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Zehnar1o Die Netzwerkzeitung zu »10«

Jubiläumsausgabe

1997–2007

www.tosch-kommunikation.de

Das Geheimnis der Top-Ten. Vom Abzählreim zur Weltformel.

Die Macht der Dekade: Er-Zählung von Goethes Leben. Lichtgestalten des Fußballs: die Rücken-

nummer zehn.


editorial

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Vielseitig, ungewöhnlich, kostenlos. Der Name ist Programm: Das Thema von ZEHNARIO ist »Zehn« und wird auf über 60 Seiten in zehn Rubriken umgesetzt. Was gibt es dazu zu schreiben, zu fragen, zu sehen? Natürlich: Zehn Finger, das Dezimalsystem, die Top Ten und die Zehn Gebote. Aber Goethe, Dolly, Pelé und Freddy Quinn? Ja, sogar der Groschen, Auszubildende, Kapitalisten und komplexe Weltformeln haben mit der »Zehn« zu tun! Alles ist in diesem Heft zu entdecken. Der Anlass für diese tatsächlich einmalige Zeitung ist das Berufsjubiläum der Herausgeberin Priska Tosch: zehn Jahre Selbständigkeit als Designerin und Journalistin. (Nur wenig mehr dazu auf den Seiten 26/27.) Zu diesem Ereignis entstandt zusammen mit der Kulturwissenschaftlerin Britta Schmidt eine gemeinschaftliche Redaktion. Uns war es wichtig, mit dieser »Online-Zeitung im Pdf-Format«, eines weiteres Stück Netzwerk zu spinnen. Wir haben in den Zeiten unserer selbständigen Tätigkeit immer wieder erlebt, das funktionierende Geflechte unsere Arbeit erweitern und inspirieren. ZEHNAR10 ist ein weiterer Schritt, das Netz zu vergrößern und zu stärken. Und das im vielfältigsten Sinne: Alle, die an dem Projekt mitgewirkt haben, können ZEHNAR10 als Referenz nutzen. Alle, die darauf aufmerksam werden, können Spaß am Stöbern, Lesen, Entdecken bekommen. Alle, die es kennen gelernt haben, können es weiter empfehlen … Von der Idee bis zur Veröffentlichung haben wir uns zehn Monate Zeit gelassen. Zehn Monate wird die Netzwerkzeitung unter www.zehnario.de zum Download bereit stehen. Und zehn Autoren haben für ZEHNAR10 gearbeitet; sowie drei Illustratoren, zwei Redakteure und ein Fotograf. 1… 2… 3…

10!

Viel Spaß beim Stöbern, Lesen, Entdecken – und netzwerken.

Zehn Finger: auf dem Titelbild mit Lynna Held. | f o t o : priska tosch Britta Schmidt wurde von p r i s k a t o s c h fotografiert, die wiederum von s i g r i d t h ö l i n g fotografiert wurde.


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Editorial

Seite 03

magazin »Zehn Jahre » » » » » eine Sammlung von Britta Schmidt »Zehner-Bilder » » » » » von Lucas Kreuzer »Wir sind das Dezimalsystem » » » » » von Hans Elsner »Was die Welt bewegt – Zehn Momentaufnahmen zur Zehn » » » » » Fundstücke von Britta Schmidt

Seite 06 Seite 08 Seite 09 Seite 10

kulturgeschichte »Vom Abzählreim zur Weltformel » » » » eine Reise durch Zeit und Raum von Margarete Tosch-Schütt »Der Groschen: ein kleiner Zehner ganz groß» » » » » von Andrea Hoffmann »Die Jagd nach den Zehn Geboten » » » » » von Simone Haserodt

Seite 12 Seite 18 Seite 20

ZEIT »Zehn Minuten zu spät » » » » » eine Umfrage von Britta Schmidt »Zeit ist wie ein Gummiball » » » » » Zehn Fragen an eine Zehnjährige von Priska Tosch

Seite 22 Seite 24

unterwegs »Längs des zehnten Längengrads » » » » » von Priska Tosch

Seite 26

Stationen »Auf und zu » » » » » Fotos von Lucas Kreuzer

Seite 28

wirtschaft »Handwerks Zukunft » » » » » von Sievert Herms »Zehn Jahre = fünf Generationen » » » » » von Ulrich Schmitz

Seite 38 Seite 42

Kultur »System oder Systematik? » » » » » von Hans Elsner »Illustration » » » » » von Alexander Besiswestnikh »Der Abakus » » » » » Bemerkenswertes von Priska Tosch

Seite 44 Seite 45 Seite 46

Literatur »Er-Zählung vom Leben » » » » » Goethes Vita betrachtet von Aneka Schult »Goetheweg » » » » » das Spiel von Christin Ursprung »Die 10» » » » » von Hella Kemper

Seite 48 Seite 52 Seite 54

Musik »Wenn Platz 16 zum Flop wird » » » » » Das Geheimnis der Top Ten von Bernd Schossadowski »Zehn Musik-Höhepunkte » » » » » eine Sammlung von Britta Schmidt

Seite 56 Seite 58

SPORT »Lichtgestalten des Fußballs: die Rückennummer Zehn » » » » » von Dennis Dix

Seite 60

Impressum

Seite 62


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Zehn Jahre … … treue Weggefährten Der Köln Marathon startete erstmals 1997. Immerhin 300 Läufer sind seitdem jedes Jahr dabei gewesen.

… neue Regeln Südafrikas Nach-Apartheid-Verfassung ist seit zehn Jahren in Kraft. Ein hoffnungsstarker Auftakt in eine neue politische Zeit, das alltägliche Leben braucht aber offensichtlich länger für Veränderungen.

… virtuelles Nachschlagen Im September 1997 registrierten die beiden Studenten Larry Page und Sergey Brin den DomainNamen »google.com«. Damit begann eine Erfolgsgeschichte, die hierzulande immerhin zum Eintrag in den Duden geführt hat. Ganz zu schweigen vom weltweiten wirtschaftlichen Effekt.

… »das ganze Bild« Dokumentation und Ereignisse sind das Kerngeschäft von Phoenix. Immer noch stehen politische Nachrichten im Vordergrund, trotzdem bietet der Sender mehr als Berichte aus den Parlamenten. Die Zusammenfassung der Tagesereignisse und ausgewählte Spielfilme aus ARD und ZDF sind mittlerweile die Publikumslieblinge.

… virtuelle Verkündigung Durchschnittlich 28.345 Menschen am Tag besuchen das Internet-Angebot der Diözese Würzburg. an einem einzigen Tag kommen heute also mehr Menschen mit dem Bistum Würzburg in Berührung als im ganzen ersten Startjahr.

… künstliches Leben Mit dem Klonschaf Dolly ist klar geworden, dass uns Menschen – wenn wir wollen – ganz neue Wege offen stehen. Auch wenn Dolly streng wissenschaftlich genommen kein »Klon« ist und schon 1996 geboren wurde und schon viel früher als ihre natürlich gezeugten Artgenossen unter Alterserscheinungen zu leiden hatte – die prominente Veröffentlichung über Dolly vor zehn Jahren hat die Diskussion über Machbares und ethisch Zulässiges auf neuer Grundlage entfacht.


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… magische Welten Als Harry Potter mit dem »Stein der Weisen« das erste Mal auf dem Büchertisch lag ahnte keiner, welche Erfolgsstory sich in kürzester Zeit daraus entwickeln sollte. Über 350 Millionen Exemplare wurden bislang weltweit in 65 Sprachen verkauft. Zehn Jahre später soll mit den »Heiligtümer des Bösen« in Band sieben alles vorbei sein? Vielleicht hilft ja ein »finite incantatem« diesen Zauber zu beenden.

… Phantasien und Träume Das Kinderzirkus-Festival Lilalu begeistert alljährlich in München bis zu 210.000 Menschen. Mittlerweile gibt es neben dem Sommer-Ferienprogamm regelmäßige kleinere Veranstaltungen im Herbst, Frühjahr und Winter. Mit dem in 2006 gegründeten Verein ist hoffentlich der organisatorische und finanzielle Fortbestand für die zirzensischen Träume großer und kleiner Leute gesichert.

… Mars in Bild und Substanz Mit der Landung des »Path Finder« auf dem roten Planeten wurden erstmals besonders detaillierte Bilder und Analysen vom roten Planeten möglich. Mittlerweile gibt es größere Fahrzeuge als den kleinen »Sojourner«, der aber als erster natürlich die Geschichtsschreiber auf seiner Seite hat.

… siedeln in fremden Welten Das Gesellschaftsspiel »Die Siedler von Catan« bewegte schon seit seinem Erscheinen ehrgeizige Gemüter. So wurde das erste richtige Siedler-Turnier 1997 als SiederKartenspiel-Turnier ausgetragen. Seit 2002 wird auch international im Wettkampf gesiedelt. Spiele sind ja angeblich auch immer ein Spiegel ihrer Zeit. e i n e s a m m lu n g vo n b r i t ta sch m i d t www.connexconsult.de. Keine Recherche ist ihr zu umfangreich: Britta Schmidt stellt schwungvoll überraschende Details zusammen und formt dadurch ein durchdachtes Konzept. Die Kulturwissenschaftlerin MA arbeitet in Hannover als PR-Beraterin, Texterin und Journalistin. Schwerpunkte ihrer Arbeit findet sie meistens in kulturellen und kulturgeschichtlichen Themenbereichen. schmidt@connexconsult.de


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www.lucaskreuzer.de Der freiberufliche Fotograf Lucas Kreuzer aus Hannover kann schon bis 10 z채hlen. luckreu@web.de

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jede veränderung hängt von der

10 ab

> > die stellung der 1 und ihre bedeutung

Tausender

Hunderter

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kilogramm

hektogramm

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ein gramm

decigramm

centigramm

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kiloliter

hektoliter

decaliter

ein liter

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hektowatt

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ein watt

deciwatt

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DAS DEZIMALSYSTEM IST MIT UNS – WIR SIND DAS D E Z I M A L S Y S T E M | Wenn

das Wort »Dezimalsystem« fällt, hat jeder sofort seine eigene Vorstellungen im Kopf. Der eine denkt an Strecke und Meter, der andere Größe, Höhe, Tiefe und ein Dritter an Geld und Zahlen. Wir denken nicht nur an das System, wir denken auch in diesem System. Alles, was technisch messbar und berechenbar ist, was mit Geld bezahlbar und in unserer Phantasie vorstellbar ist, können wir nur verstehen, wenn wir das Dezimalsystem zu Hilfe nehmen. Ob wir die Körpergröße von Kindern messen oder eine Telefonnummer wählen, ob wir Briefe frankieren, einen Handschuh anziehen oder auf die Waage steigen, das Dezimalsystem ist immer dabei, meist unbewusst, aber prägend, dauerhaft prägend. Dass ein Handschuh nur fünf Finger hat, nehmen wir nicht besonders wichtig. Wir haben ja noch einen zweiten. Wir ziehen ihn an. Wir finden das selbstverständlich. Wir tragen zweimal die Hälfte von zehn an den Händen. Wir multiplizieren und können fast gleichzeitig teilen. Es ist das Dezimalsystem an uns und in uns. Wenn wir auch zwei Beine haben, um durchs Leben zu gehen, so sind es doch zehn Zehen, die uns die Richtung zeigen. von hans elsner

die eins und die null trafen sich Die Eins und die Null trafen sich. »Du willst immer vorne sein«, meinte die Null, »und dabei bist du nichts als ein Strich«. »Ganz richtig«, erwiderte die Eins, »ich bin immer Erster, ob ich will oder nicht. Aber deswegen blas ich mich nicht so auf wie du«. Die Null: »Wenn bei mir die Luft raus wäre, bliebe nichts als ein Strich. Wir hätten zwei Striche, zwei mal die Eins. Was dann? Wir könnten nicht mal die Zehn schreiben.« »Um alles in der Welt«, ruft die Eins, »nur das nicht, bleib wie du bist. Lieber eine aufgeblasene Null als nur ein Leben von eins bis neun«. So wurde offenbar, dass eine Null ihren großen Wert hat.


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Was die Welt bewegt – D I E Z E H N - P R O Z E N T - A K T I O N | Seit 38 Jahren sind die Menschen der Zehn-Prozent-Aktion bereit, nicht nur zu geben, sondern zu teilen. Vorbild für sie ist dabei die biblische Weisung Gottes, den »zehnten Teil« dessen, was man besitzt, den Armen zu geben. Jedes Jahr stellt der Kaufmann »Mr. Zehnprozent« zehn Prozent seines Einkommens zur Verfügung, um Menschen in Not zu helfen. Bei der 39. Aktion, die bis zum 31. März 2008 geht, spendet er 49.000,- Euro nur dann, wenn sich bis zu diesem Zeitpunkt weitere 425 Mitspender gefunden haben. Besonders willkommen sind Kinder und Jugendliche, die bereit sind, zehn Prozent vom Taschengeld, Weihnachts- oder Gewww.zehn-prozent-aktion.de burtstagsgeld abzugeben. Kein Beitrag ist zu klein!

zehn fundstücke – zusammen getragen vo n b r i t ta sch m i d t

D I E Z E H N S C H M U T Z I G S T E N O R T E D E R W E LT | Die Organisation Inter-

nationales Grünes Kreuz hat die zehn dreckigsten Orte der Welt gewählt. Das Ergebnis ist wenig überraschend, sie liegen in Asien. Besonders betroffen sind China, Indien und Russland. Die zehn weltweit am stärksten verschmutzten Orte verteilen sich demnach auf sieben Länder. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind von den Verschmutzungen betroffen. Bergbau, der Rüstungswettlauf während des Kalten Kriegs und unkontrollierte Industrieproduktion seien die HauptET 1 2.09.0 7 > www.gci.ch/en/comm/news/2007/presse/presse.html verursacher. BIS ZU ZEHN PROZENT D E R P FL E G E I S T M A N G E L H A F T | Das ist zwar besser

als vor ein paar Jahren, aber dennoch nicht hinnehmbar. Wie es zugeht, in Deutschlands Heimen und bei den ambulant zu Hause versorgten Pflegepatienten, ist dem jüngsten Bericht der medizinischen Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) zu entnehmen. Danach weisen knapp sechs Prozent der zu Hause Gepflegten und rund zehn Prozent der Pflegeheimbewohner Spuren von Vernachlässigung auf. ET 31.08.07 > www.zeit.de/ online/2007/36/pflege-kommentar

ZEHN MILLIARDEN DOLLAR FÜR DEN KAMPF GEGEN KRANKHEITEN | Die Finanzierung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberku-

lose und Malaria für die nächsten drei Jahre ist zum Großteil gesichert. Auf einer Geberkonferenz in Berlin sagten Vertreter der G-8-Industrieländer, der Vereinten Nationen sowie von Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Stiftungen 9,7 Milliarden Dollar für die Zeit bis 2010 zu. Weitere Hilfsgelder werden erwartet. Insgesamt braucht der Fonds 12 bis 18 MilliarET 27.09.0 7 > www.tagesschau.de/inland/geberkonferenz8.html den Dollar. Z E H N J A H R E F R Ü H E R F C K W - F R E I | Bei einer UN-Konferenz in Montreal kamen Vertreter von 200 UN-Staaten überein, die Herstellung und den Einsatz von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) zehn Jahre früher als bisher geplant zu beenden. Die Industriestaaten müssen auf die Chemikalien demnach bis spätestens 2020 verzichten, die Entwicklungsländer bis spätestens 2030. Ein Sprecher des UN-Umweltprogramms sprach von einer historischen Einigung. Bei der noch ausstehenden Verabschiedung des Beschlusses durch das Plenum der Konferenz erwarte er keine Probleme. Zu dem beschleunigten FCKW-Verzicht hatte vor allem die US-Regierung die Delegierten der UNKonferenz gedrängt. Sie sieht darin eine Alternative zum Kyoto-Klimaschutzprotokoll, dem die USA – der größte Produzent von Treibhausgasen – nicht beigetreten sind. ET 22.09.0 7 > www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/467/134214/


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Zehn Momentaufnahmen zur Zehn DIE LINKE STREBT BEI DER NÄCHSTEN BUNDESTAGSWAHL MEHR A L S Z E H N P R O Z E N T D E R W Ä H L E R S T I M M E N A N und stellt sich be-

reits jetzt auf die weitere Rolle als Oppositionspartei ein. Der Beschluss über den Kurs der nächsten zwei Jahre sieht den Kampf gegen Sozialabbau und Armut und gegen eine Außenpolitik mit Kampfeinsätzen der Bundeswehr vor. Die Regeln des sozialen und wirtschaftlichen Systems müssten geändert werden, heißt es. Wie das geschehen soll, wird nicht näher erET 25.08.0 7 > www.netzeitung.de/deutschland/721210.html läutert.

