu legen und nie wieder aufzustehen. Ganz oben befindet sich das sogenannte Turmzimmer, wo Seminare stattfinden oder private Feiern. Bei meinem Besuch erinnern zwei Blechherzen an einen kürzlich gestellten Heiratsantrag. Die Herzen sind Geschmackssache, eine Hochzeit auf der angrenzenden Dachterrasse sicher eine Überlegung wert. Vorausgesetzt man macht sich darauf gefasst, dass die Gäste viel Zeit aufs Fotografieren verwenden werden (der Landschaft, nicht des Brautpaars), denn natürlich ist die Aussicht von dort oben #eintraum

Wenigstens im Spa, finden wir, sollte Handyund also Fotoverbot herrschen, bis wir zum ersten Mal dessen Außenbereich mit dem 700 Quadratmeter großen Naturbadeteich sehen. Im Februar ist es zu kalt, um in den eierförmigen Sitzmöbeln rumzuhängen, also genießen wir das Bergpanorama vom beheizten Pool aus. Nervig nur, dass immer mal wieder eine raus muss in die Kälte, um Fotos zu machen (#spatime #hothothot). Noch hotter wird es in der Saunalandschaft. Schwer fällt die Wahl zwischen den verschiedenen Temperatur- und Feuchtigkeitsgraden, mehr als drei bis vier Durchgänge sollen ja nicht gesund sein. Zwischendurch versinken wir in schneeweißen Handtüchern mit Blick auf einen weiteren Pool und freuen uns über das fehlende WLAN-Signal. Idealerweise bleibt zwischen Entschlackungs-Packung und BergkristallPeeling noch Zeit für das Fitnessstudio oder den Yogaraum, beide erwartbarerweise mit einer Aussicht, die motivierender ist als jeder Proteinshake. Lediglich die Boulderhalle ist fensterlos. Indoor-Klettern am Fuß des 3798 Meter hohen Großglockners kommt mir sowieso seltsam vor. Worauf kinderlose Singles normalerweise nicht achten, fällt selbst uns auf: Familienfreundlich sind sie hier auch. Auf Wunsch wird der Nachwuchs praktisch rund um die Uhr von dem, was man früher mal Animateure nannte, bei Laune gehalten. Im Spa darf er in einem separaten Bereich toben, ebenso im Restaurant. Das wiederum gefällt den kinderlosen Singles, denn so gerne wir Kinder mögen: Ab und zu und vor allem beim Essen ist Ruhe ein Segen. Zumal dieses Essen volle Aufmerksamkeit verdient. Jeden Abend bastelt Küchenchef Michael Karl ein mehrgängiges Menü, auf Wunsch vegetarisch. Süß wie wir sind, ist unser persönliches Highlight das Dessertbuffet am zweiten Abend. Nie habe ich bessere Nougatknödel gegessen. Alle Zutaten kommen aus der Region, das fängt an beim Zillertaler Heumilchkäse und endet morgens bei den Honigwaben des verpackungsfreien Frühstücksbuffets. Als wir den Tag mit einem Glas Sekt begießen, fühlen wir uns ein wenig wie unsere eigenen Mütter, aber im Urlaub geht das in Ordnung. Abends erfreuen wir uns an der beeindruckenden Weinauswahl, selbst glasweise. Einige der Flaschen kann man im hoteleigenen Shop erwerben. Vor unserer Abreise decken wir uns dort mit Kürbiskernöl und hausgemachten Spinatknödeln ein. Dann treiben wir ein letztes Mal 25

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im Outdoorpool der Glückseligkeit entgegen. In diesem Moment kommt meine Begleitung auf die Idee, dieses Von-den-Bergen-Erschüttertsein psychoanalytisch zu deuten, schließlich befinden wir uns im Geburtsland Sigmund Freuds. Vermutlich ginge es um Kindheit (wie klein wir uns fühlen im Schatten des Knapp-Viertausenders) und um Sexualität (weil es bei Freud immer um Sexualität geht). Nach zwei Tagen Gradonna weiß ich: Nirgendwo lässt sich Bergsehnsucht besser therapieren als hier. Wandern waren wir natürlich nicht.

