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Leben an Darjeelings Teebahn Eine Fotoreportage von Torben WeiĂ&#x;


Leben an Darjeelings Teebahn Eine Fotoreportage von Torben WeiĂ&#x;


Leben an Darjeelings Teebahn Nebelschwaden ziehen am frühen Morgen über die Stadt Darjeeling, der ständige Lärm Indiens, der Unrat und der allgegenwärtige Staub scheinen weit entfernt. Darjeeling liegt auf einem schmalen Gebirgskamm am Fuße des Himalayas, rund 110.000 Menschen leben hier, in 2185 Metern Höhe. Heute platzt Darjeeling aus allen Nähten, einst war die Bergstadt ein Erholungsort der Briten. 1881 nahmen die Kolonialherren eine Bahnstrecke in Betrieb, um ihren Erholungsort besser versorgen und den Tee schneller abtransportieren zu können. Seitdem keuchen die Dampfloks der Darjeeling Himalayan Railway unermüdlich die Teeberge hoch. Nur der Bahn ist es zu verdanken, dass Darjeeling heute zu den berühmtesten Teeanbaugebieten der Welt gehört. Weißer Wasserdampf steigt mit einem leisen Zischen aus einer der letzten Schmalspurbahnen Indiens. Kratziger Kohlegeruch liegt in der Luft und die alten Maschinen des »Toy Trains« scheinen noch zu schlafen. Vor der Werkstatt packen junge Träger die Kohle von einem alten Truck in ihre Tragekörbe und schleppen die schwere, staubige

Nahrung ins Kohlelager. Die Züge verspeisen täglich 3,2 Tonnen davon. Vor dem Lager schaue ich einem drahtigen Mann ins Gesicht, seine Haltung ist von der schweren Arbeit gezeichnet. Später wird er mir als Budhiman Tamang vorgestellt, der älteste »Coalman« hier in der Werkstatt. Tamang belädt die Körbe, die dann zur Lok getragen werden. In den kleinen Pausen beobachtet er die jungen Arbeiter und kaut »Raja«, Kautabak. Gleich neben uns steht ein kleiner, schmaler Mann bis zu den Knöcheln in einem Matsch aus Asche und Wasser. Es ist der »Station-Cleaner«, der die Asche aus einer Grube unter den Gleisen schaufelt. »It is a really dirty job«, sagt einer der Arbeiter zu mir. Er nimmt seinen Kohlekorb auf die Schultern und trägt ihn durch Rauch und Wasserdampf zu einer Lok, die gerade fahrbereit gemacht wird. Als er eine Pause hat stellt er sich mir vor – Kishore Sunam ist ebenfalls einer der »Coalmen« und wohnt in einer Wohnsiedlung aus Wellblech und Bretterbuden unterhalb des Hauptbahnhofs von Darjeeling.


Es ist ein kleines Zuhause, vielleicht drei, vier Schritte im Durchmesser. Die Wände sind Türkis gestrichen und alles steht voll mit den verschiedensten Dingen, die man zum Leben braucht. Eine gemütliche Wohnung mit sehr viel Persönlichkeit und einem großen Altar für seine Götter. Kishore erzählt mir von seinem Bruder Mahesh, der auch als »Coalman« bei der Darjeeling Himalayan Railway (DHR) arbeitet. Sein Bruder wohnt mit seinem 12 Jahre alten Sohn und seiner Frau in der Nachbarschaft. Als ich ihn und seine Familie besuche, bin ich von der Gastfreundschaft schier überwältigt. Mahesh erzählt mir, dass der Beruf immer von Vater zu Sohn weitergegeben werde. Doch das werde sich nun ändern, der Beruf habe keine Zukunft mehr, sagt Mahesh: »Es ist besser, wenn der Junge zur Schule geht und was Anständiges lernt, so kann er uns auch in Zukunft den Rücken stärken.« Zurück in der Werkstatt nimmt er sich gleich einen Korb mit Kohle und trägt ihn zur Lok. Auf der Lok steht einer der »Coal Breaker«, Sukhendu Nandi, mitten im Rauch und Dampf. Er verteilt die Kohle im Kohlekasten und zerschlägt