Z E H N P R O Z E N T D E R H O O L I G A N S S I N D R E C H T S E X T R E M | Die Po-

lizei hat unter den deutschen Fußballfans mehr als 13.000 Hooligans festgestellt. Rund zehn Prozent davon sind dem Verfassungsschutz durch rechtsextreme Aktivitäten aufgefallen. Laut Bundesregierung hat der Verfassungsschutz bei knapp zehn Prozent der in der Polizeidatei »Gewalttäter Sport« (Stand November 2006) erfassten 9399 Hooligans »Erkenntnisse aus dem rechten Phänomenbereich«. Demnach sind etwa 1000 HooET 04.05.0 7 > ligans mit rechtsextremen Aktivitäten aufgefallen. www.tagesspiegel.de/politik/div/;art771,1938769

ZEHN MAL ZEHN ZENTIMETER ZUM ERINNERN | Kölner Bildhauer Gun-

ter Demnig (60), der Erfinder der Aktion, ließ an fünf Orten die Steine in die Bürgersteige ein. Mehr als 9000 »Stolpersteine« existieren europaweit. Jetzt wurden auch in Elmshorn die ersten der zehn mal zehn Zentimeter großen Betongusssteine verlegt. Sie verfügen über eine Messingplatte, deren Inschrift Opfern der NSDiktatur gewidmet ist. ET 16.08.0 7 > www.abendblatt. de/daten/2007/08/16/783078.html

H A N D Y- Ü B E R W A C H U N G I M V E R G A N G E N E N J A H R Z E H N M A L A N G E O R D N E T | Das Bundesamt für Ver-

fassungsschutz hat im vergangenen Jahr in zehn Fällen den Einsatz eines so genannten IMSI-Catchers angeordnet, mit dem der Standort sowie die Geräte- und Kartennummer von aktiv geschalteten Mobilfunkgeräten festgestellt werden können. Dies geht aus einer Unterrichtung durch das Parlamentarische Kontrollgremium über »Maßnahmen nach dem Terrorismusbekämpfungsgesetz« hervor. Mit dem Gesetz seien den Sicherheitsdiensten als Reaktion auf die Terroranschläge des 11. September 2001 in den USA neue Befugnisse übertragen worden, die in die Schutzbereiche des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 des Grundgesetzes) sowie in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung (Artikel 2 Absatz 1 des Grundgesetzes) eingreifen, schreiben die Abgeordneten. Von den zehn Anordnungen des Jahres 2006 sind dem Bericht zufolge zwölf Personen betroffen gewesen. ET 30.0 7.0 7 > www.bundestag.de/aktuell/hib/2007/2007_203/05.html | Bundesverband der Süßwarenindustrie (BDSI): Die Süßwarenindustrie erwartet ab Ende des Jahres deutliche Preiserhöhungen in allen Bereichen, von der Schokolade über Eis bis zu Gebäck. Die Verbraucher müssten sich auf Preiserhöhungen von um die zehn Prozent oder noch etwas mehr je Produkt einstellen. Die anstehenden Preiserhöhungen begründen sich in erster Linie mit steigenden Rohstoffpreisen. So hätten sich die Preise für Milchpulver, das für Schokolade benötigt werde, fast verdoppelt. Auch die höheren Butterpreise machten sich bemerkbar ebenso wie die teurere Glukose, die zur Herstellung von Fruchtgummis gebraucht werde. Mit in etwa einem Drittel sei der Anteil der Rohstoffkosten in der Kalkulation der Süßwarenbranche anders als in manchen anderen Lebensmittelbereichen »nicht zu vernachlässigen«. ET 06.09.0 7 > www.welt.de/wirtschaft/article1163106/Suessigkeiten_ab_Jahresende_zehn_Prozent_teurer.html SÜSSIGKEITEN AB JAHRESENDE ZEHN PROZENT TEURER


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Kulturgeschichte

Vom Abzählreim zur Weltformel

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ehn Finger hat der Mensch. Durch sie bekommt er die Welt in den Griff, versucht er ihrer Dinge und Erscheinungen Herr zu werden. Und zwar zählend. Unser Körper taugt als Rechenmaschine. An unseren Händen und Füßen sitzen, wie Perlen aufgereiht, Repräsentanten von Mengen. Sie erlauben abzubilden, was in Einoder Vielzahl uns umgibt. Dazu die Füße zu benutzen, wäre nicht immer praktisch, aber die Hände sind ständig in Reichweite und so wurden sie wohl Grundlage der weltweit verbreitesten Zähl- und Rechenweise, dem Dezimalsystem. Seine fundamentale Idee besteht darin, mit der Einheit des Zehners Hunderter, Tausender und weit umfangreichere Mengen darzustellen. Selbst, wenn wir auf diese Weise in unendlichen Zahlendaten landen, die Bezeichnung unseres digitalen Rechner erinnert daran, dass alles einmal mit den Fingern (lateinisch: digitus = Finger) begann. So selbstverständlich es uns ist, von der naturgegebenen Zehn auszugehen, – für manche Philosophen des Altertums, selbst noch für Leibniz wäre die Vorstellung von der Geburt der Mathematik aus der menschlichen Hand ein Gräuel gewesen. Für diese Denker traten Zahlen aus einer göttlichen Sphäre hervor, waren von Raum und Zeit und schon gar vom Menschen unabhängige Ideen.

ZÄHLEN – HANDELN – REISEN

Eine Reise durch

Zeit und Raum auf den Spuren der 10 deckt

Überraschendes auf. Was haben zehn kleine

Zappelfinger mit Pythagoras zu tun?

margarete tosch-schütt

Handzeichen sind nur für den Moment sichtbar. Je größer die darzustellende Menge, um so schwieriger ist es, Zahlen mit den zehn Fingern zu symbolisieren. | i l l u s t r at i o n : alexander besiswestnikh

Doch bevor wir uns auf den Gedanken einlassen, dass Zahlen der Welt als Prinzip eingeschrieben sein könnten, wollen wir nur zählen. Einfach nur bis zehn. Dass dies gar nicht so einfach ist, verraten Sprachen, die über das Nennen der Zahl drei nicht hinauskommen. Eine größere Menge, als drei ausgestreckte Finger zeigen, war für manche Stämme einfach »viel«. Die Siouxindianer dagegen reckten bis zu neun Finger in die Höhe, aber dann kam ein Problem: die Zehn. Sie wiesen mit dem Zeigefinger der einen Hand auf den Daumen der anderen. Das hieß zehn. Zeigten sie auf zwei Finger der anderen Hand waren das zwanzig und so fort. Zwei gespreizte Hände bedeuteten schon Hundert. Diese Handzeichen waren praktisch, aber leider nur für einen Moment sichtbar. Sollte Handel getrieben oder die Historie von Lebens- oder Herrschaftsjahren festgehalten werden, >


Kulturgeschichte

mussten sie fixiert werden. Dafür wurden Zeichen und Symbole entwickelt, geritzt und geschrieben auf verschiedenartigsten Untergründen und der Zahlenraum der zehn Finger weit überschritten. Beim Rechnen hatte abstrahierendes Denken spätestens da angefangen, wo die zu zählende Gegenstände nicht mehr vor Augen waren. Sechzehn pralle Säcke mit Getreide waren dann eben nur noch ein mageres Zeichen auf dem Tontäfelchen oder Papier. Je größer die darzustellende Menge, um so schwieriger war es, sie durch Zeichen zu symbolisieren. Komplizierte Verfahren aber hemmten sowohl alltägliche Geschäfte als auch außerordentliche Kalenderberechnungen. Dieses Problem lösten schon im 6. Jahrhundert indische Mathematiker, indem sie begannen, das Dezimalsystem zu entwerfen und die faszinierende Null erfanden, ein wahres Zauberzeichen. Wären nicht die Araber gewesen, hätten wir Europäer von »Je größer die dieser Großtat noch später erfahren, als es schon der Fall war. Die arabi- darzustellende Menge, schen Eroberungszüge in den Osten um so schwieriger war brachten als Beute aus Indien die Schreibweise der Ziffern von null es, sie durch Zeichen bis neun mit und konnten damit die zu symbolisieren.« zehn bilden mit allen ihren Vielfachen. Diese Kenntnisse hinterließen die Araber im von ihnen besetzten Westen. Aber um 1200 brachte auch der italienische Mathematiker Leonardo Fibonacci das arabische Zahlen- und Rechensystem von seinen Reisen mit und stellte es zusammen mit einem arabischen Rechenbrett seinen Zeitgenossen vor. Diese zögerten zuzugreifen, die einfachen Leute rechneten weiter wie bisher und benutzten fleißig die zehn Finger dazu und manche Gelehrte schauten misstrauisch auf die heidnischen Ziffern und hielten die Null sogar für ein Teufelszeichen. DIE IDEE DER NULL

Der Argwohn scheint verständlich, wenn wir die Eigentümlichkeiten der Null bedenken. Sie selbst ist nichts (lateinisch: nullus = nichts), aber trotzdem schenkt sie der Zahl, die links von ihr steht, einen höheren Wert und weitere Nullen, die rechts stehen, erhöhen ebenfalls den Wert. Auch das indische Wort für Null bedeutet nicht-vorhanden, inhaltslos und gibt Anlass über das Potenzial nachzudenken, das in der

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Leere steckt und zu zweifeln an der allgemeinen Geringschätzung des Nichts, das ein mehrfaches – aber von was? – verursachen kann. ABZÄHLREIME

Wem das zu abgehoben ist und nicht kapiert, wird nicht auf drei zählen können. Wer seine sieben Sachen nicht zusammenhält, ist sowieso auf verlorenem Posten. Damit das nicht passiert, hängen wir unsere geplanten Besorgungen an Zahlen auf wie an Kleiderhaken: Erstens: Brötchen holen, zweitens Firma Meier anrufen, drittens.... Elementare Mnemotechnik, die aber meistens schon vor der Zehn aufgibt. Nur im Abzählreim der Kinder wird durchgehalten »sieben, acht, gute Nacht« und dann aber »neun, zehn, du musst geh’n« und schon hat eines die Arbeit, die anderen zu suchen. Überhaupt scheint die Zehn in den Kinderreimen nichts Gutes zu bringen, ähnlich wie den Armen, die den Zehnten als Steuer zu zahlen hatten. Zehn kleine Zappelmänner, Heinzelmänner oder gar Negerlein, die sich in der jeweils ersten Reimzeile noch munter versammeln, werden in zehn Strophen durch traurige Schicksalsschläge schrittweise auf null dezimiert. In pädagogischen Schonversionen schreit zwar in der letzten Verszeile ein Stimmchen »hurra und ist wieder da«. Doch wir können nicht voraussetzen, dass sich das Potential der Null überall herumgesprochen hat. >


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Kulturgeschichte

tsen brider ZEHN BRÜDER

Die fallende Tendenz von Zehn nach Null dagegen entspricht recht genau der Erfahrung kommender Katastrophen. Das jiddische Lied »Tsen Brider sajnen mir gewesen...« führt das besonders deutlich vor. Die zehn Brüder scheitern alle beim Handel mit verschiedenen Waren. Unbarmherzig konsequent misslin- »Nach dem Tod gen die Stationen jüdischer Uberledes Letzten ist das benskünste bis auch der Letzte verhungert. Entstanden ist das Lied vollendete Ganze, während der Emigrationswelle ostdas die Zehn bildet, europäischer Juden um 1900, von da ausgehend wurde es zum Begleiter zerstört.« der Verfolgten durch Ghettos und Pogrome, durch Konzentrationslager und durch die Zeit danach. Das »Oj« am Ende jeder Strophe entsetzt sich und klagt, es allein durchbricht das Zählen, das teilnahmslos die Zahlenstufen heruntertropft auf ein unausweichliches Ende zu. Nach dem Tod des Letzten ist das vollendete Ganze, das die Zehn bildet, zerstört. Eine Elf zu nennen, erscheint als närrischer Gedanken. Nicht umsonst fungiert die Elf in der so genannten fünften Jahreszeit als Narrenzahl. ZEHN JUNGFRAUEN

Die offizielle Narrenzeit hat nur kurz Saison, während die zehn klugen und törichten Jungfrauen in Stein gehauen die Jahrhunderte überdauern und uns an den Portalen der meisten mittelalterlichen Dome erwarten. Seit der Evangelist Lukas das Gleichnis von ihnen berichtete, wurden sie zu einem bevorzugten Bildmotiv. Fünf der jungen Frauen waren klug und ausdauernd genug, lange Zeit auf den Bräutigam, auf Christus, zu warten und ihm mit erhobenen Lampen in den Händen entgegen zu gehen; fünf waren ungeduldig, gaben die Hoffnung auf sein Kommen auf und löschten die Lampen. Vielleicht erlagen sie in der Langeweile des Wartens den Verführungen ihrer fünf Sinne und verloren ihre eigentliche Absicht aus den Augen. ZEHN PLAGEN

Im Neuen Testament berichtet der Evangelist Lukas noch von einer Gruppe von zehn Aussätzigen, die Christus wunderbarerer Weise heilte, doch beeindruckender tritt die Zahl zehn im Alten Testament auf, als der Herr nicht heilend, sondern strafend, »Zehn Plagen« über Ägypten sendet. Er will den Pharao zwingen, die Israeliten auswandern zu lassen in das Land, das sie als ihre Heimat betrachteten, aus der sie >

tsen brider sajnen mir gewesn, hob’n mir gehandelt mit lajn, ejner is gestorb’n is geblib’n najn, oj… najn brider sajnen mir gewesn, hob’n mir gehandelt mit fracht, ejner is gestorb’n is geblib’n acht, oj… acht brider sajnen mir gewesn, hob’n mir gehandelt mit ribn, ejner is gestorb’n is geblib’n sibn, oj… sibn brider sajnen mir gewesn, hob’n mir gehandelt mit gebeks, ejner is gestorb’n is geblib’n seks, oj… seks brider sajnen mir gewesn, hob’n mir gehandelt mit schtrimpf ejner is gestorb’n is geblib’n finf, oj… finf brider sajnen mir gewesn, hob’n mir gehandelt mit bir, ejner is gestorb’n is geblib’n fir, oj… fir brider sajnen mir gewesn, hob’n mir gehandelt mit hej, ejner is gestorb’n is geblib’n draj, oj… draj brider sajnen mir gewesn, hob’n mir gehandelt mit blaj, ejner is gestorb’n is geblib’n zwej, oj… zwej brider sajnen mir gewesn, hob’n mir gehandelt mit bejner, ejner is gestorb’n is geblib’n ejn, oj… ejn bruder bin ich mir gewesen, hob ich mir gehandelt mit licht, schterb’n tu ich jeden tog wajl tsu esn hob ich nit, oj…


Kulturgeschichte

vertrieben wurden. Jede Weigerung des Pharaos, den Abzug der Israeliten zu genehmigen, zieht als Strafe eine Katastrophe für das ägyptische Volk nach sich. Frosch-, Mücken-, Heuschrecken- und sonstige Ungezieferplagen, Krankheiten und Seuchen für Menschen und Tiere, Finsternis und schließlich der Tod aller erstgeborenen Kinder der ägyptischen Familien. Zehn Katastrophen propagieren einen mächtigen Gott, der Partei ergriffen hat für sein Volk. Viel mehr als zehn Generationen werden beim Schildern des Mythos an den zehn Fingern abzählen, in welcher Weise er das tat. ZEHN GEBOTE

Moses war derjenige, der beim hebräischen Exodus für das Volk sprach und handelte. Der Überlieferung zufolge trat er auch für uns Heutige in Aktion, denn Gott übergab ihm die beiden Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten, einer Aufstellung der »Die Zehn Gebote wichtigsten Richtlinien, die das menschliche Leben diesseits und kann man an den jenseits, individuell und sozial zu reFingern abzählen.« geln im Stande sind. Die Zehn Gebote sind in variierten Formen eingegangen in Gesetzgebungen und Verfassungen und werden heute eher Grund- und Menschenrechte genannt. Dass man die zehn Gebote an den Fingern abzählen konnte, erleichtert ihr Transport durch die weiten räumlichen und zeitlichen Distanzen, bewahrt sie allerdings nicht vor Verletzungen. Und wieder zeigt die Narrenzahl elf ihre Herkunft. Wer die zehn Gebote übertritt, ist nicht nur ein Verrückter, der sich außerhalb der menschlichen Gemeinschaft begibt, sondern er ist auch ein Sünder, einer der nicht mehr dazugehört und nichts mehr zu verlieren hat. Prompt nimmt er sich alle Narrenfreiheit und heute präsentiert er ahnungslos ab 11.11. jeden Jahres im Elferrat. D A S E R FA S S E N D E S KO S M O S