Von Eva Biringer, Vienna


musik dieser tage

GOURMET

MONTAG

Mogli »Wanderer« 14 Tracks Staff Track: »Road Holes«

DIENSTAG

Wo schmeckt kreativesBerlin momentan am besten?

Feist »Pleasure« 11 Tracks Staff Track: »Get Not High, Get Not Low«

Sun and The Wolf »Precipice« Single Staff Track: »Precipice«

Foto Graft

MITTWOCH

DONNERSTAG

FREITAG

Kendrick Lamar »Damn« 14 Tracks Staff Track: »DNA.«

SAMSTAG

DJ Hell »Zukunftsmusik« 15 Tracks Staff Track: »I Want You(Video Edit)«

BRLO Brwhouse

G e n uss S t e fa n stellt seine Berlins ta u r a n t s

am Gleisdreieck

Neu-Berlin vom Feinsten; Neue Deutsche Küche, Berliner Craftbier und noch dazu innovativste Baukunst und Design made in Berlin. Aus 26 Überseecontainern hat das Star-Architektenteam von GRAFT die Schale rund um die Nr. 1 unter Berlins Restaurant-Neueröffnungen gebaut. Genossen wird an massiven Holztischen, von der Decke hängen Neon-Leuchtstäbe. Star am Haus ist Küchenchef Ben Pommer, der schon bei Nils Henkel und zuletzt im »Kronenschlösschen« in Eltville war. Seine Küche rotiert rund ums Gemüse. Die »Möhren & Karotten« kamen gegrillt, roh eingelegt, fermentiert und als Chips, Mousse, Gelee und Sud vom Karottengrün. Zum krossen Schweinebauch gab’s »German Kimchi« aus Spitzkohl und Ingwer. Zum süßen Ha-ferbrei mit Salzkaramell schmeckte das Maple Smoked Weizen Bock - natürlich gebraut von BRLO.

Schöneberger Str. 16,10963 Berlin Foto Schwein

Blondie »Pollinator« 11 Tracks Staff Track: »Long Time«

SONNTAG

Alice Coltrane

»The Ecstatic Music of Alice Coltrane Turiyasangitananda«

10 Tracks Staff Track: »Om Shanti«

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Foto Katja Oortman Foto Tilo Roth

Lode & Stijn nah am Cotti

Minimalistisch nordisch schick geht es im Restaurant der beiden Holländer Lode van Zuylen und Stijn Remi in Kreuzberg SO36 zu. Tische, Stühle sind aus edlem hellem Holz, Hirschhornfarn und Sukkulenten sind im Raum wie Kunstwerke platziert. Ebenfalls einzig in Berlin ist auch hier die Küche: Nordisches mit holländischem Touch. Zu den frisch gedünsteten Scheidenmuscheln mit Knochenmark-Sauce und Petersilie schmeckten die Bitterballen, eine Art frittierte Klößchen mit KalbfleischMayonnaise-Füllung. Das Rindertatar mit Kapern, Kohl, Austernsauce und Brunnenkresse wird auf dunklem Toastbrot gereicht. Echt ein Traum waren die Leinsamen-Madeleines mit Leinsamenmus, Birnensorbet und bunten Blüten. Genever gibt’s stilecht im 20er Jahre-Glas gereicht. Beim Wein setzt man auf Bio- und Naturweine.

Gaststätte am Ufer am Landwehrkanal

Lausitzer Str. 25,10999 Berlin

Foto Robert Rieger / Freunde von Freunden

Exp e r t e Elfenbein Top 5 unter neuen Resvor.

