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Ausgabe N°18 • Oktober / November 2011 • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de

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PRESS!

NEWS TO–GO

TRAFFIC n

S. 6 Zeitgeschehen

S. 22 Design

Der amerikanische Herbst

Von Fashion zu Illustration

Die angesehene Globalisierungskritikerin und politische Aktivistin Naomi Klein veröffentlichte drei Wochen nach den ersten Besetzungen der New Yorker Wall Street einen beachtlichen Essay in dem linken Magazin The Nation. Die Überschrift ihres Textes lautete wenig kleinlich „Occupy Wall Street: The Most Important Thing in the World Now“. Ist das im Angesicht weltweiter Krisen und großer Protestbewegungen nicht doch etwas übertrieben? Neben vielen anderen Dingen, die an dem Protest interessant sind… von Timo Feldhaus

Marcela Gutiérrez aus Guatemala arbeitete schon als Fashion Designerin für Alexander McQueen und John Galliano – und hat sich dann eben anders entschieden. Heute zieren ihre zarten Illustrationen die Flagshipstores von Prada in New York und Los Angeles, sie illustriert für Harper’s Bazaar, für Beyoncé oder Swarovski. Geboren in Floria, wuchs Marcela Gutiérrez in Guatemala auf und studierte in Monterrey und später am Londoner Central Saint Martins, inzwischen lebt sie zwischen... von Verena Dauerer

S. 10 Feuilleton

S. 28 Film

Die Kunst des Ausharrens

IN DIE ZUKUNFT MIT MIRANDA JULY

Kürzlich bin ich aus Marseille zurückgekommen, wo ich am Meer saß und über mein Leben nachgedacht habe. Der Strand heißt Malmousque, besteht vor allem aus Felsen, die wenige Touristen anlocken, dafür die ein oder andere Französin, die man von der Ferne schnell für die Frau seines Lebens halten könnte, und darüber erstreckt sich das abgezäunte Gelände der Fremdenlegion, bei der sich ein Mann prinzipiell jederzeit bewerben kann. Eine Art letzte Option… von Wolfgang Farkas

Miranda July besetzt viele Rollen in ihrem Leben: Sie ist Performancekünstlerin und Autorin, in Ihren Filmen ist sie Regisseurin, Schauspielerin und Drehbuchautorin zugleich. Ihr neuer Film „The Future“ startet am 10. November in den deutschen Kinos und erzählt die Geschichte zweier Mittdreißiger, die eine verletzte Katze adoptieren, um ihrem monotonen Leben einen neuen Sinn zu geben. Ihnen bleibt genau ein Monat – der letzte Monat in Freiheit… von Nurcan Özdemir

CHAPTER XI Seite 7 Zeitgeschehen: Der Oktober in Drei Akten Seite 8 Feuilleton: Auf Spurensuchen in LA / Medizin Kolumne Seite 11 Sport: Wie Frauenparfüm Istanbuls Sükrü Saracoglu ¸ ¸ˇ Stadion einhüllte Seite 12 Das Wetter: Köln, London, Leipzig, Wien Seite 13 8-Page Editorial : The Irony of the Novel Seite 22 Design – Berlin hat jetzt die Qubique Seite 24 To-Go Boutique / Rezensionen Seite 25 Literatur: Revolution ist sein Name. Auszug aus Imran Ayatas erstem Roman Seite 27 Literatur: Die Franfurkter Buchmesse denkt neu. Ein kleiner Rundgang Seite 30 Nachruf ⁄ English Appendix Seite 31 Arrogant Bastard


WWW.RADO.COM


Preparations for Almech (2011), Wesoła, Poland, March 2011 Photo: Piotr Trzebiński, courtesy neugerriemschneider, Berlin, and Foksal Gallery Foundation, Warsaw

PAWEŁ ALTHAMER

28.10.2011 — 16.1.2012

Unter den Linden 13 / 15, 10117 Berlin deutsche-guggenheim.de Daily, 10 am – 8 pm; Mondays, admission free


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Contributors

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Contributors

Sonja Gutschera & Leif henrik Osthoff

Nurcan Özdemir

Wolfgang Farkas

Sonja Gutschera und Leif Henrik Osthoff siedelten im Frühjahr 2009 nach Berlin um und arbeiten seitdem exklusiv als Fotografen Duo zusammen. Davor arbeitete Leif als freiberuflicher Fotograph, Kameraman und Oberbeleuchter während Sonja sich auf Art Direction und Fotographie fokussierte. Sonja und Leifs Fotografien sind geprägt von hoher Emotionalität, komplexer Einfachheit und Intensität. Mit ihrer unermüdlichen Bereitschaft, große Momente auch im Kleinen zu finden, überraschen sie uns immer wieder mit wundervollen Bildern voller eigener Wahrhaftigkeit und Schönheit. Anlässlich des aktuellen Themas rund Literatur und Design, haben sie erstmals exklusiv für Traffic das 8-page Editorial fotografiert.

Nurcan Özdemir ist freie Journalistin und wenn sie gerade keinen Stift zur Hand hat, greift sie am liebsten zur Filmkamera und zeigt die Dinge, wie sie wirklich sind. Nach einem Ausflug in den Wirtschaftsjournalismus und Korrespondenzen in New York und Washington, widmet sie sich ihrer eigentlichen Disziplin: Der Kultur. Ihre Artikel erschienen u.a. bei Zeit Online, im Lufthansa Magazin und in dem neuen Mode- und Peoplemagazin Cover, das sie in einem kleinen Team im Münchner Burda-Verlag mitentwickelte. Im Alleingang aber entstand ihr Gesellschaftsmagazin Renegat. Für die Oktoberausgabe von TRAFFIC nimmt sie sie den Istanbuler Fußball unter die Lupe und traf für uns Alleskönnerin Miranda July.

Wolfgang Farkas ist 1967 in München geboren und lebt in Berlin. Er verbrachte mehrere Lehr- und Wanderjahre in Lateinamerika und an der Deutschen Journalistenschule. Interviews und Reportagen für Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, taz und andere in den Ressorts Kultur - und Gesellschaftteilen folgten. 1997 Mitbegründung des Salons Blumenbar, 2002 Gründung des gleichnamigen Verlags, seit 2010 verlegerischer Geschäftsführer. Seit wenigen Wochen Mitbetreiber der Prince Charles Bar im Aufbau Haus am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg. Im Autorenpool von Blumenbar finden sich deutschsprachige und internationale Autoren an den Schnittstellen von Gegenwartsliteratur, Journalismus, Kunst, Pop und Subkultur.

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” P r o p o r t i o n a l ly s pa c e d f o n t s come from type setting, from beautiful books. T h at ’ s w h e r e o n e g e t s t h e i d e a . “

Steve Jobs

Source: Interview in der PBS-Dokumentation "Triumph of the Nerds: The Rise of Accidental Empires" (1996)


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Zeitgeschehen

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Der amerikanische Herbst von Timo Feldhaus & Nina Franz Die angesehene Globalisierungskritikerin und politische Aktivistin Naomi Klein veröffentlichte drei Wochen nach den ersten Besetzungen der New Yorker Wall Street einen beachtlichen Essay in dem linken Magazin The Nation. Die Überschrift ihres Textes lautete wenig kleinlich „Occupy Wall Street: The Most Important Thing in the World Now“. Ist das im Angesicht weltweiter Krisen und großer Protestbewegungen nicht doch etwas übertrieben? Neben vielen anderen Dingen, die an dem Protest interessant sind, ist es verblüffend wie viel amerikanischer Größenwahn in der und um die Besetzung des Zuccotti Parks liegt. Durch die Artikel, die direkt aus dem Herzen der Finsternis berichten, wummern stets die Bässe der Trommler, die sich Downtown Manhattan zurückerobert zu haben scheinen. Und wie in Kairo und Tel Aviv ihre Zelte aufgeschlagen wurden, und so einfach und so naheliegend laut zu sagen: „Wir sind das Volk“. Ihre Beschwerdeliste reicht von teuren Studiengebühren über die hohe Arbeitslosigkeit bis zu sinkenden Renten, sie wettern gegen die Macht der Hedgefonds und Spekulanten und

Verblüffend ist, dass die Krise die 2008 in der New Yorker Wall Street begann, erst als Welle um die halbe Welt wandern musste ... um plötzlich auch diese Bevölkerung zu ihrem „American Autumn“ zu bewegen. auch gegen den Krieg in Afghanistan. Vor allem online sind die Protestierenden fast neurotisch um Klarheit und eine Linie bemüht, borniert wiederholen sie ihre Forderungen, weil ihre Landsleute nicht hören wollen, und die Medien sie als ungewaschene Clowns runterspielen. Auch die New York Times berichtet sehr zögerlich über die Demonstrationen. Wie es um dieses Land bestellt ist, zeigt eindrucksvoll der Blog „We are the 99 Percent“. Einzelne Bürger posten dort Fotos von sich und ihrer auf Papier geschriebenen Geschichte, von ihren Nöten, ihrer ganz normalen Armut und schließen ihrem Vorwurf an das System. Das Prozentualbild erinnert eben nicht nur pathetisch an die Französische Revolution, sondern gibt ein eindrucksvolles Bild des zerrütteten amerikanischen Albtraums. Dafür gibt es viel Verständnis: Nicht nur die

großen Gewerkschaften haben ihre Solidarität mit den Protestlern erklärt, auch das berüchtigte Hacker-Netzwerk Anonymous, Simon Johnson, der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, der millionnenschwere Investor und Revolutionsunterstützer George Soros sowie Obama, alle sind sie bei ihnen. Verblüffend ist für die ganze Welt eher, dass die Krise, die 2008 in der New Yorker Wall Street begann, erst als Welle um die halbe Welt wandern musste, erst den Frühling der arabischen Länder auslösen und Politik auf die Straßen Europas brachte, um plötzlich auch diese Bevölkerung zu ihrem „American Autumn“ zu bewegen. Am Ende ihres Manifests formuliert Naomi Klein einen Katalog von Dingen, die in dem „großen Kampf“ keine Rolle mehr spielen dür-

fen. Ihr allererster Punkt dabei: „Was für Kleider wir tragen“. Diese Aussage wirkt seltsam weltfremd. Vor allem wenn man sie mit den realen Bildern der Protestierenden vergleicht. Denn dort sieht man immer noch vor allem junge coole Leute, die nicht nur 99%- sondern auch Schilder hochhalten, auf denen „We are too sexy for the System“ steht. Klein kehrt mit ihrer Forderung an einen Punkt zurück, den Amerika längst überschritten hat. Das extrem hippe New Yorker Dis Magazin vermerkt an anderer Stelle abgeklärt: „Die Progressivität der Bewegung liegt irgendwo zwischen den WTO Protesten von 1999 und einem Che Guevara T-Shirt der Kleiderkette Urban Outfitters“. Amerika ist es noch längst nicht egal, was es für Kleider trägt. Der Großteil der Amerikaner befindet sich nach wie vor weder an der Wall Street noch einem anderen Ort amerikanischen Protests. Zu tief liegt die Gewissheit, dass man in diesem Land selbst für sein Glück verantwortlich ist. Bevor dies nicht bröckelt, wird es auch in dem Land mit der höchsten Armutsquote aller industrialisierten Länder nichts mit der Revolution. Am Ende möchte hier bisher noch jeder das schönste T-Shirt. zeitgeschehen@trafficnewstogo.de


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Zeitgeschehen

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Konspirativ wie von einem Geheimdienst organisiert, sei das ganze Treffen gewesen. „Das muss man delikat behandeln“, verteidigte der Erfurter Bischof Joachim Wanke die Geheimniskrämerei, „um die betroffenen Menschen zu schützen“. Der Papst hat schließlich schon genug Ärger mit den laufenden Kirchenaustritten und den sinkenden Priesterzahlen in Deutschland zu tun.

