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No. 6/2017 November/Dezember 7. Jahrgang

Das einzige Schweizer Gratis-Magazin für musikalische Lebenskultur

mit g Sch rosse w Sze eizer m ne T eil

>POP >ROCK >METAL >INDIE/ALTERNATIVE >COUNTRY/AMERICANA >SWISS >BLUES

>WORLD

STORIES INTERVIEWS KONZERTE WETTBEWERBE REZENSIONEN

SUNRISE AVENUE * THE DARKNESS * ROBERT PLANT * BECK * CHRIS REA * MARILYN MANSON * ENSLAVED * PÄNZER * INTOXICA * BASEMENT SAINTS * THE ROLLING STONES * CELLAR DARLING * BO KATZMAN & THE CAT PACK


Inhalt In eigener Sache

FEATURES / INTERVIEWS: - BECK

Liebe TRACKSler Mit dieser Ausgabe haltet ihr die letzte physische TRACKS Ausgabe in den Händen. Schweren Herzens mussten wir uns entschliessen, per Ende 2017, also mit dieser vorliegenden Ausgabe, die PrintVersion das Magazins einzustellen. TRACKS als Gratismagazin wurde ausschliesslich durch Inserate finanziert und hier mussten wir seit einiger Zeit einen erheblichen Rückgang im Volumen verzeichnen. Ein Problem, mit dem je länger je mehr alle Printmagazine zu kämpfen haben. Während grössere Publikationen diese Verluste durch Umlagerungen oder Fusionen momentan noch auffangen oder zumindest abfedern können, müssen wir uns als eigenständiges Magazin der Realität alternativlos stellen. Bereits in diesem Jahr war es sehr schwierig, die hohen Kosten für Produktion und Vertrieb zu decken, für das nächste Jahr sind die Prognosen aber derart negativ, dass uns leider keine Möglichkeit bleibt, TRACKS als Printmagazin weiter zu führen. Immer mehr Firmen ziehen sich mit ihrer Präsenz aus dem Printbereich zurück, leider auch in immer stärkerem Mass die Phono- und Veranstaltungsindustrie, mit deren Unterstützung TRACKS in erster Linie überlebte. Nun gehen also sieben Jahre TRACKS zu Ende und wir möchten uns an dieser Stelle herzlichst bei all unseren Lesern für die Treue und die unzähligen Inputs bedanken. Auch wenn eure Reaktionen deutlich gezeigt haben, dass ein grosser Bedarf an einem Schweizer Musikmagazin wie TRACKS vorhanden ist, können wir leider die wirtschaftlichen Gegebenheiten nicht aufhalten.

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Pop als Kunst

- CHRIS REA

8

Immer noch unterwegs

- ROBERT PLANT

10

Der letzte Hippie

- SUNRISE AVENUE

14

Nichts ist perfekt

- THE DARKNESS

22

Wiederentdeckte Härte

- MARILYN MANSON

28

Frisch geschockt

- ENSLAVED

32

Die Entdecker

- PÄNZER

42

Deutsch-Schweizer-Schwedenstahl

Schweizer Szene: - SHAKRA

36

Schlangen und Leitern

TRACKS wird allerdings als Online-Magazin weiterleben. Ich übergebe das Zepter für www.tracks-magazin.ch hiermit an unseren langjährigen Redaktor Laurent Giovanoli (laurent@tracks-magazin.ch) und unseren Hausund Hoffotografen und Webmaster Ian Keates (ian@tracksmagazin.ch) und freue mich, dass mit den beiden meine Wunschkandidaten mein «Baby» in gewohnter Qualität weiterführen wollen. Auch alle anderen TRACKS Redaktor(Inn)en bleiben weiterhin im Team. Ich selbst werde als Redaktor in erster Linie für die Bereiche Blues/Bluesrock, Classic Rock und Buchrezensionen ebenfalls weiterhin meinen Senf dazu geben. In diesem Sinn verabschiede ich mich von der vordersten Front mit einem herzlichen «Long Live RocknRoll» und hoffe, dass ihr TRACKS ONLINE weiterhin die Treue haltet. Hanns Hanneken Herausgeber/Chefredaktor

Reviews 6 Mainstream/Indie/Alternative Morrissey, Van Morrison, Shania Twain, Miley Cyrus, Curtis Harding, David Garrett, The White Buffalo, The Nits, Pink, Living Color, Sparks, King Gizzard & The Flying Lizzard, Mark Olson Michael Lane, Flying Eyes, Unkle...

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Hard/Heavy/Metal August Burns Red, Beasts In Black, Grave Pleasures, Kryptonite, Lionheart, Mastodon, Nocturnal Rites, Phantom 5, Procession, Stillborn...

- INTOXICA

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Have a drink on me

- BASEMENT SAINTS

53

Der nächste Schritt

LIVE REVIEWS - THE ROLLING STONES

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- CELLAR DARLING

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- BO KATZMAN & CAT PACK 59

47

Buch James Brown, Jimi Hendrix, Elvis Presley

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Swiss Basement Saints, WolfWolf, Souls Revival, Jael, Baum...

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DVD Blues Pills, div. Rockpalast

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ReReleases Hard Stuff, Airbourne

60 62

Konzertkalender Wettbewerb / Impressum

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Der Rest ist Freestyle

bs. Es sind Künstler wie Beck, die die Musiklandschaft spannend halten. Die durch ihren ungezwungenen Ungehorsam den Mechanismen der Pop-Industrie gegenüber dafür sorgen, dass man auch im Angesicht identitätsberaubter Dummchen ohne Talent noch an das Gute der Popmusik glaubt. Und das nun schon seit 1994. Damals machte ein junger Typ in Schlabberklamotten, kaum Mitte 20, weltweit Furore. Der Grund: Sein Song „Loser“. Der saß musikalisch zwischen allen Stühlen zwischen Pop, Funk, Hip-Hop und Alternative Rock, war textlich voll triefender Ironie und Sarkasmus. Das kam an, das machte auch das offizielle LabelDebüt „Mellow Gold“ zu einem der ikonischen Alben der frühen Neunziger. Zu diesem Zeitpunkt war der Künstler namens Beck David Campbell höchstens einem Kreis elitärer Eingeweihter in den USA bekannt. Der 1970 in Los Angeles geborene Beck hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Platten in Eigenregie veröffentlicht – und sah ehe so ganz und gar nicht danach aus, als wolle er kommerzielle Erfolge landen. Vielleicht tat er es ja genau deswegen. Und tut es bis heute. 23 Jahre nach diesem aufsehenerregenden Start mit „Mellow Gold“ ist Beck immer noch ein eigensinniger Künstler. Ein Querdenker, ein Rastloser, der in keine Muster passt und darüber offensichtlich sehr froh ist. Sein neues Album „Colors“ kündet natürlich mal wieder davon. Viel ist von dem nostalgischen, dezent archaischen und durchaus düsteren Folk-Sound nicht geblieben, der sein letztes Album „Morning Phase“ auszeichnete. Das ist selbst für einen progressiv agierenden Tüftler wie ihn allerhand: Mit jenem letzten Werk sicherte er sich 2014 den Grammy für das beste Album, eine Fortführung dieser Linie wäre für die meisten sehr erstrebenswert gewesen. Nicht für den 47-Jährigen. In den letzten Jahren lebte der sich zwischen Sixties-Pop, Lo-FiGeschrammel, Avantgarde, Pop und Folk aus – und entdeckt jetzt, wo er stramm auf die 50 zugeht, die locker-flockigen Beats und die Tanzfläche für sich. „Diesmal war es mir wirklich wichtig, etwas zu schreiben, das sich gut live spielen lässt“, gibt er unumwunden zu – und deutet damit gleich an, dass es in den letzten Jahren gewiss nicht immer leicht war, die verschrobenen Klangkörper auf der Bühne zu reproduzieren. Entstanden zwischen 2014 und 2017, überraschte Beck schon 2015 mit der ersten Single „Dreams“, ziemlich genau ein Jahr später gefolgt von „Wow“. Beide Songs wurden von renommierten Fachblättern mal wieder zu den besten PopSongs des jeweiligen Jahres gezählt, doch das Album… wollte einfach nicht kommen. Erst jetzt, mit über einem Jahr Verspätung, erscheint es. Und hält natürlich, was es verspricht – auch, was die Entstehung angeht. „Ein Stück wie „Wow“ ist wie ein wunderbarer Unfall“, sagt Beck. „Ich habe den Song gar nicht geschrieben, nur im Studio vor mich hingesponnen. Eigentlich schrieb ich gerade an einem anderen Song, als mir dieses Riff zuflog. Der Rest“, meint er grinsend, „ist Freestyle.“ Das, so muss man sagen, trifft auf so ziemlich die gesamte Karriere dieses Pop-Chamäleons zu. Mit über 16 Millionen verkauften Alben ist er einer der erfolgreichsten Solokünstler aller Zeiten – und wohl vor allem in Europa immer noch einer der eher Unbekannten, seit die Manie um den „Loser“ oder um sein wegweisendes Album „Odelay“ gegen Ende der Neunziger ein wenig abebbte. Ihm dürfte das mehr als recht sein. Am liebsten tüftelt er im Studio vor sich hin, heckt neue Streiche aus, malt, steht vor der Kamera, kümmert sich um seine Familie. Recht normal also – bis auf die doch recht kontroverse Tatsache, dass er bekennender Scientologe ist. Das hält er aus seiner Musik

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Es kann wahrlich nicht jeder von sich behaupten, eine Weltkarriere als absoluter Verlierer zu starten. Genau das hat Beck jedoch getan – und doch ist der verlotterte Grunge-„Loser“ von einst heute nicht mehr wiederzuerkennen: Auf seinem 13. Album „Colors“ gibt es kunstvollen Pop statt Lo-Fi-Schrammel. Und ziemlich interessante Geschichten.

raus, wissen sollte man es dennoch – zumal er sich gleichzeitig auch dem jüdischen Glauben verbunden fühlt. Letzten Endes soll jeder davon halten, was er will; Fakt ist, dass Beck auch mit „Colors“ zeigt, wie viel Talent, Fortschritt und Mut in seinem Wirken stecken. Aufgenommen in Los Angeles mit seinem Vertrauten Greg Kurstin (The Bird And The Bee), entwickelte sich der Entstehungsprozess des Albums selbst zum Kunstwerk. „Das erste Jahr probierten wir eigentlich nur rum“, erinnert sich Beck. „Wir experimentieren wie wild, probierten aus, verwarfen.“ Weil er zu dieser Zeit mehr oder weniger konstant auf Tour war, versuchte er, die Energie der Bühne mit ins Studio zu bringen. „Das ist nicht immer einfach“, meint er mit einem gequälten Lächeln. Doch dann schrieben wir „Dreams“ – und merkten, dass wir auf der richtigen Fährte waren.“ Vier Jahre später ist aus den Experimenten ein Album geworden, das man an die pathetischen Momente der Achtziger erinnert, mal an die sanft wogende Harmonie der Beatles. Dazu gibt es mal verquere Poesie, mal gesellschaftliche Kommentare – wie in „No Distraction“. Mit dieser rockigen Nummer liefert auch Beck seinen Beitrag zur digitalen Abhängigkeit. „Wir werden ständig nur abgelenkt und wissen noch gar nicht, welche Auswirkungen das auf uns haben wird. Zumindest“, fügt er an, weiß ich das noch nicht. Ich beschreibe das immer so, als hätte man plötzlich und dauerhaft meine Haustür entfernt.“ Man muss es wohl so sehen: Immerhin hat uns diese Entwicklung einen weiteren tollen Song auf einem weiteren tollen Album beschert.

BECK Colors Capitol/Universal bs. Er ist und bleibt der große Veränderer der Pop-Welt. Nicht modern, nicht retro – sondern einfach Beck. Auf seinem neuesten Streich „Colors“ ändert der nimmersatte Forscher abermals die Parameter seines Schaffens, wirft den tristen Folk des letzten Albums „Morning Phase“ mutig und entschlossen über Bord, um sich mal so eben neu zu erfinden. Mal wieder. Das hat der Kalifornier seit den frühen Neunzigern ungezählte Male getan, aus dem verqueren „Loser“ von einst ist einer der schillerndsten, fähigsten und besten Pop-Musiker des Landes geworden. Er zitiert in „Dear Life“ clever die Beatles, sprengt mit „Wow“ die Grenzen zwischen Rap, Pop, Indie und Avantgarde, schielt mit den kristallinen Beats und forschen Sequenzern von „Up All Night“ klar auf die Tanzflächen und die Lichter der Großstadtnacht. Ja, auch dieses 13. Studioalbum ist keine leichte Bubblegum-Kost, die man sofort versteht. Es ist ein intelligentes, monströs anziehendes Pop-Album mit hohem Suchtfaktor.


REVIEWS Mainstream/Indie/Alternative LIVING COLOUR Shade Megaforce/H`art ds. Dieses Jahrzehnt hat, nebst einer Handvoll modischer Fehltritte, vermeindlich kaum einen Wiedererkennungswert. Was jedoch in den letzten zehn Jahren extrem zu spüren war, ist ein gewisser Retrokult, sowie ebenfalls zahlreiche Comebacks diverser Kultbands der 80er und 90er. Einige Beispiele dürften Body Count oder A Tribe Called Quest sein. So veröffentlichen ebenfalls Living Colour ihr erstes Studioalbum seit 1993! Dies ist nebst der 2009 erschienenen EP

„The Chair In The Doorway“ erst die zweite Veröffentlichung seit ihrer Reunion im Jahre 2001. Was dieses Album sicherlich auszeichnet ist die Experimentierfreudigkeit der 4 – köpfigen New Yorker Band. So sind zum Beispiel mit Talib Kweli oder Prodigal Sunn diverse Gäste mit an Bord, um den 13 Songs einen modernen Charakter einzuhauchen. Auch sonst steht auf „Shade“ jeder Song solide für sich. So hört man mit „Who`s That“ eine deftige Bluesnummer und zugleich mit der Nummer „Black Out“ Living Colours typischen Oldschool – Metalsound. Ebenfalls auf „Shade“ befindet sich der Song „Who Shot Ya“, welcher als Hommage an Notorious B.I.G. schon 2016 als Mixtape veröffentlicht wurde. Im Mittelpunkt von „Shade“

THE WHITE BUFFALO Darkest Darks Lightest Lights Earache hh. Mit Album No.6 meldet sich der weisse Büffel zurück. Jake Smith, wie der Kalifornier mit bürgerlichem Namen gerufen wird, hat sich in den letzten Jahren auch in Europa eine beachtliche Fangemeinde aufbauen können. Bekannt wurde Smith vor allem durch diverse musikalische Beiträge zur kultigen Rocker-TV-Serie „Sons Of Anarchy“, zu der er den sieben Staffeln insgesamt neuen Songs beisteuerte, auch in der Erfolgsserie „Californication“ ist er immer wieder zu hören. Auf „Darkest Darks Lightest Lights“ bleibt der Büffel seinem eingeschlagenen musikalischen Weg zwar treu, geht aber wesentlich rockiger zur Sache. Dafür den Begriff Americana zu verwenden, trifft den Nagel zwar generell auf den Knopf, aber er dehnt die Grenzen dieses Begriffs aus. In seinen Songs finden sich Einflüsse aus Rock, Blues, Folk, Country und Rock'n'Roll. Dabei lässt es der Singer/Songwriter auch gerne und oft richtig krachen, was im Albumzusammenhang für beste Abwechslung und auch Überraschungen sorgt. Die Band agiert harmonisch und groovt wie Teufel - das, zusammen mit Smith's rauer, intensiver Stimme und den durchweg tollen Songs ergibt ein prächtiges Album, an dem alle Fans von Acts wie Springsteen, Steve Earle, John Cougar, John Hiatt und Roots-RockAnverwandten ihre helle Freude haben werden. Hervorragend von A-Z, das beste White Buffalo Album bislang.

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steht unverkennbar der Blues. Dies liegt wohl daran, dass die Coverversion des Robert Johnson – Klassikers „Preaching Blues“ den Stein ins Rollen brachte, dieses Album aufzunehmen. Schon wegen des breiten Genrespektrums ist „Shade“ eines der gelungensten Alben dieses Jahres.

MORRISSEY Low In High School TBA hef. Dies ist das erste Studioalbu m des einstigen Sängers der legendären 1980er-Jahre IndieRockband The Smiths seit seinem 2014er-Werk "World Peace Is None Of Your Business". Der britische Sänger, der unter anderem mit seinen kontroversen Texten und provokanten öffentlichen Äusserungen immer wieder für Aufsehen sorgte, ist einer, der sagt, was er denkt, und seine Gedanken jeweils auch voller Energie in seine Musik umsetzt. Sein 11. Soloalbum wird auf Morrisseys neu gegründetem Sublabel Etienne Records bei BMG veröffentlicht. Aufgenommen wurde in den La Fabrique Studios in Frankreich sowie in den Forum Studios in Rom, die Ennio Morricone gehören. Dessen Geist soll auch über den zwölf neuen Songs schweben. Produziert hat Joe Chiccarelli, der durch seine Arbeiten für Frank Zappa, Beck und The Strokes Weltruhm erlangte. Schon der Einstiegstitel "My Love, I'd Do Anything" geht voll Power ab, mit Trommelwirbel zu Beginn und heissen Bläsern, die den Rhythmus vorantreiben. Mit "I Wish You Lonely" gleich danach möchte er seiner Partnerin seine Einsamkeit zeigen, die sie am eigenen Leib erfahren sollte. Wohl eine besondere Art der Liebeserklärung à la Morrissey. "Romance gone wrong" ist ein eindeutiges Statement dazu. Persönlicher geht kaum. Song 3, "Jacky's Only Happy When Shes Up On The Stage" wiederum, ist locker und beschwingt. "Israel", der 12. und letzte Titel, beginnt mit lockerem Klavier-Intro und steigert sich zu einer weiteren Intensiv-Ballade, jedes Wort wie bewusst betont, eindringlicher geht kaum. Es ist ja schliesslich ein sehr ernstes sensitives Thema, weil Politik drin steckt, was polarisieren könnte. Auch in "The Girl From Tel-Aviv Who Wouldn't Kneel" passt dazu,

heikle Geschichte. Mein Favorit: "Home Is A Question Mark" – eine melancholische Ballade voller Molltöne und Kraft. Was Morrissey zu sagen hat, kommt dank der Intensität seiner Art zu singen wie gehabt immer glaubhaft rüber. "Es gibt heutzutage nicht mehr viele Künstler, die mit Morrissey vergleichbar sind", sagt Korda Marshall, der Vizepräsident von BMG über sein neues Signing. "Die Musik auf diesem neuen Meilenstein wird für sich selbst sprechen." Öffentlich wird Morrissey vorerst zweimal mit seinen neuen Songs auftreten, und zwar als CD-Veröffentlichungskonzert in der altehrwürdigen Hollywood Bowl in Los Angeles. Ob eine Tournee folgen wird, steht noch nicht fest.

P!NK Beautiful Trauma Sony Music hef. Sie hat in den Jahren von Baby- und Kreativpaus e nichts verlernt. Alecia Beth Moore aus Doylestown, Pennsylvania, explodierte im Jahr 2000 als 21jährige Hitsängerin P!nk in der Musikbranche, verkaufte in der Folge weltweit über 40 Millionen Alben und über 70 Millionen Singles, räumte diverse Grammys ab und gehörte bei Festivals auch hierzulande zu den Top-Namen. Klar füllte sie mehrmals das Zürcher Hallenstadion sowie das Stade de Suisse in Bern und überzeugte nicht nur mit ihren Super-Hits, sondern vor allem auch durch ihre sportlich-artistischen Performances. Ihr erster Nr. 1Hit war 2001 ihre Zusammenarbeit mit Christina Aguilera, Mya und Lil' Kim im Klassiker "Lady Marmalade" aus dem Film "Moulin Rouge". Eigene Hits wie "Get The Party Started", "Funhouse", "Sober" und viele mehr machten P!nk zum Dauergast in den Hitparaden. Auch als Schauspielerin hat P!nk etwas zu bieten, wie man in der Komödie "Süchtig nach Sex" (zusammen mit Gwyneth Paltrow und Mark Ruffalo) sehen konnte. P!nk ist zweifache Mutter einer Tochter (6) und eines Sohnes (9 Monate). Den etwas gewöhnungsbedürftigen Titel "Beautiful Trauma" erklärt P!nk auf Twitter: "Ich schrieb den Song zusammen mit Jack Antonoff, dem Frontmann der Bleachers, und fand ihn gleich perfekt als Albumtitel, "weil das Leben verdammt


Mainstream/Indie/Alternative REVIEWS nochmal traumatisch ist. Aber es ist auch unglaublich schön." Es gebe sogar jede Menge Schönheit "und viele ebenso schöne Seelen." Die 13 neuen Songs sind einmal mehr ein Füllhorn von Melodien und Themen, die P!nk am Herzen liegen. "I'm Here" etwa mit Gospelchor ist so eine Traumnummer mit den verschiedensten musikalischen Elementen und Stimmungen gespickt, zwischen fetzigem Soul und traumhaften Balladenteilen, teils extrem fein von P!nk interpretiert. Dieser Titel packt von Beginn weg und lässt einen kaum mehr los. In "Wild Hearts" gleich anschliessend lässt die 38-jährige nichts anbrennen und geht in wohl autobiografischem Text total zur Sache. "I fight because I have to fight for us to know the truth... there's not enough tape to shut this mouth", singt sie und behauptet, dass man wilde Herzen nicht brechen kann. Es gibt nicht genügend Tapes, deinen Mund zu stopfen. wild hearts can't be broken. The stones you throw can't make me bleed, I will never surrender. Ich werde nie aufgeben, auch wenn ich nach deinen nach mir geworfenen Steinen nicht blute..." Fast verzweifelt schreit sie es hinaus, dass sie kämpfen müsse, um für uns die Wahrheit zu erfahren und man ein wildes Herz nicht brechen kann. Ist ihr eignes gemeint? Oder ist es eine Abrechnung mit ihrem ExMann, dem Motocross-Fahrer Corey Hart? Eines steht zweifellos fest: Das hier sind tolle neue P!nk-Songs mit Tiefgang voller melodiöser Einfälle.

ANASTACIA Evolution Universal Music hef. Eine Evolution hat die Reibeisenröhre mit dem dreckigen Touch in ihrem Sound nicht vollzogen. Noch immer dominiert ihr Powerorgan die vom Blues angehauchten Rocksongs. Als die Amerikanerin im Jahr 2000 mit ihrem Einstand "Not That Kind" in der Szene auftauchte, prophezeite ich ihr im ersten von mehreren Interviews folgendes: "Deine geile Stimme, Baby, und die Art Deiner Musik wird in Europa einschlagen wie eine Bombe. Aber ich denke, du wirst es damit in Deiner Heimat schwer haben." Noch heute ist Anastacia in den USA ebenso unbekannt wie Robbie Williams oder es früher Hitbands wie Status Quo und Barclay James Harvest

waren. Die Amis haben ihren eigenen Stil, auch wenn Anastacia eine der ihren war. "America First" war damals eben noch nicht en vogue. 9 der 13 neuen Anastacia-Songs sind von ihr mitkomponiert. Wobei der Startersong "Caught In The Middle", als Vorab-Appetithappen vorausgeschickt, bereits die alte Anastacia zeigt, nur eine ziemlich poppige. Kein Wunder: Komponist ist Anders Bagge, Schwede, als Songschreiber im Land der Elche und Rentiere, ein Ass. "Stamina" heisst der dritte Song, der gleich für offene Ohren sorgt. Geschrieben von einem gewissen Alex Shield, schwedischer Gitarrist und Songschreiber, der eben vom Label des Roxette-Songschmieds und Gitarristen Per Gessle unter Vertrag genommen wurde. Die Schweden wissen spätestens seit ABBA, Roxette und Max Martin, wie man mit Ohrwürmern die Hitparaden entert. "Stamina" ist ein absoluter Killersong, unterschwellig sehr erotisch-groovig, was an Anastacias Art zu singen liegt und natürlich am Dreck in ihrer Stimme. Wer sich an Knaller wie "I'm Outta Love", "Paid My Dues", "Left Outside Alone" und "Sick & Tired" erinnert, Songs, die sich damals in der Hitparade ganz vorne ablösten, der kommt hier auf seine Rechnung. "Resurrection", Wiederauferstehung, hiess ihr Comeback-Album nach schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen. Mittlerweile 48 und geheilt, wird die Powerfrau, die sich auch in puncto Schönheit mehrfach unters Messer von Chirurgen legte, wohl nochmals zurückkommen. Ein weiteres Comeback jedenfalls hätte die Rock'n'Soul-Röhre verdient. Wie sagt sie doch: "Wir alle müssen uns immer wieder neuen Herausforderungen stellen, ob in Beziehungen, Jobs oder anderen Dingen. Ursprünglich wollte ich das Album "Stamina" nennen, was Durchhaltevermögen bedeutet. Doch dann hatte mir das Wort einen zu klinischen Klang. Mein Bedarf an Krankenhäusern ist mehr als gedeckt." Während des Songwritings habe sie gelernt, "dass ich viel stärker bin, als ich dachte. Genau diese Stärke und diesen Kampfesmut möchte ich auch in meinen Hörern wecken." Hört Euch "Why" an – wie "Pain" ein Gemeinschaftswerk mit Anders Bagge – mit diesem unglaublichen Finale. Man würde am liebsten gleich in diesen jubilierenden Chor einstimmen.

Kolumne Hugs Wegweiser durch die Populär-Galaxie von Christian Hug

Bye bye by now Die Welt ist am Arsch, wir habens ja schon immer gewusst. Die Rolling Stones spielen in Zürich wie die Rolling Stones, die Rolling Stones spielen. Der «Rolling Stone» steht zum Verkauf, weil sich irgendwie niemand mehr für guten Musikjournalismus interessiert. Derweil lesen in «20 Minuten Friday» Tausende die Besprechung des neuen Albums von Shout Out Louds, in der zehn Zeilen lang nichts, aber auch gar nichts, nicht das kleinste bisschen Information zur Musik geschrieben steht. Scheisse ist das. Echt. Und nun geht auch noch das «TRACKS» zu Boden. Weil jetzt alle, die mit Inseraten das Heft am Leben hätten halten können, ins Netz abwandern und dort aber genauso hilflos und unentschlossen im Gaggo rumwuseln, wie sie es die letzten paar Jahre schon analog getan haben. In den Plattenfirmen arbeiten Leute, die Musik nicht anders betrachten als ein paar Schuhe oder Genmais: als handelbare Ware ohne Herz und Seele. Das ergibt eine nicht kuratierte Flut von klingendem Müll, die einem die Lust an der Musik madig macht. Kein Wunder, klammern sich alle an die Rolling Stones, da weiss man wenigstens, was man kriegt. Aber es ist nun mal so: Das «TRACKS», zumindest in der real geprinteten Heftliform, ist Geschichte. Danke, Hanns, du Haurein Hanneken! Du bist ein Held. Falls die Gemeinde Wallbach seit meinem letzten Besuch bei dir einen Kreisel gebaut haben sollte: Deine Statue gehört da rauf als Zierde des Dorfes und als Zierde der Schweizer Musikszene und der Musik überhaupt. Danke! Und danke allen, die das Heft lebendig gemacht haben. Und danke all euch Fanatikern da draussen, die ihr Musik nicht als Geräusch, sondern als Lebensgefühl begreift. Oder um es im Sinne von Lemmy zu sagen: We are Tracks – and we are Rock 'n' Roll! Allen anderen möchte ich die eine und andere Lebensweisheit mit auf den Weg geben: Bewegt eure lahmen Ärsche. Schaltet euer Gehirn ein. Kauft Musik. Kauft den «Rolling Stone», jetzt erst recht. Macht die Seele der Musik spürbar. Verweigert euch der Flut von Scheissplatten. Streckt den Mittelfinger hin und wieder. Nehmt endlich Haltung an. Vergesst diesen ImmerAlles-Humbug. Und vergesst diesen Ich-jetzt-alles-Blödsinn. Werdet nie nostalgisch – es sind bloss die Zeiten, die sich ändern. Macht mehr Sex, herrgottnochmal. Und macht die Augen auf! Und was unseren alten Freund Bono Vox betrifft: Geh mit Gott. Aber geh.

OSCAR AND THE WOLF Infinity Play It Again Sam kw. Das Projekt eines jungen Belgiers, der sich auf elektronische Musik spezialisiert hat.“Infinity“ hat oft eine beruhigende Wirkung ,man würde es am Ehestens in einer Lounge zu finden denken. Oscar and the Wolf gehören klangmässig zu the XX oder Drake. Einfache Melodien, Beats oder Gesangspassagen werden wiederholt und jeweils übereinander geschichtet. Dabei ist es üblich, dass gleichzeitig nur wenige Schichten zu hören sind. Dies gibt “Infinity“ einen räumlichen Charakter. In

“Exotic“, zäh und schwül wie ein heisser Sommernachmittag, kann man sich davon überzeugen lassen und zudem ein bisschen Karibik spüren. Es geht aber auch deutlich in Richtung schnelleren Pop wie in “Breathing“, das bittersüss klingt. Aber es gibt auch Songs, die durch ihren Minimalismus langweilen. “Infinity“ ist aber in der Gesamtheit eine kühle Schönheit, dazu muss man sich beispielsweise nur “Breathing“, “Exotic“ oder “Runaway“ anhören, die eine ganz eigene Erhabenheit pflegen.

