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Ausgabe N°22 • März / April 2012 • Jahrgang 4 • trafficnewstogo.de

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PRESS!

NEWS TO–GO

TRAFFIC n

Never Judge a Book by its Cover S. 6 / 7 Zeitgeschehen Die Unbeirrbaren / 1, 2, 3 & J’Accuse S. 8 Feuilleton Augen zu und durch / Interferenz S. 9 Feuilleton Kein Ding! S. 10 Sport Surfing in Taghazout: The Aged Sea S. 12 Das Wetter Paris, St. Petersburg, Berlin & Sussex S. 13 8-Page Editorial What happened 2081? S. 22 Film „Ich vertraue Literatur eben mehr als Auskunft.“ S. 24 Fashion Das Buch als modisches Accessoire / To-Go Boutique S. 25 Reviews Leipziger Buchmesse S. 27 Reisen Die Täler des Neptun S. 28 Kunst Kunst und Luxusmarke S. 30 Arrogant Bastard Vocab for the Masses / English Appendix


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Contributors

Ausgabe N°22 • März / April 2012 • Jahrgang 4 • trafficnewstogo.de

Contributors

Annika Bunse

Christopher Roth & Georg Diez

Ralf Diesel

Annika Bunse, Jahrgang 1983, studierte Germanistik, Journalistik und Philosophie an der Uni Bamberg und Salamanca, baute dabei das Studentenradio Uni-Vox auf. Heute lebt sie in Berlin, promoviert über „Kokainliteratur der Moderne“ und ist als Online-Journalistin mit Multimedia-Schwerpunkt für Welt und Berliner Morgenpost Online tätig. Als Autorin schreibt sie für beide Blätter und als Gastredakteurin für die Berliner Gazette. Ihre Themen sind Kultur, Literatur, Technik, Wissenschaft und die Schnittstellen dieser Bereiche.

Gibt es die beiden wirklich oder sind sie ein Gerücht? Wer schreibt ihnen ihre Bücher, wer macht ihre Ausstellungen? Es muss sie mehrmals geben, der eine oder andere Georg Diez lebt in der Gegenwart und streitet sich manchmal mit Christian Kracht, der eine oder andere Christopher Roth lebt 2012 und macht eine Ausstellung in der Galerie Esther Schipper, die er „Roth“ nennt, weil es ja so viele von denen gibt. Ein paar Diez und Roth sind schon mal vorgefahren in die Zukunft, aus dem Jahr 2081 schauen sie zu uns herüber und sagen fröhlich: Wir sind nur Klone.

Ralf Diesel ist unabhängiger Autor, übersetzt vom Spanischen und Englischen, lektoriert. Als gelernter Komparatist ist er auf Fantastik spezialisiert, untersucht sie in all ihren Formen (keine Fantasy!) und in allen Sprachen. Auch in anderen Künsten: Soundart, Musik, Film … Warum? Weil sich dort die meisten Fragen zu unserer Realität ergeben. Seit Neuestem sucht er in Süd-Ost-Europa. Bei TRAFFIC setzt er auf die kleine Rezension. Dort erstellt er auch Die Andere Seite, auf der Fantastisches besprochen wird.

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alexander barck

musician - wearing ‘die nebensonnen’


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Zeitgeschehen

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Die Unbeirrbaren von Thorsten Denkler Zwei Jäger wollen in das höchste Staatsamt. Zwei, die Zeit ihre Lebens auf der Suche waren nach einem besseren Deutschland. Joachim Gauck und Beate Klarsfeld. In vielen Dingen scheinen sie sich ähnlich. Beide vereint ein tiefer innerer Trieb, Dinge verändern zu wollen. Sie waren so frei. Sie sind so frei. Gauck, der Pastor in der DDR und später oberste Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Er hat sich immer eingesperrt gefühlt in der DDR. Er ist geblieben, obwohl er hätte gehen können, kurz bevor die Mauer dicht war. Weil nicht alle Guten gehen konnten, hat er mal in einem Fernsehinterview gesagt. Er wusste wo er stand. Auf der richtigen Seite. Der Seite der Freiheit. Eingesperrt in einem System der Unfreiheit. Über 20 Jahre nach der Wende wirkt er auf manche anachronistisch. Vor allem auf die vielen jungen Erwachsenen im wiedervereinigten Deutschland, die nichts anderes als Freiheit kennen. Und er hat die als Gegner, die die eigene Unfreiheit im real existierenden Sozialismus nicht zu erkennen vermochten. Klarsfeld, die Deutsch-Französin, die seit über 40 Jahren in Paris lebt. Nicht um Französin zu werden. Sondern um dort eine

Beate Klarsfeld und Joachim Gauch. Die eine aus dem Westen, der andere aus dem Osten. Die eine jagte Nazis, der andere die von der Stasi. Jetzt wollen sie das Gleiche: Das Amt des Bundespräsidenten. Warum dies genau der richtige Zeitpunkt ist. „gute Deutsche“ zu sein. Überall schlug ihr Hass entgegen. Weil sie Deutsche ist. Das war das gleiche wie Nazi. Verwandte ihres Mannes Serge kamen in Auschwitz um. Dann war es ihr genug. Genau am 7. November 1968. An dem Tag schlug sie Kurt-Georg Kiesinger auf die Wange und rief „Nazi! Nazi! Nazi!“. Manche in der CDU verzeihen ihr die Ohrfeige für den Kanzler bis heute nicht. Die Ohrfeige hat rote Flecken auf Kiesingers Backe hinterlassen und die Verlogenheit der Kriegsgeneration offenbart. Es war eine große Tat. Klarsfeld jagte danach Nazis in der ganzen Welt. Sie spürte Klaus Barbie in Bolivien auf, den Schlächter von Lyon. Im Jahr 2001 wurde auf Betreiben Klarsfelds der Eichmann-Stellvertreter Alois Brunner in Abwesenheit von einem französische Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Brunner wird die Ermordung von 130.000 Juden in deutschen Konzentrationslagern angelastet. Unverständlich, dass Klarsfeld

bis heute keine hohe Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland erhalten hat. Manche bemängeln, die Kandidatur der beiden würde in Zeiten der weltweiten Finanzmärkte, der Ökonomisierung ganzer Gesellschaften zu rückwärtsgewandt sein. Sie hätten keine Antworten auf die neuen Herausforderungen. In der Tat: Weder Gauck noch Klarsfeld äußern sich umfassend zu diesen Themen. Gaucks Thema bleibt die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Begriff der Freiheit. Klarsfeld will im Land der Täter endlich anerkannt werden für ihren sehr praktischen und handfesten Kampf den Nazis, in dem sie manches Mal ihr Leben aufs Spiel setzte. Klarsfeld hat getan, was ein jeder hätte tun können. Ohne Auftrag. Aber mit großem Erfolg. Weil sie es wollte. Auch Gauck hat getan, was ein jeder hätte tun können. Beide blieben unbeirrbar. Bis heute. Es ist ihre gemeinsame Botschaft: Niemand wird zur Mitläuferschaft gezwungen.

Jeder einzelne hat die Freiheit zu Widerstehen. Sie haben Verantwortung übernommen. Für sich und andere. Sie haben nicht gewartet, dass andere etwas tun. Und plötzlich passt die Kandidatur von Gauck und Klarsfeld doch ganz hervorragend in die Zeit. Gauck hat einmal darauf hingewiesen, dass es die Gier der Finanzmärkte nicht geben würde ohne die Gier des Einzelnen. Das mag verkürzt sein. Die Botschaft aber ist unmissverständlich: Bei aller berechtigten Kritik am System, darf sich einmal jeder die Frage stellen, welchen Beitrag er leistet, das System zu stützen. Ganz konkret: Gauck und Klarsfeld machen es schwer, sich über Finanzhaie zu empören, wenn das Geld für die Riesterrente auf maximale Rendite angelegt ist. Sie machen es schwer, die Tierquälerei in deutschen Hühnerhöfen anzuprangern, wenn das nächste Hähnchenbrustfilet aus dem Billig-Discounter kommt. Klarsfeld ist 73 Jahre alt, Gauck ein Jahr jünger. Wer will, mag sie einfach für zwei alte Menschen halten, die das Hier und Jetzt nicht mehr verstehen. Ihre Botschaften aber kommen zum genau richtigen Zeitpunkt. Sie müssen nur noch gehört werden. zeitgeschehen@trafficnewstogo.de


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befleckt

satz gegen das Schweröl versauten sich ihre Gesundheit – unter anderem mit dem Lösungsmittel Corexit, das der Natur noch den Rest geben könnte. Ein Vergleich soll’s jetzt richten: Im stillen Kämmerlein hat BP den Opfern insgesamt 7,8 Milliarden US-Dollar angeboten. Im März sollte der Prozess um die Schadensersatzforderungen beginnen, der jetzt erst mal abgesagt wurde. Derweil fährt BP ordentlich Gewinne ein, das schmutzige Geschäft mit dem Öl lohnt sich. Noch. Die US-Regierung muss auch entschädigt werden. Sie hatte große Summen aufgewendet, um nach Wochen erfolgloser Versuche von BP das Bohrloch endlich zu stopfen.

Auch Wladimir Putin mag es schmutzig. Vier Jahre lang spannte er Politfreund Dimitrij Medwedew wie einen Mops vor seinen zaristischen Karren, so lange dauerte es, bis er sich wiederwählen lassen konnte. Seit diesem Monat schwingt er nun wieder das Zepter und gibt seine Vorstellung des „lupenreinen Demokraten“ zum Besten. So bezeichnete ihn ja einst Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der sich sein Zitat nun von morgens bis abends in deutschen Medien anhören darf. „Beschis-

Hat sich eigentlich der Papst schon geäußert? Oder ist er zu beschäftigt damit, im vatikanischen Geheimarchiv herumzustreifen und Brisantes noch tiefer ins Regal zu schieben? Gerade hat der Vatikan in Rom jedenfalls eine spektakuläre Ausstellung eröffnet. 100 Dokumente aus besagtem Archiv kommen mal an die frische Luft, darunter ein Brief von Michelangelo, in dem er schnaubend ausbleibende Zahlungen beklagt, die päpstliche Bulle mit der Exkommunikation Martin Luthers und die Verurteilung Galileo Galileis. Alle Dokumente ab 1939 allerdings bleiben unter Verschluss, auch für internationale Forscher. Pius XII trug in dieser Zeit die mächtige Papstmütze. Er sympathisierte zwar nicht direkt mit den Nazis, unternahm aber auf mehrfaches Bitten diverser Rabbis und internationaler Politiker hin auch nichts, um im Holocaust einzulenken. Er wolle neutral bleiben, sagte er, und blieb weitgehend tatenlos. Irgendwie unheilig, geradezu befleckt. Der Vatikan sagt, man werde die Dokumente aus dieser Zeit schon noch aufarbeiten. Komisch, dass das so lange dauert. Ist doch interessant, oder?

In Gilgo Beach, einem einsamen Strandabschnitt, fanden ein Polizist und sein Spürhund am 10. Dezember 2010 die Leiche einer Frau. Sie suchten die sieben Monate zuvor verschwundene Shannan Gilbert, eine 24-jährige Prostituierte. Doch eine DNA-Untersuchung ergab: Das war nicht Shannan Gilbert. Die Suche wurde ausgeweitet. Innerhalb der nächsten vier Monate fand die Polizei die Überreste von zehn Menschen. Der Verwesungsgrad war so unterschiedlich, dass die Forensiker annehmen, dass zwischen dem ersten und dem letzten Mord etwa 15 Jahre liegen. Vier der Leichen konnten bisher identifiziert werden. Diese Vier waren alle weiblich, Anfang 20 und arbeiteten als Prostituierte. Unter den anderen noch nicht identifizierten Leichen befinden sich ein Mann in Frauenkleidern und eine Mutter mit ihrem Kind. Keine der Leichen konnte jedoch der ursprüng-

lich gesuchten Gilbert zugeordnet werden. Bis zum vergangenen Dezember. Da fand man ihre persönlichen Habseligkeiten in einem Sumpfgebiet in der Nähe von Oak Beach. Das deckt sich mit Zeugenaussagen, die Shannan Gilbert zuletzt gesehen hatten, wie sie panisch aus einer sogenannten Gated Community in Oak Beach wegrannte. Die Polizei vermutet, dass sie da ihren letzten Freier hatte. Den sie bisher jedoch nicht finden konnten. Ein Spaziergänger stolperte nun, Ende Februar 2012, über einen Schädel in der Nähe des Gilgo Beach. Bisher kann die Polizei jedoch nicht sagen, ob es der Schädel eines Mannes oder einer Frau ist. Was der Polizei ebenfalls Kopfzerbrechen bereitet, ist die unterschiedliche Vorgehensweise des Mörders. Mal sind die Opfer enthauptet, mal stranguliert. Ist Gilgo Beach also „nur“ ein unter Mördern bekannter Ablageort für Leichen

jedweder Art? Profiler sagen Nein. Ein einzelner Mörder und gerade einer, der über 15 Jahre mordet, kann seine Methoden durchaus ändern. Vielleicht fand er im Laufe der Zeit, es sei die Mühe nicht wert, seine Opfer zu zerstückeln. Die Bewohner Long Islands sind übrigens relativ unerschüttert. Sie gehen nach wie vor bei gutem Wetter zum Sonnenbaden an ihre Strände – teilweise in unmittelbarer Nähe zu den Leichenfundorten. Sie fühlen sich sicher, da „es ja nur um Prostituierte“ geht, wie eine Anwohnerin sagte. Angehörige der identifizierten ermordeten jungen Frauen sehen das anders: „Diese Mädchen mögen einen falschen Weg eingeschlagen haben, aber sie sind immer noch Menschen mit Familien, die sie liebten.“ Und man möchte hinzufügen: Da ist ein Killer unterwegs, der ungestraft seit Jahren mordet. Da kann und darf man sich nicht sicher fühlen.

