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NO 62 ZEITGESCHEHEN S. 6 Freeports – anonyme Handels- plätze für Kunsthändler FEUILLETON S. 8 Die Guten sind schön?! DESIGN S. 10 Night Fever: eine Ausstellung ZUR NÄCHTLICHEN VERGNÜGUNGSWELT SEIT DEN 60ERN WETTER S. 11 Berlin, Chinatown – NYC, Westend – London, Laaslich – Kärstadt

8 PAGE EDITORIAL A BLACK STORY: RoberT Colescott, SPREAD S. 13-20 Kerry James Marshall, Toyin Ojih Odutola, Cinga Samson, Amy Sherald, Kehinde Wiley

KUNST S. 21 Exklusiv-INTErVIEW und Kunst- Fotografie von Frank Thiel: Las Quinceañeras de Cuba KULTUR S. 26 X BERLIN BIENNALE: MOMENTE DES NICHTGEWUSSTEN FILM S. 28 MARC HAIRAPETIAN SPRICHT MIT ISABELLE HUPPERTS ÜBER IHRE NEUE PSYCHOKRIMI-ROLLE EVA ARROGANT BASTARD S.30 DIRTY PICTURES

Quinceañeras


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3–5 JULY 2018 KÜHLHAUS BERLIN

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IMPRESSUM

Contributors

Marc Hairapetian

Raimar Stange

ist der SPIRIT. Seit seinem 16. Lebensjahr Herausgeber des von ihm 1984 begründeten Kulturmagazins SPIRIT – EIN LÄCHELN IM STURM – www.spirit-fanzine.de. Texte für NZZ, FAZ, SZ, Spiegel Online und Cinema. Co-Autor von »Oskar Werner – Das Filmbuch« (Wien 2002). Auch Film- und TV-Schauspieler (Tatort, 1998; True Love Ways, 2015). Exklusivinterviews mit Jack Nicholson, Elia Kazan, Henry Kissinger, Quentin Tarantino, Ennio Morricone, Christiane Kubrick oder in dieser Ausgabe Isabelle Huppert.

studierte in Hannover Philosophie, Germanistik und Journalistik. Heute arbeitet er als Kunstpublizist und Kurator in Berlin. 2003 wurde er mit dem Preis für Kunstkritik vom AdKV ausgezeichnet. Stange publiziert regelmäßig in Magazinen wie ArtReview, London; Camera Austria, Graz; Artist, Bremen und artmagazinecc, web. Aktuelle Buchpublikation: Haltung als Handlung – das Zentrum für politische Schönheit, München 2018. Er kuratiert Ausstellungen zu politischen Themen wie Klimawandel und Rechtspopulismus.

Gunnar Lützow Der aus Hamburg stammende Berliner Kulturreporter Gunnar Lützow ist Absolvent der Berliner Journalistenschule (BJS) und berichtet für Medien wie DIE ZEIT, »art – das Kunstmagazin«, mare und die taz über zeitgenössische Kunstszenen, in denen er auch im Rahmen einer teilnehmenden Beobachtung als Off-Kurator unterwegs ist. Er vermisst die Neunziger, hat noch immer kein Smartphone und weiß altmodisches Werkzeug wie Stift und Zettel zu schätzen. Dennoch ist die Gegenwart nicht völlig an ihm vorbeigegangen: Eine Auswahl seiner Texte ist auf artmap. com/gunnarluetzow zu finden.

BILDER Hairapetian Georgia Town Lützow Alex Rohleder

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VERLEGER

Jacques Stephens V.i.S.d.P.

SCHLUSSREDAKTION Julia Keesen

TITELBILD

MITARBEITER DIESER AUSGABE

Photographer: Frank Thiel

Eva Biringer, Verena Dauerer, Kelley Frank, Marc Hairapetian, Robin Hartmann, Isabelle Huppert, Julia Keesen, Gunnar Lützow, Dr. Inge Schwenger-Holst, Raimar Stange, Jacques Stephens, D. Strauss, Frank Thiel, Saskia Trebing, Michael Wolf

Bilder: Patricia Muñoz Rodríguez, La Habana, Plaza de la Revolución, Vedado-Malecón 2016 courtesy: Blain|Southern, London/Berlin and the artist, ©VG Bild-Kunst, Bonn

ISSN

1869-943 X

INHALT

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ZEITGESCHEHEN

MEDIZIN Dr. Inge Schwenger-Holst Die Medizinerin, Homöopathin und Klinikmanagerin, betreibt derzeit das Schlossgut Schönwalde mit Gästehaus, Restaurant und Polozentrum.

Happy Birthday blaues Wunder

Moderne Schatzinseln

Zermahlene, getrocknete Seepferdchen, die Flossen von Haien, zerriebene Stoßzähne von Elefanten, Tigerpenispulver und weitere »biologische Waffen« mussten in den vergangenen Jahrhunderten herhalten, wenn »Dick« nicht mehr wollte, wie er sollte. Bedrohte Tierarten können »aufatmen«, denn seit 20 Jahren schraubt eine kleine blaue Pille den weltweiten Verbrauch an obskuren Potenzmitteln nach unten. Auch das Hantieren mit Vakuumpumpen, der chirurgische Einsatz von Penisknochen und andere obskure Methoden, die die Frage – wann ist ein Mann ein Mann? – auch bis ins hohe Alter lustvoll beantworten lassen, wurden durch Viagra alias Sildenafil in die Mottenkiste entlassen. Zunächst als Herzmedikament geplant, entpuppte sich der Wirkstoff als Wunder in mehrfacher Hinsicht. Er füllte nicht nur mit rund zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr die Kassen des Pharmariesen Pfizer, er holte auch die sogenannte »erektile Dysfunktion«, die Impotenz durch Erektionsstörung, aus der Flüsterecke. Man(n) konnte wieder und seinem wichtigsten Organ wurde in den Folgejahren eine immense Öffentlichkeit beschert. Viagra auf Krankenschein wurde gefordert und entfachte eine heiße Diskussion, während es kaum jemanden stört, dass jede Studentin ihre Ovulationshemmer selbst bezahlen muss. Die Wirkungsweise von Sildenafil ist gut erforscht: Durch Abbauhemmung eines für die Durchblutung des Penis verantwortlichen Peptids wird das Volumen des Schwellkörpers und damit die Steifheit des Glieds verstärkt. Diese Wirkung setzt aber nur bei entsprechender Stimulation der psychischen Erregung ein. Also nur dann, wenn »er« auch in Stimmung ist. Sollten Sie, meine Damen, einen Angriff auf das Weinglas Ihres Idols geplant haben … Doch es handelt sich bei Viagra nicht um einen Liebeszauber! Zu einer solchen Fehlinvestition hier noch ein Tipp der Süddeutschen Zeitung: Viagra eignet sich auch zum Blumen frischhalten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen atemberaubenden Frühling!

Bis Blad!

© Bob Segal

Im Jahr 2015 hielt die Kunstwelt den Atem an, als der russische Oligarch Dmitry Rybolovlev den Unternehmer Yves Bouvier verklagte, weil der ihn angeblich beim Verkauf eines Picasso-Gemäldes betrogen habe. Das Pikante an dem Fall: Der Handel hatte in einem sogenannten Freeport in Monaco stattgefunden, und so wurde auch einer breiten Öffentlichkeit zum wahrscheinlich ersten Mal eine Praxis offenbar, die manche wohl als genial, andere zumindest als windig bezeichnen würden.

hat – tatsächlich gibt es bei den Eidgenossen denn auch die höchste Dichte an Freeports weltweit, die namhaftesten davon in Zürich und Genf.

Wie unter anderem die UNESCO aber kritisiert, ist es aber genau diese Politik der Anonymität, durch die die Freeports auch der Kriminalität immer wieder Vorschub leisten – so wurden 2003 beispielsweise auf dem Freeport in Genf hunderte Antiquitäten entdeckt, die zuvor von Ausgrabungsstätten in Ägypten gestohlen worden waren. 2017 dann Freeports sind, wie der Name bereits nahelegt, eine erregte der Verkauf des Gemäldes Hannibal von Art Freihandelszone, die es überall auf der Welt Jean-Michel Basquiat aus London in die Vereinigten gibt, und die meistens in Häfen bzw. Staaten Aufsehen, denn auf dem SteuerFlughäfen veranlagt sind. Bereits im 19. formular war der Wert des Gemäldes mit Jahrhundert gab es sie in der Schweiz, 100 Dollar angegeben – sein tatsächlicher mittlerweile machen auch Ableger in Marktwert betrug zum damaligen ZeitSingapur, Hongkong und eben Monaco punkt aber bereits acht Millionen. Wegen von sich reden. Das Besondere an diesen solcher und anderer Beispiele wird den Freeports ist, dass man in Ihnen Kunst aller Art für Freeports mitunter vorgeworfen, zur Geldwäsche einen beliebigen Zeitraum verwahren kann, ohne beizutragen. dass dafür die normalerweise landesüblichen Steuern fällig würden – sie sind damit quasi, wenn nicht Überraschend ist die schiere Größe der Märkte selbst ein steuerrechtsfreier Raum, zumindest ein lukra- und die vermutete Dimension ihrer gehorteten tives Angebot für Kunsthändler, die das Zahlen von Schätze: Der Markt in Zürich ist fast 20.000 QuaSteuern möglichst lange umgehen möchten – zum dratmeter groß, derjenige in Genf laut Economist Beispiel, bis die von ihnen erworbene Kunst im Wert so groß wie 22 Fußballfelder. Der Art Market Regestiegen ist und sich mit ihr vulgo Profit machen port der European Fine Art Foundation kommt zu lässt. dem Schluss, dass alleine in Genf etwa 1,2 Millionen Kunstwerke lagern, wobei dies nahezu alles meinen Der Clou aber: Wechselt solche Kunst innerhalb kann, von Gemälden und historischen Artefakten eines Freeports den Besitzer, müssen teilweise die über alte Weine und Schmuck bis hin zu Autonormalerweise fälligen Steuern überhaupt nicht oder Klassikern, Sportandenken oder wertvollen Münzen. nur zu einem geringen Anteil gezahlt werden. Zu- Der Economist glaubt, alleine die Kunst in Genf und dem gewähren die meisten Freeports ihren Klienten Zürich habe einen Gegenwert von etwa zehn Milvöllige Anonymität gegenüber jedweder staatlicher liarden Dollar – der weltweite Kunstmarkt an sich Autorität, was ihnen schon den Vergleich mit den wird momentan bei einem Wert von etwa 57 Milberühmt-berüchtigten Schweizer Banken eingebracht liarden Dollar taxiert.