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Chris Rea ist einer dieser Menschen, die nicht kleinzukriegen sind. Nach seinem Schlaganfall voriges Jahr kämpft sich der britische Barde mit der Rauchstimme wieder nach oben, liefert mit „Road Songs For Lovers“ sogar eines seiner stärksten Alben überhaupt ab. Ein Gespräch mit einem, der es im Leben nicht leicht hat – und der sich dennoch nie beschweren würde.

bs. Als Chris Rea gegen Ende der Achtziger den Song „The Road To Hell“ schrieb und damit weltweit durch die Decke ging, hatte er noch keine Ahnung davon, dass er sich schon wenige Jahre später auf ebenjener Straße wiederfinden würde. Der musikalische Erfolg kam recht spät in seinem Leben, beinahe gegen seinen Willen, hatte man manchmal den Eindruck. Dass es dann, als er sich endlich an seine Rolle da oben gewöhnt hatte, so schnell gesundheitlich bergab gehen würde, kann man nur als grausame Ironie des Universums bezeichnen. Krebs, Diabetes, Entzündung des Bauchfells… Rea blieb in den letzten 20 Jahren nichts erspart. Dann noch der Schlaganfall letztes Jahr – nicht wenige hätten da längst aufgegeben. Chris Rea nicht. Er kämpfte sich durch die Reha, nahm sogar ein Album auf. „Ich kann einfach nicht aufhören,

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Songs zu schreiben“, begründet er mit einem trockenen Schulterzucken. „Das ist schon seit vielen Jahren so. Nun ist es so, dass ich tragisch viel Zeit in Staus verbringe, weshalb jeder neue Song zunächst mal das Potential hat, ein Song über einen Stau zu werden“, plappert er munter drauflos. „Das ist natürlich Unfug und würde niemanden interessieren, also mache ich lieber Songs über leere, weite Straßen daraus. Was mir selbst zu Anfang gar nicht auffiel, war, dass sich viele der Songs mit zwei Menschen in einem Auto auseinandersetzen. Wie ein Kammerspiel über zwei Menschen, die gemeinsam irgendwo hin fahren. Mir wird das immer erst später bewusst, wenn überhaupt. Meist fange ich den nächsten Song an, bevor ich den letzten verstanden habe. Ich liebe Musik einfach viel zu sehr, um daran etwas zu ändern.“


Wenn man ihm so zuhört, merkt man kaum, dass dieser Mensch voriges Jahr einen Schlaganfall hatte. Dann stellt man fest: Seine linke Hand zittert leicht, seine Stimme ist minimal verwaschen. Auf dem neuen Album „Road Songs For Lovers“ klingt sie vielleicht noch ein wenig dunkler, erinnert durchaus an Leonard Cohen. Es ist dennoch kein mildes Alterswerk eines geschwächten Altstars. Es ist ein schönes, melancholisches Blues-Album über das Reisen, über das Unterwegssein. Dass es am Ende überhaupt ein Studioalbum werden würde, war Rea lange gar nicht klar. „Ich schreibe einfach – ohne zu wissen, wohin mich die Reise führt. Meistens passieren gewisse Songs einfach zufällig, ohne, dass ich hinschaue, sozusagen. Bei „Road To Hell“ war das zum Beispiel so.“ Dieser unvergessene Song

veränderte alles für den Songwriter, der damals schon Ende 30 und durchaus erfolgreich war. Plötzlich wurde er zum Pop-Star, hat bis heute Schwierigkeiten, sich mit diesem relativ späten Ruhm zu identifizieren. „Ich sehe es heute eher als Fluch an“, legt er dar. „Seit meinem Schlaganfall habe ich Probleme mit meiner linken Hand. Ich muss vieles neu lernen und erinnere mich dadurch wieder an meine Anfänge. Als Musiker wie Clapton oder Knopfler zur Gitarre griffen, waren sie fast noch Kinder. In diesem Alter lernten sie Dinge, die man nie wieder lernen wird. Das habe ich verpasst. Und weil ich als Musiker immer danach strebe, besser zu werden, bereue ich sehr, dass ich das ausgelassen habe. Ich habe einfach nicht das Repertoire von Eric Clapton“, seufzt er, „frage mich bis heute, wie der Mistkerl den einen oder anderen Griff schafft. Aber ich weiß natürlich auch, dass ich eh nichts mehr daran ändern kann.“ Chris Rea ist genügsam geworden. Er schreibt Musik, er malt, er kümmert sich um den Garten, verbringt Zeit mit der Familie. Er muss aber immer noch viel unterwegs sein, hasst die vollen Straßen in England aber mit einiger Vehemenz. Dabei liebt er doch Reisen zu, betont er: „Es ist die seltsame Situation, in der man sich wiederfindet: Man kann nichts anderes tun. Man wird dazu gezwungen, einfach nur in einem Auto zu sitzen. Radio hören, die Gedanken kreisen lassen. So sind schon zahlreiche Songs entstanden.“ Einige der Stücke auf „Road Songs For Lovers“ sind ziemlich düster ausgefallen. „Last Train“ führt diese Liste sicherlich an, eine langsame, desillusionierte Cohen-Nummer. „Dieses Stück ist eine Metapher für große Gefahr“; so Rea. „Man kennt ja diese ganzen Songs über den letzten Zug nach Hause, aber dieser hier ist anders. Dieser Zug fährt nicht nach Hause. Alles, was du über diesen Zug weißt, ist, dass es der letzte Zug ist. Und du musst ihn kriegen – auch wenn du nicht weiß, wohin er fährt.“ Er lacht. „Meine Familie war regelrecht besorgt um mich, als sie diesen Song hörte.“ Verständlich ist es aber eben schon, dass ihn derlei Gedanken umtreiben. Die Operationen, das bange Warten auf Diagnosen, die Ungewissheit, das Zurückkämpfen ins Leben nach dem Schlaganfall. Der 66-Jährige ist bislang immer wieder aufgestanden, hat immer weitergemacht. Seine Familie half ihm sehr dabei – aber eben auch seine Musik. Er lächelt sanft. „Manchmal vergesse ich fast, was für ein Segen es ist, mich durch Musik ausdrücken zu können.“


REVIEWS Mainstream/Indie/Alternative Die Gallaghers

LIAM GALLAGHER As You Were Warner Music hef. Britpop lebt, und zwar gleich doppelt. Die Gallagher-Brüder, einst Anfang der Nullerjahre für das neue Genre mitverantwortlich, haben ihre Band Oasis längst aufgelöst und dümpeln beide mit eigenen Gruppen durch die Musikwelt. Ok, der Fan hat nun einfach die doppelte Portion Oasis-Britpop, meistens unter „ferner musiziert und konzertiert“ in irgendwelchen mittleren Clubs oder Hallen. Die Frage, ob eine Oasis-Reunion nicht sinnvoller wäre, ist wohl obsolet. So viel Hass wie in den beiden Brüdern aufeinander steckt, wird wohl nie mehr zum gemeinsamen Musikmachen führen. Natürlich kann man gut mit den beiden neuen Solowerken der zwei BritpopProtagonisten leben. Denn beide sind auf eine Art Oasis. Liam eigentlich total, weil es ja schliesslich auch seine Stimme ist, die Oasis-Klassikern wie "Wonderwall" und "Don't Look Back In Anger" das gewisse Etwas einhauchten und den Wiedererkennungswert stellen. Das ganze Album ist durchgehend Oasis-mässig komponiert, mit den klassischen beatlesken Riffschwüngen, wie man sie in den 1960er Jahren in Lennon/McCartney- und George-Harrison-Kompositionen hörte. Britpop war damals ein fantastisches Remake dieser Sixties-Sounds inklusive Lebensgefühl, interpretiert von ungestühmen Rüpeln, die damit eine krasse neue Welle auslösten und viele junge Musiker beeinflussten, und zwar bis heute. Hört Euch als erstes "For What Its Worth" an, das nichts zu tun hat mit dem Klassiker von Buffalo Springfield feat. Stephen Stills und Neil Young, sondern ein Original-Liam ist. Hammersong, der vielleicht den neuen Britpop-Boom einläuten könnte. Dass er musikalisch bei seiner Vergangenheit bleiben wollte, bestätigt Liam so: "Ich wollte nichts neu erfinden oder auf eine Space-Jazz-Odyssee abdriften. Es ist mein <Lennon-Kalter-Entzug-Vibe>, The Stones, die Klassiker, aber eben heute und auf meine Weise interpretiert."

NOEL GALLAGHER's HIGH FLYING BIRDS We Built The Moon? Sour Mash hef. Ein völlig anderer Einstieg in den ersten Song beim fünf Jahre älteren Bruder Noel als bei Liam, der ohne Umschweife voll auf Britpop setzt. Bei Noel und seiner Band beginnt es bei "Fort Knox" sanft elektronisch, das sich mit Düsenjäger-Lärm und treibenden Drums zum Crescendo steigert, der Satz "you got yourself together" wie ein Mantra wiederholt. Nix von Oasis-Groove. Song zwei "Holy Mountain" geht gleich ab wie die Feuerwehr, geiler Groove mit Chören und Uuuuhhhs zum Mitgrölen. Dazu wird mittels Elektronik "gepfiffen". "Can you keep a secret?", heisst es im dritten Titel "Keep On Reaching", wiederum ein mächtiger Feger mit fingerschnippendem Swing. Dazu Bläser, die Druck geben. Der Song marschiert forsch vorwärts. Dann folgen höchst spannende Titel mit kaum Britpop-Anleihen. Fazit: Die 12 NoelSongs gehen nicht so schnell ins Ohr wie die Melodie-Schmeichler von Liam. Es ist die klassische Weiterentwicklung eines äusserst begabten Songschreibers, der sich nicht auf alten Meriten ausruhen mag. Auch wenn der siebte Titel "Black & White Sunshine" sich marginal daran anlehnt. Der Up-tempo-Song "If Love Is The Law" zeigt erneut Noels Arrangement-Qualitäten, die sich auch in einer unterschwellig bluesigen Mundharmonka zeigen, die total in den Sound eingebettet wurde. Die schweren, gezogenen Rhythmen von "The Man Who Built The Moon?" holen einen mit den ersten Takten wieder aus den schwebenden Sounds des Vorgängers runter. Ein Klasse-Lied, das den Albumtitel abfedert. Ich denke, mit den Noel-Songs wird man länger Freude haben, weil sie sich nicht direkt in die Gehörgänge kriechen wie die Songs von Liam. Entscheiden wird so oder so der (Oasis)-Fan.

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CURTIS HARDING Face Your Fear Phonag hef. Das weisse Mädchen mit den nackten Brüsten, das im Video zum Titel "Next Time" am Strand entlang läuft und sich dann auf einem Sofa räkelt, hat mit dieser Musik nicht viel zu tun. Die Bilder disharmonieren mit dem Sänger, der mit Gitarre auf einem Bett sitzt und das Lied obercool darbietet. Das Video muss eine reine Ablenkung von einem unglaublichen Talent sein, nur so lässt sich das erklären. Denn solch plumpe, wenn auch ästethische Bilder, hat der Mann in der Tat nicht nötig. Er prägt das Prädikat Neo-Soul wie wenige vor ihm dermassen, dass die Top-Magazine der Branche ins Schwärmen kamen. "Vom Backgroundsänger zur neuen Soulhoffnung", schrieb "Rolling Stone". Der SPIEGEL doppelte nach: ""Kein glatt poliertes und an gesetzteres Publikum gerichtetes Soul-Juwel, sondern ein schroffes, schwieliges Stück R&B." Was für ein Kompliment! Mit seiner variantenreichen Stimme zwischen Al Green und Curtis Mayfield begeistert der Mann aus Atlanta sogar RockCracks wie Jack White ("für mich ist er eine grossartige Inspiration") und Iggy Pop ("er ist stilvoll und ein wenig verrucht.") Mit seinen elf Songs des Zweitlings wird der Ausnahmekünstler, der am 24. November im Zürcher "Plaza" auftritt, wohl noch manch einen Musikfan auf Anhieb in die Tasche stecken.

DAVID GARRETT Rock Revolution Universal Music hef. Er sieht aus wie ein Rockstar, benimmt sich wie ein Rockstar, indem er mit einer Ex-Freundin und einstigen Prostituierten einen öffentlich ausgetragenen Streit um SM-Sex abreisst und nicht nur die Musikwelt schockiert. Wie auch immer: Wichtig ist auch in diesem Falle die Musik. Und damit kann der blendend aussehende Deutsch-Amerikaner nicht nur beim weiblichen Publikum punkten. Mit diesem Album rückt der Teufelsgeiger nicht zum ersten Mal dem Besten aus Rock und Pop musikalisch zuleibe. Sinfonisch aufgemotzt, geigt er sich verwegen durch Klassiker, die teils ziemlich viel Mut zum Covern brauchen. "Stairway To Heaven" von Led Zeppelin etwa. "Purple Rain" von Prince. "Bohemian Rhapsody" von Queen und "Superstition" von Steve Wonder. 18 Titel insgesamt, darunter echte klassische Stücke wie Concerto No 1" von Tschaikowsky und "Baroque Reinvention" von Johann Sebastian Bach. Dazwischen duelliert er sich virtuos mit Rock-Gitarrist Franck Van der Heijden in "Duel Guitar versus Violin". Keine Musik für Weichspüler, keine Sorge. Laut abspielen und geniessen!

VAN MORRISON Roll With The Punches Universal Music hef. Der alte Grantler zeigt einmal mehr, wie viel Gefühl in ihm steckt. Van the Man hat sich auf seinem 37. Studioalbum BluesKlassiker und neue eigene Songs vorgenommen und im schönsten, oldfashioned Rhythm'n'Blues eingespielt. "Ich hatte das grosse Glück, Legenden wie John Lee Hooker, Bo Diddley, Mose Allison, Sister Rosetta Tharpe und Lightnin' Hopkins neben vielen


Mainstream/Indie/Alternative REVIEWS anderen persönlich kennenzulernen, Musiker, die mich von frühester Jugend an inspirierten", schwärmt der sonst so emotionslos wirkende Ire, der sein Publikum nicht begrüsst, weder seine Songs ansagt noch seine Mitmusiker vorstellt. Aber eigentlich zählt ja auch nur seine Musik. Und die ist auch hier wieder Morrison pur. Wenn der Meister ins Studio geht, dann folgen ihm Freunde und Anhänger. Diesmal sind Leute wie Jeff Beck, Chris Farlowe (ex-Colosseum), Georgie Fame und Paul Jones (ex-Manfred Mann) mit von der Studio-Partie. In Titeln wie "Bring It On Home To Me, bereits in den frühen 1960er Jahren von The Animals mit Sänger Eric Burdon unglaublich gefühlvoll interpretiert, dass man glaubte, diesen Klassiker nicht mehr steigern zu können, zeigt Morrison seine ultrasanfte Seite in einer wunderbar filigranen, leicht umarrangierten Version, die unter die Haut geht. In "How Far From God" wiederum lässt er es rocken und mit fetzigen Pianoläufen so richtig fingersnippend swingen. Der Mann hat eben viele Seiten. Deshalb gilt noch immer: Einmal Van-Fan, immer Van-Fan.

SHANIA TWAIN Shania Now Universal Music hef. Schon nach den ersten Tönen stellen sich einem die Härchen, Goosebumps, Gänsehaut! 15 Jahre nach ihrem letzten StudioAlbum 2002 legt "die meistverkaufte weibliche Country-Sängerin aller Zeiten" einen Nachfolger vor, der Shania heute repräsentiert, wie es schon der Albumtitel sagt. Mit fünf Grammy Awards ausgezeichneet, erhielt sie zudem als erste und bisher einzige weibliche Künstlerin den CMTs Artist Of A Lifetime Award, die höchste Auszeichnung für Country MusicKünstler. In den 15 Jahren ihrer plattenmässigen Abwesenheit trat die in La-Tour-de-Peilz bei Montreux lebende Sängerin mit eigener Show mehrere Jahre in Las Vegas auf. "Now Shania" wurde produziert von Jack Gosling (Ed Sheeran, Lady Gaga) und Ron Aniello (Bruce Springsteen). Die elf neuen Songs zeigen Shania Twain auch als äusserst begabte Songschreiberin, die ihre persönliche Geschichte in ihren Liedern verarbeitet. Die mittlerweile 52Jährige, bürgerlicher Name Eileen Regina Edwards, war mit US-Starproduzent Robert John "Mutt" Lange (AC/DC, Def Leppard und viele mehr) verheiratet, der auch ihre Musik mitbestimmte. "Auf diesem Album ist das anders", sagt sie. "Ich bin jetzt ganz allein dafür verantwortlich." Sie liebe es zwar, mit anderen

Musikern zu arbeiten. "Aber diesmal wollte ich keine anderen Einflüsse, weder emotional noch psychologisch. Sobald du nämlich die Tür aufmachst und einen Gast hereinbittest, wird er das Ergebnis beeinflussen. Was auch bedeutet: Es wäre nicht mehr 100 Prozent ich." Dies sei das wahrscheinlich reinste, essenziellste Album ihrer Karriere und ein grosser Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Es beginnt mit dem swingendem "Swingin' With My Eyes Closed" im melodiösen Reggae-Groove. Danach folgt die Up-tempo-Ballade "Home Now" mit vertrackten Breaks, gefolgt vom melancholischen "Light Of My Life". Es ist nicht einfach ein Song mit einer lieben Botschaft, sondern ein Masterpiece an Abwechslung, von fröhlich bis betrübt. Dasselbe fühlt man bei "Poor Me", das immer mehr an Stimmung gewinnt, je länger das Lied dauert. Shania hat sich wirklich als Songschreiberin emanzipiert, singt von ihrem törichten Stolz, und dass sie noch immer nicht begriffen habe, dass er sie verliess. Mutt Lange? Nimm nicht alles allzu wörtlich, sagte sie mir einst, als ich sie fragte, wieviel Autobiografisches in ihren Texten sei. "You Can't Buy Love" heisst der zehnte der insgesamt zwölf Titel, so richtig aufgestellte Musik. Mein Tipp deshalb: Nicht allzuviel denken, sondern diese wunderbare Musik einfach geniessen.

MILEY CYRUS Younger Now Sony Music hef. Die freche und provokative Rock-Göre ist wieder geerdet. Die Tochter von Country-Superstar und Schauspieler Billy Ray Cyrus ("Achy Breaky Heart") macht dort weiter, wo ihre Wurzeln dank Geburt liegen. Nichts mehr mit Ausziehen, nix mehr nackt auf einer Abrissebirne hin und her schaukelnd und die Boys heiss machend. Nein, Miley macht auf seriös, selbst im Video zu "Malibu", wo sie ganz in Weiss in einem Kornfeld liegt und neckisch in ihren Pullover beisst. Im Feger "Rainbowland" singt sie im Duett mit ihrer Taufgotte – die ist keine geringere als Country-Königin Dolly Parton. Alles in allem ist die CD mit 15 neuen, von Miley komponierten und getexteten Songs nett, vielleicht auch ein bisschen unverbindlich, so wie sie damals begann mit ihrer Karriere als Mädchen-Idol Hannah Montana in den Disney-Channels. Kiffen, saufen, provozieren – das war gestern. Ihr Lebenspartner, der Schauspieler Liam Helmsworth, scheint sie gezähmt zu haben. Mal sehen, wie lange die Läuterung anhält.

Pally’s kurz und knapp GOTHIC TROPIC - Fast Or Feast Cecilia Della Perutti, die hinter Gothic Tropic steckt, hat eine Vorliebe für offenen leichtfüssigen Indiepop, der seine Anleihen immer wieder in den späten 1979er und 1980er Jahren sucht. Erweitert mit New Wave, Dreampop, Disco-Wave oder einfach Pop, unterlegt mit coolen Beats, flirrenden Synthies und auch scheppernden Drums ist «Fast Or Feast» äusserst vielseitig und immer wieder tanzbar. Mehr «Feast» (Fest) als «Fast» (schnell). MT. WOLF - Aetherlight «Aetherlight» ist nach zwei EPs («Red» und «Hex») das Debüt des in London beheimateten Trios Mt. Wolf. Die dreizehn Songs sind nicht immer von dieser Welt. Die Stimme von Sebastian Fox schwebt über einer atmosphärischen und vielschichtigen Mischung aus Indierock, Post-Rock und Dreampop. Manchmal scheint es, als wolle Fox mit seiner Falsettstimme in den Himmel entrücken. Auch dem Sound fehlt es zuweilen etwas an Bodenhaftung, auch wenn der geneigte Hörer sich immer wieder gerne fallen lässt. THOMAS WYNN AND THE BELIEVERS - Wade Waist Deep Eines der ersten Lieblingsalben des Amerikaners Thomas Wynn war «Big Pink» von The Band, der ehemaligen Begleitband von Bob Dylan. Diese wahrscheinlich auch heute noch andauernde Liebe merkt man seinem neuen Album an. «Wade Waist Deep» ist eine erdige, immer wieder rockige und stimmungsvolle Mischung aus Countryrock, Rootsrock, Southernrock, Rhythm and Blues und einer Prise Folk geworden, die immer wieder für Glücksmomente sorgt. Den Gesang teilt sich Wynn übrigens mit seiner Schwester Olivia. Immer Duett wird es noch intensiver. BLACK LUNG vs. NAP - Same Auf der 6-Track Split-EP duellieren sich die deutschen NAP mit den amerikanischen Black Lung. Deutsche Stoner-Kraut-Eigenwilligkeit trifft auf amerikanischen Psychedelik-Doom (inklusive einer etwas kuriosen Neubearbeitung des Marvin Gaye Klassikers «Inner City Blues»). Wenn die Split-EP wirklich ein Duell wäre, würden NAP mehr Punkte erhalten. Ihre drei Songs klingen erfrischender und vor allem spannender. MAMMÚT - Kinder Versions Die isländischen Mammút veröffentlichen mit «Kinder Versions» ihr erstes Album auf Englisch. Den neun Songs merkt man die Nähe zu den ebenfalls isländischen Sugarcubes an, der früheren Band von Björk. Gerade gesanglich wird das immer wieder offenkundig, wobei Sängerin Katrína Mogensen, die so neben bei Tochter von Birgir Mogensen ist, einem ehemaligen Mitstreiter von Björk, die extravaganten Ausbrüche abgehen. Musikalisch klingt der Indiepop und Post-Punk von Mammút nachdenklicher und weniger verspielt, aber leider auch nicht immer so spannend. Songs wie der atmosphärische Titeltrack, «The Moon Will Never Turn On Me» oder das geheimnisvolle «What's Your Secret?» hätte es mehr gebraucht. HAMMOCK - Mysterium «Mysterium», das neue Werk von Hammock (Hängematte) ist dem 2016 verstorbenen Clark Kern, einem Freund von Bandmitbegründer Marc Byrd, gewidmet. Das bereits achte Album des Duos, zu dem auch Andrew Thompson gehört, könnte man als Requiem verstehen, wenn die Stimmung in den elf vornehmlichen Instrumentalsongs nicht immer wieder auch Hoffnung, Sehnsucht und Zuversicht versprühen würde. Hammock schaffen es mit ihrem AmbientSound dem Geheimnis des Todes ein musikalisches Gesicht zu geben. Spirituell bewegend.

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Perfekt ist nicht perfekt ip. Sunrise Avenue aus Finnland sind seit ihrem ersten Smash Hit im Jahr 2006 „Fairytale Gone Bad“ häufige Gäste in den Top Ten der europäischen Hitparaden. Vor allem der platinbehaftete Ohrwurm „Hollywood Hills“ ist den meisten Hörern bekannt. Samu Haber, Sänger und Hauptsongwriter, ist ausserdem zum vierten Mal in der aktuellen Staffel bei „The Voice of Germany“ im Fernsehen zu sehen und in diesem Format ein absoluter Publikumsliebling. Jetzt hat die Band ein neues Album namens „Heartbreak Century“ im Gepäck und TRACKS traf sich mit dem finnischen Hünen zum aufschlussreichen Gespräch über Habers Songwritingreise, hässliche Selfies und die Definition des Terms „Rock“.

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Du bist vor einiger Zeit mit deiner Gitarre durch die Weltgeschichte gereist, um Songs für euer neues Album zu schreiben. Was war die Herausforderung für dich, nachdem du ja schon mit deiner Band um die Welt gereist bist? Wir haben nicht die ganze Welt bereist, sondern hauptsächlich Europa. Wir waren auch in Japan, aber nie wirklich überall. Es war auch keine Herausforderung in dem Sinne, sondern eine schöne Erfahrung. Es ist ein gutes Gefühl, wenn du am Flughafen in Helsinki mit einer Reisetasche und einem Gitarrenkoffer ins Flugzeug steigst und weißt, dass du für einige Wochen alleine in London oder Los Angeles sein wirst, um Musik zu machen. Was war deine wertvollste Erfahrung, die du auf dieser Reise gemacht hast? Die Chance, für einen kompletten Tapetenwechsel weggehen zu können. Zuhause hast du deine tägliche Routine, musst kucken, dass Milch für deinen Kaffee im Kühlschrank ist und deine Rechnungen bezahlt werden. Und dann sind da auch die Menschen, die du jeden Tag siehst. Für mich ist es aber interessant, diese Routinen zu durchbrechen. Ich mag es, nach dem Frühstück einen Zettel mit der Adresse eines Studios auszupacken und herauszufinden, wo ich hingehen muss und mit wem ich dort zusammenarbeiten werde. Neue Geschichten zu hören und neue Leute und Ideen kennenzulernen, das hält mich wach. Ich liebe es, nachts mit dem Kopfhörer auf den Ohren durch zum Beispiel Notting Hill zu spazieren und mir anzuhören, was wir an diesem Tag aufgenommen haben. Wie hat denn ein typischer Tag für dich ausgesehen? Ich habe meistens um neun Uhr gefrühstückt, damit ich um zehn Uhr anfangen konnte, zu arbeiten. Am Abend vorher hatte ich jeweils in Erfahrung gebracht, wie lange ich vom Hotel zum Studio brauche und dann Fahrgelegenheiten herausgesucht. In Los Angeles brauchst du zum Beispiel ein Mietauto, denn anders kommst du fast nirgends hin und in London wiederum mietest du ganz bestimmt keines, sondern nimmst die U-Bahn, denn der Verkehr ist echt furchtbar. Um zehn habe ich dann den Produzenten und die anderen Musiker kennengelernt, und dann haben wir angefangen, Musik zu machen. Man hat dann einzelne Ideen ausgearbeitet, an den Lyrics und Melodien

gebastelt, und davon dann ein Demo aufgenommen. Es sind nicht alle Demosongs gut oder brauchbar, aber einiges bleibt hängen. Die Zeit geht aber sehr schnell um, der Tag ist mit einem Fingerschnipsen schon vorbei. Um sieben Uhr rum gehst du dann zurück ins Hotel, versuchst noch ein bisschen Sport zu treiben und reservierst einen Tisch fürs Abendessen. Das ist der harte Part am Anfang: Alleine in einem Restaurant essen zu müssen. Du hast ständig das Gefühl, dass die Leute dich anstarren und sich fragen, warum der Kerl da so alleine rumsitzt. Vielleicht erkennen sie dich auch bloss. In den Staaten oder in Australien ist das nicht unbedingt der Fall. Vereinzelt passiert das zwar mal, aber wir sind da nicht so bekannt. Nach dem Abendessen ziehst du dir noch was auf Netflix rein und dann ist der Tag um. Am nächsten Morgen geht es dann wieder weiter. Hört sich ja wie ein stinknormaler Arbeitstag ohne viel Rock'n'Roll an. Ist es auch. Normalerweise habe ich mit jedem Team zwei Tage gearbeitet. Am ersten Tag lernt man sich kennen, auch musikalisch, und dann ist es gut, wenn man mit demselben Team noch einen weiteren Tag verbringen kann. Dann trinkst du abends auch mal ein Bier zusammen, aber wenn du jeden Tag Party machst, kannst du nicht anständig arbeiten. Du hast deine Reise angetreten, weil du deinen Kopf frei bekommen wolltest. Ist vor deiner Reise etwas verloren gegangen, was du wiederfinden wolltest? (überlegt) Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn du zurückkommst. Du freust dich, in Helsinki zu landen und fühlst dich frisch und ausgelüftet. Ich habe mich gefreut, in mein Leben zurückzukommen, dass ich hier mit meinen Freunden und meiner Familie führe. Ich war zwar müde, weil du dich alle paar Tage sehr eng mit neuen Leuten einlässt, dich beweisen und dabei immer charmant und nett bleiben musst. Ausserdem rennt die Zeit und du solltest deine Ideen relativ schnell aufgenommen haben. Ich habe das schon oft so gemacht. Unser erstes Album habe ich in Finnland geschrieben, aber danach war ich für die Ideensuche jedes Albums alleine


irgendwo unterwegs. Ich gehe weg, das brauche ich. Ich kann das nicht zuhause, zwischen schmutzigen Tellern und Wäschebergen. Man braucht Platz für sein Herz und seine Gedanken. Es hilft, wegzugehen und es ist ein bisschen wie ein Mix aus kreativem Trip und Urlaub. Es ist inspirierend, wenn du morgens beispielsweise in Sydney aufwachst und aus deinem Hotel gehst, um dich erstmal zurechtfinden zu müssen. Du suchst nach der nächsten Cafeteria oder fragst dich, was das für interessante Gebäude sein könnten, die du auf deinem Gang durch die Stadt findest. Es weckt etwas in deinem Kopf.

