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Eine Beilage der

MAGAZIN

Nummer 01, September 2013, inventures.eu

MAGAZIN FÜR MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT

NICHTS FÜR ANGSTHASEN SIEBEN GESCHICHTEN VON UNTERNEHMERN


– EDITORIAL –

WIR UNTERNEHMEN ETWAS MANIFEST

ALS WIR IM LETZTEN NOVEMBER unser Online-Magazin inventures.eu gestartet haben, um der Gründerszene in Österreich, Zentral- und Osteuropa eine Bühne zu geben, waren manche Reaktionen darauf nur bedingt motivierend. „In Zeiten wie diesen in Österreich ein Medienunternehmen starten? Und noch dazu auf Englisch?“

Als wir im November 2012 unser OnlineMagazin inventures.eu gestartet haben, um der Gründerszene in Österreich, Zentralund Osteuropa eine Bühne zu geben, waren manche Reaktionen darauf nur bedingt motivierend. „In Zeiten wie diesen in ÖsterreicheinMedienunternehmenstarten?Und noch dazu auf Englisch?“ Aber wir – das Gründungsteam Claudia Käfer, Matthias Reisinger und Ondrej Gandel sowie die Redakteurinnen Alena Schmuck und Mina Nacheva; alle unter 30 aus Österreich, der Slowakei und Bulgarien – ließen uns nicht von unserer Überzeugung abbringen, dass es in der Region interessante, inspirierende und innovative GeschäftsideenundGründerpersönlichkeiten gibt, deren Geschichten erst erzählt werden müssen. An uns geglaubt hat auch das Austria Wirtschaftsservice (AWS), das uns seit 2011 in unserem Vorhaben unterstützt. Mehr als ein Dreivierteljahr nach dem Online-Start gehen wir nun mit dem InventuresMagazininÖsterreichinDruck– motiviert durch überaus positives Feedback aus der Startup-Szene und die Einladung der Wiener Zeitung, für sie eine Beilage zu gestalten. Aber auch gegenüber dieser Entscheidung teilten sich die Meinungen in unserem Umfeld, angesichts des gegenläufigen Trends im Medienbereich – hin zu Online, weg von Print. Warum machen wir das? Wir glauben, dass es in einer Zeit, in der Korruption, Krise und Arbeitslosigkeit die Medien bestimmen, Bedarf an inspirierenden und positiven Geschichten gibt – über Menschen, die aktiv daran arbeiten, etwas am Status Quo zu verändern, indem sie Unternehmen gründen und Arbeitsplätze schaffen oder versuchen, andere soziale Probleme zu lösen.

Gerade das ist auch in Österreich wichtig.DasLandhatinternationalgeseheneinen positiven wirtschaftlichen Status und liegt in Bezug auf Neugründungen im guten EUSchnitt. Fragt man den Durchschnittsösterreicheraberdanach,einenösterreichischen Unternehmerzunennen,hörtmanmeistens Namen wie Mateschitz oder Stronach und nicht viel mehr. Dabei gibt es weitaus mehr und vor allem auch junge Unternehmer in Österreich, die mit innovativen Geschäftsideen positiv zur Volkswirtschaft beitragen und den Mut besitzen, ihre Visionen umzusetzen. Erfolgreiche Unternehmer genießen in ÖsterreicheinenhohensozialenStatus.Aber unternehmerische Risikobereitschaft und das manchmal damit verbundene Scheitern wird gesellschaftlich verurteilt und tabuisiert – das zeigt unter anderem der aktuelle Österreich-ReportdesGlobalEntrepreneurship Monitor (siehe Artikel auf Seite 18 und 19). Das hält viele potenzielle Unternehmer vom Schritt in die Selbstständigkeit ab. Wir glauben, dass diese Menschen gefördert werden müssen und dies unter anderem durch eine Diskussion über unternehmerischen Mut, Risiko und auch Scheitern

geschehen kann. Gute Ideen haben viele, aberdenEntschluss,sieumzusetzen, fassen die wenigsten. In diesem Sinne widmen wir unsere erste Printausgabe vor allem jungen – und auch älteren Unternehmern – in Österreich, die den Mut beweisen, ihre Visionen in Taten umzusetzen – also jedenfalls keine Angsthasen sind. Wir möchten damit besonders interessantenGründernundihrenGeschichten eine Plattform außerhalb der schnelllebigen Online-Welt geben. Außerdem wollen wir einer neuen Leserschaft Einblick in die junge österreichische Startup-Szene geben, die sich medial ansonsten vor allem in digitalen Sphären abspielt. Wir hoffen, dass sich damit auch der eine oder andere Leser inspiriert fühlt, selbst etwas zu unternehmen ‑ sei es als Entrepreneur, Intrapreneur oder ganz privat. Claudia Käfer Matthias Reisinger Ondrej Gandel Alena Schmuck Mina Nacheva Stefanie Rauchegger office@inventures.eu, www.inventures.eu INVENTURES Nº 01 _ 3


– INHALT –

NUMMER 01

INHALT

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SEPTEMBER 2013

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EDITORIAL UNTERNEHMERTUM IN ÖSTERREICH: JA, DÜRFEN DIE DAS ÜBERHAUPT? INTERVIEW FLORIAN WEITZER

DURCH SCHEITERN ZUM ERFOLG FREDRIK DEBONG UNTERNEHMERIN WIDER ERWARTEN VALENTINE TROI DER ZAUBERER VON (HELI)OZ MARTIN WESIAN

MAGAZIN FÜR MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT

ZEICHENERKLÄRUNG

Design

I K M M Ö Se So

Startups und Unternehmen aus den Bereichen Design und kreative Industrien

Inside

Themenspezifische Einblicke durch Interviews, Reportagen oder Analysen

Karriere

Startups und Unternehmen aus den Bereichen Karriere und Personalentwicklung

Medien

Startups und Unternehmen aus dem Medienbereich

Medizin

Startups und Unternehmen aus dem Bereich Medizin

Ökosystem

Unternehmen, Organisationen und andere Akteure, die das Startup-Ökosystem unterstützen

Service

Startups und Unternehmen aus dem Dienstleistungsbereich

Sozial

Startups und Unternehmen mit sozialem Anspruch (Social Entrepreneurs), die mit ihren Geschäftsmodellen gesellschaftliche Probleme lösen

T W

Tourismus

Startups und Unternehmen aus den Bereichen Tourismus und Gastronomie

Web/Mobile

Startups und Unternehmen aus dem Bereich mobiler und Internet-Anwendungen

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– INHALT –

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„ICH BIN NICHT GERNE ALLEIN“ ROMY SIGL GLOBAL ENTREPRENEURSHIP MONITOR UNTERNEHMERTUM IN ÖSTERREICH

MARIA FEKTER: „MIR IST JEDES UNTERNEHMEN, DAS STEUERN ABLIEFERT, RECHT.“ UNTERNEHMER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND 10 MILLIONEN NUTZER WAREN NICHT GENUG ZVETAN DRAGULEV

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NIMM DIE WELT NICHT ZU ERNST, DAS LEBEN IST EIN SPIELPLATZ. ALI MAHLODJI FERNWEH TRIFFT EINZELSTÜCK SILVIA GATTIN SOZIALER WANDEL: WIE DIE STARTUP-SZENE UNSERE GESELLSCHAFT VERÄNDERN KÖNNTE. PITCH FIEBER RITUALE DER STARTUP WELT

CROWDFUNDING UND CO MUT ZUM INVESTIEREN STARTUP-SZENE AKTUELL

IMPRESSUM

Medieninhaber und Herausgeber: Wiener Zeitung GmbH, Media Quarter Marx 3.3, Maria-Jacobi-Gasse 1, 1030 Wien Geschäftsführung: Dr. Wolfgang Riedler Marketing: Wolfgang Renner, MSc. Druck: Niederösterreichisches Pressehaus, Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Gutenbergstraße 12, 3100 St. Pölten Produktion: Inventures GmbH (in Gründung), c/o HUB Vienna, Lindengasse 56, 1070 Wien Tel. +43 1 5227143; office@inventures.eu, www.inventures.eu Geschäftsführung: Ondrej Gandel Chefredaktion: Alena Schmuck, Mina Nacheva Redaktion: Michael Bernstein, Floor Drees, Chris Hague, Alexander Hirschfeld, Claudia Käfer, Mina Nacheva, Stefanie Rauchegger, Alena Schmuck, Marija Skundric, Sarah Stamatiou Übersetzungen: Helena Köfler, Johanna Kompacher Fotografie: Ina Ciobanu, Patrizia Gapp, Georg Grawatsch, Alena Schmuck Creative Direction: Tobias Monte; Layout, Cover: TOSA Design, www.tosa-design.com Lektorat: Anna-Katharina Plach Erscheinungsweise: 4 Ausgaben pro Jahr; Erscheinungsort Wien; Verlagspostamt 1070 Wien Anzeigenvertrieb: Industriemagazin Verlag GmbH, Lindengasse 56, 1070 Wien Tel: +43 1 585 9000-0, Fax: +43 1 585 9000-16; www.industriemagazin-verlag.at Kontakt: Florian Zangerl, Tel: +43 1 585 9000-90; florian.zangerl@industriemagazin.at Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder. Für den Inhalt von Inseraten haftet ausschließlich der Inserent. Für unaufgefordert zugesandtes Bild- und Textmaterial wird keine Haftung übernommen. Jegliche Reproduktion nur mit schriftlicher Genehmigung der Geschäftsführung.

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– OPENER – Inside Tourismus

UNTERNEHMERTUM IN ÖSTERREICH:

JA, DÜRFEN DIE DAS ÜBERHAUPT? INTERVIEW FLORIAN WEITZER UNTERNEHMER, KEIN HOTELIER. Florian Weitzer (39) ist seit 2003 der Kopf von vier eigentümergeführten Hotels in Graz und Wien, die er von seinem Vater Hans Helmut übernommen hat. Seine Familie hat das Hotelunternehmen bereits im Jahr 1910 gestartet. Weitzer sieht sich in erster Linie nicht als Hotelier sondern als Unternehmer. Wir haben mit dem Grazer über Unterschiede zwischen dem Unternehmergeist seiner Elterngeneration und ihm als Unternehmer im Jahr 2013 sowie aktuelle Entwicklungen im Unternehmertum gesprochen. WIE HABEN SICH DIE ANFORDERUNGEN AN UNTERNEHMER SEIT DER GENERATION IHRES VATERS GEÄNDERT?

Ich glaube, an den Anforderungen an einen Unternehmer hat sich im Wesentlichen nichts geändert. Damals wie heute ging es um die Leidenschaft für etwas, das Sehen und Ergreifen von Chancen. Ich würde daher auch sagen, dass sich meine Auffassung dessen, was einen erfolgreichen Unternehmer ausmacht, überhaupt nicht von der meines Vaters unterscheidet.

Trotzdem gibt es Unterschiede. Mein Vater hat seine Hotels gemäß internationalen Standards ausgerichtet, während ich jetzt versuchen muss, eben jene Unterschiede zu internationalen Standards herauszuarbeiten – zum Beispiel in der Gestaltung der Hotels. Geändert hat sich auch die Geschwindigkeit der Veränderungen – das Tempo ist rapide gestiegen. Für mich als Unternehmer ist die größte Herausforderung, mit dem Tempo der Wirtschaft Schritt zu halten. Die Zeit verlangt heute wendige Unternehmer! UND WIE SOLLTE DIESER WENDIGE UNTERNEHMER VON HEUTE AGIEREN?

Heute sollte ein Unternehmer gesellschaftliche Veränderungen positiv sehen, weil sie, erstens, sowieso kommen und weil sie, zweitens, diese neuen Unternehmungen erst ermöglichen. Für uns Unternehmer ist die jetzige Zeit dadurch ausgezeichnet, dass wir viele gesellschaftliche Veränderungen sehen, auf die wir mit Konzepten zu reagieren haben. Das bedeutet für mich Unternehmertum.

DAS HOTELUNTERNEHMEN WEITZER wurde im Jahr 1910 von Florian Weitzers Urgroßvater, Johann Weitzer, gestartet und zählt heute die Hotels Weitzer (Graz), Daniel (in Wien und Graz) und Wiesler (Graz) zu seinen Betrieben. Im Jahr 2003 übernahm Florian Weitzer das Unternehmen von seinem Vater Hans Helmut als Geschäftsführer und führt seitdem zahlreiche Umgestaltungen und Neupositionierung durch. Dabei wurden unter anderem die 5 Sterne des ehemaligen Grand Hotels Wiesler abgegeben. Im Jahr 2012 hatte die Weitzer Hotels BetriebsgesmbH einen Umsatz von rund 13,5 Millionen Euro bei etwa 350 Mitarbeitern und 525 Zimmern. 6 _ INVENTURES Nº 01

WANN UND WIE HABEN SIE ENTSCHIEDEN, DEN BETRIEB IHRER ELTERN ZU ÜBERNEHMEN?