Auch das neue Restaurant von Berlins Mitte-Dreamteam Martin Hötzl und Küchenchef Tilo Roth (Rodeo, The Grand). hat in Kreuzberg aufgemacht. Die rund 100 Jahre alte »Gaststätte« mit Terrasse am Kanal wurde liebevoll restauriert; Altberliner Fenster, Parkett, Türen, Rahmen sind noch da, als kreative Farbkleckse funktionieren orange Schulbank-Stühle, die Lüster sind aus Whiskyflaschen. Und zum Ambiente passt Roths neue, feine »Kreuzberger Küche«. Fein abgeschmeckt waren die Föhrer Miesmuscheln mit Wirsing, Schnittlauch, Knoblauch und Madras-Curry-Kohlsud. Rücken und Schulter vom Hirschkalb aus dem Fläming gab’s mit Himbeeren und Himbeer-Himbeeressig-Jus. Den Ricottaknödel übergoss der Chef mit Rumtopf von der Mama. Sehr faire Preise, auch für Weine und Cocktails. Die Bar ist auf bis open end...

Paul-Lincke-Ufer 23,10999 Berlin

Kin Dee

Schwein

in der Lützow

nah am Weinbergspark Tannengrüne Polster, dunkles Parkett, rohe Betonwände und -säulen, schwarz lackierte Holzmöbel, angenehm gedimmtes Licht, rechts eine Cocktailbar, links die Weinbar – und auf den Tellern die beste neue Küche in ganz Mitte. Und kein Wunder: Küchenchef Christopher Kümper – auch ein Nils Henkel-Schüler – hat bei New Yorks großem Daniel Boulud und Singapurs André Chiang gekocht. In Berlin fasziniert ihn, was in Brandenburg an Gutem wächst. Ein Aromenfeuerwerk war »Gans und Rotkohl« mit Dashi-Gänsefett-Sud, Gänseleber-Markklößchen, und Silberohr-Pilz. Die Bunten Bentheimer für’s Filet mit Spaghettikürbis, Miso-Maronen-Creme und ihrer gepufften Haut hat er im »SauenHain« in Potsdam selbst entdeckt. Der süße Abschluss: Urkarotte mit Dulce de leche und Granat-apfel. Legerer, lustiger dürfte der Service sein.

Elisabethkirchstraße 2,10115 Berlin 27

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Berlins legendäres Thai-Restaurant Edd’s ist Geschichte. Das Team von Grill Royal & Co. hat übernommen - und aus Respekt an Thailand angeknüpft. Renoviert wurde sorgsam elegant in Reisfeld- und Bambus-Tönen, moderne thailändische Kunst wird ausgestellt. Genial sind Küche und Köchin. Am Herd in unserer Nr. 2 unter den Top 5 steht Dalad Kambhu aus Bangkok, New York, Paris. Ihre moderne thailändische Küche ist einzig in Berlin. Für den »Mushroom & Glass Noodle Salad« bereitet sie drei Sorten Pilze auf fünf verschiedene Arten und Weisen zu. Ihr Massaman Curry mit Lamm und oranger und gelber Süßkartoffel verfeinert sie mit Rosenkohlrösschen und frischen Spinatblättern. Süße thailändische Banane wird mit Erdnuss, Kokos und Schokolade-Chili-Mus kombiniert. Ein Muss: Die Reiswein-Cocktails!

Lützowstraße 81,10785 Berlin


SPORT

Bis es knallt

Tejo-Arenen und Turniere sponsern. Allein in der Hauptstadt Bogotá gibt es weit über hundert Tejo-Spielstätten, in denen quasi an jedem Tag der Woche geknallt und getrunken wird. Die Leidenschaft der Kolumbianer für das Spiel ist so groß, dass die Regierung Tejo im Jahr 2000 offiziell zum Nationalsport berief – bereits seit den 60er Jahren gehört es zu den Disziplinen bei den Juegos Nacionales, einem landesweiten Wettbewerb zahlreicher Sportarten. Die Federación Colombiana de Tejo hat »ihrem« Sport sogar eine eigene Hymne gewidmet, in der es unter anderem sinngemäß heißt: »Stolz spielen wir Tejo, unseren Nationalsport.« Besonders treue Fans gehen mit einem Tejo-Gebet sogar noch weiter, in welchem sie Gott und das Spiel vor jeder Partie preisen: »Danke, dass du mich diesen Sport ausüben und so viele Freunde kennenlernen lässt«, heißt es in der »Oración del deportista del Tejo« (»Gebet des Tejo-Spielers«).