«Ich glaube, dass Musik machen das gleiche wie küssen oder Liebe machen ist. Was immer sich gut dabei anfühlt, ist auch richtig»

Zuhause gehst du einfach zu deiner Kaffeemaschine oder in das Bistro, wo du immer sitzt. Woanders fühlst du dich wie ein Löwe im Dschungel, der aufmerksam bleiben muss. In welchem Alter hast du angefangen, Musik zu machen? Mit dem Singen habe ich im Alter von ungefähr vier Wochen angefangen. Entschuldigung an alle Leute, die das mit anhören mussten (lacht). Gitarre spiele ich, seit ich neun oder zehn bin. Aber richtig gut kann ich das immer noch nicht. Ich finde es ganz ordentlich. Zumindest dient es dem Zweck. Es dient dem Zweck, genau das ist es. Ich habe angefangen Musik zu machen, weil sie irgendwie immer da war. Es ist einfach passiert. Mein Grossvater spielte Akkordeon. Ich komme aus einer armen Familie, es gab sonst kein Geld für Instrumente, geschweige denn Unterricht. Ich war ja schon in einem Eishockeyteam, das war teuer genug für meine Mutter. Ich habe dann immer bei meinen Freunden rumgehangen, die Instrumente hatten und mich spielen liessen. Ich erinnere mich, dass ich Musik immer geliebt habe, weil sie so viele Gefühle in mir ausgelöst hat. Und endlich, im Alter von zwölf und nach langem intensiven Betteln, kaufte mir meine Mutter eine Gitarre. Da war aber nie das Verlangen nach grossen Shows oder dem Durchbruch. Es war eher einfach meine Leidenschaft und etwas, das ich gerne tat und was mich gut fühlen liess. Ich habe Songs für meine Mutter und meine Schwester geschrieben, für meine Freunde oder später auch jeweiligen Freundinnen. Als ich siebzehn war, wollte meine damalige Freundin für ein Austauschjahr nach Australien und ich habe ihr als Abschiedsgeschenk einen Song namens „Fly Away“ geschrieben. Es war sehr tränenreich, als sie wegging, aber auch sehr schön. Ihr habt auf eurem neuen Album ein paar spielerische Fehler einfach stehengelassen, ohne sie zu korrigieren. Ist das eure logische Konsequenz aus dem ganzen Wahnsinn der letzten Jahre in der Studiotechnik mit Pro Tools und Antares, oder wolltet ihr einfach ein organisch klingendes Album aufnehmen? Organisch ist es nicht, weil es doch einiges an Programming auf der Platte gibt. Ich wollte es einfach nicht perfekt haben. Technisch perfekt ist sowieso nicht das Gleiche wie perfekt. Ich bin nicht perfekt, du bist es nicht und wir haben alle unsere Macken. Ich mag meine! Naja, vielleicht nicht alle davon, aber

immerhin lerne ich damit zu leben und sie zu akzeptieren. Wenn du es zu perfekt machst, geht das Gefühl irgendwo verloren. Ich habe lieber viel Gefühl mit einigen Patzern, als alles bis zum Gehtnichtmehr zu korrigieren. Wenn du allerdings einen schlechten Tag mit deiner Stimme hast, dann versuchst du natürlich, den Take noch mal zu singen, bis er gut klingt. Oder so lange, wie deine Stimme das mitmacht. So lange, bis du die Message rüberbringen kannst. Es gibt Wörter auf dem Album, die ich komisch ausspreche oder einer der Jungs hat ein bisschen krumm gespielt. Irgendwann fand ich dann aber „Das ist gut genug, lass uns weitermachen“. Wenn du merkst, dass noch ein Versuch das Gefühl killt, dann musst du aufhören. „I Help You Hate Me“ ist eigentlich ein Demo-Take, der erste, den wir aufgenommen haben. „Heartbreak Century“ und „Home“ ebenso. Aufgenommen, so gelassen. Das halbe Album ist so zustande gekommen. Einige Songs haben wir ein zweites oder drittes Mal versucht, aber das war nicht mehr das gleiche Gefühl. Also haben wir die Demo-Gesänge für das Album verwendet, weil es sich richtig angefühlt hat. Ist es schwierig für dich, deine Gefühle über den Gesang auszudrücken? Machst du das eher über die Melodie oder den Text? Ich glaube, das müssten die Hörer beurteilen. Ich kann schlecht sagen, was und ob meine Musik sie berührt. Mich berührt sie ja, aber ich kann keine objektive Meinung über meine eigenen Songs äusssern, weil ich weiss, wie und warum ich sie geschrieben habe. Du kannst jemandem dein Lied vorspielen und diese Person dann fragen, ob sie dem Sänger abnimmt, dass er glücklich oder traurig ist. Für mich ist es nicht allzu schwer, mich mit der Musik auszudrücken, weil ich Songs über das alltägliche Leben schreibe. Und da fällt mir genug ein, was ich in Worte fassen kann. Wie bekommst du als Coach bei „The Voice of Germany“ die Kandidaten dazu, ihre Gefühle über die Musik auszudrücken? Du versuchst sie dazu zu bringen, sich zu entspannen. Das ist der Schlüssel und die erste Lektion für jeden Sänger. Es ist heutzutage besonders problematisch, mit jungen Mädels zu arbeiten, weil sie so singen (singt „I love you“ mit tausend nicht enden wollenden Schlenkern wie Christina Aguilera, macht entsprechende Handbewegungen dazu). Das nehme ich doch niemandem ab. Wenn du stattdessen „I love you“ (singt kurz,

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schlicht und mit leichtem Vibrato am Ende) so singst, glaube ich dir das. Sing es kleiner und einfacher. Von mir aus mach den Rihanna-Kram, wenn du das kannst, aber versuch keine Tricks. Weil du alles, was du singst, so rüberbringen solltest, als ob du es auch wirklich meinst. Sing es für jemanden. Du kannst „I'm so excited“ singen, aber wenn du es nicht wirklich spürst, dann hören dir die Leute nicht zu. Ich glaube, die Leute denken manchmal zu sehr darüber nach, wie ihre Stimme klingt oder ob sie die Töne treffen. Ich glaube aber, dass Musik machen das gleiche wie küssen oder Liebe machen ist. Was immer sich gut dabei anfühlt, ist auch richtig. Denkst du, dass junge Musiker heute einen anderen Zugang zum Berühmtwerden oder zum Musik machen haben als du vor zwanzig Jahren? Nein, glaube ich nicht. Diejenigen, die wirklich Musik machen um der Gefühle und des Ausdrucks Willen, die sind nicht anders drauf als wir damals. Wenn du nach Afrika gehst, in das kleinste Dorf, dann haben sie dort immer noch ihre Stammesgesänge, um bestimmte Gefühle, Erfahrungen oder Ereignisse weiterzugeben. Vor einigen Jahren hat es natürlich auch noch keine Social Mediaoder irgendwelche Youtube-Stars gegeben. Aber das ist eine andere Welt. Wer wirklich Musik machen will, der macht das auch heute noch aus den gleichen Gründen wie wir damals. Apropos Social Media: In „I Help You Hate Me“ gibt es die Zeile „I changed my profile picture, too, I took an ugly one for you, to help you say goodbye“. Grandios, weil es sonst ja genau anders herum läuft: Man postet extra schicke Bilder, um dem oder der Ex zu zeigen, was er oder sie verpasst. Kuck mal, was ich für meine Ex gestern gepostet habe (lacht und zeigt mir ein Bild von seinem Instagram Account, auf dem er ziemlich übermüdet aussieht). Ich sehe aus wie ein betrunkener, müder Penner (lacht). Dabei war ich noch nicht mal betrunken! Es war bloss ein spassiger Moment, in dem das Bild geknipst wurde. Ich finde, jeder sollte auch richtig hässliche Bilder von sich auf Instagram posten. Diese ganzen Filter und all das Zeug, mit dem die Mädels ihre Gesichter verfremden, ich weiss nicht... Jeder betreibt „fishing for compliments“, ist nicht so mein Ding. Ich denke, wenn man mit jemandem Schluss gemacht hat, sollte man erst recht hässliche Bilder von sich posten, um sich unattraktiv zu machen und den anderen ziehen zu lassen. Das hätte mehr Grösse. Man würde mit einer Tradition brechen. Ja, weil man dem anderen wehtun und ihn eifersüchtig machen möchte. Man will ihm Schmerzen bereiten. Sehen Männer das auch so? Klar! Wir sind auch eifersüchtig und unsicher, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Wenn der oder die Ex dir nach der Trennung weiterhin Messages schreibt und dich anfleht zurückzukommen, dann hättest du zwar das Gefühl, gewonnen zu haben, aber cool ist das auch nicht. Nach meiner letzten Trennung habe ich radikal den Kontakt abgebrochen, keine Kommunikation mehr stattfinden lassen. Das ist meiner Meinung nach der einzig richtige Weg. In eurer aktuellen Bio sagst du, dass jeder seinen Hafen braucht. Sei es eine Person, ein Ort oder vielleicht ein Hobby. Als Musiker bist du aber der Seemann, nicht der Hafen. Ich denke, in einer Beziehung oder einer Freundschaft solltest du derjenige sein, der einen Hafen braucht, aber auch für diejenigen da sein, die immer wieder zu dir zurückkommen wollen. Ein Hafen ist ziemlich einsam ohne die Boote. Deshalb braucht es immer beides, den Hafen und die Seemänner. Euer neues Album klingt vergleichsweise folkiger als die Vorgänger. Ist das beabsichtigt, oder einfach so eingeflossen? Man kann Musik nicht planen. Musik passiert. Ich habe immer schon in diese Richtung komponiert. Sogar „Hollywood Hills“ kann man eine folkige Note abgewinnen, wenn man es ein bisschen anders spielt. Ich war der ganzen Lederjacken- und Rockgeschichte etwas überdrüssig. Ich wollte nichts sein, was ich gar nicht bin. Ich habe auch schon ziemlich lange gar keine Rockmusik mehr gehört. Das neue Album ist die Musik, die sich jetzt gut anfühlt. Wir haben immer noch die grossen

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Drums und die dicken Gitarren drin und ich glaube, die Leute erwarten von Sunrise Avenue, dass es rockig klingt. Aber wenn du dir ältere Sachen anhörst, dann findest du viele Akustikgitarren oder Programming und viel dreht sich um den Gesang und die Stimme. Ich glaube, „Heartbreak Century“ ist die Summe dessen, was meiner ursprünglichen Idee von Musik, die ich als Teenager hatte, am nächsten kommt. Ich mag dieses Album von allen am liebsten. Es klingt entspannt und es geht mehr um das Songwriting an sich und das Erzählen von Geschichten. Ich mag es sehr. Sunrise Avenue war nie eine Rockband. Vielleicht ist sie es am ehesten im Sinne von Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Rock ist aber nicht einfach nur Gitarre und Drums. Rock ist eine Einstellung. Rock bedeutet „Ich tue was ich will“. Rock ist kein schwarzes T-Shirt oder lackierte Nägel, die anderen zeigen sollen, was für ein schlimmer Finger man ist. Das waren 80er Jahre Posterklischees. Dave Grohl (Foo Fighters) ist Rock. Die Fantastischen Vier sind sehr Rock! Aber grundsätzlich ist dieses ganze Getue um „Du bist Popper“ oder „Ich bin Rocker“ total kindisch. Wir sind doch keine zwölf Jahre alt mehr. Mir ist das mittlerweile vollkommen egal. Wenn ich den Song fühle, dann ist er gut und alles andere, Kategorien und so was, ist unwichtig. Ich schreibe die Songs für Sunrise Avenue, die werden uns nicht vom Label vordiktiert. Wir spielen unsere Alben selber ein und wir veröffentlichen, was uns gefällt. Das kann man gerne als Rock bezeichnen und das passt zu Sunrise Avenue. Es gibt viele sogenannte Rockbands, die das nicht tun. Es ist eine Einstellung, kein Sound. „Heartbreak Century“ klingt sehr positiv und ermutigend. Denkst du, dass junge Menschen heute mehr ermutigt werden müssen, etwas zu tun, als das früher der Fall war? Wir haben schon immer positive Musik gemacht. Ich hätte lieber eine weitere Person auf diesem Planeten, die einem Mut macht und sagt „Du schaffst das! Leb dein Leben!“, als einen Nörgler, der einem Dinge ausreden will, weil man Fehler machen könnte. Wenn wir nur eine einzige Person mit diesem Album ermutigen können, Träume zu verwirklichen oder auch nur ein normales Leben führen zu können, dann haben wir unseren Job richtig gemacht. Wenn es zwei Leute sind, grossartig. Drei? Wow!


REVIEWS Mainstream/Indie/Alternative SPARKS Hippopotamus

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paar Alben anhängen bevor sie Edith Piaf treffen.

BMG

THE NITS

rp. Eigenständigkeit ist selten geworden. Viele Bands kopieren lieber andere. Das geht soweit, dass man zuweilen nicht mehr weiss, wer das Original und wer die Kopie ist. Zum Glück gibt es noch Bands, die ihren unverkennbaren Still und Charakter kultiviert haben, die man gleich beim ersten Ton erkennt. Die amerikanischen Sparks um die Gebrüder Ron und Russell Mael gehören zu dieser seltener gewordenen Spezies. Russell verfügt über eine unverkennbare immer wieder theatralisch klingende Stimme. Und der Sound der seit den frühen 1970er Jahren existierenden Band ist unberechenbar, überraschend und äusserst eigenwillig. Genre mässige Berührungsängste / Scheuklappen kennen die Sparks nicht. Rock, Disco, New Wave, Klassik, Oper, Kinderlieder, Synth-Pop, Pop, Glamrock, Artpop. Alles hat Platz. Damit waren die Sparks auch schon mal ihrer Zeit voraus. Ihr Debüt (noch als Halfnelson) von 1971 nahm den New-Wave-Sound der späten 1970er Jahre vorweg. Die Sparks sind einfach erfrischend anders. Das ist zum Glück auch auf ihrem circa 25. Album so. Nach ihrem Ausflug mit Franz Ferdinand als FFS (2015) ist «Hippopotamus» wieder ganz und unverfälscht die Sparks. Der launig dramatische Piano dominierte Auftakt «Probably Nothing» irrt sich. Die fünfzehn Songs sind ein wunderbares vielsagendes Potpourri aus Drama, Theatralik, Exzentrik, poppigen Schrägheiten und Spass, abgeschmeckt mit wunderbaren Melodien, und zuweilen im Zwist mit der Zensurbehörde. Das himmlisch poppige «Missionary Position» hätte einen Platz in den Charts auf sicher, wäre da nicht die Thematik. Vom schrillen Elektropop-Song «Giddy Giddy» wird einem nicht schwummerig, im Gegenteil. So viel Exzentrik belebt und tut wohl. «I Wish You Were Fun» unterstützt sein Begehren mit einer unbeschwerten Kindermelodie. Kinder wollen halt Spass. «When You're A French Director» kommt mit französischem Charme und Kirmesmusik daher. Und in der aktuellen Single «Edith Piaf (Said It Better Than Me)» bemerken die Sparks: «Live Fast And Die Young. Too Late For That.» Zum Glück. Es ist zu hoffen, dass die Sparks noch ein

Angst H'art Musik hef. Intelligente popmusikalische Coolness hat einen Namen: The Nits. Das holländische PopTrio, das auf eine beeindruckende 40-jährige Erfolgsgeschichte abseits des Mainstreams zurückblick, setzt einmal mehr Massstäbe. Dies ist das erste neue Album seit "Malpensa" aus dem Jahre 2012. In der Zwischenzeit hatte man sich auf das 40-JahrJubiläum fokussiert und eine Serie von einzigartigen Performances in Kooperation mit dem Scapino Ballet Rotterdam durchgezogen, die mehr als 25 000 Besucher anzog. Im Frühjahr '17 in ihrem Heimatstudio "de Werf" in Amsterdam aufgenommen, demonstriert "angst" einmal mehr die Leidenschaft sowie das individuelle Handwerk der drei Spitzenkönner Henk Hofstede, Rob Kloet und Robert Jan Stips. In ihrem eigenen und speziellen Sound, leise swingend und immer wieder aufrüttelnd durch Rhythmuswechsel und erneut überraschende Nits-Ideen könnte man ihnen stundenlang zuhören und Neues entdecken. Der Titelsong "angst" ist Deutsch gesungen und handelt von der alten Angst gegenüber den Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg Holland überfielen und Städte wie Rotterdam dem Erdboden gleich bombten, von Besatzung und Befreiung. Trotz der teilweisen Düsternis faszinierend!

KING GIZZARD AND THE LIZARD WIZARD Sketches Of Brunswick East Pias/Musikvertrieb hug. Wenn die Australier tatsächlich wie angekündigt dieses Jahr fünf Alben veröffentlichen wollen, dann müssen sie sich ordentlich sputen. Immerhin: «Sketches Of Brunswick East» ist nach «Flying Microtonal Banana» und «Murder Of The Universe» bereits das dritte Werk in diesem Jahr, und wie bei den beiden Alben vorher überrascht uns der quere Siebner zuverlässig einmal mehr: Nach einigen Tourneen mit dem ziemlich relaxten Mild High Club haben sich die beiden Bands zusammengeschlossen mit dem Ziel, verschiedene Musikstile so zusammenzubringen, wie das Miles Davis selig einst mit

«Sketches Of Spain» tat, bei King Gizzard allerdings gepaart mit deren furchtloser EntdeckerAttitüde und der Entspanntheit des Mild High Club. Herausgekommen ist Musik, die bei weitem nicht mehr so gnadenlos überstellig hibbelnd und blubbernd ist wie bei den letzten beiden Alben, sondern vordergründig nach Lounge und Martini-Cocktails klingt: Die Band bleibt aber dabei, Melodien, Motive und Stimmungen über das ganze Album wie zufällig wiederholen, und hin und wieder quirlt auch die KingGizzard-typische Unruhe auf. Fans der letzten beiden Alben lassen sich deshalb aber nicht erschrecken. Denn soviel ist sicher: Das nächste Album kann schon wieder komplett anders tönen. Und wir lassen uns gerne wieder überraschen.

THE FLYING EYES Burning Of The Season Noisolution rp. «Burning Of The Season» ist bereits das fünfte Werk der aus Baltimore, USA, stammenden Band um Sänger William Kelly, der die Band 2007 als 18-jähriger mitbegründet hatte. Gitarrist Adam Bufano war damals gerade mal ein Jahr älter. The Flying Eyes sind ihrem Sound über die Jahre mehr oder weniger treu geblieben. Von Anfang hatten sie sich PsychedelikRock auf die Fahne geschrieben. Einzig mit ihrem 2014er Album «Leave It All Behind Sessions» wagten sie einen Ausflug in Folk- und CountryGefilde. Ihr neues Album «Burning Of The Season» bietet neben dem wirklich coolen Cover wieder Altbewährtes. Psychedelik-Rock, der seine Herkunft nicht verleugnet. Parallelen zu beispielsweise The Cult sind nicht von der Hand zu weisen. Kelly's Organ ist dem von Ian Astbury nicht unähnlich, auch wenn selbiger kraftvoller singt. Und Bands wie Blue Cheer, The Doors oder Danzig gehören ebenso dazu. Abgeschmeckt wird das Ganze mit einer Spur Spacerock. Oh heiliges Flirren.

MARK OLSON Spokeswoman Of The Bright Sun Glitterhouse Records rp. 1995 verliess Mark Olson erstmals die vorzüglichen und Genre definierenden

Jayhawks, die er zehn Jahre zuvor mit Gary Louris gegründet hatte. Olson wollte sich um seine Frau Victoria Williams kümmern, bei der MS diagnostiziert worden war. Olson veröffentlichte von da an Soloalben, Kollaborationen (z.B. mit den Creekdippers, Gary Louris oder Victoria Williams, von der er sich 2006 trennte) und stieg bei den Jayhawks ein und wieder aus. Solo kehrte er immer wieder zu seinen Wurzeln im Folkrock zurück. Statt im Duett mit Jayhawks Gary Louris (was immer noch unerreicht ist) singt er auf seinem aktuellen Soloalbum «Spokeswoman Of The Bright Sun» mit seiner neuen Part-nerin, der norwegischen Multiinstrumentalistin Ingunn Ringvold, im Duett. Streicher, Flöten und Mellotron verleihen den Folksongs zuweilen einen Hauch Barock- und Psychedelik-Pop. Die zehn Songs wurden angeblich von Geräuschen und Sehenswürdigkeiten der kalifornischen Wüste (die beiden leben dort) inspiriert. Gut vorstellbar, dass die Sanftheit, die Entspanntheit und der Zauber von Songs wie «Dear Elizabeth», «Time Of Love» oder «Seminole Valley Tea Sipper Society» daher rührt?!

MICHAEL LANE Linger On Greywood Records rp. Der 31jährige DeutschAmerikaner Michael Lane hat in seinem Leben bereits Einiges erlebt. In Deutschland geboren, zog seine Familie als er 6 war zurück nach Amerika. Als 20jähriger trat er in die Armee ein und kämpfte im Irak- und Afghanistan-Krieg. Kaum Zuhause zerbrach seine Ehe. 2012 wagte Lane einen Neuanfang und liess sich zum Altenpfleger ausbilden. Im gleichen Jahr machte er bei der zweiten Staffel der Casting-Show The Voice of Germany mit. Er schaffte es prompt auf Platz 3. Zwei Jahre später veröffentlichte er sein erstes Album «Sweet Notes». Mit den beiden Singles «Angel» (von Sarah McLachlan) und dem selbst verfassten «Mr. Lawless», die nicht auf besagtem Album enthalten sind, erreichte er Platz 44, bzw, 33 der deutschen Charts. Ebenfalls 2014 heiratete Lane wieder und wurde ein Jahr später Vater. 2016 folgte dann sein zweites Album «The


Mainstream/Indie/Alternative REVIEWS Middle». Der sanfte Folkpop verzauberte zwar die Fans aber wurde, zumindest was die Charts anbelangt, kein Erfolg. Was eigentlich schade ist, weil Lane ein feines Gespür für sanfte, stimmige Songs hat. Und jetzt legt er sein drittes Werk «Linger On» vor. Das geheimnisvoll spirituell angehauchte Cover passt bestens zu den elf einmal mehr sanften und warmen Folkpop-Songs, die jetzt immer wieder mal mit Keyboard-Sounds untermalt werden. Es geht um Befreiung und Selbstfindung, ein Leben ohne Angst, zu dem Michael Lane einlädt und aufruft. Songs wie der Titeltrack, die erste Single «Break Through», die soulige neue Single «Wolf Lodge» oder «Alone In Denver», das zuweilen an Barclay James Harvest erinnert, haben das Potential in die Charts vorzustossen oder zumindest einmal mehr, seine Fans zu entzücken.

UNKLE The Road: Part 1 Songs For The Def Records rp. James Lavelle, der Unkle 1992 mit Tim Goldsworthy (hat sich aus der Band

zurückgezogen) gegründet hat, ist, zumindest was Platten herausbringen anbelangt, nicht gerade sehr fleissig. In 25 Jahren hat der Londoner gerade mal sechs Alben veröffentlicht. Sicher, der Mann ist vielbeschäftigt. Lavalle hat mit Mo' Wax ein eigenes Label gegründet, ist als Kurator für Festivals tätig (Meltdown Festival At Southbank), schreibt Musik für Videospiele («God Of Light») und Filme und hat mit einer fast unüberschaubaren Liste von Leuten zusammengearbeitet. An seinem neuen, sechsten Werk «The Road: Part 1» hat er gut sieben Jahre gewerkelt. Einen Vorboten gab es 2016 mit der Single «Cowboys Or Indians», die mit Elliott Power, Mink und Ysée als Gäste eingespielt wurde. Für «The Road: Part 1» hat Lavelle einmal mehr mit ordentlicher Anzahl von Gästen gearbeitet, was den Entstehungsprozess wahrscheinlich auch nicht gerade beschleunigt hat. Neben den bereits erwähnten, sind auch noch Mark Lanegan, Keaton Henson, Chris Goss (Masters Of Reality), Twiggy (Marilyn Manson), Troy Van Leeuwen (QOTSA), Andrew Innes (Primal Scream), Jon Theodore (QOTSA), oder Becks Schlagzeuger Justin Stanley zu hören. Dieses breite Spektrum an Kollaborateuren schlägt sich

einmal mehr im Sound nieder. Die fünfzehn Songs, die von fünf Zwischenspielen (Iter I bis V) unterbrochen werden, beinhalten und vermischen Genres wie Indierock, Indiefolk, Hip Hop, Pop, Trip Hop, Dance, Rock, Elektro, Gospel, Filmmusik und Spokenword. Die Stimmung auf «The Road: Part 1» ist eher nachdenklich, bedrückt bis düster. Lavelle sorgt dafür, dass das Album nicht zerfahren klingt, auch wenn es an wenigen Stellen etwas ins Seichte abdriftet. Das wunderbar atmosphärische «Sunrise (Always Comes Around)» (gesungen von Liela Moss) wird mit Dance-Beats der Tiefe beraubt. Auch wirkt das Album gegen Schluss zusehends zerfahrener. Dafür setzen Songs wie das sanfte «Farewell» (mit Keaton Henson) «Looking For Rain» (Mit Mark Lanegan), «Cowboys Or Indians», das beseelte «Stole Enough» (mit Mink) und auch der tiefgehende Abschluss «Sick Lullaby» (ebenfalls mit Keaton Henson) Höhepunkte.

EMA Exile In The Outer Ring City Slang rp. «I Wanna Destroy. I Wanna Destroy. I Wanna Destroy. I Wanna Destroy». Immer und

immer wieder wiederholt die Amerikanerin Erika M. Anderson aka EMA diese Zeilen im gleichnamigen Song aus ihrem dritten Werk «Exile In The Outer Ring». Zu Beginn klingt ihre Stimme fast noch gehaucht. Erst nach und nach verleiht sie dem Text die nötige Kraft. Resignation, Unkontrollierte Wut schimmern durch. Die Musik dazu, nicht aggressiv sondern hoffnungslos, entmutigt, düster, depressiv. EMA's neue Werk ist ein visionäres, aufrüttelndes und teils verstörendes Album über den Zustand der USA. Die elf Songs sind übrigens vor der Wahl Trumps entstanden. Im Video zur Single «Ayran Nation» werden Forderungen wie No Hate, No Racism, No Class oder No Sexism eingeblendet. Klare Statements für eine Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint. Im Song «Down And Out» wiederholt sie immer und immer wieder «What Are We Hoping For?» Auf was können wir noch hoffen? Ema weiss auch keine Antwort. Kalte, düstere Elektronik, bedrohlicher Synthpop und verwirrend trauriger Indierock begleiten den geneigten Hörer bis zum Schluss von «Exile In The Outer Ring». Die Hoffnung ist ein seltener Gast.


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LIVE 20.11.2017 Pratteln, Z7

mh. Der Mann mit dem tiefsten Ausschnitt im Musikbusiness – Justin Hawkins - hat sich die Zeit genommen und sich unsere Fragen zur Brust genommen. Im Interview haben wir den Sänger von The Darkness nicht nur mit einigen tollen Smile- und Pinien-Fakten in Anlehnung auf das neue Album „Pinewood Smiles“ konfrontiert, sondern haben auch z. B. herausgefunden, dass er glücklicherweise keine Suizidgedanken mehr hat und dass wir davon ausgehen können, dass The Darkness weiterhin den Goldesel reiten werden und niemals damit aufhören wollen. Rock-Herz, was willst du mehr?