Ich habe mich zuerst für den Weg des Wirtschaftsstudiums entschieden und bin damit die klassische Tourismusausbildung umgangen. 2003 hat mein Vater sein volles Vertrauen in mich gesetzt und hat mir die Geschäftsführung der Weitzer Hotels übergeben. Da ich nicht den Ausbildungsweg im Tourismus gegangen bin – übrigens mein Vater auch nicht, er war Doktor der Chemie – sehe ich die Dinge mit einem anderen Blick – eher aus der Sicht moderner Reisender. Folglich sehe ich mich nicht als Hotelier, sondern als Unternehmer bzw. Entrepreneur, weil ich mit meinen Hotels von den klassischen Wegen der Hotellerie abweiche. Der Unternehmer braucht eine Gesamtsicht der Dinge. WELCHE VERÄNDERUNGEN HABEN SIE NACH DER ÜBERNAHME DER HOTELS VORGENOMMEN?

Nach dem Kulturhauptstadtjahr 2003 sank die Auslastung in den Grazer Hotels stark. Wir haben schnell erkannt, dass wir neue Gesamtkonzepte anbieten müssen – also nicht nur Vorhänge oder Betten austauschen. Ich habe versucht, die Preise auf ein Niveau zu bringen, das mir selbst auch angenehm ist. Ich selbst würde zum Beispiel in Graz nicht um 180 Euro übernachten wollen. Die Preisreduktion war dadurch möglich, indem auf Althergebrachtes verzichtet wurde und man gleichzeitig zeitgemäßen Luxus anbietet. So in etwa ist das Hotel Daniel in Graz im Jahr 2005 entstanden. Dabei trieb uns nicht der Expansionsgedanke an, sondern die Lust am Gestalten.


– OPENER –

WAR ES MUTIG, DINGE, DIE IHR VATER IM HOTELUNTERNEHMEN AUFGEBAUT HAT ZU VERÄNDERN, ZUM BEISPIEL DAS HOTEL WIESLER UMZUGESTALTEN – WEG VOM 5-STERNE KONZEPT?

Es war ein unbedingt notwendiger Schritt. Wir wollten uns aus dem Korsett von Vorschriften und Regeln befreien, die die 5-Sterne Klassifizierung vorgibt. „From 5 stars to independence“ gilt für das Wiesler, aber auch in den anderen Hotels verzichten wir auf eine schubladenartige Kategorisierung. Diese Entscheidung war nicht heldenhaft oder mutig, sondern eine zukunftsweisende, unternehmerische Entscheidung. WENN SIE AN DIE GESAMTE SITUATION IN ÖSTERREICH DENKEN, SEHEN SIE DAS LAND ALS UNTERNEHMERISCH UND UNTERNEHMERFREUNDLICH ODER EHER NICHT?

Mit Unternehmungsgeist beziehungsweise Leidenschaft geht man über alle Hürden – auch über bürokratische. Insofern ist ein gewisser Dickschädel, den man mir nachsagt, gerade in Österreich sicher nicht von Nachteil.

WAS FEHLT DER ÖSTERREICHISCHEN UNTERNEHMERKULTUR?

Oft fehlt ihr der Mut: In Österreich wird noch in vielen Bereichen die Demut in den Vordergrund gestellt. Man fragt gerne: Ja, dürfen die das überhaupt? Wir möchten nicht viel fragen, sondern aktiv und optimistisch für die Zukunft sein. Da sind Regeln aus der Vergangenheit genau das Gegenteil. Was auch fehlt, sind Visionen: Man bewegt sich im Kreis und hat Angst, über den eigenen Tellerrand zu blicken. WAS BEDEUTET ES FÜR SIE, ALS UNTERNEHMER MUT ZU BEWEISEN?

Nie im Stillstand zu verharren, sondern mit Enthusiasmus – inklusive der Gefahr zu scheitern – Neues auszuprobieren. Individualität ist uns wichtig und steht für uns ganz oben, was nicht ohne Widerspruch geht. Uns gefällt daher das Motto: Love it or leave it. Prinzipiell wollen wir unsere Gäste mit Leistungen und frischen Ideen überraschen, die sie in einem Hotel sonst selten bekommen. Das ist gleichzeitig unsere Definition von Luxus und die zeitgemäße Energie, die auch alteingesessene Häuser brauchen.

Dadurch heben wir uns – soweit es geht – von Mitbewerbern und bestehenden Hotels ab. WAS WAR EINE SITUATION, IN DER SIE ALS UNTERNEHMER BESONDEREN MUT BEWEISEN MUSSTEN?

Mut? Besser wäre eine Art weiser Voraussicht, denn durch sie ist wesentlich besser beschrieben, worum es bei unternehmerischen Entscheidungen geht: zu erkennen, was es noch nicht gibt, aber eigentlich funktionieren müsste. Unser Unternehmen speist sich durch Ideen. Solange diese im Übermaß vorhanden sind, wird unser Unternehmen wachsen – andernfalls verkümmern. Wir sind auch nicht nach Wien gegangen, um zu expandieren, sondern weil dort Raum für unsere Ideen ist – zum Beispiel im Hotel Daniel Wien – und wir uns dafür Respekt erhoffen.

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– MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT – MedizinWeb/Mobile

DURCH SCHEITERN ZUM ERFOLG FREDRIK DEBONG DER „SUGARDADDY“ VON WIEN. Bevor Fredrik Debong die Handy-App mySugr für Zuckerkranke auf den Markt brachte, forschte der gebürtige Schwede zwei Jahre lang am „falschen Problem“. Jetzt hilft der Diabetiker anderen Patienten dabei, ihren Blutzucker durch Smartphone-Klicks zu kontrollieren und gibt seine Erfahrungen an andere Startup-Gründer weiter. TEXT Chris Hague, Alena Schmuck FOTO Georg Grawatsch, mySugr

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In der Bürogemeinschaft Sektor5 in Wien Margareten ist Fredrik Debong ganz in seinem Element. Zwischen Retromöbeln, Laptops, Zimmerpflanzen und Spinden, die mit Slogans wie „Create meaning, not advertising“ [Kreiere Sinn, nicht Werbung] geschmückt sind, versammelt sich im Coworking Space der Kern der Wiener Tech-Startup-Szene auf ungefähr 580 Quadratmetern. Von hier aus schaffte schon das Startup Qriously den großen Sprung. Mit über 18.000 Nutzern ihrer kürzlich auch in den USA gestarteten SmartphoneAnwendung für Zuckerkranke ist Debong mit mySugr auf dem besten Weg dorthin.

Als Mitbegründer des Wiener Startups ist Debong eine der Schlüsselfiguren der jungen Wiener Startup-Szene, die ihren Ursprung vor etwa fünf Jahren fand. Zu dieser Zeit begann sich in der Hauptstadt eine

STARTUP Ein Jungunternehmen, das sich durch Produktinnovation und ein schnell skalierbares Geschäftsmodell auszeichnet. Der Begriff wurde in der DotcomBlase der späten 1990er Jahre vor allem für Internet- und Tech-Unternehmen populär, bezeichnet aber auch Firmen aus anderen Sektoren.


– MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT –

Gemeinschaft aus ebenso technisch versierten wie unternehmerisch begabten jungen Gründern zu formieren, zu deren Vorbildern unkonventionelle Geschäftsmänner zählen, wie Steve Jobs oder Richard Branson. Seit etwa vier Jahren prägt Debong diese Community maßgeblich mit. Und auch er wurde von Branson und dessen Motto „Das wäre schön, machen wir es doch!“ inspiriert. DAS AHA-ERLEBNIS

Für den gebürtigen Schweden begann die unternehmerische Reise mit einem gescheiterten Forschungsprojekt. Während seines Studiums der Medi-

SICH SELBST UND ANDEREN HELFEN

Debong, der 2004 nach Wien gezogen war, um dort mit seiner österreichischen Freundin zu leben, kam damals ins Gespräch mit einem Venture Capitalist, einem Risikokapitalgeber. Sein Input half Debongs Vision zu klareren Konturen. „Ich bin kein großer Planer, aber ich löse gern Probleme ... Das habe ich zumindest vom Brüten über dem falschen Problem gelernt.“ Aus Debongs Sicht liegen seine persönlichen Anfänge im mySugrProjekt just in diesem Scheitern. Auf die Frage, ob er die zwei Jahre Arbeit an der Universität bereut, antwortet er mit einem

Debong gibt zu, dass er selbst anfangs nicht ganz dafür gerüstet war, alle Seiten des Problems zu erkennen. Es fehlte ihm an Wissen, Erfahrung und auch Aufgeschlossenheit, wie er heute meint. Als er erkannte, dass er damit nicht allein war, erschien ihm STARTeurope als ein guter Weg, gleichzeitig sich und anderen zu helfen, auch wenn es vielleicht einfacher gewesen wäre, sich nur auf das eigene Projekt zu konzentrieren. Was mySugr betrifft, folgt er dem gleichen Gedanken: „Diabetes ist eine Belastung. Wie kann ich sie nicht nur für mich, sondern für alle Diabetiker leichter machen?“

„ICH BIN KEIN GROSSER PLANER, ABER ICH LÖSE GERN PROBLEME“ Fredrik Debong zinischen Informatik an der Technischen Universität Wien arbeitete Debong an einem Diabetes-Forschungsprojekt – ein Unterfangen, das er jetzt als „einen zweijährigen Versuch, das falsche Problem zu lösen“ beschreibt. Ziel des Projektes war es, ein Plugin-System zu entwickeln, aus verschiedenen Blutzuckermessgeräten Diabetesdaten zu erfassen und alles in einer Software-Anwendung zu verbinden. Seit seiner Kindheit leidet Debong selbst an einer Form von Diabetes mellitus mit absolutem Insulinmangel. Ein normales Leben führen und überleben kann er nur mit Insulin. Den Bedarf dafür muss er errechnen, indem er jede Mahlzeit und auch körperliche Aktivitäten erfasst und mehrmals täglich seinen Blutzuckerspiegel misst. Das permanente Überwachen kann jedoch zu einem „Diabetes Burn-Out“ führen, wie Debong es nennt. Schnell fühlt man sich in diesem Rhythmus zu sicher, was lebensbedrohlich sein kann. Daher wurde ihm klar, dass es nicht reichen würde, die Informationeneinfachnurabzufragen und zu speichern. Man müsste sie in einen breiteren Kontext stellen.

Schulterzucken. „Manchmal dauert das so lange, bis man ein Aha-Erlebnis hat.“ Tatsächlich bedauert er nur, dass er die Zeit nicht mit seinem mittlerweile 6-jährigen Sohn und seiner Freundin verbracht hat. Nach dem Universitätsprojekt schloss sich Debong 2009 mit anderen aufstrebenden Jungunternehmern und Studenten zusammen und gründete STARTeurope mit. Das mittlerweile als Pioneers bekannte Netzwerk veranstaltet Ende Oktober zum zweiten Mal das gleichnamige Startup-Festival in der Wiener Hofburg. Ziel der Vereinigung ist es, jungen Gründern bei der Planung, Umsetzung und Vermarktung ihrer Visionen zu helfen und die europäische Unternehmenskultur – und Risikobereitschaft – zu fördern. Obwohl Debong auf der Plattform derzeit weniger aktiv ist, steht sie doch stellvertretend für seinen grundlegenden Wunsch, Menschen zu unterstützen, die gute Ideen haben, aber noch nicht das Know-how oder die nötige Kompetenz, um sich auf dem Markt zu behaupten.

DIABETES IST KEIN SPIEL – MIT MYSUGR KANN MAN TROTZDEM GEWINNEN

Diabetes wirkt sich nicht nur auf das Leben der Patienten, sondern auch auf das ihrer Familie und Freunde aus. Der Vater des Schweden schob Überstunden in der Bekleidungsindustrie, damit sich Debongs Mutter einem weiteren Vollzeitjob widmen konnte: die Bauchspeicheldrüse ihres Sohnes unter Kontrolle zu behalten. Erst nachdem Debong als Erwachsener die Verantwortung seiner Mutter übernommen hatte, wurde ihm bewusst, wie herausfordernd es wirklich ist, Kontrolle über die Krankheit zu erlangen. Aber auch seine Sorgfalt hat ihre Grenzen, gibt er zu: „Wir [Diabetiker] brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können.“ mySugr setzt genau dort an. Die für Smartphones entwickelte Handy-Anwendung mySugr Companion erlaubt es den Anwendern, Mahlzeiten, Blutzuckerspiegel und Insulininjektionen zu erfassen – in Zahlen und Fotos –, um ihren Insulinbedarf dementsprechend im Auge behalten zu können, später auf Erfahrungswerte zurückzugreifen und die Krankheit so besser unter Kontrolle zu bekommen. Zur Anwendung motiviert werden die Nutzer auf spielerische Weise nach dem Prinzip der

NAME: FREDRIK DEBONG ALTER: 32 JAHRE LIEBLINGSFARBE: HELLBLAU LIEBLINGSFRUCHT: MANGO DIABETIKER seit 1984 und permanent verkabelt. Besonders auf die Bauchspeicheldrüse muss er aufpassen, wie auch mySugrMitbegründer Westermann.