Von Robin Hartmann

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ZEITGESCHEHEN

Nutzer der Freeports schätzen die hohen Sicherheitsstandards, wie zum Beispiel elektronische Überwachung und auch Schutz durch bewaffnetes Personal, genauso wie Raumluftkontrollen und eine generelle Behandlung der »Ware«, die laut Wealth Management auf dem Standard der besten Museen weltweit sei. Zudem kümmerten sie sich für ihre Klienten um Versicherungsfragen sowie gegebenenfalls die Verschiffung der Kunst, stellten ihnen auch Showrooms und Büros zur Verfügung. Zu den diversen steuerlichen Vorteilen kommt also für die Kunstfreunde auch noch der Aspekt der Sicherheit demnach wenig überraschend: Als das Beratungsunternehmen Deloitte Kunstsammler, Händler und andere Professionelle aus der Szene befragte, gaben 28% von ihnen an, bereits einmal einen Freeport benutzt bzw. eine Handelsbeziehung mit einem gehabt zu haben; 43% sagten, sie würden darüber nachdenken, in der Zukunft einen solchen zu frequentieren.

gentlich Gefängnisse für die Kunstwerke seien, denn schließlich würden viele von ihnen tatsächlich nur gekauft werden, um sie dann dort in Erwartung einer Wertsteigerung zu lagern, was sie wiederum der Öffentlichkeit unzugänglich mache. In manchen Fällen passiert das aber doch, wenn Kunstwerke zum Beispiel für eine Ausstellung einen Freeport verlassen, was für deren Besitzer gleich zwei Vorteile hat: In Ländern wie Monaco oder Singapur sind diese Fälle steuerfrei, zudem steigert die Ausstellung eines jeweiligen Exponates in der Regel seinen Wert.

und den Besitzer eines Kunstwerkes gegebenenfalls den Behörden zugänglich machen und auch Kontrollen ermöglichen. Andere Häfen wie Singapur allerdings halten nichts von dieser Art

Hemels zitiert aber auch die Financial Action Task Force, die davor warnte, mit solch anonymer Kunst und durch die Politik der Freeports könne in Zukunft oder gar aktuell auch Terrorismus finanziert werden. Um solchen Anschuldigungen bzw. dem Verdacht vorzubeugen, fahren viele Freeports seit Neuestem zumindest in Sachen Ein weiteres Problem der Freeports Transparenz eine andere Politik: So thematisiert aber die Autorin Sigrid müssen die Freihäfen in der Schweiz Hemels, die fragt, ob diese nicht ei- mittlerweile den Wert, die Herkunft

Ein Lösungsansatz, der allerdings noch Zukunftsmusik ist: Um im Kampf gegen den Wildwuchs auf dem Kunstmarkt erfolgreich zu sein, müssten laut Hemels auch die Freeports weltweite Transparenzstandards wie Banken einführen – wer diese missachte, lande auf einer Blacklist. Fälle wie die Panama Papers aber haben gezeigt, dass auch solche Maßnahmen wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein würden – und wenig abschreckend.

www.haffmansneumeister.com 7 No 62 - 2018 TRAFFICNEWSTOGO.DE

Freeport-Nutzern werden Sicherheitsstandards auf dem Niveau der besten Museen weltweit garantiert, erklärt das Wealth Management. von Transparenz – weshalb sich das Problem künftig wohl nicht auflösen, sondern einfach nur verlagern wird.


FEUILLETON

Harmonie ist eine Strategie Ob in Hollywood, im Alltag oder in der Politik: Schöne Menschen gelten als gut, hässlichen Menschen vertrauen wir nicht. Dabei sind wir immer dann am schönsten, wenn uns egal ist, wie wir wirken.

I

ch bin eher Ästhet als Moralist. Ich finde zum Beispiel, man kann über das Eingreifen Russlands sowie der USA in den syrischen Bürgerkrieg durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Dagegen hege ich keinen Zweifel darüber, dass Camouflage seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr tragbar ist. Wenn jemand mit Steinen, Molotow-Cocktails und der neuen Sibylle Berg Kolumne bewaffnet drohte, das Schweinesystem der heteronormativ organisierten Kindertagesstätte dem Erdboden gleich zu machen, würde ich ihm erst mal raten, die hässliche Ski-Mütze abzuziehen. Kurzum: Ich frage mich nicht primär, ob etwas gut ist, sondern erst mal nur, ob es schön aussieht. Jetzt werden Sie vielleicht mit dem Kopf schütteln oder diesen Gedanken für pubertär halten, die Augenbrauen despektierlich lüpfen und Ihre Steuererklärung anfangen. Aber, glauben Sie mir; so anders ticken Sie auch nicht. Nehmen wir an, Sie stehen vor dem Kühlschrank Ihres Büros und müssen feststellen, dass jemand Ihre Schwarzwälder Kirschtorte aufgegessen hat. Sie zitieren die beiden anwesenden Kolleginnen zum Verhör in die Küche und stellen Sie zur Rede. Die eine beugt ihren schlanken Hals in Richtung Fußboden und klimpert mit ihren geschwungenen Wimpern ein ChopinStück, die andere fuchtelt mit ihren Wurstfingern im fettigen Haar wie Lemmy von Motörhead. Mal ehrlich: Wen würden Sie eher verdächtigen?

Von Michael Wolf B I L D E R

im Uhrzeigersinn recht oben beginnend Ali Marel Oliver Ragfelt Oladimeji Odunsi

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FEUILLETON

Das gleiche Muster findet sich in Filmen: Denken Sie nur an die Schurken aus dem Hollywoodkino. Joker, Blofeld, Michael Myers, Imperator Palpatine, Gollum, Voldemort: ein Bataillon der Versehrten und Krüppel, eine Freakshow. Das Muster kommt nicht von ungefähr. Schönheit bedeutet nichts anderes als Gleichmäßigkeit. Eine ideale Nase ist eine Nase, die weder größer noch kleiner, noch breiter noch schmaler ist als der Durchschnitt aller vorhandenen Nasen in einem Kulturkreis. Hässlichkeit wiederum bedeutet nicht mehr als eine überdurchschnittliche Entfernung von der Norm. Der Durchschnitt beruhigt uns; wir streben nach dem Ausgleich. Abweichung dagegen birgt die Unordnung, das Chaos. Müßig zu spekulieren, ob die Herkunft dieser Eigenschaft ins Arbeitsgebiet der Anthropologen oder Kulturwissenschaftler gehört. Sicher ist: Das Prinzip, im »Schönen« auch das Gute zu vermuten, ist längst institutionalisiert. Emma Watson engagiert sich als Gleichstellungsbeauftragte der UNO, Angelina Jolie kümmert sich um Flüchtlinge, Scarlett Johansson warb eine Weile für Oxfam. Man kann nur darüber spekulieren, ob alle drei sehr schlau oder geschickte Diplomatinnen sind; außer Frage steht, dass sie sehr gut aussehen. (Gut, bei Angelina Jolie kann man sich nie so sicher sein, die lässt sich ja immer mal wieder was entfernen.) Natürlich braucht es für diese Positionen prominente Gesichter. Ein Gesicht wird schneller bekannt, wenn es keine Pickel hat und Zahnspange. Meine Vermutung ist, dass Schönheit prinzipiell zum Guten verpflichtet. Sie ist nicht nur ein Marketinginstrument für das Gute. Wer schön ist, muss geradezu gut sein. Doch an dieses Prinzip glaube ich nicht.

Ich finde Menschen immer am schönsten, wenn sie etwas Falsches tun, wenn sie herausragen aus einer Masse, wenn sie abweichen, wenn sie gierig sind, wenn sie zu viel trinken und so heftig küssen, dass sie fremde Lippen verletzen. Wenn sie sich eine Zigarette anstecken wollen und merken, dass sie schon eine im Mundwinkel haben, wenn sie wieder mit etwas anfangen, was sie krank macht, wenn Sie mit 100 Jahre altem Whiskey den Rasen wässern, wenn sie über Mauern klettern, einfach, weil sie da sind. Wenn sie nicht schlafen gehen wollen, weil es dann vorbei ist, und wenn sie sich doch hinlegen, dann mit offenen Augen, damit es morgens auch sicher weitergeht. Ist das gut? Ist das moralisch? Ist das vernünftig? Nein, ganz sicher nicht, aber gerade – und vielleicht sogar nur – in diesen Momenten sind wir ganz eins mit uns: Wenn das, was wir hier und jetzt unbedingt wollen mit dem, was wir tun, zusammenfällt: Dann sind wir die beste Fassung von uns selbst. Wir sind in diesem Moment keine Abziehbilder unserer Rollenmodelle, keine Feiglinge und auch keine Helden; nur Menschen, die keine Angst davor haben, vor anderen ein schlechtes Bild abzugeben. Ohne Hemmung, ohne Scham gewähren wir einen Einblick in unser Innerstes – und siehe da: Tief drinnen funkelt etwas. Das war’s. Jetzt können Sie den Kopf schütteln, das alles pubertär finden, die Augenbrauen despektierlich lüpfen und endlich Ihre Steuerklärung machen. Oder nicht: Sie gehen raus und vielleicht passiert sogar etwas und vielleicht machen Sie sogar irgendwas kaputt. Ich warte.

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DESIGN

Gastronomie umzufunktionieren. Schließlich war Manchester schlechthin das Sinnbild für die Industrielle Revolution gewesen. Schon der Name des Clubs war Programm, leitete er sich doch aus einem Pamphlet der Situationisten ab. Architekt Ben Kellys gestaltete die TanzFabrik mit Warnstreifen, schwarz-weiß angestrichenen Pollern und in den Boden eingelassenen Katzenaugen. Warum sollten auch die Jugendlichen von Manchester, die den ganzen Tag bei wahrscheinlich Mindestlohn in Lagerhallen schuften, nachts zum Raven – schon wieder in eine Lagerhalle? Erst mit dem House-Genre ab 1986 gelang dem Club der Durchbruch als voller, etablierter Space im Nachtprogramm. The Haçienda wurde die Hochburg des Acid House und des Rave. Gut ein Jahrzehnt später war es dann aber auch endgültig vorbei – der Club schloss 1997 aus finanziellen Gründen.