Der März in drei Akten

besudelt BP hat ordentlich Dreck am stecken. Die größte Schweinerei auf dem Konto des Ölkonzerns wurde zur schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA: Vor knapp zwei Jahren flossen nach der Explosion der Bohrplattform Deepwater Horizon fast 800 Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko. Elf Arbeiter kamen ums Leben, Tausende von Fischern verloren ihre Einnahmen, Restaurant- und Hotelbesitzer konnten erst mal dichtmachen und Menschen im Ein-

J'accuse von Uta Schwarz 3/12 Long Island Murder Mystery Es ist ein Rätsel. Die Überreste von elf Menschen wurden auf Long Island gefunden, ermordet innerhalb der vergangenen 15 Jahre. Und obwohl die Polizei fieberhaft versucht zu klären, was passiert ist, gibt es nicht einen einzigen Verdächtigen. Long Island liegt östlich von Manhattan, zu der Insel gehören die Stadtteile Brooklyn und Queens von New York sowie die Außenbezirke Nassau und Suffolk. Es scheint, als hätte jemand dieses beliebte Wochenendausflugsziel zu seinem ganz persönlichen Friedhof gemacht.

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sener Monat“, wird er sich denken. Für die kleinen Kritiker, die ihrem Unmut über den Wahlbetrug in Demonstrationen Luft machen, hat Putin lediglich ein müdes Lächeln, leere Versprechungen und ein paar Stunden Knast übrig. Die großen Kritiker dürfen schon mal für länger ins Kittchen. Und wenn Journalisten ihn auf sein Lieblingshobby ansprechen – den Kampf gegen die Pressefreiheit – lässt er sich auch mal so richtig gehen und erwidert, er müsse sich von ihnen doch auch ständig „mit Durchfall überschütten lassen.“ Na, na, na. Verliert der Zar, äh, ich meine natürlich Präsident, etwa die Contenance? Abwarten.

1,2,3 von Sabine Weier

Zeitgeschehen

beschissen

BLUMEN STAT A T AT WORTE

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Feuilleton

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© Rafael Cercedilla

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Augen zu und durch von Dr. Inge Schwenger-Holst, Medizinerin, Unternehmerin und Vorsitzende des Vereins call a doc. … ist sicher eine wenig erfolgreiche Strategie beim Ophthalmologenbesuch. Sicher, er bohrt allenfalls mit Blicken und Blutabnahmen sind auch eher selten, aber die Inspektion unserer schönsten Sinnesorgane ist nicht jedermanns Sache. Dabei ist doch alles so einfach geworden. Das Kassengestell ist out, INTRACOR ist in – ein Laserverfahren, das ambulant durchgeführt die Hornhaut so zurechtfeilt, dass die uns fast alle ereilende Altersweitsichtigkeit minimiert wird. Wer sich auf diese Weise vor der Herausbildung von Primatenarmen schützen möchte, muss derzeit leider noch rund 3.000,- Euro auf den Tisch legen. Privat, denn die Kassen sind bekanntermaßen leer. Alles in allem ist die Augenheilkunde ein sich immer weiter technisierendes Gebiet der Medizin. Kaum zu glauben, was für Subspezialitäten in diesem kleinen Organ Platz finden: Retina und Glaskörper, Horn- und Netzhaut, Linse und Iris. Erkrankungen wie diabetisches Makulaödem, Gefäßverschlüsse, Iridozyklithiden und ähnliche Zungenbrecher werden auf Kundige verteilt, deren Spezialisierungsfeld nicht einmal mehr die Größe eines Kleinfingernagels hat. Was unten raus kommt? Immerhin die Tatsache, dass man als 80-jähriger Marathonläufer nicht mehr Gefahr läuft, den angebotenen Wasserbecher mit einem Sandwich zu verwechseln: Das fließbandmäßig organisierte Linsenstechen ist seit gut 15 Jahren Routine. Auch der jugendlichen Kurzseherin droht die Bezeichnung Brillenschlange, seitdem Laserinstitute aus dem Boden schießen, nicht mehr unbedingt. Dabei unterliegt das Nasenfahrrad einem gewaltigen Hype – hiervon zeugen nicht nur die zunehmenden Fensterglasimplantate in Designerbrillen, auch die Internetbrille mit Anpassmodul beginnt, sich durchzusetzen. Nach einer dankenswerten Untersuchung von „Monitor“ qualitativ nicht schlechter, dafür um ein Vielfaches preisfreundlicher als Fielmann und Kollegen. Sollte bei Ihnen was ins Auge gegangen sein, platzieren Sie Ihr Kinn u.a. auf den Untersuchungsmaschinen der in Marzahn www.augenklinik-berlin.de oder bei Dirk Kössendrup www.augenarzt-koessendrup.de CALL A DOC die 24-7 Hotline für Ihr medizinisches Problem 01805 - 32 13 03 (0,14 EUR/min aus dem Festnetz)

Interferenz von Ralf Diesel Wer liest, hat ein weithin sichtbares Schild über sich hängen: Bitte nicht stören. In der Regel wird das respektiert, und ich befinde mich, ob im Café inmitten anderer oder allein, in einem exklusiven „Raum“. Exklusiv, weil dieser Raum allein von mir besetzt wird, nicht geteilt wird, gar nicht teilbar ist. Exklusiv, weil ich aus den sonstigen Abläufen der Umgebung, dem Fluss der allgemeinen Ereignisse, herausgenommen bin. Ich befinde mich in einem eigenen Fluss der Zeit und der Ereignisse. Darin gibt es keine störenden Beimischungen. Alles ist Lesen. Alles passiert zwischen mir und dem Buch in einer Beziehung einszu-eins. Jede Störung unterbricht das gesamte Lesen, den fortlaufenden Prozess, in dem ich mir etwas linear erarbeite. Lesezeit ist Lebenszeit. Dass ich mir in einem Buch Zusammenhänge bilde, steht in engem Zusammenhang damit, mir Zusammenhänge in meinem Leben zu bilden. Dieses Reflektieren zeitigt zuguterletzt bei gewaltbereiten Jugendlichen Ergebnisse. Wer sich aus einer Gruppe herausnimmt und Zusammenhänge entdeckt, schlägt nicht mehr zu. Das wirkt sich auf ganze Gruppen aus, ist ansteckend: übrig bleibt der Gewalttätige, dieser stört. Hierarchien können so aufgelöst werden. In dieser Art schon wirkt das Buch gesellschaftlich. Das Buch ist eine Interferenz, stört die etablierte Norm. Vielen aus der DDR kam nach der Wende das Lesen abhanden, was daran liegt, dass es den Wert verlor. Der intime Tauschhandel mit Gedanken war aufgelöst. Der Leser stellte sich außerhalb der Gesellschaft vor sich selber und konnte lesend eine Haltung gegen das Geforderte bilden. Im Idealfall war man damit subversiv. Lesen konnte tatsächlich interferierend wirken, da es den ideellen Gegenwert der Eigenständigkeit hat. Bildung wurde zwar gebraucht, zuviel konnte einen allerdings zum Störenfried werden lassen. Die Zensur war

ständig am Werk, um Störendes herauszufischen. Verliert das System seine Struktur, so verliert das tätige Lesen seinen Zusammenhang. Lesen steht dann nur noch für sich und greift nicht mehr zurück in die Gesellschaft. Die temporäre Auslagerung ist nunmehr eine Verinselung, etwas Persönliches. Wer seinen Zusammenhang in der Gesellschaft begreift, dem wird diese Verinselung nichts sagen. Es gibt keinen sozialen Austausch, kein Opponieren oder Dazwischenfunken mehr durch Lesen. Dem Alten entkommen, der Zukunft abgewandt, das Buch zur Seite gelegt. In einer kapitalistischen Gesellschaft kann mir jedoch diese Verinselung einen fortschreitenden Reingewinn einbringen. Mich entlang meines eigenen Lebens lesend zu entwickeln, verschafft mir einen Vorteil: Ich entwickle mich in meiner Persönlichkeit, indem ich mir aktiv etwas aneigne. Der Austausch läuft unter der Hand zwischen mir und dem gekauften Produkt/Buch, die Rückwirkung auf die Gesellschaft ist schleichend und nicht direkt ablesbar, da keine Leistung direkt in die Produktion umgesetzt wird. Lesen hat in erster Linie für den Leser einen Nutzwert. Auf Konsumbürger wirkt die Inselpause entstressend. In einer kurzlebigen Welt lässt mich ein Roman ein Leben lesend begreifen, was mich befähigen kann, Zusammenhänge zu bilden und so auch mein Leben begreifen zu lernen. Vielleicht kommt das Verlangen nach dicken Romanen, nach dem Epischen, daher, dass man sich unvollständig fühlt in nutzvollen Tätigkeitsschnipseln und raus will aus dem Fragmentarischen. Im Idealfall, dem des ideellen Austausches, nimmt man sich aus den reinen Zweckzusammenhängen bewusst heraus. Lesen als Konsumhandlung und Lesen als tätiges Denken, wie es die Aufklärer forderten, liegen weit auseinander und ziehen doch am selben Strang. Aktivität und Passivität sind die beiden Parameter, aus denen Lesen besteht. Beide sind gleichzeitig vorhanden. Lesen kann im Liegen

ausgeübt werden und ist dabei die am weitest fortgeschrittene Kulturtechnik. In einer bildüberfluteten und damit verstörenden Gesellschaft unerlässlich. Die Kulturleistung Lesen kann störend wirken auf den allgemeinen Zweckfluss. Schon allein, weil der Lesende aktiv beteiligt ist an der Kulturleistung Schreiben. Lesen heißt, sich etwas zu erarbeiten. Am Ende erarbeitet man sich selber. Und ist weniger störanfällig. Buch für Buch arbeite ich mich aus der Selbstentfremdung heraus. Dem interferenzbedingten Internet, dem passiv machenden Fernsehen, dem Gegenüber begegne ich mit Abstand, reflektierter, unabhängiger - kritischer. Das mögen die nicht. DAS STÖRT DIE. Lesen fordert einen und bringt einen zum Stillstand. Es füllt die Löcher der Selbstentfremdung, beleidigt Aushöhlungsversuche, bindet, macht einen zum Eroberer von Welten. Lesen selber ist eine Interferenz. Neil Postman („Amusing ourselves to death“) hat dargelegt, wie das Fernsehen Gehirnströme verändert, passiv macht. Die Gehirnaktivität beim Lesen ist eine gänzlich andere. Bilder werden dabei nicht neurologisch verarbeitet, sie werden kreiert oder aktiviert. Kenntnisse und Erfahrungen werden neu umgesetzt. Das erst ermöglicht Persönlichkeitsentwicklung. I interfere. Lesen ist ausschließlich lesen. Da überlagert sich nichts. Ausschließlich zu sehen oder zu hören, sich nicht ablenken zu lassen, selber auch nicht abzulenken, das muss eingeübt werden. Im Kino, Museum oder Konzertsaal. Denn überall teilt man, überall funkt der Andere dazwischen. Beim Lesen muss die Ausschließlichkeit nicht eingeübt werden, sie ist einfach da, per se. Es geht gar nicht anders. Mit Lesen hebelt man die Außenwelt aus. Don’t interfere. In Büchern der 50er und 60er Jahre taucht oft unverhofft Werbung auf, die an einem Satz aus dem Erzählten aufgehängt war. Mit diesem Satz trat man prompt aus der Geschichte heraus. (Keine unelegante Methode der Buchfinanzierung.)


Feuilleton

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What happened 2081? Talk: 24.3. / Walk: 25.3.

Kein Ding! von Annika Bunse Was wurde nicht schon alles zum UNESCO-Kulturerbe erklärt? Der spanische Karneval, mexikanische MariachiMusik, die arabische Web-Technik „Al-Sadu“ und die Falknerei an sich, aber auch peruanische Scherentänze und kostümgewaltige Schlachten in Kroatien – das macht schon alles irgendwie Sinn. Aber warum bekommt ausgerechnet die „mediterrane Küche“ den Ritterschlag zum allgemeinen Kulturgut und nicht etwa das virtuelle Lexikon Wikipedia? Was hat Tomaten-Bruschetta und Pasta mit Olivenöl, was ein riesiges Online-Wissens-Portal mit der Expertise von Hunderttausenden Autoren nicht hat? Und: Ist das überhaupt noch der Frage wert? In einer „repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“, die derzeit 232 Einträge fasst, sind alle jene Kulturgüter – ausgenommen der Online-Bibliothek – aufgeführt. Wikipedia wäre das erste digitale Kulturerbe im UNESCO-Register, will sich aber nicht in das Kultur-Ringelreih rund um Risotto und Ritterspiele eingliedern lassen. Lieber verlangt die kollektiv erstellte Online-Enzyklopädie nach der großen Nummer – nein, Mauer, Stonehenge, Angkor Wat und den Meteora-Klöstern noch dazu. Kurzum: Wikipedia formuliert in der Petition gleich mal den Anspruch UNESCO-„Weltkulturerbe“ zu werden. Ist diese Forderung ein absurder PR-Gag? Schließlich kann man Wikipedia nicht in einer geführten Tour erklimmen, ist sie doch kein konkreter Ort, bleibt völlig ohne räumliche Begrenzungen, anders als die monumentalen Bauwerke der Menschheitsgeschichte. Jimmy Wales, Mitgründer von Wikipedia, verweist bei der Frage nach der Intention des Antrags immer wieder gern auf etwas Immaterielles: die soziale Mission hinter dem Projekt. Er wolle via Wikipedia den Menschen auf der ganzen Welt Wissen zugänglich machen. Im Online-Lexikon selbst steht als Begründung geschrieben, dass die Wiki das UNESCO-Kriterium erfülle, „ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft“ zu sein. Demzufolge geht es den Wikipedianern um die Würdigung einer guten Idee, die schon seit dem Startschuss ein Selbstläufer ist und als gemeinsam geschaffene Wissenssammlung stetig weiter wächst, wuchert, neue Brücken durch kollaboratives Arbeiten in Netz und Netzwerken schlägt. Wissenstransfer heißt heute Wiki: teilen, zusammen konzipieren und kritisieren. Als frei zugängliche Wissenssammlung verändert sie Verfahrensweisen und Strukturen, in denen freies Wissen generiert und darüber spekuliert wird. Gründer Wales ist sich seiner Sache sicher: „Wikipedia ist keine Techniksache, sondern eine Bewegung: Menschen arbeiten zusammen und tragen Wissen zusammen, das ist eine Kultur.“ Negiert die UNESCO im Falle Wiki also den Übergang ins digitale Zeitalter und bleibt verstaubten Bücherwurmträumen verhangen? Vorläufer der virtuellen Bibliothek werden zumindest gern mit dem Prädikat „Weltkulturerbe“ geadelt. So stehen beispielsweise die Ruinen von Byblos im Libanon auf der UNESCO-Liste. Für deren Aufnahme war unter anderem ausschlaggebend, dass der Papyrushandel in der alten phönizischen Stadt bis circa 332 v. Chr. blühte, ihr schlussendlich sogar den Namen verlieh – Byblos bedeutet auf Griechisch „Schreibmaterial“. Papyrus aus Byblos wanderte massenweise in die Bibliothek von Alexandria. Auch der Name reiste mit: „Biblion“ wurde Wortstamm für „Buch“. Schon in der Antike entstand kollektives Wissen dadurch, dass vorhandene Informationen und Erkenntnisse argumentativ erörtert, reziprok in Beziehung zueinander gesetzt, traditionell in Text umgesetzt und zum Schluss archiviert worden sind. Doch ist Textualisierung überhaupt unabhängig von Kulturtechniken, also auch frei von den digitalen Medienträgern unserer Zeit zu verstehen? Der Paradigmenwechsel vom Buch zur Datei initiiert immer stärker, dass Inhalte heute elektronisch verfügbar sind: „Biblion“ stirbt, das „E-Book“ ersteht. Es ist ein genuin technokra-