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– MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT –

2013 APRIL Gründung von mySugr Inc. in San Francisco, gemeinsam mit dem JointVenture Partner Delta-PM

MEILENSTEINE 2012 MÄRZ Investment durch Business Angel Johann „Hansi“ Hansmann

2010 SOMMER Ideenentwicklung

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2 2011 OKTOBER Gewinn TechCrunch Award Wien

4 3 2012 FEBRUAR Gründung mySugr GmbH

Gamifizierung: Jedes Mal wenn die App genutzt wird und Diabetes-Daten eingegeben werden, werden Punkte gesammelt und der User mit nützlichem Feedback belohnt. Auf dem gleichen Konzept basiert auch die kürzlich auf den Markt gekommene mySugr Junior App, die an die Bedürfnisse von Diabetes-Patienten zwischen 6 und 10 Jahren angepasst ist und wie ein Computerspiel funktioniert. Die App gewöhnt die Kinder nicht nur spielerisch an die Kontrolle des Blutzuckers, sondern sendet ihre Daten automatisch an die elterlichen Smartphones. So können diese den Überblick behalten und notfalls handeln. Debong greift dabei auf seine persönlichen Erfahrungen als Computerspielefan zurück. „Bei jeder Etappe, die du schaffst, gibt es Belohnungspunkte, mit so und so vielen Punkten pro Tag bekommst du einen Goldstern, und mit genügend Goldsternen besiegst du das Diabetes-Monster!“ Auch Debongs Sohn Elliot, der selbst nicht an Diabetes leidet, ist begeisterter Nutzer der Anwendung.

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2012 APRIL Launch der mySugr App in Österreich

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2013 JUNI Launch der mySugr App in den USA

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2013 JANUAR Erlangung der ISO 13485 Zertifizierung

10 2013 AUGUST Start der Zusammenarbeit mit Sanofi und T-Mobile in Österreich

2012 JUNISEPTEMBER Launch der App in Deutschland, England, Frankreich, Italien und 5 weiteren europäischen Märkten

ANTWORT MIT GROSSER WIRKUNG mySugr, das wünscht sich der Unternehmer, soll sich wie eine persönliche Erweiterung der Nutzer anfühlen, denn „je stärker die Beziehung, die zur Information aufgebaut wird, desto eher fühlt man sich zuständig dafür, und für die Therapie“. Diese Bezugnahme durchzieht das gesamte Geschäftsmodell von mySugr, das durch Downloads und Partner wie Sanofi und T-Mobile finanziert wird. Es spiegelt sich auch im persönlichen Kontakt von Innovationsmanager Debong mit den Nutzern wider: Sie sind nicht allein, und er ist einer von ihnen. Debong spricht offen über eine gewisse Kluft zwischen der Technik- und der Geschäftswelt: Geschäftsmenschen verstehen oft Innovationen nicht und Techniker wissen nicht, wie sie damit auf den Markt kommen. Auch er habe diesbezüglich Nachholbedarf und umgibt sich am liebsten mit Menschen, die nicht nur mehr wissen als er, sondern auch seinen Wunsch nach Veränderung teilen. „Du hast die Wahl – was willst du bewirken und wie kannst du es erreichen? Arbeite an einem Problem, das dich fasziniert, und entwickle die Welt zum Guten weiter.“ Für Debong ist dieses Problem die weltweit steigende Diabetiker-Rate, auf die der er mit mySugr antworten will.

INFO DER mySugrCOMPANION hilft Zuckerkranken dabei, ihre Therapie zu überwachen indem sie Mahlzeiten, Blutzuckerspiegel und Insulinbedarf damit erfassen und analysieren können. Die Anwendung ist die weltweit einzige medizinische Standalone DiabetesApp, die offiziell mit der CE-Kennzeichnung versehen wurde. Die mySugr GmbH wurde von Fredrik Debong, Frank Westermann, Gerald Stangl und Michael Forisch 2012 gegründet. Seit dem Start der mySugr-App im April 2012 wird die Anwendung von über 18.000 Zuckerkranken vorwiegend in Österreich, Deutschland und Italien, seit Kurzem aber auch in den USA, als Unterstützung ihrer Therapie genutzt. Das Team besteht zum Großteil selbst aus Diabetikern. Mehr zum Thema: www.inventures.eu/tag/mySugr


– MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT – Design

UNTERNEHMERIN WIDER ERWARTEN VALENTINE TROI DIE UMSTEIGERIN. „Der Exit ist nicht meine ‚Karotte’”, sagt Valentine Troi. Dabei wusste sie bis vor kurzem nicht einmal, was ein Exit ist. Mit ihrem Startup superTEX entwickelt die Architektin in Telfs in Tirol innovative Verbundwerkstoffe, die nicht nur für Architektur und Design, sondern auch in der Autoindustrie und Raumfahrt Verwendung finden. TEXT Alena Schmuck FOTO superTEX

Für einige ist die Unternehmensgründung ein konkretes Karriereziel. Für andere ergibt sie sich eher ungeplant – als Möglichkeit, die ergriffen wird. Valentine Troi ist so ein Fall. Die Architektin unterrichtete nach ihrem Studium in Innsbruck Freiformgeometrie. Dabei fiel ihr ein Problem auf: Die unregelmäßigen Entwürfe ihrer Studenten konnten kaum in den üblichen Materialien, Holz und Metall, zu Modellen umgesetzt werden. Als sie keine Alternativen fand, nahm Troi die Sache selber in die Hand.

„HÄTTE MAN MIR NICHT PERMANENT AUF DIE SCHULTER GEKLOPFT UND GESAGT, DASS ICH DAS GUT MACHE, HÄTTE ICH VERMUTLICH AUFGEGEBEN“ Valentine Troi Mit einem kleinen Team und Unterstützung der Uni begann 2009 die Forschung und Entwicklung. Bald war in der Firma Thöni ein Industriepartner gefunden, der bei der Herstellung von flexiblen Faserrohren half. Als sich das Projekt weg von reiner Forschung in Richtung Produktentwicklung bewegte und die Uni Interesse verlor, sah Troi das Vorhaben zunächst bedroht. Dann realisierte sie, dass sie daraus eine eigene Firma gründen könnte. Troi arbeite zu dieser Zeit hauptsächlich allein an „splineTEX“, einem Verbundwerkstoff, der sich, wie sich herausstellte, nicht nur für Modelle eignete, sondern durch seine

flexible und leichte Beschaffenheit auch den Bedürfnissen von Autoindustrie, Luft- und Raumfahrt sowie Sportartikelherstellern entspricht.ImRahmeneinesGründerprogramms der Universität wurde das Material patentiert.

einem durch Förderungen abgenommen. Dadurch können Startups einfach loslegen und flexibel bleiben.“ Auch die superTEX GmbH wurde 2011 mit öffentlicher Unterstützung – vom AWS und CAST gegründet.

DIE GEBORENE UNTERNEHMERIN – OHNE GESCHÄFTSKENNTNISSE

EIN SINNVOLLES PRODUKT, DAS DIE WELT BRAUCHT

Während Troi gut mit der selbstbestimmten und unabhängigen Arbeitsweise zurechtkam, die ‑ wie sie sagt ‑ für Architekten normal ist, fehlten ihr die betriebswirtschaftlichen Basics. Das akademische Spin-Off Center CAST in Tirol unterstützte sie bei der Firmengründung 2011 und dabei, sich diese Business-Kenntnisse anzueignen. Am schwierigsten waren für die Geschäftsführerin aber die administrativen Aspekte: eine Konzession und Genehmigungen für die Produktion zu bekommen, von einem Magistrat zum nächsten geschickt zu werden. „Hätte man mir damals nicht permanent auf die Schulter geklopft und gesagt, dass ich das gut mache, hätte ich vermutlich aufgegeben“, erinnert sich die Mittdreißigerin. Trotzdem glaubt die gebürtige Südtirolerin nicht, dass es Gründern hierzulande besonders schwer gemacht wird. „Italien ist noch um einiges wilder, was die Bürokratie angeht.” Troi ist davon überzeugt, dass man forschungsintensive Unternehmen in Österreich relativ leicht auf die Beine stellenkann: „Die wirklichen Risiken werden

Das patentierte splineTEX eignet sich überall dort zum Einsatz, wo leichtgewichtige Schläuche und Rohre gebraucht werden, zum Beispiel für Kühlungsrohre in Autos. Im letzten Jahr lag der Umsatz der Firma bei 50.000 Euro, bis 2015 soll die Produktion in Telfs jedoch so weit automatisiert werden, dass Stückzahlen im sechsstelligen Bereich erzeugt werden können – mit entsprechendem Umsatzzuwachs. „Wenn ich mir meine Architektenkollegen anschaue, die nächtelang in ihren Büros schuften und um neue Kunden und Projekte kämpfen, bin ich wirklich froh, diesen Weg gegangen zu sein“, sagt Troi heute. Die Karrierewendung hatte einen weiteren Vorteil: „Ein eigenes Unternehmen zu starten hat es mir ermöglicht, in Tirol zu bleiben, das wollte ich nicht zuletzt wegen der Natur“, so die passionierteKletterinundDownhill-Bikerin. Heute ist sie stolz darauf, dass sie mit superTEX „ein sinnvolles Produkt, das die Welt braucht“, entwickelt hat und in ihrer Firma ein angenehmes Arbeitsklima herrscht. „Einmal wurde ich gefragt, was meine ExitStrategie sei. Ich dachte, damit sei gemeint, was passieren soll, wenn ich die Firma unvorhergesehen verlassen sollte, etwa durch einen Flugzeugabsturz. Ich kannte den Ausdruck nicht im Unternehmenskontext“, lacht sie über ihr Unwissen, in dem sich aber auch ihr idealistischer Zugang offenbart. „Es ging mir nie darum, eine Firma aufzubauen, um sie nach ein paar Jahren zu verkaufen. Für mich ist es wichtig, etwas Nachhaltiges aufzubauen. Ein Lebensprojekt – etwas, das ich mein ganzes Leben lang machen könnte. Ich werde vielleicht nicht ewig Geschäftsführerin sein, aber meine ‚Karotte’ ist nicht das Geld, sondern eine attraktive Firma. Diese Einstellung hilft einem als Unternehmer, weil das ist echte Motivation.“

NAME: VALENTINE TROI ALTER: 36 JAHRE Die aus Südtirol stammende Architektin und Geschäftsführerin der superTEX GmbH in Telfs ist passionierte Kletterin und Downhill-Bikerin.

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– MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT – Design

INFO DIE HELIOZ RESEARCH AND DEVELOPMENT GMBH wurde 2010 mit Firmensitz in Wien von Martin Wesian, Christian Müller und Georg Penteker gegründet. Wesian hält 55 Prozent der Firmenanteile. Demnächst startet die Serienproduktion des Wasserdesinfektionsgeräts WADI, das für ungefähr 10 Euro pro Stück ab Herbst vertrieben werden soll.