»Räume der Teilhabe«

Die Night Fever - Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt temporäre Freiräume der Nacht. Sich temporäre Freiräume erschaffen und ertanzen, das zeigt die umfassende wie sehenswerte Ausstellung Night Fever. Design und Clubkultur 1960 – heute an Facetten, so vielseitig wie die vielen Spiegelmosaike einer Disko-Kugel. Bis zum 9. September 2018 werden die Entwicklungen durch die Jahrzehnte in der urbanen Umgebung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein ausgestellt. Interessanterweise entstanden die ersten Clubs, wie wir sie als solche heute verstehen würden, aus einer Design-Kritik. Vertreter der Radical Design-Bewegung in Italien entwarfen ab Mitte der 1960er Jahre das Piper: Aus der Ablehnung der Designindustrie und ihrem Konsumdenken entstand 1965 der erste Club in Rom mit variablem Mobiliar, Lichtspektakel und Kunst. Ende der 1960er Jahre folgten weitere unter dem gleichen Namen – vor allem in Mailand, Turin und Florenz. Sogar an der Uni Florenz gab es einen Kurs zum Piper als Freizeiteinrichtung, in dem Clubs als »Räume der Teilhabe« bezeichnet wurden. In New York war es Anfang der 1970er Jahre David Mancuso, der begann, psychedelische Privatparties in einer leeren Lagerhalle, seinem Loft, zu veranstalten. Später

in den 1970ern war die Diskothekenkultur vor allem durch ihren Glam-Faktor geprägt: Mit dem Promi-Kult des Studio 54. Unvergesslich das Foto eines Abends mit Bianca Jagger dort, die sich bei ihrer Geburtstagsfeier 1977 medienwirksam auf ein weißes Pferd setzte. Weit weg von New York und zwar in England in der Arbeiterstadt Manchester trat vielmehr das Gegenteil ein. Beim Clubsterben in den Jahren 1977 und 1978 wurden dort viele Event-Spaces systematisch von der Stadt und der Polizei geschlossen. Gleichzeitig verdiente Musiklabel Factory Records einiges an den Platten der Band Joy Division, nachdem Sänger Ian Curtis starb. Mit dem vielen Geld wollten die Labelmacher auf eine Art den Kids in Manchester etwas zurückgeben: Zunächst eine Clubnacht, später mit The Haçienda einen Club. Grafikdesigner Peter Saville, der die legendäre visuelle Kommunikation für Factory Records und The Haçienda gestaltete, erklärt im Katalog zur Night FeverAusstellung: Das Musiklabel Factory, als Intellektuellen- und Mittelschichtsprojekt gegründet, sei seiner Zeit voraus gewesen. Ebenso war es auch das Konzept, so Saville, mit The Haçienda ein Lagerhaus zu einer postindustriellen Unterhaltungs-

Auch andere Orte des Nachtlebens haben analog ihre historisch vorbelastete Location zum Thema gemacht. B018 etwa, ein Nachtclub in Beirut, der 1998 in einem ehemaligen Quarantäneviertel am Hafen eröffnete. An seiner Stelle stand im Libanesischen Bürgerkrieg ein Flüchtlingslager, das bei einem militärischen Angriff völlig ausgelöscht wurde. Der Architekt Bernard Khoury ließ als Reaktion einen Bunker in die Erde einbauen, eingerahmt von einer Betonscheibe. Es gab keine Türe, sondern Eisenplatten, die sich nach oben hin öffneten und den Weg wie zu einem Verlies freigaben. Heute wird der Elan, mit dem man sich vorher kompromisslos ins Nachtleben gestürzt hat, auch an-

Von Verena Dauerer

Gäste im Studio 54, New York, 1979. © Bill Bernstein, David Hill Gallery, London

ders kanalisiert: Die Muckibude fusioniert Körperkult, SoundCloud-Charts und Lifestyle-Interieur. Die britische Fitness-Kette Gymbox etwa verspricht ein von der ClubUmgebung inspiriertes Fitness-Erlebnis. Nicht von ungefähr hat Ben Kelly hier mehrere Filialen designt, in deren heutiger Innengestaltung noch die bunte Welt der Haçienda durchscheint. Ähnlich macht es die deutsche Gym-Kette John Reed von McFit nach, die Fitness als den »Soundtrack einer neuen Bewegung« versteht.

NIGHT FEVER Vitra Design Museum Charles-Eames-Str. 2 Weil am Rheim 16. März – 09. September 2018

Bilder Links Volker Hinz, Grace Jones zum Confinement (Haft) Thema, Area, New York, 1984. © Volker Hinz

Bilder Unter Keith Haring vor seinem Beitrag zum Thema Art © Volker Hinz


DAS WETTER präsentiert neue Produkte und Erkenntnisse, die die Menschheit braucht

Von Gunnar Lützow

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BERLIN

52°31′´00´´N 13°23´20´´E Malerisch.

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CHINATOWN, NYC

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40°42´53´´N 73°59´50´´W Psychedelisch – in 3D.

WESTEND, LONDON 51°30´48´´N 0°07´43´´W Subversiv.

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Laaslich, Karstädt (Prignitz) 53° 6´ N 11° 42´ O Bestickend frisch.

GALLERY WEEKEND

56 HENRY

Alison Jacques Gallery

KUNSTHAUS KIRSCHBLUETHE

Das jährlich am letzten Wochenende im April stattfindende Gallery Weekend (27.29.4.), ist ein guter Anlass, sich bei Kewenig in einem aufwändig restaurierten Bürgerhaus aus dem 17. Jahrhundert anzuschauen, wie man diese Dinge richtig angeht. Nämlich großzügig, mit Auge fürs Detail und Fokus auf das Wesentliche: Die Kunst – die von Leiko Ikemura stammt und mit malerischen Seelenlandschaften lockt. Einen Tag früher (26.4., 10 - 24h in der Lehderstraße 34) startet das von Jonas Burgert initiierte Artist Weekend auf 6000 Quadratmetern in den Weißenseer Ateliers. Dort lässt sich im Rahmen der Ausstellung Ngorongoro II beispielsweise aktuelle Malerei des Berliner Künstlers Peter Stauss entdecken, dessen Arbeit Figuration, Abstraktion und Dekonstruktion in ein zeitgemäßes Verhältnis zueinander setzt. Ebenfalls spannend sind die Pop-Up-Shows, zu denen sich diesmal mit den Herrmann Germann Conspirators ein Projekt aus Zürich gesellt. Im Projektraum P100 (Eröffnung am 25.4. zwischen 18 und 20h in der Potsdamer Straße 100) beweisen auch Fritz Bornstück und Kollegen, dass die gute alte Ölmalerei gar nicht tot ist, sondern nur manchmal ein wenig seltsam riecht.

Caput Mortuum nannten die Alchemisten des Mittelalters ein von ihnen als »wertloses Zeug« betrachtetes Nebenprodukt der Herstellung von Schwefelsäure. Inzwischen heißt ein rotes Eisenoxid-Pigment so – und die aktuelle Ausstellung der New Yorker Künstlerin Joanne Greenbaum (www.joannegreenbaum.com) in der Galerie 56 Henry (bis 20. Mai), die nach Jahrzehnten als Geheimtipp inzwischen eine eingeschworene Fangemeinde versammelt. Schließlich fällt auch bei der Kunstproduktion einiges ab, was auf den ersten Blick nicht für den großen Auftritt geeignet scheint und seine intensiven Wirkungskräfte erst nach genauerer Betrachtung entfaltet. Wie die zahlreichen, einst nicht für Ausstellungen vorgesehenen Kleinskulpturen Greenbaums aus den letzten zehn Jahren, die jetzt in ihrer verdichteten Präsentation ein kleines Lexikon ihrer faszinierenden Experimente mit befreiten Formen und Farben darstellen. Weswegen man den Weiterflug nach LA gleich mitplanen sollte? Weil sich dort ab dem 19. Mai im Rahmen der großen Ausstellung Things We Said Today im Otis College of Art + Design erst so richtig erkennen lässt, wie unterbewertet diese Position noch immer ist.

Eins ist eh klar: Von Künstlerinnen wie Performance-Ikone Valie Export oder Malerei-Legende Maria Lassnig haben jede und jeder mal gehört, egal ob man sich nun mehr oder weniger für die österreichische Avantgarde interessiert. Sie zu ignorieren, wäre schlicht unmöglich. Etwas anders ist es leider trotz ihrer Präsenz in den Sammlungen internationale Institutionen wie dem MoMA oder der Tate Gallery um Birgit Jürgenssen (1949 – 2003) bestellt, die eigentlich ebenfalls in diese Riege gehört. Mit Medien wie Zeichnung, Malerei und Fotografie gelang es der von den Surrealisten inspirierten Künstlerin, auf kritisch-ironische Weise gesellschaftliche Stereotypen zu hinterfragen – nicht selten unter Einbeziehung des eigenen Körpers. Nachdem 2013 bei Alison Jacques (www. alisonjacquesgallery.com) bereits Werke aus den Siebziger Jahren zu sehen waren, rundet die aktuelle Ausstellung Nocturnal Light (bis 19. Mai) nun das Bild ab und zeigt in den Achtziger und Neunziger Jahren entstandene Arbeiten, die aus jener ganz eigenen Welt berichten, in der die Dinge verwirrend werden: Zwischen Tag und Nacht, Licht und Schatten, Realität und Fantasie – eben wunderbar unklar.