Das Irreguläre der Elf überschreitet die geschlossene Vollkommenheit der Dekade (lat.griech.: Anzahl von zehn), die alle Zahlen umschließt und somit vollständig ist. Nach früherer Auffassung ist nur die Zehn imstande, den gesamten Kosmos zu beschreiben. Wer so denkt, beabsichtigt sicher nicht, Nullen hinter der eins zu sammeln und »Wer wird Millionär?« zu fragen, sondern er will verstehen, wie die Welt konstruiert ist, wie sie sich ordnet, welche Gesetzmäßigkeiten in ihr eingeschrieben sind. Dieses Problem löste man von alters her gern durch die Anwendung von mathematischen

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und geometrischen Modellen. Dementsprechend gewannen Zahlen und Ziffern eine symbolische Bedeutung, die weit über die Repräsentation ihrer Menge hinausging. M AT H E M AT I K U N D N AT U R

In den Lehren der antiken Philosophen bestimmten Zahlen, Proportionen und geometrische Formen die vorgefundene Natur und der menschliche Geist brauchte sie nur aus dieser herauslösen und festzuhalten. Diesen mathematischen Bauteilen wurden noch die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde zugeordnet, sowie die schwierig zu erklärende Substanz des Äthers. Damit waren Stoffe und Mengen gesammelt, von denen man annahm, aus ihnen die Struktur des Kosmos verstehen und darstellen zu können. Ein recht revolutionäres Vorhaben gegenüber Glaubenstraditionen, die die Macht der Götter undurchschaubar lassen wollten. Nicht grundlos betrieben philosophische Schulen ihre Wissenschaft oft nur im Geheimen. ALCHEMISTISCHE FORMELN

Charakteristisch ist dies für die mittelalterlichen Alchemisten, die sich unter anderem auf dieses Gedankengut bezogen und durch ihre Praktiken den Schöpfungsakt nachvollziehen wollten. Der Ansatz wird vielleicht verständlicher, wenn wir bedenken, dass die Alchemisten die Vorläufer der Chemiker und Biologen waren, die auch heute unermüdlich probieren, wie sie Leben in Retorten ziehen und die Gestaltung unserer Erbsubstanzen optimieren können. >


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Kulturgeschichte

Alle versuchen, die Welt verständlich und manipulierbar zu machen, forschen dafür nach Formen und Formeln, bearbeiten Zahlenmaterial der alten babylonischen, persischen und arabischen Lehren der Astrologie und Magie, sowie das der heutigen computergenerierten Messungen und Statistiken. KABBALA

Eine ergiebige Quelle für dieses Unternehmen war auch die jüdische Geheimlehre, die sich im 12. Jahrhundert im europäischen Raum ausbreitete: die mystisch-theosophische Kabbala. Sie operierte daran, hinter den Texten der heiligen Schriften eine verborgene Botschaft zu ermitteln, die in Entsprechungen von Buchstaben und Zahlen verschlüsselt sei. Wieder wurde die Welt in Zahlen eingefangen. Im Zentrum dieser Lehre ist der Sefiroth-Baum. Er enthält die zehn Urzahlen, die sich mit den zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets verbinden und dem zufolge die gesamte Schöpfung darstellen können. Das bildliche Zeichen der Sefiroth in einfachster Form erinnert an ein zehnteiliges Molekülmodell, doch wurde es bis ins 18. Jahrhundert hinein in schier unendlicher künstlerischen Vielfalt variiert. Die zehn Sefirothe sind die zehn Potenzen Gottes, die einen lebendigen Organismus bilden und unterschiedlich benannt und illustriert werden. Das wabenförmige Gebilde spielte seine Zehnerrolle in jüdischen Überlieferungen, in christlichen Interpretationen, in wissenschaftlicher Alchemie; es wurde in Korrespondenz gebracht mit dem geozentrischen Schalenmodell des Universums, Shakespeares Hamlet bezog sich darauf und Goethe verwendete 1773 eine komplizierte Spielart der Sefiroth in seinem dramatischen Fragment »Prometheus».

Die Sefiroth besteht aus den zehn Urzahlen, die zehn göttliche Wirkungsbereiche symbolisieren. Aus ihnen bildet sich der gesamte Kosmos.

PYTHAGORÄER

Das Modell des Pythagoras (600 v.Chr.) verschwand ebenfalls nicht aus dem Gedächtnis der Menschen. Es bestand aus zehn Punkten, die ein gleichseitiges Dreieck bildeten. Weil in ihm sämtliche Zahlen der Dekade enthalten waren, umfasste die Zehn alle Dinge und Phänomene des Universums, sie war vollkommen in den Augen der Pythagoräer. Für uns hat dieses Modell eine weitere sympathische Eigenschaft: Es visualisiert die musikalische Harmonie des Weltaufbaus. Nach Pythagoras klingt der Kosmos und zwar in konsonanten Intervallen der Oktav, der Quinte und der Quart. Die Zahlen ihrer Proportionen sind 2:1, 3:2, 4:3, Tetraktys genannt. Das Gesetz der proportionalen Teilung einer Saite wird zum Raster von allem Existierenden.

Der Tetraktys ist auch der Urgrund der Weltseele über die Platon (428348 v.Chr.) im »Timaios« referiert. Diese zur Zehn führende Symbolik des Tetraktys wanderte über die Schwelle der beginnenden christlichen Zeitrechnung, überwand den Anfang der Neuzeit und beschäftigte, wie das Weltmodell der Sefiroth, immer wieder Mathematiker und Philosophen selbst noch zu Zeiten Newtons (1642-1727). >


Kulturgeschichte

Die zu Grunde liegende Zahlensymbolik, die den Anspruch an die Zehn als vollkommene Zahl illustriert, ist folgende: > Im Tetraktys ist die Eins der Ursprung alles Seienden, ein Synonym für Gott, der nicht nur die Harmonie, sondern auch das Chaos in sich trägt. > Die Zwei spaltet sich ab vom Einen, schreitet voran, bedeutet also Entwicklung, Fortpflanzung, aber auch Polarität; die Zwei ermöglicht das Teilen, das Vielfalt ergibt und damit den Wechsel. > Die besondere Vollkommenheit der Drei beruht in ihrer Symmetrie und in ihrer Fähigkeit zur Synthese, die sie aus ihrem Anfang, Mitte und Ende gewinnt. Nicht von ungefähr stellen sich Christen die Komplexität Gottes als Dreifaltigkeit vor. Sicher folgt die Dominanz der Dreiheit in unserem Bewusstsein auch unseren Erfahrungen, wie Geburt, Leben und Tod, wie Himmel, Erde und Wasser wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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> Die Vier hatte im pythagoräischen Zahlenverständnis besonderes Gewicht. Nicht nur, weil vier Elemente angenommen wurden, vier Himmelsrichtungen existieren und der Mensch vier Extremitäten hat, sondern auch, weil sie benötigt wurde, um zur vollkommenen Zehn zu gelangen: 1+2+3+4 = 10 Die Bedeutungen, die den Zahlen beigelegt wurden, lassen ahnen, warum ihr Ergebnis, die Zehn, als heilig betrachtet wurde. Genauer blickend, lässt sich eine philosophische Position erkennen, in der die Welt ma»Schreite von der thematisch strukturiert ist. Alles, was in ihr geschieht, befindet sich in Einheit bis zur Vierzahl einer rationalen Ordnung, zu der wir fort, so entsteht die die Zahl als Schlüssel haben. »Schreite von der Einheit bis zur Zehn, die Urmutter Vierzahl fort, so entsteht die Zehn, aller Dinge.« die Urmutter aller Dinge«, sagte Pythagoras und glaubte, damit gefunden zu haben, wonach Einstein vergeblich suchte und Heerscharen von Naturwissenschaftlern heute immer noch forschen: eine Weltformel. Sie scheint schon längst errechnet zu sein: Es ist die ZEHN. Die Lehrbeauftragte für Kunst und Kunstdidaktik i. R. recherchiert aktuell über Leonardo da Vinci für ein Manuskript, das Dokumentation und Fiktion verbindet. toschuett@gmx.de

Im Tetraktys ist die Eins der Ursprung alles Seienden; die Zwei bildet die Polarität; die Drei wird vollkommen durch ihre Symmetrie; die Vier ist nicht nur wegen der vier Elemente bedeutsam, durch sie geht die Rechnung auf: 1+2+3+4 = 10: | i l l u s t r at i o n : a l e x a n d e r b e s i s w e s t n i k h


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Über 100 Jahre lang nannte man das ZehnPfennigstück Groschen. Auch wenn er im Ursprung wenig mit der Zehn zu tun hatte, so ist der Groschen heute doch als Begriffsrelikt zu einer kulturstolzen Feier des Dezimal-Währungssystems geworden: ein alltäglicher Zehner mit eigenem Namen. In verschiedenen Wertigkeiten, die je nach Land, Region, Währung und Prägewert zwischen 12 bis 18 Pfennig auf einen Groschen gaben, war er bis zur Einführung der Reichswährung von Mark und Pfennig 1871 fester Bestandteil des deutschsprachigen Münzwesens. Der »Dickpfennig« grossus denarius hatte sich nach von andrea hoffmann 1250 im Zuge sich verändernder Geldströme und gewandelten Geschäftsverhaltens im Handel (nach französischem Vorbild des grossus turonus, des dicken Denar von Tours) ausgeprägt und verbreitet. Eine Abweichung nach unten machte Niedersachsen, wo es ab 1503 einen Mariengroschen gab, der nur acht Pfennige galt. Preußen prägte ab 1821 den Silbergroschen, der 1/20 Taler beziehungsweise 12 Pfennige wert war. Dem preußischen Vorbild folgten auch andere deutsche Länder, so dass im 19. Jahrhundert der Groschen eine 12-Pfennig-Münze meinte. Sie war die erste der gebräuchlichen Münze mit eigentlichem Kaufwert. Mit einem Groschen in der Tasche konnte man in den Laden gehen, von Pfennigen, der ältesten und in die Zeit Karls des Großen zurückgehenden Münze, musste man mehrere mit sich führen. Auch in Skandinavien, Polen und Russland wurden Groschenmünzen ausgegeben. In Österreich war der Groschen bis zur Einführung des Euro 2001 die kleinste Münzeinheit, entsprechend dem deutschen Pfennig, und galt 1/100 Schilling. Doch auch nach seiner Abschaffung mit dem Münzgesetz von 1873, als Pfennig und Reichsmark (Goldmark) die Währung Ob nun »auf Heller und Pfennig« des neuen Deutschen Reichs waren, blieb die Bezeichabgerechnet wird, etwas »keine müde Mark« nung Groschen erhalten. Durch die Dezimalisierung des deutschen Geldwesens fiel die Bezeichnung wert ist oder bei jemandem »Groschen« auf das Zehn-Pfennig-Stück. – Geldmünzen und ihr Wert sind in vieler »Für zehn Pfennig Brause« betitelte Dieter E. Zimmer seine Erinnegeworden. Doch nur Hinsicht rungen: Das »Zehnerle«, eine einzige Münzgröße hat es geschafft, dauerhaft und über wie die zehn >

Der Groschen: Ein kleiner Zehner ganz groß

GR

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»der Groschen

fällt«

sprichwörtlich

die Zeiten hinweg ein

eigenes Wort zu erhalten: Der Groschen.


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Pfennigmünze in Süddeutschland liebevollverkleinernd genannt wurde, war die erste Münze, die etwas galt und für die man etwas kaufen konnte. Bekam man einen Groschen von Oma oder Tan»Das »Zehnerle« war die te zugesteckt, hielt man den Gegenwert von einem erste Münze, die etwas galt »Negerkuss« oder vier Eiskonfekttörtchen in der Hand und, was vielleicht noch schwerer wog, die Möglichkeit und für die man etwas zur Auswahl. Die kupfernen Geldmünzen darunter (das kleikaufen konnte. « ne Fünf-Pfennig-Stück zählte nicht wirklich) besaßen selbst für Kinder auch gefühlt kaum einen Wert und die kleinste Münze, der Pfennig, wurde schwerlich als reales Geld wahrgenommen sondern fast nur als »Glückspfennig«. So mag es kaum wundern, dass dem Groschen als dem ersten wertgeschätzten Geldstück auch ein eigener Name beibehalten blieb. Allgegenwärtig ist er, der Groschen, obwohl es ihn längst nicht mehr gibt. Vom Groschenheft (als Bezeichnung für einen »Schundroman«) über den »Notgroschen« bis zum Groschengrab (für eine Geld verschlingende, nicht lohnende Investition) bleibt er sprachlich erhalten und erfährt im übertragenen Sinne wertliche Aufblähung: Im Mai 2007 bezifferte der Chef des Bundesumweltamtes, Andreas Troge, gegenüber der Frankfurter Rundschau den »Umwelt-Groschen« mit einer Summe von 25 Euro monatlich pro Haushalt. Spätestens hier wird klar, dass Groschen nicht mehr für den Gegenwert von zehn Pfennig steht und auch nicht auf die zehn-Cent Münze übertragbar ist. Und Arno Schmidt, jenem Heidedichter der besonderen Art, genügte der – fehlende – Groschen gleich zur orthografisch frei gestalteten Beschreibung einer halben Nation: »Oh diese Deutsch’n: Die Halbe Nazion iss irre, (& die andre Hälfde nich ganz bei Groschn!): Ich mag sie nicht.« [Die Schule der Atheisten, S.195] Aus dem grossus denarius, dem mittelalterlichen Dickpfennig, dem guten alten Groschen, ist über den Umweg des Dezimalsystems auch nach Abschaffung all seiner Ursprungs- und Durchgangswährungen ein Geldsymbol geworden, das für kleine www.wortwerk-art.de Andrea Hoffmann verdient ihre Geldwerte jenseits des eigentlichen Groschen als Historikerin und Kulturwissenschaftlerin in ihrem Kreativ-Büro wort*werk im Amtshof Eicklingen. Historie oder AlltagsTauschwerts der Münze steht. geschichte, große und kleine Themen geraten hier ins richtige Wort und an Ein Zehnerle kann so viel den richtigen (Publikations-)Platz. Als Initiatorin des Celler Stammtisches für mehr sein. Selbständige und Freiberuflerinnen »Rock und Rubel« netzwerkt sie auch gerne

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jenseits von Heller und Pfennig. wortwerk-art@web.de

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Die Jagd nach den zehn Geboten Noch immer fehlt vom Versteck der Bundeslade jede Spur. Namhafte Wissenschaftler bleiben erfolglos .

von simone haserodt

JERUSALEM. Wer sich wie Indiana Jones auf die Suche nach der verschollenen Bundeslade und ihren darin enthaltenen Steintafeln begibt, braucht viel Phantasie und Ausdauer. Die älteste aller Reliquien, die laut der Bibel auf Anordnung von Moses als Zeichen des Paktes zwischen Gott und dem Volk Israel hergestellt worden sein und die zehn Gebote Gottes enthalten soll, gilt seit 600 vor Christus »Manche vermuten als unauffindbar.