mit einem Hammer die zu großen Stücke. Sukhendu schaut mich aus seinen müden Augen an. Einer der Arbeiter zeigt mir zwei verschiedene Kohlesorten. In der linken Hand hält er feinen Staub und in der rechten ein großes Stück Kohle. »Hier, das ist zur Zeit unser größtes Problem«, sagt er und lässt den Kohlestaub durch seine Finger rieseln. Die Kohle ist zu nass, zu erdig und zu fein, dass schadet den Maschinen. In der letzten Zeit hat die Bahn immer mehr technische Probleme und bis zu sechs Stunden Verspätung. Die Loks können mit dieser minderwertigen Kohle nur auf halber Leistung fahren – und das tun sie meistens. »Good coal is like a Diamond«, sagen die Arbeiter. Seit 1999 gehört die Darjeeling Himalayan Railway zum UNESCO Weltkulturerbe. Die erste finanzielle Unterstützung, eine Million indische Rupien, ist nach Angaben der indischen Zeitung »Telegraph« allerdings erst im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht worden – und bis März 2010 noch nicht angekommen, wie die Zeitung weiter schreibt. Aber nicht nur die schlechte Kohle und der Geldmangel


»No money for DHR in the railway budget placed by railway minister in 2010. The coal supply is very poor. Only sand, no coal.« Dieser Zettel wurde mir am Bahnhof von Darjeeling von einem Bahn-Fan gegeben, mit der dringenden Bitte ihn zu veröffentlichen.


ist das Problem. Die Loks sind mehr als hundert Jahre alt, es gibt keine Ersatzteile mehr. Alle Teile werden selbst hergestellt oder es muss improvisiert werden. In der Regenzeit kommt es häufig vor, dass Schlammlawinen die Strecke unpassierbar machen. Außerdem braucht die Dampflok Wasser, und das ist in Darjeeling ein knappes Gut. Ein Großteil der Wasserversorgung der Stadt hängt von Tanklastern ab, die Wasser von außerhalb nach Darjeeling fahren. Das bedeutet zusätzliche Kosten für die Himalayan Railway. Früher bewältigte der »Toy Train« eine Strecke von 86 Kilometern in acht bis zwölf Stunden und überwand dabei rund 2.000 Höhenmeter. Die Dampfloks fahren heute nur noch auf der Strecke zwischen Darjeeling und Kurseong, die ganze Strecke bis nach New Jalpaiguri hat im Jahr 2000 eine Diesellok übernommen. Mit einem krachenden Geräusch hat der Heizer die Ofentür geöffnet, um das Feuer zu schüren. Die Lok wird für die nächste Fahrt bereit gestellt. Der Heizer regelt den Energiebedarf und achtet auf den Wasserstand im Kessel. Dann ein lau-

tes Zischen, das die Luft mit Wasserdampf und Ruß schwängert. Das Kesselventil hat sich kurz geöffnet, um Druck abzulassen. Ich lerne Shankar Gosai kennen, er ist der Lokführer oder »Driver«, wie man ihn hier nennt. Shankar gehört zu den Arbeitern, die nicht in Darjeeling leben. Während seiner Arbeitszeit wohnt er im »Runningroom«, einem großen Gebäude mit Wellblechdach unterhalb des Bahnhofs. Dort werden die Arbeiter bekocht, für die Pausen und Nächte gibt es Betten. Während mir Shankar vom »Runningroom« erzählt, fällt mir ein Mann auf, der in der Asche nach etwas sucht. Später erfahre ich, dass der Mann jeden Tag zur Werkstatt kommt, um Kohlereste aus der Asche zu sammeln. Täglich kommen auch Touristen zum Bahnhof, bewaffnet mit Kameras rücken die Bahnbegeisterten den Arbeitern auf die Pelle. 400.000 Touristen kommen im Jahr nach Darjeeling, die meisten aus den warmen Regionen Indiens, um sich im milden Klima zu erholen. Rund 100.000 fahren im Schnitt mit dem »Toy Train«.