1,2,3

Nachwuchssorgen III

Der September in drei Akten von Greta Taubert, Leipzig Nachwuchssorgen I Philipp Rösler ist ein Sohn wie man ihn sich wünscht: Er ist verantwortungsvoll und aufmerksam, ehrgeizig und intelligent, gut aussehend und gelaunt, vernünftig und reifer als alle anderen. Das sagen alle – vor allem, wenn sie für eine autorisierte Biografie danach gefragt werden. In seinem gerade vorgestellten Buch „Philipp Rösler – Glaube, Heimat, FDP“ dürfen Lehrer, Mitschüler, Pfarrer, Parteikollegen und Segelflugtrainer endlich einmal frei von der Leber weg erzählen, was für ein toller Bursche unser Wirtschaftsminister eigentlich ist. Das muss Angela „Mutti“ Merkel tief ergriffen haben. Erst kürzlich zeigte sie sich mit ihm in rührender Vertrautheit – obwohl die

schwarz-gelbe Koalition seit Wochen einem fortschreitenden Zerfallsprozess unterliegt, sie ihr politisches Findelkind wegen des Griechenlandstreits schon mal öffentlich zur Räson rufen musste und der sich mit den Worten revanchierte: „Die Frau hat Nerven! Aber die hab ich auch!“ Mit blütenweißer Jackettweste saß die Kanzlerin neben ihrem jungen Koalitionsgefährten und lobhudelte dessen Lobhudelbuch. „Er kann unglaublich gut frei reden“ und „Er hat ziemlich oft recht“. Nur eben nicht bei den politisch wichtigen Dingen.

Nachwuchssorgen II Auch der Papst versuchte sich in blütenweißer Montur an einer Aussprache. Nicht mit den Nörglern, Theologen oder Ökumene-

Anhängern. Diese ewigen Kritiker versuchte er ja schon im vergangenen Jahr für sich zu gewinnen und hatte sich im Interviewbuch „Licht der Welt“ zu einem „Unter Umständen vielleicht“ in der Kondomfrage hinreißen lassen. Und nun standen die ewig Heutigen doch wieder in Berlin, Erfurt und Freiburg am Straßenrand und meckerten über alles, was doch jahrhundertelang richtig war. Nein, der Papst suchte das unvermeidliche Gespräch mit fünf Missbrauchsopfern, „die kein Blatt vor den Mund genommen hätten“, wie es hinterher hieß. Wer genau nun was in den Mund genommen hat, war freilich nicht zu erfahren. Auf roten leisen Sohlen schlich Benedikt samt Gefolgschaft in ein „unscheinbares Gebäude aus den 1950er Jahren“ in der Erfurter Holzheienstraße, wie die Investigativjournalisten der Thüringische Landeszeitung observierten.

Auch der italienische Premierminister Silvio Berlusconi kann sich neuerdings nicht mehr ganz so hingebungsvoll seinen minderjährigen Delikatessen widmen. Bella Italia ist irgendwie zum „Scheißland“ mutiert mit Schulden und Müll und Giulio Tremonti. Der Wirtschafts- und Finanzminister steigt gerade zu dem auf, was Berlusconi eigentlich für sich selbst vorsah: als Erlöserfigur Europas. Mit seinem grauweißen, weichgefönten Scheitel, der stattlichen Größe und einer karamellfarbenden Intellektuellenbrille, an der sich klug nesteln lässt, bringt er Berlusconi zum Haarimplantate-Raufen. Dass Tremonti auch noch Juraprofessor ist und von Tony Blair als der „intelligenteste Wirtschaftsminister Europas“ bezeichnet wurde, macht es nicht besser. „Der will mich in den Dreck ziehen“, urteilte der Cavalieri fachlich fundiert über seinen Parteifreund. „ Je eher der geht, umso besser!“ Das Problem: die internationalen Ratingagenturen. Denen galt die bloße Anwesenheit des klugen Tremonti bisher als Argument, Italien nicht völlig abzuwerten. „Falle ich, fällt Italien, fällt der Euro“, schlussfolgerte der italienische Wirtschaftsminister. Es wird Zeit, den Gockelkrieg zu beenden. Vielleicht sollte Tremonti mal ein Lobhudelbuch schreiben und Berlusconi zur Präsentation einladen.

Limited Edition 2011

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Kaweco AC Sport. The emergence into a new dimension.


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Feuilleton

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Sport ist Mord von Dr. Inge Schwenger-Holst

01805 - 32 13 03 (0,14 EUR/min aus dem Festnetz) call a doc erreichen Sie auch über die ‚Berlin Inspires‘ App

Damian Loeb, In Birth and Death the Generations Embrace

Der Privatdetektiv ODER DIE SEHNSUCHT NACH WAHRHEIT

von Dahlia Schweitzer Übersetzung aus dem Englischen von Lilian Astrid-Geese Orginalversion auf Seite 31

Los Angeles, Heimat von Botox und Blondinen. Und des Privatdetektivs. Von Raymond Chandlers Philip Marlowe bis zu Michael Connellys Lincoln Lawyer hat das Bild der eigenbrötlerischen Spürnase, der in den engen, vom Verbrechen heimgesuchten Straßen von Los Angeles unterwegs ist, seit fast einhundert Jahren nichts von seiner Popularität eingebüßt. Los Angeles als Ort ist und bleibt dabei ein wesentliches Charakteristikum für das Genre ebenso wie für den Protagonisten. Doch warum ist das so? Warum fasziniert uns der Detektiv? Und warum ist Los Angeles seine Stadt? Der Detektiv tauchte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf, als das kollektive Unbehagen der Epoche zunächst das Genre Noir und dann unseren charmanten Gangsterjäger gebar. Beide sind urbane Formen,

entstanden in einer Geografie und Zeit, die den Zustand von Anonymität in der Masse generierte. In der Folge des Wirtschaftswandels löste der Highway als Visualisierung eines rasanten, stromlinienförmigen Lebens, das ländliche Amerika ab. Keine Stadt wurde so deutlich von den Schnellstraßen geprägt, wie Los Angeles. Jede Spur zentraler urbaner Gemeinden wurde durch Autobahnausfahrten getilgt. Binnendefinierte Zonen – Koreatown, Silver Lake, Los Feliz – teilten die Metropole in abgeschottete Quartiere, deren Isolation die Anonymität der Transportmittel noch beförderte: Pendler reisten einsam in ihren automobilen Containern. Gleichgültig wie voll die Straßen oder Freeways waren: Jeder blieb für sich allein. Los Angeles wurde zum ultimativen Exempel der neuen Stadt ohne Zentrum, und der Einzige, der problemlos und unabhängig von Rasse und Klasse von einem Viertel ins andere wechseln konnte, war der neue urbane Cowboy, der Privatdetektiv. Ewiger Single, oft Trinker, meist Raucher und immer allein agierend, war er unser Held. In

seiner Entwurzelung – nur selten hatte er ein festes Zuhause – erklang das Echo unserer eigenen Bindungslosigkeit. Wir brauchten ihn als Guide in einem urbanen Umfeld, das täglich bedrohlicher, überwältigender und einsamer wurde. Wir brauchten seine Augen und sein Automobil, um die Stadt in ihrer Totalität zu erfahren und zu begreifen. Los Angeles bot ja nicht nur eine Schwindel erregende ethnische Vielfalt, sondern war und ist eine deutlich in Arm und Reich geteilte Stadt. Die wirklich Wohlhabenden wohnen im hügeligen Hinterland mit steilen, kurvigen Zufahrten, die den Blick auf die glitzernden Neonlichter Hollywoods freigeben, während sich die sehr Armen unten in der sich immer weiter erstreckenden Ebene niederlassen. Nur unser Detektiv kann locker zwischen diesen beiden Welten wandeln. Los Angeles, die berüchtigt zersiedelte Metropole, erscheint in der Fiktion des Krimis als Alternative zu den Wolkenkratzern und düsteren Gassen New Yorks. Mit ihrem Mix aus glamourösem schnellen Reichtum und Wildwest wurde LA auch zum Modell des

Damian Loeb, The Vanishing

Wo der Volksmund (nicht Winston Churchill) Recht hat, hat er Recht und so ging der erste Marathon Lauf mit einer 100%igen Mortalitätsrate in die Geschichte ein. Seither ist viel Wasser den Olymp hinuntergelaufen und Griechenland hat längst andere Schlagzeilen. Der Marathon Lauf aber hat sich zu einem Volkssport der immer älter werdenden entwickelt und füllt in Berlin, New York, Paris und anderen Metropolen der Welt einmal im Jahr die Straßen mit zehntausenden von Leichtsinnigen. Allein fünf Todesfälle zählten deutsche Laufveranstaltungen bis zum Mai diesen Jahres, weiter wurde dann wohl nicht gezählt. So kollabierten beim Ruhr-Marathon ein 46- und ein 67-jähriger Hobbyläufer tödlich. Unerkannte sowie bekannte Herzfehler, darunter Herzmuskelentzündungen oder Erweiterungen, Aneurysmen, großer Blutgefäße sind oft Ursache des nicht erwarteten Ablebens derjenigen, die sich eigentlich in ein hohes Alter laufen wollten. Und da wo solches passiert sind natürlich deutsche Vorsorger mit bürokratischer Risikoeindämmung nicht weit: Einen Startpass sollen in Zukunft alle die vorzeigen, die über 35 sind. Bevor man sich statt eines Startpasses einen Laufpass vom Marathonveranstalter holt, wäre ein Check Up der Herzkreislauffunktion in jedem Fall angesagt. Das Deutsche Herzzentrum bietet dies in angenehmer Atmosphäre nahezu rund um die Uhr an – besser aber anrufen: Bleibt man nicht total auf der Strecke so bietet der 42,195 km lange Lauf noch andere Möglichkeiten sich für die darauf folgende Zeit in einen weniger beweglichen Zustand zu versetzen. Ganz vorne in der Reihe stehen hier die Menisken – die knorpeligen „Bandscheiben“ der Kniegelenke –, die äußeren Bänder der Sprunggelenke, Waden- und Oberschenkelmuskeln. Nicht zu vergessen ist das gute alte Rückgrat, welches die Betonstrecke vor allem bei ungeeignetem Schuhwerk nicht immer vorfalllos übersteht. Das Risiko all der möglichen Zerrungen, Dehnungen, Risse und Blockaden ist durchaus eindämmbar durch angemessenes Training, Ernährung und Ausrüstung oder natürlich die Teilnahme als Zuschauer. Für beide, Läufer wie sportliche Voyeure, ist ein guter Orthopäde mit ganzheitlichem Denken (also kein Schrauber sondern ein Systemanalytiker mit praktischen Talenten) durchaus olympisches Gold wert. Dies vor allem bei Konsultationen vorher aber auch zur Verkürzung der schmerzbetonten Zeit nachher. Unsere Empfehlung: Orthos am Wittenbergplatz, ein Team, das an mehr denkt als an regelmäßige Injektionen in den Gelenkspalt. Im gleichen Haus sitzen im Übrigen auch Kardiologen, die sich des Herzmuskels annehmen. Ganzheitlich energetisch kinesiologisch und durchaus für „Wundergriffe“ bekannt ist Michael Meyer-Giro in Zehlendorf. Hilfe für Adressen bei akuten Problemen finden Sie wie immer bei der 24/7 Hotline von call a doc.


Feuilleton

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Damian Loeb, Gun

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schäbigen Lebens und der Korruption, das das neue Amerika dominierte. Vor allem Hollywood war bekannt für Kriminalität und Selbstbesessenheit, als Ikone der schlimmsten Kollateraleffekte von Ambition und Gier. Diese Themen, kombiniert mit dem Appeal des Gangsters, der Femme Fatale und dem korrupten Politiker, füllten die Seiten der Taschenbuchkrimis im Genre Noir, bevor sie zu Nebendarstellern in den Abenteuern des neuen – privaten – Ermittlers wurden. Hollywood war nichts als ein hübsches Gesicht, hinter dem sich massive Kriminalität und Korruption verbargen, jede Menge Gemeinheit und Verkommenheit, die nur darauf warteten, aufgedeckt zu werden. Anders als in den Geschichten der älteren Damen mit kriminalistischem Spürsinn, wie Jessica Fletcher oder Miss Marple, in denen das Verbrechen eine schreckliche Anomalie ist, die es zu korrigieren, lösen und wie einen schlechten Traum zu bewältigen gilt, ist die Kriminalität in Los Angeles eine Konstante. Der einzelne Fall ist nur ein Vorwand, sie zu offenbaren. Daher sind die Taten (und Täter)

in LA-Krimis selten simpel, sondern das metaphorische Äquivalent des losen Fadens, der, wenn man an ihm zieht, den ganzen Pullover auflöst. Was auf den ersten Blick als einfacher Mord, Diebstahl oder schlichte Erpressung daherkommt, hat fast immer mit politischer Korruption oder einer kriminellen Verschwörung in großem Stil zu tun. Der große Stil ist jedoch ausnahmslos mit diesem einen Ereignis verbunden, mit dem Indiz, das dem Detektiv den Weg zur Wahrheit weist. Krimis sind nicht als große Literatur gedacht. Sie beschreiben nicht die amerikanische Erfahrung in mitreißenden Erzählungen über Existenzkrisen und persönlichen Erkenntnissen. Vielmehr zeichnen sie Charaktere und Episoden, in denen sich die Aufmerksamkeit auf die ansonsten unbemerkt bleibenden kleinen Dinge richtet – die Asche, die an der Zigarette hängt, der Brief, der ungeöffnet bleibt. Zum Glück gibt es das scharfe Auge des Detektivs, und die unvermeidlichen Schlussfolgerungen, die er aus diesen Details zieht, führen zu den psychologischen und sozioökonomischen Gründen

für das Verbrechen. Für jede Tat gibt es einen logischen Grund. Es verstieße gegen die Regeln der Detektivgeschichte, beginge der Verbrecher sein Verbrechen „einfach nur so“. Der Täter hat immer ein Motiv. Wir lesen aber nicht nur, weil uns dieses Ende befriedigt, weil wir es mögen, wenn die Teile hübsch ordentlich an ihren Platz fallen, sondern auch wegen des Prozesses selbst, wegen der Beobachtungen und der Details, die uns allein immer entgehen würden. Raymond Chandler schrieb einmal: „Sie [seine Leser] erinnern nicht notwendigerweise, dass ein Mann umgebracht wurde, sondern dass er im Augenblick des Todes versuchte, eine Büroklammer von der glatten Oberfläche seines Schreibtischs aufzuheben, und dass diese ihm immer wieder entglitt, so dass die Anstrengung sich in seinem Gesicht widerspiegelte und sein Mund in einer Art verzerrtem Grinsen halb geöffnet war, und dass das Letzte, an das er in jenem Moment dachte, das Sterben war.“ In unserer Welt, der es scheinbar an Vernunft und Moral mangelt, tröstet uns die konsistente Logik und Integrität unseres Detektivs.