DER ZAUBERER VON (HELI)OZ MARTIN WESIAN

DER SOCIAL ENTREPRENEUR. Martin Wesian, Gründer von Helioz, ist einer der wichtigsten Unternehmer mit sozialem Anspruch in Österreich. Mit WADI entwickelte er ein solarbetriebenes Gerät zur einfachen Desinfektion von Trinkwasser in Plastikflaschen, das leistbar ist. TEXT Michael Bernstein FOTO Ian Ehm

Gutes Tun und damit Geld verdienen muss kein Widerspruch sein. Das weiß Martin Wesian. Der 38-Jährige hat mit seiner Firma Helioz WADI entwickelt, ein simples solarbetriebenes Wasserdesinfektionsgerät für PET-Flaschen (WADI steht für water disinfection), das auf das so genannte bottom of pyramid (BOP) Marktsegment abzielt - die größte,aberauchärmsteBevölkerungsgruppeinEntwicklungsländern. Üblicherweise wird diese Zielgruppe von europäischen Unternehmern kaum beachtet. Aber Wesian handelt zuallererst aus Idealismus und dann aus Geschäftssinn. Doch auch ihm stellte sich immer wieder die Frage nach dem Umgang mit Profiten und der Vereinnahmung durch wirtschaftliche Interessen. Ursprünglich im Kunst- und Kulturmanagement tätig, kam Wesian bei der Lektüre eines Zeitungsartikels zum Thema Trinkwasserdesinfizierung durch Sonnenlicht die Idee zu WADI. Durch längere Aufenthalte in Südamerika, Asien und Afrika im entwicklungspolitischen Kontext, hatte sich der gebürtige Vorarlberger aus erster Hand ein Bild über die Lebensumstände der dortigen Bevölkerung machen können und wusste über das Problem der Beschaffung sauberen Trinkwassers, vor allem in entlegenen Regionen. Nach einigen Stationen in Berlin und der Schweiz studierte er in Wien Wirtschaftsingenieurswesen und entwickelte in seiner Diplomarbeit den Prototypen von WADI. Das Projekt stieß auf Anklang. 2009 erhielt er einen Anruf von Ärzte ohne Grenzen, die Wesian als Projektmanager für den Wasserund Sanitärbereich in einem Flüchtlingslager in Kenia gewinnen wollten. Am nächsten Tag erfuhr er, dass WADI den Energy Globe Award, e gewonnen hatte. Das positive Echo bewog ihn dazu, nach einem Wochenende voller Abwägungen und mithilfe finanzieller Starthilfe ein Unternehmen zu gründen. Tatsächlich glaubte kaum jemand aus seinem Umfeld daran, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. 12 _ INVENTURES Nº 01

Aus der ursprünglich für ein paar Monate geplanten Produktentwicklung wurde eine längere Testphase im Labor, die Wesian durch Unterstützung von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und von ZIT, der Technologieagentur der Stadt Wien, finanzieren konnte. Die ersten WADIs wuden noch im Keller des Helioz-Büros produziert. Geld für Marketing gab es keines, aber zahlreiche Preise, die der Helioz GmbH insgesamt rund 70.000 Euro an Finanzierung einbrachten, sorgten gleichzeitig für die nötige internationale PR. DAS INVESTORENDESASTER

„Vielen Investoren gefiel unser Business-Plan wegen der guten Kapitalerträge, aber auch aufgrund des sozial-humanitären Anspruchs unseres Konzepts“, so Wesian. Doch nicht alle potenziellen Geldgeber hatten die richtigen Intentionen. Für einen Investor stand die soziale Dimension des Produkts eher im Hintergrund. Er empfahl, die Lebensspanne von WADI durch geplanten Verschleiß auf zwei statt der geplanten fünf Jahre zu senken. Doch Wesian ging keinen Kompromiss ein. Um die Massenproduktion zu ermöglichen und WADI somit kostengünstig seiner Zielgruppe zugänglich zu machen, entschied sich Wesian schließlich für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit der Salzburger Aluminium Truppe, SAG. Es schien alles perfekt und der Markteinstieg war für August 2012 geplant. „Schon im Mai hatten wir Vorbestellungen für 80.000 Stück und Absichtserklärungen für eine weitere Million.“ Ein großer österreichischer Betrieb, der die humanitären Ziele von Helioz mittrug, wurde mit der Anfertigung von 200.000 Geräten beauftragt. Doch plötzlich zögerte SAG und bestand darauf, dass Helioz zuerst nur die bestätigten Bestellungen ausführen sollte. Unter diesen Umständen konnte die Produktion nicht beginnen und Helioz musste seinen Kunden diese Hiobsbotschaft übermitteln. Es kam noch schlimmer: SAG wollte seinen Status als gleichberechtigter Partner nicht aufgeben und das hielt auch andere Investoren davon ab, sich am Projekt zu beteiligen. Wesian spricht heute darüber als „unser Investorendesaster“. „Es war wirklich schade“, seufzt Wesian, wobei es ihm weniger um den eigenen Profit, als um die Menschen, die nicht von seiner Erfindung und somit von sauberem, leistbarem Trinkwasser profitieren konnten, ging.


– MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT – ÖkoService system

„ICH BIN NICHT GERNE ALLEIN“ ROMY SIGL

DIE GESELLIGE. Einsamkeit ist ein Problem, das Romy Sigl nur selten betrifft. Als Gründerin des Gemeinschaftsbüros CoWorking Salzburg genießt sie es, von Menschen umgeben zu sein. Wichtige Entscheidungen trifft sie aber lieber ganz alleine.

TEXT Alena Schmuck FOTO Andreas Hechenberger, Ferry Gschwandtner „Es gibt einen gewissen Überraschungseffekt, wenn mich Leute kennenlernen”, meint Romy Sigl. „Ich bin zwar relativ jung, klein und weiblich, kann aber ganz schön anstrengend werden.” Ihre Mission: in Salzburg Staub aufwirbeln. Das macht sie seit mehr als einem Jahr mit CoWorking Salzburg, dem ersten CoWorking Space [siehe Erklärung unten und auf Seite 14] der Stadt.

„ICH BIN IN EINER SOZIALEN UMGEBUNG VIEL KREATIVER“ Romy Sigl Mit der Bürogemeinschaft hat die Unternehmerin einen wichtigen Grundstein für die Salzburger Startup-Szene gelegt. Sie bietet nicht nur Platz zum Arbeiten und Netzwerken, sondern organisiert auch Veranstaltungen, bei denen sich Gründer informieren und untereinander austauschen können. Inspiriert dazu wurde die aktive junge Frau allerdings während einer eher passiven Tätigkeit: beim Fernschauen. “Vor ungefähr drei Jahren hab ich eine Dokumentation über das Betahaus in Berlin gesehen und dachte mir: ‚So etwas brauchen wir in Salzburg!’“ Sie testete zuerst die Nachfrage.

COWORKING SPACE Eine Bürogemeinschaft, die durch relativ günstige Mieten und Möglichkeiten zum vernetzten Arbeiten vor allem bei Startups und Selbstständigen beliebt ist. Mittlerweile gibt es auch in Österreich über zwanzig davon, darunter Sektor5 und HUB Vienna in Wien, CoWorking Salzburg, Daxbau in Linz und die Managerie in Graz.

„Ich hab auf Facebook herumgefragt, wer Interesse hätte, sich in so etwas einzumieten. Zwanzig Leute haben sich sofort bei mir gemeldet, da hab ich mir gedacht, ich probiers einfach.“ Den Schritt in die Selbstständigkeit hatte die FH-Absolventin des Lehrgangs Design und Produktmanagement, die nach dem Studium in der Designagentur Kiska gearbeitet hatte, bereits davor gewagt. „Die Agentur war eine Brutstätte für Selbstständige. Das darf man nicht falsch verstehen, man lernt sehr viel, aber einige der klugen Köpfe wollten nach gewisser Zeit einfach ihre eigene Sache machen.“ GRÜNDE NUR MIT JEMANDEM, DEN DU AUCH HEIRATEN WÜRDEST

Sigl wollte den CoWorking Space ursprünglich zusammen mit zwei weiteren Gründern aufbauen. Die Konstellation stellte sich aber als suboptimal heraus. „Das Problem war, die anderen beiden haben immer im Konjunktiv gesprochen - ‚Wenn wir das tun würden, dann könnten wir ...’ - anstatt etwas zu tun.“ Letztlich hatte sie eine entscheidende Erkenntnis: „Mit jemandem ein Unternehmen zu gründen ist so, wie wenn man jemanden heiratet. Ich musste den Tatsachen ins Auge sehen und den beiden sagen: ‚Burschen, nehmt es mir nicht übel, aber ich würde keinen von euch heiraten’.“ Ohne zusätzliche finanzielle Mittel öffnete der CoWorking Salzburg im Jänner 2012 seine Pforten. Heute genießt Sigl ihre Unabhängigkeit, auch wenn das lange Arbeitszeiten bedeutet. „Ich finanziere den CoWorking Space durch andere Jobs quer, mein Tag hat also 16 Stunden.“ Ob es nicht anstrengend ist, ständig von anderen Menschen umgeben zu sein, die netzwerken und sich austauschen wollen? „Ich bin in einer sozialen Umgebung viel kreativer“, meint die Salzburgerin. „Und ich bin auch nicht gerne allein. Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen und brauche Menschen um mich herum. Vielleicht ist das der Grund, warum ich ein Gemeinschaftsbüro gegründet hab.“ Gilt das auch für ihre Co-Worker? „Die meisten kommen zu uns, weil unser Büro attraktiver ist als ihr Wohnzimmer. Der Grund, warum sie bleiben, ist aber ein anderer. Mit der Zeit sehen sie die Möglichkeiten, sich zu vernetzen; die Art und Weise, wie man von den Menschen um sich herum, die alle an anderen Projekten arbeiten, profitiert.“

NAME: ROMY SIGL ALTER: 31 JAHRE Die ausgebildete Produktdesignerin betreibt neben CoWorking Salzburg die Marketing- und Designagentur Auf*Wind, leitet das neue designforumSALZBURG 
und vertreibt mit momi-happy hats selbstdesignte, handgemachte Hauben. Motto: Mach mehr davon, was dich

glücklich macht, mach es oft und hinterlasse einen Eindruck – der Rest kommt dann von allein! Sigls persönliches Umfeld war erst skeptisch in Bezug auf ihre unternehmerischen Ambitionen. „Mein Freund war besorgt und fand das Risiko zu hoch. Auch andere Leute und Institutionen, mit denen ich zusammenarbeiten wollte, meinten, es würde nicht funktionieren.“ Aber das motivierte Romy Sigl: „Ich wollte den Gegenbeweis antreten.“

INVENTURES Nº 01 _ 13


– MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT –

ROMY SIGL „Ich bin zwar relativ jung, klein und weiblich, kann aber ganz schön anstrengend werden.”

FREDRIK DEBONG brachte die Handy-App mySugr für Zuckerkranke auf den Markt.

INFO CoWORKING SALZBURG ist ein Gemeinschaftsbüro im Technologie Zentrum Salzburg, in dem über 20 Mieter vornehmlich aus dem kreativen und dem Online-Sektor „gemeinsam, selbstständig arbeiten“, – und das oft bis spät in die Nacht hinein.

Mehr Informationen zu Büro und Mietern gibt es auf coworkingsalzburg.com

14 _ INVENTURES Nº 01


– MENSCHEN MIT UNTERNEHMERISCHEM MUT –

VALETINE TROI „Es ging mir nie darum, eine Firma aufzubauen, um sie nach ein paar Jahren zu verkaufen.“

FACTS splineTEX Das patentierte splineTEX eignet sich überall dort zum Einsatz, wo leichtgewichtige Schläuche und Rohre gebraucht werden, zum Beispiel für Kühlungsrohre in Autos.

MARTIN WESIAN entwickelte WADI, ein solarbetriebenes Gerät zur einfachen Desinfektion von Trinkwasser in Plastikflaschen.

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FIN IRL S GR IL ROK N RC P UK A SK NL SGP USA

Inside

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– INFO –

2005

GLOBAL ENTREPRENEURSHIP MONITOR 2007 2012

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UNTERNEHMERTUM IN ÖSTERREICH

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2011

Österreichs Unternehmer werden jünger und weiblicher.

(Quelle: GEM Adult Population Survey 2012)

INTERNATIONALER VERGLEICH JUNGUNTERNEHMERRATE (TEA) Österreich hat aufgeholt – 2012 lag das Land mit seiner Jungunternehmerrate unter den innovationsbasierten Ländern an fünfter Stelle. (Quelle: GEM Adult Population Survey 2012)

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2005

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TEXT Alena Schmuck GRAFIK Tobias Monte, GEM

Ist Österreich ein Land mit ausgeprägtem Fünf Jahre und eine Finanzkrise später Unternehmergeist? Die meisten würden zeigt sich ein anderes Bild. 2012 war Österdiese Frage wohl eher vorsichtig verneinen. reich mit einer TEA-Rate von 9,6 Prozent Das belegte vor sechs Jahren auch der GEM unter Österreichern zwischen 18 und Report: Österreich besetzte laut dieser welt- 64 Jahren weltweit am fünften Platz unter weit größten Studie zum Unternehmertum den so genannten innovationsbasierten 2007 weltweit den letzten Platz in Bezug auf Ländern, 24 Industriestaaten mit ähnlichem seine Jungunternehmerrate – die Total Early wirtschaftlichen Entwicklungsstand. Damit 30.000 Stage Entrepreneurial Activity (TEA), die Singapur, VorgründerInnen Neue liegt das Land hinter den USA,JungUnternehmerInnen unternehmerInnen Unternehmen von bis zu 3,5 Jahren erfasst. den Niederlanden und der Slowakei und;(TEA) 25.000 Das wurde damals unter anderem auf die innerhalb der EU sogar auf dritter Stelle. In 20.000 hohe positive Beschäftigungsentwicklung den folgenden Infografiken haben wir die der Jahre 2006 und 2007 in Kombination mit 15.000 wichtigsten Ergebnisse und Trends zusamder für Österreich typischen Risikoaversion mengefasst, um einen Überblick zur Lage des zurückgeführt. Unternehmertums in Österreich zu geben.