Der Bahnhof hat sich im Lauf der Jahre zu einem wichtigen Zentrum im Leben der Menschen entwickelt. Hier trifft man sich, tauscht Neuigkeiten aus, kauft und verkauft und geht allen möglichen Beschäftigungen nach. Damals wie heute warten Passagiere mit ganz viel Zeit, Sack und Pack auf ihre Bahn. Man hört ein schrilles Pfeifen wie aus einem Teekessel, als um halb eins mittags der »Joy Ride« in den Bahnhof von Darjeeling einfährt, voll beladen mit Touristen. Nur wenige Zentimeter bewegt er sich an den Gemüseständen der Frauen vorbei. Es gibt täglich zwei »Joy Rides« von Darjeeling nach Ghum und zurück. Wenn sonst nichts los ist, schlafen Straßenhunde auf den Gleisen und ruhen sich vom harten Nachtleben aus. Als ich die Strecke entlang laufe, wird mir klar, dass sich das Leben in der Region an und auf der 61 Zentimeter breiten Schmalspurstrecke abspielt. Kinder spielen mit Murmeln auf den Gleisen, alte Menschen nutzen sie als Sitzplatz. Es gibt an der Strecke eine Menge kleiner Läden – ob Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch, Kautabak oder Chips,

dort kann man alles kaufen. Über vielen dieser Läden prangen grün-weiß-gelbe Fahnen oder der Schriftzug »Gorkhaland«. Die »Gorkha« ist eine Partei, die für einen unabhängigen Gorkha-Staat kämpft. In der Region Darjeeling leben neben Bengali und der Hauptbevölkerung, den Gurkahs, viele Nepalesen, Tibetaner und Chinesen im Exil. Die Grenzen zu Nepal, Sikkim und Buthan sind nicht weit entfernt. Los geht die Fahrt. Unter dem Hämmern der Kolben und dem Zischen der Maschinen, setzt sich mit einem Ruck der »Toy Train« in Bewegung. Wie eine Lebensader zieht sich die Bahnlinie durch die Region Darjeeling, die Wohnhäuser entlang der Linie stehen oftmals nur einige Zentimeter von den Gleisen entfernt. Im Waggon sitzend hatte ich oftmals das Gefühl, wir führen durch die Wohnzimmer der Menschen. Zwischen Ghum und Darjeeling liegt der Batasia Loop, das Wahrzeichen der Bahnstrecke, hier fährt die Bahn eine 360 GradSchleife und gewinnt so sieben Höhenmeter. Kurze Zeit später, fahren wir unter dem Schnaufen der Maschinen in den zweithöchsten Bahnhof


der Welt ein. Ghum liegt fast 2.300 Meter über dem Meeresspiegel. Weiter geht die ruckelige Fahrt, in Serpentinen leicht bergab, vorbei an Fichten, Moosen und Farnen. Immer wieder springen Schulkinder und ältere Menschen während der Fahrt auf und fahren kurze Strecken mit. Es ist nicht einfach, sich am Zug zu halten, ständig bekommt man eine Mischung aus Ruß, Kohle und Asche ins Gesicht. Unterwegs gibt es kurze Pausen in denen der »Toy Train« mit Wasser und Öl versorgt wird. Wir halten an den kleinen Bahnhöfen von Sonada und Thung, es wird langsam schwül und die Fichten, Moose und Farne sind tropischer Vegetation gewichen. Am Streckenrand kann man schon die ersten Teeplantagen sehen. Als Güterzug hat der »Toy Train« heute ausgedient, den Teetransport nach Kalkutta besorgen jetzt Lastwagen. Wir erreichen die kleine Stadt Kurseong, Endstation für mich und den »Toy Train«, ab hier fahren die Dieselloks den Rest der Strecke bis nach New Jalpaiguri.