tischer Prozess, der sich da gerade abspielt, nämlich die Umwandlung von gedruckter zu digitaler Fachinformation. Die Wikipedia-Schreiberlinge haben eine rege Gemeinschaft herausgebildet, die sich bemüht, faktisch und sachlich zu arbeiten und die so genannte „Netiquette“ zu beachten. Diese Community institutionalisiert sich jedoch immer stärker und geht in unermüdlichen Diskursen Streitfragen nach, die sich von Kants Transzendental-Philosophie bis zu hin zum Gartenzwerg erstrecken. Wikipedia-Autoren sind zu 87 Prozent männlich und im Durchschnitt etwa 28 Jahre alt. Doch das zusammen erzeugte Wissen befindet sich darum auch in der Schieflage. Die Brockhaus-Redaktion hätte das sicherlich anders gewichtet. Doch so starr wie ein herkömmliches Lexikon ist die virtuelle Version nicht aufgeteilt – sie bleibt interaktiv und immer im Wachstum. Prinzipiell wird in Wikipedia alles behandelt, von der Häkeltechnik bis hin zur AIDS-Forschung. Und es macht Spaß. Wir wollen mehr wissen und wir wollen, dass die anderen wissen, was wir wissen – spontane Neugierde und der Appell an den humanen Erkenntnisdrang sind das Erfolgsrezept der Macher. In mehr als 200 Sprachen gibt es mittlerweile Ableger von Wikipedia. Fast überall auf der Welt ist die Online-Enzyklopädie unter den Top-Five der beliebtesten Web-Sites gerankt. Wie zugkräftig die Digitalisierung voran schreitet, wie schnell sich das geschriebene Wort zum hoch codierten Hypertext mit Verlinkung entwickelt hat, zeigt die Tendenz der „Klassiker“ den Anschluss nicht verpassen zu wollen. Auch das BrockhausWissen fließt heute durch neue Kanäle: Wer die Buchversion ersteht, bekommt Zugangsmöglichkeiten zum dazugehörigen Internet-Portal. Der Wissenstransfer technisiert sich heute sukzessive. Das Wiki-Prinzip prescht dabei voran mit einer neuen Art Wissen herund bereitzustellen und verlangt dafür das „Weltkulturerbe“Prädikat. In seiner Petition ruft das Online-Netzwerk die Unterzeichner explizit auf, die UNESCO von den schönen, neuen Möglichkeiten des Internets zu überzeugen. Wenn aus dem Plan jedoch mehr werden soll als eine neue Guerilla-PR-Aktion der Macher, muss Wikipedia genauer darlegen, was an der Online-Enzyklopädie überhaupt schützenswert ist: Ob das kollaborative Arbeiten, die freie Lizenz, Software oder Inhalte das ausschlaggebende Kriterium für den Titel sind. Und mindestens ein Nationalstaat muss für Wikipedia votieren, damit ihre Bewerbung überhaupt eine Chance hat. Bislang will kein Land die Online-Enzyklopädie in ihrem Antrag unterstützen. Kurzsichtig? Vermutlich ja: Das Durchschnittsalter deutscher Parlamentarier ist fast doppelt so hoch wie das der Wikipedier. Die Generation der digital natives ist jetzt erwachsen. Wie werden erst deren Kinder darüber denken, wenn sie zurückblicken? Für sie ist ein Brief schon immer eine eMail, ein Buch hat Hyperlinks und schwebt irgendwo in der Cloud, ein Computer nichts, was man mit sich herumträgt und schon gar nicht besitzt, genau so wenig wie einen Film den man sich ansieht oder Musik, die man hört. Wissen ist allseits verfügbar, teilbar, kombinierbar, bearbeitbar. Sie werden aufwachsen mit dem Wissen, dass Twitter und Facebook (die es dann vielleicht nicht mehr gibt) Revolutionen ausgelöst und Despoten weggefegt haben, das Kriegsverbrecher wie Kony im Netz gejagt werden können. Sie werden eine andere Sprache sprechen, denn es wird einen Unterschied machen, wenn in China ein Sack Reis umfällt, genauso, wie es einen Unterschied machte, dass sich in Tunis ein Händler selbst anzündete. Sie werden anders lernen, anders arbeiten, anders leben. Individuum und Kollektiv müssen keine Gegensätze sein. Im Gegenteil: Sie sind symbiotisch. All das verändert unsere Kultur. Das Virtuelle, das Immaterielle, das Nichtbesitzen, das vernetzte Sein ist das Normale und mediterrane Küche vielleicht nur eine Simulation. Also, wer vor seinen Enkeln nicht herumdrucksen will, hebt besser die Hand. Avantgarde ist das eh nicht mehr.

Kunst-Werke Auguststr. 69, Berlin free admission: register@2081.li limited space available! www.2081.li

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Sport

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Surfing in Taghazout: The Aged Sea von Conor Creighton Übersetzt aus dem Englischen (S.30) von Lilian-Astrid Geese Vielleicht war Lahcen Aitidir nicht der erste Marokkaner, der sich als Wellenreiter versuchte, doch die Bedeutung, die er für das Surfen in Marokko erlangte, lässt denken, erst er habe den Sport entdeckt, und überdies sei er das sechste Mitglied der Beach Boys gewesen. 1971 erhielt Lahcen von einem Australier sein erstes Surfbrett. Gesurft hatte er allerdings schon vorher: „Wir surften auf Baumrinde oder Palmen“, berichtet er, „wobei das nicht so viel Spaß machte, da man sich immer die Haut aufriss.“ Nun hatte er ein echtes Boogie Board. Heute ist Lahcen vierundfünfzig. Er ist drahtig und nicht sehr groß, und wenn du siehst, wie er sich mit seinem bunten Longboard von den Felsen herab gegen die Wellen stürzt, glaubst du, dass er keine Chance hat. Doch dann taucht er ein und schlängelt sich an den Brechern vorbei, und du realisierst, dass er dieses Meer schon ein halbes Jahrhundert lang kennt und sich auf einer Welle so wohl fühlt, wie eine Bergziege am Hang. Lahcen und seine Frau leben in einem Haus

Wir surften auf Baumrinde oder Palmen, wobei das nicht so viel Spaß machte, da man sich immer die Haut aufriss. am Strand am Hash Point, der so heißt, weil es der Treffpunkt der „gemütlichen Surfer“ aus Taghazout ist. Ein Rechtshänder bricht sich dort genau vor der Stadt. Du kannst also in aller Ruhe deinen Tee austrinken, bezahlen und gemächlich zum Wasser schlendern, wo du ein paar Minuten später in eine Welle tauchst. Die ersten Surfer aus dem Ausland kamen mit echten Brettern und Surfausrüstung in den 70er Jahren. Lahcen weiß noch, wie der erste VWBus aussah, der in Taghazout eintraf. „Der hatte ein Känguruh auf der Seite“, erinnert er sich. Auch heute sind die Surferstrände in Taghazour im Vergleich zu Europa oder den USA eher einsam. Wenn mal zwanzig Surfer draußen warten, ist schon richtig etwas los. Von so viel Privatsphäre kann man in Kalifornien oder Cornwall nur träumen! Damals, als Lahcen mit dem Surfen anfing, galten bereits zwei andere Surfer im Wasser als Massenauftrieb. Doch in den 80ern wurde Taghazout zu dem Surfort Nordafrikas schlechthin. In Taghazout kennt jeder jeden. Sobald Lah-

cens Name in den Surfshops der Stadt fällt, erzählt jemand, dass das erste Brett, auf dem er je gestanden habe, Lahcens war. Surfboards sind nach wie vor Luxus in Marokko. Improvisieren, Reparieren und Organisieren sind ein fester Bestandteil des Vokabulars der Surfer Community von Taghazout. Sie gehören dazu, wie Ebbe und Flut. Es ist noch gar nicht lange her, dass die Leute hier Telefonkabel als Leine nutzen. Nicht zu vergessen die zum Surfbrett umfunktionierten Palmen! Die Generation nach Lahcen wuchs jedoch bereits mit dem Gefühl auf, surfen sei ihr Ding. Es war längst nicht mehr nur der Sport für blonde Aussies, die dem Winter zuhause entfliehen wollten. Und warum sollte man auch nicht auf den gleichen Wellen reiten können, wie die Urlauber aus Übersee? Noch vor Schulbeginn stürzen sich die marokkanischen Jugendlichen in die Fluten, und erst nach dem letzten Klingeln kehren sie an Land zurück. So wie die Kids in Brasilien davon träumen, einen Vertrag als Profifußballer zu bekommen,

träumen die Kids in Taghazout von Surfsponsoren, oder davon, wenigstens einen Surfshop oder eine Surfschule zu eröffnen. Denn das ist eindeutig ein netteres Leben, als das, was ihre Väter und Großväter als Fischer oder Bauern in den Bergen führten. Taghazout steht für liberalen Internationalismus, doch es ist eine Enklave zwischen dem Meer und konservativen, muslimischen Nachbarn. So entstehen seltsame Gerüchte. Es heißt beispielsweise, dass wirklich fromme Surfer während des Ramadan nicht ins Wasser gehen, weil sie Angst haben, sie könnten Wasser schlucken und damit das Fasten brechen. Das mag für den einen oder anderen stimmen. Doch die Menschen in Taghhazout sind zwischen Hippies und Globetrottern aufgewachsen, und in ihrer entspannten Haltung mischen sich, ebenso wie in ihrer Neugier, der Einfluss der Traditionen der Berber und eines kosmopolitischen Besuchermix. Lahcen Aitidir surft jedenfalls, wenn es die Dünung erlaubt, auch während des Ramadan. „Ich bin doch kein Fisch“, sagt er. „Ich mache einfach den Mund zu.“

sport@trafficnewstogo.de


Š Steve Ryan


Das Wetter

Ausgabe N°22 • März / April 2012 • Jahrgang 4 • trafficnewstogo.de

© Osecours

12

das wetter von Sabine Weier wetter@trafficnewstogo.de

St. Petersburg

1

2

heiter 48° 50' 25" N , 2° 19' 9" O

feucht 59° 56' 26" N , 30° 18' 49" O

Schon morgens sitzt Jean-Paul Sartre schreibend und rauchend im Les Deux Magots. Kellner mit Fliegen und langen Schürzen flitzen durch das große Café und jonglieren auf ihren Tabletten jede Menge Kaffee. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, zusammen mit Sartre feilen hier Größen wie seine Gefährtin Simone de Beauvoir und Albert Camus an neuen linken und emanzipatorischen Denkmodellen und bahnbrechenden Romanen. Durch die Mahagoni-Drehtür kommen auch Pablo Picasso und Ernest Hemingway öfter rein und stolpern nicht selten sturzbetrunken wieder raus. Ab und an unterbricht Sartre seine Schreibwut und liest, schließlich braucht er zu seinem Kaffee intellektuelles Futter: Marcel Proust, André Gide, Gustave Flaubert, Heidegger, Zeitung. Später, 1964, wird er den Literaturnobelpreis ablehnen. Als Kind der bürgerlich-westlichen Welt und Sympathisant sozialistischer Ideale stünde er zwischen den Fronten und wolle durch die Annahme des Preises nicht Partei ergreifen, begründet er.

Kühl und klamm ist es zwischen den dicken Festungsmauern, Ratten und Kakerlaken teilen sich die Zelle mit Fjodor Dostojewski. Wir schreiben das Jahr 1849. Für Revoluzzer ist das zaristische Russland kein Ponyhof, selbst für so harmlose wie den jungen Dostojewski. In einer kleinen Gruppe von Fortschrittsdenkern hat er sich zu Ideen wie der Abschaffung der Leibeigenschaft ausgetauscht und dabei nicht mit einem Spitzel gerechnet. Jetzt sitzt er in der Peter-und-PaulFestung und wird bald zum Tode verurteilt, unter anderem, weil er verbotene Lektüre gelesen hat. In Haft gibt es weder was zu lachen noch viel zu lesen, lediglich Bücher religiösen Inhalts. Also lässt sich Dostojewski die Bibel in mehreren Übersetzungen bringen, um in seinem schmalen Eisenbett oder auf dem kleinen Schemel gegen die quälend langen Stunden anzulesen. Erst kurz vor der Hinrichtung kommt die Nachricht: Die Strafe wird in acht Jahre Zwangsarbeit und Wehrdienst umgewandelt. Seine großen Romane wie „Schuld und Sühne“ oder „Der Idiot“ entstehen erst viele Jahre später.

Berlin

Sussex

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neblig 52° 33' N, 13° 22' O

diesig 50° 50' 18" N , 0° 0' 58" O

Stimmgewirr dringt durch den dichten Qualm im Romanischen Café am Kuhdamm, Gläser klirren, Kaffee fließt, Bohemiens machen Bekanntschaften, Karikaturisten zeichnen berühmte Besucher für die Wochenzeitungen, die hier von Zeitungskellnern an die Tische getragen werden. Dort sitzen die Protagonisten der Berliner Künstler- und Intellektuellenszene – sie alle treffen sich hier in den 1920er Jahren. Die Uhr tickt, 1933 werden die Nazis dem Café einen Riegel vorschieben. Noch versammeln sich Maler wie Otto Dix oder Max Slevogt um die Koryphäe Max Liebermann, der tut in breitem Berlinerisch Anekdoten kund. Zu den Stammgästen zählen aber vor allem die großen Literaten der Szene, darunter Berthold Brecht, Egon Erwin Kisch und die expressionistische Dichterin Else Lasker-Schüler. Gerade als armer Poet sitzt man auch mal stundenlang vor einem einzigen Kaffee, arbeitet, diskutiert oder flüchtet sich in ein gutes Buch. Bis in seltenen Fällen dann doch der Kellner kommt und einen wegen des geringen Verzehrs hinaus bittet.