Wir betrachten die menschliche Natur mit einer kühlen Distanz, und dann ergibt sie irgendwie Sinn. Wir schätzen seine Hingabe bei der Ermittlung und sein konsequentes Desinteresse an Geld. Er ist der einsame Wolf im Cadillac oder Lincoln, der Held, der niemandem Rechenschaft schuldet und sein eigener Boss ist, ein Einzelgänger, der nichts anderem als der Wahrheit verpflichtet ist. In einer schnelllebigen Welt, die uns zwingt, die Bilderflut auszublenden, um nicht verrückt zu werden, ist sein Blick für das Detail erholsam. Während wir kaum Zeit haben, unsere Wäsche zu falten, erfrischt uns die Tatsache, dass unser Detektiv alle Zeit der Welt hat, nach Antworten auf seine Fragen zu suchen. Und die Tatsache, dass als Konsequenz seiner Arbeit in einer Welt, in der nichts gewiss ist, immer das Gute und Dauerhafte triumphiert, ist vielleicht das, was uns am meisten aufbaut.

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung des Künstlers Damien Loeb und Acquavella Galleries


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Feuilleton

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Warum es manchmal besser ist, Risiken einzugehen, statt auf den scheinbar sicheren Weg zu setzen. Eine Geschichte über Marseille, Bücherverlegen und den Moment des Springens.

© Tugnutt

Die Kunst des Ausharrens

von Wolfgang Farkas Kürzlich bin ich aus Marseille zurückgekommen, wo ich am Meer saß und über mein Leben nachgedacht habe. Der Strand heißt Malmousque, besteht vor allem aus Felsen, die wenige Touristen anlocken, dafür die ein oder andere Französin, die man von der Ferne schnell für die Frau seines Lebens halten könnte, und darüber erstreckt sich das abgezäunte Gelände der Fremdenlegion, bei der sich ein Mann prinzipiell jederzeit bewerben kann. Eine Art letzte Option, die in Wirklichkeit natürlich keine ist. In der Zwischenzeit, in den letzten Jahren, habe ich zahllose sogenannte Bürgerkriege überlebt und den 11. September, bin weder an HIV erkrankt noch an Krebs gestorben und habe auch keinen Nummer-Eins-Hit geschrieben. Ebensowenig hatte ich einen Lebenstraum oder auch nur einen Drei-Jahres-Plan. Was das Leben ausmacht und wie es funktioniert? Keine Ahnung. Obwohl ich Verleger geworden bin und unzählige Manuskripte gelesen habe, die davon handeln, weiß ich es nicht. In den besten Jahren jedenfalls (also die Zeit vor den besten Jahren) war ich irgendwo im Regulären angekommen. Festanstellung, Aquarium im Chefzimmer, schönes Wochenende, auf Wiedersehen. Einer meiner ehemaligen Vorgesetzten: tot. Einfach gestorben. Mittendrin. Superentspannter Typ. Nie der Exzess. Ruhige Kugel. Für immer vorbei. In einem Anflug von Drang nach Veränderung bezog ich zusammen mit einem Freund eine neue Wohnung in der Münchner Innenstadt. Das Haus, die Nachbarn, die Trambahn, die Gerüche vom naheliegenden Viktualienmarkt, erschien so freundlich, dass wir gelegentlich einen Barabend veranstalteten. Blumenstraße, Blumenbar. So stand es auch bald in weißen Pinselstrichen an der Wohnzimmerwand. Privatbar, wer Text hat, liest. Ganz einfach. Und wer’s weiß, kommt rein. Das war in der zweiten Hälfte der Neunziger, als Community noch kein Begriff, sondern ein Gefühl war; ein Jahrzehnt, von dem

es seit kurzem immer öfter heißt, es sei ein blühendes gewesen. In dieser unserer schönen kleinen Bar, die es eigentlich nicht gab, trafen junge Mädchen auf Dichter, DJs auf Drehbuchautoren und angehende Künstler auf Medienmenschen im freien Fall. Das hätte sich keine Marketingabteilung besser ausdenken können. Denn es passierte einfach. Im Nachhinein stellte sich diese Phase aus unternehmerischer Perspektive als Einführung der Marke dar. Ein Testmarkt für ein neues literarisches Label mit Nachtlebenbonus. 2002 wurde aus dem Label unversehens der kleinstmögliche Verlag, der mit einem Roman, null Buchhandelsvertretern und keinem Cent Startkapital in einem zweitürigen zitronengelben Renault Richtung Frankfurter Buchmesse brauste. Alles gefilmt mit HD-Profi-Kamera. Befreundete Filmemacher hatten nämlich als einzige neben Wim Wenders die Ehre, eine Art technischen Testdreh zu machen. Und was gibt es Besseres, als während eines Messeauftritts in ständiger Begleitung einer Kamera zu sein. Den Verlagsstand, ausgestattet mit Kühlschrank, Espressomaschine, Plattenspieler und Orchideen, schmückte eine Seventies-SiemensWaschmaschine, wie sie in stilisierter Form auf dem ersten Buchcover des Romans »Memomat« abgebildet war. Und selbst die konservativsten Feuilleton-Redakteure mussten

zugeben, dass der Kaffee nirgends frischer und das Bier nirgends kühler war als hier. Messebesucher konnten außerdem Bücher ihrer Wahl probeweise zum Schleudern in die Maschine einfüllen. Nichts war mehr wie früher. Und auf einmal waren wir drin. Im Betrieb, in der Branche, im Business. Angetrieben vom Leichtsinn, der uns fliegen gelehrt hat, und einer unerklärlichen Vorliebe für Schrift, Lesen, Reflexion, Spiegelung, Einsamkeit, Selbsterkenntnis; aber auch der Vorliebe für Auf-Messen-In-Gruppen-Herumstehen, warten auf die Lesung, auf das permanente Danach und Davor, den Austausch, das Herummachen, was heute noch passiert oder wer über welches Buch schreibt und welches Thema nächstes Jahr besonders heiß sein könnte, wer neu dabei oder überhaupt noch dabei ist, weiter auf die Party, der Aufriss, die Abfahrt, das Bier, der Beat. Ein Dutzend Buchmessen später, im Herbst 2011, dreht die Branche am Rad. Das Büchersterben könnte längst begonnen haben. Die Digitalisierung macht auch vor der Literatur keinen Halt. Dabei ist es eine verheißungsvolle Situation: Neuland. Unübersichtlich, unwägbar und voller Chancen. Natürlich wird es auch in Zukunft Menschen geben, die gedruckte Bücher lesen. Und daneben genauso welche, die ihre

digitale Bibliothek in der Hosentasche spazieren führen. Fest steht auch: es wird neue Genres geben. Vielleicht sogar Ländergrenzen sprengende Kollektivromane in Text und Bild, die in einer einzigen Sekunde spielen. »Wir müssen zurück in die Unsicherheit«, schreibt der Norweger Matias Faldbakken in einem seiner – noch analog erschienenen – Bücher. In Marseille kreisten die Gedanken und zogen vorbei wie die Passagiermaschinen, die alle paar Minuten ihre Spuren am Himmel hinterließen. Gedanken über persönliche Restrisiken und Digitalisierung, Gedanken über das Geheimnis von Liebesbeziehungen (es war plötzlich ganz einfach: halte aus, was dich am anderen nervt, lerne den Widerspruch schätzen) oder über Heinrich von Kleist, der erst dann glücklich gewesen sein soll, als er sich mit seiner Geliebten für, den Schritt in die größtmögliche aller Ungewissheiten, den gemeinsamen finalen Abgang, vorbereitet hatte. Die meisten am Strand von Malmousque hatten etwas zu lesen dabei. Echtes Papier, echter Wind, echtes Flattern. Salzige Luft, die Sonne blendete. Schlechte Zeiten für Reader und Smartphones. Man brauchte auch keine Nachrichten. Die Wellen spülten manchmal einfach nur eine Coladose heran, das musste als Info genügen. Ein Vietnamese erzählte, er habe Serge Gainsbourg noch persönlich gekannt. Ich skizzierte im Gegenzug den Plan, nach dem Aufbau einer entsprechenden deutschen IndependentBar-Kette eine Bar des Fleurs in Südfrankreich eröffnen zu wollen. Braungebrannte Jungs sprangen währenddessen aus zehn Metern Höhe ins Wasser, mit dem Kopf voran, und stiegen mit siegessicherem Lächeln wieder den Felsen hinauf. Einer der Jungs, der Dicke, stand die ganze Zeit nur daneben und schaute betreten zu. Irgendwann, nach einer halben Unendlichkeit, ist auch er gesprungen, mit den Füßen zuerst, es klatschte gewaltig. Ausharren, dachte ich – das ist es, worum es geht. Es erfordert oft mehr Mut zum Risiko als der Sprung selbst.


Sport

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FRAUEN UND KINDER ZUERST! von Nurcan Özdemir, New York City Der 20. September 2011 war ein historischer Tag. Als am Dienstagabend in der ersten Halbzeit das 1:0 für Fenerbahce gegen Manisaspor fällt, jubeln 41.000 Menschen und tauchen das Sükrü Saracoglu ¸ ¸ ˇ Stadion in Istanbul mit ihren Trikots, Fahnen und bemalten Gesichtern in ein gelb-blaues Farbenmeer. Die Stimmung liegt irgendwo zwischen Kampfansage und Befreiungsschlag: Ohrenbetäubendes Grölen, lautstarke Fußballparolen und Lobeshymnen auf den Lieblingsverein. Eigentlich nicht weiter ungewöhnlich, wäre da nicht eine Kleinigkeit: Die Fans trotzen seit Stunden der türkischen Septemberhitze, doch es riecht heute nicht nach Männerschweiß, sondern nach „Frauenparfüm“, wie eine türkische Zeitung am nächsten Tag titelt. Der Grund: Das Stadion ist ausschließlich mit Frauen und Kindern besetzt, und das bis auf den allerletzten Platz. Männer? Fehlanzeige. Das ist die Strafe des türkischen Fußballverbandes TFF. Der Grund für die Sanktionen waren Gewaltausschreitungen von männlichen Hooligans, die vergangenen Juli während eines Spiels randa-