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Fakt Nummer sechs von lifehack.org besagt: Wer lächelt, lebt länger. Das Lachen stimuliert das Immunsystem und hilft einem im Durchschnitt bis zu sieben Jahre länger zu leben. Und es braucht 46 Muskeln um die Stirne zu runzeln, aber nur 17 um zu lachen, es ist also nicht nur gesünder, sondern auch einfacher. Man hat bei Untersuchungen in der Deutschen Humboldt Universität beobachtet, wie Ratten beginnen zu kichern, wenn sie gekitzelt werden, aber nur wenn sie in guter Stimmung sind. (inktank.fi) Das tönt genau wie die Art von Untersuchungen, die ich zu 100% unterstützen kann. Die Kitzelreaktionen bei Tieren zu untersuchen ist sehr wichtige Arbeit. Vielen Dank Wissenschaft! Pinien leben sehr lange, sie erreichen ein Alter zwischen 100 bis zu 1000 Jahren. Hoffst du auf eine ähnlich langes Vermächtnis von The Darkness mit dem neuen Album? Pinien sind immergrün, majestätisch und wunderschön. Alle diese Qualitäten versuchen wir auch in unsere Musik hineinzupacken. Ich mag den Gedanken, dass dieses Material die Spuren der Zeit überstehen kann. Wikipedia hat mir verraten das mehrere Pinien Arten gelernt haben sich an extreme Lebenskondition zu gewöhnen, siehst du da Parallelen zu The Darkness? Wir mussten uns ebenfalls an ein Business-Umfeld gewöhnen, wo man Musik nur noch als Service und nicht mehr als Produkt sieht. Wir sind eine „old school“ Band in einer „new school“ Umgebung. Es ist hart da draussen! Wenn du von den ganzen Streaming-Diensten leben willst, dann brauchst du Streaming-Zahlen über 100 Millionen. Wir schaffen es nicht mal in die Nähe davon, darum müssen wir, um zu überleben, jedes einzelne Jahr auf Tour gehen. Zum Glück lieben wir es live zu spielen! Ich finde, das neue härtere Outfit vom neuen Album passt perfekt zu The Darkness. Ihr habt diesmal wirklich noch einen oben draufgesetzt nach „Last Of Our Kind“. Ihr habt

das ganze Ding live aufgenommen, ist das etwas, was ihr wieder machen würdet? Absolut. Wir wollten immer schon live aufnehmen, waren aber in Tat und Wahrheit nie gut genug eingespielt oder fähig sowas zu schaffen. Anstatt zwei oder drei Takes zusammenzukleben, mussten wir alles auf einen Take aufzeichnen. „Pinewood Smiles“ wurde ohne click-track aufgenommen (Ein click-track ist ein elektronisches Metronom, das durch akustische Impulse in gleichmässigen Zeitintervallen ein konstantes Tempo vorgibt. Anm. d. Red.) in den ersten zwei Wochen nahmen wir Drums, Bass, Gitarren und die Vocals live auf und dann während denn nächsten zwei Wochen machten wir die Overdubs. Das waren lange Tage, harte Arbeit aber es war's absolut wert. Wir sind wirklich sehr zufrieden mit dem Resultat. Was bedeutet der Titel “Pinewood Smiles” für dich? Für mich bedeutet das sowas wie Hollywood-Smile, aber die englische Version davon, quasi ein Versuch von makelloser Schönheit, aber nicht ganz richtig! Das letzte Album “Last of Our Kind” wurde noch von deinem Bruder Dan produziert, dieses Mal habt ihr Adrian Bushby verpflichtet. Ja, Adrian weiss wie man modernen Rock aufnimmt, er hat schon mit Muse und den Foo Fighters gearbeitet. Wir liebten seine Energie und seine eindrückliche Kollektion von alten russischen Mikrophonen. Sein Assistent George Perks war ebenfalls wirklich grossartig. Es war toll sich vom altbekannten High-Fidelity-Aufnehmen wegzubewegen und etwas ein bisschen Raueres zu verfolgen. War das eine Erleichterung und weniger Druck für Dan? Dan wollte ein Album aufnehmen bei dem er sich zu 100% darauf fokussieren konnte ein Gitarrist zu sein. Ich denke er hat bei den früheren Alben darunter gelitten, dass er zu viele Hüte tragen musste. Der Druck macht ihm nichts aus, aber ich denke der Künstler oder der Klient zu sein und gleichzeitig auch der Produzent kann zu einem inneren Konflikt führen. Auf diesem Album musste er also nur einen Kampf führen! Das ist nun das erste Album Mit Rufus Tiger Taylor (Sohn von Queen-Legende und Drummer Roger Taylor) hinter dem Schlagzeug. Wie schräg war es zu Beginn für ihn, dass du seinen Vater auf deinem Finger tätowiert hast? (Lacht) Das war wirklich das erste worüber wir sprachen als ich ihn kennenlernte. Er fand es schon ein bisschen schräg, wir sind mittlerweile aber darüber hinweg. THE SONGS “All The Pretty Girls”, das ist vermutlich der Song über den ihr als Künstler wohl am liebsten sprecht, oder? Ich spreche über alle diese Songs gleich gerne. „All The Pretty Girls“ war ein Konzept, das ich mir überlegte, als ich vor einigen Jahren eingeladen war um in einer Super Group mit Billy Morrisson (Billy Idol), Duff McKagen (Guns n'Roses) und Steve Stevens (Billy Idol und Michael Jackson) zu singen. Ich bin dieser Band dann schlussendlich nicht beigetreten aber die Lyrics wurden mit diesen Typen im Kopf geschrieben. Es ist ein wirklich einfaches Konzept: Wenn du in einer Band bist, macht dich das attraktiver. (Lacht)

Der Neue: Drummer Rufus Tiger Taylor, Sohn von Queen-Drummer Roger Taylor 24

"Bucaneers of Hispaniola”, die Thematik im Song erinnert an die TV-Serie "Black Sails“, die von den Piraten von der nordamerikanischen Insel Hispaniola. Was macht dich zum Piraten? Ich habe “Black Sails” nicht gesehen, diese Tage gibt es über ALLES eine TV-Serie. Ich liebe den Buccaneers Song, er zelebriert die brutalsten Seefahrer aller Zeiten. Ich mag alleine schon die Idee, dass sie ihren Opfern das Tau so eng um den Körper gebunden haben, bis der Druck so stark war, dass die Augen rausgeploppt sind. Und die haben das meistens zum Spass gemacht! In einem deiner Statements zu “Solid Gold” hast du


gesagt, dass ihr zum jetzigen Zeitpunkt mehr Musik veröffentlicht habt, also vor eurem gut dokumentierten Karriere-Unterbruch. Wie fühlt sich das an für dich? Ich bin erleichtert diesen Punkt zu erreichen, denn ich denke unsere Fans können beginnen uns wieder als LangzeitUnternehmen zu sehen. Ich habe sie schon mal enttäuscht – und ich habe nicht vor, das nochmals zu tun. Das ist die Motivation hinter dem Refrain „We're never gonna stop shitting out solid gold“.

« Ich bin es leid, dass die Sänger ständig über ihre erbärmlichen Herzen singen und wie diese gebrochen wurden.»

Gold zu kacken muss ziemlich schmerzhaft sein, oder kommt das in kleinen Münzen raus? Wenn du richtig scharfes Essen isst, dann kommt das auch als heisser Strahl aus geschmolzenem Gold hinten raus. Und das ist dann noch viel schmerzhafter. In “Southern Trains” beklagt ihr die desolate Situation mit der Eisenbahn in England, wie zufrieden bist du mit der Schweizer Eisenbahn? Ganz ehrlich, die Schweizer Eisenbahn ist die allerbeste der Welt. Und die schlechteste ist im United Kingdom. Ich liebe es in den Schweizer Zügen zu reisen, die sind komfortabel, überraschend bezahlbar und absolut zuverlässig. In England trifft genau das Gegenteil zu. Die sind einfach unfähig einen zuverlässigen Service zu unterhalten und obendrauf sind die Zugtickets in England ASTRONOMISCH HOCH! Sorry, dass ich schreie. Inspirationen und Frustrationen kommen von vielen Seiten, fühlte es sich gut an, das Zug-Thema mal loszuwerden? Es war wundervoll kathartisch diesen Protestsong zu singen über etwas, von dem wir wirklich jedes Mal betroffen waren, wenn wir nach London fahren mussten, während dem wir die Songs schrieben. Und die Reaktionen im UK waren wirklich sehr positiv. Die nationale Presse steht ebenfalls hinter unserem Gefühl und die Leute stimmen The Darkness zu! “Why Don't The Beautiful Cry?”, als erstes: wow, geile Gitarrenarbeit! Und hier noch ein Gedanke: Die Schönen weinen nicht, weil das das Makeup ruiniert. Herzlichen Dank. Ich bin wirklich stolz auf meine Solos und Dan macht das Motown-Zeugs auch wirklich grossartig. Vielleicht hast du da wirklich die Frage beantwortet!!! “Japanese Prisoner Of Love”, Ich habe einen Live-Clip von diesem Song aus eurer Show in Sidney gesehen und der schien doch ein wenig härter als hier auf der CD, oder habe ich das falsch gehört? Ich weiss nicht ob es härter ist, es ist in D getuned in beiden Fällen. Vielleicht hat Rufus die Drums etwas mehr verdroschen bei den Live-Shows. Und vielleicht tönt es ohne die Overdubs auch nach mehr Power. Oder vielleicht

macht es meine Gitarre härter, weil ich so „fucking metal“ bin?! (lacht) “Lay Down With Me, Barbara”, wer ist denn Barbara? Barbara existiert nicht, sie ist die Destillation einer filmischen Göttin aus gloriosen Filmen wie den Carry On-Filmen, Hitchcock oder James Bond, die das britische Kino so liebenswert gemacht haben. Vielleicht ist sie eine Kombination von Barbara Windsor (Schauspielerin aus den Carry On-Filmen, Anm. d. Red.) und Honor Blackman (Das Bond-Girl aus James Bond's Goldfinger, Anm. d. Red.). “I Wish I Was In Heaven”, musikalisch ist dieser Song nicht gerade aufbauend aber sicherlich nicht so düster wie die Lyrics… (Lacht), Ja, gut erkannt. Ich mag es auszudrücken, was auch immer mir gerade auf dem Herzen liegt. Ich muss mich wohl ziemlich hilflos gefühlt haben, als ich dieses Stück schrieb. Es gibt andere Darkness-Songs, welche dieselbe Emotion erforscht haben, aber nie in einer so schamlosen Art. Ich glaube, das hat mir wirklich geholfen fähig zu sein diesen Song zu singen. Aber keine Angst, ich bin nicht mehr Suizid gefährdet.

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“Happiness”, dies ist stilistisch ein total anderer Song als alle anderen auf der Scheibe. Er hat mehr so ein 2000erAlternative-Vibe, er tönt als könnte er perfekt in den Soundtrack eines American-Pie-Films passen. Das meine ich jetzt nicht verachtend, ich mag das Feeling, das der Song zwischen meinen Ohren kreiert. Vielen Dank. Um ganz ehrlich zu sein, wir wollten diesen Song zuerst nicht auf die Scheibe packen, er schien nicht zum anderen Material zu passen. Adrian (Bushby) hat grossartige Arbeit geleistet und hat den Sound sehr aufbauend hingekriegt und vielleicht brauchte das Album nach „I Wish I Was In Heaven“ genau das. Ich liebe die Pre-Choruse am meisten „This Is My Heart, no-one ever broke it, don't worry about my ego, you don't have to stroke it“. Ich bin es leid, dass die Sänger ständig über ihre erbärmlichen Herzen singen und wie diese gebrochen wurden. Das ist Rock! Wir sollten eine GROSSARTIGE ZEIT haben! “Stampede Of Love”, hab ich das richtig verstanden, Rufus und du singen über einen Esel? (Lacht) Ja, Rufus und ich singen hier und es wird tatsächlich ein Esel erwähnt. In England ist es nicht ungewöhnlich, dass man Leute mit ihren Eseln am Strand reiten sieht. Sehr traditioneller Spass. Aber der Song ist als Duett gedacht, das von zwei morbid fettleibigen Liebenden gesungen wird und es feiert die Idee, dass die Liebe überall existieren kann. Nur weil du einen Kran mieten musst, um aus dem Bett zu kommen heisst das nicht, dass da draussen niemand ist, der dich für immer lieben wird. Unglücklicherweise überlebt der Esel aber nicht. Welcher Song auf “Pinewood Smiles” bedeutet dir am meisten? „Solid Gold“ ist der Song, den ich als Absichtserklärung des wirklichen Lebens sehe. Ich liebe auch „Buccaneers Of Hispaniola“, aber „Solid Gold“ hat so was Echtes. Es ist aus dem Herzen gesungen. THE DOCUMENTARY Ihr arbeitet seit einiger Zeit an einer Dokumention über The Darkness, was ist das für ein Gefühl, wenn man ständig gefilmt wird? Ja, die Jungs folgen uns noch immer auf Schritt und Tritt. Je mehr du in dieser Umgebung lebst, desto einfacher wird es. Man lernt auch, dass wenn du versuchst witzig zu sein, bist du's nicht. Aber wenn du versuchst du selber zu sein und dein Leben einfach weiterführst, können urkomische Sachen passieren. Die haben hunderte Stunden an Bildmaterial, ich kann es kaum erwarten wie das am Ende aussieht. Dies ist erst die zweite Dokumentation, die Simon Emmett macht, (ein sehr bekannter Fotograf der wirklich schon jeden vor der Linse hatte) das muss eine grosse Ehre sein für euch, oder? Ja, absolut. Simon ist ein brillanter und erfolgreicher Fotograf,

THE DARKNESS Pinewood Smile Cooking Vinyl/Sony

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aber er hat erst eine andere Dokumentation gemacht. Der Titel war „Underhill“ und handelte vom Barnet Football Club und der Gemeinschaft darum herum. „Underhill“ ist wunderschön, bewegend und sehr witzig, ich mag den Film sehr. Ich bin ein grosser Bewunderer von Simon und fühle mich in der Tat sehr geehrt. Gab es auch Momente in denen ihr diese Dokumentation am liebsten abgebrochen hättet? Nein, noch nicht. Wir brauchen noch was Grosses, um der Erzählung ein natürliches Ende zu verpassen. Idealerweise wäre das etwas Gutes, zum Beispiel einen grossen Hit zu landen oder was auch immer. Oder ansonsten was Schreckliches. Daran will ich aber gar nicht denken! VARIOUS Gratulation zur Tour mit Guns N'Roses, war das etwas Beängstigendes für euch? Nein, nicht wirklich. Wir haben mit ihnen über die Jahre schon einige Male gespielt. Wir wussten, was wir zu erwarten hatten. Die Show in Zürich war allerdings hart, ein lethargisches Publikum und ein richtiger verdammter Loser, der mich während des Sets ärgern wollte. Ich hab ihm dann meine Meinung gegeigt und alles war gut. Italien war wild und Finnland hat echt reingehauen. Genauso wie man das erwarten durfte. Aus reiner Neugier, wie hoch ist Dan's Verschleiss an Thin Lizzy-Shirts pro Jahr? Er muss hunderte davon haben. Es gibt einen ganz Koffer voll in unserem Lager. Es muss jetzt mal gesagt werden: ich liebe die Art und Weise wie deine sehr eloquenten und unterhaltsamen Promotexte aus dir raus sprudeln. Diese Texte lesen sich als ob du dir die Wörter schneller aus dem Ärmel schüttelst als du Zeit brauchst, um sie zu tippen. Ist das richtig, oder sind das Stunden des Überdenkens und Korrigierens? Ich denke über diese Dinge nicht länger nach als ich brauche, um sie zu schreiben. Ich mag die Attitüde dieser Texte… Denn wenn du zu lange darüber nachdenkst ob du Leute damit verärgerst oder ob alle relevanten Informationen wirklich reingepackt sind, dann kriegst du am Schluss Texte die sich lesen wie Wasser mit Zimmertemperatur. Jeder kann das. Ich möchte, dass diese Texte meine Stimme sind. Es ist so ein Macht Ding. (Lacht) Kommen die Lyrics jeweils genauso leicht aus dir raus? Nein, das ist immer so ein Flaschenhalseffekt mit den Lyrics. Unglücklicherweise für die Jungs verbringe ich Stunden um Stunden damit und manchmal schaffen es einige Texte nicht aufs Album, weil ich sie einfach nicht fertig gekriegt habe. Ich glaube aber es ist trotzdem fair, denn schliesslich muss ich die Texte dann singen, vermutlich für den Rest meines Lebens.

mh. Das Album Nummer Fünf von der schönsten Band aus England hat das Licht der Welt erblickt. The Darkness – Justin Hawkins (Vocals, Gitarre), Dan Hawkins (Gitarre), Frankie Poullain (Bass) und Rufus Tiger Taylor (Drums) – touren nicht nur unermüdlich um den Globus, sondern fanden dabei auch noch die Zeit eine richtig geile, neue Scheibe zusammen zu stellen. Mit Rufus an den Drums, der übrigens der Sohn von keinem Geringeren als Roger Taylor, dem Drummer und Gründungsmitglied von Queen ist, hat die Band zu einer neuen, kampfbereiten Einheit gefunden. Auf „Pinewood Smiles“ packt die Band eine neue Härte, die man sich von ihnen bis anhin nicht gewohnt war. Und verdammt, diese

Härte steht der Band. Da die neue Scheibe nun von Adrian Bushby (u.a. Muse, Foo Fighters) produziert wurde, hatte der bisherige Produzent und bandeigene Gitarrist Dan wieder mehr Zeit sich auf das zu fokussieren warum er eigentlich in der Band ist, nämlich das Handwerk mit der Gitarre. Seine Finger lässt er über das ganze Album immer wieder zu grossen Solis antanzen. Die Band hat sich mit den Aufnahmen zum neuen Album und mit den geduldig und unermüdlich erworbenen und verbesserten musikalischen Fähigkeiten einen lang gehegten Traum erfüllt, denn sie haben die Tracks alle live aufgezeichnet. Man glaubt diese Ehrlichkeit, diese Nähe und das Gefühlt von Gemeinschaft aus den Songs raus zu hören. Anspieltipps: „Japanese Prisoner Of Love“ und „Solid Gold“.


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Die Wiedergeburt Antichristi Er war nie wirklich weg. Wie der Teufel, der in jeder Sünde und in jeder Lüge lauert, wartete auch Marilyn Manson auf den geeigneten Zeitpunkt seiner Rückkehr. Ein Blick auf die geschundene Welt zeigt: Jetzt ist dieser Zeitpunkt da! Machen wir uns also bereit für die Trompeten des Jüngsten Gerichts. Machen wir uns bereit für das Biest, das „Heaven Upside Down“ geworden ist.

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bs. Sie gehören zu den ganz großen Weiterdenkern der extremen Musik: Enslaved aus der westnorwegischen Hafenstadt Bergen haben sich in den 26 Jahren ihrer Karriere einen nahezu makellosen Ruf erspielt. Weltweit schätzt man die einstigen Viking-Metal-Erfinder für ihre dezidiert nordische, naturnahe und grimmige Herangehensweise an visionären Heavy Metal. Insbesondere auf ihren letzten Werken loteten die Norweger die Grenzen des Black Metal weiter und weiter aus, ließen Progressive Metal, aber auch Rock oder klassische Metal-Zutaten zu. Mit „E“ erreicht dieses chimärenhafte Wirken einen neuen Höhepunkt: Ein Opus, so schroff wie Norwegens Winter, so rau wie die See und so erhaben wie die Fjordlandschaft hier an der westlichen Küste. Grutle Kjellson weiß um den Wert dieser epochalen Landschaft. Erst kürzlich ist der Enslaved-Gründer in ein neues Haus direkt an der Küste gezogen, blickt von seinem Wohnzimmerfenster hinaus auf See. „Der Ausblick ist wirklich atemberaubend“, so der Sänger und Texter begeistert. „Ich erinnere mich an einem ziemlich heftigen Wintersturm, als ich gerade am Fenster saß und Lyrics schrieb.“ Ein Lächeln flackert auf. „Ziemlich passend, findest du nicht auch?“ Und ob! Schon immer war Enslaveds Musik von einem regelrecht eisigen Hauch umweht. Das neue Werk „E“ macht da keine Ausnahme. In seinen Grundzügen schlägt uns auch auf diesem Album noch der froststarrende, klirrende Sound der Anfangstage entgegen, wird aber virtuos von progressiven Eskapaden, von wunderbar warmen Melodien und HammondOrgel durchdrungen. Dazu Kjellsons ikonisches Gekeife und der wohlige Klargesang des neuen Keyboarders und Sängers Håkon Vinje – fertig ist ein weiteres Meisterwerk aus der Schmiede der Norweger. Auf den Neuugang angesprochen, kann der Frontmann seine Begeisterung kaum im Zaum halten. „Der Kerl ist ein Jahr jünger als die Band!“, sprudelt es aus Kjellson heraus. „Er bringt eine Menge neue Energie und ordentlich Schwung in die Band, das tut schon gut, muss ich sagen. Mal ganz zu schweigen davon“,

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fügt er an, „dass er ein kapitaler Musiker ist. Er ist wahrscheinlich der einzige Mensch, den ich jemals kennengelernt habe, der wirklich Keyboard spielen wollte! Sein Vater spielte ihm wohl Deep-Purple-Platten vor, als er klein war, und er muss damals schon den Wunsch geäußert haben, Keyboarder zu werden. Das ist wohl echt einmalig!“, lacht er. Und verdammt, er hat magische Hände! Er ist ein verfluchter Zauberer an diesem Instrument.“ Damit ist er in dieser Band wahrlich nicht allein. „E“ demonstriert das Können Enslaveds auf schwindelerregend hohem Niveau. Kompositorisch, inhaltlich, atmosphärisch – es ist ein heftiger Sturm, den die Norweger da entfesseln. „Wir wollen Grenzen vernichten, wollen Rahmen sprengen, wollen Genres überlappen lassen“, sagt der Sänger zur ureigenen Stilistik seiner Band. „Brücken niederbrennen und weitersuchen – nur darum sollte es in der Musik gehen.“ Damit sind wir wieder bei den Wikingern angekommen. Mit denen, ihrer Lebenswirklichkeit und Spiritualität haben sich Enslaved schon auf ihrem wegweisenden Debüt „Vikingligr Veldi“ auseinandergesetzt. Heute ist es für die Norweger mehr Philosophie und historische Wurzelkunde als heidnisches Säbelrasseln, betont Kjellson: „Wir sind ja über die Jahre hoffentlich schlauer und reifer geworden. Und somit auch die Texte: Die Enslaved-Lyrics sind heute viel persönlicher als in unseren frühen Jahren, sind eher Interpretation als Faszination. Gewiss, die nordische Mythologie fasziniert und noch immer und wird das auch bis in alle Ewigkeit tun. Es geht uns heute aber eher um das Innere, das nach außen blickt, als andersrum.“ Die Basis ist und bleibt, betont er, die Mythologie. „Die nordische zwar, obwohl es extrem viele Parallelen zu anderen Mythologien gibt, die auch ihren Einfluss auf Enslaved ausüben. Füge noch ein


Entdecker neuer Welten Vor über 1000 Jahren segelten die Wikinger über den Atlantik nach Amerika. Getrieben von Entdeckungsdrang, Neugierde und Mut, hatten sie nicht mal Angst davor, über den Rand der Welt ins Nichts zu segeln. Die Norweger Enslaved wissen zwar mittlerweile, dass die Erde eine Kugel ist; ihr 14. Studioalbum „E“ ist dennoch ein ähnlich visionärer, mutiger Vorstoß in eine neue Metal-Ära.

Enslaved wenig Philosophie und Runenkunde hinzu, fertig.“ Auf „E“ führt das zu einem simplen Titel – und einem durchaus anspruchsvollen Subtext. Es geht, vereinfacht ausgedrückt, um die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Und mit „Natur“ ist hier alle gemeint: Andere Menschen, Tiere, Pflanzen. Der gesamte Kosmos eben. „Wir müssen mit anderen Menschen interagieren, wir müssen mit Tieren wie dem Pferd interagieren, wir müssen mit der Natur interagieren. Wenn wir das nicht tun“, ist sich der Eishockey-Fan sicher, „sind wir verloren. „Niemand kann es allein schaffen, wir müssen immer auf irgendeinem Level mit unserer Umgebung zusammenarbeiten.“ So etwas lernt man an Norwegens harscher Küste wohl recht schnell. Der Sänger nickt. „Alles, was wir uns aufgebaut haben, haben wir dem Meer zu verdanken. Wir transportieren unsere Güter über das Wasser, wir fischen Hering, Kabeljau und Krabben. Die Westküste Norwegens ist bevölkert, weil uns die See mit Nahrung versorgt. Dennoch herrscht hier ein extrem harsches Klima, was die Versorgung deiner Familie sehr schwer machte und immer noch macht. Du lernst schnell die Dualität zwischen dem Menschen und der See. Die Demut, die es braucht, und den Willen, das Ego zurückzustellen.“ Nach einigen Werken, in denen sich Enslaved vor allem mit dem Ich, mit der persönlichen Identität auseinandersetzten, ist dies eine gehörige Öffnung. „Es wurde höchste Zeit, dass wir ein Album wie dieses machen. Es geht um den Grund, weshalb wir hier sind. Und das hat nichts damit zu tun, in der Großstadt in den Supermarkt zu gehen, weil es dort alles gibt, was wir brauchen. Es steckt etwas Fundamentales in der Beziehung von Mensch und Natur. Das zu begreifen, ist sehr wichtig.“ Das hat nichts mit einer naiven Rückbesinnung auf eine ferne Vergangenheit. Es hat etwas damit zu tun, den Wikinger in sich zu finden, sozusagen. Und mit epischer Musik wie der von Enslaved ist das gar nicht mal so schwer.

E Nuclear Blast/Warner bs. Hinter dem bislang einfachsten Titel aller Enslaved-Werke lauert das ambitionierteste, tiefgründigste und vielleicht sogar beste Album: „E“ perfektioniert all das, was die Norweger seit den frühen Neunzigern so geduldig, innig und leidenschaftlich geschmiedet haben, vereint so meisterlich wie nie zuvor diametrale Ansätze wie Black Metal, progressiven Psych Rock und viel archaisch-luftige Melodik. Ob man das jetzt progressiven Black Metal oder tiefschwarzen, eisig klirrenden Rock nennt, ist beinahe egal, Enslaved spielen eh in ihrer eigenen Liga. Die Songs auf „E“ sind stolz, erhaben, meisterlich arrangiert und packend vorgetragen, machen ein weiteres Mal die epochale Kraft der norwegischen Natur spürbar und setzen sich auf bewegende Weise mit dem Verhältnis von Mensch und Natur auseinander. Das geschieht mal in grimmiger Raserei, mal in jenseitiger Entrücktheit, mal in verspielt-anspruchsvoller Raffinesse, immer aber in ihrer urtypische, urwüchsigen und unvergleichlichen Brillanz. Beeindruckend!

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REVIEWS Hard/Heavy/Metal AUGUST BURNS RED Phantom Anthem Spinefarm/Universal lg. "Phantom Anthem" ist das siebte Album der 2003 gegründeten Metalcore-Band aus Pennsylvania/USA. August Burns Red, welche 2015 einen Grammy für die beste Metal Performance gewonnen haben, arbeiten mit starken Breakdowns und grundsätzlich mit rhythmisch komplexen Gitarrenriffs. Auch auf dem vorliegenden Album hat sich dies nicht wesentlich geändert – nur dass die Grooves noch härter zuschlagen und die Hooks noch packender sind und die Instrumentierung noch intensiver ausfällt. Einzelne Songs zu nennen ist fast überflüssig, denn das Niveau auf "Phanon Anthem" ist sehr hoch – zurecht gelten August Burns Red als eine der Top-Bands auf der internationalen Metalcore-Bühne. Als Einstieg sei die Single "Invisible Enemy" genannt, zu welcher ein spektakuläres Video gedreht wurde.

BEAST IN BLACK Berserker Nuclear Blast mv. Das finnische Quintett Beast In Black wurde 2015 von Battle Beast-Gitarrist Anton Kabanen gegründet. Nicht nur der Bandname, auch das Artwork zeigen unmissverständlich, dass hier eine klare Fortsetzung von Battle Beast zu erwarten ist. Als neue Mitstreiter hat sich Anton Sänger Yannis Papadopoulos (Wardrum), Gitarrist Kasperi Heikkinen (Ex-U.D.O.), Bassist Máté Molnar (Wisdom) und Drummer Sami Hänninen (ExBrymir) geholt. Das Resultat dieser Zusammenarbeit ist moderner, meist stampfender und bombastischer Power Metal versehen mit immer stark präsenten 80er PopSynthie-Klängen. Wer die Battle Beast-Alben mit Anton liebte, kann hier blind zuschlagen und muss gar nicht weiterlesen. Auch Fans von Sabaton oder Nightwish werden mit Sicherheit begeistert sein (bei der Nummer „Blind And Frozen“ hat man sich übrigens beim Refrain ziemlich frech bei Nightwish bedient). Während schnelle Doublebass-Tracks wie „Beast In Black“ oder „Zodd The Immortal“ tatsächlich als Heavy Metal durchgehen können, sind die so dermassen mit dominanten Keyboards gestalteten Songs „Born Again“, „The Fifth Angel“, „Eternal Fire“ (Europe lassen grüssen…), „End Of The World“ oder vor allem „Crazy, Mad, Insane“ eigentlich pure Pop/DiscoSongs mit etwas Gitarren und harten Drums. Highlights des Albums sind neben dem Opener

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„Beast In Black“ vor allem die hitverdächtige Stadion-Hymne „Blood Of A Lion“ und die wunderschöne Ballade „Ghost In The Rain“. Frontmann Yannis Papadopoulos, dessen klare und hohe Stimme alle Songs super veredelt, ist ein grosser Pluspunkt für Beast In Black (wobei ich bei einiges Songs fast sicher war, dass da eine Sängerin am Werk ist, aber der gute Mann kann anscheinend tastsächlich so extrem hoch und klar singen). Wer seinen Metal gerne poppig, Keyboard beladen und extrem mitsingkompatibel mag, muss sich Beast In Black dick auf den Einkaufszettel notieren. Beinharte True Metaller und Thrasher dürften neben Sabaton bald ein neues Lästerobjekt gefunden haben. Ein Album, das provoziert („Crazy, Mad, Insane“) und trotzdem sehr selbstbewusst daher kommt. Der Erfolg ist auf jeden Fall nach dem Abschluss eines Vertrages mit Nuclear Blast schon vorprogrammiert.

GRAVE PLEASURES Motherblood Century Media/Sony lg. Grave Pleasures aus Finnland ist die Nachfolgeband von Beastmilk. Letztgenannte Truppe hat mit den nun auch bei Grave Pleasures aktiven Mat McNerney (Gesang, auch bei Hexvessel) und Valtteri Arino (Bass) das grandiose PostPunk-Album "Climax" (2013) veröffentlicht. Nun liegt mit "Motherblood" das zweite Album von Grave Pleasures vor, welches es schafft, an "Climax" anzuknüpfen, und somit das nicht durchs Band gelungene Debüt "Dreamcrash" locker in den Schatten stellt. Die Hinzunahme des Oranssi PazuzuGitarristen Juho Vanhanen, welcher zusammen mit McNerney für den Grossteil des Songwritings verantwortlich zeichnet, hat die Band entscheidend weitergebracht. Grave Pleasures schaffen es, düsteren Rock mit Vibes von David Bowie oder The Cure zu verbinden und zaubern so eine explosive Mischung, angereichert mit dunklen Texten und McNerneys apokalyptische Stimme. Als Anspieltipps sind die Single "Be My Hiroshima" sowie "Falling For An Atom Bomb" zu nennen. Grossartig!