Tee dampft, im Aschenbecher glühen Zigaretten. Draußen im Garten wehen Mandelbäume, Hibiskus und Rhododendron-Sträucher im harschen englischen Wind. Gemeinsam mit ihrem Mann Leonard sitzt Virginia Woolf vor dem offenen Kamin in Monk’s House, im Schoß ein Buch aus ihrer Bibliothek, vielleicht Shakespeare. Woolf kommt aus dem 160 Kilometer nördlich gelegenen London immer wieder in ihr Landhaus, flüchtet vor dem Lärm der Stadt, den Menschenströmen. Sie pendelt auch zwischen Euphorie und Depression und verfasst in diesen Zuständen meisterliche Romane wie „Mrs. Dalloway“. 1940 fallen deutsche Bomben auf die Londoner Stadthäuser der Woolfs, sie übersiedeln ganz nach Rodmell. Bomben fallen auch in dieser Gegend, verschonen zwar Monk’s House, versetzen die sensible Woolf aber in Angst. Sie hört Stimmen, der Wahnsinn kriecht langsam in ihre Seele wie die Feuchtigkeit durch die Mauern von Monk’s House. Ganz in der Nähe ertränkt sie sich 1941 schließlich im Fluss, Leonard bestattet ihre Urne im Garten.

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© Mark Wordy

Paris

© Jim Buchholz

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Chapter XV

Wa s

2081

geschah

2081?

Unser Kongress soll das herausfinden: Wir gehen in die Zukunft, um klarer zu sehen, um die Ruinen unserer Gegenwart, die Ruinen unserer Zukunft zu erkennen. Wir nennen das retro-futuristisch. Im März in Berlin, im Mai in Johannesburg, im September in Delhi, im November in Sao Paulo. (Moskau und Peking und vielleicht Rom folgen im nächsten Jahr.) In Tel Aviv bauen wir ein Archiv der Zukunft auf.

What

happened

2081?

Was ist passiert: Es ist das Jahr 2081, und wir haben alles vergessen. Männer sind verboten, Dra-

We propose a congress to find out: We go into the fu-

ma ist verboten, Demokratie ist verboten. Es gibt

ture to see clearer, to see the ruins of our present,

Regeln, Algorithmen und Gesetze, unser kollektives

the ruins of a future. We call it retro-futuristic.

Gedächtnis, unsere Geschichte ist aber vollständig

In March in Berlin, in May in Johannesburg, in Sep-

verloren. Dann werden in Südafrika, in Indien und

tember in New Delhi, in November in São Paulo. (Mos-

in Brasilien plötzlich Fragmente entdeckt, die auf

cow and Beijing to follow next year, and Rome…) In

etwas hinweisen, das einmal existiert hat. Archive,

Tel Aviv we will build an archive of the future.

Hard-Discs, Bücher, Wissen. Wir müssen diese Elemen-

What happened: It is the year 2081 and we have forgot-

te zusammensetzen.

ten everything. Men are forbidden, drama is forbid-

Am ersten Tag des Kongresses werden 20 Frauen (Män-

den, democracy is forbidden. There are rules, laws,

ner sind verboten!) versuchen, der Gegenwart und der

algorithms, but there is no memory left, no history.

Vergangenheit einen Sinn zu entlocken: kurze Vor-

Then, in South Africa, in India, in Brazil, fragments

träge, Musik, Performance, Film, eine Fashionshow.

are discovered, which point to something that used to

Wissenschaftlerinnen, Historikerinnen, Schamaninnen

exist. Archives, hard discs, books, knowledge.

und ihre Klones: 2081 sind nur Frauen erlaubt – wie

We have to put the pieces together.

wird sich unsere Welt verändern? Warum sind Männer

On the first day of the Congress about 20 women (men

verboten? Was war Gewalt? Alles, was bleibt, ist

are forbidden!) try to make sense of the present and

Neo-Yogaismus.

the past: short talks, music, performance, film, a

Am zweiten Tag des Kongresses wird es einen Walk ge-

fashion show. Scientists, historians, shamans and

ben, bei dem uns die Männer begleiten. Die Verdräng-

their clones: 2081 only women are allowed - how will

ten, die Rechtlosen, die Nomaden, die heiligen Män-

our world change? Why were men forbidden? What was

ner. Männer sind verboten. Männer werden nicht mehr

violence? All that is left is neo-yogaism.

geklont. Das Spazieren ist eine psychogeografische

On the second day of the Congress there will be a

Strategie, um die Welt zu öffnen. Die „dérive“, so

walk, men will accompany us. The displaced, the right-

nannten es die Situationisten. Es hat etwas Schamani-

less, nomads, holy men. Men are forbidden. Men are no

sches. Spazieren öffnet urbane und utopische Räume.

longer cloned. Walking is a psychogeographic strategy

Denn das ist unser Ziel: Wir gehen in die Zukunft,

to open up the world. The “dérive”, this is how the

um einer festgefahrenen Gegenwart zu entfliehen. Wir

situationists called it. There is something shamanic

schauen auf die BRIC-Länder, um einen Eindruck zu

about it. Walking opens urban and utopian rooms.

bekommen von dem, was uns erwartet. Wir legen un-

And this is our goal: We go into the future to es-

sere eigene Paranoia auf den Tisch. Wir stecken da

cape a present that is stuck. We turn to the BRIC

zusammen drin.

countries to have a glimpse of what is to come. We

Unser Blick richtet sich auf die Zukunft durch die

bring our own paranoia to the table. We are in this

Zukunft. In unseren jüngsten Recherchen haben wir

together.

auf die Jahre 1980/81 zurückgeblickt – wir haben

Our view is on the future through the future. We have

die Gegenwart aus einer Distanz von 30 Jahren zusam-

looked at the years 1980/81 in our recent research -

mengesetzt. Jetzt schauen wir nach vorne, auf die

from the distance of 30 years we have pieced together

nächsten 70 Jahre. Durch die Fiktion versuchen wir

the present. Now we want to look at the next 70 years.

die Zukunft in einer narrativen Form zu beschreiben.

What happened? With the use of fiction we describe the

Wir interessieren uns für das was Umberto Eco die

future in a narrative way. We are interested in what

„etc. function“ nennt, wir untersuchen die elasti-

Umberto Eco called the “etc. function”, we look for

schen Möglichkeiten der Realität.

the elastic possibilities of reality.

Der Kongress vereint künstlerische und wissenschaft-

This congress combines artistic and scientific posi-

liche Positionen. Lernen und Spaß haben. Es ist ein

tions. Learning plus fun. A laboratory of the tran-

Labor des Übergangs. Wie wird sich die Welt verän-

sient. How will this world change in a time where

dern in einer Zeit, in der die Veränderung nicht

change not longer is marked by the sign of what was

mehr durch das definiert wird, was zuvor war und was

before and is to come? We look for symptoms and

noch kommt? Wir suchen nach Symptomen und Spuren

traces of a future truth. We believe that art is

einer zukünftigen Wahrheit. Wir glauben, Kunst hat

powerful, if it manages to smuggle fictional constel-

Macht, wenn sie es schafft, fiktionale Konstellatio-

lations into reality, if the possible and/or the in-

nen in die Realität zu übertragen, das Unsichtbare

visible becomes visible and the obvious merges into

sichtbar zu machen und das Offensichtliche in den

the background.

Hintergrund abgleiten zu lassen.

As Yoda says in “Star Wars. The Empire Strikes Back”

Wie Yoda in „Star Wars. The Empire Strikes Back“

from 1980: “Hard to see, always in motion, the fu-

von 1980 sagt: „Hard to see, always in motion, the

ture”.

future.“

Georg

Diez

&

Christopher

Roth


T

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l

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Anne Tismer: "Ich kann mir die Welt ohne mich gar nicht vorstellen" NON-TUTTA [NICHTVOLLKOMMENE]

Victoria Nelson from San Francisco about The Life of Christina the Astonishing, As Told By the Martyr Herself in the Year 2081 C.E.: "Taking as my motto the old proverb, The future has an ancient heart,

© artist Mareike Maage - Barbara Kirchner,

I will describe the adventures of

Professorin für theoretische Chemie über

the twelfth-century Flemish saint

„Affektives Rechnen, wie uns die Computer

Christina Mirabilis, celebrated for

demnächst den ganzen Gefühlsdreck abnehmen

coming back from the dead with as-

werden und nur die interessanteren Empfin-

tounding superpowers, when she finds

dungen übriglassen.“

herself in a postapocalyptic North American setting 900 years later.”

© Jon Wozencroft - Cellist and composer Hildur Guðnadóttir from Island explores the nature and movement of sound. She recently co-composed a live soundtrack to Derek Jarman's 1980 film In The Shadow of The Sun with Throbbing Gristle.

Joana Barrios

© Nadja Klier Filipa César: (...) built in 1588, the

Lavinia Wilson

Cacheu’s Fortress is one of the first bas-

studies Martin Hei-

© Michael Bogar - Aino Laberenz, Eröff-

tions aimed to secure Portuguese military

degger and Jacques

nungsfeier, Operndorf Afrika

presence and establish slave trade. In

Derrida. "I like

2012, the four statues appeared to have

being an actress."

been arranged differently. The dismembered lower right leg and left foot of the Portuguese Major Teixeira Pinto are fixed on a round mounting, awaiting the trunk that reclines on the side wall of the fortification. The right fist is above the gun (...)

© Cristian Castanho – Opovoempé means literally "People on their feet". People moving. People in active existence or operation. In the last years Opovoempé has been making a series of interventions in public spaces in the city of São Paulo, Brazil.

Sarah Nuttall: "The past is a force, it’s a potent force in the sense that it doesn’t just go away naturally. Some work has to be done: cultural, social, political work. If that work is not done, the past as a force tends to reassert itself in the present and the future…"


T

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March 8, 8 am: Yoga Researcher and Ph.D. student Mo-

From Old Delhi: a live performance organized by

hit Tyagi from the Gurukul Kangri University Haridwar

Amitesh Grover.

practising Kundalini Yoga with Anna-Catharina Gebbers in the Garden of Umaid Bhawan Palace, the Palace of the present Maharaja of Jodphur, Maharaja Gaj Singh II

Ayzit Bostan, bomber jacket Melanie Forgeron

Anne Tismer

2081. Fragment from The Hawthorne Archive Céline Condorelli and Avery F. Gordon mid winter Dear C,

Julia Hummer

Yes, I was disappointed too that the trip was delayed and I missed seeing you. À bientôt, j’espère. You send good news in accepting our assignment and we are grateful that you can depart so soon. Thank you. You’ve asked for more information about the Hawthorne Archive. Herewith, briefly….. I started working regularly on the archive more than a dozen years ago when I began to collect written and visual documents, first-hand stories, fictional literature, and scholarly research on utopian societies and plans for them, on imaginary places, and on the various theories that justified or underwrote what broadly speaking went by the name “the utopian.” I began this work because I felt that there was something wrong with the picture of helplessness and total social control by remote powers that characterized critical intellectual discourse at the time. It seemed as if the remarkable and resurgent worldwide resistance movements—pockets to be sure—were invisible: acknowledged grudgingly but trivialized to the point of disqualification. There were legitimate reasons to assess this resistance inadequate to the powers arrayed against it, but these reasons were often put into the service of dismissal rather than constructive engagement. An additional difficulty was that these activities lacked a proper name: many of them were not merely individual or collective acts of resistance, they were other ways of living, variously inchoate, incipient, emergent, and mature. The language for describing, analyzing, and communicating with these ways of living otherwise than on the frontlines of what was called then the “Fourth World War Against Humanity” also remained underdeveloped and elusive. Too often efforts to begin to articulate these unruly desires and unmanaged life worlds faltered on the accusation of utopianism, a terrible almost criminal error for many radicals. I spent a couple of years researching the history of the utopian (and the history of the accusation) and came to many conclusions some of which I described in two essays I wrote* (and enclose), including that a fundamental problem was that in the entire history of the word many of the most important and wide reaching radical movements and bodies of radical thought and practice were simply absent. The archive began in order to rectify this situation: to put the missing pieces back into play and discover –or invent as necessary—the languages that were required. The archive grew, others joined the project, and then I withdrew from active work on it in order to devote my time to the urgent crisis resulting from the mass imprisonment of poor people of color and the expansionist wars in Western and Southern Asia. I remained connected to the archive and continued to make minimal contributions to it—encouraging the prison abolitionists and war resisters and deserters to join, for example—but my mind and energies were elsewhere and, as I was the primary person responsible for it, it languished. Of course, other related archives, institutes and academies emerged--some in solidarity with

© Steven Kohlstock Performance by Vera Lehndorff Titel: 'Lost' Vocal, recorded @: 'andereBaustelle' by Boris Wielsdorf, Studio Berlin Make-up artist: Cisel

Sound-effects: Alva Noto


Index Number:

034478003

Date of Entry:

20.09.39 Location:

34N 40’ 50.12” Size:

40 mm x 23 mm Notes:

Chris Petit about his 1981 film

Brass item slated to guide personal and animal movement named Suzy [soo-zee]. Date of manufacture unkown.

Flight to Berlin: "There was a scene we were supposed to shoot at the Olympic Stadium which got dropped, I can't remember why. It was Martin Mueller's favourite. It was about Eduard (J-P Stevenin) as an entrepreneur. He was talking about staging a rock concert at the stadium and is building up the whole idea and someone asks: >What if it rains?< And he answers: >Then everyone will get wet.< Pity it was never shot!"

Sam Chermayeff: "We Are All Researchers." The March 24th, 2081 archive tries to remember what might have been for the research audience who themselves see their own story.