Die Fans trotzen seit Stunden der türkischen Septemberhitze, doch es riecht heute nicht nach Männerschweiß, sondern nach „Frauenparfüm“… lierten und Journalisten attackiert hatten, die kritisch über den derzeitigen Spiele-Manipulationsskandal des Istanbuler Vereins berichtet hatten. Eigentlich sollten zwei Geisterspiele ohne Zuschauer stattfinden, bis sich der Verband erbarmen ließ und das generelle FanVerbot in ein Männer-Verbot umwandelte. So erhielten knapp 40.000 weibliche Fans und Kinder unter zwölf Jahren Freitickets, die im Stadion zudem ausnahmslos von weiblichen Polizeibeamtinnen kontrolliert wurden. Die einzigen Männer waren die auf dem Spielfeld. Vereinspräsident Aziz Yildirim bedankte sich ausdrücklich bei den Frauen. Persönlich konnte er das allerdings nicht tun: Yildirim sitzt seit Juli neben 30 weiteren Verdächtigen in Untersuchungshaft. In der vergangenen Saison soll er seinem Club mit Hilfe von Bestechungszahlungen an Gegner den Meistertitel gesichert haben. Es lässt sich darüber streiten, ob mit

dieser ungewöhnlichen Aktion wirklich ein feministisches Zeichen gesetzt werden sollte oder der von Schieberskandal und Gewaltexzessen gebeutelte türkische Verein lediglich die Chance nutzte, seinen ramponierten Ruf mit vierzigtausend Frauen und Kindern ganz gut aufpolieren zu können. So oder so: Die Türkei schrieb mit diesem Tag „ein Stück Fußballgeschichte“, wie Fenerbahces Trainer Aykut Kocaman vor dem Anpfiff betonte. Dieser Fußballabend war einmalig. So ein Bild hat es selbst im Westen nie gegeben. Doch ob die Aktion tatsächlich auch bedeutend für die türkische Frauenbewegung ist, wird bezweifelt. Ein Spiel, das zur Bestrafung eines Vereins ohne Zuschauer stattfinden sollte, lässt nun Frauen und Kinder zu. Das bedeute dann doch, dass Frauen nicht als Zuschauer zählten, kritisierte Kolumnistin Bahar Cuhadar in der Zeitung „Radikal“. Nun, das

kann man so sehen. Man kann aber auch die Macht der Frauen sehen, die genutzt wurde, um Männer aus demjenigen Ort zu verbannen, welcher für sie Stolz und Ehre, ja fast schon Religion bedeutet. Bei allen Unstimmigkeiten und dem politischen Ungemach, das sich derzeit in der Türkei abspielt, lieferte das Land ein kontrastreiches Bild in einer Zeit, in der in Saudi-Arabien Frauen noch nicht einmal Autofahren dürfen. Doch auch hier tut sich etwas: Im Juni setzten sich in Saudi-Arabien mehrere Frauen selbst ans Steuer, um gegen das Verbot zu protestieren. Spätestens seit den Aufständen in Tunesien steht die arabische Welt ohnehin am Beginn einer neuen Ära. Die Türkei stärkte ihre Position dabei einmal mehr als Brücke zwischen Ost und West und setzte mit diesem Spiel ein Zeichen. Ein Zeichen als modernes Land, das bereits 1993 eine Frau im Amt des Ministerpräsidenten hatte. Das war noch lange, bevor Angie M. an der Spitze Deutschlands stand.

sport@trafficnewstogo.de


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Das Wetter

Ausgabe N°18 • Oktober / November 2011 • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de

das wetter wetter@trafficnewstogo.de

von Sabine Weier, Bremen

Leipzig

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Blooom 29. Oktober — 1. November 50°57' N, 6°58' O

Designers‘ Open 28. — 30. Dezember 51°20' N, 12°23' O

Künstler machen Design, Designer machen Kunst und Sammler kaufen beides: Zwischen den Disziplinen verläuft ein schmaler Grat. In den vergangenen Jahren sind folgerichtig Foren entstanden, die sich dem Grenzgebiet widmen, zum Beispiel „Blooom – The Creative Industries Art Show“. Kunstschaffende aus Sparten wie Produktdesign, Architektur, Mode oder Grafikdesign zeigen hier, mit welchen Arbeiten sie sich fernab von Briefings und Budget-Fesseln austoben. Zum zweiten Mal lädt die Messe dieses Jahr zur Werkschau. Viele Aussteller reisen aus den Niederlanden an, etwa die Agentur „Shop Around“, in deren Kreativpool über 80 Freelancer aus den Bereichen Illustration, Grafikdesign, Animation und interaktives Design planschen. Auch der in der Skateboard- und Punkszene groß gewordene New Yorker Dennis McNett, bekannt für seine Entwürfe für die Marke Nitro, zeigt in Köln neue Arbeiten.

Eigentlich ist die ehemalige Baumwollspinnerei im Leipziger Westen für das hier arbeitende Künstlerheer weltbekannt, an dessen Spitze Maler Neo Rauch die Fahne schwingt. Doch dieses Jahr hält die Designerszene Einzug in die ehemalige Fabrikstadt: Die Designers‘ Open besetzen das Gelände für drei Tage und präsentieren Produkt- und Modedesigner aus zehn europäischen Ländern. Bei einer Fachkonferenz setzen sich Designer und Wissenschaftler mit den Möglichkeiten neuer Materialien und Technologien auseinander und schwenken dabei auch in die Architektur aus. Leipzig war schon in den 1920er Jahren ein wichtiger Standort für die Präsentation von Designtrends. Im Jahr 1997 wurden sie als Grassimesse wiederbelebt, mittlerweile ist die Verkaufsmesse wieder etabliert. Sie zeigt parallel zu den Designers‘ Open angewandte Kunst und neue Positionen im Produktdesign.

Wien

London

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Blickfang 14. — 16. November 48°12' 32'' N, 16°22' 21'' O

East London Design Show 1. — 4. Dezember 51°30' 26'' N, 0°7' O

Möbel, Mode und Schmuck füllen anlässlich der Blickfang die Räume des Wiener Museums für Angewandte Kunst, kurz MAK, das selbst schon eine spannende Sammlung quer durch die internationale Designgeschichte bietet. Bei der Blickfang präsentieren sich junge Designtalente teilweise zum ersten Mal und zeigen, wie sie sich die Produkte der Zukunft vorstellen. Einige potenzielle Klassiker können die Besucher auch direkt mitnehmen. Kuratiert wird die Messe dieses Jahr erstmals von DesignerEhepaar Diez. Der Münchner Stefan Diez hat für seine Möbel und Interieur-Konzepte schon zahlreiche Preise eingeheimst, Saskia Diez hat sich international einen Namen als Schmuckdesignerin gemacht. Sie wählen Newcomer mit Potenzial aus und geben Workshops. Neben Wien bespielt die Blickfang auch die Städte Basel, Zürich und Stuttgart, 2012 kommen Hamburg und Kopenhagen dazu.

Der Osten Londons ist ein prickelndes Pflaster für neue Designergenerationen. Hier muss man bloß mal einen Tag lang durch die Brick Lane und die angrenzenden Seitenstraßen flanieren und schon ist man randvoll mit Inspiration. Sensationelle Outfits und Frisuren, vom Mainstream emanzipierte Shops, Vintage-Märkte und Guerilla-Ausstellungen machen den Spaziergang zur Entdeckungstour. Die East London Design Show konzentriert die kreative Energie der jungen Briten einmal pro Jahr und bringt unabhängige Designer aller Sparten unter das Dach der Shoreditch Town Hall. Die Macher wählen einige Jungstars der britischen Szene aus und diese nutzen die Gelegenheit, Prototypen zu zeigen, bevor sie – wenn überhaupt – auf den Markt kommen. Dabei sind Möbelstücke, Wohnaccessoires, Mode, Spielzeug, Schmuck und grafische Arbeiten.

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© Shoreditch Town Hall Trust

Köln

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of a

novel

Chapter XI

Coat Burton Tailored Suit Partenopea bespoke, Tailored Suit Shirt Tom Ford (available at APROPOS www.apropos-store.com) Tie & Ascot (Oliver Sinz )

THE IRONY


Sunglasses Linda Farrow + Agent Provocateur Jacket House of Holland Skirt House of Holland Shirt KitsunĂŠ Bags Vintage Louis Vuitton (all available at HAPPY SHOP www.happyshop-berlin.com)

A disquieting loneliness came into my life, but it induced no hunger for friends of longer acquaintance: they seemed now like a salt-free, sugarless diet. by Truman Capote

Name Millicent Nobis Occupation / Future Projects Style Blogger, Jewelry Designer. Organizing an exhibition and concept for my jewelry design. Contributing to my blog miesinberlin and the online magazine Querbinder Favorite novel Sophie’s World by Jostein Gaarder Native Language Australian English Best way to read literature Print. In bed. With chocolate. Eye color Blueish, greenish, greyish


Shirt Kitsuné (available at HAPPY SHOP www.happyshop-berlin.com)

…just like everything else in life, let time take its course and it will find a solution. by José Saramago

Name Maira Becke Occupation Model and Photo Editor for TRAFFIC News to-go Favorite novel Blindness and Caim from Saramago Native Language Portuguese Best way to read literature Print Eye color Dark brown


Johann: Coat Topman Design Pants Bleu de Paname (available at Happy Shop ) Shoes Johann’s own Conor: Sweater Topman Design Pants Kitsuné Scarf The Inoue Brothers (all available at Happy Shop) Shoes Connor’s own

Estragon: What about hanging ourselves? Vladimir: Hmm. It’d give us an erection.

Jacket Hannes Roether (available at HAPPY SHOP www.happyshop-berlin.com)

by Samuel Beckett

Name Conor Creighton Occupation / Future Projects Writer at www.shortcouples.com Favorite novel The Education of Little Tree by Forrest Carter Native Language English Best way to read literature In bed Eye color Dirty, dirty green


Name Johann Haehling von Lanzenauer Occupation / Future Projects Co-owner and curator of Circleculture Gallery Berlin / opening a new gallery branch in Hamburg Favorite novel ”On the Road“ by Jack Kerouac Native Language French / German Best way to read literature In print!!! Eye color Translucent

I don’t seem to be able... ( long hesitation ) to depart.

Coat Hannes Roether Pants Bleu de Paname (available at Happy Shop www.happyshop-berlin.com) Shirt Arrow White Shirt

by Samuel Beckett


If I had her money, I’d be richer than she is.

by Truman Capote Jacket House of Holland Shirt KitsunĂŠ Earrings House of Holland (all available at HAPPY SHOP www.happyshop-berlin.com)


Occupation / Future Projects Grill Royal, KingSize, Jüdische Mädchenschule Favorite novel Tristram Shandy, F.A.S. Native Language German Best way to read literature Print Eye color Blue

One thing’s sure and nothing‘s surer. The rich get richer and the poor get - children

Suit Partenopea bespoke (Tailored Suit, Boris’ own) Shirt Tom Ford (available at APROPOS www.apropos-store.com ) Tie Oliver Sinz

by F. Scott Fitzgerald


PhotographerS Sonja Gutschera & Leif Henrik Osthoff blog.gutschera-osthoff.com gutschera-osthoff.com Make-up Stefan Kehl closeup-agency.de using Chanel and Kevin Murphy Stylist Marck Christian Windekilde Creative Director at HAPPY SHOP


MYKITA SHOP BERLIN Rosa-Luxemburg-Strasse 6, 10178 Berlin, Germany, + 49 (0)30 67308715 MYKITA SHOP VIENNA Neuer Markt 14, 1010 Vienna, Austria, + 43 (0)1 5128852 MYKITA SHOP ZURICH Langstrasse 187, 8005 Zurich, Switzerland, + 41 (0)43 8182730 MYKITA SHOP PARIS 2 Rue du Pas de la Mule, 75003 Paris, France, + 33 (0)1 42714819 MYKITA SHOP TOKYO 5-11-6 Jingumae, Shibuya-ku Tokyo 150 0001, Japan, + 81 3 6427 5232 MYKITA SHOP MONTERREY Jose Vasconcelos 150 PB-6D, 66257 San pedro Garza Garcia NL, Mexico, + 52 (0) 818 378 2547


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Design

Ausgabe N°18 • Oktober / November 2011 • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de