Nichts als Stress scheinen die Festlandeuropäer den Briten zu machen, beginnend mit Cäsar. Und dann der Oktober 1066 – die normannische Eroberung, festgehalten im berühmten Teppich von Bayeux. Nun soll es der Brexit richten und der zuständige Minister verspricht, dass es danach nicht zugehen werde wie bei Mad Max – wie nett! Aber immerhin inspiriert dieses halbgare halsbrecherische Projekt kraftvolle Kunst: Die in Großbritannien von dem Turner-Prize-Gewinner Grayson Perry entdeckte und in Deutschland von der Hamburger Galeristin Silke Tobeler vertretene Künstlerin Brigitte Mierau (früher in London, heute in Hastings) hat sich ein paar Preliminary Notes to Self for the Making of The Brexit Tapestry gemacht – und präsentiert diese auf 22 handgestickten Seiten im A3-Format als sechseinhalb Meter langen Wandteppich, der ab dem 19. Mai im Brandenburger Kunsthaus Kirschbluethe (http://kunsthaus-kirschbluethe. de) gezeigt wird. Darin findet sich auch eine E-Mail von Premierministerin Theresa May an die Künstlerin, die Brigitte Mierau so kommentiert: »Unnötig zu sagen, dass darin mit der Wahrheit sparsam umgegangen wird.« #Understatement.

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ANNETTE GÖRTZ STORE BERLIN | MARKGRAFENSTRASSE 42


F r e e dom has never been free. – M edgar Evers

artworks by Robert Colescott, Kerry James Marshall, Toyin Ojih Odutola, C inga Samson, Amy S herald, Kehinde Wiley

KERRY JAMES MARSHALL A Portrait of the Artist as a Shadow of His Former Self 1980 egg tempera on paper 8 x 6 1/2 inches © Kerry James Marshall Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery New York

A B L AC K S T O R Y 13

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TOYIN OJIH ODUTOLA Industry (Husband and Wife) 2017 charcoal, pastel and pencil on paper diptych, 19 x 24 inches (each sheet of paper) 29 3/8 x 43 3/4 x 1 1/2 inches framed © Toyin Ojih Odutola Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery New York

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TOYIN OJIH ODUTOLA A Misunderstanding with the Mistress 2016 charcoal, pastel, and pencil on paper 79 1/2 x 60 inches (paper) 83 1/2 x 66 X 2 1/2 inches (framed) Š Toyin Ojih Odutola Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery New York


KEHINDE WILEY Barack Obama 2018 Oil on canvas Canvas: 84 1/8 x 57 7/8 in. Frame: 92 1/4 x 65 3/4 in. © 2018 Kehinde Wiley Courtesy: National Portrait Gallery, Smithsonian Institution


Amy Sherald Michelle LaVaughn Robinson Obama 2018 Oil on canvas Canvas: 72 1/8 x 60 1/8 x 2 3/4 in. Frame: 74 9/16 x 62 7/16 x 3 13/16 in. © 2018 Amy Sherald Courtesy: National Portrait Gallery, Smithsonian Institution

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KERRY JAMES MARSHALL Untitled (Two Eggs Over Medium, Sausage, Hash Browns, Whole Wheat Toast) 2017 acrylic on PVC panel 37 x 35 5/8 x 2 7/8 © Kerry James Marshall Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery New York

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Robert Colescott Black Capitalism: Afro-American Spaghetti 1971-1973 Acrylic on canvas 77 3/4 x 59 x 1 5/8 inches (197.5 x 149.9 x 4.1 centimeters)

Š 2018 Estate of Robert Colescott / Artists Rights Society (ARS), New York Courtesy of the Estate and Blum & Poe, Los Angeles/New York/Tokyo


Cinga Samson Two piece 2 2018 Oil on canvas 118 x 93.5 cm © Cinga Samson Courtesy of the artist and blank projects. Cape Town, South Africa

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KUNST

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KUNST

COMING OF AGE IN KUBA In Kuba werden Mädchen an ihrem 15. Geburtstag zu Prinzessinnen für einen Tag. Diese lateinamerikanische Tradition feiert ihren Übergang vom Mädchen zur Frau. Der Berliner Künstler Frank Thiel hat die Geburtstagskinder 2 Jahre lang in Havanna fotografiert. Wir haben mit ihm über die Bedeutung von Fotos und den gesellschaftlichen Wandel in Kuba gesprochen.

Herr Thiel können Sie sich noch erinnern, was Sie an Ihrem 15. Geburtstag gemacht haben? Nein, ich war in der DDR und glaube, es ist einmal mehr nichts Außergewöhnliches an dem Tag passiert. Wie in allen anderen Jahren, in denen ich in der DDR leben musste. In Kuba wird dagegen kein Mädchen diesen Tag vergessen. Was interessiert Sie an der Kultur, den 15. Geburtstag als pompöses Fest im Barbiekleid zu inszenieren? Ich reise seit 25 Jahren nach Kuba, aber halte mich immer noch für einen Anfänger in Sachen kubanischer Kultur. Seit einigen Jahren sieht man vermehrt Fotoshootings in Havanna, die ich zuerst für Modeaufnahmen hielt. Auf Nachfrage erfährt man dann schnell von der Tradition der Quinceañeras, welche man bis in Kolonialzeiten zurückverfolgen kann. Professionelle Fotoaufnahmen sind ein wichtiger Bestandteil eines 15. Geburtstages auf Kuba. Fast jede jüngere kubanische Frau Fußnote: Frank Thiel hat ein Buch mit ihren Quinceañera-Fotos, und es gibt fast wird repräsentiert kein Zuhause, wo nicht mindestens eines dieser Fotos hängt. Eine sich über Jahrhunderte verändernde Traditon; von Blain|Southern, in einem Land, welches sich stark wandelt; in Verbindung L ondon / B erlin ; mit einer dynamischen, auf Mode und Trends reagierenden Sean Kelly Gallery, Form der Fotografie: Das erschien mir wie eine perfekte Konstellation für meine Arbeit. N ew York; Galeria

Leme, São Paulo und Galerie Krinzinger, Wien.

Los Quince, ohnehin ein Tag der Bilder. Warum also noch mehr davon? Es konnte nicht darum gehen, etwas zu reproduzieren, was es bereits in zigtausendfacher Form gibt. Ich wollte versuchen, diese Bilderwelten aufzugreifen, aber inhaltlich und formal anders zu inszenieren. Dennoch gaben mir alle meine kubanischen Freunde anfangs den Rat, die Finger von diesem Thema zu lassen und mich nicht in diese Welt von schlechtem Geschmack (kubanisch: lo cheo), fragwürdiger Ästhetik und überholten Frauenbildern zu begeben. Als ich diesen Freunden dann die ersten Aufnahmen zeigte, wurde aus Skepsis Begeisterung. Hatten Sie versuchen, mit Ihrer Arbeit selbst Richtung Kitsch zu kippen? Ich glaube, ich bin für Kitsch nicht besonders anfällig, aber man zweifelt natürlich oft an der Relevanz des eigenen Schaffens. Es ist eine Gratwanderung, die traditionellen QuinceañeraKleider für so eine Serie zu benutzen. Ich habe in allen 15 Stadtteilen Havannas an Orten gearbeitet, an denen Kubaner niemals Quince-Fotos machen würden. Alle Orte sind in der Nachbarschaft der jeweiligen Familie, also Teil ihres Lebens. Mein Porträt einer Generation, die im Jahr 2000 geboren wurde, ist also zugleich eine visuelle Reise durch die komplexe Urbanität Havanas, von der die Welt oft eine nostalgische und romantisierende Vorstellung hat. Im Teenageralter ist »gesehen werden« gleichzeitig wichtig und einschüchternd. Wie sind Sie mit dieser Ambivalenz umgegangen?

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B I L D E R

siehe vorherige Seite Kiara Isabel & Karla Amelia Soliño González, La Habana, Plaza de la Revolución, Nuevo Vedado 2016 231 x 171 cm, framed chromogenic print mounted to Alu-Dibond

im Uhrzeigersinn links oben beginnend Donna Gladys Machado Sánchez, La Habana, Plaza de la Revolución, La Rampa 2016 180 x 237,5 cm Naomi Francisca Dangel Rodriguez, La Habana, Playa, Kohly 2015 231 x 176,5 cm Diannis Dolores Martínez Cueto, La Habana, La Habana Vieja, Belén 2016 180 x 238 cm Daniela Lucrecia Márquez Rivero, La Habana, Centro Habana, Colón, Tacón 2015 180 x 232 cm

Von Saskia Trebing

All images framed chromogenic print mounted to Alu-Dibond Courtesy the artist and Blain|Southern, London/Berlin, ©: VG Bild-Kunst, Bonn

A U S S T E L L U N G

Frank Thiel Blain|Southern Gallery Potsdamer Strasse 77-87 (Mercator Höfe) D-10785 Berlin 28.April - 16.June 2018 www.blainsouthern.com

Teenager zu fotografieren, ist immer eine Herausforderung. Mit meinem kubanischen Team habe ich deshalb eng mit den Familien zusammengearbeitet, und Familienmitglieder waren bei allen Aufnahmen dabei. Mein Arbeitsprozess war von Anfang an als Gemeinschaftsprojekt konzipiert. Beim Fotografieren einer solch umfangreichen Serie arbeitet man zwangsläufig mit der ganzen Bandbreite jugendlicher Charaktere, von sehr selbstbewusst bis zu großer Unsicherheit, von expressiv bis introvertiert. Zusätzlich sollte man beachten, dass der tägliche Umgang mit Fotografie, der für uns selbstverständlich ist, in Kuba noch eine junge Pflanze ist. Ist diese Tradition auch eine Flucht aus dem sozialistischen Alltag? Wenn man die kubanische Geschichte kennt, scheint es erstaunlich, dass sich diese Tradition auch nach der Revolution behauptet hat. In sozialistischen Gesellschaften geht es oft eher um das große Ganze und das Kollektiv als um individuelle Interessen, Bedürfnisse und Träume. Ich glaube, es ist einer Kombination aus Ignorieren und Tolerieren von staatlicher Seite und Beharrlichkeit auf Seiten der Kubaner geschuldet, dass dieser den Frauen vorbehaltene Freiraum nach wie vor existiert. Mich hat dieser scheinbare Widerspruch interessiert. Ein Bereich der Gesellschaft, der vollkommen ideologiefrei ist – wenn man einmal außer Acht lässt, dass dieser Freiraum stark von ökonomischen Umständen geprägt wird. Das macht ihn wieder zu einem politischen Raum. Die Familien gehen große, langfristige finanzielle Verpflichtungen ein, um diesen Tag angemessen feiern zu können. Heute sind wir überall von Fotos von Gesichtern umgeben. Wird der Stellenwert des Portraits für Sie dadurch beeinflusst? Die Menge von Bildern sagt gar nichts über deren Qualität aus. Portraits sind in meiner Arbeit eher die Ausnahme, obwohl ich immer über die Menschen gesprochen habe – meistens jedoch, ohne sie abzubilden. Einen ähnlichen Ansatz hatte ich auch für meine Arbeit in Kuba. Dann habe ich mich aber entschieden, den größten Reichtum der Insel, ihre Bewohner, zu meinem Thema zu machen. Durch einen Mangel an digitaler Technologie und sehr geringe Internetanbindung auf Kuba ist das Bild, welches der Rest der Welt von diesem Land hat, bis vor kurzem zu einem Großteil durch Bilder ausländischer Touristen geprägt worden. Dem wollte ich eine andere Erzählform entgegensetzen. Sehen Sie Parallelen zwischen dem Übergangsalter der Mädchen und den Veränderungen auf Kuba? Meine ganze Arbeit beschäftigt sich mit Orten im Übergang und ist sehr am Prozesshaften interessiert. Obwohl das grundlegende politische System in Kuba sehr statisch ist, hat sich das Leben der Kubaner in den letzten fünf bis sechs Jahren stark verändert. Ich habe versucht, dafür eine fotografische Übersetzung zu finden. Die individuelle Ungewissheit der Zukunft jeder einzelnen Quinceañera in ihrem Schwebezustand zwischen Jugend und Erwachsenenalter spiegelt sich für mich in einer grundlegenden Ungewissheit für die Zukunft der ganzen Insel wieder – und genauso umgekehrt. 23