2008

2005

ES TUT SICH WAS. Zum ersten Mal seit sechs Jahren nahm Österreich letztes Jahr am Global 2007 Entrepreneurship Monitor (GEM), der weltweit größten Studie2012 über Unternehmertum, teil. Im Mai wurden die überwiegend erfreulichen Ergebnisse präsentiert.


ROK UnternehmerInnen unternehmerInnen (TEA) UnternehmerInnen N RC – INFO – P UK A SK NL SGP UNTERNEHMERISCHE USA AKTIVITÄT IN ÖSTERREICH (IN % DER BEVÖLKERUNG 18-64 JAHRE)

Wachstum seit dem Rückgang von 2007. Die Jungunternehmerrate hat sich in den letzten sechs Jahren fast vervierfacht. Die gesamte unternehmerische Aktivitat hat in Österreich vor allem im Vergleich zu 2007 zugenommen.

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2012 vorläufig

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(Quelle: GEM Adult Population Survey 2005, 2007, 2012)

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(Quelle: WKO 2013)

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35.000

2008

Nach einem Einbruch im Jahr 2007 und der Finanzkrise 2009 stieg die Zahl der Unternehmensgründungen im Jahr 2010, war im Vorjahr aber 1,0 leicht rückgängig.

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UNTERNEHMERTUM ALS ERSTREBENSWERTE KARRIEREMÖGLICHKEIT – INTERNATIONALER VERGLEICH 5

Österreicher erachten eine Unternehmensgründung mehrheitlich nicht als erste Karrierealternative.

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(Quelle: GEM Adult Population Survey 2012)

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– INTERVIEW – Inside

„MIR IST JEDES UNTERNEHMEN, DAS STEUERN ABLIEFERT, RECHT.“ MARIA FEKTER:

INTERVIEW

Als Innenministerin griff sie hart gegen Asylwerber durch, in ihrem aktuellen Ressort ist der Finanzministerin die Herkunft von Unternehmern egal. Uns hat die ÖVPPolitikerin Fragen zu ihrer Karriere als Frau in männlich dominierten Bereichen beantwortet und Tipps für Jungunternehmer mitgegeben. INTERVIEW Inventures FOTO BMF WIE WAR ES FÜR SIE, MIT 30 JAHREN DEN BETRIEB IHRER ELTERN ZU ÜBERNEHMEN?

Nachdem es ja ein Familienbetrieb ist, bin ich damit groß geworden, dass es sich bei uns immer irgendwie ums Geschäft dreht. Aber natürlich musste ich mir – gerade als Tochter vom Chef – meine Sporen verdienen. Schnell habe ich gelernt, dass hinter jedem hart verdienten Euro viel Leistung steckt. Doch der Mensch wächst immer mit seinen Aufgaben.

„SEIT 22 JAHREN HEISST ES: BLOND, BLAUÄUGIG UND AUS DER PROVINZ“ Maria Fekter WAR ES DABEI FÜR SIE SCHWIERIG, SICH IN EINEM MÄNNLICH DOMINIERTEN BEREICH DURCHZUSETZEN?

Prinzipiell bin ich gegen Kategorisierungen in typisch männlich – typisch weiblich. Aber ja, es stimmt: Zeit meines Lebens habe ich mich eher in Bereichen bewegt, in denen ich mehr mit Männern als mit Frauen zu tun hatte. Und seit 22 Jahren heißt es: blond, blauäugig und aus der Provinz. Damit lernt man umzugehen. 18 _ INVENTURES Nº 01

WELCHE EIGENSCHAFTEN MUSS MAN, IHRES ERACHTENS, MITBRINGEN, UM EIN GUTER UNTERNEHMER ZU SEIN?

Durchsetzungsfähigkeit und Krisenfestigkeit sind wichtige Attribute, um erfolgreich sein zu können. Genauso wie Konsequenz und Geradlinigkeit. Denn gerade zwischen Unternehmern zählt die Handschlagqualität. Man muss sich auf das Wort des anderen verlassen können. WIE HAT IHRE UNTERNEHMERISCHE KARRIERE DIE ART UND WEISE, WIE SIE POLITIK BETREIBEN, BEEINFLUSST?

Ich sehe mich auch als Managerin, denn ich stehe als Finanzministerin an der Spitze des Schlüsselressorts der Republik. Sowohl für den Generaldirektor eines Unternehmens als auch für mich gilt: Wir müssen uns auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlassen können und delegieren – dabei jedoch immer den Überblick behalten. UND WELCHE POLITISCHEN MASSNAHMEN WÜRDEN HELFEN, UM ÖSTERREICH ALS UNTERNEHMENSSTANDORT INTERESSANTER ZU GESTALTEN?

Grundsätzlich kann man gerade das Unternehmertum in unserem Land nicht genug fördern und entlasten – wir haben in diesem Bereich noch viel Potenzial. Wir wollen daher bestmöglicheRahmenbedingungenschaffen und einen attraktiven Wirtschaftsstandort gewährleisten. Gerade Pauschalierungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Insbesondere für Klein- und Mittelunternehmen kann ich mir vorstellen, diese auszuweiten und so weitere Vereinfachungen zu erreichen.

MARIA FEKTER (57) ist als Finanzministerin unter anderem mit der Vergabe von Geldern an Jungunternehmer betraut, aber auch selbst als Unternehmerin tätig. Ihre führende Rolle in der familieneigenen Kieswerke-Transportbeton GmbH brachte ihr den Spitznamen „Schottermizzi“ ein.

IN ÖSTERREICH IST DIE JUNGUNTERNEHMERQUOTE UNTER MENSCHEN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND BESONDERS HOCH. KÖNNTE DAS BEDEUTEN, DASS EINWANDERUNG FÜR ÖSTERREICH EINE CHANCE FÜR MEHR UNTERNEHMERISCHE AKTIVITÄT DARSTELLT?

Meiner Meinung nach zählt die Leistung, nicht die Herkunft. Jeder, der sich in Österreich redlich bemüht, kann hier erfolgreich sein. Und mir ist als Finanzministerin jedes Unternehmen, das Steuern abliefert, recht. WELCHE TIPPS WÜRDEN SIE JUNGEN GRÜNDERN IN ÖSTERREICH MITGEBEN?

Mein Rat: Bleiben Sie sich treu, seien Sie konsequent und lassen Sie sich nicht von Ihrem Weg abbringen! Engagement und der Wille, sich für eine Sache einzusetzen, können niemals falsch sein.


– MIGRATIONSUNTERNEHMER – Inside

UNTERNEHMER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND Unternehmerische Aktivität von MigrantInnen

DIE JUNGUNTERNEHMERQUOTE ist in Österreich unter Menschen mit Migrationshintergrund höher als unter dem Rest der Bevölkerung. TEXT Sarah Stamatiou, Mina Nacheva FOTO/GRAFIKEN versichern24.at/ Tobias Monte

Ein Unternehmen zu gründen ist nicht leicht. Man kann sich vorstellen, dass es noch einmal schwieriger ist, wenn man das in einem Land tut, dessen Landessprache nicht die Muttersprache ist und dessen Kultur Unterschiede zur eigenen aufweist. 18 Prozent der österreichischen Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Interessanterweise ist der Jungunternehmeranteil unter diesen Menschen in Österreich besonders hoch. Mit einem Prozentsatz von ingesamt 19 Prozent von Jungunternehmern mit Migrationshintergrund reiht sich das Land damit laut Global Entrepreneurship Monitor (siehe Artikel auf Seiten 18 und 19) innerhalb der innovationsbasierten Staaten nur knapp hinter den traditionellen Einwanderungsländern, dem Vereinigten Königreich und den USA sowie Singapur ein. Es scheint kein Widerspruch zu sein, dass Einwanderer und Menschen mit Migrationshintergrund „unternehmerischer“ handeln als so mancher Einheimische. Einer Studie von Romana Haberfellner aus dem Jahr 2011 zufolge, steht für sie das Unabhängigkeitsmotiv stärker bei der Unternehmensgründung im Vordergrund als bei „Einheimischen“. Das lässt sich unter anderem auf ihre benachteiligte Situation am Arbeitsmarkt zurückzuführen. Diana Radulovski (27) ist eine junge Unternehmerin, die nicht nur aus Gründen der Selbstverwirklichung in Österreich ihr eigenes Unternehmen gestartet hat. Die gebürtige Bulgarin kam 2007 als Studentin nach Österreich. Wie für andere Bürger aus neuen EU-Staaten galt für sie eine siebenjährige Sperre zum Arbeitsmarkt. Gemeinsam mit ihrem Mann Ivo machte sie aus der Not eine Tugend und gründetete mit ihm noch

im selben Jahr das Startup versichern.at. Die Website ermöglicht es Kunden, unterschiedliche Versicherungsanbieter zu vergleichen und online Verträge abzuschließen. Auf den ersten Blick waren Diana und Ivo Radulovski als Existenzgründer mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie viele einheimische Jungunternehmer: die Skepsis war groß, es fanden sich weder Investoren, noch eine Bank, die ihnen einen Kredit geben wollte. Nach einer schwierigen Anfangsphase konnte sich die Website aber zur führenden Versicherungsplattform in Österreich, mit 1500 Besuchern pro Tag und 15 Mitarbeitern, etablieren. Für ihren Einsatz wurde Diana Radulovski heuer mit dem MiA Award für Frauen mit Migrationshintergrund ausgezeichnet. 0%

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JungunternehmerInnen mit Migrationshintergrund in innovationsbasierten Länder (Quelle: GEM Adult Population Survey 2012)

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FRÜHE UNTERNEHMERNeue UnternehmerInnen (MigrantInnen) ISCHE AKTIVITÄT VON JungunternehmerInnen (MigrantInnen) – TEA MIGRANTINNEN VORGRÜNDERINNEN (MigrantInnen) 9,6 % NEUE UNTERNEHMERINNEN (MigrantInnen) 4,6 % JUNGUNTERNEHMERINNEN (MigrantInnen) – TEA 13,4 % (Quelle: GEM Adult Population Survey 2012)

SCHWIERIGKEITEN BEI DER UNTERNEHMENSGRÜNDUNG

Entsprechend der demographischen Verteilung, ist der Anteil von Unternehmern einen Migrationshintergrund in Wien besonders hoch. Ein Drittel der Wiener Gründer hat ausländische Wurzeln. Das hat die Wirtschaftsagentur der Stadt Wien dazu bewogen, 2008 für sie ein eigenes Informationszentrum zu gründen - Mingo Migrant Enterprises. Jungunternehmer mit Migrationshintergrund haben schlechteren Zugang zu privater Finanzierung als Österreicher, wie eine Befragung von Experten im Rahmen des Global Entrepreneurship Monitors ergab. Auch sehen sich Migranten in Österreich mit deutlich höheren formellen Restriktionen konfrontiert als in zwei Drittel der EU-Länder. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Tülay Tuncel, Projektleiterin von Mingo Migrant Enterprises. Ihr zufolge stellt vor allem der Nachweis fachlicher Qualifikationen eine große Herausforderung für Unternehmer mit ausländischen Wurzeln da. Besonders für MigrantInnen aus Nicht-EU-Ländern bedeutet das oft, dass sie zusätzliche Prüfungen machen zu müssen um sich zu qualifizieren. Kulturelle Unterschiede, sogar bei deutschen Unternehmern in Wien, stellen eine weitere Herausforderung dar. Die größte Hürde liegt laut Tuncel allerdings in den sprachlichen Fertigkeiten. Um ein Unternehmen zu gründen, ist es essentiell die rechtlichen und behördlichen Rahmenbedingungen des Gastlandes zu verstehen. Um dieser Barriere entgegenzuwirken bietet Mingo Migrant Enterprises Services in 14 Sprachen an. INVENTURES Nº 01 _ 19

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– MIGRATIONSUNTERNEHMER – Design

10 MILLIONEN NUTZER WAREN NICHT GENUG ZVETAN DRAGULEV 20 _ INVENTURES Nº 01


– MIGRATIONSUNTERNEHMER –

DER ZOCKER. Der Wiener Zvetan Dragulev (38) erreichte mit der von ihm gegründeten Videoplattform Own3D weltweit über 10 Millionen Computerspiel-Fans und machte zuletzt mehr als 7 Millionen Euro Umsatz. Ende Jänner diesen Jahres musste das Unternehmen Konkurs anmelden – die Kosten konnten nicht mehr getragen werden. Aber Dragulev will weiter machen. TEXT Alena Schmuck FOTO/ILLUSTRATION Patrizia Gapp/Tobias Monte