KRYPTONITE Kryptonite Frontiers mv. Wie jeden Monat gibt’s auch diesen wieder ein neues Melodic Metal-Projekt aus dem Hause Frontiers. Wobei die Info der Plattenfirma bei Kryptonite eigentlich von einer echten Band spricht. Aber das wird sich

noch zeigen, denn auch hier sind Musi-ker von diversen anderen noch aktiven Bands am Start. Und das wären The Poodles-Sänger Jacob Samuel, Bassist Pontus Egberg (Treat, King Diamond), Gitarrist Michael Palace (Palace) und Schlagzeuger Robban Back (Mustasch). Am Mischpult und Keyboard dazu wie immer Songwriter und Produzent Alessandro Del Vecchio. Originell ist an diesem Album vor allem das kongeniale Artwork (Ein Comic-Heft Cover mit Indiana Jones-Tribute, welches die Band bescheiden als „Earth’s Mightiest Band“ präsentiert. Der Begriff Kryptonit stammt übrigens auch aus den Superman-Comics, womit sich der Kreis schliesst). Die Musik ist natürlich alles andere als originell geraten, es gibt die typisch schwedische Melodic Metal-Vollbedienung, welche wie erwartet stark an The Poodles oder Palace erinnert. Aber die Qualität vieler Songs auf dem Album ist dermassen stark, dass dieses Album trotz allem als „sehr empfehlenswert“ eingestuft werden muss. „Fallen Angels“, Chasing Fire“, „Across The Water“, „No Retreat No Surrender“ oder „This Is The Moment“ sind hochmelodische Perlen, welche extrem druckvoll und knackig dargeboten werden und so locker viele The Poodles Songs hinter sich lassen. „Kryptonite” macht von Anfang bis Schluss richtig gute Laune und dürfte auch Fans von Crazy Lixx oder Eclipse super gefallen. Check it out!

Anspieltipp können der super eingängige Opener „Give Me The Light“, das stark an Praying Mantis erinnernde „30 Years“, die schöne Ballade „Every Boy In Town“ sowie die weiter hinten platzierten Perlen „Heartbeat Radio“ und “Lionheart” (Neuaufnahme) empfohlen werden. Alles in allem eine runde Sache und für Fans von Dennis Stratton, den alten Lionheart und natürlich auch Praying Mantis ein Pflichtkauf.

LIONHEART

NOCTURNAL RITES

Second Nature

Phoenix

AOR Heaven

AFM Records

mv. Bereits Anfang der 80er Jahre gründete ExIron Maiden Gitarrist Dennis Stratton die Band Lionheart. Mit an Bord war damals auch Jess Cox (ExTygers Of Pan Tang). Das Debutalbum „Hot Tonight“ erschien dann allerdings erst 1984 und bot feinen AOR. Obwohl damals eigentlich alle Zeichen gut standen, blieb der Erfolg aus, was sicher auch am mangelnden Support der Plattenfirma lag. Lionheart lösten sich frustriert auf und Dennis machte mit den Praying Mantis für lange Zeit weiterhin genau diesen Art von Musik. Im 2016 kam es dann überraschend zu einer Reunion für ein Festival in Grossbritannien und nun steht gar ein neues Lionheart Album an. Am Gesang ist mit Lee Smalls (Shy, Phenomena) ein neuer nicht unbekannter Mann verpflichtet worden, welcher sich als grosser Pluspunkt für „Second Nature“ herausstellt. Seine Stimme passt jedenfalls absolut perfekt zu den hochmelodischen Songs dieser Comeback-Platte und selbst bei der Chris De Burgh-Nummer „Don´t Pay The Ferryman“ gibt sich Lee keine Blösse. „Second Nature“ klingt frisch und macht durchgehend gute Laune, wie es sich für ein gutes AOR-Album gehört. Als

mv. Die meisten Metaller haben mit Sicherheit geglaubt, dass sich die Schweden Nocturnal Rites vor vielen Jahren klammheimlich aufgelöst haben. Aber dem war augenscheinlich nicht so, denn nach über einer Dekade Sendepause ist die Band um Sänger Jonny Lindqvist überraschenderweise mit einem neuen Album zurück. An der langen Pause war sicher auch der Wechsel an der Leadgitarre mitschuldig. So wanderte Gitarrist Chris Rörland nach dem letzten Album „The 8th Sin“ zu Sabaton ab. Als Ersatz konnte nun Per Nilsson (Scar Symmetry) verpflichtet werden. Die Band hatte sich vermutlich selber schon fast tot geglaubt, anders lässt sich der treffende Titel „Phoenix“ kaum erklären. Aber schon der krachende Opener „Heart Black As Coal“ macht eindrücklich klar, dass mit den Schweden wieder verstärkt zu rechnen ist. Der Song ist eine moderne Metal-Hymne wie aus dem Lehrbuch. Aber auch bei den nachfolgenden Songs verstehen es Nocturnal Rites vorzüglich, moderne Riffs mit schönen aber nie kitschigen Melodien zu verbinden. Jonny Lindqvist singt Ohrwürmer wie „A Song For You“, „Before We Waste Away“, „The Poisonous Seed“ oder „The Ghost

MASTODON Cold Dark Place Reprise/Warner hug. Wir sind noch kaum soweit, dass wir das letzte Album von Mastodon durchgehend in Gedanken mitspielen können, schieben die Kunstmetal-Amis auch schon wieder Material nach: drei unveröffentlichte Songs aus dem 14er-Album «Once More 'Round The Sun» plus ein unveröffentlichter Song aus dem aktuellen Album «Emperor Of Sand». Die gute Nachricht ist: Die vier neuen Songs sind in keiner Weise Restenverwertung, die bleiben auch als «Nachlese» erstklassige MastodonMusik und hätten sich in die jeweiligen Alben geschmeidig eingefügt: gescheiter Prog mit Sinn für Humor. Die schlechte Nachricht? Gibt es nicht. Tolles Schmankerl!


Inside Me“ mit so viel Leidenschaft, dass es eine wahre Freude ist. Definitiv einer der besten Sänger in diesem Genre. Und natürlich glänzen die Schweden auch bei ruhigeren Stücken wie "Repent My Sins", womit auch die Abwechslung nicht zu kurz kommt. Dieses hervorragend produzierte Album markiert somit eine gewaltige Rückkehr einer der besten europäischen Power Metal Bands.

PROCESSION Doom Decimation High Roller Records lg. Ursprünglich wurden Procession in Valparaiso/Chile von Sänger, Gitarrist und Mastermind Felipe Plaza gegründet. Die Band hat nach dem Release des Vorgängers "To Reap Heavens Apart" (2013) ihren Sitz nach Schweden verlegt und ist in Europa live-technisch aktiv. Stilistisch wird der klassische Doom-Metal, wie ihn Truppen wie Candlemass, Solitude Aeturnus, Solstice oder auch Warning spielen, geboten. Dies hat sich auf dem Drittwerk "Doom Decimation" nicht geändert. Die langsamste Spielart wird mit einer derartigen Hingabe, Emotion und Intensität dargeboten, dass dem Hörer Schauer den Rücken hinunterlaufen. Dennoch ist der Sound variabel, denn Plaza und seine Mitstreiter spielen geschickt mit

Tempiwechsel. Procession sind derzeit wohl die beste reine epische Doom-Metal Bands, denn die Konkurrenten glänzen nicht gerade mit überschäumenden Aktivismus. Bestes Genre-Album des Jahres neben den tollen Scheiben von Sorcerer und Below.

STILLBORN Nocturnals Black Lodge Records lg. Mit ihrem tollen Album "Necrospiritual" aus dem Jahre 1989 haben die Schweden von Stillborn ein Album fabriziert, welches über die Jahre zu einem Referenzwerk des Doom-Metal herangewachsen ist. Die tiefe, Gothic-lastige Stimme von Sänger Kari Hokkanen, war gepaart mit den schweren Doom-Riffs und verhalf Stillborn zu einem einzigartigen Stil. Auf den zwei nachfolgenden Alben, "The Permanent Solution" (1991) und "State Of Disconnection" (1992) tönte die Band aufgrund des Sängerwechsels austauschbarer und weniger inspiriert. Nun folgt die Reunion mit Kari und endlich mit "Nocturnals" der legitime Nachfolger zum Erstling. Die Gitarrenriffs braten fett und Karis Bass-Stimme dröhnt charakteristischer, emotionaler und düsterer Art. "Nocturnals" krönt eine Reunion, die kaum jemand noch für wahr gehalten hat. "Nocturnal" ist überraschend gut geworden, erdig produziert und lässt auf ein paar Gigs der Band hoffen. Als Anspieltipps können die beiden Singles "Lorelei" und "Anathema" genannt werden.


hh. Was vor zwei Jahren niemand für möglich gehalten hatte, war die Rückkehr von Mark Fox zu Shakra. Das war für beide Seiten ein guter Entscheid, denn das aus dieser Reunion resultierende Album „High Noon“ geriet zu einem strahlenden Glanzpunkt in der Karriere der Emmental-Rocker. Nun, am 10. November, kommt das neue Werk namens „Snakes & Ladders“. Wie es bei Shakra inzwischen gelaufen ist, ob sie sich immer noch lieb haben und was sonst noch so los ist – darüber sprach TRACKS mit Mark Fox und Thomas Muster.

Fast zwei Jahre sind vergangen seit „High Noon“, nennen wir es mal Comeback-Album mit Mark Fox. Wie seid ihr beiden ehemaligen Streithähne denn in dieser Zeit miteinander klargekommen? Mark: Ja, sehr gut. Wir haben nie Streit gehabt. Thomas: Stimmt. Wir arbeiten ja jetzt schon dreieinhalb Jahre wieder zusammen, das ging ja schon mit Songs schreiben und aufnehmen schon vor dem Release von „High Noon“ los. Und wir hatten in dieser neuen Phase nie ein Problem. Es ist erstaunlich aber wahr. Mark: Es ist aber auch eine coole Zeit gewesen. „High Noon“ kam raus, es gab wirklich tolle Kritiken, wir haben super Konzerte gespielt – und wir hatten untereinander noch nie so eine gute Harmonie in der Band. Thomas: Wir haben auch jetzt im Unterschied zu früher in der Zusammenarbeit eine gewisse Gelassenheit. Wo wir früher wegen Kleinigkeiten aufeinander herumgehackt haben, nehmen wir heute jeden so, wie er ist – mit all seinen Stärken und Schwächen. Mark: Mittlerweile weiss auch jeder, auf was der andere allergisch reagiert. Ist das eine gewisse Altersweisheit? Mark: Auf jeden Fall. Als ich damals zu Shakra kam, war ich 23 – jetzt bin ich 39. Da hat sich schon was geändert. Früher habe ich immer sofort rumgeschrien und Theater gemacht, da war die Schnorre oft schneller als das Hirn. Heute überlegt man zuerst bevor man was sagt. Wie haben die Fans reagiert, als „High Noon“ rauskam und Mark wieder in der Band war? Mark: Eigentlich hatte ich gedacht, dass es viel mehr Widerstand geben würde. Mein damaliger Ausstieg bei Shakra ging ja nicht lautlos über die Bühne, da gab es ja sehr viel Krawall. Klar gab es verschiedene Meinungen, aber im Grossen und Ganzen bin ich wieder sehr gut aufgenommen worden. Thomas: Ich denke, die Leute haben das auch gemerkt, dass wir wieder gut zusammen sind. Das kommt ja auch im Gegensatz zu früher heute bei Konzerten deutlich rüber. Die Fans sehen, dass es echt ist was da passiert, dass wir es Ernst meinen. Und das freut die Fans, die merken dass es richtig ist, dass Fox und Shakra zusammen sind. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass ihr mit „High Noon“ ein grandioses Comeback hingelegt habt, wo die Leute gemerkt haben, dass die Kombination Fox und Shakra die richtige ist. Thomas: Genau, das ist genau das, was ich meine. So wie wir menschlich wieder zueinander gefunden

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«So wie wir menschlich wieder zueinander gefunden haben, hat sich das auch auf die Musik ausgewirkt» - Thomas Muster haben, hat sich das auch auf die Musik ausgewirkt. Da hat alles ineinander gegriffen und gepasst. Und so haben die Leute das auch empfunden. Was ist bei euch in den letzten beiden Jahren gelaufen? Mark: (lacht) Daily Business. Thomas: Nicht nur. Wir haben ein paar aussergewöhnliche Shows gehabt: Greenfield, Allmend Rockt Luzern, Rock The Ring – alles grössere Sachen, die wir vorher noch nie hatten. Das war schon nicht gerade Daily Business. Mark: Wir haben auch in Deutschland ein paar gute Shows gespielt. Thomas: Ja, Deutschland lief gut. In Süddeutschland hatten wir ein paar ausverkaufte Shows – also so ca. 500 Leute jeweils. Das ist cool, das kann man so auf der positiven Seite verbuchen. Eure Platten kommen ja auch schon lange in Deutschland beim gleichen Label raus. Aber der grössere Durchbruch ist euch dort trotz vergleichbar hoher musikalischer Qualität nicht wirklich gelungen. Wäre es nicht mal Zeit für neue Konstellationen? Ein neues Label, Management etc.? Thomas: Nein, warum. Wir sind zufrieden mit unserem Label, da spüren wir immer noch, dass die Leute mit Herzblut dabei sind und hinter uns stehen. Wenn wir zu einem grösseren Label wechseln würden, heisst das ja nicht, dass dann auch automatisch mehr passiert. Das kann auch nach hinten losgehen, dass dann überhaupt nichts passiert, weil die Leute in den


«wir hatten untereinander noch nie so eine gute Harmonie in der Band» - Mark Fox grossen Companies eher mit Pop und modernen Sachen arbeiten und mit unserer Musik nicht viel anfangen können. Es läuft ja gut, wir können uns überhaupt nicht beklagen. Wir spielen jetzt auch Shows in Deutschland, wo wir was verdienen. Wir sind happy, wie es läuft. Mark: Weisst du, wenn man anfängt und die erste Platte kommt raus, dann sieht man sich schon auf einer Amerika-Tournee und Platz 1 in der ganzen Welt (lacht). Aber nach dem 11. Album ist das nicht mehr so. Du hast aber Freude, dass du was gutes gemacht hast, dass du das promoten kannst, dass du spielen kannst – eben, andere Sachen haben mehr Gewicht bekommen. Das heisst aber nicht, dass Träume keinen Platz mehr haben. Nach oben geht immer, man hat ja Freude, wenn etwas passiert. ! Thomas: Klar. Aber wir sind auch nicht frustriert, wenn nicht so viel passiert. Es läuft ja gut. Es gibt ja hunderte Bands, die alles geben würden, um dahin zu kommen, wo wir schon sind. Und wenn ich das so sehe, sind wir mit Shakra schon recht privilegiert. Habt ihr denn unterschwellig immer noch die Hoffnung auf den ganz grossen Durchbruch? Thomas: Nein. Ein Durchbruch in Amerika oder so, ich muss dir ganz ehrlich sagen, damit rechne ich nicht. Ich glaube immer noch, dass man mit einem Song viel erreichen kann. Wenn der für eine Werbung oder ein Computerspiel eingesetzt wird, das kann sehr viel bewirken. Aber dafür muss man sehr viel Glück haben. Seid ihr mit dem bislang Erreichten zufrieden? Thomas: Unser Plattenfirmamensch sagte mir vorhin,

alle Musiker jammern. Ich nicht. Im Gegenteil, ich bin recht happy. Früher habe ich davon geträumt, von der Musik leben zu können. Das habe ich schon seit Jahren erreicht. Ich kann meine Rechnungen bezahlen, wir haben coole Shows, wir bringen Platten raus, die gute Kritiken bekommen. Mark: Wie gesagt, wenn es weiter nach oben geht, bin ich nicht abgeneigt. Aber was ich in meiner musikalischen Karriere erreicht habe, ist die Freiheit, das zu machen, was ich wollte. Und wenn ich so an all die Leute zurückdenke, mit denen ich Musik zusammen gemacht habe, die auch die gleichen Träume hatten – wo sind die heute? So gesehen habe ich echt Schwein gehabt, darauf bin stolz. Und so gesehen auch zufrieden. Wie geht man nach einem so guten Album wie „High Noon“ an das nächste heran? Man hat ja doch immer den Druck, das nächste muss noch besser werden. Oder spürt ihr diesen Druck nicht mehr? Mark: Doch, doch. Thomas: Doch, schon. Ich habe früher immer direkt nach einer neuen Platte schon wieder mit dem Songschreiben fürs nächste angefangen. Dieses Mal war es schwieriger. Ich habe schon eine Zeit gebraucht, bis ich mich wieder ans Songschreiben getraut habe. Ich wusste, „High Noon“ ist gut geworden und habe mich gefragt, wie ich das hinkriegen soll, dass die nächste Platte mindestens gleich gut wird. Aber irgendwann ist es von selbst wieder gegangen. Der Auslöser war unser Konzert mit Rammstein in Luzern 2016. Da hat es mich wieder gepackt. Vielleicht brauche ich manchmal ein grosses Ereignis, um wieder gross zu denken und grosse Riffs im Kopf zu haben. Ich habe dann innerhalb von drei, vier Monaten die Musik für das neue Album geschrieben. Wie entstehen neue Songs? Thomas: Ich schreibe Songs ausschliesslich daheim. Mit einem Drumcomputer und die Instrumente spiele ich alle selbst ein. Wenn ich ein Riff habe, dann habe ich auch automatisch immer gleich eine Gesangslinie im Kopf. Dann kommt Mark dazu und wir schauen, ob das gesanglich funktioniert. Dann wird noch hier und da was geändert, Mark bringt seine Ideen ein – so läuft das schon immer. Hast du als Hauptsongschreiber einen Fundus an Songs oder beginnst du jedes neue Album bei Null? Thomas: Bei Null! Es gibt zwar Songs, wo ich denke, die kann ich irgendwann noch gebrauchen, aber das hat sich noch nie ergeben. Ich brauche auch neues Zeug, sonst habe ich das Gefühl, etwas Aufgewärmtes zu gebrauchen. Da fange ich dann lieber bei Null an. Solange ich genug neue Ideen habe, muss ich ja nicht auf das alte Zeug zurückgreifen. Mark, hast du bei neuen Songs etwas mitzureden oder bist du allein für die Texte zuständig? Mark: Klar, kann ich mitreden. Wenn ich was zu sagen habe, dann sage ich das. Aber die Jungs wissen schon, was sie machen. Ich kümmere mich um die Texte und setze mich bei den Backing-Vocal-Arrangements ein. Das neue Album heisst „Snakes & Ladders“. Wie seid ihr auf den Titel gekommen? Mark: Die Platte sollte zuerst „11“ heissen. Aber ich war mir nicht sicher. 11 ist einfach nur eine Zahl, die hängt keine Geschichte dran, ausser dass es unser 11. Album ist. Wir haben dann viele Vorschläge gemacht, aber der Richtige war nicht dabei. Wir sind dann die

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Songtitel durchgegangen und haben bei „Snakes & Ladders“ gedacht, dass das doch ein guter Albumtitel wäre, der auch einen Sinn hat, wenn man das gleichnamige Spiel auf das Leben überträgt: Mal gewinnst du, mal verlierst du. Wie habt ihr das Album aufgenommen? Thomas: Eigentlich wie immer. Zuerst die Drums und dann werden die anderen Instrumente darauf gebaut. Thom Blunier hat das natürlich wieder produziert, hat hier und da ein paar modernere Einflüsse reingepackt – aber grundsätzlich haben wir das wie immer gemacht. Wird es mal ein Shakra-Album geben, dass die ganze Band zusammen live im Studio einspielt? Thomas: Nein. Das müsste dann schon ein richtiges Live-Album sein. Aber im Studio ist unsere Arbeitsweise nicht so. Wir fühlen uns wohler, wenn wir Spur für Spur aufnehmen. Aber ihr seid doch eine eingespielte Band. Das müsste doch gehen. Thomas: Ja, aber wir sind nur bei den alten Songs eingespielt. Dass wir so arbeiten liegt auch daran, dass ich die Songs allein zuhause schreibe und nicht mit der Band im Proberaum. Wenn wir die neuen Songs im Studio aufnehmen, hat die Band diese Songs noch nie zusammen gespielt. Die Proben für Live-Konzerte kommen erst nachher. Das ist einfach eine Frage der Philosophie, wie man das macht. Es gibt Bands, die schwören darauf, alles zusammen live einzuspielen. Ich habe den Eindruck, dass wir mit unserer Arbeitsweise bessere Qualität liefern. Am 10. November kommt also das neue Album. Zu fragen, was dann passiert bzw. was eure Pläne sind, ist wohl überflüssig. Die übliche Routine, nehme ich an. Thomas: Was man so macht (lacht). Wir werden spielen, im Februar geht es auf Tour in der Schweiz und in Deutschland. Ich glaube, momentan sind es mehr Gigs in Deutschland als in der Schweiz. Was dann im Sommer passieren wird, wissen wir noch nicht. Aber da kommen sicher ein paar Festivals. Ich hoffe, dass es wieder ein paar grössere Sachen dabei hat. Aber ich habe noch keine Ahnung. Wir lassen uns überraschen. Wo ordnet ihr das neue Album in eurer Discografie ein? Thomas: Hoch! Ganz oben? Thomas: (überlegt) Die Produktion ist definitiv die beste

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bislang. Aber mit jedem Album das vorherige zu übertreffen, so einfach ist das ja nicht. Wenn das so einfach wäre, dann müsste das jeweils vorherige Album ja richtig Schrott gewesen sein. Aber es ist jetzt noch zu früh, um das richtig einzuschätzen. Es sind ein paar Songs drauf, wo ich glaube, dass es die besten sind, die ich je geschrieben habe – „Cassandra's Curse“ zum Beispiel. Aber wo ich das Album definitiv einordne, das kannst du mich in ein oder zwei Jahren fragen.

SHAKRA Snakes & Ladders Universal hh. Gleich der Einstieg in das neue ShakraAlbum ist ein wahrer Hammer! „Cassandra's Curse“, so der Songtitel, hat alles, was einen grossen Song ausmacht: Killer-Riffs, fantastische Hooklines, herausragende Gitarrenarbeit (wie man sie von Ausnahmegitarrist Thom Blunier gewohnt ist) und eine ur-eigene, gefährliche Ausstrahlung. Dazu die satte Produktion von Thom Blunier (gilt für das ganze Album) – einen besseren Album-Start kann man sich nicht wünschen. Gefolgt vom Up-Tempo-Rocker „Friday Nightmare“ geht es dann schon zum Titelsong „Snakes & Ladders“, der mit grossem Refrain und fettem Riff glänzt – ein wahrer Ohrwurm. Die folgende Rock-„Ballade“ „Something You Don't Understand“ krallt sich ebenfalls auf Anhieb in den Gehörgängen fest, wieder ein grosser Refrain, wohl der kommerziellste Track auf dem Album, der Shakra auf die Playlisten der Radios bringen sollte. Mit „The Seeds“ und „Rollin'“ (mit schöner bluesiger Gitarre von Thom Blunier) schliessen sich eher durchschnittliche Midtempo-Rocker an, bevor mit „Medicine Man“ der nächste Killer-Song durch die Boxen donnert. Beim Riff-Rocker „I Will Rise Again“ verschärfen Shakra das Tempo deutlich, um es mit der folgenden schönen Ballade „Open Water“ wieder zu drosseln. Die drei folgenden Rocker machen das 11. Shakra-Album komplett. Fazit: „Snakes & Ladders“ ist grosses Kino, ein mehr als würdevoller Nachfolger von „High Noon“ und der durchschlagende Beweis, dass Shakra spätestens jetzt gleichberechtigt auf einer Stufe mit den beiden anderen grossen CH-Bands Krokus und Gotthard stehen. Super Leistung, super Band, super Album!


WOLF COUNSEL

ERUPDEAD

Age Of Madness/Reign Of Chaos

Abyss Of The Unseen

Czar Of Bullets lg. Wolf Counsel steht für langsamen Metal und somit Doom Metal. Nach den Alben "Vol.1 – Wolf Counsel" (2015) und "Ironclad" (2016) folgt mit "Age Of Madness/ Reign Of Chaos" bereits der dritte Streich der Truppe um Bandkopf Ralf W. Garcia (v./bs.). Wiederum wühlen Garcia und seine drei Kumpanen in der gesamten Bandbreite des klassischen Doom Metals (Black Sabbath, Saint Vitus, Count Raven), ohne aber eigene Ideen aussen vor zu lassen. Die sieben auf dem brandneuen Album enthaltenen Songs (wiederum bei V.O. Pulver in dessen feinem Little Creek Studio produziert) zeichnen sich durch Vielschichtigkeit und Tiefgang aus. Sie packen den geneigten Hörer nach ein paar wenigen Durchläufen. Besonders hängen bleiben der grossartige, sehr doomige Titelsong, das mit zusätzlichem Frauengesang versehene "O'Death" sowie "Eternal Solitude". Coole Doom-Scheibe.

lg. Die seit 2007 aktive Band aus Basel kehrt mit ihrem zweiten Album "Abyss Of The Unseen" zurück. Musikalisch liefert der Fünfter recht harten und abwechslungsreichen Death Metal mit zahlreichen Blasbeats, verachtet jedoch auch geschickte Tempiwechsel zu groovigen Parts und stellenweise melodiöse Parts nicht. Somit haben wir es stilistisch noch am ehesten mit Old-School Death Metal amerikanischer Prägung zu tun, welcher mit Elementen der Göteborger Schule (wie von Bands wie "At The Gates") versehen ist. Zudem finden sich auf "Abyss Of The Unseen" auch atmosphärische Elemente, wie beispielsweise der erste Teil von "Private Rearment". Sohaben wir es beim Zweitling von Erupdead mit einem interessanten Album zu tun, welches eine gewisse Eigenständigkeit aufweist und für Death-Metal Verhältnisse recht gut im Ohr hängen bleibt. Cool!

Czar Of Bullets


ip. Nach einem fulminanten Debut, das in der Metalszene hohe Wellen schlug, bremste der Ausstieg des ehemaligen AcceptGitarristen Herman Frank das angerollte Kriegsgefährt abrupt ab. Die langjährige Freundschaft und das bereits vorhandene Arbeitsverhältnis zwischen Schmier (Destruction) und V.O. Pulver (GurD, Poltergeist), der das erste Album „Send Them All To Hell“ und einige Destruction-Werke produziert hatte, schob das Ungetüm langsam wieder an. Mit zusätzlicher Verstärkung in Form des Hammerfall-Gitarristen Pontus Norgren und dem neuen Album „Fatal Command“ wurde der Tank wieder auf Kurs gebracht. TRACKS sprach mit Frontmann Schmier über den Besetzungswechsel und die Inspiration hinter dem provokanten Cover.