Arno Brandlhuber: Socialist Plattenbauten, prefabricated buildings, are orthogonal Kongresshalle West-Berlin

modular systems which meet in residential areas odd, organically grown older buildings. They leave gaps. Eventually, the GDR started minding these voids, and

Hugh Stubbins and Kongresshalle

tried to blind or even close

+ Haus des Lehrers Ostberlin

some. But they are visible to this day.

Hermann Henselmann Tobias Hönig: The relationship between architecture and ideology is most obvious in political, national, ethnical or religious divided territories. Berlin is worldwide known as an unique example for this aspect of architecture. The divided capital, the "Doubled Berlin", required every building twice: official buildings, urban infrastructure, housing and cultural facilities. The in each case differnt and mirrorable implementation of this architecture makes circumstances and particular ideological direction visible at once.

W

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Bob Last: "You could say that capitalism was successful in ensuring that the memory of punk was nihilistic."

Iain Sinclair, in Ghost Milk: "I was convinced that my earlier hunch was right: buried inside the oval of the stadium was a particle accelerator. Relativity, the old Lea Valley space-time mush, was being scrambled. Outside the circuit of the blue fence, voodoo snakes, big-mouth crocodiles and eviscerated chickens were screaming on walls: Berlin '36. Mexico City '68. Munich '72."

W

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March

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24,

South-African American

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K u n s t - We r k e ,

Auguststraße

sociologist

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theorist

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69 Nuttall

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actress

choir

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Berlin

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Berlin Further Registration:

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Paulo archive :

K u n s t - We r k e the

2084

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architect information:

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Edinburgh Brandlhuber w w w. 2 0 8 1 . l i

register@2081.li

Food by Mogg & M e l z e r, Auguststraße The 2081 Congress in Berlin is organized by Georg Diez and Christopher Roth, with the help of Annab e l l e H i r s c h a n d L i s a M a y e r h ö f e r. T h e w e b s i t e i s b y H o l g e r F r i e s e . S p e c i a l t h a n k s t o S u s a n n e P f e f f e r. Supported by the K u n s t - We r k e e . V. , Mani Hotel, TRAFFIC News To - G o , Soho House Berlin, the Goethe-Institute Max Mueller Bhavan in New Delhi and H a u p t s t a d t k u l t u r f o n d s


TANGENTE

Jetzt 100 Euro für Ärzte ohne Grenzen: Mit zwei limitierten Sondermodellen des Klassikers Tangente – einmal größer, einmal kleiner – unterstützt NOMOS Glashütte die medizinische Nothilfeorganisation. Je 1000 Mal gibt es die schlichten Uhren mit roter Zwölf, Manufakturwerk, Saphirglasboden und kleinem Hinweis auf Ärzte ohne Grenzen. Schön: Sie kosten dennoch nicht mehr als sonst. 1240 respektive 1360 Euro. Diese NOMOS-Fachhändler helfen beim Helfen: Augsburg: Bauer & Bauer; Berlin: Christ KaDeWe, Lorenz; Bielefeld: Böckelmann; Bonn: Hild; Bremen: Meyer; Darmstadt: Techel; Dortmund: Rüschenbeck; Dresden: Leicht; Düsseldorf: Blome; Erfurt: Jasper; Hamburg: Becker; Koblenz: Hofacker; Köln: Berghoff, Kaufhold; Ludwigsburg: Hunke; Lübeck: Mahlberg; München: Bucherer, Fridrich, Kiefer; Münster: Freisfeld, Oeding-Erdel; Ulm: Scheuble. Und überall bei Wempe. www.nomos-store.com und www.nomos-glashuette.com


Ausgabe N°22 • März / April 2012 • Jahrgang 4 • trafficnewstogo.de

Film

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„Ich vertraue Literatur eben mehr als Auskunft.“

@ Markus C. Hurek

Interview mit Filmregisseur Volker Schlöndorff von Marc Hairapetian Es ist vielleicht Volker Schlöndorffs bester Film geworden: In „Das Meer am Morgen“, der auf der Berlinale begeistert aufgenommen wurde, aber auch Erschütterung auslöste, wird im Oktober 1941 in Nantes ein Nazi-Offizier der deutschen Besatzer von Mitgliedern der Résistance erschossen. Daraufhin ordnet Hitler an, den 17-jährigen Guy Môquet und 149 weitere französische Gefangene zu erschießen. Schlöndorff, der Spezialist für Literaturverfilmungen, zeigt wie der seinerzeit tatsächlich in Paris stationierte Schriftsteller Ernst Jünger das Protokoll der Vergeltungsaktion abfasst, während der junge Heinrich Böll ungewollt Schießübungen am Atlantikwall durchführen muss. Mitten im Interview in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz taucht plötzlich Hauptdarsteller Ulrich Matthes auf und schlägt zur Begrüßung über meinem Kopf hinweg seinem Regisseur in freundschaftlich-respektloser Manier das Presseheft zum Film auf das lichte Haupt. Doch Schlöndorff wäre nicht Schlöndorff, wenn er nicht im nächsten Augenblick weiter über seine Lieblingsthemen – Filme und Bücher – sprechen würde. Ich habe Sie schon im Kino anlässlich der Berlinale-Vorführung zu der Schusssequenz mit den Massenexekutionen befragt und Sie haben auch sehr detailliert geantwortet, wie Sie das gedreht haben. Doch Sie haben ein wenig indirekt geantwortet, was Sie dabei gefühlt haben. Hat Sie das nicht mitgenommen, so etwas zu drehen? Man arbeitet mit dem Blick auf den Drehplan, die Kalkulation und den Sonnenstand. Da ist nicht so viel Zeit für Emotionen. Das schließt aber nicht aus, dass es Momente gibt, wo es einen reißt. Da wird geprobt, mit den Anweisungen: „Dann fallt ihr um, dann bindet ihr die los, und dann geht ihr hin, packt die an den Füßen und zieht sie weg!“ Als das dann passierte und die von den Komparsen gespielten toten Geiseln losgebunden wurden und umkippten, und von den Soldaten an den Füßen gefasst und durch den Sand geschleift wurden, war ich fix und fertig. Da schießen einem die Tränen in die Augen. Das geht gar nicht anders. Dann wird das Team aufgemuntert – und beim zweiten Dreh ist es nicht mehr so schlimm. Da bin ich wie Lieschen Müller am Set. Manchmal lache ich so laut, dass der Take nicht zu gebrauchen ist – oder ich fange an, zu heulen. Ich bin immer mein bestes Publikum. Man fühlt sich bei „Das Meer am Morgen“ auch ein wenig an Stanley Kubricks berühmtes Antikriegs-Drama „Wege zum Ruhm“ erinnert. Dort werden allerdings „nur“ drei französische Soldaten „wegen Feigheit vor dem Feind“ exemplarisch ausgewählt und füsiliert. War das auch in Ihrem Hinterkopf? Ich habe den Film früher oft gesehen und mir jetzt im Vorfeld nicht mehr angeschaut. Es gab auch noch, „Ein kurzer Film über das Töten“ von Krzysztof Kieslowski, aber „Das Massaker von

Katyn“ von Andrzey Wayda hatte ich gerade vorher gesehen. Und da war mir klar: So toll, der Film auch gemacht ist, das will ich nicht. Ich will nicht die Einschusslöcher und die Blutspritzer. Ich wollte hier, dass das preußisch, klinisch und sauber wie ein Verwaltungsakt bis zum letzten Moment durchgezogen wird. Und das musste ich dann schon selbst erfinden.

Film habe ich der Sängerin ein paar Sätze in den Mund gelegt. Wenn Jünger meint, er wolle nicht ins Rad der Geschichte eingreifen, entgegnet sie: „Das tun Sie doch, indem Sie als Offizier der Besatzungsarmee in Paris sind und nicht als Spaziergänger im Flanellanzug!“ Die übertriebene Bewunderung Ernst Jüngers bis heute in Frankreich ist doch ziemlich schwer zu verstehen.

Die Widerstandsfigur Guy Môquet ist in Frankreich sehr bekannt. In Deutschland wiederum kennt ihn fast niemand. Wie sind Sie auf seine Geschichte gestoßen? Ich kannte bei aller Frankophilie Guy Môquet auch nur als Namen einer Pariser Metrostation. Die Entdeckung kam durch das Buch von einem Journalisten, das den Titel trägt: „Guy Môquet. Une enfance fusilée“ („Guy Môquet. Eine füsilierte Kindheit“). Das hat er mir in die Hand gedrückt, als ich vor zwei Jahren eine Autobiografie in Frankreich herausgebracht habe. Ich las das Buch zu Weihnachten und mir fiel auf, dass er mit 17 Jahren in Châteaubriant in der Bretagne nur 30 Kilometer von dem Ort hingerichtet wurde, wo ich später ins Internat ging. Da dachte ich mir: Ich möchte das unbedingt verfilmen. Keiner hat mir gesagt, dass es schon einen Film in Frankreich gegeben hat und dass Nicolas Sarkozy Guy Môquets Abschiedsbrief zur Pflichtlektüre gemacht hat!

Sie sagten einmal: Sie wollten den Ernst Jünger in sich selbst bekämpfen. Können Sie das erläutern? Das sind so Sätze, die einem rausrutschen. In den Augen der Franzosen habe ich früher etwas von Ernst Jünger gehabt. Ich war ein sehr disziplinierter Student. Ich war auch ein sehr disziplinierter Regieassistent, der den Filmemachern den Rücken freigehalten hat. Diesen mehrsprachigen, kultivierten und auch charmanten, doch etwas glatten Typ mögen die Franzosen sehr. Doch irgendwann habe ich mir selbst gesagt: Jetzt ist Schluss damit! Das bist du nicht wirklich!

Wie wichtig ist Ihnen der erst kürzlich erschienene ErnstJünger-Bericht „Zur Geiselfrage“? Den Entschluss, den Film zu machen, hatte ich schon gefasst, bevor ich von diesem Bericht etwas wusste. Der Historiker Felix Moeller hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass er zuvor in einer militärhistorischen Zeitschrift erschienen ist. Ich konnte gar nicht fassen, wie genau er die Ereignisse beschrieben hat und dass er auch die Briefe der Hingerichteten übersetzt hat. Danach habe ich mich sofort umorientiert und mir gesagt, dass nur Ulrich Matthes Ernst Jünger spielen kann. Der Film wird jetzt erst wirklich interessant, weil man auf einmal auch eine deutsche Perspektive auf das Geschehen hat – und die nicht von irgendjemand, sondern von Ulrich Matthes. Ein schöner Versprecher! Ich meinte natürlich von Ernst Jünger! Hat sich durch die Lektüre durch den Bericht „Zur Geiselfrage“ auch Ihr Bild von Ernst Jünger verändert? Die hat sich sehr verändert, denn dieser Bericht ist geschrieben im reinsten Kanzleideutsch. Ernst Jünger hat sich gesagt: „Ich bin zwar Schriftsteller, aber jetzt schreibe ich einen Bericht über eine Geiselerschießung. Da benutze ich nicht meine literarische Sprache, sondern fasse das vollkommen neutral ab.“ Er lebte in der schizophrenen Vorstellung, er könnte sich selbst aufteilen, in einerseits den funktionierenden Besatzungsoffizier und anderseits in den kultivierten Schöngeist. Im Gegensatz zum sachlichen Bericht hat er in seinem Tagebuch wunderbar blumige Beschreibungen von einem opiumartigen Rendezvous in der Bar des Hotel Raphael mit einer schönen Dame festgehalten. Im

Am 23. März läuft der Film um 20.15 Uhr bei arte, wird im Herbst auch in der ARD ausgestrahlt. Kommt er ins Kino? Die Frage stellen wir uns auch. Im Vorfeld hatten alle abgewimmelt: „Ach, Zweiter Weltkrieg? Schon wieder!“ Bei der Filmförderung bin ich zumindest abgeblitzt. Doch man soll nie aufgeben: Gerade wurden die Kinorechte nicht nur für Frankreich und Deutschland verkauft, sondern auch für Japan, wo er 2013 starten wird. „Das Meer am morgen“ basiert auch auf einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll. Heinrich Böll, mit dem ich ja öfters zusammengearbeitet habe, erzählte mir, wie schwer es ihm gefallen wäre, in Frankreich Besatzungssoldat gewesen zu sein. Ernst Jünger hingegen hat es genossen, den Besatzungsoffizier in Paris zu geben. Lange nach Bölls Tod entdeckte ich seine Novelle „Das Vermächtnis“, die im Sommer des Jahres 1943 in der Normandie spielt. Durch Böll, der das Schießen mit scharfer Munition abgelehnt hat, wollte ich einem deutschen Soldaten ein menschlicheres Gesicht geben. Ich habe weiter entwickelt, dass er zu den Erschießungskommandos bestimmt wird. Mich hat interessiert, wie sich jemand fühlt, der dazu auserkoren wird, einen anderen totzuschießen. Selbst in Wehrmachtsberichten findet man kaum etwas dazu. Sie gelten seit „Der junge Törless“ (1965) als Spezialist für Literaturverfilmungen. Braucht ein Volker-Schlöndorff-Film immer eine literarische Vorlage? Seit „Der Unhold“, also seit 1998, habe ich keine reine Literaturverfilmung mehr gemacht, doch Sie haben recht, dass ich mich immer wieder auf Texte beziehe. So wie hier, wo ich mir das zusammensetze; das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich vertraue Literatur eben mehr als Auskunft (lacht). Allerdings muss ich jetzt nicht mehr einen weiteren großen Roman verfilmen. Ich arbeite im Augenblick an zwei Originaldrehbüchern, von denen auch eines durch eine Novelle inspiriert ist.