Zvetan Dragulev sitzt in einem Gastgarten im 6. Wiener Gemeindebezirk und genießt Sonnenstrahlen und Kaffee. Wüsste man es nicht besser, würde man nicht glauben, dass er gerade mitten in einem Insolvenzverfahren steckt. Dragulev wirkt entspannt, vielleicht sogar etwas erleichtert. Überhaupt passt er vom Typ her nicht ins gängige Klischee des milchgesichtigen, nerdigen Internetunternehmers à la Mark Zuckerberg. Man könnte den eloquenten 38jährigen mit bulgarischen Wurzeln, der zwischen gehobenem Wienerisch und American English wechselt und dabei ausladend gestikuliert, für einen Schriftsteller oder Schauspieler halten. Dragulev ist nicht leicht zu durchschauen. Unser letztes Gespräch war noch unter anderen Vorzeichen gelaufen. Im Winter 2012 war Dragulevs Internet-Unternehmen Own3D in Verhandlungen mit Machinima. Die amerikanische Firma wollte die Online-Video-Plattform, die er 2009 mit zwei weiteren Mitgründern gestartet hatte, um 5 Millionen Dollar aufkaufen, um sich damit 10 Millionen Nutzer weltweit zu sichern – und Own3D vor dem Konkurs zu retten. Der sonst eher medienscheue Dragulev würde uns über die Verhandlungen, die Ende des Jahres abgeschlossen sein sollten, am Laufenden halten. Aber dann platzte der Deal. DIE VISION EINER „SELTSAMEN ZUKUNFT“

„Wenn mir jemand vor vier oder fünf Jahren gesagt hätte, dass ich einmal in einem Gaming-Projekt involviert sein würde, hätte ich gelacht“, sagte Dragulev damals über sein Unternehmen. Ganz überzeugend war das nicht. Er mag zwar nicht aussehen wie ein typischer Gamer, kann seine Wurzeln aber nicht verleugnen. Als Sohn einer Programmiererin und des ehemaligen Rechenzentrumleiters der Internationalen Atombehörde in Wien ist er in einem „Computerhaushalt“ aufgewachsen. Auf seinem Commodore 64 begann Dragulev als Kind selbst Spiele zu programmieren, weil ihm das Warten auf neue zu fad war. Nach der Schule in Wien und dem Wirtschaftsstudium in London arbeitete Dragulev Ende der 1990er als Unternehmensberater bis ihn der schöpferische Drang packte. Er wollte etwas auf dem neuen Spielplatz, dem Internet, aufbauen. Mit einem Freund teilte er „die Vision einer seltsamen Zukunft“, in der die Menschen das Internet über mehrere Geräte und nicht nur einen Computer nutzen wollen würden. Damals schrieb man das Jahr 1999 und selbst Investoren in Silicon Valley nutzten noch kaum Handys, sondern kommunizierten über Walkie Talkies. Vorgeführt wurde das Produkt, ein Datensynchronisierungstool, auf einem PDA an dem ein Modem angebracht wurde. Man glaubte an Dragulevs Vision, aber nach fünf Jahren in Kalifornien begriff er, dass der Markt noch nicht bereit war. Die Anwendung kam schließlich in abgewandelter Form auf den Markt. Mit der Erkenntnis, dass man es als Visionär nicht unbedingt leicht hat, nahm sich Dragulev als IT-Berater in Europa eine „Auszeit“. Allzu lange hielt diese nicht an. „Ich bin mir sicher, du kennst das auch. Man hat eine Idee, man glaubt, dass man etwas machen könnte und will es einfach ausprobieren,“ erklärt er mit einem Hauch von Understatement. Dieses Mal bestand der Geistesblitz in einem sozialen Netzwerk für Videospieler, Own3D, was auch als owned Hackersprache für „besiegt“ - gelesen werden kann. „Lustigerweise sind Gamer sehr sozial beim Spielen und weniger sozial, was ihr restliches Privatleben angeht,“ erzählt Dragulev.

WACHSTUM WIE BEI FACEBOOK

Der Unternehmer entdeckte eine Marktnische: Online-Übertragungen von Computerspiel-Wettbewerben und von privat produzierten Game-Videos. Weil Gamer „keine Kätzchen- und Musikvideos neben ihrem Gamingzeug sehen wollen“, wusste Dragulev, dass er mit einer Spezialisierung auf das vertikale Spielersegment eine Chance gegenüber horizontalen Anbietern wie Youtube hatte. Own3D war geboren. Vier Monate nach dem Start hatte own3d.tv 300.000 Nutzer. Nach acht Monaten konnte Own3D mit einer Million auf eine ähnliche Wachstumsrate wie Facebook in seiner Anfangsphase zurückblicken. Und zwischen November 2011 und Februar 2012, wuchs die Userzahl um hundert Prozent - von 5 auf mehr als 10 Millionen. „Ich hab da so eine Theorie,“ versucht Dragulev das exponentielle Wachstum seines Startups nachzuvollziehen. „Launche früh und versuche schnell 100.000 oder 200.000 Einzelbesucher zu erreichen. Wenn dir das in acht Monaten gelingt, hast du den Zuspruch von den Early Adopters. Die holen dir dann den Rest vom Markt. Es ist eine disruptive Industrie. Wenn du einen User erreichst, bleibt er.“ DAS PROBLEM MIT EUROPA

Aber der Zuspruch der Computerspielgemeinde und auch Partnerschaften mit Fernsehsendern wie CBS, RTL und Pro7, die am weltweit wachsenden Markt von eSports-Übertragungen mitnaschen wollen, reichten nicht. Nach dem Ende der ersten Business Angel Finanzierungsrunde sah sich das Startup immer wieder mit Geldproblemen konfrontiert. Grund dafür waren die hohen Produktions-kosten von HD-Videoinhalten bei ausbleibenden Zahlungen von Werbepartnern. Darüber hinaus wanderten immer mehr Nutzer zum 2011 gestarteten Konkurrenten TwitchTV ab. Das Zögern europäischer Investoren, ins Geschäft einzusteigen erklärt sich Dragulev über kulturelle Faktoren, wie die oft zitierte Risikoaversion: „In Europa gibt es den Druck, zu früh Umsatz nachweisen zu müssen, bevor man überhaupt eine kritische Masse erreicht hat oder sich einen Markennamen aufgebaut hat.“ Das scheint sich jenseits des Atlantiks anders zu gestalten: „In Amerika glaubt man, wenn du etwas aufbaust, das die Leute brauchen, wirst du es ab einem gewissen Punkt monetarisieren können.“ Warum also überhaupt in Wien gründen? „Mit meiner letzten Firma wurden wir durch den Umzug in die USA vom Produkt abgelenkt und konnten es nicht in der ursprünglich geplanten Version auf den Markt bringen. Das wollten wir dieses Mal besser machen.“ Wie nach seiner ersten Unternehmung ist er auch jetzt um ein paar Lektionen weiser: „Sollte ich jemals wieder in Europa ein Startup machen, dann ganz sicher kein kostenintensives. Das kann man nur in einer Kultur, in der man dafür belohnt wird, wenn man wächst wie verrückt.“ Wenn man mit dem entschlossenen Unternehmer spricht, wird klar, dass dies keine Worte der Frustration, sondern der Erkenntnis sind. Von Own3D habe er sich rechtzeitig zurückgezogen, um relativ geringen persönlichen finanziellen Schaden davon zu tragen. Das Insolvenzverfahren sei eine klare Angelegenheit, bei der er kaum etwas zu befürchten habe. Dragulev sieht das Ganze durchaus positiv: Endlich hat er mehr Zeit für sich, seine Freundin, den gemeinsamen Hund und um die Wohnung umzugestalten, erzählt er. Es scheint aber, als würde letzteres nicht sein einziges Projekt bleiben.

INFO NAME: Zvetan Dragulev ALTER: 38 Der Wiener programmierte schon als Kind Computerspiele und hatte Ende der 1990er Jahre sein erstes Startup in Silicon Valley. INVENTURES Nº 01 _ 21


WARUM SIND START UPS SO WICHTIG FÜR WIEN? Start-Ups sind wichtige Impulsgeber, sie bringen neue Ideen

sich selbständig zu machen. Tatsächlich machen aber nur

und Innovationen in die Wiener Wirtschaft und stärken die

5 Prozent später diesen Schritt. Ein sicherer Arbeitsplatz

Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Wien. In

ist der Jugend heute wichtiger als die Chance, eigene Ideen

unserer sehr technikaffinen Gesellschaft sind sie es oftmals,

selbständig umzusetzen und die Wirtschaft als Unternehmer

die neue Technologien mitentwickeln oder mit ihren Inno-

aktiv mitzugestalten.

vationen den Grundstein für ein neues Hightech-Produkt legen. Wir brauchen daher eine neue Gründerwelle. Nur die Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, Wachstum und Wohlstand - nicht die Politik.

WIE IST WIEN ALS START UP STANDORT POSITIONIERT? Wien hat noch viel Potential. Es ist zwar schwächer als Berlin, aber durch die verschiedenen Initiativen wie Pioneers Festival, aaia, EBAN oder das Business Angel Institute ist schon vieles da, das es zu verstärken und vor allem zu vernetzen gilt. Wichtiges Thema sind hier unter anderem die alternativen Finanzierungsformen wie Crowdfunding. Denn Jungunternehmer brauchen vor allem mehr Freiräume bei Finanzierungsmöglichkeiten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

GIBT ES SCHWERPUNKTBRANCHEN IN WIEN? Natürlich, Wien hat einige zukunftsträchtige Branchen. Vor allem die IKT-, Life Science- oder auch die Gaming-Branche

WAS KANN MAN DAGEGEN TUN?

haben hier eine Vorreiterrolle eingenommen.

Unternehmergeist muss früh geweckt werden. Lehrer, die nie außerhalb des Schulbetriebs gearbeitet haben, sind dazu

WARUM IST DIE AM 1. JULI IN KRAFT GETRETENE REFORM ZUR GMBH LIGHT SO WERTVOLL?

naturgemäß nicht ausreichend qualifiziert. Wir arbeiten also

Durch die Reform wird einen große Hürde bei der Unter-

in Schulen, ebenso wie Schüler in die Unternehmen kommen.

nehmensgründung entschärft. Wir gehen davon aus, dass

So können Unternehmertum und die damit verbundenen

durch die GmbH light das Gründungsverfahren deutlich

Karrierechancen hautnah erlebt werden.

daran, dass sowohl betriebliche Praktika in der Lehrerausbildung verbindlich werden, als auch daran, dass Unternehmer

schneller wird. Zusätzlich reduzieren sich noch die Notarund Anwaltskosten. Diese Maßnahmen unterstützen die Un-

WAS MACHT DIE WKW?

ternehmer und attraktiveren den Standort für internationale

Wir bieten Hilfestellung in allen Gründerfragen. Das

Unternehmen und Start ups.

beinhaltet sowohl die rechtliche als auch die betriebswirtschaftliche Beratung. Dabei helfen wir bei der Wahl der

IN DEUTSCHLAND IST JETZT GERADE THEMA, DASS SICH WENIGER STUDENTEN SELBSTSTÄNDIG MACHEN WOLLEN. WIE IST DAS IN ÖSTERREICH?

richtigen Rechtsform, klären Fragen zur Sozialversicherung,

In Europa gründen durchschnittlich 13 Prozent der Bevölke-

Das Gründerservice berät aber auch bei Gründungsideen,

rung ein Unternehmen, in Österreich sind es 8 Prozent. Drei

persönliche Voraussetzungen, Marktentwicklungen und bei

von vier Studenten denken während ihres Studiums daran,

der Erstellung des Businessplans.

Steuern und Finanzierungen und geben Tipps zu Förderungen. Zusätzlich beraten unsere Experten Gründer bei der Standortauswahl und der Betriebsanlagengenehmigung.