Qubique von Sabine Weier, Bremen Berlin ist in der internationalen Kunst- und Designbranche angesagt, strauchelt aber gewaltig in Sachen Anerkennung, wenn es um Messen geht. Die Berlin Fashion Week kann nicht mit Paris, Mailand oder New York mithalten. Dem Art Forum ist frühzeitig die Luft ausgegangen. Die wichtigen deutschen Buchmessen haben ihre Heimat sowieso in Frankfurt und Leipzig. Und auch wenn es um Möbeldesign geht, hat die Stadt an der Spree wenig zu bieten. Mit der Qubique könnte sich das jetzt ändern. Matthias Schmid und Ulrich Weingärtner, Initiatoren der neuen Möbelmesse, haben schon die Streetwear-Messe Bread & Butter mit großgezogen – und das ist nun ausnahmsweise wirklich eine Messe, die sich sehen lassen kann. Sie gedeiht in ihrem Zuhause, dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, ganz wunderbar. Auch die Qubique soll hier gelingen. In den Hallen und Hangars treffen Händler auf ausgesuchte Designer und interessierte Besucher auf ein Unterhaltungsprogramm. Kunst, Musik und Mode sollen hier und da den Horizont der Zunft erweitern. Warum auch nicht, schließlich wirkt ein schickes Sofa auch selten allein, sondern zusammen mit dem Track, der gerade aus den Boxen tönt, dem Ensemble an Gemälden, Zeichnungen und Fotografien darüber und den Hüllen, in denen man es sich auf dem Designerstück gemütlich macht. Wahrscheinlich wird nicht gleich ein Spektakel wie die Mailänder Möbelmesse daraus, aber sicher eines mit Qualität. Die Premiere mit alten Hasen und vielversprechenden Newcomern wird zeigen, welches Potenzial in der Qubique steckt. Qubique, 26. — 29. November Flughafen Tempelhof, Berlin

Marcela Gutiérrez von Verena Dauerer Geboren in Floria, wuchs Marcela Gutiérrez in Guatemala auf und studierte in Monterrey und später am Londoner Central Saint Martins, inzwischen lebt sie zwischen Barcelona und New York. Sie arbeitet nicht mehr als Modedesignerin, doch weht aus ihren atmosphärischen, stimmig verlaufenden Wasserfarbenbildern die glamouröse Aura der Fashionwelt entgegen. „Ich liebe die Unberechenbarkeit und die Leichtigkeit“, sagt sie über ihre Malmittel. Zu denen kam sie durch ihren Vater. „Der war Architekt und ich bewunderte immer seine Tintenzeichnungen an der Wand. Also begann ich später im College mit Tinte zu experimentieren. Als ich mehr Erfahrung damit hatte, machte ich mit Gouache und dann mit Wasserfarben weiter. Ich hatte nie eine Ausbildung dazu. Jetzt mische ich alle drei Techniken“. Wie wählt sie ihre Farbpalette aus? Marcela erklärt: „Mich ziehen immer Bilder mit Farbkontrasten an, wie bei den Fotografien von Mert & Marcus oder Mario Sorrenti. Oft verwende

ich satte Farben. Es gibt aber den Moment, in dem ich mich einfach nur von meinem Gefühl leiten lasse. Es muss eine Harmonie bei der Farbkombination gegeben sein“. Sie mag es, Dinge aus ihrem Alltag nach Farben zusammen zu stellen. Das fängt schon beim Arrangement ihres Frühstückstellers an, auf dem fein säuberlich Fruchtscheiben nach Farben ausgelegt sind. „Ich mag Harmonie in meiner visuellen Umgebung und besonders in einem Bild. Denn darum geht es ja, um das ästhetisch Ansprechende“, sagt sie. Die Fashionwelt hat sie nach Projekten mit Alexander McQueen und John Galliano verlassen, heute kollaboriert sie lieber zu ihren Bedingungen mit verschiedenen Modemarken. „Alles, was ich bisher gemacht habe, war nie richtig geplant. Es war mehr eine Suche um herauszufinden, was ich wirklich mochte. Jetzt bin ich wirklich zufrieden mit dem was ich tue. Aber wenn ich zurückschaue sehe ich, dass alles zu dem beigetragen hat. Im Moment kann ich mir kein neues Feld vorstellen. Aber man muss immer offen für einen Wechsel sein – das ist der einzige Weg, um sich weiter zu entwickeln“.


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Design

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Alle Bilder © Marcela Gutiérrez

Marcela Gutiérrez aus Guatemala arbeitete schon als Fashion Designerin für Alexander McQueen und John Galliano – und hat sich dann eben anders entschieden. Heute zieren ihre zarten Illustrationen die Flagshipstores von Prada in New York und Los Angeles, sie illustriert für Harper‘s Bazaar, für Beyoncé oder Swarovski.


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Literatur

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Klang und Gestalt Katalog der singuhr-hoergalerie BoConcept There was Bo Jackson, Bo Derek but somehow BoConcept is still in the game with their new high board 2011 collection designed by BoConcept designer Morten Georgsen. A functional design to furnish your home office with optimum spacial comfort. www.boconcept.com

Prime Inviting friends from abroad for a traditional Berlin breakfast? Tuck your 4min. cooked egg away in this traditional “Eierbecher”. Ribbed trimmings and delicate. Some may say theses products are: appealing, elegant and inviting. We think it’s practical.

Mit dem Ende der letzten Klang-Installationen im September sollte die singuhr-hoergalerie die historischen Wasserspeicher im Prenzlauer Berg verlassen. Nach fünf Jahren Bespielung folgen nun doch noch zwei weitere Jahre. Was genau wann genau stattfindet, steht aktuell nicht fest, ebenso was und vor allem wo dies folgen wird. Die vorherige Epoche in der Parochialkirche von 19962006 ist dokumentiert, sehr fein, in Buchform. Jedes Projekt wird dicht und plastisch dargestellt, erst textlich, dann fotografisch, so dass man die zehn Jahre inhaltlich und visuell durchwandert. Wie die Klänge die Kirche durchwanderten, ist auf einer DVD festgehalten. Die Krux: diese Töne durchwandern beim Abspielen einen ganz anderen Raum, einen, für den sie gar

nicht gestaltet wurden. Das verlangt Vorstellungskraft. Dennoch ist dies eine Form, die Klänge nicht verloren gehen zu lassen, wenigstens etwas davon zu bewahren. Es lohnt allemal, diese Töne in den Ohren zu halten. Das Buch in den Händen ist Beschleuniger, sich der Idee hinter einer Klanggestaltung anzunähern, dem, was in einer Installation stecken kann. Dem sensiblen Hören wird Rechnung getragen im Schriftbild: Es ist spannend, alles, auch Satzanfänge, kleingedruckt zu lesen. Eine Frage der Wahrnehmung, der hiermit eine Fährte gelegt wird. Zehn beeindruckende Jahre sind nachgestaltet. Der Katalog ist ebenso Einführung in die jüngste Geschichte eines großartigen kleinen Teiles der flüchtigsten aller Künste. Reiner Genuss auf allen Ebenen.

www.heringberlin.com

singuhr - hoergalerie in parochial 1996 - 2006 hg. von Carsten Seiffarth und Markus Steffens – KEHRER-Verlag, Heidelberg 2010 296 Seiten mit 280 Abbildungen – Enthält DVD mit 74 Audio-Tracks 39,00- Euro, Deutsch/Englisch

Wastberg Since the launch of Swedish light designer in 2008, founder and CEO Magnus Wästberg has been folding metals into decorative light fixtures for home and commercial purposes. Find more of his designs at Berlin Qubique Design Fair.

Aus den Fugen

www.wastberg.com

Adams Fuge von Steven Uhly

Jan Kath Juhuu! Winter time is coming and Jan Kath is bringing back a bold minimalistic carpet and exhibiting his best at Qubique Design Fair. His unconventional designs have a derivative of an Persian Oriental carpet with a strong voguish style. 28th October 2011, starting at 7:00 pm: official opening of the Jan Kath flagship store in Berlin, Brunnenstrasse 3, Berlin Mitte. www.jan-kath.de

To-Go Boutique

Adem Öztürk hat schon als Junge viele Probleme: Erst ist er halb türkisch, dann auch noch halb deutsch. Mutter (dt., geb. Imp) verschwindet, weil Vater (tk., geb. Öztürk) sie schlägt. Dieser bringt seine vier Kinder von Mannheim in die Türkei. Als Soldat, fast schon ein Mann, erschießt Adem in einem militärischen Konflikt einen Kurden, wird unversehens ausgezeichnet, wird Geheimdienstler, wird zu Adam Imp, wird im Flugzeug nach Frankfurt von dem Toten begleitet, für andere unsichtbar. Am Flughafen trifft er seine Mutter, deren Mann (dt., schlägt sie) und seine Halbgeschwister. Doch Adam hat viel zu tun. Auftrag und Auftraggeber sind ihm allerdings unklar. Zwischen Familie und Geheimdiensten schießt und beißt er sich quer durch

Deutschland, Tote im Gepäck, die auch mal die Erzählerrolle einnehmen. Niemand ist, was er zu sein scheint, und wen Adam in sich hat, weiß er langsam auch nicht mehr. Mit einem Loch in seiner Identität und einem in seinem Schädel heckt er einen Plan aus. Stabil bleibt die Hauptfigur nur, da sie klar sieht, dass sie nicht klar sieht. Falsche Pässe, falsche Geschichten — alles Schein. Türken, Deutsche, Kurden, Schwule, Nazis, Hippies, heile Familie – alles Bilder. Uhly führt sie ins Groteske, schweift nicht ab. Ein stilistisch perfekter Thriller: Einige werden ihres Lebens erleichtert, andere ihrer Lügen. Der Titelheld kämpft sich gnadenlos in die eigene Identität. Denn in unserem Wust aus Images ist alles andere tödlich. Bestseller. Grotesk, wenn nicht.

Steven Uhly „Adams Fuge“ Secession Verlag für Literatur, Zürich, 2011, 232 Seiten, 21,95- Euro

von Ralf Diesel


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Literatur

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Mein Name ist Revolution

von Imran Ayata Altan wusste von einer Party im Cake und überredete mich und Hamid Khan mitzukommen. Ich hatte Hunger, weil ich den ganzen Tag fast nichts gegessen hatte und von den zwei Gläsern Rotwein leicht betrunken war, was meinenKumpel amüsierte. Altan bestellte bei Suat Usta Kuttelsuppe. Mir machte es nichts aus, wenn jemand in meiner Gegenwart ein blutiges Rumpsteak aß, aber der Anblick der Suppe ekelte mich. Auch wenn Altan sich redlich bemühte, Hamid Khan teilte seine Begeisterung für die Suppe aller Suppen nicht. Aber mit seiner Tomatensuppe war mein Studiogast sehr zufrieden. Nach dem Zwischenstopp in unserem Lieblingssuppenladen sprang Hamid Khan ab und bedankte sich für die Sendung und das Aftershowprogramm. »Sie sollten wirklich noch mit ins Cake.« »Nein, lieber nicht.« »Aber wieso? Was haben Sie vor?« »Ich habe keinen Plan.« Als Hamid Khan die Adalbertstraße entlanglief und bald kaum mehr zu erkennen war, blies ich ihm meinen Zigarettenrauch hinterher, verbunden mit dem Wunsch, es gebe für Menschen wie ihn ein Allheilmittel gegen Einsamkeit. Im Cake trug eine Sängerin schwermütige Balladen vor, begleitet von einem langhaarigen Cellisten. Auch wenn Miss Wundersopran sehr hübsch war, nervte sie uns. Altan begrüßte jeden zweiten Gast mit Handschlag. Wenn es mit der akademischen Karriere nichts werden sollte, könnte Altan immer noch Bürgermeister von Kreuzberg werden, so viele Leute, wie er hier kannte. Die Sängerin trällerte etwas wie Deine Augen, süßer als süß. Ich lag alleine da nieder. Ich sehnte mich nach dir und ich begehrte … Altan mischte Marihuana in den Tabak und rollte die erste Tüte des Abends.Das Trümmerduo wollte nicht aufhören und spielte bereits die zweite Zugabe, um die sie niemand gebeten hatte. Ich schlug vor, wo anders hinzugehen. »Lieber putschen wir hier. Die können doch nicht zu einer Oriental-Night-Party einladen und uns mit dieser nordischen Ariermusik abfertigen.« Das war nicht der Punkt, denn Altan hatte das dies vor dem Orient auf dem Flyer überlesen. So gesehen war die musikalische Katastrophe nicht weiter zu hinterfragen, weil sie bestens das beworbene Versprechen einlöste. Als ich glaubte, dass unser Abend bald zu Ende gehen würde, stellte sich ein Typ im dunkelblauen Anzug auf die Bühne. Sein lichtes Haar hatte er so frisiert, dass seine Halbglatze kaschiert wurde. Er verlas ein Manifest gegen die hegemoniale Monokultur im Kiez. Sein Auftritt wurde von einem DJ begleitet, der elektronische Schnipsel in die Rede mixte, und mit Buhrufen aus dem Publikum quittiert. Plötzlich sprang Altan von seinem Sessel hoch, plusterte sich auf, was bei seinen knapp ein Meter fünfundsechzig nicht sonderlich imposant wirkte. »Hör mit deiner Deutschtümelei auf, du Arsch. Sonst setzt es etwas, was du bis zu deiner Beerdigung nicht mehr vergisst«, schrie Altan. Er wiederholte seine Warnung drei Mal – wie man es beim Karate tut –, drehte sich zu mir um und forderte mich auf, auch endlich aufzustehen. Noch ehe ich reagieren konnte, flog ein Aschenbecher durch den Raum und traf den Pamphletfred. Mucksmäuschenstille im Cake. »Jetzt hältst du schön deine Kulturklappe«, rief Taylan, der den Aschenbecher von der Theke aus auf die Bühne geschleudert hatte. Der Barkeeper eilte nach vorne, kümmerte sich um den getroffenen Orator und kündigte an, dass es mit Musik weitergehe. Nicht mit dem Duo – großer Jubel. Sondern mit Kreuzberg Klassikern aus der Konserve – noch größerer Jubel. »Das nenne ich kanak’sche Intervention«, freute sich Altan