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Fashion

Ausgabe N°22 • März / April 2012 • Jahrgang 4 • trafficnewstogo.de

Das Buch als modisches Accessoire Nobody & Co. designs (Library Chairs) Price estimate: 3.000 - 5.000 Euro www.nobodyandco.it

Typewriter 35x30x10 cm, Price: 1.100 Euro www.jennifercollier.co.uk Olympia Le-Tan – Handbags & Minaudiers. Embroidered canvas book-clutch, with brass structure and Liberty print lining.

von Kathrin Eckhardt, Zürich

Kollwitzplatz45 (Wall units) W 42x42 cm, H 50 cm & 75 cm Price: starting from 1.425 Euro www.kollwitz45.de

Lula Dot, Light Reading Price estimate: 400 Euro www.luladot.com

To-Go Boutique

Die Ex-Punkerin und Moderebellin Vivienne Westwood ist über 70 Jahre alt und blickt reflektiert auf ihr Leben zurück. Eigentlich, erzählte sie dem T Magazine Screen, wollte sie nie Modedesignerin werden, es sei schlicht das Einzige gewesen, in dem sie gut war. Und Punk „was just an excuse for people to run around“, sagt Westwood dem Guardian in einem Interview. Die Designerin ist bekannt für ihre gesellschaftskritischen Äusserungen und trifft damit oft genau in die Mitte der gegenwartsgeschichtlichen Dartscheibe. Heute appelliert Westwood an den Verstand der Konsumenten. Statt durch die Mode zu rebellieren, sagt sie: „Kauft wenig Kleider und behaltet die Kleiderstücke, die ihr gerne anzieht – das ist Status. Man braucht nicht stets zu konsumieren. Ein Statussymbol ist ein Buch. Ein sehr einfach zu lesendes Buch ist „Catcher in the Rye“, lauft damit unter dem Arm herum – Kinder! Das ist Status!“ Und vielleicht hat sie recht. Denn die Zeiten haben sich bekanntlich geändert. In unseren Breitengraden kann sich mit genügend Arbeit, Extraschichten und der Disziplin des Sparens beinahe jeder eine Tasche von Céline oder Prada leisten. Deshalb verlieren die einstigen Statussymbole an Bedeutung. Ja, Taschen und Mode als Statussymbol sind „gähn“ und von gestern – da hat die Westwood schon recht. Sie sind auch uninteressant, weil sich die Laun der Mode viel zu schnell ändert. Mit ihrem Tempo mitzuhalten, ist sogar für die passioniertesten Fashionistas unmöglich. Zudem verträgt sich stetiger Konsum schlecht mit dem Mega-Trend der Gegenwart: Nachhaltigkeit. Bildung hingegen ist nachhaltig und der zweite Mega-Trend unserer Zeit. Sie ist eine der Schlüsselressourcen für Fortschritt und Erfolg. Und Bildung gehört soziologisch gesehen zu den wichtigsten Unterscheidungsmerkmalen sozialer Milieus. Der Soziologe Pierre Bourdieu hält das kulturelle Kapital, welches nichts anderes als Bildung in all seinen Facetten bedeutet, für ein Stilmerkmal. Auch Gerhard Schulze bezieht sich darauf, wenn er schreibt, dass Bildungsniveaus beim Aufeinandertreffen zweier Menschen nach dem Altersunterschied als nächstes bemerkt werden. Sprache, Habitus und sogar die Art und Weise, wie wir uns bewegen, verrät, was wir wissen. An diese Stelle erinnere ich mich an Westwoods Satz. Doch was passiert, wenn das Buch als modisches Accessoire, die Tasche, als Statussymbol ersetzt? Kann das Buch als Symbol von Bildung und Wissen tatsächlich zum Modeaccessoire werden? Ein Buch bietet, neben der Bildung, Inhalt und die Auseinandersetzung damit. Dabei kann der Leser selbst bestimmen, worin er

sich weiterbilden möchte. Ob Harry Potter oder die Systemtheorie von Luhmann. Auch die Intensität der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen kann selbst bestimmt werden und der Leser damit zum wahrlichen Experten mutieren. Mit dem unter den Arm geklemmten Buch wird gezeigt, welchem Milieu man zugehörig ist oder sein möchte – genau so, wie man das mit der Auswahl der Kleider macht. Selbst die Bildung von Individualität ist durch das Lesen von Büchern möglich, was die Mode von sich nicht behaupten kann. Denn Mode, dass weiß man spätestens seit Georg Simmel, ist niemals individuell, sondern immer nur ein Zeichen der Zugehörigkeit oder Abgrenzung zu einem bestimmten Lebensstil. Doch die Auslegung des Gelesenen und dessen Wirkung ist trotz tausendfacher Reproduktion der Texte, einmalige Stilbildung. Lasst uns in die Zukunft blicken. Etabliert sich das Buch als modisches Accessoire, so muss es sich in seinem Erscheinungsbild weiter entwickeln. Der Schriftzug, die Grafik auf dem Cover und die Farben werden wichtig. Denn wenn das Buch als modisches Accessoire in der Welt der Mode bestehen will, muss es sich auch optisch einfügen. Es ist denkbar, in Zukunft morgens nach dem passenden Buch im Regal zu greifen, anstelle der farblich passenden Tasche im Kleiderschrank. Auch der Inhalt des Buches kann dem Tagesprogramm angepasst werden. Wie wäre es an einer Fotovernissage mit „Die helle Kammer“ von Roland Barthes aufzukreuzen? Und was bedeutet es für den Verlag und den Autor, wenn sich das Buch plötzlich Platz in der Welt der Mode verschafft? Es würden Testimonials gesucht werden, die umwerfend gut aussehen und klug sind. Die Schauspielerin und Harvard-Absolventin Natalie Portmann würde sich wunderbar dafür eignen. Oder die modelnde Tochter des Herausgebers der Zeit, Jessica Joffe. Beiden wird Schönheit und Intelligenz zugeschrieben. Zudem ist es gut möglich, dass Bildung zu einem Stilmerkmal der Marken würde. Wie das gehen soll? Die Modehäuser selbst könnten zu Verlagen werden. Sie hätten dadurch die Möglichkeit, den Charakter der Mode, der sich durch Schnelllebigkeit auszeichnet, mit Büchern, die nachhaltig Wissen vermitteln, aufzuwerten. Die Marken würden dadurch mit Inhalten bereichert, Bildung und Mode miteinander verschmelzen, wie Butter und Schokolade zu einem deftigen Dessert. Bildung lässt uns also werden, wer wir sein möchten – genau wie die Mode. Doch spätestens bei der Diskussion mit vermeintlich Gleichgesinnten fliegt auf, ob wir tatsächlich sind, was wir lesen. Oder ob wir lediglich unter dem Arm tragen, was wir eigentlich sein möchten. Dann unterscheidet sich das Buch als Accessoire plötzlich kaum mehr von der Tasche.


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Vom Ende der Luftschlösser

Horrortrip in eine Psyche

Alfred Döblin. Eine Biografie von Wilfried F. Schoeller In den Zwanzigern war Berlin wie heute: Es herrschte eine ungeheure Aufbruchstimmung. Künstler, Literaten und Intellektuelle aus der ganzen Welt strömten in die brodelnde Metropole, um gemeinsam an exzentrischen Luftschlössern zu bauen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten stürzten sie ein, auch für den Arzt und Autor Alfred Döblin. Als Jude musste er zuerst nach Zürich und Paris, später in die USA fliehen. Nach Kriegsende kehrte er zurück, konnte aber nie wieder an den Erfolg seines berühmten Romans „Berlin Alexanderplatz“ anknüpfen. Diese Biografie lässt sein Leben erstmals umfassend Revue passieren. Carl Hanser Verlag, 912 Seiten, 34,90 Euro

Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt von Jörg Baberowski Deutschlands führender Stalinismus-Forscher wirft neues Licht in die Psyche des paranoiden Diktators, der den bolschewistischen Traum von einer besseren Gesellschaft für seine Verbrechen instrumentalisierte und in einen der größten Albträume in der Geschichte der Menschheit überführte – Millionen fanden unter Stalins Terror-Herrschaft den Tod. Baberowski zeichnet das Porträt eines gewaltverliebten Psychopathen und entlastet mit seinen Thesen den Kommunismus. Hat sich die Utopie von der gerechteren Gesellschaft doch noch nicht erschöpft? C.H.Beck, 606 Seiten, 29,95 Euro

Nominiert in der Kategorie

Sachbuch/Essayistik

Botschaften aus dem Dunkel

Queer war schon immer Thema

Der Tunnel von William H. Gass, aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl Jeder schreibt sich mal gerne etwas von der Seele. Bei William H. Gasses amerikanischem Geschichtsprofessor kommen allerdings Abgründe ans Tageslicht, als er anstelle des Vorwortes für sein Buch „Schuld und Unschuld in Hitlers Deutschland“ einen subjektiven Text aus der Feder fließen lässt, der das Sujet surrealistisch verzerrt und seine eigene Vergangenheit bearbeitet – im Grunde der Écriture Automatique ähnlich, einer Methode der von dunklen Traumwelten inspirierten Surrealisten. Nikolaus Stingl ist der richtige Mann für diesen abgedrehten Stoff: Er übersetzte bereits Thomas Pynchon. Rowohlt, 1096 Seiten, 36,95 Euro

Mademoiselle de Maupin von Théophile Gautier, aus dem Französischen von Caroline Vollmann Erotische Fantasien hatten die Menschen schon immer. Allerdings reichten im 19. Jahrhundert schon so harmlose Schmöker wie „Madame Bovary“ – den Caroline Vollmann ebenfalls ins Deutsche übertrug – zum Skandal. Bei Gautier geht es da deftiger zu: Mademoiselle de Maupin tritt alias Theodore de Sérannes im Leben des dekadenten D’Albert auf, wechselt nach Bedarf ihre geschlechtliche Identität und verführt ihn und seine Geliebte Rosette, wobei es auch mal zu lasziven Spielen auf dem Bärenfell kommt. Thematisch im Grunde hochaktuell, diese queere Geschichte. Manesse, 704 Seiten, 24,95 Euro

Nominiert in der Kategorie

Übersetzung

Epischer Flächenbrand

Wer ist noch homophob?

Feuerköpfe von Vladimir Zarev, aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm Der Völker übergreifende Traum vom funktionierenden sozialistischen Staat erwies sich als größte Dystopie unserer Zeit – und bestes Rohmaterial für opulente Familienepen. Zarev erzählt nach „Familienbrand“ im zweiten Teil seiner Trilogie vom Leben der Weltschevs in Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Wandels im Bulgarien nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Land zur sozialistischen Volksrepublik wurde. Einen „Balzac des 20. Jahrhunderts“ entdeckt die Jury der Leipziger Buchmesse in Zarev. Keine leichte Aufgabe für Thomas Frahm, der sein Können aber schon mit der Übersetzung des ersten Teils bewies. Deuticke Verlag, 704 Seiten, 25,90 Euro

Wie wir begehren von Carolin Emcke Jeder schreibt sich mal gerne etwas von der Seele. Bei William H. Gasses amerikanischem Geschichtsprofessor kommen allerdings Abgründe ans Tageslicht, als er anstelle des Vorwortes für sein Buch „Schuld und Unschuld in Hitlers Deutschland“ einen subjektiven Text aus der Feder fließen lässt, der das Sujet surrealistisch verzerrt und seine eigene Vergangenheit bearbeitet – im Grunde der Écriture Automatique ähnlich, einer Methode der von dunklen Traumwelten inspirierten Surrealisten. Nikolaus Stingl ist der richtige Mann für diesen abgedrehten Stoff: Er übersetzte bereits Thomas Pynchon. S. Fischer, 256 Seiten, 19,99 Euro

Nominiert in der Kategorie

Übersetzung

Reviews

Nominiert in der Kategorie

Sachbuch/Essayistik

Nominiert in der Kategorie

Übersetzung

Nominiert in der Kategorie

Sachbuch/Essayistik

von Sabine Weier

Dream a little Dream of ... Ein aufgeweckter Blick auf die Leipziger Shortlist

15 Nominierte träumten dieses Jahr in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung wieder vom Preis der Leipziger Buchmesse. Wir haben die auserwählten Werke auf ihr elysisches, fantastisches und dystopisches Potenzial hin untersucht und Entdeckungen vom Traumhäusle bis zum historischen Albtraum gemacht.

Oh, süßer Wahn! Im Kasten von Jens Sparschuh Die Vorstellung ist köstlich: Als seine Frau ihn verlässt und ihren Koffer packt, kann Hannes Felix nicht umhin, das noch mal ordentlich zu machen. Sparschuh entführt den Leser in die aufgeräumte Welt eines Protagonisten, der für seine Vision der optimalen Ordnung lebt – und ständig gegen das unüberwindbare Chaos ankämpft. In einer Firma für optimierte Auslagerungs- und Haushaltsordnungssysteme kann er sich so richtig austoben und in eine grotesk-fantastische Obsession hineinträumen, in der sogar noch Raum für ironische Kommentare zum Bau des umstrittenen Berliner Stadtschlosses ist. Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 18,99 Euro

Nominiert in der Kategorie

Belletristik

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Reviews

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von Ralf Diesel

Augen auf

Das Lesen ist schön

Am schwarzen Berg von Anna Katharina Hahn Traumhäusle vs. Traumhäusle. Der erwachsene Peter kommt zurück nach Hause, verwahrlost, verlassen. Die Autorin leitet den Leser durch den Albdruck zweier benachbarter Paare. Das eine sehnte sich früher nach Kindern, das mit Kind nach Karriere. Übrig bleibt, was man nicht sehen will: Ein (Nachbars) Sohn, der die Krise aller in sich trägt. Hahn schnappt die Bewohner Stuttgarts am Schlafittchen, weg von ihren Habseligkeiten hin zu ihren psychischen Realitäten. Es kommt alles zurück. Ein schlecht verwalteter Traum. Unausweichlich böse das Erwachen. Es geht rund im Kessel. Suhrkamp, 236 Seiten, 19,95 Euro

Nie war es herrlicher zu leben. Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ 1718-1784 Aus dem Französischen von Hans Pleschinski Das Zeugnis vom realen Leben – hier kann man es einsehen. Ein literarisches Leben, alles aus erster Hand. Der Herzog von Croÿ hat den ersten Ballon aufsteigen sehen, eine Hinrichtung besucht, kannte Marie Antoinette noch mit Hut. Und er hat alles niedergeschrieben. Ein Dank der Erfindung des Papiers. Pleschinski fand zufällig die Manuskripte, die gar nicht an die Öffentlichkeit sollten, sammelte und übersetzte. Hat sein ganzes Talent hier rein gelegt. Ein Traum. Herrlich. Lesen ist erleben. C.H. Beck, 428 Seiten, 25 Abbildungen, 24,95 Euro