– MIGRATIONSUNTERNEHMER –

K

Karriere

NIMM DIE WELT NICHT ZU ERNST, DAS LEBEN IST EIN SPIELPLATZ. ALI MAHLODJI DER GESCHICHTENERZÄHLER. In der Videoplattform Whatchado, die durch Interviews Orientierung bei der Berufswahl gibt, hat Gründer Ali Mahlodji seinen Traumjob gefunden. Doch bis es soweit war, hat er in über 40 Berufen gearbeitet und einiges ausprobiert. TEXT Michael Bernstein FOTO Florian Auer

Whatchado ist englischer Slang für „Was machst du?“ Und genau das wird vom gleichnamigen Startup im Rahmen von sieben Fragen, die unterschiedlichen Interviewpartnern gestellt werden ‑ vom Wiener Fiakerkutscher biszumBundespräsidenten‑,herausgefunden. Die Interviews werden gefilmt und auf www. whatchado.net gestellt. Aktuell hat die Plattform rund 100.000 Besucher pro Monat, von denen jeder durchschnittlich 20 Minuten auf der Website verbringt. Überraschenderweise findet sich unter den über tausend verfügbaren Videos keines mit dem Gründer Ali Mahlodji selbst. Dabei ist die Lebensgeschichte des 32-Jährigen spannender als so mancher Film. „ICH HAB NUR FÜR DAS GELD GEARBEITET“

Mahlodji wurde kurz nach der islamischen Revolution in Teheran geboren und kam als Baby mit seinen Eltern nach Österreich. Über das Flüchtlingslager Traiskirchen landete die Familie aus dem Iran in Wien. Sie lebte sich gut in Österreich ein. Doch als sich Ali Mahlodji mit 14 für einen Berufsweg entscheiden sollte, fehlte ihm die Orientierung. „Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Niemand hatte mich gefragt, wo ich geboren werden wollte, warum sollten sie mich also jetzt fragen, welchen Beruf ich wählen wollte? Ich hätte gerne ein Handbuch mit Lebensgeschichten gehabt, das mir bei dieser Entscheidung hätte helfen können, aber so etwas gab es nicht. Deshalb hab ich einfach mit Erwachsenen über ihre Jobs und ihre Ausbildung geredet. Und dann kam immer dieser Aha-Moment: O.K., das kann ich lernen!“ 24 _ INVENTURES Nº 01

Obwohl er zu den Klassenbesten gehörte, brach er die HTL kurz vor der Matura ab und begann in unterschiedlichen Bereichen zu jobben ‑ in Fast-Food-Restaurants, Kinos, einer Apotheke. In der Abendschule lernte er Softwareentwicklung, begann bei SAP zu arbeiten, bis er im mit Ende 20 im mittleren Management bei Sun Microsystems angelangt war. Er verdiente gut, bekam große Bonuszahlungen und fuhr einen Audi A4. „Aber dann passierte etwas“, erinnert er sich. „Ich war nicht glücklich. Ich hab nur für das Geld gearbeitet.“ Seine damalige Freundin überredete Mahlodji zu einem einmonatigen Urlaub in Thailand. Dort realisierte er, „dass das Leben aus mehr besteht als nur aus Geld und Arbeit“ und entschied zu kündigen. „Ich hatte keine Kinder zu versorgen, keine Hypotheken abzuzahlen ‑ nichts konnte mich aufhalten.“

einen Preis für Projekte mit sozialem Verbesserungsanspruch. Das war genug Motivation für Mahlodji weiter an seinem Nebenprojektzu arbeiten. Angespornt durch einen Fernsehbeitrag in der ZIB24, ging die Website ein Monat später mit 17 Videos online. Nach der Sendung meldeten sich die ersten Firmenkunden mit der Anfrage, für die Website interviewt zu werden. Mahlodji sagte unter der Bedingung zu, dass es beim Sieben-Fragen-Format bleibe und eine breite Palette an Mitarbeitern interviewt werden würde. Das Whatchado-Team machte die Videodrehs und Bearbeitung damals noch neben ihren Vollzeitjobs. Irgendwann gingen ihnen die Urlaubstage aus. Im Oktober 2011 wurde Whatchado bei der Startup Week in Wien unter die besten Startup-Unternehmen gewählt. Das und einInvestmentvonBusinessAngelJohann Hansmann waren schließlich der Anstoß, im Jänner 2012 eine GmbH zu gründen.

SIE LIEBEN DAS, WAS SIE TUN

Zurück in Wien begann er 2010 als Projektmanager in Niko Alms Werbeagentur Super-Fi [Artikel auf Seite 16] zu arbeiten. Ein Jahr später entschloss er, seine Idee eines Handbuchs mit Lebensgeschichten umzusetzen. Mit einer billigen Kamera und einem Team aus sieben Freiwilligen wurden die ersten Videos für Whatchado gedreht. Im Mai 2011 gewann die Idee den Social Impact Award,

INFOBOX Die Whatchado GmbH wurde 2011 von Ali Mahlodji gegründet und zeigt aktuell über 5500 Minuten an Berufs-, Karriere- und Lebensgeschichten online. Noch in diesem Jahr möchte Whatchado mit englischsprachigen Videos auch den internationalen Markt ansprechen. Mehr Info auf: whatchado.net

DIE ACHTE FRAGE

MittlerweileistdasTeamvonWhatchadoauf21 Mitarbeiter angewachsen. Ein gutes Betriebsklima ist dem Geschäftsführer wichtig. Letztes Jahr machte das Team gemeinsam Urlaub in Thailand. Finanziert wurde der Urlaub aus einer Kassa, in die alle Mitarbeiter monatlich 50 Euro eingezahlt hatten. „Wir flogen als Arbeitskollegen hin und kamen als Freunde zurück ‑ das ist für mich das Businessmodell von Whatchado.“ Die vielleicht aussagekräftigste unter den sieben Fragen, die bei allen WhatchadoInterviews gestellt wird, ist: „Welche drei Ratschläge würdest du deinem 14-jährigen Ich geben?“ Wir haben die Frage umgedreht und erkundigen uns bei Mahlodji, welche Empfehlungen der 14-jährige Ali seinem heutigen Ich geben würde. „Nimm die Welt nicht zu ernst, das Leben ist ein Spielplatz. Es geht im Wesentlichen um Freunde, Familie, frische Luft und sauberes Wasser – um nichts weiter. Genieß den Moment und denke nicht zu viel an die Zukunft. Wenn alle mit dem Strom schwimmen, dann bewege dich in die andere Richtung.“


– MIGRATIONSUNTERNEHMER – Design

FERNWEH TRIFFT EINZELSTÜCK SILVIA GATTIN

DIE HANDLUNGSREISENDE. Silvia Gattins kleines Büro in Wien ist eine Farbexplosion aus marokkanischen Mustern, Masai-Perlen und bunten Stoffen. Vor vier Jahren entschloss die Wienerin mit kroatischen Wurzeln, etwas zu machen, das sie wirklich liebt – das Ergebnis: silviagattin.com TEXT Marija Skundric FOTO Privat

„Ich mag den Ausdruck ‚Burn-Out‘ nicht, das bedeutet irgendwie mehr. Ich war einfach nur müde,“ erzählt Gattin (30) über den Entschluss ihre Karriere in der Finanzwelt nach zwei Jahren in Zürich zu beenden. Entmutigt von der Ausrichtung auf schnelles Geld und große Gewinne, kündigte sie damals und unternahm ihre erste Reise nach Indien. Die Welt der Leistungskennzahlen und 60-StundenWochen lag nun hinter ihr. Dafür entdeckte die Betriebswirtin, die schon während ihres Studiums in der Modebranche gejobbt hatte, ihre Liebe zu bunten Stoffen und Mustern. Außerdem glaubte sie, dass ihre Fundstücke auch in Österreich Anklang finden könnten.

„WENN DU TUST, WAS DU WIRKLICH WILLST, SIND ÜBERSTUNDEN KEIN PROBLEM.“ Silvia Gattin Zuhause in Wien belebte sie das schlafende Familienunternehmen wieder und verwandelte es in den Online-Shop silviagattin.com mit einem Schwerpunkt auf nachhaltige Produktion und traditionellem Handwerk. „Ich hatte mit Allem riesiges Glück; ich musste nicht komplett bei Null anfangen,“ sagt die junge Frau. Gattin lehnt Massenproduktion ab. Dementsprechend lautet ihr Konzept: Wähle ein Land als Inspirationsquelle, finde dort lokale Kunsthandwerke und Produzenten, die Interesse haben, an einer Kollektion mitzuarbeiten, und verkaufe authentische Produkte online und mit geteiltem Gewinn. „Was ich am ganzen Prozess am meisten liebe ist es, mir Zeit für die Menschen zu nehmen, sie kennen zu lernen“, erzählt sie. In den letzten drei Jahren hat sie mit Herstellern in Indien, Mexiko, Thailand, Tansania und Marokko zusammengearbeitet. Über ihren Arbeitsalltag sagt sie: „Auf der einen Seite brauche ich Struktur und Regelmäßigkeit, aber ich muss auch immer wieder raus aus Wien, einfach nur reisen und in den Tag leben, so wie er kommt. Ich glaube, das Wichtigste ist, das zu tun, was man wirklich will. Wenn du das machst, sind Überstunden kein Problem.“

INVENTURES Nº 01 _ 25


– BACKGROUND INFORMATIONS – Inside

SOZIALER WANDEL:

WIE DIE STARTUPSZENE UNSERE GESELLSCHAFT VERÄNDERN KÖNNTE. SCHÖNE, NEUE, STARTUP-WELT? Für Außenstehende mag die Welt der Startups rätselhaft wirken: junge Menschen, die scheinbar ununterbrochen in ihren Coworking Spaces brainstormen, entwickeln, programmieren und testen – und ihre Arbeitskraft voller Begeisterung oft für geringen Lohn einsetzen. Was hätte wohl Karl Marx zur Gründerszene gesagt? Werden wir Zeugen einer grundlegenden Veränderung innerhalb der Arbeitswelt? Oder handelt es sich bei Startups lediglich um einen neuen Weg zum schnellen Geld? Startups scheinen all das zu verkörpern, was konventionellen Unternehmen fehlt: sie sind jung, hip, innovativ und nur wenig hierarchisch. Um das Phänomen Startup grundlegender zu beleuchten, hätte Marx vermutlich zuerst den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Gesellschaft betrachtet. Wir haben den Versuch gewagt und Marx’ Konzept von Arbeit auf die Startup-Welt angewandt.

um Ideen. Mit der richtigen Idee zieht man Investoren an Land und motiviert sich und seine Mitstreiter. Kapitalvolumen und Unternehmensgröße spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. All das spiegelt sich im Arbeitsalltag wider: Werte, wie Unabhängigkeit und Kreativität, vereinen die unterschiedlichen Unternehmer der Gründerszene zu einer Bewegung, in der man sich eher als Mitglied denn als Konkurrent begreift. Der geteilte Lebensstil wird in Coworking Spaces genannten Gemeinschaftsbüros zelebriert. Jeder kennt Geschichten über Unternehmen, die ihre Angestellten dermaßen überfordern, dass das Büro am Ende auch als Wohnraum und Schlafgelegenheit herhalten muss, um dem hohen Arbeitspensum noch gerecht werden zu können. Das Besondere an Startups: Man tut all das mit leidenschaftlicher Begeisterung! LEBEN IN DER STARTUP-GESELLSCHAFT

TEXT Alexander Hirschfeld ARBEIT – MEHR ALS NUR EIN JOB

Startups stellen klassische Unternehmenshierarchien in Frage und machen sich wenig aus geregelten Arbeitszeiten und finanzieller Sicherheit. Die unabhängigen Unternehmer – insbesondere in westlichen Großstädten und urbanen Regionen anzutreffen – tun nicht einfach das, was ein Vorgesetzter von ihnen verlangt, sondern nehmen die Dinge selbst in die Hand. Sie evaluieren den Markt, entwickeln ein Produkt und bringen es schnellstmöglich unter die Leute. Startups leben für die Arbeit, denn sie identifizieren sich mit ihren Ideen. Lange Arbeitszeiten und eine geringe Bezahlung nimmt man gerne in Kauf, wenn es dem Erfolg des eigenen Projekts dient. Das passt zu Marx’ Ideen. Er begriff Arbeit als schöpferische Tätigkeit, als fundamentalste Beziehung zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft. Durch sie gestalten wir die Welt nach unseren Fähigkeiten und Bedürfnissen, machen sie uns zu eigen. Arbeit und die Wirtschaft insgesamt bestimmen die Erscheinungsform der Gesellschaft, ihre Werte, Politik und Vermögensverteilung. Dementsprechend seien veränderte Produktionsformen und die daraus entstehenden Konflikte Auslöser sozialen Wandels. Startups konzentrieren sich auf eine neue Art von Produkten, was eine leger-autonome und projektbezogene Arbeitsweise begünstigt. Um beispielsweise ein soziales Netzwerk wie Facebook zu entwickeln, benötigt man nicht viel mehr als einen Computer und hinreichende Kenntnisse im Programmieren. Darüber hinaus geht es jedoch auch darum, die Interessen und Bedürfnisse der Menschen zu erkennen. Aus diesem Grund dreht sich in der Startup-Szene alles 26 _ INVENTURES Nº 01

Startups arbeiten und leben also anders. Doch welche Auswirkungen hat das auf unsere Gesellschaft? Mit dem Versprechen der Autonomie und Selbstverwirklichung gelingt es ihnen, vor allem junge und gut gebildete Arbeitskräfte zu „ködern“. Auf der Jagd nach HighPotentials folgen immer mehr Unternehmen dem Vorbild von Google und Co, indem sie ihre Büros schrittweise in eine Freizeit- und Erlebnislandschaft verwandeln. Auch die Welt der Wirtschaft und Politik wird durch Startups verändert. Durch ihren Aufstieg besteht vermehrt Bedarf nach alternativen Finanzierungsformen, wie Business Angels oder Crowdfunding,dieJungunternehmendaserforderlicheRisikokapital bereitstellen. Vonseiten der Politik wird die Startup-Szene zunehmend als Wachstumsmotor erkannt und durch staatliche Förderung weiter forciert. Was aber bedeutet das für die Chance auf beruflichen Erfolg? Kann heute jeder ein Unternehmer werden? Auf den ersten Blick scheint dies tatsächlich der Fall, denn Startups legen relativ wenig Wert auf formale Bildungstitel. Wie schon Pierre Bourdieu wusste, äußert sich soziale Ungleichheit auch in Form kultureller Feinheiten. Ein erfolgreicher Startup-Unternehmer muss in der Lage sein zu netzwerken und ein Gespür für Trends besitzen. Wen überrascht es, dass sich das dafür nötige Selbstbewusstsein und kulturelle Feingefühl in „bildungsnahen“ Schichten konzentriert? Mit dem Aufstieg der Startup-Szene rückt der autonome Kreativunternehmer zunehmend ins Zentrum der Arbeitswelt. Er klammert sich voller Begeisterung an seine Ideen und Projekte. Der externe Zwang ist verschwunden, doch dafür geht man mit sich selbst immer härter ins Gericht.