wie ein kleiner Junge, der gerade seine erste Carrerabahn geschenkt bekommen hat. »Wo steckt ihr eigentlich?«, sagte Taylan, der sich zu uns setzte und so tat, als sei nichts weiter vorgefallen. »Devrim hat Hamburg für sich entdeckt, ich bleibe meinen Lastern treu«, meinte Altan. »Was gibt’s denn bei den Fischköpfen?« »Ach nichts. Ich war am Wochenende mit Dennis dort. Kennst du ihn überhaupt?«, fragte ich Taylan, der so wie ich nach dem Mauerfall nach Mitte gezogen war. Ständig hatten wir uns damals auf irgendwelchen Keller-und Hinterhofpartys getroffen und uns gewundert, dass so wenige Kanakster mitfeierten. Den Osten hatten sie boykottiert und für eine Deutschland-für-Deutsche-Zone deklariert. Die werden alle noch in Kreuzberg begraben, hatte Taylan damals behauptet, war aber später selbst wieder zurück nach 36 gegangen, weil ihn der Kommerz und die Seelenlosigkeit in Mitte irgendwann nervten. Taylan machte alles und nichts zugleich. Vor einigen Jahren hatte er sich als Schauspieler versucht und die eine oder andere Rolle ergattert, weil türkische Gesichter auf der Leinwand damals schwer im Kommen gewesen waren. Inzwischen beschränkte sich sein schauspielerisches Engagement auf Szenen wie im Cake. Hin und wieder nahm er Sprecherrollen für türkische Hörfunkspots an, die meist bei Metropol FM liefen. Taylan war so gut wie konkurrenzlos, weil er ausgezeichnet Türkisch sprach und niemand heraushörte, dass er gebürtiger Berliner war. Viele Import-Export-Händler, Restaurantbetreiber und Chefs der Lebensmittelläden legten großen Wert darauf, dass ihre Radiowerbung von unserem Jungen aus Istanbul gesprochen wurde. Taylan wiederum konnte sich nicht entscheiden, ob er weiter auf das große Filmengagement hoffen oder einen anderen Weg einschlagen sollte. »Wir sind eine klassische Zwischengeneration. Schau dir an, wie unsere Eltern sich kaputtmalocht haben. Wir schlagen uns so durch. Aber unsere Kids, die werden hier eine ganze Epoche prägen«, hatte er einmal auf einer Vernissage in der Auguststraße verkündet. Seit er sich an der Ägäis unglücklich in eine mysteriöse Frau verliebt hatte, saß er ständig im Cake, betrank sich und redete kaum mit jemandem. Altan baute einen weiteren Joint, den er zuerst Taylan reichte. Als wir zu Ende geraucht hatten, überfiel Altan ein infantiler Lachflash, weswegen er den fliegenden Aschenbecher nicht aus dem Kopf bekam und seinen Helden der Nacht bat, die Yankee-Kiff-Geschichte vorzutragen, was Taylan anfangs ablehnte. Dann tat er es doch, als ihm klar wurde, dass Altan keine Ruhe geben würde. »Also, ich sitz mal wieder in der Schnabelbar. Meine ganzen verdammten Abende und Nächte in der Schnabelbar. War’s schlecht? Nein. Immer was am Laufen, Frauen, Drogen und so. Ich sitze da hinten…« Taylan zeigte auf den Tisch an der Ecke, neben dem DJ-Pult. »Das war damals so etwas wie der Patentisch. Du hast die gesamte Bar im Blick, dich aber sieht kaum jemand. Wenn du da mit einer Lady sitzt, bist du der King. Niemand stört dich. Ich sitze also am Patentisch, rauche einen Joint, da kommt so ’ne Nummer und fragt im Ami-Akzent, ob noch ein Stuhl frei sei. Große Lust hatte ich nicht, dachte aber, lass ihn trotzdem Platz nehmen. Kaum sitzt der Typ, will er ’n Zug haben. Ich meine, wo kommen wir dahin? Lässt seinen US-Arsch am 1A-Tisch nieder, sagt kaum Hello und will Gras schnorren. Was mach ich Idiot? Drück ihm den Joint in die Hand, weil der so smart lächelt – die weiße Wollmütze bis zu den Augen runtergezogen, Brille von Bulgari, gefütterte Lederjacke. Sag ich zu ihm: Hast von draußen den Winter mitgebracht. Sagt er: Damn right. Und ich denke, die Stimme von dem Fucker ist echt funky. Johnny, Taylan. Taylan, Johnny. Nice to meet you. Dieses ganze

Ami-Höflichkeitsgetue eben. Dann greift der Scheißschönling in seine Lederjacke und holt plötzlich selber ’ne riesige Plastiktüte raus. Voll mit Gras, aber was für ein Zeug! Bevor der was gebaut hat, hat er mich daran riechen lassen. Männer, das war ein Royal Flash. Johnny ganz stolz: From Jamaica. Ich, stimme sofort Sun of Jamaica an. Johnny gleich Aaa, Boney M., Experte für Musik, gibt er sich selbstsicher. Auch so ’ne Ami-Angeberscheiße. Biete ich die Auflösung: Goombay Dance Band. Kieckt der dumm aus der Designerwäsche. Unfassbar. Wir rauchen und unterhalten uns weiter, ziemlich lange. Die ganze Zeit denke ich, die Stimme habe ich doch schon mal gehört, die Fresse kennst du doch. Aber gleichzeitig bin ich unkonzentriert und auf einem ganz anderen Film; Alkohol und Gras und so. Frag ich den Typ, was er sonst so macht, wenn er nicht in der Schnabelbar abhängt. Der natürlich wieder, ganz der Ami, lobt erst mal den Schuppen über den grünen Klee und sagt dann, er mache dies und das, bisschen Schauspielerei und so. Natürlich gleich die Gegenfrage hinterher, was ich treibe. Ich sag, bisschen Schauspielerei und so weiter. Dann will er wissen, mit wem ich schon gedreht habe. Nenn ich ihm Hussi Kutlucan, Romuald Karmakar und Yüksel Yavuz; kennt er nicht. Dann geht er auf die Toilette. Als er zurück kommt, denke ich: Scheiße, Scheiße, Megascheiße, da kommt ja Don Juan DeMarco! Ich meine, mich hat’s echt umgepustet. Brauche ich eine halbe Nacht, um zu kapieren, dass ich mit Johnny Depp kiffe. Bei mir natürlich von null auf hundert Promialarm, so ’n beschissener Reflex. Johnny setzt sich. Ich frag ihn so bemüht unauffällig, mit wem er so gedreht habe. Er wieder ganz lässig: You won’t know, anyway, und bereitet die nächste Tüte vor. Ich fühlte mich schon so, als ob mich jemand nach Kingston oder nach Belmont zu Peter Tosh katapultiert hätte, Halluzination eben. Aber Depp gibt weiter Gas. Weißt du eigentlich, was dein Nachname auf Deutsch heißt?, zwinkere ich im Hollywoodstil. Er sagt ganz gelassen, das sei das Erste gewesen, was ihm seine deutsche Agentin aufs Brot geschmiert habe. Wenn ich das für heute Nacht für mich behalten könne, dann sei er für mich einfach Johnny, und wir könnten eine gute Zeit zusammen haben… Als ich am nächsten Mittag den Vorhang aufzog, sah ich auf den von der Sonne beleuchteten Teutoburger Platz, auf dem die Kinderwagenflotte noch größer als sonst war und die beiden Jungs ihre Versuche am Korb mit großer Hingabe fortsetzten. Es gibt einen Moment, in dem sich entscheidet, ob man bis zum bitteren Ende weiterfeiert oder nach Hause geht. In der vorangegangenen Nacht hatte ich den Absprung eindeutig verpasst. So fühlte es sich jetzt an. Mich plagten stechende Kopfschmerzen, und ich ekelte mich wegen des widerlichen Geschmacks im Mund, wogegen drei Runden Mundspülung nicht geholfen hatten. Einmal mehr hatte ich schlecht geschlafen und wusste nicht genau, wann und wie ich nach Hause gekommen war. Es war schon mal gut, dass ich nicht neben einer fremden Frau aufgewacht war und kein Am-Morgendanach-Gespräch führen musste.« Eine Leseprobe aus Imran Ayata’s erstem Roman‚ Mein Name ist Revolution.

Blumenbar Verlag Berlin, erscheint am 15.10.2011 280 Seiten, 17,90- Euro


CONNECTIONS BERLIN 2011 THE CUSTOM - MADE TRADESHOW FOR THE CREATIVE COMMUNITY BY

THURS 20TH/FRI 21ST OCTOBER

CAFE MOSKAU, KARL-MARX-ALLEE 34, 10178 BERLIN. FROM 12 PM TO 9 PM

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Literatur

Ausgabe N°18 • Oktober / November • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de

Die Frankfurter Buchmesse 2011 Ein kleiner Rundgang

Eine Kooperation der Frankfurter Buchmesse und TRAFFIC News to-go

Von der mittelalterlichen „Büchermess“ zur multimedialen Buchund Medienmesse: Die Frankfurter Buchmesse ist seit ihrer ersten Erwähnung in historischen Quellen des 11. Jahrhunderts im steten Wandel begriffen. Heute ist sie nicht mehr nur Marktplatz für die internationale Buchbranche, sondern auch Treffpunkt von Kreativen aus den Bereichen Film, Games, Design und Musik. Die fortschreitende Digitalisierung in Verbindung mit innovativen Technologien verändert die Mediennutzung. Die traditionelle Verwertungskette Autor – Verleger – Buchhändler Leser verliert zunehmend ihre Gültigkeit. Online-Plattformen mit einem breiten Angebot an Titeln treten an die Stelle der niedergelassenen Buchhandlungen. Das stellt die Buchbranche weltweit vor neue Herausforderungen und macht branchenübergreifendes Denken notwendig. Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, spricht gar von einem ‚neuen Zeitalter des Publizierens’. Denn, so Boos: „Ein Buch ist schon lange nicht mehr ‚nur‘ ein Buch… Inhalte werden nicht mehr nur crossmedial auf verschiedenen Medien erzählt, sondern transmedial für verschiedene Medien auf verschiedene Art und Weise weiterentwickelt“. Unverändert ist seiner Einschätzung nach jedoch das Bedürfnis der Menschen nach guten Geschichten und relevanten Inhalten. „Diese Entwicklung funktioniert nur, wenn wirklich starke Geschichten dahinterstecken. Gute Inhalte sind der Treibstoff der Kreativbranchen“. Neues denken im „Open Space“ „Neues denken“ ist also gefordert. Die Frankfurter Buchmesse hat dies 2011 zu ihrem Leitgedanken gemacht: Es gilt, Grenzen zu überschreiten und Neuland zu entdecken. Im Open Space, einer futuristischen Halle mit einer Installation des amerikanischen Künstlers Christopher Baker, finden gemeinsamen Veranstaltungen statt: „Neues denken im Dialog“ ist hier das Motto, wenn hochkarätige Köpfe wie Wissenschaftler, Designer und Autoren mittags bei den „Open Talks“ zusammentreffen und im Gespräch neue Sichtweisen, Ideen und Standpunkte diskutieren. Auch die Veranstaltungsreihe „Collective Storytelling“ überschreitet Grenzen: An den fünf Messetagen vom 12. bis 16. Oktober treten nachmittags in Live-Sessions ein Schriftsteller, Lyriker, GameEntwickler, Drehbuchautor und ein Songwriter auf, um genreübergreifend gemeinsam mit dem Publikum eine Geschichte zu entwickeln und von Tag zu Tag weiter zu erzählen. Literatur aus dem hohen Norden: Ehrengast Island im Forum (Ebene 1) Starke Geschichten bietet auch der diesjährige Ehrengast der Buchmesse, Island. Mit nur 318.000 Einwohnern gehört das Land aus dem kalten Norden Europas wahrlich nicht zu den größten, wohl aber zu den belesensten Ländern der Welt. Im Schnitt acht Bücher kauft ein Isländer pro Jahr, umfangreiche Privatbibliotheken gehören quasi zur Grundausstattung eines isländischen Heims. Mit mehreren hundert Fotos und Videoporträts von Isländern in ihren privaten Heimbibliotheken stellt sich der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse daher auch im Forum auf dem Messegelände vor. Insgesamt werden rund 40 isländische Autoren auf der Messe erwartet, darunter auch die bekannten Krimiautoren Yrsað Sigurðardóttir und Arnaldurð Indriðason.