Nominiert in der Kategorie

Belletristik

Parallelgeschichten

Schöpferisches Material

Parallelgeschichten von Péter Nádas, aus dem Ungarischen von Christina Viragh Es herrscht Unordnung. Nádas unternimmt nichts, um zu ordnen. Er verortet das Unvorhergesehene im Körper. Das politische, gesellschaftliche, öffentliche und private Leben findet im Einzelnen, in seinen Sinnen und Organen statt. Geschichte und Gegenwart, Unendlichkeit und Augenblick, Tod und Leben wirken gleichzeitig, im Körper, in der Sexualität. Zwei Jahre bereitete Nádas sein Werk vor – und tat, äußerlich, nichts. Dieses Ruhen wirkt im Roman: ein bald meditatives Durchdringen und Durchdrungensein von Welt(en). Das Leben ist Körper, nicht Traum. 2000 Seiten parallel zum eigenen parallelen Leben zu lesen. Rowohlt, 1.728 Seiten, 39,95 Euro

Weiße Magie. Die Epoche des Papiers von Lothar Müller Kurz vor der (zumindest viel diskutierten) Aufgabe des Papiers erscheint hier ein Rundumschlag: eine Kulturgeschichte. Das Material ist Träger einer Erinnerungskultur, einer Erzählkultur. Denken wir es uns weg, so bleibt nur noch das Wort. Dann wären wir wieder am Anfang. Aber was wäre dann mit dem Golem? Es käme kein Wort auf seine Zunge und würde ihm Leben einhauchen. Wort und Papier sind magisch verknüpft, hauchen so unserer Kultur Leben ein. Auch ein leeres Blatt hat Bedeutung, es harrt unzähliger Gedanken. Borges wäre ohne Papier nie der Unendlichkeit erlegen. Es gäbe Joyce einfach nicht. Rowohlt, 416 Seiten, 24,95 Euro

Nominiert in der Kategorie

Übersetzung

Aus der Wüste heraus

Doppelbödige Fiktion

Ein weißes Land von Sherko Fatah Angezogen von westlicher Lebensart webt sich Fatah, der verträumte Anwar, im Irak der Dreißiger einen Flickenteppich aus Illusionen und wird auf diesem 1941 von einer national-sozialistischen Gruppe nach Deutschland geführt. Stück für Stück lässt er dann seine falschen Ideale zurück. Der Roman ist ein Spiegelkabinett aus den politischen Tatsachen des 20. Jahrhunderts mit all seinen Projektionen und Verführungen. Es geht um Ereignisse, die man bis heute besser nicht im Schlaf allein verarbeitet. Anwar, einst fest im Griff seiner Träumereien, muss sich daran machen, sich und die Realität in den Griff zu kriegen. Ein Stellvertreter-Epos. Luchterhand, 480 Seiten, 21,99 Euro

Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träume von Thomas von Steinaecker Als Renate nach ihrer Beförderung und Versetzung meint, die Arbeit zu verlieren, ist Angst die Drahtzieherin ihrer Aktivitäten. Sie reist sogar nach Russland. Dort will sie die Hintergründe eines vermeintlichen Komplotts gegen sie aufdecken. Ihre Geschäftspartnerin ähnelt fatal ihrer Großmutter. Die Realität der Versicherungskauffrau steht von nun an auf wackligen Füßen. Das Paranoide greift zusehends in ihre Ordnung. Renate steigt hinab in eine Welt aus Trug und Betrug. Entweder sie lebte vorher in einem Traum oder jetzt. Nichts ist mehr schlüssig. S. Fischer, 398 Seiten, 19,99 Euro

Nominiert in der Kategorie

Belletristik

In die Wüste hinein

Der Traum von einer Sache

Sand von Wolfgang Herrndorf Herrndorf schreibt aus dem Jahr 1972. Der Traum von friedlichen Olympischen Spielen platzt gerade. Währenddessen haben in der Wüste tote Hippies und allerlei Unausgeschlafene Sand in den Augen. In die sengende Sonne der Sahara blinzelt ein Unterbelichteter. Der ist Kommissar. Alle placken sich mit undurchdringlichen Vorkommnissen ab. Bis hierhin wird geträumt und nicht weiter, meint man zu hören. Wer je vom Agentenleben träumte, wird hier eines Besseren belehrt. Es thrillt gehörig – mehr sei hier nicht verraten. Nicht unschick, im Ganzen. Rowohlt, 480 Seiten, 19,95 Euro

Aufklärung von Manfred Geier Scharf zu unterscheiden dagegen wusste das Zeitalter der Aufklärung. Geier geht mit Geschichten durch die Geschichte der europäischen Idee. Er hebt die Menschen hinter den Ideen, welche Europa die Türen zur Vernunft öffneten. Vor jedem Zuklappen dieser Türen warnt er, ganz dem Geist der Aufklärung verhaftet. Als geistesgeschichtlicher Flaneur pointiert er anekdotenreich, ohne ins Fabulieren zu geraten. Doch stellt Geier – bis ins Heute hinein – nicht allein den aktiven, denkenden, gegen Verdunkelung kämpfenden Menschen ins Licht, sondern den Glauben an ein Voranschreiten. Hochaktuell. Rowohlt, 416 Seiten, 24,95 Euro

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Sachbuch/Essayistik

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Reisen

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Die Täler des Neptun

von Conor Creighton Übersetzt aus dem Englischen (S.30) von Lilian-Astrid Geese

Eine knappe Stunde Fahrt auf holpriger Piste von Agadir aus, und man erreicht die kleine Stadt Taghazout. Im Hochsommer überleben nur Afrikaner oder Europäer von zweifelhafter Herkunft die Hitze. Im Herbst, Winter und Frühling aber werden der Ort und seine Umgebung zum Tummelplatz der Saisonmigranten. Der Geheimtipp der Gegend ist ein Landstrich namens Paradise Valley. Wenn es keine Wellen gibt, ist dies der Ort, der die Träumer lockt. Bis in die 70er Jahre hatte niemand außerhalb von Marokko je von Taghazout gehört. Zwar behaupten ein paar Fans lokaler Folklore, irische Piraten und amerikanische Soldaten seien die ersten Touristen gewesen, die dem Charme der weiten Strände erlagen, doch erst als ein gewisser afroamerikanischer Bluesgitarrist in Taghazout Anker warf erschien das verschlafene Dorf auf der Landkarte. Der Gitarrist hieß Jimi Hendrix, und sein Name wird heute in Taghazout fast genauso oft genannt, wie der des Propheten Mohamed. Damals waren Reisen in exotische Länder tatsächlich exotisch. Afrika war eine andere Welt, und Stars wie Burroughs, Dylan und eben Hendrix, die sich hierher wagten, galten als mutige und radikale Abenteurer und Entdecker. Anders als Bono, Jolie und der Rest der Louis Vuitton-Afrophilen, die heute, von einigen richtig trägen CouchPotatoes abgesehen, niemand mehr radikal nennen würde. Taghazout ist allerdings nach wie vor radikal, denn hier findet sich ein kleines, noch unverdorbenes Paradies. Für meinen ersten Besuch gab mir ein Freund, der dort einige Saisons lang lebte, folgenden Tipp: „Vom Platz aus gehst du Richtung Strand, zeigst auf den Balkon, der dir am besten gefällt, und ein paar Minuten später drückt dir jemand den Schlüssel zur Wohnung in die Hand und kocht dir Tagine zum Abendessen.“ Das klingt magisch, aber etwas von diesem Zauber gibt es tatsächlich noch. Kaum zwei Tage da, und du kannst nicht mehr

durch das Dorf laufen, ohne dass dich Omar, Mohammed, Hassan, Ali und die Jungs grüßen. Dein Körper könnte jeden Radiator ersetzen, und du trödelst nicht mehr im Bad. Aber davon abgesehen bist du hier in der Fremde zu Hause. Die besten Zeiten am Tag sind der frühe Morgen und die Abenddämmerung. Noch schläfrig läufst du in die Brandung und lässt dich von den Swells wecken. Taghazout ist ein Surferparadies. Wenngleich ein Gemütliches. Der zentrale Break der Stadt heißt Hash Point. Bei Flut kannst du dich vom Fußweg ins Wasser fallen lassen, und nach sechs Zügen bist du auf einer Welle. Panorama und Mystery, die anderen, ebenso relaxten Breaks, sind einen kleinen Spaziergang entfernt, gleich neben dem Dorf. Die Wellen hier sind nur selten groß. Wenn du große Wellen willst, fährst du eben zwanzig Minuten in Richtung Norden. Zwanzig Minuten Fahrt in südlicher Richtung bringen dich über einen Bergzug ins Paradise Valley, und dieses Tal kann im Wettbewerb mit den Wellen in Taghazout tatsächlich mithalten. Ich sage das, obwohl ich der Meinung bin, dass das Wort „Paradies“ lizenziert und nur dann verwendet werden sollte, wenn es verdient ist. Ich habe Anwesen im ländlichen New York besucht, die mit nichts als endlosem Asphalt und Laternen so weit das Auge blickt, aufwarteten, und sie nannten sich „Paradies“. Ich hatte ein ungezieferverseuchtes Zimmer in einem Hotel in Nicaragua, das auch als Puff fungierte, und es nannte sich „Paradies“. Im von mir präferierten System dürfte sich keines dieser Etablissements als „Paradies“ bezeichnen. Dagegen würde Paradise Valley exklusiv dastehen. Wenn du glaubst, dass es in Marokko nichts außer ein paar Souks am drögen Rand der Wüste gibt, dann solltest du dieses Tal besuchen! Im Paradise Valley leben ein paar Bauern, eine Gruppe New Age-Reisender, Wildschweine und die überall in Marokko präsente unschuldige Beobachterin des Geschehens: die Ziege. Ein Fluss schlängelt sich durch das Tal. Er nährt Dattel-, Feigen- und Arganbäume ebenso wie die Farmer und Hippies. Die Hippies sind hier, weil Jimi hier war. Und Jimi kam ursprünglich, weil er im Herzen ein Nomade war und es liebte, unterwegs zu sein.

Jimi traf auch Husseins Vater. Heute gibt es nur noch Hussein, aber er erzählt dir, wie es war, als Jimi ankam, dort zwischen den hohen Bäumen und den Wasserfällen. Wie er sich hinsetzte und Tagine mit seinem Vater aß, und dann die ganze Nacht lang Gitarre spielte. Auch Hussein spielt Gitarre. Am liebsten Melodien, die mit dem Chor geiler Frösche und wilder Hunde harmonieren. Flußhunde nennt man sie im Paradise Valley. Es sind pfiffige Promenadenmischungen, die ihren ganzen Charme einsetzen, um von Hippies und Touris Futter zu erbetteln, in Ergänzung zu den Eichhörnchen, die sie nachts fangen. Im Paradise Valley wirken auch Heilkräfte. Hussein berichtet von einem Paar aus Deutschland. Sie kamen in den 1970ern. Beide sterbenskrank. Nach einem halben Jahr im Tal reisten sie gesund nach Hause. Hussein weiß, warum: „Hier ist das Paradies“, sagt er. „Das ist es.“ Die Felsen verbergen die sinkende Sonne. Je weniger sie ins Tal scheint, desto höher steigst du, um zwanzig Minuten länger das goldene Licht zu genießen. Jimi Hendrix kaufte sich ein Haus an der Küste, oberhalb vom Paradise Valley, in Essaouira. Zwei Jahre später starb er in London. Der Weg aus dem Paradies ist holprig und führt nur bergab. Ständig blickst du in den Rückspiegel, wie einer, der nervös wartet, bis die wütende Freundin endlich aus dem Badezimmer kommt. Aber das Tal kehrt nicht zurück. Du musst deinen Stolz überwinden und selbst den ersten Schritt tun. „Die Leute kommen immer zurück“, sagt Hussein und kichert. Viele Leute rauchen Haschisch im Paradise Valley. Hussein nicht; er bedient das Klischee: Sein High ist natürlich. Seit über zwanzig Jahren betreibt er jetzt den Tagine-Imbiss im Tal. Seine Familie lebt auf einem Hügel, gleich nebenan. Er braucht zwanzig Minuten für den Weg. Und er fährt ihn jeden Tag. Er liebt das Tal. Du fragst warum, weil du weißt, was er sagen möchte: „Hier ist das Paradies“, sagt er. „Das ist es.“ Die besten Informationen für einen Besuch im Paradise Valley finden sich in Taghazout via www.surfnstay.net


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Kunst

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von Verena Dauerer Wenn es vom 27. bis 29. April beim Berliner Gallery Weekend um die Kunst geht, geht es auch ums Verkaufen, um den Wert von Kunst, um Kunst und ihren Markencharakter. Der in Berlin lebende Performancekünstler Christian Jankowski beschäftigt sich unter anderem mit der Überlappung von Kunst und Luxusmarke: Auf der letztjährigen Londoner Kunstmesse Frieze Art Fair bot er einmal eine Superjacht zum Verkauf an, als Boot für 65 Millionen Euro und als Kunstwerk für 75 Millionen. Außerdem gab es ein Motorboot für 500.000, beziehungsweise für 625.000 als Kunstwerk. Beide ließ er von einem JachtSalesmanager den Messebesuchern anpreisen. Für Traffic erklärt er seine Aktion:

Die Luxusmarke „Bei Luxusgütern gibt es einige Verwandtschaften zu Kunstwerken, die auf den LuxusKunstmessen zu kaufen sind. Das Klientel überschneidet sich da. Letztendlich ist auch die Kunst ein Luxusgut, auch sie braucht man nicht dringlich, um zu überleben. Das unterstelle ich nicht allen Sammlern, aber es gibt bestimmt einige, die sich Werke auch kaufen, um sich damit in eine bestimmte Gesellschaft einzukaufen.“