– BACKGROUND INFORMATIONS – Inside

PITCH FIEBER

RITUALE DER STARTUP WELT STARTUPS ALS SUBKULTUR? Die junge Startup-Szene funktioniert ein bisschen wie eine Subkultur mit eigenen Ritualen. Diese sind in Wien interessanterweise gar nicht so viel anders als in Silicon Valley.

VERGISS POWERPOINT.

Lieber als zu Powerpointfolien greifen die „Pitcher“ zu animiertenoderbildhaftenPräsenationsTechniken, wie zum Beispiel Pecha Kucha. KENNE DEINE ZIELGRUPPE.

TEXT Floor Drees, Alena Schmuck FOTOS Heisenberg Media/heisenbergmedia.com, StartupYard

Nicht nur auf der Bühne sollte mansichderVorliebenpotenzieller Investoren bewusst sein.

Das so genannte Pitching (vom Englischen „to pitch“ eigentlich: einen Ball auswerfen, im übetragenen Sinn aber auch das Präsentieren einer Idee) ist eines dieser Rituale. Der Pitch ist eine kurze Verkaufspräsentation, die sich bei Startups vor allem an potenzielle Investoren richtet. Für den Fall, dass man einem solchen begegnet – was in Silicon Valley noch etwas wahrscheinlicher ist als in Wien – sollte jeder Gründer eine solche parat haben. Bei Pitching Events haben die Teilnehmer typischerweise 90 Sekunden Zeit (siehe Elevator Pitch) – dann ist Schluss. In dieser kurzen Zeitspanne, muss auf den Punkt gebracht werden, was das Unternehmen auszeichnet und warum man in es investieren sollte. Weil das nicht einfach ist, gibt es auch hierzulande einige Veranstaltungen in denen das Pitching geübt werden kann – meist vor “echten” Investoren. Wir haben hier ein paar Erscheinungsformen dieses Phänomens zusammengefasst.

EGAL WAS AUF DER BÜHNE PASSIEREN SOLLTE, lass es mit

dir geschehen! SEI VERBUNDEN.

Nein, diese jungen Männer sind nicht(unbedingt)vonderPräsentation gelangweilt, sie berichten vermutlich gerade über Twitter darüber.

ELEVATOR PITCH Eine Sonderform des Pitches, der nicht viel länger dauern sollte, als die Länge einer Liftfahrt mit einem potentiellen Investor (in den Vereinigten Staaten bis zu zwei Minuten, in unseren Breitengraden eher 30 Sekunden).

PECHA KUCHA Auch Petscha-Kutscha; eine aus Japan stammende Vortragsform. Jeder Präsentator zeigt 20 Bilder zu je 20 Sekunden Projektionsund Sprechzeit.

INVENTURES Nº 01 _ 27


– BACKGROUND INFORMATIONS – Inside

CROWDFUNDING UND CO MUT ZUM INVESTIEREN

EIN UNTERNEHMEN ZU GRÜNDEN erfordert nicht nur eine gute Idee und den Mut, sie umzusetzen, es bedarf auch Kapital. Vor allem seit der Wirtschaftskrise sehen sich Jungunternehmer in Österreich mit Finanzierungsschwierigkeiten für Gründungsvorhaben und Wachstum konfrontiert. Bankkredite stehen ihnen durch mangelnde Sicherheiten und strengere Eigenkapitalvorschriften immer weniger zur Verfügung. Risikokapitalgeber, wie Venture Capitals oder Business Angels, gibt es in Österreich und Zentraleuropa kaum. TEXT Sarah Stamatiou, Alena Schmuck FOTOS Ina Ciobanu, GEA, Junge Wirtschaft, Wohnwagon, Soulbottles

JÄNNER 2013

MÄRZ 2013

NOVEMBER 2012

LEGAL

ILLEGAL?

Bekanntestes Beispiel in Österreich: Heinrich „Heini“ Staudinger, Gründer von Waldviertler Schuhe und GEA. Seitdem Staudinger letzten Herbst von der Finanzmarktaufsicht, der FMA, belangt wurde, weil er 3 Millionen Euro durch Mikrokredite zu 4 Prozent Verzinsung von Privaten gesammelt hatte, wurde ein regelrechter Crowdfunding-Hype losgetreten. Die FMA klassifiziert diese Tätigkeiten als Bankgeschäft, für welches eine Konzession notwendig ist, und klagte Staudinger.

28 _ INVENTURES Nº 01

Anfang diesen Jahres bestellte die Junge Wirtschaft der WKO einen Expertenrat, um einen rechtlichen Rahmen für Crowdfunding zu entwickeln. Konkrete Forderungen sehen eine Änderung im Kapitalmarktgesetz vor, mit welcher die Prospektpflicht von 100.000 Euro auf 5 Millionen Euro gesetzt werden soll. Ab 100.000 Euro soll es eine stufenweise ansteigende Informationspflicht geben. Darüber hinaus wird über eine Änderung des Einlagenbegriffs im Bankwesengesetz nachgedacht, um die Entgegennahme von Geldern bis zu 5 Million Euro für realwirtschaftliche Tätigkeiten zu ermöglichen. Ein erster Initiativantrag im Parlament scheiterte am Widerstand der SPÖ bzw. der Arbeiterkammer, die den Anlegerschutz bedroht sah.

PLATTFORM

Im März startete mit www.conda.at neben www.1000x1000.at die zweite Crowdinvesting Plattform in Österreich. Auf der Website können Privatpersonen 100 bis 3.000 Euro in Projekte investieren und erhalten Gewinnanteile auf Basis von Genussscheinen. Das erste Projekt von Conda ist Wohnwagon, ein Campingwagen aus Naturholz. Das Investionsziel von 70.000 Euro wurde im Juli 2013 getroffen.


Deshalb werden vermehrt alternative Finanzierungsmöglichkeiten gefordert, Schlagwort „Crowdfunding“. Bei der sogenannten Schwarmfinanzierung werden von vielen Anlegern kleine Beträge zur Verfügung gestellt – auf eigenes Risiko. Beim „Crowdinvesting“ steigen Privatpersonen als Investoren ein – mit Gewinnbeteiligung (siehe Infobox). Durch die Aggregation der individuell kleinen Anteile, kann eine beträchtliche Hebelwirkung erreicht werden. Teilweise ungeklärt ist aber die rechtliche Situation in Bezug auf diese alternativen Finanzierungsformen.

APRIL-MAI 2013

ZUKUNFT

JULI 2013

ZUKUNFT

ERFOLG

Das Wiener/Berliner Startup Soulbottles hat inzwischen mehr als 20.000 Euro für die Produktion nachhaltiger Glastrinkflaschen auf der deutschen Plattform Startnext.de gesammelt. stillalive studios, eine Computerspielfirma mit Tiroler Gründern, gelang es, über die amerikanische Seite Kickstarter.com über 150.000 US-Dollar zu lukrieren.

ERFOLG

Mit ihrem Facebook Spiel Data Dealer konnte das in Wien gegründete Startup Cuteacute mehr als 50.000 US-Dollar auf Kickstarter.com sammeln.

CROWDFUNDING Crowdfunding, Crowdinvesting und Crowlending sind neue Formen der „Schwarmfinanzierung“ von Unternehmen und Projekten durch Einzelpersonen. In Österreich liegt die Obergrenze der Beträge, die auf diese Weise gesammelt werden dürfen, bei 250.000 Euro. Ab diesem Betrag gilt die kostspielige Prospektpflicht.

Eine im Juni veröffentlichte Umfrage des market Instituts zur Attraktivität von Crowdfunding in Österreich ergab, dass 56 Prozent der Österreicher dieser alternativen Finanzierungsform positiv gegenüberstehen und sich Investitionen von durchschnittlich 700 Euro in Projekte von regionalen Unternehmen vorstellen könnten. Ein neuer Antrag auf eine Änderung im Kapitalmarktgesetz wurde noch vor der Sommerpause im Parlament eingereicht. SPÖ und ÖVP konnten sich Anfang Juli auf eine neue Obergrenze von 250.000 Euro einigen. Das liegt weiterhin unter den geforderten 750.000 Euro der Wirtschaftskammer. Mit der Anforderung einer weiteren Lockerung des Gesetzes wird sich die neue Koalition auseinandersetzen müssen.

Weltweit ist der Markt für Crowdfunding stark im Wachsen begriffen – laut einer Studie aus dem Vorjahr um 81 Prozent. Weltweit wurden 2012 rund 2,7 Milliarden US-Dollar durch Schwarmfinanzierung aufgestellt, davon 1,6 Millarden in den USA, wo der Markt am Größten ist. Crowdfunding: Geld gegen eine Gegenleistung bzw. eine Belohnung Crowdinvesting: Geld gegen eine Eigenkapital- und Gewinnbeteiligung Crowdlending: Geld gegen Zinsen

Mehr zum Thema auf inventures.eu/tag/crowdfunding INVENTURES Nº 01 _ 29


– BACKGROUND INFORMATIONS – Inside

STARTUP-SZENE AKTUELL WER, WAS, WO IN ÖSTERREICH Die österreichische Startup-Szene ist aktiver denn je. Hier haben wir eine kleine Auswahl an Veranstaltungen und Orten getroffen, an denen man sich in der nächsten Zeit ein eigenes Bild der jungen Gründer-Gemeinschaft in Österreich machen kann.

HUB VIENNA Hier kommen soziale Unternehmer und Menschen, die mit ihren Ideen die Welt verändern wollen zusammen. Info-Veranstaltungen und andere Events jedes Monat. www.vienna.the-hub.net www.inventures.eu/tag/ hub-vienna

KÄRNTEN Klagenfurt: Das build! Gründerzentrum berät und fördert innovative Gründungsideen von AkademikerInnen aus Universitäten und Fachhochschulen. www.build.or.at

PIONEERS FESTIVAL Das Startup-Ereignis des Jahres findet am 30. und 31. Oktober in der Hofburg statt. www.pioneersfestival.com, www.inventures.eu/tag/ pioneers

SALZBURG CoWorking Salzburg: Im Coworking Space von Romy Sigl (Seite 13) finden Startups und Selbständige einen inspirierenden Arbeitsplatz. Es finden auch regelmäßig Veranstaltungen statt. www.coworkingsalzburg.com

ST. PÖLTEN Auf der New Design University kann man ab Oktober 2013 das Masterstudium Strategic Management - Entrepreneurship & Innovation für angehende Unternehmer absolvieren. www.ndu.ac.at

OBERÖSTERREICH Der International Incubator Hagenberg im Softwarepark Hagenberg, unterstützt Startups aus dem im Bereich IT. www.international-incubator.com

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INNSBRUCK CAST Das Center for Academic Spin-Offs Tirol unterstützt Gründer aus dem universitären Bereich. Zu den Absolventen zählt Valentine Troi (Seite 11). www.cast-tyrol.com www.inventures.eu/tag/cast

GRAZ Das Ideentriebwerk Graz veranstaltet regelmäßig Events für Startup Gründer und andere Interessierte. www.ideentriebwerkgraz.com www.inventures.eu/become-amaster-in-entrepreneurship

BURGENLAND Im Dreamicon Valley in Siegendorf bei Eisenstadt, werden junge IT-Unternehmer unterstützt und Veranstaltungen, wie die TEDxPannonia Konferenz abgehalten. www.tedxpannonia.com


„AplusB-Zentren sind der Motor für Start-ups mit innovativen Ideen und geben Unterstützung und Motivation auf dem Weg zum Unternehmen.“ DIin Michaela Maresch, BSc

Gründerin AplusB-Start-up ContainMe!

www.aplusb.biz


Mag inventures #1 TOSA Publishing  
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