W

die Bundeslade im Besitz des Vatikans.«

ie Joachim Förster von der Online-Redaktion von »Welt der Wunder« herausfand, soll sie bei einem Angriff der Babylonier auf Jerusalem zerstört worden sein. Historiker zweifeln zwar nicht daran, dass sie jemals existiert hat, doch die Suche nach ihr ist bisher nicht von Erfolg gekrönt. Nicht nur namhafte Archäologen, sondern auch einige Abenteurer und Glücksritter haben schon seit Jahrhunderten nach ihr geforscht und gegraben. Schließlich gilt die Lade als Wunderwaffe, die ihren Besitzer allmächtig machen soll. Legenden berichten, dass die berühmte Mauer von Jericho bei der Ankunft der Israeliten allein durch die Macht der Bundeslade gefallen sei. Doch egal, wo die selbst ernannten Vorgänger oder Nachfolger von Indiana Jones auch suchten, gefunden haben sie nichts. Dabei gibt es inzwischen die verschiedensten Theorien und Mythen über die Lade. »Manche vermuten sie im Besitz des Vatikans«, schreibt Förster. Andere wiederum suchen sie in Äthiopien. Nach dem zweiten Buch der Makkabäer soll der Prophet Jeremia die Lade in einer Höhle am Berg Nebo versteckt haben. Diesen Ort solle kein Mensch finden, bis Gott sein Volk wieder vereinen wird. Genau dort, nämlich am Berg Nebo, wollte der Amerikaner Antonio Frederick Futterer 1920 die Bundeslade gefunden haben. Er behauptete,

einen Geheimgang entdeckt zu haben. Am Ende des Ganges habe er eine Steintafel mit folgender Inschrift gesehen: »Hierin liegt die Goldene Bundeslade.« Damals eine sensationelle Geschichte. Schließlich schien der Traum der Menschheit – das Wort Gottes in zehn Steintafeln gemeißelt – zu entdecken, zum Greifen nahe. Doch die Geschichte entpuppte sich als Luftnummer. Als Futterer gebeten wurde, die Steintafel mit der Inschrift zu zeigen, konnte er sie plötzlich nicht mehr finden. Genau 61 Jahre später machte sich der Amerikaner Tom Crotser auf die Suche nach den zehn Geboten. Auch er vermutete die Lade am Berg Nebo. Wie Förster berichtet, soll er in der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober 1981 einen mehrere hundert Meter langen Gang entdeckt haben, an dessen Ende sich eine Krypta befand. In ihr lag tatsächlich eine Kaste, auf den die Beschreibung der viel gesuchten Lade zu passen schien. Wieder zerplatze der uralte Menschheitstraum wie eine Seifenblase: Crotsers Team führte keine weiteren Untersuchungen durch, sondern begnügte sich damit, einige Fotos zu schießen. Einer der wenigen Menschen, die diese >


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Bilder jemals zu sehen bekamen, war der Archäologe Siegfried H. Horn. Er hielt es für ausgeschlossen, dass es sich bei der Kaste auf den Fotos um die lang gesuchte Bundeslade handele. Sie entspräche nicht der Beschreibung aus der Bibel und sei maschinell hergestellt worden, behauptete er. Seither hat niemand mehr am Berg Nebo nach den zehn Steintafeln gesucht. Doch an anderen Orten geht die Jagd nach der Bundeslade bis in die heutige Zeit weiter. Die heißeste Spur auf der Suche nach ihr führt die Wissenschaftler und Abenteurer zum Tempelberg in Jerusalem. Dort soll der sagenumwobene König Salomon die Lade unter dem Tempel der Juden vor Feinden versteckt haben. Sowohl der Talmud, als auch die syrische Baruchapokalypse berichten von einer Verwahrung der Lade im Boden um den Tempel herum. Diese Legenden locken natürlich viele Forscher zum Tempelberg. Nur zu gern würden sie dort jeden Stein umdrehen und jeden einzelnen Zoll des Bodens untersuchen. Doch die religiösen Führer der Juden und Moslems lehnen genau das strikt ab. Grabungen würden die heilige Stätte entweihen, heißt es in der Begründung für das Verbot. Laut Förster gehen Experten jedoch tatsächlich davon aus, dass sich Geheimgänge unter dem Tempelberg befinden, die bereits 700 Jahre vor Christi Geburt angelegt worden sein könnten und als Versteck für Heiligtümer gedient haben sollen. Für diese Theorie sprechen auch die Kreuzzugschroniken von Albert von Aachen aus dem Jahr 1101. Auch er war damals da-

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von überzeugt, dass sich die Lade im Tempelberg befindet. Schon die Tempelritter sollen, so sagen es jedenfalls die Aufzeichnungen Alberts von Aachen, dort nach einem unterirdischen Versteck gesucht haben. Gerüchten zufolge seien sie sogar fündig geworden. 1118 sollen Templer die Bundeslade entdeckt und dem Vatikan zum Geschenk gemacht haben. Doch der Vatikan schweigt zu diesen Theorien. Was wirklich mit der Bundeslade mit den zehn Geboten geschehen ist, und wo sie versteckt sein könnte, wird wohl ein Rätsel der Menschheit bleiben. Von deren Lösung träumt bis heute nicht nur Indiana Jones. Ein peitschenschwingender Abenteurer: so dachten sich George Lucas und Steven Spielberg den Archäologen Dr. Henry Jones Jr. »Indiana Jones« aus. In der ersten Folge der Kultfilmreihe – Jäger des verlorenen Schatzes (1981) – ist Indiana Jones auf der Suche nach der Bundeslade. i l l u s t r at i o n : p r i s k a t o s c h

Die Autorin ist freie Journalistin und beschäftigt sich in ihrer Freizeit gern mit historischen Themen. Simone Haserodt hat Betriebswirtschaftslehre studiert und arbeitet heute freiberuflich unter anderem für dpa, die Neue Presse und die Cellesche Zeitung. shaserodt@ yahoo.de


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Zehn Minuten zu spät Trotz der Möglichkeit, dass die Passanten in

Hannovers Innenstadt zehn Minuten zu spät zu ihrem jeweiligen Ziel kommen könnten, fragten wir: Sind Sie schon mal zehn Minuten zu spät gekommen?

Was ist dann passiert? um frage : b r i t ta sch m i d t | fo t os : p r i sk a t osch 1 > BIRGIT STAMM _ 40 |

Im Urlaub mussten wir mal eine Straßenbahn nehmen, die fuhr nur alle Stunde. Ich musste vorher noch mal zum Klo. Da haben wir die Bahn verpasst und die ganze Familie musste wegen mir eine Stunde warten.

2 > ANNEMARIE MÜLLER _ 66 |

3 > SONNY EVREN _ 27 |

4 > CHRISTIAN REYHN _ 36 |

Ich bin ein pünktlicher Mensch. Mein Mann aber nicht. Wenn der sagt, er kommt um 16 Uhr, ist er garantiert erst um 17 Uhr da. Damit habe ich ein Problem – und er auch, weil ich dann ganz schön stinkig werde.

Ich hab’ mal einen Flug in Hongkong verpasst, weil ich vergessen habe, die Uhr umzustellen. Dann bin ich einen Tag länger geblieben, habe endlich ausgeschlafen und dem Hotelier gesagt, er solle mich wecken.

Ich handle mir deswegen regelmäßig Ärger mit meiner Frau ein. Meine Freunde kennen mich schon. Wenn zu mir jemand zu spät kommt, ist das kein Thema. Wieso sollte ich mit jemandem strenger sein, als mit mir?


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5 > FOLKER KONRAD _ 69 |

Meine Frau hat mal am Duty Free im Flughafen zu lange rumgebummelt, da war der Flieger weg. Sie hat dann die ganze Nacht am Flughafen gesessen, hat nette Engländer kennen gelernt und ihr Englisch aufgefrischt.

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6 > N I N A M I LO S AV L J E V I C _ 19 & P A B L O M A T T H E S – 1 9 | »Ich

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7 > OLGA TONKHA _ 35 |

komme ständig 10 Minuten zu spät!« »Als wir zusammen gekommen sind, bist Du auch zu spät gekommen. Aber ich bin auch zu spät gekommen! Von daher war es dann auch ok.

Ich rufe die Sekretärin an und bitte sie, Bescheid zu sagen, dass ich im Stau stehe. Sonst komme ich nur beim Zahnarzt zu spät – das mache ich aber extra, da wartet man sowieso eine Stunde.

8 > PETRA JAHNKE _ 39 |

9 > MICHAEL BACIOI _ 17 |

10 > B A R B A R A K H AT TA B _ 51 |

Mir ist noch nichts passiert, aber meine Eltern können Storys erzählen: Sie wollten meinen Bruder auf Borkum abholen. Sie sind schon zu spät losgefahren und verpassen dann noch die Abfahrt – und landen in Holland.

Als wir mit der Klasse mal ins Theater gingen, bin ich nicht mehr rein gekommen. Dann musste ich wieder nach Hause fahren. Hinterher gab es auch noch ein bisschen Ärger.

Minuten? Bei meiner Arbeit verändern manchmal schon Sekunden ganze Forschungsergebnisse. Wenn man als Biologin eine Zeitkinetik macht, ist die Genauigkeit ganz immens wichtig.


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»Zeit ist wie ein Gummiball« Zehn Fragen an eine Zehnjährige. Über Schneewittchen, über Erinnerung und über die Zeit: Laura

Thöling überrascht

mit konkreten Vorstellungen. Was war das Beste an Deinem letzten Geburtstag – außer, dass du 10 Jahre alt wurdest? Eigentlich war der eher normal. – Nein, meine Freundin aus meiner neuen Klasse war das erste mal da! Außerdem habe ich ein ganz schönes Jackett gekriegt. Und Bücher. Und von meiner Mutter einen Einkaufstag in Hannover. Das war schön. Was ist deiner Meinung nach gerade das Spannendste, was ihr in der Schule macht? Wir hatten Projektwoche zum Thema Europa und haben eine CD und eine Schülerzeitung gemacht. Ich hatte das Thema Spanien. Außerdem bin ich in der Theater-AG. Wir hatten gerade Aufführung von: Wie werden wir Schneewittchen wieder los? Ich hatte die Hauptrolle. Den Text habe ich gar nicht auswendig gelernt, ich konnte den einfach. Hast Du Vorbilder? Ja. Eine Sängerin. Pink. Die singt so ehrliche Lieder. Zum Beispiel, … ich weiß nicht, wie das heißt… Dear Mister President… Sie macht einfach so tolle Musik. Und eine Schauspielerin, die heißt…, die hat Schneewittchen gespielt. Cosma Shiva Hagen. Jemand schenkt dir ein 10-bändiges Lexikon – welche Wörter würdest Du als erstes nachschlagen? Als erstes »Star«, über Sänger und so. Danach etwas zu Geschichte, wann war welcher Bürgerkrieg. Dann »Wissenschaft«, »Landwirtschaft«. Und »Ritter« und natürlich »Mittelalter«. Wie stellst du dir vor, war es vor zehn Jahren? Das kann ich schwer sagen. Mama hat Bilder gemalt vor meiner Geburt. Es war doof. Mama hatte keinen,

mit dem sie mal eine Auszeit nehmen konnte. Allgemein war es eben anders. Es gab auf der Welt vielleicht zehn Millionen Häuser weniger als jetzt. Und es gab mehr Kriege. Wie weit zurück kannst du dich erinnern? Meine erste Erinnerung – da war ich drei oder vier Jahre alt, da habe ich mich das erste Mal von Spaghetti übergeben. Was würdest du gerne in zehn Jahren machen? Ich möchte studieren. Theater, Schauspiel. Wie stellt du dir die Welt in zehn Jahren vor? Viele Auto-Modelle von heute werden günstiger sein, weil sie dann schon alt sind. Dann könnten wir uns die auch leisten. Es wird die Playstation sieben geben und in jedem Auto eingebauten MP3-Player. Es wird viel, viel, viel mehr Leute geben, mehr Häuser, alles wird voll bebaut sein, Bäume werden abgesägt sein, Felder wird es kaum noch geben. Wir werden uns kaum noch selbst ernähren können, weil wir alles zugebaut haben werden. In welcher Zeit würdest du am liebsten leben? 2080. Da gibt es mehr neumodische Sachen. Mich würde interessieren, was es da so gibt, fliegende Autos oder so etwas. Was bedeutet für dich Zeit? Viel Lebensraum. Und etwas, das sich bewegt, was sich dehnt, wie ein Gummiball, der erst ganz klein ist und dann immer größer wird. i n t e r v i e w, f o t o : p r i s k a t o s c h


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unterwegs

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> Längs des zehnten Längengrads Ich mag keine Rückblicke. hamburg 10°00'00» | unlesbar »Gute Typografie ist unabhängig von der Schrift und der Sprache«, sagte die Senior-Designerin von Mario Garcia Media Hamburg, als ich beim Layouten einer ungarischen Zeitschrift mitarbeiten sollte. Dennoch fühlte ich mich beim Seiten-Setzen wie ein Blinder beim Malen.

Schon gar nicht, wenn ich sie über mich selbst schreiben soll. Aber zehn

Jahre

als Selbständige sind einfach nicht zu übersehen. Meist bewege ich mich zwischen Hamburg und Hildesheim, immer östlich und westlich des zehnten

Längen-

grads. Dass Hamburg gerade auf diesem Meridian liegt, ist natürlich Zufall – wurde doch 1884 einfach Greenwich als Null-Meridian festgelegt. Kein Zufall ist jedoch die Auswahl der

zehn Aussagen – in

hannover 9°44'25» | geschubst »Schreib doch einfach ’ne Rechnung«, sagte die Chefredakteurin des Schädelspalters (Hannovers Stadtmagazin) vor zehn Jahren zu mir. Das war der Startschuss für das eigenverantwortliche Arbeiten … Freiheit, mit allen Vor- und Nachteilen – inzwischen schon lange aus Überzeugung.

Seelze-Lohnde

Hannover

hannover 9°44'25» | begeisternd »Du, Priska, ich hab da ein neues Projekt…«, sagte Britta Schmidt, connexconsult, häufig in den vergangenen Jahren unseres beruflichen Austausches. Und es war tatsächlich immer etwas Neues: Veranstaltungen, Präsentationen, Konzept-Ansätze, Projektentwürfe, schnelle Visualisierungen…

Sehnde-Höv

irgendeiner Form beeinflus-

Laatzen

sten sie meine Arbeit. Diese funktioniert bestimmt auf jedem Längengrad, doch vielleicht am besten auf dem zehnten.

von priska tosch

hannover 9°44'25» | alles in 3-d »Können Sie mit Grafikprogrammen auf dem Mac umgehen?« so lapidar die Frage eines Mitglieds der Geschäftsleitung von M.E.P. GmbH Stuttgart. Fortan produzierten Mac und ich eine Flut von Designelementen für den Themenpark der expo 2000. Beschriftungen, Leitsysteme, Infografiken…

hannover 9°47'26» | ausgelöst »Da müssen Sie noch etwas abwedeln«, sagte der Fotografie-Dozent zu einem Bild meiner Serie über Hannovers Wasserstraßen. Ich entschied mich: Ab da entwickelte ich lieber zeitraubenden Ehrgeiz für die Aufnahmequalität – und eine latente Leidenschaft für das Netz der Gewässer.


unterwegs

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10° O celle 10°04'57» | aufgespürt »Es werden immer häufiger Täter nur mit Indizien überführt«, sagte ein Kriminaltechniker der PI Celle. Verurteilt ohne Zeugen und ohne Geständnis? Da muss man sich der Aussagekraft der Spuren sehr sicher sein. Ein spannendes Gebiet. Ab da ein Themenbereich meiner journalistischen Arbeit.

Celle

Nienhagen

burgdorf 10°00'33» | kaffeegetränkt »Diese Kneipe müsste eigentlich mit ins Impressum«, sagte der Journalist Sievert Herms, hmsmedien. Sie ist der Ort unserer vielen inspirierenden Treffen: Redaktionssitzung , Projektplanung, Informationsaustausch, KonzeptBesprechung oder …

Burgdorf

Lehrte

ver

lehrte 9°58'46» | vielseitig »Frau Tosch, Sie haben da doch bestimmt eine Idee«, fing Peter Schubach häufig seine Telefonate an. Die Arbeit für seinen Handel ging weit über das übliche Maß der FirmenKommunikation hinaus . Immer offen für alles – und immer humorvoll. Was vorstellbar ist, lässt sich auch umsetzen.

hannover 9°44'25» | präzise »Ich brauche genaue Maße, ich bin Ingenieur« sagte Harald Lohrenscheit, bei der expo 2000 Hannover GmbH kennen und über verschiedene Projekte schätzen gelernt. Seine Motivation zur genauen Anwendung komplexer CorporateDesign-Konzepte inspiriert zu ungewöhnlichen Lösungen.

hildesheim 9 ° 57 ' 10 » | widerspenstig »Das erste Ziel ist die Innovation«, meinte ein Professor der Fachhochschule Hildesheim, Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst. Capito-vation? Für mich war und ist das vorrangige Ziel aber das Verstehen: damit eine Information überhaupt bei der Zielgruppe ankommt.

Hildesheim

Braunschweig


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Auf und zu Zehn Ansichten in deutsche Kleing채rten. Hier am Lindener Berg in Hannover. Der Fotograf Lucas Kreuzer f체hrt

eine eigene Lebenswelt, obwohl er immer an der Pforte

in

stehenbleibt, und gibt Ein-

und Ausblicke.