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CONFIRMED ARTIST Christian Achenbach

TO-GO BOUTIQUE

KUNST

by Kelley Frank

Creepy Classic Luka Sabbat doesn’t like titles. His collaborator Gianni Monini has many among jeweler, artisan and craftsman. Together they have created Luka X Monini, a line of jewelry crafted in Tuscany’s artistic triangle of Firenze-Arezzo-Siena. Each piece is handmade with purpose and precision. The base of the rings are an adapted classic signet, topped with a pile of skulls giving them a rock n’ roll edge — a nod to Sabbat’s indomitable ethos. The rings are fashioned from silver and available for an upgrade by bestowing sight upon the skeletons with eyes of ruby, black diamonds, emeralds or white diamonds. ‘Signature’ Luka Ring LUKA X MONINI 319 - 1.452 Euro

»Die schöne Kaputtheit zerschossener Fenster«

Steeped in tradition John Hardy began making jewelry over 43 years ago in Bali, before it became a fashionable and Instagramable travel destination of your favorite person to follow. John Hardy jewelry is a dedication to preserving the rich heritage of the island — using techniques passed down for generations, ethically sourced gemstones and 100% reclaimed precious metals are the bedrock of the brand. Each piece is made one at a time, through a unique 8-step process. Blue Sapphire blesses this ring with eyes as deep blue as the Bali sea. Sterling silver forms the greater part of the band while finely laid 18kt Yellow Gold accentuates the dragons a fierce grimace. Naga Brushed Ring John Hardy 1.613,29 Euro

Good Luck Charm Most people don’t know there are actually nine dragons in Chinese mythology. Place this one on your finger and perhaps you too can gain it’s auspicious powers. The Chinese regard the dragon as a symbol of power, strength and most importantly, luck. The Dragon Limited Edition ring from Roberto Coin was created to honor the fifth sign of the Chinese zodiac. The ring is meticulously handcrafted from 1.25 CT of colorless, round brilliant cut diamonds, white gold with enamel, and 1.04CT cabochon cut rubies that adorn an 18kt rose gold foundation. Dragon Limited Edition ring Roberto Coin 14.490 Euro

Mood rings by the moonlight Harper’s Bazaar senior digital features editor moonlights as a jewelry designer. Olivia Kane is designed by Olivia Flemming, a New Yorkbased Kiwi journalist and designer. Far from home, the New Zealand born creative launched mood rings for grown-ups back in 2015. Since then the line has expanded to include semi-precious, one-of-a-kind and rare gemstones that are carefully selected to uphold the Flemming’s commitment to sustainability. The Cat’s Eye Opal Ring holds a unique Tanzania cat’s eye opal at its core. Set in 14k yellow gold in ring size 7, it’s the perfect gift for the perfect girl. Cat’s Eye Opal Oval Ring Olivia Kane 475 Euro

Von Eva Biringer Bilder Lepowski Studio

Jonas Burgert

Cambodia 10th c. unknown James Capper Carmen Catuti Carla Chan Jake & Dinos Chapman Mat Collishaw George Condo Jigger Cruz Marina Cruz Johannes Daniel Birgit Dieker Nathalie Djurberg Uros Djurovic Tjorg Douglas Beer Peter Duka Marlene Dumas

Zhivago Duncan

Kerstin Dzewior Martin Eder Tim Eitel Ida Ekblad Elmgreen & Dragset

NGORONGORO II

Digit Decorations

Etel Adnan Johannes Albers Roger Ballen Maxime Ballesteros Ali Banisadr Georg Baselitz Marcus Bastel Marius Bercea Stefan Berchtold Bienert & von Gumppenberg Matthias Bitzer Andreas Blank Simon Blume John Bock Katia Bourdarel Nick Brandt GL Brierley

Intuition ist gemeinhin kein kuratorisches Konzept. Da könnte ja jeder kommen! Genau darum aber geht es bei einer Berliner Ausstellung mit dem etwas komplizierten Namen NGORONGORO. Dieses Jahr findet sie zum zweiten Mal nach 2015 statt. Wieder zeitgleich mit dem Gallery Weekend, wieder in der Lehderstraße 34 in Berlin-Weißensee, in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer der renommiertesten Kunsthochschulen der Stadt. Um die Jahrhundertwende herum befand sich auf dem 6000 Quadratmeter großen Areal ein Heizkraftwerk, zu DDR-Zeiten eine Halbleiterfabrik. Nach der Wende lag das Gelände zunächst brach – wie so viele im Osten der Stadt. Heute entdecken Kulturschaffende genau solche Orte für sich. Und mit ihnen die Besucher, wenn man sie denn lässt. Vor drei Jahren war der Erfolg dieses Artist Weekend bereits beachtlich. Zum architektonischen Ensemble gehörte ein Betonpool, die schöne Kaputtheit zerschossener Fenster, ein auf einem Glashügel thronendes Holzboot, Palmen. Am Pool gab es Kaffee, während zwei Kletterer mit Hilfe von bunten Plastikbändern aus einem Gerüst ein Stück Kunst machten. Praktisch jeder Winkel des Areals wurde bespielt. Um vom Keller auf den Dachboden zu gelangen, mussten Besucher staubige Treppen besteigen und ab und an den Kopf einziehen. Unter der Treppe lauerte ein seltsames Wesen, gestaltet von Björn Melhus. Eine Etage höher waren Trommeln zu hören, die zu einer Installation von Anri Sala gehörten. In einer nur über eine Leiter zu erreichende Kammer saß John Bock und knetete Frösche, die er an Kinder verschenkte. Natürlich als Teil einer Performance! Anderswo liefen Filme von Julian Rosefeldt und Bruce Nauman (ja, genau der!). Katja Strunz hatte ein Blechobjekt gestaltet, schwarz und zerbeult, ganz ähnlich dem Schrott, der auf manchem Hinterhof in Weißensee herumliegt. »Hannelore, 24

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die Hausschlampe« war der befremdliche Name einer Arbeit von Gregor Schneider. Sein Kollege Martin Honert hatte eine Skulptur mit dem Titel Der Englisch-Lehrer geschaffen, mit unangenehmer Aura und schlechtsitzendem Anzug, die einen ganzen Raum für sich beanspruchte. Erstmals in Berlin zu sehen, war der US-amerikanische Künstler Slater Bradley. Bei der ersten Ausgabe von NGORONGORO wirkte alles, als hätten die Atelierbesitzer erst kurz zuvor ihre Arbeit unterbrochen, um Platz zu schaffen für die Werke anderer. Mehr als 400 Werke galt es, zu entdecken und das an einem Ort, der selbst schon wie geschaffen war für zeitgenössische Kunst und genau das, weshalb Galeristen und Sammler aus aller Welt nach Berlin pilgern. Damals wie heute ist der in Berlin geborene Maler Jonas Burgert der Eigentümer des Areals in der Lehderstraße 34. Abgesehen von ihm haben dort sechs weitere Künstler ihre Ateliers, gemeinsame Poolnutzung inbegriffen: Christian Achenbach, Zhivago Duncan, Andrej Golder, John Isaacs, David Nicholson und Andreas Mühe. Zugleich sind diese aus so unterschiedlichen Disziplinen stammenden Künstler die Kuratoren von NGORONGORO, so wie bereits 2015, mit dem Unterschied, dass dieses Jahr der in Karl-Marx-Stadt geborene bildende Künstler und Fotograf Andreas Mühe das Team ergänzt. Der Maler und Plastiker Christian Achenbach beschrieb den Entstehungsprozess der ersten Ausgabe wie folgt: »Erst waren es vierzig teilnehmende Künstler, dann mehr als hundert. Die letzten zwei Wochen vor der Vernissage haben wir eigentlich komplett damit verbracht, Kunst von anderen Leuten durch die Gegend zu schleppen.« Auch für das Ergebnis fand er einen treffenden Ausdruck: funky. Bei der Zusammenstellung der über hundert Künstler geht es dem siebenköpfigen Kuratorenteam auch in diesem


Thomas Feuerstein Amira Fritz Ingo Fröhlich Christopher Füllemann Gilbert & George

Andrej Golder

Monika Grabuschnigg Cecilia Granara A/A Philip Grözinger Katharina Grosse F.C. Gundlach Stefanie Gutheil Hannah Hallermann Blalla W. Hallmann Stella Hamberg Siobhán Hapaska Jens Hausmann Aaron Hawks Axel Heil Uwe Henneken Anton Henning Nathanaëlle Herbelin Gregor Hildebrandt Stefanie Hillich Petra Höcker Ull Hohn Christian Hoosen Andy Hope 1930 Rachel Howard