Darjeeling Batasia Loop

Ghum

Sonada

Neu-Delhi Tung

Darjeeling

Mahanadi

Kurseong Gayabari

Shed

Rangtong

Sukna

Eine 86 Kilometer lange Strecke, die sich mit mehr als 900 Kurven, von Darjeeling nach New Jalpaiguri windet. Dabei müssen die Loks der Darjeeling Himalayan Railway mehr als 2.000 Höhenmeter überwinden. Die rot markierte Strecke von Darjeeling nach Kurseong zeigt den Streckenabschnitt, der noch von der Dampflok befahren wird.

Shed

Siliguri New Jalpaiguri


Der Morgendunst kriecht langsam die H端gel von Darjeeling empor, oft verzieht er sich auch tags端ber nicht


Zwei der mehr als hundert Jahre alten Dampfloks vor der Werkstatt in Darjeeling

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Pro Tag verbrennen die Z端ge etwa 3,2 Tonnen Kohle

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Budhiman Tamang arbeitet seit 30 Jahren als ÂťCoalmanÂŤ

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Kautabak f端r die Pausen

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Der »Station-Cleaner« schaufelt Asche aus der Gleisgrube

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Wasserdampf und Kohlenstaub liegen in der Luft, Kishore Sunam schleppt neue Kohle zur Lok

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Kishore Sunam ist »Coalman« bei der Darjeeling Himalayan Railway – wie schon sein Vater und Großvater

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ÂťCoalmanÂŤ Mahesh Sunam mit seiner Familie

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Mahesh Sunam trägt jeden Tag die schweren KohlenkÜrbe vom Lager zur Lok; jede Fuhre wiegt bis zu 40 Kilo

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ÂťCoal BreakerÂŤ Sukhendu Nandi steht auf dem Kohlenkasten und zerschmettert die Kohle

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Die schlechte Kohle zerstรถrt langsam die alten Maschinen

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Teamwork ist wichtig, um die alten Loks am Laufen zu halten

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Pflege f端r die mehr als hundert Jahre alten Maschinen

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Es gibt f端r die Loks keine Ersatzteile mehr, deshalb muss oft improvisiert werden

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T채glich bringen Tanklaster Wasser von weit entfernten Quellen nach Darjeeling

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Der groĂ&#x;e Wassermangel in der Region erschwert den Betrieb der Bahn zusätzlich

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Der Heizer sch端rt das Feuer und regelt den Energiebedarf der Lok

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ÂťDriverÂŤ Shankar Gosai verdient etwa 230 Euro im Monat

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Während seiner Arbeitswoche lebt Shankar im »Runningroom« am Bahnhof von Darjeeling

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Nur etwa zehn N채chte im Monat verbringt der Bahner im eigenen Bett

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Kohle ist nicht billig, daher sammeln einige Anwohner Kohlenreste, um damit zu kochen und zu heizen

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Die Darjeeling Himalayan Railway transportiert pro Jahr etwa 100.000 Personen

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Rund 40.000 ausl채ndische Touristen besuchen jedes Jahr die Region

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Etwa 360.000 Inder reisen in den Ferien nach Darjeeling, um sich im milden Klima zu erholen

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Vor 50 Jahren war die Bahnstrecke noch die Lebenslinie der Wirtschaft

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Dicht an den Gleisen verkaufen Frauen Obst und Gem端se

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Am Tag schlafen die StraĂ&#x;enhunde und erholen sich von den langen und harten Nächten

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Spielende Kinder auf der nur 61 Zentimeter schmalen Spur des ÂťToy TrainÂŤ

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In der Stadt ist es eng, mitunter trennen nur wenige Zentimeter die H채user und den vorbeifahrenden Zug

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Heute ist die Strecke die Lebensader des Kleinhandels

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Morgens um 7 Uhr, kurz nach der Anlieferung, ist das Fleisch noch frisch

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Mit viel Improvisationsgeschick werden kleine Verschl채ge zu L채den umgebaut