Anfang

Grenze

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Ferne

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Halt


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Ă–ffnung

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Zuflucht

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Rahmen

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Weg


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Einsam

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Mittendrin

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Innen

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AuĂ&#x;en


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Versteck

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Freiheit

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R체ckzug

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St채rkung


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Hier

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Jetzt

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Öffnung

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Herein

www.lucaskreuzer.de. Lucas Kreuzer hat während des Studiums der Fotografie bei Heinrich Riebesehl den Blick für außergewöhnliche Motive in den alltäglichen Umfeldern geschult. Er lässt in seinen Fotografien Ideen sichtbar werden, die sich aus der (vorgefundenen) Zusammenstellung oder Beleuchtung der Dinge ergeben. Nicht arrangiert, sondern gefunden sind die Motive, die Objekte als Komposition erscheinen lassen – und somit über ihre eigentliche Erscheinungsform hinausdeuten. luckreu@gmx.de


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die 10 beliebtesten ausbildungsberufe … für Mädchen: 1. Bürokauffrau 2. Arzthelferin 3. Kauffrau im Einzelhandel 4. Zahnmedizinische Fachangestellte 5. Friseurin 6. Industriekauffrau 7. Fachverkäuferin im Nahrungsmittelhandwerk 8. Kauffrau für Bürokommunikation 9. Hotelfachfrau 10. Bankkauffrau

»Die meisten Länder kennen eine Berufsausbildung wie das deutsche duale System nicht.« … für Jungs: 1. Kfz-Mechatroniker 2. Industriemechaniker 3. Kaufmann im Einzelhandel 4. Koch 5. Anlagenmechaniker Sanitär-Heizung-Klima 6. Elektroniker Energie- und Gebäudetechnik 7. Tischler 8. Maler und Lackierer 9. Kaufmann im Groß- und Außenhandel 10. Metallbauer (Quelle: www.jumpforward.de, »die aktuelle Ausbildungsbörse»)

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wirtschaft

Handwerks Zukunft zehnte Arbeitsplatz im Handwerk ist eine Lehrstelle. Das duale Ausbildungs system ist aus Tradition gut. Und doch Jeder

muss es sich zwischen PISA-Schelte und Studium

neu orientieren.

»O

hne Handwerk geht es nicht« – Realität oder Werbeslogan? Immerhin hat sich dieser Spruch zum geflügelten Wort gemausert. Und über das, was dran ist, kann ohnehin erst urteilen, wer Fakten zur Bewertung heran gezogen hat. Zum Beispiel die Ausbildungsleistung: Jeder zehnte Arbeitsplatz im Handwerk ist eine Lehrstelle. Mit dieser Ausbildungsquote steht der Wirtschaftsbereich Handwerk ganz vorn in der Statistik. Industrie, Handel, freie Berufe, Touristik – sie alle können mit ihren Ausbildungszahlen dem Handwerk nicht das Wasser reichen. Noch mehr bedeutet die hohe Ausbildungsquote für den Nachwuchs. Denn seine Qualifizierung ist es, die – Stichwort »PISA« – zu den großen politischen Herausforderungen zählt. Die internationalen Analysen von OECD oder Weltbank geben regelmäßig der Bundesrepublik schlechte Zensuren, weil die akademische Bildung in Deutschland internationalen Vergleichen nicht Stand halte. Wie so oft, hinkt auch dieser Vergleich. Bildung, auch die berufliche, wird in den meisten Industriestaaten in Schulen und Hochschulen theoretisch gelehrt,

von sievert herms

praktisch unterfüttert allenfalls mit Praktika. Die meisten Länder kennen eine Berufsausbildung wie das deutsche duale System nicht. (Berufs-)Schule und betriebliche Ausbildung eng miteinander verzahnt, das Weiterlernen nebenher zum normalen Berufsalltag, Qualifizierungen zum Techniker oder Meister in Abendkursen: So sieht bei uns ein beruflicher Werdegang aus, der wegen seiner hohen Praxiserfahrung die Qualität eines Hochschuldiploms im Ausland locker erreicht. Nicht von ungefähr haben Handwerker aus Deutschland oder Österreich, wo ebenfalls dual ausgebildet wird, keine Probleme, ihre Berufsabschlüsse international anerkannt zu erhalten. Und nicht von ungefähr sind in den meisten Bundesländern an allen Universitäten und Fachhochschulen Meister uneingeschränkt zum Studium zugelassen. Die duale berufliche Bildung ist endlich weitgehend der schulischen gleichgestellt. Die wirtschaftliche Talfahrt der vergangenen Jahre hat, verbunden mit dem demografischen »Schülerberg«, die Lage auf dem Ausbildungsmarkt nicht vereinfacht. Viele Betriebe mussten sich im Konjunkturabschwung verkleinern oder ganz >


wirtschaft

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aufgeben. Ihr Verschwinden vom Markt trug nicht nur zu immer neuen Arbeitslosenrekordzahlen bei, es bedeutete auch einen signifikanten Rückgang an Lehrstellen und eine steigende Zahl von jungen Menschen, deren Schulzeit nicht in eine duale Berufsausbildung mündete. Sie hingen plötzlich beruflich regelrecht in der Luft. Die »Ehrenrunden», die sie als Schüler noch mit Ach und Krach vermeiden konnten, mussten sie jetzt in Überbrückungsmaßnahmen an ihre Schulzeit dranhängen. Die Schuldigen an der Situation waren schnell benannt. Die »Wirtschaft« lasse die Jugendlichen im Stich. Zur Abhilfe gab es je nach politischem Lager differierende Vorschläge. Die Forderung etwa nach schulischer Ausbildung, die auch konservative Politiker stellten, oder der Ruf nach der Ausbildungsabgabe, die das politisch eher linke Lager den nicht ausbildenden Betrieben zur Strafe abknöpfen wollte und die den ausbildenden Firmen als Unterstützung von zusätzlichen Ausbildungsanstrengungen zugeschustert werden sollte. Beide Forderungen gehen an der Realität vorbei. Denn weder kann der Handwerkernachwuchs umfassend in der Schule ausgebildet werden, noch würden Unternehmen mehr Azubis aufnehmen, um der Abgabe zu entgehen. Denn Ausbildung kostet eine Menge Geld. Die Abgabe wäre, davon gehen die kritischen BeobKfz-Mechatroniker achter der Berliner politischen Bühne aus, bis gehören zu den zehn zur Inkraftsetzung von den Lobbyisten so weit beliebstesten Ausbildungsberufen gedrückt worden, dass viele Firmen sich mit der Abgabe günstiger gestanden hätten. Vom Freikauf des schlechten Gewissens ganz zu schweigen. Die gleichen Abläufe erleben wir ja schon seit Jahren bei der Beschäftigung von Behinderten. Einstellen ist teurer als Abgabe zahlen... Die rein schulische Ausbildung würde nicht nur die Statistik verfälschen, wie bisher schon die OECDund Arbeitsmarktberichte ausweisen. Zusätzlich täte man vielen jungen Menschen keinen Gefallen, sehen sie doch das Ende der Schulzeit als Schlussstrich unter das Thema Büffeln. Für sie besitzt eine praktische betriebliche Ausbildung den weitaus größeren Charme. Denn damit wähnen sie (zumindest fürs Erste) die Schulzeit passee, sieht man von dem einen Tag Berufsschule einmal ab. Und zweitens geht’s endlich ans Geld verdienen. Die Wirtschaft sieht – inzwischen – die Ausbildung im Betrieb ebenfalls als Vorteil. In Zeiten genügenden Nachwuchses konnte man die fürs eigene Unternehmen benötigten Mitarbeiter locker woanders abwerben. Inzwischen sind die Anforderungen an die Mitarbeiter in vielen Branchen so hoch, dass geeignete Fachkräfte nur noch schwer am freien Markt zu finden sind. Da kostet schon die Einwerbung (mit Stellenanzeigen, >


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Assessment-Centern und Bewerbungsgesprächen) teures Geld. Teuer ist auch die Einarbeitung in die eigenen Betriebsabläufe, und wenn das neue Arbeitsverhältnis in der Probezeit platzt – gute Fachkräfte sind für Abwerbung ja nie tabu –, geht der ganze Spaß von vorne los; mit allen Kosten. Wer hingegen selbst ausbildet, bindet die Azubis von Anfang an den Betrieb. Die soziale Verflechtung mit Kollegialität, Freundschaften, der ersten Wohnung in der Nähe des Arbeitsplatzes usw. erhöht die Bindung an das Unternehmen, die Aussicht auf Übernahme nach Abschluss der Lehre bewirkt ein Übriges. Und die Kosten der Ausbildung amortisieren sich in absehbarer Zeit nach Übernahme in ein reguläres Arbeitsverhältnis; allein schon, weil eine Einarbeitung in die Gepflogenheiten des Unternehmens nicht nötig ist.

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So sehr sich das Handwerk mit sei- sche Berufe inzwischen deutlich aufner zehnprozentigen Ausbildungs- geholt. Nicht nur das: Neuere Umquote in Schale werfen kann, allein fragen der Handwerksverbände zeigten, dass Schüler die statistische Pomaximal zehn leposition und der Handwerksberufe Titel als »Ausbil- »Neuere Umfragen der der Nation« zeigten, dass Schüler benennen können und Jugendwären mit dem Ermaximal zehn liche ein sehr difhalt des Status fuses Bild vom Quo (zu) teuer er- Handwerksberufe Handwerk haben. kauft. Das HandBerufe wie Hörwerk selbst muss benennen können.« ge räte akustiker, große Anstrengungen unternehmen, seine Vielfalt von Orthopädiemechaniker oder Schilder- und Lichtreklamehersteller Berufen und Branchen zu erhalten. Deren Zukunft hängt nicht allein sind offenbar als Handwerks- und von der Bereitschaft der jungen Ausbildungsberufe vollkommen Menschen ab, sich in Handwerks- unbekannt, und selbst frühere berufen ausbilden zu lassen. Waren »Klassiker« wie Maurer, Karosserievor zwei Generationen in den Top bauer oder Dachdecker sind unter Ten der beliebtesten Ausbildungs- den am meisten genannten Berufsberufe abgesehen vom Industrie- wünschen nicht mehr vorhanden kaufmann und der Arzthelferin na- (siehe S. 38: »Die zehn beliebtesten hezu ausschließlich Handwerks- Ausbildungsberufe für Jungs und für berufe zu finden, haben kaufmänni- Mädchen«). >


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Bürokauffrauen gehören zu den zehn beliebstesten Ausbildungsberufen

i l l u s t r at i o n : p r i s k a t o s c h

Ein zunehmendes Problem erwächst dem Handwerk, immerhin der bundesweit zweitgrößte Wirtschaftsbereich, aus der von Rot-Grün 2004 für die Mehrzahl der Berufe durchgesetzten Abschaffung des »Meisterzwangs«. In diesen jetzt so genannten »zulassungsfreien« Berufen steigt die Zahl der Firmen rapide, die von Inhabern ohne handwerkliche Vorkenntnisse, geschweige denn Ausbildungserfahrung geführt werden. Solange der Meisterbrief Voraussetzung für die Leitung eines Handwerksunternehmens war, wurde mit dem Begriff »Handwerk« nicht nur eine gewisse Vorstellung von Qualität verbunden. Jeder Meister konnte (und kann weiterhin) ausbilden, weil die Ausbildereignung Bestandteil der Meisterprüfung ist. Im Umkehrschluss steht nun zu befürchten: Kein Meister, kein Ausbilder. Dies fortgedacht, lässt die Schlussfolgerung zu, dass die über

Jahrzehnte eingeschliffene duale Ausbildung mit den Lernorten Betrieb und Schule, in denen der Lehrling sowohl die Berufspraxis erlebt und erlernt als auch das theoretische Rüstzeug erfährt, in wenigen Jahren passee sei. Noch wehrt sich das Handwerk mit Vehemenz gegen diese Entwicklung, noch stehen ihm im politischen Umfeld Fürsprecher zur Seite. Der niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann (CDU) hat erst jüngst »für die Landesregierung« das Versprechen abgegeben, an der dualen Ausbildung nicht zu rütteln. Ein Versprechen auf Zeit: Die nächsten Landtagswahlen indes stehen schon Anfang 2008 an. Bleibt die Hoffnung, dass das duale Bildungssystem sozusagen von außen gestützt wird. Im Ausland findet es zunehmend bei Wirtschaftsvertretern und Pädagogen Lob und Anerkennung, und Hochschulen in

Deutschland locken Studenten in ihre neuen Bachelor-Studiengänge, indem sie die duale Verzahlung mit starken berufspraktischen Elementen anbieten, die weit über die laxe Praxis bisheriger Betriebspraktika hinaus gehen. Das Handwerk könnte dies unterstützen, indem es diese dualen Studiengänge zumindest in wichtigen Teilen für die Meisterprüfung anerkennt. In einem ersten Pilotprojekt für Bauingenieur-Studenten war das in Buxtehude schon erfolgreich. Der Ort dieses Projekts mag als gutes Ohmen gelten: Dass hier der pfiffige Igel dem Hasen den Schneid abkaufte und ihm fröhlich entgegen rief: »Ick bün all dor!«, ist ja längst Legende. www.hmsmedien.de. Der Wirtschaftsjournalist mit Themenschwerpunkt Handwerk betreibt in Sende (Region Hannover) das freie Journalisten- und Redaktionsbüro hmsmedien. info@hmsmedien.de


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Zehn Jahre = fünf Generationen IT-Bereich hat sich seit seinem Bestehen dramatisch entwickelt. Kaum etwas ist so veraltet wie die Software

Der

vom letzten Jahr oder der Arbeitsspeicher des Vorgängers. Bis heute verdoppeln sich etwa alle zwei Jahre die Leistung und Taktfrequenz der Rechner. Ansonsten waren die

letzten

10 Jahre vergleichsweise langweilig.

W »Bei dem DVDNachfolgeformat – egal ob es Blue-Ray oder HD-DVD sein wird – wird sich der Zeitraum vom alten zum neuen Format weiter verkürzen«

1987 > Der Amiga 2000 wurde bei Commodore Deutschland entwickelt.

ie schnell hat sich doch in den vergangenen Jahrzehnten der Computer verändert. Von der intelligenten Schreibmaschine mit Spielefaktor hin zum Allroundwerkzeug für Grafiker, Entwickler, Ingenieure, Redakteure, Handwerker, ... kurz jeder Mann und Frau. Doch was hat sich in den letzten Jahren wirklich getan, bis auf die Tatsache dass »dank« Computer immer mehr bisher auf verschiedene Berufsgruppen verteilte Aufgaben nun oftmals aus einer Hand kommen? Natürlich gab es in den letzten Jahren immer schnellere und immer leistungsfähigere Rechner. Taktfrequenzen und Speichergrößen steigen an und verdoppeln sich gewöhnlich im 2-Jahres-Takt, wobei der Preis für das Equipment in der Regel bei doppelter Leistung stabil bleibt. Schneller arbeiten oder gar Freiräume durch die bessere Rechnerleistung waren jedoch noch nie das Ergebnis dieser anscheinend endlosen Rüstungsspirale im Wettlauf um Kunden und Kaufargumente. Betrachtet man die Lebensdauer von Sockeln, Speicher Standards, Bussystemen so hat sich die Ent-

von ulrich schmitz

wicklung im Hardware-Wechsel sogar beschleunigt. Die Multimedia Branche ist dabei gar nicht erfreut über die abgekoppelte Entwicklung der PC Branche. Beispielsweise dauerte es bei der CD 18 Jahre bis die Preise für einen Brenner unterhalb von 200 Euro rutschten, so dass diese zum Massenprodukt wurden. Bei der DVD ist dieser Zeitraum auf sieben Jahre gesunken. So versucht heute die Musik und Filmindustrie durch Schaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen, ähnlich wie es beim Automobilbau schon lange Praxis ist, Umsätze anzukurbeln und flügellahmen Technologien zu Höhenflügen zu verhelfen. Es ist zu erwarten, dass bei dem DVD Nachfolgeformat, egal ob es Blue-Ray oder HD-DVD sein wird, sich der Zeitraum vom alten (DVD) zum neuen Format weiter verkürzen wird, und entsprechend die Kassen der Hardund Software-Anbieter füllen wird. Doch hat sich wirklich etwas in den letzten Jahren grundlegend geändert? Etwa seit dem Jahre 2000 hat sich der Wettlauf zwischen Hardware und Software stabilisiert. Vorher gab es neue Betriebssysteme die auf alter Hardware nur langsam >


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1997 > Der IBM Computer Deep Blue besiegte der Schachweltmeister Garry Kasparov.