John Isaacs

Michael Joo Daniel Josefsohn Jürgen Klauke Jean Yves Klein Wilhelm Klotzek Yulia Kosulnikova Alicja Kwade Cyrill Lachauer James Lavelle Gonzalo Lebrija Jeewi Lee Antoine Le Grand Daniel Lergon

Klara Lidén Marin Majić Mark Manders Kylie Manning Teresa Margolles Paul McCarthy Dominic McGill Dirk Meinzer Bjørn Melhus Isa Melsheimer Ryan Mendoza Marilyn Minter Polly Morgan

Andreas Mühe Konrad Mühe Maria Naidyonova NASA / Edgar Mitchell Bruce Nauman Sebastian Nebe Shirin Neshat

David Nicholson

Tim Noble & Sue Webster David Ostrowski SeungMo Park Manf red Pernice Danielle de Picciotto & Alexander Hacke Sophia Pompéry Fritz Poppenberg Sven Potschien Hannu Prinz Thomas Rentmeister Anselm Reyle Robin Rhode Stefan Rinck Julian Röder Madeleine Roger-Lacan Julian Rosefeldt Michael Sailstorfer Anri Sala Michael Samuels Fette Sans Lawrence Schiller Moritz Schleime

Oskar Schmidt Andreas Schmitten Kerstin Schröder Taras Sereda Viveek Sharma Florian Slotawa Paul Sochacki Aleen Solari Jan-Peter E.R. Sonntag Andrea Stappert Jonny Star John Stark Peter Stauss Marie Steinmann Eva Teppe The Silk Road Symphony Orchestra / Jan Moritz Onken P E Thomas Betty Tompkins Philip Topolovac Peter Torp Nasan Tur Timm Ulrichs Ludwig Vandevelde Sandra Vásquez de la Horra Bill Viola Herbert Volkmann Von Spar Wiebke Maria Wachmann Reijiro Wada Anna Wagner Nick Waplington Wermke / Leinkauf Pete Wheeler James White Patrick Will & Caspar Wülfing Sislej Xhafa He Xiangyu Thomas Zipp Zon

KUNST

Carla Sozzani Helmut Newton Foundation

Erwin Blumenfeld Le Décolleté Victoria von Hagen New York 1952 ©The Estate of Erwin Blumenfeld

ARTIST WEEKEND 26.- 29. APRIL 2018

Paolo Roversi Meg Alaia Dress 1987 © Paolo Roversi

Between Art & Fashion Photographs from the Collection of Carla Sozzani Am 1. Juni 2018 eröffnet die neue Ausstellung Between Art & Fashion. Photographs from the Collection of Carla Sozzani in der Berliner Helmut Newton Stiftung.

Jahr weder um Ästhetik noch Haltung noch Disziplin. Malerei hängt gleichberechtigt neben Skulptur und Installation, Video neben Fotografie und Multimedia. Wie eingangs erwähnt, entscheidet stattdessen allein die Intuition. Auf diese Weise wollen die Kuratoren die Bedeutung künstlerischer Netzwerke darstellen. Da die Ausstellung auf nicht-kommerzieller Basis funktioniert, sind die Macher an keine großen Namen gebunden. Unter den diesjährigen Teilnehmern befinden sich so renommierte Künstler wie Bill Viola, Elmgreen & Dragset und Gilbert & George, deutsche Superstars wie Martin Eder, Thomas Zipp und Katharina Grosse als auch vielversprechende Talente wie Michael Sailstorfer, Amira Fritz und Wiebke Maria Wachmann. Ob das Kuratorenteam wohl wieder auf die sogenannte Petersburger Hängung setzen wird, bei der Bilder eng aneinandergereiht und in bunter Mischung präsentiert werden? Im Prinzip gleicht diese heute eher vernachlässigte Darstellungsform der Grundidee von

NGORONGORO: Durch vermeintliches Chaos faszinierende Synergien schaffen. Woher kommt der Name der Ausstellung? Ngorongoro heißt ein Vulkan im zentralafrikanischen Tansania. Nach seiner Kollaboration entstand dort ein vielfältiges Ökosystem. Nirgendwo in Afrika leben mehr Raubkatzen, weshalb das Gebiet Weltkulturerbe ist. Einem wilden Dschungel wird wohl auch die zweite Ausgabe der gleichnamigen Ausstellung ähneln. Mit der Intuition ihrer Kuratoren als Kompass. Weitere Informationen folgen: www.artistweekend.com

»DURCH VERMEINTLICHES CHAOS FASZINIERENDE SYNERGIEN SCHAFFEN« 25

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Carla Sozzani, frühere Chefredakteurin der italienischen Elle und Vogue, hat über viele Jahre Fotografien gesammelt – und seit 1990 in ihrer Mailänder Galerie in enger Verbindung mit zahlreichen international renommierten Fotografen ausgestellt. So zeigte sie auch vier Ausstellungen mit Bildern von Helmut Newton: Ritratti di donna (1993), Impressions, Polaroids (1996), Us and them (1999), zusammen mit seiner Frau June, aka Alice Springs, und Yellow Press (2003). Die persönliche Freundschaft zwischen Carla Sozzani und Helmut Newton mündet 2018 in der Präsentation der vielschichtigen Sozzani-Sammlung in der Helmut Newton Stiftung unter dem Titel Between Art & Fashion. Seit der Galeriegründung vor 28 Jahren gab es bei Carla Sozzani hunderte Fotografie-Ausstellungen, u. a. von Annie Leibovitz, Sarah Moon, Paolo Roversi, David Bailey, Hiro oder David LaChapelle. Darüber hinaus finden zweimal jährlich Ausstellungen zu Architektur und Design, etwa zum Werk von Carlo Mollino, Verner Panton oder Yayoi Kusama, und schließlich Modepräsentationen, u. a. von Pierre Cardin, André Courrèges oder Paco Rabanne, statt. Manche der ausgestellten Werke gelangen anschließend in Sozzanis Sammlung, die heute annährend 1 000 Werke umfasst und neben Modebildern auch Fotoexperimente von Berenice Abbott und Duane Michals, Akt-Portraits von Francesca Woodman und Daidō Moriyama sowie Stillleben von Man Ray und William Klein beinhaltet. So entstand über viele Jahre eine heterogene Sammlung mit Fokus auf klassischer Schwarz-Weiß-Fotografie, die wie ein Blick zurück in eine vergangene Zeit wirkt. Die Galerie Sozzani ist bis heute zentraler Bestandteil des von Carla Sozzani 1991 gegründetem ersten Concept Store überhaupt: 10 Corso Como, mit Hauptsitz im Zentrum Mailands und inzwischen mit Ablegern in China, Korea und den USA. Die Galerie befindet sich seit 2016 unter dem Dach einer Stiftung. Between Art & Fashion Photographs from the Collection of Carla Sozzani Helmut Newton Foundation Museum for Photography Jebensstrasse 2, 10623 Berlin www.helmutnewton.com Eröffnung /Opening: 01. June 2018, 8 pm Laufzeit /Duration: 02. June - 18. November 2018


KULTUR

Die 10. Berlin Biennale – ein Vorbericht Crossroads im kollektiven Wahnsinn

Nachdem die letzte Berlin Biennale sich in dem allzu engen Netz der Post Digital Nerd-Künstler bis hin zur affirmativen Beliebigkeit verfangen hat, macht sich jetzt die 10. Berlin Biennale in ihrer Jubiläums-Ausgabe auf, wieder künstlerisch und gesellschaftlich relevante Arbeit zu leisten. Genauer: Die Probleme von Herrschaft und Postkolonialismus, die spätestens seit der letzten, in Athen und Kassel erfolgreich über die Bühne gegangenen documenta 14, auf der avancierten Tagesordnung der Kunstwelt stehen, werden in der 10. Berlin Biennale verhandelt werden. Dafür steht schon die Agenda der künstlerischen Leiterin der am 9. Juni eröffnenden Ausstellung Gabi Ngcobo. Die sympathische Kuratorin war nämlich Mitbegründerin der ideologiekritischen Plattformen NGO – Nothing gets Organised und CHR – Center for Historical Reenactments in Johannesburg, sie kokuratierte 2007 die Cape07-Biennale in Kapstadt und 2016 die Biennale in Sao Paulo, seit 2011 lehrt sie zudem an der Wits School of Art der Universität of Witwatersrand, Südafrika. Die kritische Sichtweise auf bestehende Interpretationen von Geschichte, insbesondere der »Kolonialgeschichte«, und die daraus resultierende Entwicklung von neuen Narrativen steht dann in ihrer Arbeit immer wieder im Mittelpunkt.

KW Institute for Contemporary Art © Tatjana Pieters Foto: Frank Sperling

Volksbühne Pavillon/Pavilion © Volksbühne Berlin

Akademie der Künste (Hanseatenweg) Foto: Timo Ohler

Von Raimar Stange

Programmatisch bereits ist das Logo der 10. Berlin Biennale: Ein X, gestaltet als militärisches Muster des »dazzle-camouflage«, einer Tarnung, die im 1. Weltkrieg eingesetzt wurde, um die Ortung von Schiffen zu erschweren. Auf dem ersten Blick lässt sich das X natürlich als Anspielung auf das 10. Jubiläum der Berlin Biennale lesen, doch so eindimensional ist das von dem in New York lebenden Grafiker Maziyar Pahlevan entworfene Logo nicht gemeint. Vielmehr bündelt es eine Vielzahl von Semantiken, vor allem die aggressive Bedeutung der Negation: Die Negation herrschender Verhältnisse, ökonomisch und kulturell, soll auf dieser Berlin Biennale ebenso zur Disposition stehen wie die Negation konventioneller politischer Konzepte, etwa das wieder zunehmend verbreitete Denken in (nationalistischen) Hierarchien. Verneint werden soll auch ein postkoloniales Schema von Retter und Geretteten. So lautet dann auch das vielsagend-eindeutige Motto der Ausstellung: We Don’t Need Another Hero. Mit 26