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Nach Sonnenuntergang erwacht an den Gleisen das Leben

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Nach getaner Arbeit haben die Menschen endlich Zeit f端r sich selbst

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Mehrere Stromausf채lle pro Tag sind keine Seltenheit

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Familie Sunam kann sich ein Leben ohne den ÂťToy TrainÂŤ nicht mehr vorstellen

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Die Jugend in Darjeeling unterscheidet sich äuĂ&#x;erlich kaum von der in Europa

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Nawang Gyalpo lebt allein mit seiner Mutter Laxime in einer Ein-Zimmer Wohnung

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Am frühen Morgen durchsuchen Straßenhunde Müll nach essbaren Resten

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Das Wahrzeichen der Strecke: der Batasia Loop

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Laster und Busse haben dem ÂťToy TrainÂŤ den Rang abgelaufen, mehr als 1.000 Lastwagen sind heute auf der Strecke unterwegs

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Kohlenstaub und StraĂ&#x;enschilder erschweren die kostenlose Mitfahrt

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Kurze Pause an einer der Nachf체llstationen: Die Lok braucht st채ndig neues Wasser

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Die alten Loks fahren maximal 15 Kilometer pro Stunde, in den hรถheren Regionen schaffen sie sogar nur 10

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F端r die Dampfloks ist in Kurseong Endstation

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W채hrend der R체ckfahrt und nach Stunden Versp채tung h채lt die Bahn wegen technischer Probleme am Bahnhof in Ghum

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Teeproduktion am FuĂ&#x;e des Himalayas


Teeproduktion am Fuße des Himalayas Kurseong ist eine kleine Stadt, 1.458 Meter über dem Meeresspiegel. Rund 80.400 Menschen leben hier. Die Region gehört zum Zentrum des bengalischen Teeanbaus, hier wächst auch der berühmte Darjeeling-Tee, der »Champagner unter den Teesorten«. Wenige Kilometer von der Stadt entfernt liegt der Teegarten Makaibari. Die schmale Straße dorthin führt vorbei an Teebüschen, Urwaldsträuchern und riesigen Bambuspflanzen. In der Ferne Teeplantagen so weit das Auge reicht. Die Luft duftet nach frischen Teeblättern und am Wegesrand kann man die Pflückerinnen mit den typischen BambusKiepen bei der Arbeit beobachten. Der MakaibariTeegarten erstreckt sich durch sieben Dörfer, die auf einer Höhe von 700 bis 1.250 Metern verstreut inmitten der Teeplantage liegen. Als ich mich aus dem kleinen Taxibus zwänge, bin ich vom milden Klima und der angenehmen Ruhe überrascht. Kein Kohlegeruch, kein Müll, kein ständiges Gehupe, kein Autolärm – nur Vogelgesang und das Knarren von Bambus. Zwei Drittel des Makaibari-Anwesens ist mit subtropischem Urwald bedeckt und somit ein

Paradies für eine Vielzahl von Vögeln, Reptilien, Affen und Wild, dreizehn Leoparden leben hier und zwei Tiger. Ich stehe vor einem großen Metalltor, in das eine grüne Teeblüte – das Logo von Makaibari – eingearbeitet ist. Im Hauptgebäude der Plantage werde ich sofort sehr herzlich mit einer Tasse »First Flush« empfangen. Hier hängen die Wände voll mit Zeitungsartikeln, Urkunden und Bildern der Plantage. Ein Mann fällt mir auf diesen Bildern besonders auf, der mit seinem Safarihut wie aus der Serie »Daktari« wirkt. Dann steht er vor mir, Swaraj Banerjee oder Rajah – König – Banerjee, wie man ihn im Teegeschäft auch nennt. Er ist drahtig, hat graues Haar und trägt eine Art Safarianzug, Wickelgamaschen und Hut. Ich werde von Ihm auf einen Spaziergang durch den Teegarten eingeladen. Auf einer Fläche von 273 Hektar wird seit 1859 bester Darjeeling-Tee angebaut. Die Plantage wurde von Rajah Banerjees Großvater gegründet, ist die älteste Teeplantage in Darjeeling, und eine der ältesten Teefabriken der Welt, die nie in englischer Hand war.