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2007 > Der iMac von Apple arbeitet mit dem Intel-CoreProzessor »Yonah». | i l l u s t r at i o n e n : p e t e r e n s www.peter-ens.de. Der DiplomDesigner und freie Illustrator aus Hannover ist auf der Suche nach … nun, das weiß er noch nicht. info@peter-ens.de

liefen oder sprunghafte Entwicklung in der Hardware wie beispielsweise die Ablösung von ISA durch PCI oder der USB Bus. Seitdem hat sich wenig getan. Ein PC aus dem Jahr 2000 läuft auch 2007 noch gut unter Windows XP. Nicht einmal der Speicherhunger von Windows ist angestiegen. Auch Windows selber hat sich nur evolutionär weiter entwickelt. Windows XP mag sehr bunt und poppig daher kommen. Im Kern ist es aber ein Windows 2000 mit besserer DirectX Unterstützung. Und beim Nachfolgesystem Vista lassen sich die Vorteile für den Anwender an den Fingern einer Hand abzählen – mit etwas gutem Willen. Zwar gibt es seit einigen Jahren 64 Bit Prozessoren die auf der IA32 Architektur aufbauen, und auch ein Windows 64 Bit. Doch für die meisten Benutzer ist es nicht interessant. Es gibt keine Anwendungen dafür und selbst mit 64 Bit Anwendungen wird der PC nicht viel schneller. Lediglich mehr Speicher kann er adressieren. Doch bis die 4 GB, welche die Grenze für 32 Bit Prozessoren darzustellen auch bezahlbar sind dürften noch ein paar Jahre vergehen. DIE LETZTEN ZEHN JAHRE WAREN VERG L E I C H S W E I S E L A N G W E I L I G , sowohl in der

Software- als auch in der Hardware Entwicklung. Auch ist ein PC immer länger in Betrieb. Von 2000 bis 2005 stieg die mittlere Lebensdauer eines PC von 35 auf 42 Monate. Es gibt sogar gute Gründe in manchen Belangen nicht aufzurüsten. Alte DVD

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und CD ROM Laufwerke kommen mit neueren Kopierschutzmechanismen besser zurecht als neue. Die neue Windows Version wird noch sicherer werden – für die Anbieter von Software. Anwendersicherheit steht hinter kommerziellen Interessen wie Lizenzsicherheit zurück, und so wundert es nicht, dass viele Betriebe Windows XP nach wie vor dem neueren Vista vorziehen. Wofür braucht man heute einen neuen PC, wenn nicht der alte gerade kaputt gegangen ist? Natürlich gibt es immer rechenintensive Anwendungen, die einen neuen PC notwendig machen. Spiele werden auf Jahre hinaus noch mehr Leistung fressen und auch Videoschnitt profitiert davon. Doch das, was die meisten ihrem PC abverlangen ist nach wie vor Schreiben, Drucken und Surfen. Das geht sogar mit einem Pentium 1 unter Windows 2000 einwandfrei. Die Computerspieleindustrie als ehemaliger Motor des PC-Verkaufs hat sich zunehmend auf preiswerte Spielekonsolen mit höherem Spaßfaktor konzentriert. Der PC ist nicht mehr die Spielemaschine Nr. 1, und dafür gibt es auch ganz pragmatische Gründe. Der alte PC am Arbeitsplatz birgt nicht die Gefahr, vom minderjährigen Nachwuchs zu etwas anderem als zur Schularbeit missbraucht zu werden. Gespielt wird mit der Spielekonsole, und das lässt sich auch viel leichter kontrollieren selbst von technisch unversierten Elternpaaren. Trends ändern sich, und mit neuen Trends kommen neue Märkte. Nichts besteht ewig, und das ist auch gut so. Szenarien sind dynamisch, auch wenn in manchem Akt die Zeit stillzustehen scheint. Die Natur liebt Veränderung, und so ist es sicher, dass die nächsten zehn Jahre auch unweigerlich die besten zehn Jahre voller Veränderungen werden, und das nicht nur im IT-Bereich. www.it-text.de. Ulrich Schmitz ist Softwareentwickler und freier IT-Fachjournalist. Er betreut Verlage und Agenturen im Raum Hannover, Hamburg und München und ist Chefredakteur der Zeitschrift IT Security und verantworlich für verschiedene Print- und Online-Publikationen im IT-Bereich. Durch die Ausbildung zum Heilpraktiker kommen zu techniklastigen Themen auch andere medienrelevante Inhalte aus dem Wellness- und Gesundheitsbereich hinzu. Jüngstes Projekt ist der wöchentlich erscheinende Newsletter für die Amara Heilpraktiker-Schulen. schmitz@ittext.de


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System oder Systematik? Kann das Dezimalsystem

politisch sein? Ansätze zur ideologischen

Betrachtung unseres

»Der Mensch ist immer darauf aus, die Welt auch mathematisch zu begreifen.«

Das Montessori-Material aus Glasperlen lässt Schüler das Dezimalsystem im direkten Wortsinn begreifen.

Zahlensystems.

von hans elsner

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system mit einer Idee, lehnen es deshalb ab und wollen es mit einer anderen Idee von System ersetzen. Sie wollen sich an einer Idee orientieren, nicht an einer Sache. Für sie war das Dezimalsystem negativ belastet. Sie wollten ein anderes. Vielleicht das Sechsersystem? oder das Fünfersystem? Jedes Zahlensystem folgt einer mathematischen Ordnung. Das Dezimalsystem hat eine Besonderheit. Es kennt als einziges Zahlensystem die »Zehn«, alle anderen System kennen statt dessen die »Eins« und die »Null«. Dort heißt die Zahl 10 »eins und null«. Grundsätzlich ist es gleich, bei welchem Zahlensystem wir die mathematische Struktur darstellen. Aber eine Ideologie hat dabei nichts zu suchen. Sie hindert die Mathematik an ihrer Bestimmung, eindeutig und objektiv zu sein. Als die Russlandfahrer mit ihrer Idee nicht durchkamen, verließen sie den Kurs.

s war 1985. Sie kamen eben aus Moskau zurück. Jung, neugierig, überhaupt nicht müde, den Kopf voll mit neuen Ideen. Jetzt sind sie Studenten in meinem Montessori-Kurs. Schon eine Stunde hören sie mir zu, wie ich die Struktur des Dezimalsystems darstelle. Jeder in der Runde kann bis Zehn zählen. Trotzdem benutze ich das MontessoriMaterial aus Glasperlen. Es ist klar, bestimmt, eindeutig in der Darstellung und auffordernd, um damit selber zu arbeiten. Jeder Teilnehmer aus der Runde weiß, dass es darauf ankommt, die mathematische Struktur, die mathematische Ordnung unserer Zahlenwelt einsichtig zu machen. Der Mensch ist schließlich, so lange er auf der Erde lebt, immer darauf aus, die Welt auch mathematisch zu erobern und zu begreifen. Endlich gibt es ein mathematisches Material, das auch für Kinder eine große Hilfe ist. Die Teilnehmer machen eine Pause. Danach melden sich die Russlandfahrer: »Wir haben gemeinsam beschlossen, das Dezimalsystem als Grundlage für unser Mathematikstudium abzulehnen. Das Dezimalsystem ist ein kapitalistisches System. Wir wollen ein anderes.« Das regt zum Nachdenken an. Die jungen Leute belegen das Dezimal-

Hans Elsner ist engagierter Vorkämpfer und Vertreter der Montessori-Pädagogik. Der Schulleiter i.R. hält dazu Vorträge und Seminare. Zu diesem Thema gibt es auch viele Veröffentlichungen von ihm, beispielsweise ist er Mit-Autor von »Erziehen mit Maria Montessori» (Herder-Verlag, 6. Auflage) und »Montessori-, Freinet-, Waldorfpädagogik», (BeltzVerlag, 4. Auflage). Hans Elsner ist Mit-Herausgeber und Autor der »blauen Reihe» – im November 2007 erscheint Band Nr. 8. www.montessori-vereinigung.de


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i l l u s t r at i o n : a l e x a n d e r b e s i s w e s t n i k h Der Diplom-Designer arbeitete nach seinem Studium als Art-Direktor beim Verlagshaus Werner Media GmbH in Berlin und leitete danach für Allo Systems GmbH den Relaunch der Printprodukte. Später entwickelte er für die deutsch-russische Full-Service Agentur K&D GmbH einen Werbeauftritt für einen großen Mobilfunkanbieter. Jetzt lebt und arbeitet er in Hannover, gehört zum Team der Pilot:Projekt GmbH und erstellt Radierungen und Zeichnungen im eigenen Atelier. bezik@gmx.de

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der abakus (von lat. abacus, griech. ábax, phöniz. abak) ist das älteste bekannte Rechenhilfsmittel und wurde um circa 1100 v. Chr. im indochinesischen Kulturraum erfunden. Er wird in China, Japan und Russland noch täglich gebraucht – auch, um die Funktion von Taschenrechnern zu überprüfen.

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Die Russen schieben 10

Kugeln, die Japaner rechnen mit fünf auf jedem Stab und die Chinesen teilen ihren Abakus in »Erde« mit fünf und in »Himmel« mit zwei Kugeln pro Stab auf.

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wei mal fünf ist zehn: lässt sich Rechnen fühlen? Haptisches Arbeiten mit dem Dezimalsystem ermöglicht der Abakus. Die Kugeln symbolisieren wegen des Stellenwertsystem durch ihre Lage eine bestimmte Zahl. Mathematik zum Begreifen schön: geübte Finger geben Zahlen schneller ein als auf einem Taschenrechner. >


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lösbare aufgaben Das Rechnen mit dem Abakus entspricht einem Aufgliedern einer Aufgabe in mehrere kleinere und leichter lösbare. Diese kleinen Umwege machen aus einem einfachen Holzinstrument dieses vielseitige Werkzeug.

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von priska tosch

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So wird die Zahl 10 auf dem chinesischen Abakus dargestellt. Die unteren fünf Kugeln – »Erde« – stehen jeweils für einen, die oberen zwei – »Himmel« – für fünf Zähler.

J E D E Z E H N T E G E H T E I N S W E I T E R | Die Darstellung von Zahlen auf

dem Abakus entspricht unserer arabischen Schreibweise. Sie reicht von der höchsten Zehnerpotenz (10n) ganz links bis zur Einerstelle (100) ganz rechts, wobei jede Kugelspalte für eine Stelle steht. Mit einem Abakus wird gerechnet, indem durch Addieren positiver oder negativer Zahlen sofort die neue Summe als Ergebnis eingestellt wird. Neben den vier Grundrechenarten funktioniert auch das Quadrat- und Kubikwurzelziehen.

viele formen Es gibt ganz unterschiedliche Formen des Abakus, das Prinzip ist aber immer das gleiche. Beim russischen »Stschoty« sind an jedem Stab zehn Kugeln befestigt, von denen die jeweils fünften und sechsten farblich markiert sind. Beim chinesischen »Suan Pan« befinden sich an jedem Stab sieben Kugeln, wobei die horizontale Leiste die fünfte von der sechsten trennt. Der japanische »Soroban« benötigt nur noch fünf Kugeln pro Stab, wobei die Leiste die vierte von der fünften trennt. Der römische Abakus im Taschen-Format, bestand aus einer Metallplatte mit einer bestimmten Anzahl von parallel angeordneten Schlitzen und darin verschiebbaren Knöpfen. Er stellt eine Sonderfom dar, weil mit den römischen Ziffern, die keine Einer-, Zehner-, Hunderterstellen aufweisen, keine höheren Rechenoperationen durchgeführt werden konnten. mehr infos: Hier wird genau die Funktionsweise des Abakus erläutert: www.benjaminwrightson.de/a bakus/homepage.htm


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Er-Zählung vom Leben Goethes Vita: Höhepunkte und Brüche in Dekaden, Dezennien und Zehnerschritten t e x t : a n e k a s c h u lt i l l u s t r at i o n : c h r i s t i n u r s p r u n g

1) ALS GOETHE ZEHN JAHRE A L T W A R … | … wurde Frankfurt

militärischer Stützpunkt für die französischen Truppen während des Siebenjährigen Krieges. Zu dieser Zeit wurde der französische Stadtkommandant Graf Thoranc in Goethes Elternhaus am Großen Hirschgraben einquartiert. Es entstanden

enge Kontakte des künftigen Dichters zu den für Thoranc im Hause arbeitenden Frankfurter und Darmstädter Malern. Außerdem gab es häufige Gelegenheiten zu Besuchen des französischen Theaters. Goethe sah Stücke von Destouches, Marivaux, Palissot, Piron, Rousseau, Diderot, Corneille und Racine.

... lag die Aufsicht über die Privaterziehung Goethes in der Hand des Vaters, der von »überhaupt lehrhafter Natur« war. Der Zehnjährige las Äsop, Homer, Vergil und Ovid, Defoes »Robinson Crusoe« ebenso wie »Tausendundeine Nacht« und auch die Volksbücher vom Eulenspiegel und Doktor Faust. >


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2) ZEHN JAHRE WEIMAR – DER »POLITIKER« GOETHE

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| Dass Wei-

mar für Goethe und Goethe für Weimar prägend war, ist bekannt. Diese stimmungsreiche Ära bahnte sich 1775 an, als Herzog Carl August von SachsenWeimar-Eisenach im September das Erbe seines Vaters antrat und kurz darauf zu den Eltern seiner Braut, Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt, reiste. Bei dieser Gelegenheit nämlich besuchte er auch den »Werther«-Dichter und lud ihn nach Weimar ein. Die Residenzstadt galt unter der Regentschaft seiner Mutter Anna Amalia als »Musenhof«. Am 9. November 1775 nahm Goethe die Einladung des 18jährigen Regenten an. Er zog ins Gartenhaus an der Ilm, erhielt das Weimarer Bürgerrecht, trat 1776 als Geheimer Legationsrat formell in den Staatsdienst ein und wurde Mitglied des fürstlichen Rats, des höchsten dem Herzog unterstehenden Regierungsorgans. In den nächsten zehn Jahren, von 1776 bis 1786, kümmerte sich der »Politiker« Goethe um die Wiederbelebung des eingestellten Silberbergbaus in Ilmenau, die Leitung der Kriegs- und Wegebaukommission. 1782 wurde er als oberster Beamter des Finanzwesens in den Stand des Kammerpräsidenten erhoben. Auch begleitete er Carl August auf seinen Reisen. Hatte es ihn anfänglich nur gereizt, einmal zu »versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesicht stünde«, so sah Goethe spätestens seit dem Ende des Jahres 1776 sein Amt als eine sittliche Prüfung an. Durch seine Vermittlung gewann Weimar bedeutenden Zuwachs von außen, wie die Beispiele Corona Schröter und Herder zeigen. Solche Selbstaufforderungen aber führten in eine schwere seelische Krise Goethes. Nach einer Reise in die Schweiz mit Carl August 1779 war ihm erstmals »wie einem Vogel, der sich in Zwirn verwickelt hat: Ich fühle, dass ich Flügel habe und sie sind nicht zu brauchen«. In der Nacht zum 3. September 1786 brach Goethe als Johann Philipp Möller heimlich nach Italien auf und kehrte erst 1788 zurück. ... Nach mehr als fünfzig Jahren erinnerte Goethe sich im Gespräch mit Eckermann an den Eindruck, den Carl August auf ihn gemacht hatte: »Er war achtzehn Jahre alt, als ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen, was einst der Baum sein würde. ... Dass ich fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute...« 3) ZEHN JAHRE IN WEIMAR: FÜR GOETHE LITERARISCH EINE F R U C H T B A R E Z E I T | Das erste Weimarer Jahrzehnt war für Goethe auch

literarisch eine fruchtbare Zeit. Neben Gedichten schrieb der als »maitre de plaisir« dem Hof dienende Dichter das Drama über die gerechte Macht. Gern hätte er sich mehr Zeit für sein dichterisches Schaffen gewünscht. An Charlotte von Stein schrieb er: »Wieviel wohler wäre mir's wenn ich von dem Streit der politischen Elemente abgesondert, den Wissenschaften und Künsten wozu ich geboren bin, meinen Geist zuwenden könnte.« Aus diesem Gefühl gebar er 1780 den »Tasso«, dessen »eigentlichen Sinn« er später in der »Disproportion des Talents mit dem Leben« sah. Auch beginnt Goethe an »Wilhelm Meisters theatralischer Sendung« zu schreiben. Nach dem »Bruch« Italien und einer literarischen Krise trat eine neue Hochphase erst am Ende des ersten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts wieder ein. >


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4) GOETHE WURDE IM DRITTEN LEBENSJAHRZEHNT ZUM GEHEIMR A T E R N A N N T | Am Ende seines 30. Lebensjahrs wird Goethe zum

Geheimrat ernannt, der »höchsten Ehrenstufe die ein Bürger in Teutschland erreichen kann« (Goethe an Charlotte von Stein, 7.9.1779). Er übernimmt die Leitung verschiedener Kommissionen. Als Anerkennung seiner Verdienste im Staatsdienst erhebt Kaiser Joseph II. Goethe am 10. April 1782 in den Adelsstand. Der Herzog schenkt ihm das Haus am Frauenplan, das Goethe schon seit zehn Jahren bewohnt – bis zu seinem Tod am 22. März 1832. 5 ) C H A R L O T T E V O N S T E I N – Z E H N J A H R E F R E U N D S C H A F T | Goe-

the und die Frauen – wenige Kapitel der Weltliteratur sind wohl dermaßen lang. Sagenumwoben ist vor allem das Verhältnis zwischen Goethe und der geistvollen Charlotte von Stein. Gleich zu Beginn der Weimarer Jahre entwickelte sich diese intensive emotionale Beziehung, die jedoch die Ehe Charlottes mit dem herzoglichen Oberstallmeister Friedrich Josias Freiherr von Stein begrenzt. Beide aber verbindet ein reger Briefverkehr. Rund 1800 Briefe schickt Goethe der Freundin und zahlreiche Liebesgaben. Diese wiederum übt großen Einfluss auf ihn aus. Die innige Beziehung tut Goethe später aus Sicht römischer Leichtigkeit, als »schmerzlich« und »lästig« ab, da Charlotte jeglicher körperlichen Nähe entsagt. Über die Magie ihrer »Seelenverwandtschaft« schreibt Goethe 1776 in einem Gedicht: »Warum gabst du uns die tiefen Blicke«, »ach, du warst in abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau.« Letztlich aber macht sich Goethe durch die Flucht nach Italien von der Macht frei, die ihn an Frau von Stein »geheftet und genistelt«. Charlottes Enttäuschung darüber und über die Liaison mit Christiane führt zur Beendigung des Briefwechsels nach elf Jahren. Charlotte versöhnt sich erst 1801 wieder mit ihm. 6) EINE ZEHNJÄHRIGE DICHTERFREUNDSCHAFT MIT DEM 10 JAHRE J Ü N G E R E N S C H I L L E R | Goethe traf Schiller erstmals 1788 in Rudolstadt.