Foto © Adam Liebendorfer

Tejo ist gleich nach dem FuSSball der Lieblingssport der Kolumbianer – auch, weil dabei meist Unmengen Alkohol getrunken werden. Allerdings wird es dann zuweilen lebensgefährlich...

Von Robin Hartmann Oscar Candón nimmt einen langen Schluck aus seiner Bierflasche und vergewissert sich, dass alle Augen auf ihn gerichtet sind. In der dunklen Halle ist es laut, aus den Boxen dröhnt ein Vallenato, diese typisch kolumbianische Musik. Der scharfe Geruch von Schwarzpulver ist so durchdringend, dass manche Besucher husten müssen. Candón wiegt den schweren Spielstein in der Hand, holt aus und lässt ihn durch die Arena segeln. Kurz darauf gibt es einen markerschütternden Knall, lauter Jubel brandet auf – getroffen. Candón grinst, nimmt noch einen Schluck Bier und sagt: »Así!« – »So wird das gemacht!« Willkommen beim Tejo, Kolumbiens Nationalsport, und Lieblinsgbeschäftigung der Kolumbianer gleich nach dem Fußball. Überall im Land wird gespielt, und auch auf Nachbarstaaten wie Ecuador, Venezuela und Panama hat das Tejo-Fieber längst übergegriffen. Die Regeln sind einfach: Der Spielstein (Tejo) muss per Wurf innerhalb oder so nahe wie möglich an einen Ring aus Metall (Bocín) platziert werden, auf dem mit Schwarzpulver gefüllte Beutel, die sogenannten Mechas, liegen. Bringt man bei einem Wurf einen oder gar mehrere dieser Beutel mit einem Treffer durch den Tejo zur Explosion, gibt es Extrapunkte – und stets lautstarken Beifall, oft auch von Mitspielern und sogar den Nachbarbahnen. Tejo ist auch deshalb so beliebt, weil man nicht gegen-, sondern miteinander spielt. Der kolumbianische Journalist Juan Felipe López Lara, selbst passionierter Spieler, erklärt die Faszination so: »Man amüsiert sich gemeinsam bei ein paar Bier, so als ob man auf einer Party wäre, oder einem Treffen mit Freunden. Man kann dabei wunderbar entspannen.«

Candón eingangs das Spiel erklärt hat, tun sich noch ziemlich schwer, denn schwer sind auch die Wurfsteine, und zwar mehr als ein Kilogramm. Profis werfen sogar mit noch mehr Gewicht, und das aus einer Distanz von fast 20 Metern. Die Neulinge aus Deutschland und Frankreich dagegen treffen auch aus fünf Metern Entfernung das Ziel nicht, immer wieder bleiben ihre Tejos in dem Lehmhügel stecken, in den jeder Bocín eingegraben ist. Aufgeben kommt dennoch nicht infrage – zumindest, solange noch genügend Bier da ist. Das Punktesystem des Spiels ist auch für Einsteiger leicht zu verstehen: Trifft keiner der Spieler einen Schwarzpulverbeutel, gewinnt derjenige einen Punkt, dessen Stein dem Metallring am nächsten liegt. Drei Punkte gibt es für eine Explosion; sechs Zähler, wenn der Spielstein im Bocín liegenbleibt – das erfordert für gewöhnlich lange Stunden der Übung, denn der Tejo hat einen Durchmesser von 9 Zentimetern, der Bocín ist gerade einmal zwei Zentimeter breiter. Landet der Tejo gar im Ring und erzeugt dabei gleichzeitig eine Explosion, gibt es die Höch stzahl von 9 Punkten. Gespielt wird bei reinen MännerPartien bis 27 Punkte, bei Frauen bis 21.