Autoren und PERSÖNLICHKEITEN aus Film & Fernsehen Viel Fantasie und große Erzählkunst bietet auch die anderen Bestsellerautoren die in Frankfurt erwartet werden. So haben sich in diesem Jahr u.a. Regisseurin und Autorin Doris Dörrie, sowie Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, Ilija Trojanow, Anthony McCarten, Umberto Eco, Jussi Adler-Olsen, Charlotte Roche und Ferdinand von Schirach angekündigt. Insgesamt sind zur Buchmesse rund 3.200 Veranstaltungen geplant. Lesungen und Diskussionen finden an prominenten Orten statt, wie beispielsweise im ARD-Forum (Forum, Ebene 0) sowie einem Gläsernen Studio (Hörfunk) und einem Kino. Auch das „Blaue Sofa“ (Übergang Halle 5.1 und 6.1), ist eine beliebte Anlaufstelle für Literaturfans: Hier finden jeden Tag im Halbstundentakt Gespräche mit Autoren statt. Ein weiterer Höhepunkt im Open Space ist Marshall McLuhan, dessen 100. Geburtstag Anlass für das Interviewprojekt „100 Voices“ gibt. Kunst und Illustration in der Halle 4.1 Wie sehen sie eigentlich aus, die Besucher der Frankfurter Buchmesse? Das zeigt die Foto-Performance „Book Faces 2011“ in Halle 4.1. An allen Messetagen können sich hier Besucher mit ihrem Lieblingswort fotografieren lassen, um so der Verlagsbranche ein „wortgewandtes“ Gesicht zu geben. Einen Einblick in die Kunst der Buchgestaltung bietet die Ausstellung Buchkunst International, ebenfalls in Halle 4.1. Hier werden Bücher aus mehr als 30 Ländern präsentiert, die in ihrer Heimat bei Gestaltungswettbewerben ausgezeichnet wurden. In der gleichen Halle findet man auch die Foto- & Kunstausstellung „Urban Art & Street Cultures“, die Fotos urbaner Kunst aus aller Welt zeigt, beispielsweise aus Ägypten, Kuba, Kambodscha, China, Deutschland oder den USA. Halle 4.1 ist auch die Heimat der Illustratoren: In der Illustrators Corner zeigt eine Verkaufsaustellung Werke namhafter deutscher Illustratoren zum Thema Kindheit. Und auf der Illustrators Bühne geben die Künstler Einblicke in ihren Arbeitsalltag oder tauschen sich darüber aus, wie man Kunden gewinnt und eine gelungene Mappe zusammenstellt. Musik und Zeichnungen auf Bestellung: Halle 3 Zeichnungen auf Bestellung liefert der Illustrationsautomat „Illumat“ in Halle 3.0. Junge Nachwuchskünstler liefern hier in Minutenschnelle Bilder, ganz nach der Vorstellung des Bestellers. Einfach ein Wort oder einen Satz in den Illumaten geben – und sich vom gezeichneten Ergebnis überraschen lassen. Musikalisch geht es dagegen in Halle 3.1 zu: Hier befindet sich die Gemeinschaftspräsentation Musik. Insgesamt fünfzehn Musikverlage sind am Stand präsent, in den auch eine Bühne mit Konzertflügel integriert ist. Denn die Gemeinschaftspräsentation bietet ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm mit Vorträgen, Präsentationen – und natürlich viel Musik. Bei Konzerten und Performances gibt es täglich Kostproben aus den unterschiedlichsten Musikrichtungen zu hören, zum Beispiel Flamenco, klassischen Walzer, Bodypercussion oder Jazz.

Öffnungszeiten Mittwoch 12. Oktober – Samstag 15. Oktober täglich 9.00 – 18.30 Uhr

Sonntag 16. Oktober 9.00 – 17.30 Uhr

Mittwoch / Donnerstag / Freitag Zutritt nur für Fachbesucher

Eintrittspreise Tageskarte Samstag / Sonntag 15,00 Euro

Schülerkarte 10,00 Euro Weitere Informationen im Internet www.buchmesse.de

Wochenendticket 21,00 Euro

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Film

Ausgabe N°18 • Oktober / November • Jahrgang 2 • trafficnewstogo.de

Miranda July besetzt viele Rollen in ihrem Leben: Sie ist Performancekünstlerin und Autorin, in ihren Filmen ist sie Regisseurin, Schauspielerin und Drehbuchautorin zugleich. Ihr neuer Film „The Future“ startet am 10. November in den deutschen Kinos und erzählt die Geschichte zweier Mittdreißiger, die eine verletzte Katze adoptieren, um ihrem monotonen Leben einen neuen Sinn zu geben. Ihnen bleibt genau ein Monat – der letzte Monat in Freiheit. Während sie versuchen, ihre Träume zu erfüllen, entfernen sie sich immer mehr voneinander und von sich selbst. Ein Gespräch mit Miranda July über Zukunftsängste, sprechende Katzen und versaute Pfirsiche.

IN DIE ZUKUNFT MIT MIRANDA JULY Interview von Nurcan Özdemir, New York City Frau July, Sie machen Kunst, schreiben Bücher und drehen Filme. Wenn Sie eine Idee haben, woher wissen Sie, für welches Medium es sich am besten eignet? Das spüre ich sofort. Und wenn ich gerade an einem Roman arbeite, mir aber eine Idee für eine Performance kommt, dann notiere ich ein kleines P in die Ecke meines Notizbuches und greife darauf zurück, wenn ich mich wieder mit Performances beschäftige. So läuft das auch mit F für Filmideen oder R für Romanideen. Dann gibt es natürlich Ideen, die die unterschiedlichen Gattungen miteinander verbinden. Wie dieser Film: Es fing mit einer Performance an und dann habe ich daraus einen Film gemacht. Der Film heißt „The Future“. Was denken Sie über Ihre Zukunft? In den letzten fünf Jahren drehten sich meine Gedanken viel um meine Arbeit und wie ich das wohl machen werde, wenn ich mal ein Kind habe. Noch ist es nicht soweit, seit ein paar Jahren ist meine Arbeit die Entschuldigung. Aber auch meine Zeit, mich damit auseinanderzusetzen. Generell handeln meine Gedanken und Hoffnungen aber davon, was ich kreieren und erschaffen will. Zur Zeit bin ich sehr konzentriert auf einen Roman und das werde ich auch noch eine Weile machen. In „The Future“ beschließen die Hauptfiguren Sophie und Jason eine verletzte Katze zu adoptieren. Ihnen bleibt ein letzter Monat in Freiheit. Ist das Leben vorbei, wenn man Kinder bekommt? Ich glaube, ich mache mich über diese Angst ein wenig lustig. Ich hatte Momente, in denen ich genau das glaubte und dann wurde mir schnell klar, dass das nicht stimmt. Ich glaube aber, es gibt nicht viele Dinge, die das Leben so sehr verändern, wie ein Kind zu bekommen. Deshalb ist es nicht überraschend, es wie einen

„Tod“ zu sehen. Naja, der Tod verändert ein wenig mehr, aber was ist da sonst, das Dein Leben komplett verändert? Das macht natürlich Angst. Jason und Sophie haben mit 35 Jahren auch Angst vor dem Älterwerden. Jasons Worte haben mich zum Nachdenken gebracht: „We are almost 40. And then after 50, the rest is just loose change. Not quite enough to get anything you really want“. Ist das Leben ab 50 nur noch Kleingeld? Viele meiner Freunde, Künstler, die ich sehr bewundere, sind in ihren 50ern. Daher teile ich Jasons Angst eigentlich nicht. Was nicht heißt, dass es nicht auch Momente gibt, in denen ich wie wild herumrechne und ich nach meinen Berechnungen eigentlich schon tot bin. In „The Future“ geht es um Zeit, weshalb ich aber genau diese Angst zeigen wollte. Sie ist das Wesen einer ichbezogenen Generation von Mittdreißigern, die nie genug Zeit hat. Der Film wird aus der Sicht der Katze erzählt, wir erleben einen sprechenden Mond, ein T-Shirt auf Reisen und Jason, der die Zeit anhalten kann. Warum haben Sie sich für die surrealen Elemente im Film entschieden? Es ist etwas, das mir sehr vertraut ist aus meinen Kurzgeschichten und aus meinem ersten Film. Dieser Film ist eine Art Rückkehr dorthin. Außerdem möchte ich in „The Future“ nicht zeigen wie wundervoll und magisch das Leben ist, sondern vielmehr die Tiefe des Schmerzes, die die Protagonisten durchleben. Ihre bewegten und gelähmten Momente und ihre Einsamkeit. „Normale Gefühle“ waren buchstäblich nicht genug für diese Emotionen. Ein Beispiel: Anstatt Jason zu zeigen, wie er völlig am Boden ist, wollte ich, dass er die Zeit anhält. Um zu zeigen, wie unfähig er ist, diesen Moment zu überstehen. Ich wollte nicht zeigen, was genau passiert. Wichtig war nur sein Gefühl und das Ausmaß.

Was passiert, als Jason die Zeit anhält und Sophie ein neues Leben mit einem anderen Mann beginnt? Es geht um die Erfüllung des Wunsches, aus dem eigenen Leben zu fliehen. Obwohl Sophie als unabhängige Frau ihre neue passive Rolle hasst, ist es dennoch die Verkörperung ihrer Fantasie. In ihren Filmen sieht man zwei Dinge sehr dicht beieinander: Die Sehnsucht nach einer Beziehung und das Verlangen nach Unabhängigkeit und Freiheit. Nun, ich hoffe, ich bin nicht die Einzige, die diese Gedanken hat! Ich glaube niemand will sich sagen müssen, dass es nie wieder eine Überraschung in seinem Leben geben wird oder das man nie wieder jemanden treffen wird, der interessant für einen ist. Ich finde es wichtig, dass Menschen darüber reden und klar gemacht wird, dass man nicht verrückt ist, wenn man beide Sehnsüchte in sich trägt. Die meisten schweigen jedoch und denken sie sind nicht normal, wenn sie diesem einen bestimmten romantischen Ideal nicht gerecht werden. In unserer Gesellschaft ist dieses Ideal die beständige Liebe. Ich persönlich habe zwar alles auf die Liebe gesetzt, doch es wird meine Aufgabe herauszufinden, wie ich gleichzeitig auch frei sein kann. Wie ich das mit meinem Ehemann mache, der auch nicht möchte, dass sein Leben vorbei ist und wie es ein noch viel größeres Leben werden kann, gerade weil man zusammen ist. Frau July, verraten Sie uns doch bitte noch: Wenn Sie etwas zu Essen sein könnten, was wären Sie wohl? Ich denke ich wäre gerne etwas, womit Menschen eine ganze Erfahrung machen, wenn sie es essen. Vielleicht ein Pfirsich. Bei ihm geht es nämlich nicht nur um den Geschmack, sondern um die ganze Sauerei. Ja, ich glaube ich wäre ein versauter Pfirsich.


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Nachruf / English Appendix

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© Acaben

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goodbye, steve jobs 24.02.1955 1972

1974

1976 1984

by Dahlia Schweitzer, Los Angeles I write this on my Mac. My songs are in iTunes. My iPhone is on my desk. To say that Steve Jobs created new technology is an understatement. If his achievements had been purely technical in nature, we wouldn’t know his name. We don’t know who invented the copy machine (someone at Xerox?), or who invented the refrigerator (Frigidaire?), but we use those almost daily. It’s not simply that Jobs developed devices. It’s not simply that he improved existing systems. He didn't make a faster computer, he made a different computer, and that, at the end of the day, is what matters.