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diesem Zitat aus dem gleichnamigen Tina Turner-Song von 1985 kündigt Gabi Ngcobo an, in der Ausstellung individuelle Strategien der Selbsterhaltung vorzustellen, statt auf »heldenhafte« politische Organisationen und Strömungen zu vertrauen. Das X steht zudem für Momente des nicht Gewussten, des »Unknown« also, dass sich einstellt, wenn man eingefahrene Denkweisen vergisst. Und das X steht für den Ort der Kreuzung, einem Ort, der von hybriden, durchmischten Kunstkonzepten und Kunstgattungen ebenso handelt, wie von verschiedenen Arten der Bewegung, die im Kopf stattfinden können, aber auch in unserer immer kleiner werdenden globalisierten Welt. Auch die Ausstellung selbst soll ständig in Bewegung sein und sich während ihrer Laufzeit stetig verändern, statt von Anfang an eindeutig festlegbar zu sein. Und warum kommt dieses X in militärischer Tarnung daher? Weil wir uns »derzeit im Krieg befinden«, wie Gabi Ngcobo kämpferisch betont, und dieses nicht nur z. B. in Syrien, sondern generell an diversen Fronten und Ideologien des Neoliberalismus, an denen der »kollektive Wahnsinn« herrsche. Noch steht diese Ausstellung nicht, schwer ist es daher, konkret zu werden. Zumindest über ein künstlerisches Projekt aber ist schon ein wenig Information durchgesickert, über die in Zusammenarbeit mit dem am Berlin Hebbel Ufer-Theater (HAU) geplante Musikperformance des Keleketla Media Arts Projekts nämlich. Deren Thathi Cover Orchestra wird


Links Bilder: Gabi Ngcobo, Kuratorin der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst Foto: Masimba Sasa

an zwei Abenden »symbolischakustische Spekulationen« über die Musik des Kwaito zur Aufführung bringen. Bei Kwaito handelt es sich um eine elektrische Musikbewegung aus Südafrika, die vor allem in den frühen 1990er Jahren den Jugendlichen Südafrikas die Möglichkeit gab, via Musik politische Bedeutungen und Widerstände zu gestalten. Ziel war, »den Geist der Freiheit und des Weltbewusstseins« u. a. mit elektronischen Klängen zum Ausdruck zu bringen. Das südafrikanische Keleketla Media Arts Projekts und sein Thathi Cover Orchestra wird mit verschiedenen musikalischen Gästen diese Musik nicht einfach nur nachspielen, sondern den Kwaito aktualisierend ergänzen, uminterpretieren und erneuern. So steht diese Kunst beispielhaft für Gabi Ngcobos Versuch, den sie übrigens gemeinsam mit den vier Co-Kuratoren Moses Serubiri, Nomaduma Rosa Masilela, Thiago Paula Souza und Yvette Mutumba auf der 10. Berlin Biennale unternimmt, Geschichte und Politik und deren widerständigen Sprachen neu zu denken und neu zu fühlen. Ihr Anspruch dabei ist nicht eben bescheiden, sondern nachhaltig kritisch, zitiert sie doch gerne einen Ausspruch von Lawrence Weiner, der einmal provozierend sagte, dass er mit seiner Kunst »den Leuten nicht den Tag verderben möchte, sondern das ganze Leben«.

KUNST

HAU – Hebbel am Ufer Foto: Jürgen Fehrmann © ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik 2017

now, here I am, inside your head.*

Kuratorisches Team der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst V. l. n. r.: Thiago de Paula Souza, Gabi Ngcobo, Nomaduma Rosa Masilela, Yvette Mutumba, Moses Serubiri Foto: F. Anthea Schaap

*»The Encounter« by Complicité / Simon McBurney after the novel »Amazon Beaming« by Petru Popescu Direction: Simon McBurney With: Simon McBurney On May 17, 18, 19 and 20. In English with German surtitles

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Tickets: 030 890023 www.schaubuehne.de


FILM

Nicht die typische Femme fatale Isabelle (Anne) Huppert ist wohl neben Isabelle Adjani die berühmteste, lebende französische Schauspielerin. Die am 16. März 1953 in Paris als Tochter eines Sicherheitsingenieurs und einer Englischlehrerin geborene Ausnahmekünstlerin, deren Zerbrechlichkeit mit ihrer Willensstärke kontrastiert, hat mit der Verkörperung tiefgründiger Charaktere in Meisterwerken wie Michael Ciminos an der Kinokasse leider geflopptem Spätwestern Heaven Gate, Mauro Bologninis historischem Halbwelt-Panorama Die Kameliendame (beide 1980), Michael Hanekes Sadomaso-Drama Die Klavierspielerin (2001) und vor allem Paul Verhoevens tragikomischem Erotik-Thriller Elle (2016), für den sie mit ihrem zweiten César, einem Golden Globe und ihrer bisher einzigen Oscar-Nominierung ausgezeichnet wurde, Filmgeschichte geschrieben. Marc Hairapetian lernte Isabelle Huppert im Jahr 2012 bei einem Empfang im Institut français Berlin kennen. Mittlerweile nennen sie sich gegenseitig beim Vornamen, auch wenn sie sich noch siezen. Anlässlich von Isabelle Hupperts neuestem Psychokrimi Eva (2018), der bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Wettbewerb lief, unterhielt sich Marc Hairapetian mit ihr ausführlich im Hotel Grand Hyatt Berlin.

Isabelle, in Ihrem neuesten Film, Benoît Jacquots Remake des auf dem Série-noire-Roman von James Hadley Chase basierenden Joseph-Losey-Klassikers Eva, spielen Sie die Titelrolle, die vor Ihnen bereits Jeanne Moreau verkörpert hat. Nun müssen Sie nicht in deren Fußstapfen treten, weil Sie längst selbst eine Leinwandikone weit über Frankreich hinaus geworden sind. War es dennoch schwierig, einen Part zu übernehmen, der schon einmal von einer anderen großen Darstellerin gespielt wurde? Ich würde lügen, wenn ich »nein« sagen würde. Ich habe Jeanne Moreau, die leider im letzen Jahr von uns gegangen ist, immer sehr bewundert. François Truffauts Jules et Jim mit ihr aus dem Jahr 1962 gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Als ganz junges Mädchen dachte ich immer: Wäre ich es doch gewesen, die in diesem heitermelancholischen Nouvelle-Vague-Meisterwerk über eine reine Liebe zu dritt Oskar Werner und Henri Serie den Kopf verdreht hätte! Keiner kann und darf sie kopieren. Doch es ist natürlich als langjährige Schauspielerin mein Anspruch, die Rolle dieser geheimnisvollen, manchmal unbeteiligt wirkenden, dann wieder doch sehr leidenschaftlichen Femme Fatale auf eine ganz eigene, neue Weise zu interpretieren, zumal Benoît Jacquot, mit dem ich bereits zuvor schon fünf Filme gedreht habe, den Stoff modernisiert und in die heutige Zeit versetzt hat. Was hat Sie denn besonders an dieser sehr speziellen Eva, die entfernt sogar an ihren großen Erfolg in Paul Verhoevens Elle erinnert, für die Sie 2017 für den Oscar als Beste Hauptdarstellerin nominiert wurden, gereizt? Den Vergleich mit Michèle Leblanc in Elle finde ich sehr interessant und gar nicht so abwegig. Beide kommen auf den ersten Blick recht gefühlskalt daher, lieben aber Sex. Auch wenn die sogenannte »Edelprostituierte« Eva oberflächlich erscheint und den von Gaspard Ulliel sehr differenziert verkörperten Bertrand, der ihr zwar verfallen ist, aber selbst viel Dreck am Stecken hat, indem er sich als Autor eines von ihm nicht geschriebenen, enorm erfolgreichen Theaterstücks ausgibt, emotional total auf Distanz hält, hat sie ähnlich wie Michèle doch auch eine leidenschaftliche Seite! Und zwar für ihren sich in Haft befindlichen Ehemann, für den sie alles tut, um ihn aus dem Gefängnis herauszubekommen. Natürlich ist sie ein Biest, aber ein ambivalentes, nicht sofort zu durchschauendes. Sie soll den Zuschauer zwar irritieren, aber nicht gänzlich abstoßen. Ich finde es übrigens in dem Zusammenhang gut, dass Sie mir eine Frage nicht gestellt haben.

Ich glaube, bei der Schauspielerei geht es sehr ums Denken. Die meiste Zeit denkt man. Das ist die richtige Vorbereitung! Es geht nicht darum, was man tut, sondern wie und warum. Welche? Warum spielen Sie immer perverse Frauen?

Es wäre töricht und falsch, Sie darauf zu reduzieren… Danke. Manche Filmkritiker, ich sage nicht alle, machen es sich etwas zu einfach. Häufig werde ich in Besprechungen als männermordendes Monster dargestellt und es werden noch drastischere Bezeichnungen dafür gewählt. Dabei ist es doch spannend hinter das Geheimnis einer Figur zu kommen: Warum handelt sie so und nicht etwa anders? Was hat sie dazu getrieben? Ist da vielleicht doch noch mehr? Sie haben Recht, aber was ist das Geheimnis Ihrer Schauspielkunst? Die Frage ist, ob es überhaupt eines bei mir gibt! Ich glaube, bei der Schauspielerei geht es sehr ums Denken. Die meiste Zeit denkt man. Das ist die richtige Vorbereitung! Es geht nicht darum, was man tut, sondern wie und warum. Ich habe mich beispielsweise bei Eva nicht auf eine andere Art Forschungsarbeit gestürzt oder eine bereits existierende Figur studiert. Ich fand, dass sie ungewöhnlich war, geradezu atypisch, als Charakter. Denn sie ist sehr praktisch. Sie ist auch mysteriös. Doch im Verlauf des Films sieht man, dass sie mit beiden Beinen im Leben steht. Ihr zwiespältiger Charakter hat mich als Schauspielerin einfach inspiriert. Gegen den Begriff Femme Fatale haben Sie aber nichts? Prinzipiell nicht, doch der Ausgangspunkt war, diese Femme Fatale so darzustellen, dass sie eben nicht eine typische Femme Fatale ist. Ich wollte, dass dieses Schicksalhafte, dass diese Frau verkörpert, ja, wie soll ich sagen, geradezu harmlos erscheint und ein wenig anonym bleibt. Dass war auch die Intention von Benoît, der den Stoff ja schon seit Jahrzehnten mit sich herumgetragen hat. Buch und Erstverfilmung haben ihn ja überhaupt erst dazu veranlasst, Regisseur zu werden! Ich bin auch keine Schauspielerin, die partout eigene Interessen durchsetzen will, 28