Das Setting „Die Aktion fand zwar auf einem offiziellen Messestand statt, war aber Teil der Frieze Projects, einer kuratierten, unkommerziellen Ausstellung im Rahmenprogramm der Messe, darum musste ich zum Glück keine Standmiete bezahlen. Ich wollte etwas über die Situation vor Ort, den Markt machen und dabei den Kunstkäufer zum ultimativen Performance Künstler erklären. Dieses Boot wird auch nicht von einem Galeristen verkauft, sondern von einem professionellen Salesmanager des Jachtbauers CRN aus Ancona. Der verhandelt normalerweise mit Klienten, die sich so einen Kauf leisten können, wohingegen er es auf der Kunstmesse nun mit vielen Journalisten zu tun hatte ... Dazu gab es auch ein Promotionvideo mit dem Grundkonzept: Der Kunde kann das gleiche Objekt auf zwei unterschiedliche Arten kaufen, entweder als Kunstwerk oder als das, was es ja auch ist – als normales Boot. In dem Video wird erklärt, was der potenzielle Käufer gewinnt, wenn er die Jacht als Kunst kauft. Dabei wird der performative Akt auf den Käufer selbst übertragen, denn in dem Moment, wo er die Wahl hat, wird er aktiv am Kunstmachen beteiligt, entweder er macht ein Objekt durch sein Engagement zur Skulptur oder eben nicht. Dadurch bekommt er eine bedeutendere Rolle, die dem Werk eine Wendung gibt. Wenn er sich für das Boot als Boot entscheidet, ist seine Arbeit vor Ort trotzdem eine Kunstperformance. Die Möglichkeit, das Boot als Readymade, als permanente Skulptur zu behalten, ist dadurch dann aber nicht mehr gegeben.“

Installationsansicht auf der Frieze Art Fair, London Foto: Linda Nylind

Kunst und


Kunst

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Der Verkäufer „Der Salesmanager wurde kräftig auf der Messe ausgefragt, und hat sich immer mehr in seine Rolle als potenzieller Galerist oder Künstlervertreter eingefunden. Bei meinem ersten Besuch beim Jachtbauer CRN in Ancona kannte er den Namen Marcel Duchamp noch nicht, obwohl er dann schon eine Stunde später beim Dreh des Promotionvideos ganz selbstverständlich über das Readymade philosophiert. Er nennt andere Künstler wie Carl Andre oder Franz West, bei denen es um die Skulptur geht, die man benutzen kann. Ähnlich wie in der Welt der Boote über Markennamen referiert wird, musste ich ihm Kunstgeschichte erklären, um mein künstlerisches Konzept zu untermauern und damit er wusste, aus welcher Tradition ein solches Werk in der Kunst entstehen kann. Er hat das auf der Frieze immer mehr verinnerlicht und konnte alles nach kurzer Zeit sehr überzeugend vermitteln.“

Das Boot „Der Salesmanager von CRN erzählte mir, dass wenn jemand bei ihnen eine Jacht gekauft hat, kommt kurze Zeit später ein Transporter des Käufers vorbei und Mitarbeiter dekorieren das Boot von innen mit Kunstwerken aus. Ein Kunde hatte etwa ein Gemälde von Wassily Kandinsky in seiner Jacht und hat nach den Farben des Bildes die Sofa- und Kissenbezüge auf dem Boot ausgewählt. Meine Hoffnung ist aber, dass es unter den Megajachtbesitzern auch Leute gibt, die von Kunst noch mehr erwarten als nur eine Form der Dekoration. Mir ist klar, dass jemand, der für die Megajacht Jankowski zehn Millionen mehr ausgibt als für das gleiche Boot ohne meinen Namen, mehr Erklärungsbedarf bei seinen Freunden hat als der Mann mit den bunten Sofakissen. Dafür braucht mein Sammler ein eigenes Kunstverständnis, Abenteuerlust und ein Standing, um die Herausforderung anzunehmen, die sich auf einer Reise mit der Kunst ereignen. Ich stelle mir das sehr anregend für den Besitzer vor. Er sagt nicht: „Meine Kissen haben die gleiche Farbe wie das Gemälde dort vorne.“ Stattdessen sagt er: „Meine Jacht steht in der Tradition von Marcel Duchamp“, oder „Komm mit auf meine Skulptur, wir stechen in See! Es gibt noch vieles zu entdecken.“ Es geht um eine Haltung und um das Erleben und Agieren mit der Skulptur. Ich kann das Boot wie jedes andere zu Wasser lassen.“

Luxusmarke

Anmerkung: Superjacht Jankowski und Motorboot Christian stehen weiterhin zum Verkauf. Gallery Weekend Berlin www.gallery-weekend-berlin.de Die Megajacht Jankowski www.friezefoundation.org/commissions/detail/ christian-jankowski


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English Appendix

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ARROGANT BASTARD

by Adrian Stanley Thomas, New York City

VOCAB FOR THE MASSES The crisp collar of the dignified may cause a raised eyebrow for some in this world that patronizes hippie accolades and fancy graffiti nestled on top of greetings of “What’s Up” on a regular basis. However pungent it may sound to the nascent “occupying” crowd, there is something to be said for the upper crust. Because not all are afforded the privilege of a crystal lineage, scoffing at the “suits” is easy prey for a litany of jokes and the occasional public protest. What have we become as a result of liberation and descriptive music that provides the masses with a cape of confidence to refute the cordial, sophisticated banter of discourse? Everything is cool and cool gives you an automatic pass into the artsy world of creative people who just want to live and soak up diversity. All along the way, decomposing the sanctity of language and the lyrical metaphors and similes that anchor communication for those of us who delight in challenging vocal structure, you know what I mean, well, maybe most of you don’t. A complete sentence, at least to me, seems a thing of the past. Hyphenated language and thoughts are the norm because the gravitational pull of empty regurgitation seems more appealing. It must. The rebuttal to that is probably just because it’s quicker, and there are more things to do in the 21st Century than in years past. You just need to understand that this is a different time. Well, I don’t care that we are in a different time. I want what I want. But maybe it is because that is what I hear most often in conversation when people engage one another. I suppose that this is to be expected in the dot-com universe. Far be it from me to expect that a large number of people would make an assertive attempt at broadening their vocabulary or seek to expand a thought beyond the daily acronym. But why do I bother to explain myself to people who clearly don’t care one way or the other? Maybe it’s the sound of my own thoughts. A guy needs to be entertained throughout the day. Thinking about it critically, it really isn’t a public service. The public is annoying. Is this all we have to offer? Now, I don’t expect everyone to go around quoting Hamlet or reciting their favorite sonnet, but a researched and developed thought every once and a while wouldn’t hurt, would it? Intellectual engagement tickles the neurons and caresses the synapses, don’t you know that? A synapse is …, well, you can look it up, but you folks could push the envelope a little bit don’t you think? If you look at it honestly and truthfully, the cell phone is pushing us further and further away from those kinetic reactions of language. Now if that doesn’t appeal to you, then perhaps the blatant and non-stimulating dialect of today’s un-inspiring dialogue is more your taste. I think it certainly says a lot about character and what holds your attention. Perhaps you don’t want to challenge your significant other in these sort of ways. But what if you’re afraid to ask? What if you actually do want more and because you’ve already built a circle of friends, you are a bit timid about challenging your own status quo? No, that couldn’t be it. You’re too cool. You’re hip and popular with lots of “friends” who think you are smitten. Why would you ever need to change?

SURFING IN TAGHAZOUT: THE AGED SEA by Conor Creighton German version on page 10 Lahcen Aitidir may not have been the first Moroccan to try and ride the waves on a surfboard, but in light of the

influence he’s had over Moroccan surfing, he might as well have discovered the sport and been the sixth member of the Beach Boys too. Lahcen got his first surfboard from an Australian in 1971. But he’d been surfing before that. “We surfed on tree bark or pieces of palm trees,” he says, “But it wasn’t so nice. It cut your skin.” These were the original boogie boards. Lahcen is fifty-four. He’s a sinewy, short man and when you see him throwing himself off the rocks on a multi-coloured long board you think he doesn’t stand a chance against the incoming waves. But then he ducks and weaves past the breakers and you remember that he’s been in this water for half a century and is as comfortable on a wave as a mountain goat is on a slope. Lahcen lives with his wife in a beachfront house at Hash Point. Hash Point got its name because it’s the lazyman’s surf spot in Taghazout. It’s a right-hander that breaks just in front of the town. You can pretty much down your tea, pay your bill, make a slow run for the water and be dropping into waves in a few minutes. International surfers arrived in the seventies with real boards and surf gear. Lahcen remembers the first VW van. “It had a kangaroo on the side of it”, he says. Even today, the surf spots in Taghazout aren’t rammed compared to Europe or the US. Twenty surfers out in the line up constitutes a busy day here, while most breaks in California or even Cornwall could only dream of such intimacy. But back when Lahcen was first surfing, two other bodies in the water felt like a crowd. But as the eighties progressed, Taghazout became the only place in North Africa for surfing. Taghazout is a special, close-knit place. If you wander into the surf shops around the town and mention Lahcen’s name, they’ll tell you that the first board they ever surfed on was his. Surfboards were and still are luxury items. Improvisation, repair and scrounging are as much bywords of the Taghazout surfing community as low and high tide. It wasn’t a million years ago that people here were using telephone cable as leashes, and lets not forget those palm tree surfboards. The generation that followed Lahcen grew up with an ownership over surfing. It was no longer just for blonde Australians avoiding the winter back home. If one of their own could surf the same waves as the out-of-towners then why couldn’t they? Moroccan youngsters would hit the water before school, and then come back out again after the last bell rang. Like Brazilian kids dream of getting signed up on football contracts, the kids in Taghazout dream of surf sponsorships, and if that didn’t work they could open a surf shop or school. It was still a nicer life than their fathers and grandfathers who fished or farmed in the mountains.  Taghazout may stand out for its liberal internationalism but it’s surrounded on one side by the sea and the other by a conservative Muslim population.   It’s this conservatism that starts funny rumours. One goes that during Ramadan the more devout surfers don’t go into the water for fear of swallowing and breaking their fast. It’s maybe true for one or two people, but the people of Taghazout have grown up alongside hippies and travellers and their laid-back attitude and curiosity is a product of their Berber roots and this cosmopolitan mix of visitors. So long as the swell is working Lahcen Aitidir still surfs during Ramadan. “Yes I do,” he says, “You’re not a fish. You just close your mouth.”

Valleys of Neptune

by Conor Creighton German version on page 27 Taghazout is a small town less than an hour’s bumpy drive north of Agadir. In high summer only Africans and Europeans of questionable origin can hack the heat but in autumn, winter and spring the town and the area are a playground for seasonal migrants. The local secret is a stretch of land called Paradise Valley. When the surf is flat, this is where the dreamers go. Up until the seventies no one outside of Morocco had heard of Taghazout. Yes, there’s some local folklorists who’ll claim Irish pirates and American troops were the first rubber-

neckers to be charmed by the soft beaches but until a certain African-American blues guitarist dropped anchor, Taghazout was very much a one goat town. That was Jimi Hendrix. And if you visit Taghazout you’ll hear his name invoked almost as often as the prophet Mohammed’s. Back then travelling into the exotic was still exotic. Africa had an otherworldly image and celebrities like Burroughs, Dylan and then Hendrix who visited here were considered brave, radical explorers. Only the most leaden of couch-potatoes would consider Bono, Jolie and the rest of the Louis Vuitton Afrophiles radical today. Well Taghazout is still radical, in that it’s a little piece of paradise not yet spoiled. The first time I visited a friend, who’d lived there for some seasons, gave me this nugget: “Arrive in the square, take a walk down to the shore, point to your favourite balcony and in a couple of minutes someone will be handing you the keys to it and cooking up a tagine for your supper.” It’s a magical description but some of that dust still remains. Two days in and you can’t walk through the village without Omar, Mohammed, Hassan, Ali and the boys reaching out a hand or patting their chest. Your skin could act as a reflector and your bathroom routine might have accelerated but apart from that, you’re home away from home. Opposite ends of the day are the best. Early morning and dusk before and after the sun’s brightest hours. You step out into the surf with sleepy eyes and wake up with the first swells. Taghazout is a surfers paradise albeit a lazy one. The town’s central break is called Hash Point. At high tide you can drop from the footpath into the water and in six strokes you’re on a wave. The other lazy breaks Panorama and Mystery are a quick stroll either side of town. It’s rare they’re big, but if you want big, a twenty minutes drive north will do it for you. If you drive twenty minutes south you come across a mountain lane that brings you into Paradise Valley and this is the one thing in the Taghazout area that can compete with the waves. Now, the word paradise should be licensed and distributed on merit. I’ve been in housing estates in rural New York with nothing but asphalt and street lighting as far as the eye can see and they were called paradise. I’ve rented a bug-infested room in a Nicaraguan hotel that also doubled as a brothel and it was called paradise. Under my system neither of these two establishments would be permitted to use the word paradise in their name. Paradise Valley would probably get an exclusive. If you thought that Morocco was little more than a few souks on the hard shoulder of the desert then it’s no bad thing you visit. The Valley is home to a few local farmers, a tribe of new age travellers, a wild boar and the innocent bystander in every Moroccan situation – the goat. A river meanders its way through providing life for date, fig and argan trees, as well as the farmers and the hippies. The hippies are here because of Jimi and Jimi came here originally because Jimi was an old gypsy at heart and loved to be on the trail. He met Hussein’s father. Today if you visit you can only meet Hussein but he’ll tell you about how Jimi arrived amidst the tall trees and cascading waters and sat down to eat a tagine with his dad then played guitar long through the night. Hussein plays guitar too. He picks out melodies that blend with the chorus of horny frogs and wild dogs. In Paradise Valley they call them river dogs. Resourceful little mongrels who charm food from the hands of the hippies and the tourists to compliment the squirrels they catch in the dead of night. There are healing properties here. Hussein tells the tale of a German couple who visited in the seventies. They were both ill. Dying. They spent half a year living in the valley and left cured. You ask him why. “This is paradise,” he says. “This is it.” The rock faces act as staggered buffers for the dropping sun. Each time the light dips you climb a little higher and catch another twenty minutes of golden sunshine. Jimi Hendrix went on to buy a house up the coast from Paradise Valley in Essaouira. He died two years later in London. The road out of paradise is bumpy and all downhill. You keep your gaze on the rearview like a bad boyfriend waiting on a disgruntled girlfriend to re-emerge from the bathroom. But the valley doesn’t come back. It’s you who has to swallow your pride and make that first move. “People always come back,” Hussein says and giggles. A lot of people smoke hash in Paradise Valley. Hussein doesn’t. To honour the cliche he’s on a natural high. He’s been running the tagine hut in the middle of the valley for twenty years now. His family lives just outside the valley on a hill. Each morning, he commutes in taking him about twenty minutes. He loves it and fishing for a compliment you ask him why. “This is paradise,” he says. “This is it.” If you want to visit Paradise Valley the best way is to go through www.surfnstay.net in Taghazout.


HERR VON EDEN.COM I PHOTO: DANIEL JOSEFSOHN.COM


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