Erfunden wurde Tejo vermutlich schon vor etwa 500 Jahren von den Muisca-Indianern in der heutigen Provinz Boyacá. Es wurde Turmequé genannt und zu feierlichen Anlässen wie Geburten oder Opferritualen gespielt, aber auch als eine Art Braut- bzw. Bräutigamschau: Jenes junge Mädchen, welches ein Spiel gewann, durfte einen der Dorfobersten heiraten. Meist wurde bei solchen Zeremonien auch viel getrunken. Heute geht es freilich nicht mehr um solche Riten – Alkohol wird aber immer noch konsumiert, und zwar in derartigen Mengen, dass Die Touristen, denen der Tejo-Hallenbetreiber Oscar große Brauereien und bekannte Schnaps-Marken ganze 28

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Längst gibt es in vielen kolumbianischen Bundesstaaten eigene Ligen, Profis treten sogar gegen Teams aus anderen Ländern an – diese Spiele nehmen die »Sportler« so ernst, dass sie dabei keinen Alkohol konsumieren, wie López Lara verrät. Erfolgreiche Teams beschäftigen zudem heute nicht selten eine ganze Entourage an Trainern, Physiotherapeuten und manchmal sogar Psychologen, die die Sportler auf wichtige Matches vorbereiten sollen. Um die jüngere Generation für das Spiel zu begeistern, gibt es »Tejo World Tour« auch für das Handy – die App ist eine der erfolgreichsten in Kolumbien überhaupt. Leben könne aber kein Tejo-Spieler von seiner Leidenschaft: »Sponsoren geben kein Geld, und es gibt auch keine Berichterstattung in den großen Medien.« Höchstens im Internet oder in Lokalzeitungen werde dann und wann über den Ausgang eines Turniers berichtet. Bei den europäischen Touristen hat es das erste Mal geknallt, ein Mädchen aus Frankreich hat die Explosion erzielt und wird dafür von ihren Teamkameraden mit Schulterklopfen gefeiert – und einer neuen Runde Bier. Doch was für die Urlauber normal ist und von den Ureinwohnern Kolumbiens zelebriert wurde, wird von vielen kolumbianischen Machos heute nicht gerne gesehen: Für sie ist Tejo ein Männer-Sport, spielende Frauen sind in einem Land mit einem eher archaischen GeschlechterRollenverständnis zumindest verpönt. Bei den Touristen freilich nimmt man es da nicht so genau, denn die zahlen gut und füllen in bei Backpackern beliebten Orten Abend für Abend die oft immens großen Tejo-Hallen. Das Lieblingsspiel der Kolumbianer, es hat noch andere Schattenseiten: Regelmäßig kommt es in den Arenen zu Verletzungen durch explodierendes Schwarzpulver oder von der Flugbahn abgekommener Wurfgeschosse. Unfälle, bei denen es sogar schon Tote gab, wie im Juni 2010, als eine Explosion in einer Spielhalle in Cúcuta einen Menschen das Leben kostete und fünf weitere verletzte. 2016 erschoss ein Mann in Bogotá zwei andere nach einer Partie Tejo, als unter Alkoholeinfluss ein Streit über eine Rechnung von umgerechnet 27 Euro entbrannte. Überhaupt wird der häufig exzessive Alkoholkonsum, der für viele Kolumbianer zum Spiel gehören scheint, seitens der Ordnungskräfte und Politiker immer wieder angeprangert. Sie bemängeln, das Spiel sei eigentlich nur ein Vorwand für den Verkauf des Rauschmittels. Und auch López Lara gibt offen zu: »Tejo ist ein schönes Hobby, mehr aber auch nicht. Ohne den Alkohol wäre es niemals so erfolgreich.« Auf der Bahn von Oscar Candón haben die europäischen Touristen gerade ihre erstes Match beendet. Sie bestellen noch eine Runde Bier.


URAUFFÜHRUNGEN, GASTSPIELE, DEBATTEN & PARTYS AUTORENTHEATERTAGE.DE


TRAFFIC Ausgabe 56  

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