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wenn sie dem Gesamtkonzept widersprechen. Ich betrete die Welt, die ein Regisseur zusammen mit dem Drehbuch, hier in beiden Fällen Benoît, kreiert. Ich komme aber schneller wieder raus als er! Hätten Sie sich für den Film ausgezogen, wenn es dramaturgisch erforderlich gewesen wäre? Natürlich. Das habe ich übrigens schon bei vorherigen Filmen von Benoît gemacht – und zwar in ganz komischen Stellungen, die ich besser verdränge! (lacht) Diesmal hat er mir in meine Seele geschaut, aber nicht in meinen nackten Körper. Das wäre hier nicht nötig gewesen, sondern sogar kontraproduktiv. Die Besonderheit von Eva ist, dass zwei geheimnisvolle Protagonisten das Geheimnis um sich bewahren wollen, denn hinter diesem geheimnisvollen Schleier steckt immer die Gefahr einer Bedrohung, einer Gefahr, eines Risikos. Da ist nackte Haut nicht so wichtig. Sie kann aber auch als Kontrapunkt gezeigt werden wie Paul Verhoevens Elle, wo man sehen kann wie rücksichtslos der Vergewaltiger vorgeht, indem er mein Kleid zerreißt und meine hervorquellenden Brüste brutal betatscht. Hier wird das Geheimnis demaskiert, als das, was es ist. Kein Akt der Freude, sondern eben eine Vergewaltigung. Gaspard Ulliel, mein Partner in Elle, hat es treffend gesagt: »Man filmt auf der einen Seite die Oberfläche, auf der anderen Seite die Tiefe und das könnte auch eine Definition des Kinos sein.« Paul Verhoeven und Benoît haben eine Radikalität als Regisseure, mit der sie viele Menschen ansprechen und trotzdem auf nichts verzichten. Da gibt es etwas Grundlegendes in ihren Filmen, was sich nicht verändert hat, und immer wieder das Publikum in den Bann zieht. Deshalb ist auch mein Lieblingssatz aus Elle, der auf den auf geniale Weise widersprüchlichen Roman, »Oh…« des Franco-Armeniers Philippe Djian basiert: »Scham ist kein Gefühl, das stark genug wäre, um uns von irgendetwas abzuhalten.«

Von Marc Hairapetian

Wie kann man mit Mitte 60 noch so sexy sein? Oh, danke, mon cher! Finden Sie das wirklich? Ich mache jedenfalls nichts Besonderes, gehe offen und sogar regelrecht neugierig durchs Leben. Meine Familie hat mich immer auf Trab gehalten. Ich bin ja 1998 mit Mitte 40 noch zum dritten Mal Mutter geworden. Dass ich jünger aussehe, ist vielleicht meiner zierlichen Statue geschuldet. Also auch hier gibt es kein Geheimnis!


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Künstler des Jahres bei der Maison Ruinart Ruinart, das älteste Champagnerhaus der Welt, pflegt seit seiner Gründung im Jahr 1729 in Reims seinen einzigartigen Lebensstil, der auf besondere Weise die Ära der Aufklärung spiegelt. Bis heute unterstützt Ruinart internationale Kunstfestivals und initiiert alljährlich eine Kooperation mit einem zeitgenössischen Künstler. Das Ziel: durch die einzigartige und kreative Vision talentierter Künstler das Erbe, die Geschichte und das Know-how der Maison sichtbar zu machen. „Wir halten an unserem Engagement in Sachen Kunst fest, unterstützen wichtige Messen für zeitgenössische Kunst und geben jedes Jahr einem Künstler freie Hand bei der Umsetzung seiner Ideen.“ Mittlerweile fördert Ruinart rund 30 Kunst-Events, darunter die Art Basel (Basel, Miami, Hongkong), Frieze (New York, London), Kythographie, Fiac, Paris Photo und viele mehr. Im jüngsten Kunst-Projekt geht es um die faszinierenden Bilder von Liu Bolin, die während seines Aufenthaltes in Reims im August 2017 entstanden sind. Die außergewöhnliche Expertise und Hingabe unseres Champagnerhauses zeigt er, indem er sich (und andere) vor unterschiedlichen Hintergründen in Szene setzt – und camouflage-artig darin verschwinden lässt. Wegen seines reichen Erfahrungsschatzes und der Variationsbreite seiner Arbeit ist es kaum möglich, einen Künstler wie Liu Bolin einzuordnen. Bolin gehört zu jener Generation von Künstlern, deren Werke verknüpft sind mit Chinas Wandel.

Liu BoLin

x Ruinart

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Als ich mit meinen Recherchen zu Ruinart begonnen habe, sind mir als erstes das einzigartige Know-how des ältesten Champagnerhauses der Welt und die außerordentliche Schönheit dieses historischen Platzes aufgefallen.

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- Liu Bolin Liu Bolin x Ruinart 26.–29. April 2018 Galerie Deschler Auguststr. 61 10117 Berlin Germany

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No 62 - 2018 TRAFFICNEWSTOGO.DE

ruinart.com


musik dieser tage MONTAG

Meshell Ndegeocello »Ventriloquism« 11 Tracks Staff Track: »Atomic Dog 2017«

DIENSTAG

David Byrne »American Utopia« 10 Tracks Staff Track: »This Is That«

MITTWOCH

Chloe x Halle »The Kids Are Alright« 18 Tracks Staff Track: »The Kids Are Alright«

DONNERSTAG

Gundelach »Baltus« 9 Tracks Staff Track: »Control«

FREITAG

Cardi B »Invasion of Privacy« 13 Tracks Staff Track: »I Like It (feat. Bad Bunny & J Balvin)«

SAMSTAG

Chrome Sparks »Chrome Sparks« 10 Tracks Staff Track: »Wings«

SONNTAG

Snoop Dogg »Snoop Dogg Presents Bible of Love« 32 Tracks Staff Track: »When It’s All Over (feat. Patti LaBelle)«

ARROGANT BASTARD

Dirty Pictures For those out-of-towners riding their Lear Jets from Moscow, in emulation of the Bhagwan, the better to pick up some discounted poorbut-sexy money laundering investments at this year’s edition of Berlin’s Gallery Weekend, I’d like to inform your interpreter that the pickings, as always, are slim, as are the good times — Berlin is scaled for an upper middle-class person pretending to be poor, which is why much of the art here consists of errant drawings of public hair in the shape of abstract clouds, and videos of birds hopping up and down in a manner similar to a horny Air BnB host. Wealthy tyrants emulating the merely rich are sure to find a better suited selection of art in cities better suited for their cruel extravagances —

opening with Oehlen (who came to Schnabel, not the other way around, of course). But was most impressive was the utter filth Schnabel had clad himself in, as if he had swallowed Johnny Depp, who was still attempting to fight his way out, with fetid sweatpants and a white jacket so Schmutzig as to suggest the three dimensionality of his plate paintings. This couldn’t have been an accident. But was it a dare? The hothouse environment of the art world allows a successful artist to build a godlike sense of self, even if only a few thousand investors/obsessives/aristocratic graduate students maintain any interest in his or her work. Just as a mediocre athlete need only play for a couple of years per future divorce to be financially set for life, once comfort hits the bitter ego of a formerly-striving artist, s/he may make the active choice to become a terrible person as an artistic project in itself, if not to fight the ennui of the enclosing yes men. Can you imagine the feeling of conquest Chuck Close must have felt inviting women to model nude for his photographs, having already won the battle when they had no idea he wasn’t a photographer? It was a mere skip (well, not for Close) to pressing his face close to their genitals while muttering profane “compliments”! in his best Dr. Evil imitation. Hey, at least he didn’t throw them out the window, as Carl Andre did his girlfriend Ana Mendieta, whose reputation has since spread like…my editor is telling me that I should reconsider my next sentence – lest people start confusing me with Close (if they choose to do that re: invoices, that should be fine).

» Julian Schnabel, who was sharing the opening with Oehlen (who came to Schnabel, not the other way around, of course). But was most impressive was the utter filth Schnabel had clad himself in,... « London, Paris, Milan, Gitmo — although I’d like to think that our S/M dungeons are some of the best in the world, so the trip shouldn’t be a total wash. Fortunately, our galleries aren’t much like dungeons, the way they used to be, back during those glamorous Berlin pre-Glasnost times when Martin Kippenberger would scrape portraits of his dealers out of cigarette ash to be traded for beer in subbasement Kneipen. No, they look like all the other galleries in the world: white walls, unfalteringly lit (the better to cover the plastic surgery scars), bad wine. Occasionally, as with the spaces currently leased out from the former Jewish Girls’ School and Soho House, there is a history of torture and genocide, but white paint can adequately cover most dirt. Fortunately, the artists themselves are often filthy. Tearing my eyes away from the sentimental train wreck of obvious appropriations that is Albert Oehlen’s work (“I SMOKED ONCE. WHY COULD I NOT BE KIPPENBERGER?!?”) at a recent opening at Max Hetzler, I focused on what first appeared to be a tumbleweed, but clarified itself into Julian Schnabel, who was sharing the 30

No 62 - 2018 TRAFFICNEWSTOGO.DE

A Mendieta retrospective has just opened at the Martin-Gropius-Bau: an interesting artist, her reputation, like that of Sylvia Plath’s, has been boosted by an assumed martyrdom, which is evidently the affirmative action for women in the art world. Though political street art remains quite popular in Berlin — note the permanent Banksy homage at the Bikini shopping center near the zoo — a liberation politics that promotes the art of women seems less likely. Instead, our public transit system features its own brand of sneakers, though one doubts one will find the visiting oligarchs crouching above a pee-laden seat on the U6. #MeToo? We appear to be settling for #UBahn.


TREFFPUNKT 8 UHR Now & then.


Photography: Marta Matuszewski

hier flaniert berlin Bikini Berlin

CONCEPT SHOPPING MALL MODE. GENUSS. DESIGN. www.bikiniberlin.de

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TRAFFIC News to-go #62  

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