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Was macht Pontus Norgren von Hammerfall zum Gitarristen eurer Wahl, nach Herman Franks Ausstieg? Zuerst ist ja V.O. Pulver offiziell als Gitarrist und Songwriter in die Band aufgenommen worden. V.O. und ich arbeiten seit 30 Jahren zusammen, haben aber noch nie einen Song zusammen geschrieben und wussten auch nicht, ob das überhaupt funktioniert. Deshalb haben wir vor acht Monaten den Track „Satan's Hollow“ aufgenommen, auch um zu testen, wie Pänzer ohne Herman Frank klingt. Das hat gut geklappt. Wir wollten damit den Fans auch zeigen, dass es mit Pänzer weitergeht. Pontus war dann Hermans Nachfolge in punkto Shredding und Leadgitarre. Wir wollten eine zweite Gitarre in der Band haben, um den Sound voller zu machen. Beim ersten Album waren wir ziemlich limitiert, weil Herman die Gitarren alle alleine spielen wollte und wir deshalb nicht richtig Vollgas geben konnten. Da Pontus noch nicht zu Beginn des Songwritings zum zweiten Album da war, wir aber wussten, dass wir einen zweiten Gitarristen haben wollten, konnten wir die Songs schon darauf auslegen. Heavy Metal klingt einfach am geilsten, wenn zwei Gitarren am Start sind. Ich glaube, das ist auch ein grosses Plus am neuen Album. V.O. ist nach der ersten Platte aus genau diesem Grund vom Produzentenstuhl auf die Bühne gerutscht, um dort als Livegitarrist auszuhelfen, damit wir einfach fetter klingen konnten. Als Trio diese Art von Musik zu spielen ist verdammt schwierig. Bei Destruction, meiner Thrash Band, geht das, weil das Puristische auch ziemlich cool ist. Aber wenn die Harmonien sitzen müssen, bleibt dir nur die Option, einen Keyboarder oder eben einen zweiten Gitarristen anzuheuern. Wir haben uns gefragt, wie Pänzer klingt, wenn Herman nicht mehr dabei ist. Er ist eine Ikone und hat eine Menge Fans und eine sehr eigene Art, zu komponieren und zu spielen. Pontus bringt bestimmt auch einen anderen Background an Fans mit. Ich weiss nicht, ob die Fans von Hammerfall auch auf Pänzer stehen. Im Metal gibt es ja recht strenges Publikum und einige Leute finden „Wenn der Schmier da rumschreit, muss ich mir das nicht antun“. Das ist immer eine Geschmacksfrage. Ich glaube, unsere Fans sind diejenigen, die Heavy Metal mit Vollgas mögen, ohne Weichspüler und Popmelodien. Für Pontus ist das auch ein schöner Spielplatz, um mal wieder ein bisschen mehr auf die Tube drücken zu können. Es wäre schon schön, wenn sich ein paar Hammerfall Fans unsere Platten auch anhören, weil ich denke, dass wir nicht so sehr weit auseinanderliegen. Lustigerweise wurden wir schon danach gefragt, ob der Song „Afflicted“ von Pontus geschrieben wurde, weil er offenbar nach Hammerfall klingt. Aber eigentlich klingt er eher nach Ozzy Osbourne oder Accept, wo Hammerfall und wir als Pänzer „geklaut“ haben. Von dem her läuft es auf die gleichen Roots zurück. Wie sind denn die Resonanzen bisher zu „Fatal Command“ ausgefallen? Es ist interessant, wie unser Album interpretiert wird. Es wurde schon geschrieben, dass „Fatal Command“ eine Thrashplatte ist, was ich gar nicht nachvollziehen kann. Von den Harmonien und den Auflösungen her ist es alles andere als Thrash Metal. Aber wenn es so brettert, dann kann das ungeschulte Ohr schon mal falsche Schlüsse ziehen (lacht). Vielleicht liegt es auch an meiner Stimme, aber ich glaube, musikalisch liegen zwischen Destruction und Pänzer Welten. Aber das ist auch gut so, das wollten wir ja voneinander trennen. Hast du denn neben dem Thrash Metal, den du mit Destruction spielst, geheime musikalische Vorlieben, die du jetzt mit Pänzer ausleben kannst? Leider nicht, denn ich stehe eigentlich auf jazzigen Swing (lacht)! Den kann ich aber leider hier nicht ausleben. Da müsste ich wie David Lee Roth damals eine Soloplatte aufnehmen. „Schmier singt Swing“, ich glaube, das will keiner hören (lacht). Oder Frank Sinatra als Metalversion. Wäre auch cool, aber dann wäre es kein Swing mehr. Aber ernsthaft: Pänzer gibt mir schon sehr viel an anderer Betätigung. Es ist komplett anderes Songwriting, andere

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Harmonien und für meine Stimme ist es auch eine ganz neue Herausforderung. Ich muss richtige Melodien singen und meine Stimme deckt hier eine grössere Spanne ab als bei Destruction, wo alles etwas enger gestrickt ist. Das ist meine Heimat und da fühle ich mich wohl, weil ich auf Anhieb weiss, was ich machen muss. Bei Pänzer bin ich immer noch am lernen, weil das neues Gebiet für mich ist. Das macht aber Laune. Als Musiker möchte man sich, wenn man älter wird, auch mal wieder ausprobieren. Viele spielen dann Blues, und wir spielen halt extrem aggressiven Heavy Metal (lacht). Es gibt zwischen dem Debut „Send Them All To Hell“ und „Fatal Command“ hörbare musikalische Unterschiede. Das neue Album klingt offener. Das Debut klang „deutscher“, was den Stil angeht. Das ist zwar immer noch vorhanden, weil wir immer noch unbestritten Accept-Einflüsse verarbeiten. Damit sind wir ja alle gross geworden. Das muss stampfen und das ist auch die Nische, die wir jetzt

«Es ist schade, dass es heutzutage wieder funktioniert, mit militanten Sprüchen die Bevölkerung zu verblöden.» - SCHMIER wieder für uns entdeckt haben. Bevor wir alle Musiker geworden sind, waren wir Fans. Und genau die Musik spielen wir jetzt. Wir huldigen den Roots. Als Musiker hörst du Musik anders, als wenn du sie als Fan hörst. Du fängst sofort an zu kritisieren und zu analysieren. Wenn ich für Destruction Songs schreibe, frage ich mich öfter, ob ich mich grade selbst kopiere oder irgendwas von Testament oder Slayer. Bei Pänzer sieht das eher so aus, dass wir ein Riff entwickeln und dann sagen „Klingt nach Ozzy. Geil, das nehmen wir!“. Wir wollen ja das Rad nicht neu erfinden,


sondern dem Tribut zollen, was uns zu Musikern gemacht hat. Ich denke, wer das versteht, wird auch die Platte geil finden. Wer denkt, wir hätten die Band gegründet, um Fusion und Progressive Metal mit Souleinflüssen zu spielen, der hat nicht ganz verstanden, worum es uns geht (lacht). Die Leute erwarten heutzutage von dir, dass du etwas Neues kreierst. Warum ist es nicht erlaubt, etwas zu tun, was einfach nur toll ist und Spass macht? Da liest du eine Kritik, in der steht, dass Pänzer zwar eine ganz geile Platte gemacht haben, es aber leider nichts Neues ist und deshalb nur sechs Punkte von zehn vergeben werden. Wenn Richie Kotzen ein neues Album rausbringt, hat er auch nichts Neues erfunden, sondern die Bluestonleiter dreimal umgedreht. Trotzdem ist es geil, weil es geil gespielt ist. Darauf muss man hören und darum geht es auch bei Pänzer. Wer das versteht, wird an „Fatal Command“ Spass haben. Wer das nicht versteht, muss sich halt Judas Priest von 1982 anhören, denn das ist das Original und wird es immer bleiben. Was auch gut so ist.

„We Can Not Be Silenced“, was auch als Lyric-Video ausgekoppelt wurde, ist ein sehr eingängiger und leicht nachvollziehbarer Song, allerdings mit eindeutiger Botschaft. Wie waren die Reaktionen darauf? Thematisch ist das ja ein heisses Eisen und viele wollen sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Trotzdem wird die Snowden/WhistleblowerAffäre heiss diskutiert und ich denke schon, dass es ein sehr zeitgemässes und wichtiges Thema ist. Unser Song wurde dann doch zu einem Skandal, denn einige Amis haben sich darüber aufgeregt, dass wir sie kritisieren würden. Dabei kritisieren wir nicht sie, sondern die Weltpolitik und die Abhörmethoden aller Regierungen. Letztlich muss jeder selber entscheiden, wie viel er von sich opfert. Es gibt jetzt in Schweden schon die ersten Leute, die sich diese Chips einpflanzen

lassen, mit denen du auch bezahlen kannst. Damit offerierst du jedem dein ganzes Leben. Es gibt Leute, die finden, sie hätten nichts zu verstecken. Von mir aus sollen sie das machen, es ist ihre Entscheidung. Ich finde es aber ziemlich beängstigend, auch im Zusammenhang mit dem, was Snowden aufgedeckt hat. Das war eine gute Inspiration für einen Song, gerade auch, weil er so eingängig ist. Hartes Thema in eingängigem Gewand fand ich eine gute Kombination. Was ich schade finde, ist, dass neben dem ganzen Aufgerege über die Lyrics allerdings völlig verloren ging, was Pontus für ein Hammersolo darauf eingespielt hat. Die Leute streiten sich auf Youtube darüber, ob Snowden ein Verräter war oder nicht, nennen mich ein liberales Arschloch und wollen deshalb alle ihre Destruction-Platten verbrennen. Es ist schade, dass die Leute so engstirnig sind, sich so aufregen oder sich vor Trump oder ihr eigenes Land stellen. Ich würde mich nicht vor Merkel stellen oder für Deutschland in den Krieg ziehen. Krieg zu veranstalten oder Leute zu bedrohen ist keine Lösung. Aber es ist schade, dass es heutzutage wieder funktioniert, mit militanten Sprüchen die Bevölkerung zu verblöden. Und dann hört man auch immer wieder, dass Metal nicht politisch sein darf. Das sagen die Leute zu mir, der den Thrash Metal mitbegründet hat. Entschuldigen Sie mal, wo waren Sie denn 1981? Heavy Metal ist und war schon immer ein Statement gegen die Gesellschaft, deswegen haben wir ja alle lange Haare! Der Metal kommt aus dem Blues, der in musikalischer Hinsicht ja das erste grosse politische Statement schlechthin war. Woher dieser Irrsinn kommt, dass im Metal nur über Regenbögen und Einhörner gesungen werden darf, oder zur Not noch über das Abschlachten von irgendwem, aber alles andere ist Tabu, entzieht sich komplett meiner Kenntnis. Dabei ist Thrash Metal, aus dem du und V.O. ja kommen, die politischste aller Metalrichtungen. Eben. Deshalb kann ich bei Pänzer nicht einfach nur über Blümchen singen. Schuster, bleib bei deinen Leisten. Und dann kommen auch noch diejenigen aus dem Busch gekrochen, die finden „Schmier, du kannst keinen Heavy Metal, lass es bleiben“ oder „Schmier hat mit seiner Stimme wieder eine Platte verschandelt“. Da kann man nur noch den Kopf schütteln. Diese Hater-Kultur mit den Leuten, die Hass auf dich entwickeln, ohne dich überhaupt zu kennen, kann ich nicht nachvollziehen. Mike Portnoy (Schlagzeuger, ehemals Dream Theater) hat vor kurzem nach dreizehn Jahren sein Online-Fanforum dichtgemacht. Bitte? Er hatte schlicht keine Lust mehr auf die ständigen negativen Diskussionen in seinem Forum. Es ist seine Plattform, aber es gab da Menschen, die sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben. Das ist eine der negativen Sachen des Internets, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Auch darüber haben wir natürlich einen Text geschrieben, nämlich „Afflicted“. Was hat das Cover von „Fatal Command“ mit euren Lyrics zu tun? Das Cover ist eine logische Konsequenz der aktuellen Weltlage. Rund zwei Drittel unseres Albums sind textlich allerdings gar nicht politisch, sondern Erzählungen über das Leben. Das Cover kam aber dadurch zustande, dass diese vier Vögel (Kim Jong Un, Erdogan, Putin und Trump) hier gerade soviel Tumult veranstalten, dass wir in eine richtige Weltkrise geraten. In den 80ern gäbe es jetzt schon 15 verschiedene Bands, deren Cover ähnlich aussehen würden. Das hat merkwürdigerweise jetzt aber keiner gemacht und ich habe das dann einfach mal vorgeschlagen. Selbst der Zeichner hat gesagt „Bist du verrückt? Das ist viel zu heftig, das kannst

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REVIEWS Hard/Heavy/Metal du nicht machen!“ Am Ende sah es aber doch richtig geil aus. Natürlich hätte man auch noch Merkel draufpacken können oder Orban. Es würden sich sicher noch so viele weitere finden, dass es für eine Gatefold-Version reicht. Bestimmt! Wir wollten hier einfach die vier verrücktesten drauf haben, die eine Endzeitparty in ihrem Panzer feiern. Es ist als ironischer Seitenhieb zu verstehen und es war klar, dass es provoziert. Es kam aber trotzdem ganz gut an. Man hätte noch mehr Gegenwind erwarten können. Aus Amerika kam viel Gegenwind. Auch von Billy Milano (S.O.D.), der bei solchen Dingen immer ganz weit vorne ist. Aus Deutschland kamen auch viele positive Stimmen oder solche, die gefragt haben, warum denn die Merkel nicht mit drauf sei. Sie hat einen Haufen Mist gebaut, da kann man den Frust verstehen. Aber sie ist nicht so irre wie die anderen vier. Genau, sie ist nicht komplett irre. Die anderen vier könnten ohne weiteres den dritten Weltkrieg herbeiführen. Deswegen war Merkel letztlich doch fehl am Platz auf diesem Cover. Ich komme ja viel in der Weltgeschichte rum. Komisch ist dann, dass in Deutschland auf einmal viele für Putin sind, weil sie gegen Merkel und gegen Trump sind. Aber die vergessen, dass Putin ein sehr gefährlicher Politiker ist, weil er intelligent ist. Über so viel Uninformiertheit kann ich nur verständnislos den Kopf schütteln. Wenn jeder Kleinbürger die Chance hätte, das zu sehen, was ich sehe, wenn ich in der Welt unterwegs bin, die Menschen kennenzulernen und ihre Geschichten zu hören, die Welt zu bereisen, dann würde er niemals rechts-konservativ wählen oder Diktatoren im Amt behalten. Dann hätte er eine andere Sicht auf die Welt und würde sie als einen globalen Ort wahrnehmen. Trumpwähler sind zum grössten Teil Leute, die noch nicht mal aus ihrem eigenen Staat herausgekommen sind. Das sind aber die, die wählen gehen. Richtig. Als Musiker hast du den riesigen Vorteil, dass du rumkommst, mit Leuten redest und wenn du willst, auch Sachen hinterfragst. Es sei denn, man heisst Billy Milano. Ja, der sitzt zuhause rum und geht nicht mehr auf Tour, weil den auch keiner mehr sehen will. Von dem habe ich 2001 eine Morddrohung bekommen, nachdem wir nach Ausbruch des Irakkrieges „Fuck The USA“ von Exploited als Coverversion aufgenommen und als Free Download veröffentlicht hatten. Er schrieb mir per Email, dass er mich umbringen würde, wenn ich das nächste Mal auf einer amerikanischen Bühne auftreten würde. Zwei Jahre später hat er auf dem With Full Force Festival Warrel Dane (Sänger von Nevermore) verprügelt, weil der sich gegen die amerikanische Regierung geäussert hatte. Unter welchen Steinen die Idioten alle hervorkriechen, ist nicht zu glauben. Die Engstirnigkeit der Leute ist unerreicht. Manchmal sitzt du in einem Flieger neben einem Geschäftsmann und ab und zu traut sich auch mal einer, mit mir zu reden (lacht). Da passiert ein Austausch, man bekommt viel mit. Menschen, die viel Reisen, haben eine eigene Meinung, weil sie viel mehr sehen. Bei Geschäftsleuten ist das zwar auch öfter mit Vorbehalt, weil die natürlich hauptsächlich geschäftliche Interessen verfolgen. Aber grundsätzlich erweitert alles deinen Horizont, was ausserhalb deines Landes passiert. Viele Regierungen versuchen die Angst mit Hass auf alles Fremde am Leben zu halten. Da wird ein Feindbild gebraucht, um die eigene Politik zu verfolgen. Was im Zeitalter der frei zugänglichen Überinformation schon fast paradox ist. Aber es gibt ja die Fake News. Und die Lügenpresse. Filtern muss man natürlich schon. Trotzdem ist das Überangebot an Information vorhanden. Und ich muss trotzdem viel hinterfragen. Auch in Deutschland gibt es Quellen, denen man eher vertrauen kann als anderen. Wenn zum Beispiel ein Attentat passiert, sendet CNN schon die ersten Bilder und Namen, wo die Tagesschau zum Beispiel noch lange über unwichtiges Zeug berichtet, obwohl sie ja eigentlich zu den vertrauenswürdigeren Quellen gehören würde. Musik machen ist super und macht Spass, aber ich muss trotzdem über ernste Themen schreiben, weil ich eben viel reise. Da kommst du nicht dran vorbei, die Augen aufzumachen. Kann ja sein, dass, wenn ich noch ein paar Jahre älter bin, ich dann doch die Blümchentexte schreibe (lacht).

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PÄNZER Fatal Command Nuclear Blast

Album Nummer zwei aus dem Hause der Metal Supergroup Pänzer hält, was der Bandname, die Besetzung und das Songwriting verspricht. Hier gibt es eine Reminiszenz an den Heavy Metal der 80er Jahre geboten, die sich so schnell nirgends sonst finden lässt. Anleihen von Judas Priest, Iron Maiden, Ozzy Osbourne oder auch deutschem Metal der Marke Accept, der ehemaligen Arbeitgeber von Drummer Stefan Schwarzmann, klingen auf jedem Song durch und lassen die vergangenen Tage nochmals hochleben. Die Verpflichtung von V.O. Pulver, dem Produzenten beider Pänzer-Alben und langjährigen Weggefährten Schmiers, als festem Bandmitglied und Songschreiber, und Hammerfalls Pontus Norgren hat den Druck und die Harmoniefähigkeit der Gitarrenarbeit erheblich erhöht. Das steht dem Vollgas-Vierer ausserordentlich gut und der Abschied von Herman Frank, der vorherigen Gitarrenikone, konnte insofern verlustfrei, wenn auch mit logischen stilistischen Konsequenzen, ausgeglichen werden. „Fatal Command“ ist ein tonnenschweres Monster aus zwölf Songs, die einem mal kurz den Garten komplett umpflügen und alles niedermähen, was unvorsichtigerweise im Weg steht. Neben den Frontladern „Satan's Hollow“ und „Fatal Command“ ist vor allem „We Can Not Be Silenced“ ein Highlight und hebt sich mit dem zwingenden Gitarrenthema und einem bombastischen Solo musikalisch positiv heraus. Prinzipiell könnte man jedem Song eine Paten-Band aus den Achzigern zuordnen, was dann aber dem Songwriting des Vierers zu wenig Respekt entgegenbrächte. Hier sind erfahrene Musiker am Werk, die ihren Helden Tribut zollen und das in einer Weise, der man nicht nur die innerliche Verbeugung anhört, sondern die die Songs auf der gleichen Stufe wie die ihrer Vorbilder Platz nehmen lassen. Absolut geiles, abwechslungsreiches Album, druckvoll und modern produziert, fachmännisch eingeknüppelt und mit hohem Spassfaktor für Heavy Metal Fans aller Sparten.

PHANTOM 5 Play II Win Frontiers

mv. Nachdem Sänger Claus Lessmann Bonfire vor einiger Zeit verlassen musste meldete er sich 2016 mit einem Paukenschlag namens Phantom 5 zurück. Seine neue Band war eine echte Allstar-Formation mit den Musi-kern Michael Voss (Ex–Casanova, Mad Max), Robby Boebel (Ex–Frontline), Francis Buchholz (Ex–Scorpions) und Axel Kruse (Ex–Jaded Heart, Mad Max) und das Debutalbum ein richtiger Kracher. Jetzt gibt es nach so kurzer Zeit schon das Nachfolgealbum, das betreffend „Play II Win“ betitelt wurde. Von der Erstbesetzung ist nur Francis Buchholz nicht mehr dabei, der Rest der Mannschaft hat dafür die Stärken gebündelt und in kürzester Zeit einen würdiger Nachfolger geschrieben. Mit viel Power und knackiger Frische legt der Opener „The Change In You“ los und alten Bonfire-Fans wird sofort ein zufriedenes Grinsen ins Gesicht gezaubert. Auch das nachfolgende „Crossfire“, ein hochmelodischer Feelgood-Stampfer, macht unmissverständlich klar dass hier absolute Profis am Werk sind. Die Mischung aus Bonfire, Casanova und Frontline ist perfekt gelungen und macht unglaublich Spass. Weitere Volltreffer sind das mit einem genialen Chorus ausgestattete „Read Your Mind“, das atmosphärische „Do You Believe In Love“, das fast schon epische „Phantom Child“, das AOR-Juwel „Had Enough“ sowie die abschliessende Ballade „Reach Out“. Die Produktion ist hervorragend und rundet dieses herbstliche Melodic Metal-Highlight perfekt ab.


MUSIK zum LESEN GILLIAN G. GAAR Elvis – Die Legende Hannibal Verlag

hh. Bildbände, Biografien und sonstige Printformate gibt es über den King im Überfluss. Viele davon sind schlecht, einige gut und nur sehr wenige herausragend. Dieser grossformatige, vom Graceland Archiv autorisierte Band gehört definitiv in letztere Kategorie, schon allein aus Gründen der edlen Aufmachung. Auf knapp 200 Seiten gibt es jede Menge Fotos, zum Teil rare, aus allen musikalischen und schauspielerischen Schaffensperioden, aus Elvis' Kindheit und Jugend, die ersten Schritte auf die grossen Bühnen, aus Graceland bis hin zu seinem tragischen Tod 1977. Dazu kommen viele Memorablilia wie Poster, Setlists, Filmplakate,Einkaufsquittungen für Autos, Schmuck, Klamotten und vieles mehr – ein wirklich pralles Gesamtpaket. Begleitet werden die Bildstrecken von spannenden,

JAMES McBRIDE Black And Proud Auf der Suche nach James Brown und der Seele Amerikas BTB Verlag hh. Auch über den Godfather Of Soul, das musikalische Sprachrohr der schwarzen Seele Amerikas, wurden unüberschaubar viele Dokus und Bücher veröffentlicht. James McBride, Bestseller-Autor („Die Farbe von Wasser“), legt hier jedoch eins der wichtigsten und spannendsten Bücher vor, das weit über übliche Biografien hinausgeht. Denn es zeichnet zugleich ein packendes Bild einer nach wie vor

GARY J. JUCHA Der ultimative Jimi Hendrix Guide Hannibal Verlag hh. Braucht man nach den unzähligen Büchern wirklich noch eins über den Jahrhundertgitarristen? Gemessen an der Anzahl der bereits veröffentlichten literarischen Ergüsse, von denen die meisten eher von fragwürdiger Qualität sind, sollte man meinen, dass inzwischen auch das allerletzte Geheimnis gelüftet und von vorn und hinten durchleuchtet wurde. Nebenbei bemerkt, die einzige wirklich herausragende, seröse Biografie über den Gitarrengott ist Harry Shapiro's „Electric Gypsy – Jimi Hendrix“ (auf die

Geschichten, Anekdoten und KarriereInformationen, von Autorin Gillian G. Gaar knackig kurz aufs Wesentliche reduziert. Für den beinharten, eingeschworenen Elvis-Fan gibt es hier zwar nichts Neues – inzwischen sollte wohl überhaupt alles vom King bereits veröffentlicht worden sein -, aber für alle anderen, die sich mit dem Leben und der Karriere eines der erfolgreichsten und wegweisendsten Musiker auseinandersetzen möchten, ist „Elvis – Die Legende“ eine herausragende, wunderschön aufgemachte und respektvolle Vorlage. Und das alles zu einem vergleichsweise mehr als günstigen Preis – der wirklich jeden investierten Franken mehr als wert ist. Und bis Weihnachten ist es ja auch nicht mehr lange hin: „Elvis – Die Legende“ ist ein wunderschönes, perfektes Geschenk.

tief gespaltenenen Nation, das harte Leben der afroamerikanischen Bevölkerung in den Südstaaten besonders der 60er/70er Jahre – all das was James Brown, der unter ärmsten Verhältnissen aufwuchs, nachhaltig prägte in sich seiner Person und Musik ausdrückte. Hart gegen sich selbst und andere, besonders gegenüber seinen Musikern, die er bis zur Erschöpfung vorantrieb und für Nichtigkeiten wie ungeputzte Schuhe, schlecht gebundene Krawatten oder verpasste Einsätze mit Geldtrafen belegte. Brown war zudem eine sehr zerissene Persönlichkeit, der nichts und niemandem traute und nur einige (an den Fingern einer Hand abzählbare) Menschen nah an sich heranliess, sich seine Gagen in bar auszahlen liess und die kartonweise im Garten, auf Dachböden oder in Kellern versteckte, Frauen zum Teil übelst malträtierte, immer eine geladene 38er mit sich herumschleppte (selbst bei seinem Besuch im Weissen Haus) und zeitlebens eine tiefsitzende Angst vor den „Weissen“ hatte. Auf der anderen Seite half er grosszügig seiner Familie, Freunden und Kollegen, wenn sie in Not waren und hatte ein grosses Herz für mittellose Kinder, denen er testamentarisch sein Vermögen als Stiftung hinterliess. Leider ist davon bis heute noch kein Penny bei diesen Kindern angekommen, denn familäre gerichtliche Streiteren um diese Testament dauern bis heute an und haben bereits Millionen Dollars verschlungen, die lediglich eine ganze Armee von Anwälten wohlhabend gemacht haben. McBride sprach mit Musikern von Brown's Band, Managern und Familienangehörigen und kommt dabei der Person James Brown so nahe, wie wohl noch kein anderer Autor vor ihm. „Black And Proud“ ist ein faszinierendes Buch über einen Mann, der sowohl politisch wie auch musikalisch einer der wichtigsten, schwarzen Künstler der USA war. Absolut empfehlenswert!

Jucha in seinem Buch auch gern und oft hinweist). Wer die hat, kann getrost mehr oder weniger auf den Rest verzichten. Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, nämlich dieses! Das hier vorliegende Werk geht anders an die Geschichte Hendrix' heran. Akribisch durchleuchtet der amerikanische Journalist Gary J. Jucha das Leben, die Karriere, die Musik bis hin zu den Todesumständen. Dabei lässt er eine Menge Zeitgenossen zu Wort kommen, (tiefen)analysiert die Songs, liefert ausführliche Hintergrund-Informationen zu deren Aufnahmen und wartet mit vielen Details auch zu Hendrix sozialem Umfeld auf, wobei sogar eingefleischte Hendrix-Fans einige Überraschungen erwarten dürfen. Aufgegliedert ist das alles in 37 Kapiteln, die Jucha spannend und kurzweilig auf über 480 Seiten vorlegt. Sehr empfehlenswert - obschon in erster Linie für echte Fans und „Historiker“.

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Heimelige Nischen

Die Luzerner Musikszene ist aussergewöhnlich. Das liegt nicht nur an der Fülle der Stile, der Menge an herausragender Musiker oder der Vielfalt der Bands und deren Zusammenhalt. Die Zauberzutat ist der Sedel, das alte, zum Kulturzentrum umfunktionierte Gefängnis, das über dem Rotsee thront. Wer dort seinen Proberaum hat (und die Warteliste ist lang), kann sich glücklich schätzen und ist eigentlich sogar privilegiert, denn es gibt wohl kaum einen anderen Ort, an dem die gegenseitige Wertschätzung und der Respekt unter den Bands so hoch ist, wie hier. Und das wissen nicht nur diejenigen Musiker, die ohne eigenes Auto einen der begehrten Proberäume besitzen.

ip. Im Sedel, und zwar im berühmten Proberaum 01, begann auch die Geschichte Intoxicas. Das Quartett, das mit „Rhythm'n'Soul'n'Surf“ eine kleine Nische gross auskleidet und zu drei Vierteln aus musikalischem Luzerner Urgestein besteht, hat sich vor viereinhalb Jahren hier zusammengefunden. Damals spielten diese drei Viertel allerdings noch mit einer anderen Sängerin, die zeitlich jedoch andere Prioritäten setzen musste. Die Lücke konnte gelücklicherweise bald mit Emel, die in der benachbarten Sedelzelle probte, relativ schnell geschlossen werden. „Ich fand schon immer, dass Emel eine Wahnsinnsstimme hat. Glücklicherweise hatte sie Interesse, als ich sie fragte, ob sie bei uns einsteigen wolle“, erzählt Bandleaderin und Bassistin Nadine und Emel ergänzt: „Mein vorheriges Musikprojekt hatte sich damals auch aus Zeitgründen zerschlagen und deshalb kam mir das Angebot von Intoxica sehr gelegen.“ Die sechs Meter Distanz zwischen den beiden Proberäumen konnten insofern spielend überwunden werden und seitdem singt auch Emel in Zelle 01, dem ehemaligen Proberaum der Vera Kaa Band, der Dany Glinz damals angehörte und der den Raum bis heute mit wechselnden Bands nutzt. Was musikalisch für Intoxica ursprünglich in Richtung der Detroit Cobras, einer Garage Coverband aus Detroit, gehen sollte, lief nach dem Besuch eines Plattenladens in London in eine andere Richtung. Nadine: „Dany und ich hatten in London einige Sampler von einem DJ gefunden, der lauter alte Rhythm & Blues Songs ausgegraben hatte und die uns so begeisterten, dass wir sie nachspielen wollten. Dany, der ja eigentlich Bassist und Gitarrist ist, wollte schon seit langem mal am Schlagzeug sitzen. Ich kann bloss Bass spielen (lacht), also war der Posten auch schnell besetzt. Und dann sass ich eines Tages im Garten, hörte Sam durchs Fenster Gitarre spielen und fand, dass er wie die Faust aufs Auge zu uns passen würde. Nach einer SMS war dann auch das geritzt und so sind wir entstanden.“ Stilistisch sind Intoxica aus dem Grund schon mehr als interessant, als dass Surf-Rhythm'n'Roll mit Sixties-Einschlag im Moment nicht unbedingt zu den

