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was für Songs aus mir heraussprudeln würden. Ich wusste nur, dass ich in diesen vier Wochen Zeit für meine eigene Musik hatte. Es hatten sich eine Menge Ideen in mir angesammelt, die ich vom ersten freien Tag an direkt umgesetzt habe“, erklärt Schelker. Die einzige Prämisse für sie war, das Repertoire des Albums alleine mit Gitarre und Gesang live spielen zu können. Mit Ausnahme des Songs „Uma Thurman“, den sie für Liveauftritte etwas umarrangieren musste, ist dieser Gedanke aufgegangen. Der Grund für diese Vorgabe ist, dass Schelker auch für Auftritte ihre maximale Freiheit behalten möchte: „Ich will in der Lage sein, innerhalb von zwei Wochen auf Tour gehen zu können, ohne viele Vorbereitungen zu treffen und vom Terminkalender weiterer Musiker abhängig zu sein.“ Gitarre einpacken und los, das ist Schelkers Maxime; aus weniger mehr machen. Im Sommer und Herbst diesen Jahres ist Bettina Schelker wieder nacheinander mit Carl Verheyen (Supertramp) und Eric Gales unterwegs. Auch da bewährt sich das Konzept des wenigen Aufwandes. „Wenn du ein Set von einer halben Stunde spielst, kannst du nicht ewig Zeit dafür verschwenden, eine ganze Band auf die Bühne zu stellen. Da muss es schnell gehen“, so Schelker. Anfang dieses Jahres war Bettina Schelker in Australien und Amerika auf Tournee, eine mittlerweile jährlich etablierte Routine, wo sie dieses Mal auch ihr neues Material aufgeführt hat. Durch ihre wiederkehrenden Besuche konnte sich Schelker ein kleines Stammpublikum erspielen und sie erkennt einige Besucher, die im Vorjahr bereits da waren, wieder. „Das muss man pflegen“, sagt sie, „sonst gerätst du ganz schnell in Vergessenheit und musst von vorne anfangen. Die Konkurrenz ist sehr gross und der Exotenbonus des Schweizers ist schnell verbraucht.“ Nicht nur die Konkurrenz belebt das Geschäft, sondern vor allem der eigene Elan: „Du spielst für Trinkgeld und das bedeutet, dass du die Leute an der Bar, die nur eben ein Bierchen trinken wollen, auch von dir überzeugen musst.“ Das Klischee des Maschendrahtzaunes vor der Bühne, der fliegende Bierflaschen abwehren soll, kann sie aber nicht bestätigen und lacht: „Das ist uns nur einmal in der Schweiz passiert! Wir hatten vor ewig langer Zeit einen Gig im Atlantis in Basel, damals noch mit der Formation Polstergruppe, und wir wollten gerade anfangen zu spielen, als einer auf die Bühne kam und sagte, das Bier sei soeben ausgegangen. Da flog mir ein Salatteller an die Gitarre. Das fand ich allerdings eher lustig als tragisch.“ Ihre grössere Präsenz in der Musikszene, die vor allem mit den Aktivitäten ihrer Band Blackberry Brandies zusammenhängt, hat sich bisher nicht spürbar an ihren Soloausflügen bemerkbar gemacht. Das hat allerdings eher den simplen Grund, dass Schelker kaum im eigenen Land auftritt, sowohl Solo, als auch mit Band. Daher fokussiert sich die Bekanntheit eher auf das Ausland. Allerdings, so Schelker, unterstützen sich die Projekte gegenseitig, was die Aufmerksamkeit des Publikums angeht. Ihre Solomusik bezeichnet die Basler Musikerin auch nicht als etwas, das sie bei den Blackberry Brandies vermissen würde und dies deshalb verwirklichen muss. „Meine Musik unterscheidet sich nicht so sehr von der Band, dass ich mich jetzt unbedingt in anderer Form ausleben müsste. Ich bin Songwriter, ich muss insofern immer glücklich sein, mit dem was ich gerade mache. Sonst funktioniert es nicht. Wir hatten mit den Brandies in recht kurzer Zeit zwei Alben aufgenommen und eine Riesenmenge an Songs geschrieben. Trotzdem wollte ich aber auch wieder meine folkige Seite zeigen, die besser zu mir als Solokünstler passt.“ „Now What Maybe“ trifft genau diesen Punkt und Bettina Schelker sagt über ihr Album: „Es ist ruhig, nicht aufdringlich und man kann es auch gut mal nebenher laufen lassen. Es fliesst.“

BETTINA SCHELKER Now What Maybe Foundagirl ip. Die Basler Singer-Songwriterin hat mit „Now What Maybe“ erneut ein wunderbares Album aus überwiegend ruhigen Klängen mit Gitarre und Stimme gezaubert. Daneben finden sich aber auch einige flottere Nummern, wie beispielsweise der Opener „Uma Thurman“, der durch Produzent Neil Ferguson eine ganz beson-dere Pop-Note bekommen hat. Neil Ferguson ist nämlich bekannt als Bassist der Gruppe Chumbawamba und hat zum wiederholten Mal mit Bettina Schelker zusammengearbeitet. Diese Kollaboration ist eine gute, denn auch wenn „Uma Thur-man“ die Handschrift von Fergu-son trägt und im besten Sinne nicht unbedingt repräsentabel für die restlichen Songs auf dem Album ist, verfügt „Now What Maybe“ über einen ganz eigenen Charme und eine Menge Vielfalt. Neben dem genannten Opener gibt es zum Beispiel den Song „Easy Silence“, der ebenfalls einen modernen Touch hat und der letzte Song „She Will“ lässt einen mit guter Laune durch die Wohnung tanzen. Der überwie-

gende Teil des Albums besteht allerdings wie erwähnt aus ruhigen Nummern, die mit Folk, Country und einer Portion Southern brillieren. In diese Kategorie fallen Songs wie „Rosie And Taylor“, „The Proof“ oder das wunderbare „Paper Heart“, die allesamt zu den Höhepunkten von „Now What Maybe“ zählen. Die übrigen Songs „Jiggle“, „Better Than My Best“, „Handle This“ oder „Like You“ nicht im selben Atemzug zu nennen, ist eigentlich Frevel, denn hier wird auf gleichbleibend hohem Niveau gearbeitet. Es gibt auf diesem Album diese wehmütige Melancholie des Cowboys, oder besser: Cowgirls, dIe dem Sonnenuntergang entgegenreitet. Bettina Schelkers Stimme, die Art, wie sie ihre Songs arrangiert und darbietet, hat aber immer auch etwas Verschmitztes. Damit hebt sie sich deutlich von der dramatischen Ernsthaftigkeit ab, die das Genre oft mit sich bringt. Es ist ein echtes Kunststück, Johnny Cash zu zitieren und dabei zu grinsen, statt in Ehrfurcht zu versinken. Und genau das schafft Bettina Schelker auf „Now What Maybe“: Einen ganz eigenen Charme mit Staub an den Stiefeln und Zwinkern im Auge in zehn Ohrwürmer zu verpacken.

Tracks 4 15 (Juli/August)  

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