05.1985 1985 1990

1986 He taught us to think different. Not differently, but different. He taught us that different is possible. That even now, in this day and age where nothing feels new, where everything is a recycled version of what has come before, something new can arise. There is still room in our crowded and jaded culture for change. For real change, not just a slightly amended version of what we’ve already seen. But even this profound and sweeping statement about Jobs’ accomplishments doesn’t begin to tap into the response to his death – or the response to his life. And that response has been immense. The news of his death fittingly broke on Twitter, and then – with the lightening flash speed of the digital age over which Jobs himself once ruled – those feeds and tweets became a cyber memorial to the man who made most of the tools with which those words were crafted and uploaded and transmitted. Everyone, even the ones you had pegged for PC-types, had something to say. It’s not simply the tugging on the heartstrings from the loss of a nerdy dreamer made good that is moving, it is the reflections on lives inspired, emotions facilitated, and dreams bolstered by Steve Jobs. This is the story of our age, that technology is profound.

1996

10.11.2001 2006

9.04.2007

29.06.2007 04.2010 08.2011

5.10.2011

Jobs is born in San Francisco and adopted by the family of Paul and Clara Jobs. Following high school graduation, Jobs enrolls at Reed College in Portland, Oregon. Although he drops out after only one semester, he continues auditing classes while sleeping on the floor in friends’ rooms. Jobs returns to California and begins attending meetings of the Homebrew Computer Club with Steve Wozniak. He takes a job as a technician at Atari. Jobs, Steve Wozniak and Ronald Wayne found Apple. Apple airs a Super Bowl television commercial titled ”1984“. This is one of the most famous commercials of all time (and most expensive). The Macintosh becomes the first commercially successful small computer with a graphical user interface. Jobs is fired from Apple after deteriorating interpersonal relations and an industry slump. After leaving Apple, Jobs founds NeXT Computer with $7 million. NeXT workstations are first released, priced at $9,999. The revised, second-generation NeXTcube is released in 1990 also. Jobs touts it as the first ”interpersonal“ computer which would replace the personal computer. Jobs buys The Graphics Group (later renamed Pixar) from Lucasfilm’s computer graphics division. The first film produced by the partnership, Toy Story, brought fame and critical acclaim to the studio when it was released in 1995. Apple announces that it would buy NeXT for $429 million, bringing Jobs back to the company he had co-founded. Apple releases the first iPod. Disney agrees to purchase Pixar in an all-stock transaction worth $7.4 billion. Once the deal closed, Jobs became The Walt Disney Company’s largest single shareholder with approximately 7% of the company’s stock. Apple announces that it has had sold its onehundred millionth iPod, making it the biggest selling digital music player of all time. Apple enters the cellular phone business with the introduction of the iPhone. Apple releases the first iPad and sells 3 million of the devices in 80 days. Jobs resigns as CEO of Apple but remains at the company as chairman of the company’s board. Jobs dies in California at age 56, seven years after being diagnosed with pancreatic cancer.

Comparisons have been drawn between Jobs and Henry Ford, Thomas Edison, John Lennon, and JFK. Jobs was not a politician, he wasn’t even a philanthropist, cutting all corporate philanthropy from Apple in 1997. Musicians complain about the iTunes monopoly, which takes 30% of all iTunes sales. And yet, Jobs stood for something to which we can’t help but have a visceral reaction. He may have been a businessman at the end of the day, but he was also a believer and a visionary, and he never missed an opportunity to remind us of the importance of having the courage to follow your own heart and intuition, that it was (and is) still possible to change the way we think about art, design, invention, and the future. ”Remembering that I’ll be dead soon“, he said in his famous Stanford commencement address, ”is the most important tool I've ever encountered to help me make the big choices in life. Because almost everything — all external expectations, all pride, all fear of embarrassment or failure - these things just fall away in the face of death, leaving only what is truly important. Remembering that you are going to die is the best way I know to avoid the trap of thinking you have something to lose. You are already naked. There is no reason not to follow your heart.“ More important than the fact that he told us to think different is that he showed us how – and that he never stopped following his heart along the way. The products he developed from 1986 to 1995 were considered by many to be failures, but these products would return in slightly different forms as the iPhone and the Mac, and this time they would succeed – massively. His vision never changed, his resolve never wavered, despite whatever hurdles got in his way. When Jobs was trying to convince former Pepsi president John Sculley to come be Apple’s CEO, he asked him,”Do you really want to sell sugar water, or do you want to come with me and change the world?“ And that’s exactly what he did.


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ARROGANT BASTARD by Adrian Stanley Thomas, New York City SEEKING COUNciL FOR MORAL DETERMINATION Because I have expressed my opinion on numerous topics regarding how best to enhance your quality of life and those you love, I have decided to buttress (yes, buttress) my helpful advice and rules for living with a sidekick for this issue. Who is worthy of such a task? Whether my intensions are to continue telling you about your faults in order to salvage relevancy in your existence, or perhaps create a festering anger at my truths that produce clouds of vexation, to me, there is only one choice. Ladies and gentlemen, please welcome Mr. Emmanuel Kant to the stage. Calm down everyone. I have enlisted such a name to add spice to our discourse, because you folks still refuse to migrate towards a more ostentatious and deliberate protocol, you have left me no choice in the matter. The greater good is at stake and I think we need a bit of the ”Categorical Imperative“ to simmer in the belly. Mr. Kant will be whispering his commentary in my ear as I deliver my sermon of ridicule. Because those who are talked about and respected in history for their contributions to science, culture and empirical thought have all

The Private Detective in Los Angeles: The Mystery Behind the Man by Dahlia Schweitzer, Los Angeles German version on page 8 Los Angeles isn’t just the home of blondes and Botox. It also belongs to the private detective. From Raymond Chandler’s Philip Marlowe to Michael Connelly’s Lincoln Lawyer, the figure of the renegade sleuth driving around the winding, crime-ridden streets of LA has remained a favorite for almost a century. The physical location of Los Angeles remains as essential to his character and the genre now as it ever was but why? Why do we love the detective so much, and why is Los Angeles his city? The detective emerged in the years following World War II, when the collective unease of the time spawned first noir and then our charming detective. Both genres are urban forms, born of a geography and time that supplies anonymity and crowds. The shifting economy replaced rural America with the highway, a visual manifestation of a faster, more streamlined way of living. Nowhere would become as defined by these highways as Los Angeles. Any sense of a central urban community would be replaced by highway exits, pockets of internally defined areas (Koreatown, Silver Lake, Los Feliz), separating the larger city into isolated neighborhoods. This isolation would be reinforced by the anonymity of transportation, people making their lonely commutes in their podlike automobiles. No matter how crowded the streets – or the freeways – we remained alone. Los Angeles became the ultimate example of the new centerless city, and the only figure who could easily transition from one neighborhood to the other, regardless of race and social class, was the new urban cowboy, the private detective. Permanently single, often alcoholic, usually a smoker, and always acting alone, he was our

written manifestos and, in some cases, volumes to support their hypothesis, I feel that it is necessary to follow in this manner. Why would I take the time to self publish the ”Arrogant Manifesto“ you ask? Well, I honestly think that you folks need a reference tool in your daily lives. You are in need of the written word at your disposal whenever you need to mitigate an issue. However, this doctrine will be slightly altered. Hold on a minute, Mr. Kant is whispering something in my ear. He seems very serious about it. He’s telling me not to hold back at all and to propose my original idea. I have agreed. This doctrine will be composed as a sonnet. I think Mr. Kant may have a soft spot for sonnets. Anyway, what better way to give you confidence than to compose a sonnet for the FOLLOWERS? In composing a sonnet, there must be a purpose. That is very clear. Humans are silly, contradicting, they never tell a story the same way twice. They are always following instead of leading. Except for Mr. Kant and a few other people, it really is a bag of misfits. Back to the sonnet, it’s just 14 lines of spirit refutation. Whenever you weak people conspire to buy processed food, read the sonnet aloud. If you are dating a loser, read the sonnet aloud and run fast! If you are being robbed, read the sonnet!

Clearly, my words need to be a part of your everyday life. I think it’s the only way that you have an opportunity to break free from this modern malaise of universal healthcare, global warming, and documentaries about why global warming has a negative impact on design. I am writing a manifesto which will be built into 14 lines that will be the foundation for rebuking nonsense. Mr. Kant has just told me not to forget about interpreting your motivations on the ”Universal Good“. If you know anything about Mr. Kant, well, let’s just say that his contention that a moral imperative should be relevant to the greater good of society has been an issue that I find; arduous. They really didn’t have television during his time. Having Mr. Kant as a sidekick for this issue may not have been a good idea. He’s thinking too much about the greater good and all the rest. I knew I should have gotten Darwin and his ”Natural Selection“. Pardon me; Mr. Kant is trying to kick me in the knee. Here are the first lines of your pocket doctrine:

hero. His rootlessness echoed ours. We needed him to guide us through an urban environment that was growing more menacing, more overwhelming, and more isolating by the day. We needed his eyes and his automobile in order to experience and understand the city as a whole. Not only did Los Angeles offer a dizzying range of racial diversity, but it also was, and still is, a city divided by wealth. The very rich live in the hills, up curving driveways with views of Hollywood’s twinkling neon, and the very poor live in the sprawling flatlands down below, and only our detective can move easily between the two. Los Angeles, known for its sprawl, would figure in the detective novel as an alternative to the skyscrapers and dark alleyways of New York. Los Angeles, a combination of get-rich-quick glamour and the Wild West, also became an example of the kind of sordid living and corruption prevalent in the new America. Hollywood especially was known for its crime and self-obsession, for depicting the worst side effects of ambition and greed. These themes, combined with the magnetic appeal of gangsters, femme fatales, and corrupt politicians, filled the pages of noir paperbacks before becoming supporting characters in the adventures of the new private eye. Hollywood was just a pretty face masking a hotbed of crime and corruption, a perpetual swarm of evil and decay just waiting to be exposed. Unlike the tales of granny sleuths, like Jessica Fletcher or Miss Marple, where crime is a horrific anomaly to be corrected, solved and tucked away like a bad dream, in Los Angeles, crime is a constant. This is why crimes (and criminals) are rarely simple in LA detective fiction. They are the metaphoric equivalent of a loose thread which, when you tug on it, causes the whole sweater to unravel. What seems at first to be a simple murder, theft, or blackmail is almost always revealed to be linked to political corruption or criminal conspiracy on a massive scale. But the massive scale is always linked to that initial incident, to that one clue which leads the detective to discover the truth. Detective stories

aren’t intended to be great literature. They don’t describe the American experience with sweeping stories of existential crisis and personal discovery. Rather, they depict episodes and characters with an attention to the small things – the dangling ash on a cigarette, the letter left unopened – which might otherwise go unnoticed. Luckily for us, the detective’s perceptive eye, and the inevitable deductions grounded in those details, inescapably point to the psychological and socioeconomic causes of crime. With satisfying logic, there must always be a reason. It is against the rules in a detective story to say the criminal did it ”just because“. There is always a reason. We read not only for that satisfying deduction, but also for the process, for the observations, for the details we would never notice on our own. Raymond Chandler wrote ”The things [his readers] remembered, that haunted them, were not, for example, that a man got killed, but that in the moment of his death he was trying to pick a paper clip off the polished surface of a desk and it kept slipping away from him, so that there was a look of strain on his face and his mouth was half open in a kind of tormented grin, and the last thing in the world he thought about was death“. In our world, which seems to lack reason and morality, we find comfort in the consistent logic and integrity of our detective. We observe human nature through his cool detachment, and it somehow makes sense. We respect his devotion to the case and his corresponding disinterest in money. He is the Lone Ranger in a Cadillac or Lincoln, a hero who reports to no one, his own boss, a loner with no obligation other than to the truth. In our fast-paced world, where we are forced to tune out visual bombardment purely to stay sane, his attention to detail is refreshing. When we hardly have time to fold our laundry, the fact that our detective has the time, however long it takes, to find the answers is refreshing. And the fact that, in a world where there are no guarantees, the good and the persistent always manage to triumph as a result of our detective’s best efforts, might be the most refreshing of all.

Because I am weak with pacifier Release the Schnullerfee on me now please For the greater good who are annoying. That’s perfect iambic pentameter!

English Appendix

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TRAFFIC News to-go #18  

SEPTEMBER 2011 ISSUE: DER AMERIKANISCHE HERBST, DIE KUNST DES AUSHARRENS, VON FASHION ZU ILLUSTRATION, IN DIE ZUKUNFT MIT MIRANDA JULY

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