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angesagten Musiktrends zählt. Vielleicht sind die vier Luzerner ja Trendsetter? „Es gibt schon lange eine kleine, aber feine Szene“, sagt Sam dazu und ihr top produziertes Debut, das vollgepackt mit eingängigen Songs ist, würde diese Frage zusätzlich eindeutig positiv beantworten. „Unser Publikum ist altersmässig bunt gemischt“, meint Nadine, „und wir können offenbar Leute aus allen Schichten abholen.“ Selbst Hardrock-Liebhaber seien unter den Fans, bemerkt auch Dany mit leichter Überraschung, und er schliesst daraus, dass Intoxicas Stil tatsächlich die Geschmäcker vieler Freunde aus anderen Genres trifft. Auch das würde dafür sprechen, dass ihr Bekanntheitsgrad in naher Zukunft verdienten Aufwind bekommt. Die heimelige Strandatmosphäre, das innerliche Verweilen an der Tikibar und die imaginären Surfbuddies, die mit einem in den Sonnenuntergang feiern, stehen alle für die Sehnsucht nach unbeschwerten Zeiten. Die findet man in Intoxicas Musik. „Mein Vater hat früher viel Jazz und auch Exotica gehört. Drum heimelet mich das aa“, erklärt Nadine ihren Bezug zum Genre. Emel hingegen musste sich erst an den Stil gewöhnen, da sie aus der Soul/Blues-Ecke kommt. „Dass die Musik etwas dschungeliger und verrotzter klingt, war für mich neu. Nicht für mein Ohr, sondern dass ich es auch so interpretieren sollte. Ich musste mich an Songs wie ‚Mr. Miller' erst gewöhnen“, lacht sie und erklärt weiter: „Diese Art Humor, dieses etwas Alberne, und das Schlüpfen in eine andere Person oder Tier, war erst nicht meins. Da musste ich schon über meinen Schatten springen.“ Weniger Mühe damit hat Gitarrist Sam Pirelli, der bunte Hund und Katzenliebhaber, oder besser: vielschichtige Oberflächenkratzer der Luzerner Szene. Ihn zu beschreiben wäre mindestens einen eigenen Artikel wert, deshalb an dieser Stelle nur so viel: Er tritt auch mit seiner anderen Formation Der Triumph des guten Geschmacks unter anderem gerne mit Tiermasken auf und zieht sich während einer Show mehrmals um. Was zu Beginn als Coverband geplant war, bekam


durch Nadines eigenes Songwriting nach und nach eine eigene Note. Das Mini-Debutalbum „Hana Hou“ besteht aus acht Eigenkompositionen, die sich in das zuvor erarbeitete Fremdrepertoire nahtlos einfügen. Aufgenommen und fertiggestellt wurde das Werk in sportlichen vier Tagen im Soundfarm Studio in Kriens mit Tizian Von Arx als Produzenten, dem Sänger von Seven Dollar Taxi, der ein feines Gespür für den richtigen Klang hat. Neben der generellen Wohlfühlatmosphäre der Songs findet Emel, dass die Eigenkompositionen viele verschiedene Bilder im Kopf entstehen lassen. „Mal hast du das Gefühl, du stehst auf einer vernebelten Strasse in London und ein anderes Mal denkst du, du reitest durch die Prärie. Man kann Verknüpfungen zwischen der ‚Heimeligkeit' und den Bildern über die Musik machen“, führt sie aus. Neben Emel, die aus Düsseldorf stammt und seit neun Jahren in der Schweiz lebt, sind die anderen drei Musiker seit über zwanzig Jahren ein nicht wegzudenkender Teil der Luzerner Musikszene und damit alte Hasen im Business. Trotz verschiedener anderer Bands wie zum Beispiel Sixtyninesix, in der Nadine und Dany auch zusammen spielen, hat Intoxica für alle einen besonderen Stellenwert. „Ich geniesse es sehr, dass wir alle am selben Strang ziehen“, sagt Nadine über ihre Band und fügt hinzu, dass für sie das ‚Heimelige' darin liegt, die alten Zeiten und die alte Musik ins Jetzt hinübergerettet zu haben. Das sieht auch ihr Publikum so, denn alle vier beschreiben ihre Konzerte als „Erlebnis“. „Es ist immer wieder eine extrem positive Überraschung, wie die Leute auf unsere Musik reagieren. Offenbar kommt der Stil wirklich gut an“, meint Dany. Nadine unterstützt dies und freut sich vor allem über die Fans, die nach den Konzerten ihre Begeisterung ausdrücken und rückmelden, sie hätten die Musik vorher noch nie in dieser Art gehört. Intoxica haben insofern tatsächlich eine Nische gefunden. Diese Nische weiss die Band mit Witz und Innovation auszukleiden: Dem Album liegt ein Inlay bei, auf dem jeder Songtitel einem Cocktailrezept entspricht. Die Rezepte stammen ebenfalls samt und sonders aus Nadines Feder und ihrer gut bestückter Bar und sind absolut empfehlenswert! „Der Song ‚Intoxica' von den Revels hat uns zu unserem

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Namen verholfen. Das beschwipste Gelächter des Pärchens im Intro hat uns ausserdem dazu inspiriert, für das erste Album zu jedem Song einen Drink zu erfinden“, erklärt Nadine. Intoxica sind deshalb nicht nur etwas Feines für die Ohren, sondern auch etwas Erlesenes und Exklusives für die Geschmacksnerven und runden insofern sinnlich übergreifend das Erlebnis ab. Trotzdem ist es auch für eine erfahrene, innovative Band nicht einfach, an Liveauftritte zu kommen. Sam: „Wenn du in unserem Alter und mit diesem Stil Musik machst, tust du das aus Freude an der Sache. Wir machen das nicht, um jemandem noch etwas beweisen zu müssen. Es ist nicht einfach, einen Liveauftritt zu bekommen. Und dann reist du für 300 Franken Gage für die ganze Band quer durch die Schweiz. Wenn wir jetzt die 500 Exemplare unserer Platte verkauft und verteilt haben, hat das nicht mal im Ansatz unsere Kosten gedeckt. Die Gagen der nächsten Jahre fliessen dort hinein und übrig bleibt da nichts.“ Und doch treibt einen das Rock'n'Roll-Fieber so an, dass man für 300 Franken quer durch die Schweiz fährt, nachts um vier nach dem Gig noch das Equipment alleine auslädt oder auch sämtliche Promotionarbeit selber erledigt. Das ist auch für Intoxica so. Ihr Album hat Nadine eigenhändig in Zürcher Plattenläden und an verschiedene Onlineshops ausgeliefert, aber Hauptverkaufsort sind ihre Auftritte. „Allerdings gehen auch immer weniger Leute zu einem Konzert und wollen Geld für Musik ausgeben. Und dann gibt es auch diejenigen, die nur zum Quatschen vorbeikommen. Wenn du dann die Gespräche lauter hörst als deine eigene Musik, kann das schon nerven“, lacht Sam. Emel lenkt das Gespräch mit dem einzig richtigen Satz eines Luzerner Musikers zurück in positives Gewässer: „Ich bin stolz darauf, dass wir eine Sedelband sind. Ich bin zwar erst seit neun Jahren in der Schweiz, aber es fühlt sich so an, als wäre ich schon immer hier gewesen. Zur Sedelgemeinschaft zu gehören, macht mich stolz. Und dass mich Nadine, Dany und Sam adoptiert haben, ist das Sahnehäubchen.“ Die Sampler aus London haben Intoxica das Leben eingehaucht, aber der Herzschlag der Band, und damit der Antrieb, steckt für die Band in der Liebe zur Musik. Intoxicas


Nischendasein ist aufgrund ihrer Konkurrenzlosigkeit ein guter Grund für den Erfolg der Band. Das Ansehen in der eigenen, lokalen Szene zeigt sich in der Tatsache, dass der Booker des Sedels mit den Worten „Intoxica Plattentaufe? Die MUSS im Sedel stattfinden!“ einen Termin im vollgepackten Kalender freigeschaufelt hat. Der 10. November ist darum unbedingt per sofort für jeden Leser zum Pflichtprogramm erklärt! Neben dem grossartigen Konzerterlebnis werden nämlich auch die Song-Cocktails von einem Barmann zubereitet und man kann sich danach das Album im Vinylformat und das eine oder andere Andenken vom Merchstand mit nach Hause nehmen. Aloha!

LIVE -Plattentaufe10.11.2017 Luzern, Sedel

INTOXICA Hana Hou Eigenvertrieb

ip. Das Repertoire Intoxicas besteht zum grössten Teil aus Coverversionen, die Bandleaderin Nadine zusammen mit ihrem Lebensgefährten und Schlagzeuger Dany Glinz in einem Londoner Recordstore in Form alter Sampler ausgebuddelt hat. Diese audiophile Archäologie hat damals das Feuer in den beiden entfacht, eine Band zu gründen, um den alten Tracks wieder Leben einzuhauchen. Diese Coverversionen machen nach wie vor den grössten Teil ihres Repertoires aus. Vor allem live packen die irgendwo schon einmal gehörten Songs das Publikum, wie zum Beispiel „Please Mr. Jailer“ von Wynona Carr, der über den John Waters Film „Cry Baby“ Bekanntheit erlangte. Das Reduzieren auf das Wesentliche und die Dekonstruktion der alten Songs ist ein wesentlicher Bestandteil und eine sehr willkommene Herausforderung in ihrer Musik. Auf Intoxicas Debut „Hana Hou“ finden sich nun ausschliesslich Eigenkompositionen, die sich aber lückenlos in ihr Coverrepertoire einfügen. Der Surf-Rhythm'n'Roll mit 60ies

Einschlag verbreitet gute Laune, zielt mächtig aufs Tanzbein und nimmt einen mit auf die Reise durch schummrige Bars vergangener Zeiten, in denen eine Band für die letzten Liebespaare den Soundtrack spielt. Oder aber die Hintergrundmusik für ein Roadmovie der 50er Jahre liefert. Oder eine zwielichtige Gangsterstory mit einem gescheiterten Detektiven vertont, wie im Song „Smith & Wesson“. Oder eine Dschungelsafari auf schaukelnden Elefanten durchführt, auf die einen „Mr. Miller“ mitnimmt. Anspieltips sind bei acht Songs hinfällig, denn hier ist sowieso nur die Auslese der eigenen

Songs vorhanden. Wenn man nach Highlights suchen will, ist jedoch neben „Smith & Wesson“ das orientalische „Arabian Rush“ zu nennen, das sich sexy durch die Boxen schlängelt. Um das sinnliche Erlebnis abzurunden, liegt dem Album ein Inlay bei, auf dem alle Songtitel auch als Namen für Cocktails dienen. Die exklusiven Rezepte aus Nadines Feder zum Bestücken der eigenen Hausbar stehen zum Nachmixen dabei. Tiki-Bar-Feeling für die Terrasse! „Hana Hou“ bedeutet soviel wie „Zugabe!“ oder „Noch mal!“. Das trifft den Nagel ziemlich genau auf den Kopf, denn wenn Intoxicas Debut einmal durchgelaufen ist, fängt man am

besten gleich noch mal von vorne an und genehmigt sich dazu den nächsten Cocktail Aloha!

Hier ist das VinylAlbum erhältlich: www.intoxica.ch www.klangundkleid.ch und in diversen VinylShops

Digital: CD Baby iTunes

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SOULS REVIVAL

WOLFWOLF

Straight2Tape

The Cryptid Zoo

Eigenvertrieb

Lux Noise hug. Also da ist dieser Gitarrero, der nennt sich Mister Wolf, und da ist auch dieser Stehschlagzeuger und Mikrofonquäler, der nennt sich ebenfalls Mister Wolf, darum heisst das Duo WolfWolf, sie stammen aus Nidwalden, wo man immer mal ein offenes Ohr hat für schräge Typen mit schräger Musik. Auf ihrem nunmehr zweiten Album besingen und beschrammeln sie allerlei komische Kreaturen von Psycho- und Soziopathen über Yetis bis zu Aliens mit den Mitteln des Zweimann-GaragenSwamp-Bluesrocks und nehmen dazu auch mal die Hilfe des gleichgesinnten Berner Duos Blind Butcher oder des Jollyand-the-Flytrap-Trompeters Pascal Claude in Anspruch, unter anderem. Da klingt jedes Lied wie eine Vollmondnacht in einem gefährlichen Sumpfgebiet: Man weiss nie, welches Monster angreift, und schon gar nicht aus welcher Richtung. Warum man dieses Album kaufen soll? Keine Ahnung. Ist aber geil! Und live sind Mister Wolf und Mister Wolf die totale Unterhaltung.

ip. "What you hear is what you get" ist das Motto von Souls Revival, der Schweizer Hardrocktruppe. Gianni Pontillo und Sandro Pellegrini kenen sich schon seit ihren gemeinsamen Tagen bei Pure Inc., die es leider nicht mehr gibt, aber durch Souls Revival mehr als vortrefflich vertreten wird. Überhaupt spielt hier eine Feinstauswahl der heimischen Szene auf (u.a. sind die Musiker bei Slädu, Fox, Felskinn oder The Order). Auch hier gibt es Hardrock mit einer klitzekleinen Prise Grunge, der aber dann doch fast schon ein bisschen Classic klingt. Pontillos Stimme, eine der besten Rockröhren im deutschsprachigen Raum, wird von der erdigen, organischen Band perfekt in Szene gesetzt. Da passt das eingangs erwähnte Motto wie die Faust aufs Auge, denn bereits vor zwei Jahren spielte das Quintett ihr Debut "Lost My Way" live in drei Tagen ein. Dafür braucht es nicht nur spielerisches Können und auf den Punkt gebrachtes Songwriting für die richtige Portion Rock´n´Roll, sondern auch einigen Mut, eine so rohe Platte als Visitenkarte zu hinterlegen. Das hat beim Debut wunderbar geklappt und Souls Revival so ein "handfestes" Image verpasst, dass man sich für das Nachfolgevinyl ähnlich entschieden hat. Mit Publikum als Verstärkung und für ein besseres Livegefühl wurden die acht vorliegenden Songs live in einer Straight2Tape-Session auf Analogband aufgenommen, und das hat sich auch dieses Mal bewährt. Die acht Tracks sind nicht nur richtig gute Strassenfeger, sondern in dieser rohen Form ein Zeugnis dafür, dass Rock´n´Roll einfach nichts weiter benötigt, als ein paar ordentliche Instrumente, eine gute Idee, Spass und die berühmten Eier in der Hose. "Straight2Tape" gehört schlichtweg in jeden musikliebenden Haushalt, und zwar alleine dafür, dass man mal wieder hört, wie geil live gespielte, unkorrigierte Musik klingt. Nach acht Songs ist leider Schluss, aber der Zusatz "Session One" verspricht einen Nachfolger dieses unbearbeiteten Hörjuwels.

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JAËL Orkestra Phonag hef. Die einstige LunikSängerin Jaël Malli beschreitet mit diesem Album neue Wege. Statt ein Album mit neuen Songs zu produzieren, hat sie sich 15 Tracks aus 15 Jahren Bühnendasein ausgesucht und diese mit Orchester neu eingespielt. Die Premiere dieser alten und neuen Lieder in sinfonischem Gewand fand am diesjährigen Festival "Klanganschtrich" während eines einmaligen Auftritts statt. Begleitet wurde Jaël dabei vom litauischen Orchester "Klaipédos Kamerinis Orkestras". Der bunte Songmix ist von Jaël selber geschrieben, von Jaël mit der kanadischen Band Delerium, zusammen mit dem Schweizer Basskünstler Mich Gerber, mit dem Norweger Pal Angelskar, mit der einst bekanntesten Schweizer Ur-DJane DJ Tatana, dem deutschen Act Schiller und in Zusammenarbeit für das Theaterstück "1476". Die 15 Songs, darunter Mani Matters "Werum sytt Dir so truurig", natürlich in Berntüütsch, sowie

GRAN NOIR

Groove von ihrer verspielten Seite, wie übrigens auch im zweitletzten Track «Without». Und zum Abschluss kramen die drei gar jazzige GitarrenLicks hervor und nähern sich nicht nur gesanglich Michael Bublé und Konsorten. Elegant.

Electronic Eyes

BAUM

das hochdeutsche "Zeit, die Dir noch bleibt", singt Jaël engelhaft. Die Musik ist sanft dahingleitend, während das Orchester den feinen musikalischen Background liefert.

Lakedrive Records rp Der dynamische Auftakt «Universe Next Door» des zweiten Albums nach «Alibi» (2013) der in Zürcher beheimateten Gran Noir ist symptomatisch für den Rest der da folgt. Die schweizerisch-deutschen Indierocker mit Stonereinschlag lieben das Spiel von Laut und Leise, und beherrschen es, so nebenbei, vorzüglich. Die 2011 in Peking gegründete Band klingen wie rockigere Muse. Gitarrenwände werden aufgetürmt. Spannungsbögen aufgebaut. Aber auch leise Momente sind zu vernehmen. Was bestens passt zur textlichen Auseinandersetzung mit Vereinsamung, Kontrollverlust und Ausbeutung.

FEATHER & STONE Same Eigenvertrieb rp. Mit ihrem Longplayer Debüt macht die Band um die beiden Stanser Musiker Michael Feather und Joel Stone einen schönen Schritt nach vorne. Im Vergleich zur 5-Track-EP «One The Same Road» von 2015 ist auf ihrem selbstbetitelten Werk eine grössere musikalische Vielfalt zu vernehmen. Natürlich finden sich immer noch behutsam entspannte und nachdenkliche akustische Folksongs unter den zehn Tracks. Vier der fünf Songs von «One The Same Road» sind schliesslich ebenfalls hier zu hören, neu eingespielt und arrangiert. Im neuen «Take Me To Old New York» wird ihre nachdenkliche Seite wunderschön u.a. mit Piano inszeniert. Auch sind die irischen und auch englischen Folk-Elemente ausgeprägter. Speziell im wunderschönen und vielschichtigen «The Piper» (Text stammt vom englischen Dichter und Mystiker William Blake), das an Fairport Convention, die Pogues und auch Pentangle mahnt. Die gebührend vom dritten Bandmitglied, der Aargauerin Helen Maier, gespielte Geige sorgt für ausgelassene Stimmung. Im darauffolgenden «Piece By Piece» (von der EP) wurde das irische Elemente ausgeprägter hervorgehoben. «Mary Pain» zeigt Feather & Stone mit dezentem (fast) Rockabilly-

Kingdom Of The Upright Man MV hef. Christoph Baumgartner, Künstlername mit Baum auf den Punkt gebracht, kann schon einiges in seinem Palmarès, seinem musikalischen KarriereBaum, aufführen. Der Basler Singer/Songwriter trat schon solo im Vorprogramm von Topacts wie Van Morrison und John Butler Trio auf, bevor er überhaupt ein eigenes Album aufgenommen hatte. 2010 erschien dann mit "Music For My Landlord" sein Debütalbum, aufgenommen in New York City. Den Zweitling drei Jahre später konnte er ebenfalls im Big Apple produzieren, und zwar in den bekannten Jung City Studios von Alicia Keys. An den Reglern sass Mischpult-Prominenz: Engineer Tim Leitner, der schon für Cracks wie Bruce Springsteen, Paul Simon und Cyndi Lauper gearbeitet hatte. Zudem war seine Single "Home One Day", 2014 auf der EP "penpapercoffee" erschienen, auf dem Soundtrack des deutschen Kinofilms "Verrückt nach Fixi" zu finden. Die akustische Gitarre ist bei Baum noch immer präsent. Doch den Lead übernahm mittlerweile die E-Gitarre. Bei den ersten Tönen kommt einem diese Stimme irgendwie bekannt vor. Tief wie einst die Grabesstimme der kanadischen Hitband "Crash Test Dummies" mit ihrem Klassiker "mmm mmm mmm", Groove wie die Fleetwood Mac ihrer besten Jahre mit melodiösem Drumming à la Mick Fleetwood und stimmlich auch ein bisschen wie Samu Haber, der Finnen Sunrise Avenue. Die elf geschmeidigen Songs zwischen Up-tempo und Balladen („Every Little Thing“, "New Day") "des kompromisslosen Albums mit zwei Schlagzeugern, treibenden Bässen und aufgedrehten Gitarren-Amps" (O-Ton Band-Info-Sheet, was ich hier unterschreiben kann...) sind voller Energie, man spürt die Spielfreude. Feine Sache!

DA CRUZ Eco Do Futuro Boom Jah/Prolog hug. Freude herrscht! Mariana Da Cruz und ihre Mannen kommen mit ihrem vierten Album und zeigen der Welt einmal mehr, dass


BASEMENT SAINTS Der Werdegang der Basement Saints verläuft seit der Gründung 2012 nur in eine Richtung; steil nach oben auf dem sonnengeküssten Highway des RocknRoll, der die drei Musiker aus Solothurn hoch hinaus trägt. Die „Saints“ gehören zu den authentischs-ten und leidenschaftlichsten Rock-bands hierzulande. Ein Gitarrenspiel, dass dich in die 70er Jahre zurück-katapultiert, ein Drummer, bei dem man als Treibstoff mehr als nur Koffein vermuten könnte, begleitet durch die mit Whisky getränkte, verrauchte Stimme, welche den kritischen Lyrics einen kraftvollen Ausdruck verleiht. Abgerundet wird alles von dem ätherischen vierten Bandmitglied, welches den Bass-sound herbeiruft. Ernsthaft, die Band hat keinen Bassisten, doch donnert der Bass durch die Subwoofer wie ein Unwetter. Die Mischung der jungen Band, lässt jeden Fuss auf den staubigen Boden stampfen und liefert einen Feuersturm, der einem die freie Seele um die Ohren schleudert. Im Juni 2017 spielten sie ihr zweites Album „Bohemian Boogie“ live im Wanted Men Studio ein. Aufgenommen und produziert wurde die Scheibe durch Sandro Lamparter (Slam & Howie) und gemischt von Dave Hofmann (Leech, Heidy Happy, Reto Burrell, Urban Jr.)

BASEMENT SAINTS Bohemian Boogie Wanted Men/Irascible hug. Wir erinnern uns: 2014 kam wie aus dem Nichts diese EP «Free Souls» von dieser Band, deren Sänger Obwaldner mit südafrikanischen Wurzeln ist, und auf dieser EP war der Song «Rainbow Nation», das war Bluesrock, der abging wie ein Zäpfli. Zwei Jahre später folgte das Debüt, Sänger Anton Delen war inzwischen nach Grenchen gezogen, weil ihm die vielen vielen Fahrten nach Olten zu den Bandproben zu anstrengend wurden, und das ganze Album bluesrockte so gewaltig, dass sogar der junge Kenny Wayne Shepherd alt aussah dagegen und Five Horse Johnson endlich ein ebenbürtiges Pendant gefunden hatten. Basement Saints, das forscheste Bluesrock-Trio der Schweiz und weit darüber hinaus,

sich Elektronik, Funk und (etwas allgemein formuliert) brasilianischer Samba hervorragend vertragen, wenn man nur die richtigen Profis ranlässt. Und da ist, ganz im Stillen, vor allem Ane Hebeisen, Keyboarder und Ehemann von Mariana, die treibende Kraft: Mit derselben unbeirrten Konzentriertheit, wie er einst die Swamp Terrorists zu einer AusnahmeEBM-Band gemacht hat, unterlegt er auch den geschmeidigen Gesang von Mariana mit dieser beherrschten digitalen Unruhe, die perfekt zu den sozial engagierten Texten von Mariana passt. Ebenso klar definierte, sparsam, aber effektiv gespielte Drums,

Gitarre und Bläser machen die Songs zum Feuerwerk: Sie klingen wie Tanzbefehle für Leute mit Sinn für Understatement. Das ist am Ende viel mehr als Baile Funk, das ist grossartige Weltmusik – zumal die Brasilianerin Mariana diesmal auch ihren afrikanischen Wurzeln nachgeht und das zuweilen in entsprechender Rhythmik umsetzt. Kurz gesagt: Da Cruz gehören mit zum Interessantesten, was die Schweiz an Musik derzeit zu bieten hat. Und man sollte vielleicht auch erwähnen, dass das im Ausland viele Leute schon begriffen haben: Die Band gibt Konzerte auf der ganzen Welt und wird von der Fachpresse weltweit frenetisch besprochen.

rockten heftig. Nun also 2017, das neue Album, «Bohemian Boogie», darauf die drei Jungs entspannt beim Fischen am Fluss. Und man erschrickt zuerst: Herrje, klingt irgendwie anders, mehr nach den ganz alten Status Quo, und da sind darüber hinaus auch noch etwa drei ganz ruhige Songs drauf. Was ist passiert? Wir rufen Anton Delen an (das ist ja das Schöne hier bei uns, man kann den Leuten telefonieren). Delens Antwort: «Einfach.» Will heissen: Sie wollten einfach mal ausprobieren, was sonst noch geht. Er erzählt die Geschichte von «Rooftop Riddles», wie er aus dem Fenster seiner Dachwohnung aufs Dach kraxelte, weil die Sonne grad so schön schien, Passanten unten auf der Strasse aber der Ansicht waren, da mache sich ein Suizidant zum Sprung bereit, und die Feuerwehr alarmierten. Anton betrachtete das Treiben der angerückten Feuerwehr und realisierte erst, dass er gemeint war, als der der Mann im Krankorb ihn abholen wollte. «Das hat irgendwie nach einem langsamen Song gerufen», erklärt Anton. Nun gut. Nochmal von vorne reinhören. Und dann: Grossartig! Wunderbar! Herrlich! Die Basement Saints bluesrocken immer noch mit Verve und Freude und Dampf, nur dass sie jetzt auch mal so massig viril klingen wie Status Quo damals auf «Quo» und aber absolut mühelos Spannungen und Druck aufbauen, die die eingangs gelobten Five Horse Johnson in ihren allerbesten Momenten zustandebringen. Und die ungefähr drei ruhigen Songs sind halt einfach ungefähr drei ruhige Songs. Auch die sind gut. So, genug geredet: Reinhören, geniessen! Und geht diese Band live schauen. Da verdoppeln sie ihren Druck mit Leichtigkeit, herrje!

ALOIS Mints Red Brick Chapel Records rp. Eines ihrer Pressefotos zeigt die Luzern Herren von Alois (keiner der vier heisst übrigens so) kunstvoll bunt übermalt. Bunt, verspielt und auch experimentell ist die Musik auf dem Debüt der Band um Sänger und Gitarrist Martin Schenker. Schleppende Beats, elektronische Spielereien, Vocoder-Gesang, Samples, Dub-Elemente, Easy Listening, funky Bassläufe, dezente ReggaeRhythmen, schräge Gitarrenläufe, Fiepsen, karibische Rhythmen, verschliffene Beats,

Stimmenmischmasch, Schrägheiten und sphärische Klänge. Fast alles hat Platz im Sound-Kosmos von Alois. Dazu singt Martin Schenker mit zuweilen schläfriger Stimme. Flockiger Tagtraum-Indiepop, möchte man nicht zu lauter Stimme ausrufen. Zerlegt und katalogisiert klingt «Mints» wie eine eigenwillige und farbenprächtige Mischung aus Lemon Jelly, Space, M83, Air, Korgis, Hot Chip, New Order und Harmonia. Oder etwas vereinfacht gesagt: Kurzweilige, nicht immer geradlinige GuteLaune-Musik mit wunderbaren Schrägheiten und an einigen wenigen Stellen gar mit subtilem Tanzfaktor («Hey Girl», «Isolator»).

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DVD/BluRay

Sternstunden des Rock BLUES PILLS Lady In Gold Live In Paris Nuclear Blast Das 2011 gegründete internationale BluesrockUnternehmen um die blonde Schwedin Elin Larson hat sich inzwischen europaweit allerbestens in Szene gesetzt und begeistert mit ihrem an Peter Green›s Fleetwood Mac erinnernden Sound sogar Metalfans. Letztere vor allem live, denn im Gegensatz zu den eher ruhigeren Studioalben, geht bei dem aus Elin Larsson (voc), Dorian Sorriaux (gtr), Zack Anderson (bs) und André Kvarnström (dr) Quartett auf der Bühne mächtig die Post ab. Das letzte Blues Pills Studioalbum «Lady In Gold» eroberte in Deutschland Platz 1 und in der Schweiz Platz 2 der offiziellen Charts. Im Rahmen ihrer «Lady In Gold»-Tour spielten sie am 30. Oktober vor 1200 Fans ein ausverkauftes Konzert im Le Tranon, Paris, das nun hier in Bild und Ton vorliegt. Dazu sagt Frontfrau Elin Larsson: «Wir haben uns dazu entschlossen, weil wir gerne unsere Live-Erfahrung mit all unseren Fans teilen wollen - vor allem mit denen, die bisher noch nie die Chance hatten, uns live zu sehen. Die LiveInterpretationen unserer Songs unterscheiden sich sehr von den Studioaufnahmen. Wir nennen es ein bisschen mehr Rock›n›Roll mit mehr heavy, jam und psychedelischen Teilen - es ist schlichtweg eine ganz andere Erfahrung als die Studioversionen anzuhören. Live zu spielen war schon immer das, was wir am meisten geniessen und lieben, weil in keinem anderen Moment die Verbindung zu den Fans so tief ist. Wir haben versucht, all die magischen Momente und Emotionen unserer LiveShows auf DVD zu bannen!» Das ist dem Quartett wahrhaftig gelungen. In bester Qualität hat Regisseur Julie Rohart dieses herausragende Konzert mitgeschnitten, vier Kameras kamen dabei zum Einsatz, und zeigen eine Band in absoluter Spielfreude, die von ihren Fans frenetisch gefeiert wird.

hh. In diesem Jahr feiert der ROCKPALAST sein 40-jähriges Jubiläum. In dieser Zeit übertrug das deutsche Fernsehen (WDR) unzählige Konzerte hochkarätiger und weniger bekannter Rockacts. Legendär sind die (insgesamt 17) 70/80er-Jahre Rocknächte mit bis zu 7-stündigen Non-StopÜbertragungen vornehmlich aus der Essener Gruga Halle mit jeweils drei verschiedenen Bands. Einige dieser Bands, die zum Zeitpunkt der Übertragung in Europa relativ unbekannt waren, stiegen dank des Rockpalasts plötzlich über Nacht zu den erfolgreichsten Acts der europäischen Rockszene auf, wie beispielsweise Mother's Finest oder ZZ Top. Neben diesen Grossanlässen gab und gibt es Gott sei Dank immer noch regelmässig kleinere Clubkonzerte, die ebenfalls im WDR gesendet wurden bzw. werden. Und hier dürfen Rockfans immer wieder absolute Sternstunden des Rock in Bild und Ton erleben – denn generell kann man bis heute sagen: egal ob die Band bekannt bekannt ist oder nicht, die Qualität ist immer hoch – darauf achten die Rockpalast-Macher bis heute sehr. Das deutsche Label MIG MUSIC bringt seit geraumer Zeit Konzertmitschnitte aus den frühen Zeiten des Rockpalasts als DVDs heraus. Inzwischen ist eine stattliche Anzahl an DVDs zusammengekommen und hier finden sich wahre Juwelen, teilweise von Acts, von denen viele junge Rockfans wahrscheinlich noch nie etwas gehört haben, sowie spannendes Material aus den „Kinderzimmern“ von bis heute erfolgreichen Künstlern. In loser Folge werden wir einige Sahnestückchen aus dem MIG Katalog vorstellen, die zweifellos zu den Sternstunden des livehaftigen Rocks gezählt werden dürfen – nein, MÜSSEN! Und das soll auch gleichzeitig eine Kaufempfehlung für jeden echten Rockfan sein, der hier für realtiv kleines Geld Paradebeispiele für wegweisenden, bahnbrechenden oder zumindest herausragenden Rock ohne Netz und doppelten Boden erhält.