Sein Urteil: »Schiller war mir verhasst«, spürte der Dichterfürst doch die Kongenialität des zehn Jahre jüngeren Schiller. Dennoch vermittelte er ihm eine Geschichts-Professur an der Universität Jena, die Schiller 1789 antrat. Zehn Jahre lebte er in Jena, bevor er 1799 nach Weimar zog. Mittlerweile waren sich die Dichter nähergekommen und zwar im Juli 1794 nach einer Sitzung der Jenaer »Naturforschenden Gesellschaft«. Schiller hörte Goethes Vortrag über die Urpflanze. Mit seinem Brief an diesen begann im Sommer 1794 eine zehnjährige Dichterfreundschaft. Goethe glaubte »einen neuen Frühling, in welchem alles froh nebeneinander keimte und aus aufgeschlossenen Samen und Zweigen hervorging«, zu erleben. Seine Theatertätigkeit erfuhr durch Schiller neue Impulse. Er selbst mäßigte Schillers Hang zum Extremen und zu philosophischen Spekulationen. Schiller zog Goethe von der Naturwissenschaft ab, drängte ihn wieder mehr zur dichterischen Produktion und zur Vollendung des Faust. Die Residenzstadt profitierte von der Schaffensperiode beider großen deutschen Dichter von 1795 bis zu Schillers Tod 1805, die als »Weimarer Klassik« in die Literaturgeschichte einging. >


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7) CHRISTIANE VULPIUS – ZEHN JAHRE »GEHEIMRÄTIN GOETHES« |

Als Goethe 1788 aus Italien zurückkehrte, lernte er die bürgerliche Christiane Vulpius kennen und lieben. Seinen Weimarer Freunden war er inzwischen entfremdet. Besonders störten sie sich an seiner unstandesgemäßen Liaison mit Christiane, die sich im Juli 1788 mit einer Bittschrift für ihren Bruder an Goethe wandte. 18 Jahre war Goethe mit ihr liiert, bevor ein Ereignis den Anstoß zur Hochzeit gab: Bei Jena und Auerstedt wurde die preußisch-sächsische Armee am 14. Oktober 1806 von Napoleon besiegt. Die Franzosen nahmen Goethe gefangen, aber Christiane gelang es, ihn zu befreien. Daraufhin vermählte er sich am 19. Oktober 1806 mit ihr. Zehn Jahre war Christiane Vulpius, Mutter des einzig überlebenden Sohnes Julius August Walther, »Geheimrätin von Goethe« gewesen, als sie am 6. Juni 1816 mit 51 Jahren starb.

8) GOETHE LERNTE SEINE MUSE MINNA HERZLIEB ALS ZEHNJ Ä H R I G E K E N N E N | Siebenundfünfzigjährig verliebte sich Goethe in

Wilhelmine Herzlieb, die vierzig Jahre jüngere Pflegetochter des Buchhändlers Carl Friedrich Ernst Frommann. Minna oder »Minchen« war keine Geliebte, eher eine Muse des Dichters, diente als Vorbild für Ottilie in den »Wahlverwandtschaften« und »süßes Liebchen« im Sonett »Christgeschenk«. »Ich fühl im Herzen heißes Liebestoben« heißt es im GoetheGedicht »Wachsthum«. Die Rede ist vom »art’gen Kind« und Töchterchen. Mit acht Jahren hatte die Tochter eines Wustrauer Pfarrers ihre Eltern verloren und kam als Pflegekind in die Familie Frommanns, die nach Jena zog und Berühmtheiten wie Ludwig Tieck und C. F. Zelter in seinem Haus empfing. Goethe lernte Minna als Zehnjährige kennen und sah sie zur Schönheit reifen. Für sie war er ihr »Göte«, der »liebe alte Herr«. Sie liebte andere Männer, doch glücklich wurde sie nie. Goethe besuchte sie noch oft. Am 10. Juli 1865 starb Minna Herzlieb in der Görlitzer Nervenheilanstalt.

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DER 10. DEZEMBER – EINE ANEKDOTE IN KÜRZE

| Ende

November 1777 brach Goethe zu einer Winterreise in den Harz auf. In Wernigerode suchte er einen jungen Mann vor dem Werther-Schicksal zu bewahren, in Goslar besichtigte er das Bergwerk und am 10. Dezember bestieg er den tief verschneiten Brocken, was damals eine unglaubliche Leistung war. www.narratio.de. Ihr Studium der Neueren Deutsche Literatur, Neueren Geschichte und Medienwissenschaft schloss Aneka Schult mit der Magisterarbeit »Zum Motiv der Geheimen Gesellschaft in Goethes Wilhelm-Meister-Romanen« erfolgreich ab. Seitdem durchstreift sie in ihren Wanderjahren als freie Journalistin den Bereich des Kulturjournalismus, schreibt Reportagen für regionale Tageszeitungen, arbeitet als Texterin für Ausstellungskataloge und andere Print-Projekte oder zeichnet verantwortlich für die Aufbereitung von Presseartikeln im Internet. info@narratio.de.

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1 0 ) D i e » Ze h n « i n G o e t h e s We r k Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827): Weissagungen des Bakis 18 Sag, was zählst du? – »Ich zähle, damit ich die Zehne begreife, Dann ein andres Zehn, Hundert und Tausend hernach.« Näher kommst du dazu, sobald du mir folgest. – »Und wie denn?« Sage zur Zehne: sei zehn! Dann sind die Tausende dein. Faust. Eine Tragödie: Hexenküche Du mußt verstehn! Aus Eins mach Zehn, Und Zwei laß gehn, Und Drei mach gleich, So bist du reich. Verlier die Vier! Aus Fünf und Sechs, So sagt die Hex', Mach Sieben und Acht, So ist's vollbracht: Und Neun ist Eins, Und Zehn ist keins. Das ist das Hexen-Einmaleins. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit »... Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, und zu zeigen,... ein jeder, nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach außen betrifft, ein ganz anderer geworden sein.»


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Spielregeln: > Jeder Spieler wählt eine Figur aus dem »Mensch ärgere Dich nicht«-Spiel. > Alle Spieler stellen ihre Figuren auf Start. > Wer eine Fünf würfelt, darf das Start-Häuschen verlassen und sein Spiel beginnen. > Würfelt ein Spieler in Verlauf des Spiels eine Fünf, darf er noch einmal würfeln. > Steht ein Spieler auf einem Ereignisfeld, beachte er, was nun zu tun ist. > Wer zuerst auf dem Brocken steht, hat gewonnen.

Ereignisfelder: 1. 1x aussetzen: ab ins Theater und ran an die Bücher! 2. zwei Felder zurück: Politik ist viel Arbeit ... 3. noch einmal würfeln: und alles Gute zum Adelsstand! 4. 2x aussetzen: die 1.800 Briefe schreiben. 5. drei Felder vorrücken: Glückwünsche zur Hochzeit! 6. noch einmal würfeln: beflügelt von der Muse ... 7. zwei Felder vorrücken: auf die Feundschaft! 8. 1x aussetzen: mehr Zeit für dein dichterisches Schaffen. 9. vier Felder zurück: Verlier die Vier! Das ist das Hexen-Einmaleins. 10. geschafft: du stehst auf dem Brocken!


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www.cursprung.de. Biete nun, ach! Konzepte, Design und Realisation*, Und gerne auch Illustration, mit heiĂ&#x;em BemĂźhn. * in Werbung, Internet und Multimedia. cu@cursprung.de.


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literatur

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Nach dem Studium hat Hella Kemper bei der Neuen Westfälischen in Bielefeld volontiert und war dort Feuilleton-Redakteurin. Anschließend war sie Redakteurin bei der zeit (zeitpunke, zeit-online). Jetzt gehört sie zur Redaktion von die zeit-Geschichte, schreibt und liest, redigiert und lektoriert in Hamburg. 2003 erschien ihr Buch sammellust, 2006 elbschwimmer – die rückkehr einer badekultur, 2007 das hummelbuch. hella.kemper@gmx.de


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literatur

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die 10

1 wort

2 ziffern

4 buchstaben

10 hager aufragend

mit gekipptem haken prall rund satt ein ungleiches paar zu zweit eine dekade ganz schĂśn l a n g

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musik

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Wenn Platz 16 zum Flop wird Die Konkurrenz der Unis. Die Schmach von Robbie Williams. Das Maß der Molkereien . Die Schärfegrade von Chilischoten. Das Geheimnis der

Top Ten.

von bernd schossadowski

R

obbie Williams war frustriert. Mit seiner Single »She’s Madonna« verpasste er im Frühjahr den Sprung in die Top 10 der britischen Musik-Charts. Das Lied, das der labile Popstar zusammen mit den Pet Shop Boys aufgenommen hatte, stieg zunächst nur auf Platz 16 in die britische Hitliste ein. Eine Schmach für den erfolgsverwöhnten Williams. Eine Platzierung unter den besten Zehn der britischen Charts ist immer noch gleichbedeutend mit der Aufnahme in einen elitären Kreis. Wer diesem Zirkel der Erlauchten angehört, und sei es nur für eine Woche, hat es in der schnelllebigen Musikbranche geschafft. Er darf auf seinen Visitenkarten drucken: »Top-10-Musiker«. Doch warum üben die ersten zehn Plätze einer Rangliste – nicht nur in der Welt des Rock und Pop – eine so große Faszination auf uns aus? Warum zeigt die Internet-Suchmaschine Google für »Top Ten« nicht weniger als 291 Millionen Treffer an? Die Antwort ist vielschichtig. Erstaunlich ist zunächst, wie inflationär dieser Begriff inzwischen benutzt wird. Es gibt Hitlisten für die zehn besten Lieder und Videos, Universitäten und Krankenhäuser sowie für die zehn reichsten Menschen der Erde. Doch die RankingFlut bringt auch viel Skurriles hervor. So prämiert die Deutsche Lebensmittel-Gesellschaft regelmäßig die Top 10 der besten deutschen Molkereien. In Wirtschaftskreisen kursiert eine Liste der zehn korruptesten Länder der Welt. Und der Franzose Pierre Basieux verblüfft mit seinem Buch »Die Top 10 der schönsten mathematischen Sätze«. Auch abseits von Rangfolgen spielt die Zehn eine wichtige Rolle. »Zehn Gründe für die Vereinigten Arabischen Emirate: Warum Sie unbedingt bald reisen sollten« lautete eine Rubrik in der Februar-Ausgabe des Reisemagazins »Geo Spezial«. Und im Jahr 1999 lockte eine amerikanische Highschool-Komödie weltweit Millionen Menschen ins Kino. Ihr Titel: »Zehn Dinge, die ich an dir hasse«.

Ausschnitt aus den SingleCharts.

Es scheint, als ob die Zahl Zehn wie keine andere das Maß aller Listen ist. Die Menge der zusammengestellten Objekte ist überschaubar, und ein Ranking in dieser Größenordnung erschließt sich auf den ersten Blick. Die Top 10 steht zudem für das Bedürfnis des Menschen, in einer immer komplexeren, unübersichtlicheren Welt, die durch eine stetig wachsende Informationsfülle geprägt ist, eine verbindliche Ordnung zu schaffen. Auch wenn diese sich beispielsweise nur auf Molkereien erstreckt, basiert sie auf vermeintlich messbaren und nachprüfbaren Werten. »Die Tabelle lügt nicht«, heißt es gemeinhin. Wer ganz oben steht, ist besser als derjenige auf dem zehnten Platz. Unsere Sehnsucht nach Übersicht und Orientierung offenbart sich auch im Fernsehen. »Die ultimative Chart-Show«: Mit diesem Titel suggeriert RTL, dass die in seiner MusikSendung präsentierte Rangliste ausschließliche Gültigkeit besitzt. Ein Ranking wie dieses kann jedoch nie objektiv die Wirklichkeit abbilden. Der Musikgeschmack der Fans ist so vielfältig, dass die Verkaufszahlen der Lieder oder das Votum einer Jury nur einen begrenzten Aussagewert besitzen. Die Realität ist viel komplexer, als es eine Hitliste auszudrücken >


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vermag. Doch viele Menschen haben ihre gesunde Skepsis gegenüber dem Zustandekommen dieser Zahlen verloren. Die Erstellung der Rankings wird von ihnen nicht mehr hinterfragt. Wichtig ist für sie allein die Tatsache, dass Ranglisten ihnen eine klare Einordnung und Differenzierung liefern. Die Top-10-Flut hat dabei zwei unterschiedliche Erscheinungsbilder. Zum einen wird die Platzierung innerhalb einer Rangliste angesichts großer Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt immer wichtiger. Krankenhäuser, Ärzte, Universitäten, Hotels und Firmen buhlen beim Leistungsvergleich um Spitzenpositionen. Auch wenn sich der Stellenwert auf beliebig umfangreichen Listen – Top 100 oder sogar Top 1000 – darstellen lässt, zählt heutzutage meist nur ein Platz unter den ersten Zehn. Wer will schon an Deutschlands 84-bester Hochschule studieren, wenn er eine der zehn Spitzen-Unis des Landes besuchen kann. Die wachsende Bedeutung des Rankings als Orientierungsund Entscheidungshilfe ist ohne Zweifel ein Spiegelbild des ausgeprägten Leistungsprinzips in der modernen westlichen Gesellschaft. Zum anderen wird das Streben nach Klassifizierung in den Top 10 zum

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Sinnbild für den aktuellen Trend, alle möglichen Bereiche des Lebens in Listen zusammenzufassen – zum Teil auch ohne Reihenfolge. Der große Erfolg der Bücher »Schotts Sammelsurium« und »Dr. Ankowitschs kleines Konversationslexikon« sind zwei Beispiele dafür. Beide Werke liefern eine Fülle kurioser und willkürlicher Auflistungen von Themen, die oft ohne Relevanz für den menschlichen Alltag erscheinen. Die tabellarischen Übersichten über Freimaurergrade, Tornadostärken, Schärfegrade von Chilischoten, Länder mit Linksverkehr und ungewöhnliche Tode burmesischer Könige wirken jedoch nur bei oberflächlicher Betrachtung wie ein humoristischer Zeitvertreib. Vielmehr zeigt sich auch hier das Bedürfnis des Menschen nach Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, nach Überschaubarkeit und der Suche nach der Wahrheit. Dabei durchbricht Ben Schott die Zehner-Reihung an einer Stelle bewusst. Die Rubrik »Die Elften« nimmt augenzwinkernd Bezug auf die Top-10-Hörigkeit und listet jeweils die Elftlängsten der Welt auf: von Stadt, Land und Fluss bis zu See, Insel und Flughafen. Mit Platz elf hätte sich Robbie Williams allerdings nicht anfreunden können. Doch es kam für ihn noch schlimmer: »She’s Madonna« rutschte in der zweiten Woche auf Platz 31 der britischen Charts ab. Der Flop war perfekt. Der studierte Historiker und Anglist lebt in Celle und arbeitet als Lokalredakteur bei der Aller-Zeitung in Gifhorn. schossadowski@gmx.de

Was nach Ablauf einer Woche von der Top Ten übrig bleibt. | f o t o s : priska tosch


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Zehn Musik-Höhepunkte a u s g e w ä h lt v o n b r i t t a s c h m i d t

10 beste Lieder Der Rolling Stone veranlasste 172 Musikexperten zur Abstimmung: 1 > »Like A Rolling Stone« Bob Dylan 2 > »(I Can’t Get No) Satisfaction« Rolling Stones 3 > »Imagine« John Lennon 4 > »What's Going On« Marvin Gaye 5 > »Respect« Aretha Franklin 6 > »Good Vibrations« Beach Boys 7 > »Johnny B Goode« Chuck Berry 8 > »Hey Jude« Beatles 9 > »Smells Like Teen Spirit« Nirvana 10 > »What’d I Say« Ray Charles

10 Jahre poppige Klänge Viermal im Jahr wird »The Dome« seit zehn Jahren an wechselnden Orten für RTL II aufgezeichnet. Bands und DJs der Musikshow wechseln gefühlt nicht ganz so häufig. Die jugendliche Zielgruppe scheint das nicht zu stören und hört weiterhin eifrig die zur Show gehörenden Musiksampler.