IAN HUNTER BAND feat. MICK RONSON Grugahalle, Essen 1980

In der sechsten RockpalastNacht kamen mit Ian Hunter und und seinem langjährigen Kumpel Mick Ronson zwei der wegweisendsten Musiker der britischen Glamrock-Ära nach Essen. Ian Hunter, ex-Chef der legendären MOTT THE HOOPLE war zu diesem Zeitpunkt bereits als Soloartist

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unterwegs und hatte einige Hits wie „Once Bitten Twice Shy“, „Cleveland Rocks“, „Bastard“, „Just Another Night“ oder „All The Way From Memphis“ im Gepäck, die ihn seinerzeit in den USA zu einem der erfolgreichsten Rock-Acts machten. An der Gitarre stand der 1993 verstorbene Mick Ronson, bis heute einer der legendärsten und hochverehrten britischen Saitenkünstler, der sich neben später folgenden Zusammenarbeiten mit internationalen Megastars vor allem zwischen 1970-1973 als David Bowie's Gitarrist und Arrangeur unsterblich machte. Das hier verewigte Konzert ist ein wahrer Hammer, eine über 70minütige Aneinanderreihung herausragender Songs – präsentiert von einer massiv rockenden und groovenden Band. Etwas vom Besten in der gesamten Rockpalast-Historie.


DVD/BluRay UFO Hardrock Legends Vol.1 Westfalenhalle, Dortmund 1980 Michael Schenker Nachfolger Paul Chapman (ex-Lone Star) war gerade ein Jahr dabei, als UFO im November 1980 in Dortmund den Rockpalast rockten. Neben den Gründungsmitgliedern Phil Mogg (voc), Pete Way (bs) und Andy Parker (dr) standen hier noch besagter Paul Chapman sowie Neil Carter (gtr, kbds) auf der Bühne. UFO befanden sich zu der Zeit im Karrierehoch und hatten mit Titeln wie „Doctor Doctor“, „Lights Out“, „Rock Bottom“ oder „Love To Love“ aus der Michael Schenker Ära fette Hits und wahre Hardrock-Klassiker im Gepäck, die bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Die Fans waren gespannt, wie und ob der

neue Axeman überhaupt seinen Vorgänger Michael Schenker ersetzen konnte. Er konnte, und zwar mit Bravour! Durch Chapman, der bewusst vermied Schenker zu kopieren, wurden UFO rauer und eine Spur dreckiger. Das hier vorliegende Konzert zeigt die Band in TopForm, unter Fans gilt es als legendär. UFO-Fans, denen dieser Auftritt bislang „durch die Lappen“ gegangen ist, sollten hier unbedingt zugreifen. Dieser Gig darf in keiner HardrockSammlung fehlen.

JOHNNY WINTER Blues Rock Legends Vol.3 Grugahalle, Essen 1979 In Blues-Kreisen hatte sich der Texaner bereits einen soliden Namen erspielt, vielen Rockfans jedoch war der Albino bis dahin unbekannt. Das ändert sich nach seinem RockpalastAuftritt schlagartig. Obwohl ursprünglich nur ein ca. 80minütiges Konzert vorgesehen war, stand Johnny Winter mit seinen Sidemen Jon Paris (bs/gtr) und Bob Torello (dr) mehr als zwei Stunden auf der Bühne und zog ein wahres Feuerwerk an exzellenter Gitarrenarbeit ab. Klar, seine

endlosen Blues-Solos waren nicht jedermanns Sache, zum Schluss seines Sets packte er dann aber die Rocker aus und hatte damit das gesamte Publikum in der Tasche.

STEVE GIBBONS BAND Metropol, Berlin 19811979 In England, wo der Sänger bereits seit den 60ern in verschiedenen Bands unterwegs war, wurde die Steve Gibbons Band eine Zeitlang als „the next big thing“ gehandelt. Trotz einiger veritabler Hits („Down In The Bunker“, „No Spitting On The Bus“) gelang der SGB trotz bester musikalischer und gesanglicher Qualitäten jedoch nie der grosse Durchbruch. Grund dafür mag die etwas musikalische Orientierungslosigkeit und das Fehlen von wirklich grossen Songs gewesen sein, was auch hier auffällt. Die ersten drei Songs sind zwar durchweg schön und glänzen durch ausgefeilte Harmoniegesänge, sind jedoch

nicht besonders aufregend. Erst mit fortlaufender Konzertdauer zeigt sich, wo die wahren Stärken der Truppe liegen und das war klar im soliden Rock'n'Roll der Marke Chuck Berry und Bo Diddley und im damals erfolgreichen sogenannten englischen PubRock. Wenn es auch nicht für die ganz grossen Bühnen gereicht hat, die SGB war eine der besten britischen Clubbands, was die hier vorliegende DVD eindrücklich beweist.


ReRelease

LIVE REVIEWS

HARD STUFF The Complete Purple Records Anthology 1971-1973 Cherry Red Records rp. Die englischen Hard Stuff, die anfänglich unter dem Namen Bullet firmierten, formierten sich zu Beginn der 1970er Jahre aus Teilen von Atomic Rooster. Gitarrist John Du Cann und Schlagzeuger John Hammond hatten auf den Alben «Death Walks Behind You» (1970) und «In The Hearing Of Atomic Rooster» (1971) besagter Band mitgewirkt und verliessen die Progressive-Rocker danach. Die üblichen musikalischen Differenzen! Bullet, die sich, weil es bereits eine US-Band gleichen Namens gab, bald in Hard Stuff umbenannten, stand der Sinn eh mehr nach geradlinigem Heavy-Rock. Damit fanden sie als eine der ersten Bands auf das Deep-Purple-Label Purple Records, das 1971 ins Leben gerufen wurde. Das Duo wurde alsbald vom ehemaligen Quartermass Bassisten John Gustafson komplettiert. Zu Hard Stuff gehörte zu Beginn ebenfalls Sänger Harry 'Al' Shaw (ehemals Curiosity Shoppe). 1972 erschien ihr Debüt «Bulletproof». Shaw ist anscheinend auf den Songs «No Witch At All», «Time Gambler (Rodney)», «Millionaire» und «The Provider – Part One» zu hören, obwohl er nicht auf dem Cover abgebildet ist und auch nicht in den Linernotes aufgeführt wird. Shaw hatte Hard Stuff während der Veröffentlichung verlassen und war zurück nach Liverpool gegangen. John Cann (das «Du» wurde irgendwann mal weggelassen) und John Gustafson teilten sich den restlichen Gesang. «Bulletproof» ist grossartiges Heavy-Rock-Album, das auch heute noch frisch und unverbraucht klingt. Gitarrist John Cann feuert coole Riffs aus seinem Instrument, für die der Name Hard Stuff (hartes Zeug) äusserst passend war. Randnotiz: «Monster In Paradise», das ursprünglich für Quartermass gedacht war, wurde von Roger Glover und Ian Gillan (beide Deep Purple) mit verfasst. Ein schwerer Autounfall von Cann und Hammond brachte die Karriere von Hard Stuff ins Stocken. Trotzdem veröffentlichen sie bereits 1973 ein zweites Album. «Bolex Dementia» fällt zuerst einmal wegen seines hässlichen Covers auf. Dies wurde für die US-Pressung glücklicherweise geändert! «Bolex Dementia» klingt differenzierter und leider nicht so überzeugend wie «Bulletproof». Neben Heavy-Rock-Nummern wie «Roll A Rocket» oder «Dazzle Dizzy» gibt es Glamrock («Ragman», «Jumpin' Thumpin' (Ain't That Somethin)»), Prog-Elemente und gar Ausflüge in den Funk («Libel«, «Spiders Web») zu hören. Gustafson war für die Hinwendung zu letzterem verantwortlich. Der Unfall aber auch der Umstand, dass die Band mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden war, führte 1973 zur Auflösung von Hard Stuff. «The Complete Purple Records Anthology 1971-1973» enthält neben den beiden erwähnten Alben auch noch Songs, die unter dem Namen Bullet eingespielt worden waren und NonAlbum-Tracks.

THE ROLLING STONES Zürich, Letzigrund

20. September 2017

Fotos: Ian Keates

hef. "Die grösste Rock'n'Roll-Band aller Zeiten", "Die härteste Rock-Band der Welt" oder wie auch immer die Superlative in der Vergangenheit hiessen, meistens von den Stones selber formuliert: Fakt ist, die Rolling Stones rockten die Schweiz, und wie es ihrem Ruf gebührt, fuhren sie die grösste Bühne ihrer langen Karriere auf. Gigantisch, die vier Riesenleinwände in Gelb getaucht, darauf die vier legendären Stones-Zungen. Als an diesem traumhaften milden Herbstabend um Punkt 20.22 Uhr die ersten Rhythmen von "Sympathy For The Devil" erklingen, ist Hollywood angesagt. Wie in einem Horrorfilm wird die gigantische Bühne in rotes Licht getaucht, Nebelschwaden wabern umher und zaubern ein noch düstereres Bild. Die klassischen Laute dieses sehr speziellen Stones-Klassikers versetzen die über 40 000 Fans zum ersten Mal in Ekstase. Jaaaa, sie sind da, und einer nach dem anderen betreten sie unter frenetischem Applaus mittels Riesenleinwand die Bühne. Darunter sind sie höchstens als Mini-Männchen auszumachen. Dann die unnachahmliche Stimme von Mick Jagger: "Please allow me to introduce myself, I'm a man of wealth and taste...". Diese Sätze treffen auch auf ihn zu, Sir Michael Philipp Jagger, über eine halbe Milliarde schwerer „wealthy“ Rockstar und Idol von Generationen, ein Mann mit Geschmack, der in der grössten Rock-Show der Welt das Zepter plus seine auch mit 73 Jahren noch immer knackigen Hüften schwingt. Jagger verkörpert die Stones wie kein anderer, wenn auch sein alter Ego Keith Richards für die Musik verantwortlich zeichnet und den Sound der Stones hauptsächlich prägte. Doch ohne Jagger würden die rollenden Steine am Strassenrand verrotten. Kaum sind die wooo wooos von "Sympathy For The Devil" verklungen, begrüsst der Maestro die Schweizer Fans mit einem fast akzentfreien und diesmal hochdeutschen Satz "Es ist schön, wieder hier zu sein. Vor 50 Jahren haben wir das erste Mal in Zürich gespielt." Dann holt er gleich massig Sympathien ab mit der Frage: "Quelqun ici de la Romandie"? Lautes Gejohle aus diversen Ecken des Stadions. "Qualquno del Ticino"?, jemand aus dem Tessin hier? Es sind zwar weniger als die Welschen, aber auch die Tessiner können sich hören lassen. Der Mann weiss eben, wie man sein Publikum in die Tasche steckt. "Schockierend gut!", hiess der erste Satz der Konzertreview im "Tagesanzeiger", geschrieben vom Stones-Experten Büttner. Er meinte das sicher anders als ich. Auch für mich waren die Stones bei meinem gefühlten 20. Konzert (alle 12 in der Schweiz habe ich gesehen inkl. das von 1967, dazu einige im Ausland, so in München und Philadelphia.) schockierend gut. Das aber nicht unbedingt im Sinne Büttners. Unbestritten ist, dass die Rolling Stones auch bei ihrem wahrscheinlich letzten Schweizer StadionKonzert alles geben. Allein schon die unglaubliche Bühne ist ein weiterer Superlativ wert. Gestochen scharf die Live-Bilder auf den zehn Meter hohen Leinwänden, manchmal in nostalgischem schwarz/weiss an das erste Hallenstadion-Konzert vor 50 Jahren erinnernd. Porentief die Faltenwurf-Gesichter von Jagger und Richards, der eher nachdenklich wirkende Ron Wood fühlt sich


LIVE REVIEWS

offensichtlich ohne die obligate Zigarette ziemlich schlecht. So viele falsche Töne konnte man zwar wie üblich von "Keef" erwarten, nicht aber von Ronnie, der selten Freude zeigte. Der Lungenkrebs hat sicher auch in seinem Befinden eine Kerbe geschlagen. Souverän wie immer Charlie Watts am Schlagzeug, der wie stets in seinem typischen Stil stoisch den Rhythmus durchzieht. Am Schluss bekommt er sogar mehr Applaus als Jagger himself. Die Leute lieben Charlie einfach. Top auch die Begleitmusiker wie Bassist Darryl Jones, die zwei Tastenmänner, die Sängerin und das fetzende Blech. Die alten Herren spielen zwei Stunden und 12 Minuten. Und eigentlich gibt es kaum einen Song, den man vermisst. Das Beste aus 55 Jahren Bandgeschichte stand auf der SetListe. Von "It's Only Rock'n'Roll" gleich als zweiter Nummer, "Tumbling Dice" bis "Under My Thumb", "Paint It Black", "You Can't Always Get What You Want", "Miss You", "Street Fighting Man" und "(I Can't Get No) Satisfaction". Dazu das von den Fans vorab ausgewählte Dylan-Cover von "Like A Rolling Stone" und "Hate To See You Go" von Little Walter aus dem Blues-Album "Blue". Überraschend "Dancing With Mr. D", das die Stones sonst kaum spielen, und natürlich das Überflüssigste der Show, die zwei Songs von Keith Richards. Auch wenn er sich bemüht und vor Spielfreude strahlt, "Happy" und das bis auf zehn Minuten ausgedehnte "Slipping Away" sind Aids für die Ohren. Keith solo ist eine Zumutung, aber Jagger lässt ihn gewähren. Denn auch ohne Keith gäbe es wohl keine Stones mehr. Die Stones haben richtig geile Abdrücksongs wie "Brown Sugar" und "Jumpin' Jack Flash" in ihrem Repertoire. Die kommen zwar sehr spät, "Jumpin' Jack Flash" als zweite Zugabe nach "Gimme Shelter". Aber mit keinem dieser Monsters schaffen sie den totalen Rock. Alles ein bisschen zu verspielt, teils etwas sperrig, es ging für meine Begriffe einfach nicht so ab, wie man es von der laut eigenen Angaben "härtesten Rockband der Welt" erwarten würde. Ok, ich habe im TV "Havanna Moon" gesehen, ihr wohl bestes Konzert ever zum Ende ihrer letzten Welttournee vor über einer halben Million begeisterter Kubaner, welche die Stones erst noch gratis in dieser Topform erleben durften. Vielleicht waren deshalb auch meine Erwartungen etwas zu hoch geschraubt. Aber wie die meisten im Publikum erlebte auch ich das, was seit jeher ein Stones-Konzert ausmacht: Spassfaktor 100! Weil ihre Songs sowie auch die Akteure auf der Bühne pure Nostalgie ausstrahlen. Nostalgie, Erinnerungen, das ist es, was die Stones auch nach 55

Jahren Karriere so einmalig macht. Ja, und da war noch, mitten im Set, der Knallersong "Midnight Rambler". Wer ihr bestes Livealbum von Ende der 1960er Jahre kennt und die Version auf "Get Yer YaYa's Out", der spürte bei diesem "Midnight Rambler" die Urkraft der wahren Rolling Stones. Jagger auf Höhenflug, seine Performance Erotik pur, Sound und Gehabe dreckig, so wie man die Stones eben erwartet. Einfach nur geil! Fazit: Am Schluss ist man doch wieder versöhnt mit den Idolen der frühen Jugend.


ReRelease

AIRBOURNE Diamond Cuts (4 LP/1 DVD) Nettwerk/Warner lg. Die australischen Hard-Rocker von Airbourne sind ja bereits eine ganze Weile präsent. Dass das erste Album "Runnin' Wild" bereits zehn Jahre auf dem Buckel hat und die Band seit 2001 besteht, mag manchem Musikfan etwas verrückt erscheinen, denn Airbourne blühen nach wie vor in jugendlicher Frische auf und geben Vollgas. Anlässlich dieses 10-jährigen Jubiläums des grandiosen Debüts erscheinen die ersten drei Alben des Vierers aus Melbourne – das genannte "Runnin' Wild", "No Guts. No Glory" (2010) sowie "Black Dog Barking" (2013) – in einer wunderschönen Vinyl-Box unter dem Namen "Diamond Cuts". Die Alben unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander – am besten kommt das Debütalbum rüber, da es roh und wild daher kommt. Die Band um die Bandgründer und Brüder Joel (Gesang und Leadgitarre) und Ryan O'Keeffe pflegt einen Sound, der das Erbe der australischen Legenden von AC/DC und Rose Tattoo verwaltet. Vor allem das erste Album katapultierte Airbourne sofort ins Rampenlicht und der Vierer konnte sich aufgrund energiestrotzender Gigs als Live-Act sofort etablieren. Kritiker mögen der Band attestieren, dass sie eine reine Kopie der Originale darstellt und die Songs etwas gar wenig variabel

erscheinen, doch was macht man, wenn die Originale nicht oder kaum mehr aktiv sind? Da braucht es Nachfolger wie Airbourne, und man tut der Truppe unrecht, sie als blosse Plagiate zu bezeichnen. Der Erfolg – sei es plattentechnisch oder mit Live-Konzerten – gibt Airbourne recht. Interessant ist in vorliegendem Boxset besonders die vierte Platte "Diamond Cuts", welche B-Sides und zwei bis anhin unveröffentlichte und sehr gute Songs enthält. Zum einen den Song "Money", den die Band auf einem Tape unter tiefen Staubschichten gefunden hat. Das Stück stammt von den Aufnahme-Sessions zu "No Guts. No Glory", und aus irgendwelchen Gründen hat es "Money" damals nicht auf das Album geschafft. Der andere Song heisst "Heavy Weight Lover" und ist auch ein typischer Airbourne-Kracher geworden. Zusätzliches Bonusmaterial gibt es in DVD-Form einer bisher unveröffentlichten Dokumentation mit dem Titel "It's All For Rock 'n' Roll". Auch für Fans, die bereits die Alben besitzen, gibt diese mit einem recht schäbigen, aber passenden Artwork versehene Box einiges her, zumal der Preis einigermassen vernünftig ausgestaltet ist. "Diamond Cuts" ist auch als CD-Box erhältlich. It's Time to Rock'N'Roll!!! Live sind Airbourne zudem am 7. November 2017 in der Samsung Hall in Zürich zu bestaunen.

LIVE REVIEWS CELLAR DARLING

14. September 2017 Zürich, Dynamo Fotos: Daniel Strub lg. Als im Mai 2016 bekannt wurde, dass nach bandinternen Streitigkeiten um Schlagzeuger Merlin Sutter (dr.) auch Anna Murphy (damals nur an der Drehleier) bei den äusserst erfolgreichen FolkMetallern Eluveitie aus dem Raum Zürich ausstieg, war das Erstaunen gross. Doch bald danach gründete Anna Murphy mit ihren ehemaligen Bandkollegen Merlin Sutter und Ivo Henzi (git., bs.) die Folk Metal Band Cellar Darling, welche im Juni 2017 ihr Debütalbum "This Is The Sound" sogleich über Nuclear Blast

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LIVE REVIEWS

veröffentlicht hat. "This Is the Sound" und die ersten Festivalshows im Sommer kamen sehr gut an, so dass sich Cellar Darling an Headliner-Shows in der Schweiz gewagt haben. Nach der ersten Show am Vortag im Kofmehl in Solothurn war der Gig im gut gefüllten Werk 21 im Dynamo in Zürich gut besucht. Mit Nicolas Winter am Bass traten Cellar Darling als Vier-Personen-Band auf und hatten das Publikum sofort auf ihrer Seite. Anna Murphy war zwar stark erkältet und der Gitarrensound etwas gar dünn, doch dies tat einer guten Show keinen Abbruch. Die Band agiert engagiert und überaus sympathisch. Anna Murphy war die Freude über die sehr gute Aufnahme von Cellar Darling durch das Publikum förmlich anzusehen, denn sie strahlte über beide Ohren. Musikalisch haben Cellar Darling das gesamte Album „This Is The Sound“ durchgespielt – inklusive der tollen Singles „Black Moon“, „Avalanche“ und zum Abschluss „Challenge“. Die ganze Show war ausgewogen und Cellar Darling zockten die Songs wie aus einem Guss. Die grösste Überraschung war der zweitletzte Song – eine Coverversion von „The Prophet's Song“ von Queen (von ihrem 1975-Album „A Night At The Opera“) – welcher von Anna wirklich grossartig dargeboten worden ist und wirklich jedermann im Werk 21 in den Bann gezogen hat. Cellar Darling sind eine interessante Band, welche sich ohne Frage im FolkMetal Bereich noch mehr etablieren wird.

BO KATZMAN & THE CAT PACK 23. September 2017 Zürich, Escherwyss Foto: H.E.Fröhlich

hef. 30 Jahre lang tourte Bo Katzman mit dem grössten Gospelchor der Welt durch das Land, um die Schweizer auf Weihnachten einzustimmen. Diese Shows machten ihn zum reichen Mann. Nach dem Aus des Bo Katzman Chores – das Konzept hatte sich überlebt – ist der Basler Ex-Musiklehrer dorthin zurückgekehrt, wo er Ende 1970er Jahre als Rocksänger der Band "Bo Katzman Gang" gestartet war. "Bo Katzman & The Cat Pack" heisst die neue Formation des gutaussehenden Charmeurs. Das bedeutet, zurück zu den Wurzeln. Im Zürcher InClub "Escherwyss" zelebrierte Katzman Ende September sein Comeback mit einem feinen Quartett und dem Album "The Truth", das an diesem Abend getauft wurde. Taufpate: CoProduzent Sergio Fertitta. Das neue Song-Material ist sehr gefällig und eingängig. Damit könnte Katzman auf grosse (Open-Air)-Bühnen zurückkehren, weil diese Musik genau dafür gemacht scheint. Der Club-Einstand gelang perfekt, das Publikum war begeistert und die Band mit einem für treibende Rhythmen sorgender Gitarrist ging in rockigen Titeln total ab. Der Entertainer Katzman funktioniert nach wie vor auch mit Band.


KONZERTKALENDER ACCEPT

HIM

24.1. Zürich, Komplex 457

6.12. Zürich, Xtra

ADEL TAWIL

HIRSCH EFFEKT

1.11. Zürich, Halle 622

4.11. St. Gallen, Grabenhalle

ANVIL

HURTS

13.3. Solothurn, Kofmehl

1.12. Zürich, Halle 622

ANY GIVEN DAY

IMPERIAL STATE ELECTRIC

7.12. Zürich, Dynamo

23.11. Pratteln, Z7

BASEMENT SAINTS

INA FORSMAN

24.11. Solothurn, Kofmehl

25.11. Cham, Live in Cham

6.12. Luzern, Schüür

INTOXICA

BETH HART

10.11. Luzern, Sedel

15.11. Zürich, Volkshaus

ITCHY

BETONTOD

22.12. Zürich, Dynamo

17.11. Solothurn, Kofmehl

JAMES BLUNT

BISHOPS GREEN

8.11. Gemf, Arena

9.11. Solothurn, Kofmehl

9.11. Zürich, Hallenstadion

CRAZY DIAMOND

JAMES GRUNTZ

9.3. Solothurn, Kofmehl

17.11. Luzern, Schüür

CRIPPLED BLACK PHOENIX

1.12. Solothurn, Kofmehl

22.11. Solothurn, Kofmehl

JAMIROQUAI

DIE APOKALYPTISCHEN REITER

18.11. Zürich, Hallenstadion

4.11. Pratteln, Z7

JEANS FOR JESUS

DIRKSCHNEIDER

10.11. Solothurn, Kofmehl

19.12. Pratteln, Z7

KASABIAN

DORO

5.11. Zürich, Halle 622

14.12. Pratteln, Z7

KIDS INSANE

EMERALD

12.11. Solothurn, Kofmehl

2.12. Frauenfeld, Oelfleck

KITTY, DAISY & LEWIS

ENSLAVED

10.11. Zürich, Dynamo

1.12. Pratteln, Z7

KODALINE

EPICA

21.11. Zürich, Samsung Hall

2.12. Pratteln, Z7

KRAFTKLUB

EUROPE

28.2. Zürich, Volkshaus

25.11. Pratteln, Z7

KUNZ

EXTREME

24.11. Pratteln, Z7

9.12. Zürich, Xtra

LIVE WIRE

FLEET FOXES

15.+16.12. Pratteln, Z7

7.11. Zürich, Xtra

LOVEBUGS

GENTLEMAN

3.11. Luzern, Schüür

17.11. Zürich, Halle 622

MANDO DIAO

GOGOL BORDELLO

28.11. Zürich, Kaufleuten

4.12. Zürich, Xtra

MARILYN MANSON

HALUNKE

23.11. Zürich, Samsung Hall

24.11. Solothurn, Kofmehl

MARLA GLEN

HARDCORE SUPERSTAR

9.12. Zug, Chollerhalle

9.11. Pratteln, Z7

MARTERIA

H.E.A.T.

9.12. Zürich, Samsung Hall

12.11. Pratteln, Z7

MIGHTY OAKS

HENÄ

3.12. Luzern, Schüür

30.11. Solothurn, Kofmehl


KONZERTKALENDER MILBURN

SEVEN

7.12. Solothurn, Kofmehl

3.11. Bern, Bierhübeli

MILKY CHANCE

4.11. Baden, Nordportal

2.12. Zürich, Halle 622

SHAKRA

MOLLY HATCHET

23.2. Pratteln, Z7

20.12. Pratteln, Z7

24.2. Langnau, Kupferschmiede

MORGAN JAMES

2.3. Solothurn, Kofmehl

8.12. Solothurn, Kofmehl

3.3. Zug, Chollerhalle

MR. BIG, THE ANSWER

16.3. Rubigen, Mühle Hunziken

7.11. Pratteln, Z7

17.3. Luzern, Schüür

NAZARETH

29.3. Wetzikon, Hall Of Fame

24.11. Zug, Chollerhalle

SKINNY LISTER

NEVER SAY DIE

10.11. Zürich, Dynamo

17.11. Pratteln, Z7

SUBWAY TO SALLY

ORDEN OGAN

21.12. Pratteln, Z7

3.11. Pratteln, Z7

TESTAMENT, ANNIHILATOR

OHRENFEINDT

28.11. Pratteln, Z7

17.12. Pratteln, Z7

TEXAS

PAIN

19.11. Zürich, Volkshaus

7.11. Luzern, Schüür

THE BLOODY BEETROOTS

PEGASUS

13.12. Zürich, X-Tra

3.11. Solothurn, Kofmehl

THE BREW

4.11. Luzern, Schüür

14.11. Luzern, Schüür

16.11. Zürich, Kaufleuten

THE DARKNESS

QUEENS OF THE STONEAGE

20.11. Pratteln, Z7

6.11. Zürich, Samsung Halle

THE DUBLIN LEGENDS

RAG N BONE MAN

11.11. Solothurn, Kofmehl

1.11. Zürich, Samsung Hall

THE HORRORS

RAZZ

2.12. Zürich, Mascotte

25.1. Zürich, Dynamo

THE IRON MAIDENS

RETO BURRELL

2.11. Solothurn, Kofmehl

11.11. Altdorf

3.11. Zug, Chollerhalle

16.11. Zürich, Tibits

THE NEW ROSES

18.11. Wald, Wunderbar

14.12. Luzern, Schüür

23.11. Solothurn, Altes Spital

THE TARANTINOS

14.12. Davos, Waldhotel

29.12. Luzern, Schüür

17.12. Winterthur, Esse

THRESHOLD

RHAPSODY OF FIRE

3.12. Pratteln, Z7

3.11. Pratteln, Z7

UNLEASHED

RISE AGAINST

25.11. Luzern, Schüür

21.11. Zürich, Halle 622

VERSENGOLD

ROGERS

16.11. Pratteln, Z7

7.2. Zürich, Dynamo

WALTER TROUT

ROYAL BLOOD

3.11. Zürich, Kaufleuten

3.11. Zürich, Halle 622

W.A.S.P., BEAST IN BLACK

SAMAEL

11.11. Pratteln, Z7

15.12. Luzern, Schüür

WE INVENTED PARIS

SCHANDMAUL

15.11. Zürich, Hafenkneipe

9.12. Pratteln, Z7

WOLF ALICE 12.1. Zürich, Plaza


Wunschartikel auf eine Postkarte schreiben und einsenden an: TRACKS -Wettbewerb-, Postfach 108, 4323 Wallbach oder eine E-Mail an: Info@tracks-magazin.ch Die Gewinner werden ausgelost

SHAKRA «Snakes & Ladders»

CD signiert

KONZERT-TICKETS: 2 x 2 Tickets für

THE DARKNESS 20.11. Pratteln, Z7

1 x 2 Tickets für

MARILYN MANSON 23.11. Zürich, Samsung Hall

THE DARKNESS «Pinewood Smile»

CD

SUNRISE AVE « Heartbreak Century»

CD Deluxe Version signiert

ROBERT PLANT «Carry Fire»

CD

Impressum Herausgeber/ Chefredaktor:

Mitarbeiter Redaktion:

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