10 mal Nummer Eins in Deutschland 10 Gebote > Hermann Berlinski, 12. Orgelsinfonie: »Die Heiligen 10 Gebote« > Max Bruch, ein biblisches Oratorium für Chor, Soli und Orchester, op.67: »Moses« > Pascal Obispo (Musik), Musical: »Les Dix Commandements« > Detlev Jöcker, Kindermusik : »Zehn Gebote geb’ ich dir« > E Nomine: »Die 10 Gebote« > Die Toten Hosen: »Die 10 Gebote«

Nach den Beatles mit insgesamt elf Nummer Eins Hits in Deutschland ist Freddy Quinn der erfolgreichste ChartStürmer. Gezählt von Wikipedia in der Auswertung der Chartlisten seit 1953.

10 besondere Feindlichkeiten: »Ten German Bombers« Der Text des Liedes wurde bereits im Zweiten Weltkrieg von britischen Schulkindern während des Blitz, der deutschen Luftangriffe auf britische Städte während des Zweiten Weltkriegs, gesungen. Auf die Melodie der Volksweise »She’ll Be Coming ’Round the Mountain«, das als »Von den blauen Bergen kommen wir« auch Eingang in das deutsche Liedgut gefunden hat, besangen die Kinder zehn deutsche Bomber, die einer nach dem anderen von der englischen Luftwaffe (RAF) abgeschossen werden. Das Lied ging bald in das Repertoire der bis heute recht weit verbreiteten Deutschlandfeindlichkeit (German Bashing) ein. Besonders bei Fußballfans erfreut sich das Lied großer Beliebtheit und wird regelmäßig beim Aufeinandertreffen deutscher und englischer Mannschaften angestimmt. Traditionell wird der Inhalt des Liedes dabei gestisch untermalt, indem die Arme in Nachahmung eines Flugzeuges zur Seite ausgebreitet werden.


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10 Titel mit 10 > > > > > > > > > >

Bibi Johns: An jedem Finger zehn, 1954 STS: Zehn Minuten still, 2002 TYR: Ten wild dogs, 2003 Manowar: All man play on ten, 2003 BAP: Dreimal zehn Jahre, 2005 Klee: Keine zehn Pferde, 2005 The Simpsons: The ten Commandments of Bart, 2005 Farin Urlaub: Zehn, 2006 The Bones: Zero to Ten, 2006 Andrea Corr: Ten feet high, 2007

10 Jahre harte Töne 30 Bands feierten dieses Jahr das Jubiläum des Kultfestivals »Fuck the Commerce« in Jüterborg. »Deathund Grindmetal« sind und bleiben die Spezialitäten.

10 kleine Randgruppen-Vertreter Die Freunde unserer Kindertage, die »10 kleinen Negerlein«, kommen eigentlich aus Amerika (1868) und waren dort »Ten little Indians«. Im Laufe der Zeit waren sie Inspiration für einige – mehr als zehn! – weitere Versionen: > The Beach Boys: Ten Little Indians, 1962 > MTS: Zehn böse Autofahrer, 1974 > Leila Negra: Zwölf kleine Negerlein > Time To Time: Zehn kleine Negerlein,1991 > Die Toten Hosen: Zehn kleine Jägermeister, 1996 > Hermann Hoffmann: Zehn kleine Keglerlein, 1974 > Oliver Kalkofe / Onkel Hotte: Zehn kleine Glatzenköpp > Die Streuner: Zehn Orks > Otto Waalkes: Zehn kleine Ottifanten > B-Tight: Zehn kleine Negerlein, 2007 > Slime (Band): Zehn kleine Nazischweine > Soko Friedhof: Grufties, 2006

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10 Gänge: Musik zur Metropolitan Schau …Es wird ein zehngängiges MusikSouper gereicht, mit je einem Beispielstück pro Jahrzehnt, beginnend mit dem Klassizisten Cherubini, gefolgt von leichter Kost à la Boieldieu, Auber und Hérold. Die Hauptgerichte werden von Berlioz, Gounod und Bizet beigesteuert, bevor ein DessertTrio mit Offenbach, Delibes und Massenet den Abend abrundet… www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2323165

10 populärste Deutsche Interpreten Für das 1. Halbjahr 2007 hat das Deutsche Musik-Exportbüro die folgende Rangliste deutscher Interpreten im Ausland (außerhalb des deutschen Sprachraums) ausgemacht: [Entscheidend für die Platzierung der Interpreten in dieser Rangliste ist ihr Bekanntheitsgrad im Ausland, die Präsenz ihrer Tonträger in ausländischen CD-Läden und die Abspielhäufigkeit ihrer Musik bei ausländischen Radiostationen.] 1 > Rammstein 2 > Nena 3 > Die Toten Hosen 4 > Kraftwerk 5 > Tokio Hotel 6 > Paul van Dyk 7 > Blümchen / Jasmin Wagner 8 > Trio 9 > Joy/Schnappi, kleines Krokodil 10 > In Extremo


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Lichtgestalten des Fußballs

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ie Namensliste klingt wie das Who is Who des Weltfußballs: Pelé, Eusebio, Michel Platini, Zico, Diego Maradona, Roberto Baggio, Ronaldinho, Zinedine Zidane – um nur einige zu nennen. Sie alle haben eines gemeinsam: In ihrer aktiven Zeit trugen sie das Trikot mit der Nummer zehn. Insbesondere in Südamerika wird vehement darüber gestritten, wer aus dieser Gruppe der beste Fußballer aller Zeiten war. War es der Argentinier Maradona, der spätestens im WM-Halbfinale 1986 zur Legende wurde, als er mit zwei Geniestreichen – einer davon verbotenerweise mit der Hand – zur Legende wurde und in seinem Heimatland als »Fußball-Gott« verehrt wird? Oder ist dieser inoffizielle Titel dem Brasilianer Pelé zuzuschreiben, der 1958 als 17-Jähriger nach Belieben die gegnerischen Abwehrreihen umdribbelte, die Fußballwelt in Verzücken versetzte und schließlich einen Mythos schuf: die Rückennummer zehn als Symbol des Dirigenten auf dem Platz, des filigranen Protagonisten in einem kämpferischen Spiel. D E U T S C H E Ä S T H E T E N | Mit dem

Spielmacher steht und fällt der Erfolg. Seit 1958 gilt die Zehn als Synonym dieses Chefs auf dem Rasen. Dabei trug bereits vier Jahre vor Pelé der Kopf einer Weltmeistermannschaft die kleinste zweistel-

Ballvirtuosen, Zauberer, Diven – Fußballspieler mit der Rücken -

nummer zehn gelten seit Jahrzehnten als

die Größten. Doch

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lige Zahl auf dem Rücken: Kapitän Fritz Walter. Auch andere deutsche Akteure gehörten – zu Recht – diesem elitären Kreis mit der magischen Nummer an. Beispielsweise Wolfgang Overath als Weltmeister 1974 und Günter Netzer, der eben diesem Overath Platz und Trikot überlassen musste. Legendär ist ein Pokalendspiel ein Jahr zuvor, als der eigentliche Zehner Netzer von Trainer Hennes Weisweiler auf die Ersatzbank verbannt wurde, sich selbst einwechselte und das entscheidende Tor schoss – mit der Zwölf auf dem Rücken. Wegen fehlender Virtuosität zwar kein klassischer Zehner, dennoch ein würdiger Träger der begehrten Zahl auf dem Rücken war auch Lothar Matthäus – als er noch schneller laufen als reden konnte. Auch Nachfolger Thomas Häßler gab eine einwandfreie Zehn ab. Nicht ganz ins Bild passt es da vielleicht, dass die wahre Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, zumeist mit der Nummer fünf auflief – was für einen Libero aber auch ganz normal war.

diese Spezies, der Zehner, droht auszusterben.

von dennis dix i l l u s t r at i o n : p r i s k a t o s c h

D I V E N U N D H E I L I G T Ü M E R | Ein

Spielgestalter, der meistens nicht die Zehn, sondern die Acht auf dem Rücken trug, war Bernd Schuster, der wohl beste deutsche Spieler, der nie an einer Weltmeisterschaft >


sport

teilnahm. Heute als seriöser Trainer in Spanien bekannt, verkörperte der »Blonde Engel« zu seiner aktiven Zeit das, was wohl einen richtigen Zehner ausmacht, abgesehen von der falschen Trikotnummer: Spielintelligenz und einen Hang zur Selbstdarstellung. In die Kategorie Diva gehört sicherlich auch der schon erwähnte Maradona, dem zu Ehren übrigens in der Nationalelf keiner mehr mit der Zehn auflaufen sollte – ein Vorhaben, das schließlich der Weltverband FIFA untersagte. Überhaupt wird der Mythos der Zehn sehr viel von außen gepusht. Das gilt auch im Fall des Brasilianers Ronaldinho, der zu den besten Fußballspielern der Gegenwart gehört und sich eigentlich nicht als Diva aufspielt: Wie es sich für einen begnadeten Kicker gehört, spielte Ronaldinho seit Jahren immer mit der Zehn. Seit diesem Frühjahr gilt das für die Nationalmannschaft allerdings nicht mehr, weil Carlos Dunga, der Trainer der Seleçao, die magische Nummer dem Spielerkollegen Kakà übertragen hat. In der Öffentlichkeit wurde es so dargestellt, als hätte damit Dunga ein Sakrileg begangen. Ein Skandal war diese Angelegenheit vor allem aber für Sponsor Nike, der eine Kleiderkollektion unter Ronaldinhos Namen (»R10«) geschaffen hat und befürchtet, nun viel Geld zu verlieren. DER DINOSAURIER DES FUSSB A L L S | Dass der Zehner mittler-

weile stark vom Aussterben bedroht ist, hat mit drei verschiedenen Entwicklungen im Fußball zu tun. Zum einen lässt es die heutige Spielweise kaum zu, dass sich ein Akteur in der

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der

Defensive vornehm zurückhält, um allein im Spiel nach vorne zu brillieren. Zweitens erhält seit den neunziger Jahren jeder Spieler in seinem Club eine feste Rückennummer für die gesamte Saison. Einige Spieler behalten ihre persönliche Glückszahl, die sie gezogen, als sie noch nicht reif waren für die Zehn, über Jahre hinweg. So ist es auch zu erklären, dass der momentan einzige deutsche Akteur, der einer Zehn würdig ist, Michael Ballack, seit Jahren mit der 13 spielt. Drittens schließlich sind Taktiker wie Fernsehexperte Jürgen Klopp daran schuld, dass der Ruhm der einst magischen Zahl verblasst. »Der Niedergang Seit dessen Auftritten während der Zehn scheint weiter letzten Fußballweltmeisterschaft seinen Lauf zu scheint es nur noch darum zu gehen, dass in einer Elf ein guter Sechser nehmen.« spielt – der Defensivstratege, der vor der Abwehr agiert. Der Niedergang der Zehn scheint weiter seinen Lauf zu nehmen. Eben erwähnter Jürgen Klopp hat auch als Trainer großen Einfluss darauf genommen, dass von der Zehn immer weniger gesprochen wird. Wie sonst ist es zu deuten, dass er beim FSV Mainz 05 mit Manuel Friedrich einen wahren Spielzerstörer jahrelang mit der einst magischen Nummer auf dem Rücken aufliefen ließ? Und hat nicht auch Zinedine Zidane, einer der Größten im Zehner-Kreis diesem Mythos einen Todesstoß versetzt, als er zum schon jetzt berühmtesten Kopfstoß ansetzte, bei dem nicht der Ball getroffen wurde? Die Hoffnungen auf das Weiterbestehen der Legende stützt ausgerechnet die Basis: Im Amateurfußball, in dem die Spieler in der Regel mit den Rückennummern eins bis elf auflaufen, zählt die Zehn noch etwas: Wenn ein Kicker der Kreisliga erstmals mit der heiligen Zahl auflaufen darf, gibt es immer einige Mannschaftskollegen, die anerkennend »Kiste« rufen, was bedeutet, dass der Geehrte eine Runde auszugeben hat. Es ist zu wünschen, dass sich der Spitzensport in dem Sinne die Basis zum Vorbild nimmt, dass diese Zahl wieder die herausragende Stellung bekommt, die sie verdient. Die talentierten Profikicker dürfen sich gern wieder darum bemühen, ein wahrer Zehner zu werden. Denn die Fußballwelt lechzt nach Lichtgestalten, die den Mythos aufrechterhalten. RETTUNG AUS DER KREISLIGA?

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www.texikon.de. Der freiberufliche Journalist und Texter aus Hannover tritt in seiner Freizeit noch regelmäßig gegen den Ball. Trotz seines Nachnamens, der auf Französisch »zehn« bedeutet, spielt er allerdings nie mit der magischen Nummer auf dem Rücken. dix@texikon.de


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noch mehr themen: >> Der Zehnkampf >> Die traditionelle Steuer ist der Zehnt >> Es gibt insgesamt zehn ARD-Mitgliedsanstalten >> Zehn ist die Ordnungszahl von Neon >> Schachmatt in zehn Zügen >> Ein Countdown >> Zum zehnten Mal: Seit 1997 wird jährlich der Deutsche Zukunftspreis verliehen >> Nur 10 Prozent der deutschen Unternehmen haben mehr als 10 Beschäftigte, ermittelte das Institut für Mittelstandforschung >> Zehn Prozent Frauen: In Europas größten börsennotierten Unternehmen ist nur jede zehnte Führungskraft eine Frau; Deutschland liegt beim Frauenanteil in Führungsetagen genau im Mittelfeld, berichtet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung >> Es gibt zehn Himmelsstämme im Chinesischen Kalender >> Warum haben wir ausgerechnet zehn Finger und zehn Zehen? Faultiere kommen doch auch mit drei Zehen aus…

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impressum

IMPRESSUM Die Netzwerkzeitung zehnar10 ist, mit Konzept, Idee und allen Texten, Fotos, Grafiken und Illustrationen, urheberrechtlich geschützt. Nur die Mitarbeiter dieser Zeitung dürfen unter ihrem Namen zehnar10 kostenfrei veröffentlichen und verbreiten. Konzept und Redaktion: Priska Tosch & Tosch | Kommunikation Gottfried-Kittel-Weg 4 29227 Celle Tel.: 051 41 / 980-50 75 info@tosch-kommunikation.de

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Artikel, die namentlich gekennzeichnet sind, geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. mitarbeiter > 10 autoren: Dennis Dix, Hans Elsner, Simone Haserodt, Sievert Herms, Andrea Hoffmann, Hella Kemper, Ulrich Schmitz, Bernd Schossadowski, Aneka Schult, Margarete Tosch-Schütt. > fotos: Lucas Kreuzer. > illustrationen: Alexander Besiswestnikh, Peter Ens, Christin Ursprung. Idee, Layout und Projektmanagement: Priska Tosch


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Der Name ist Programm: Das Thema von ZEHNAR1O ist »Zehn« und wurde auf über 60 Seiten in zehn Rubriken umgesetzt. Der Anlass für diese tats...

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