Darjeeling

Kurseong Makaibari

Siliguri

Als wir entlang der schmalen Pfade über die Plantage wandern, ist der Himmel leicht bedeckt und voll mit Libellen. »Wenn es nicht bald regnet, verliere ich diesmal vielleicht einen Großteil der Ernte«, meint Mr. Banerjee und schaut in den Himmel. In einem guten Jahr werden hier etwa 120 Tonnen Tee produziert. Fünf Monate hat es jetzt nicht geregnet, Hauptursache für die Dürre ist wohl der Klimawandel. Die erste Ernte, die des »First Flush«, beginnt normalerweise im März, doch dieses Jahr waren die Teeblätter erst im April so weit. Zwischen den Teebüschen kann man eine Menge Spinnennetze sehen, ein Zeichen dafür, dass es hier viele Insekten gibt. Und wo es viele Insekten gibt würden keine Pestizide verwendet, erklärt Banerjee. Zur Unternehmensphilosophie gehöre aber nicht nur organischer Anbau und fairer Handel, sondern auch die Mischkultur. Die Bäume zwischen den Teepflanzen spenden Schatten, das abfallende Laub düngt die Pflanzen natürlich und schützt den Boden vor dem Austrocknen. Mr. Banarjee schaut mich an und sagt: »Ist der Boden gesund, dann ist auch der Mensch gesund.« 105


Mehr als 40.000 Menschen arbeiten in der regionalen Teeproduktion Nach der kleinen Wanderung werde ich der Familie von Pema Lama vorgestellt, bei der ich für die nächsten vier Tage wohnen werde. Pema lebt mit seiner Frau Bharti, den zwei Töchtern Aswini und Angelina und seinen Eltern in einem kleinen, türkis gestrichenen Haus, nur wenige Meter von der Teefabrik entfernt. Ich werde herzlich aufgenommen und mit allerlei Spezialitäten, vor allem aus dem Nachbarland Nepal, versorgt. Auf den Tisch kommt nur das im Garten biologisch angebaute Gemüse sowie Eier und Fleisch von Tieren aus eigener Haltung. Am nächsten Morgen mach ich mich um zehn Uhr auf den Weg, um die Pflückerinnen bei der Arbeit zu fotografieren. Soweit das Auge reicht, grüne Hänge voll mit Teebüschen und dazwischen überall bunte Flecken. Die Frauen in ihren farbenfrohen Gewändern arbeiten sich in Gruppen die Hänge hinauf. 106


Dilu Baraily ist 59 Jahre alt und damit eine der ältesten Pflückerinnen auf der Plantage

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Das Pflücken ist seit jeher Frauensache, da diese mehr Geduld und ein besseres Auge für die qualitätsvollen Blätter hätten, erklärte mir Mr. Banerjee. Ich spreche eine alte Pflückerin an, ihr sonnengebräuntes Gesicht ist durchzogen von kleinen Falten. Sie heißt Dilu Baraily und ist 59 Jahre alt, eine der ältesten Pflückerinnen auf der Plantage. Um den Leib trägt sie von der Hüfte bis zu den Knöcheln ein dickes Leinentuch. Auf dem Kopf hat sie ein in mehreren Lagen gefaltetes Tuch, das den Druck des Riemens mildert, an dem eine aus Bambus geflochtene Kiepe hängt, die auf dem Rücken getragen wird. Die kleine Frau steht bis zur Hüfte zwischen den 60 Zentimeter hohen Teebüschen, dabei pflückt sie die saftig grünen Teeblätter und wirft sie über die Schulter in ihre Kiepe. An diesem Tag brennt die Sonne unerbittlich auf die Arbeiterinnen, doch während der Arbeit werden die Frauen mit Trinkwasser versorgt. Gegen Mittag wird die erste Ernte des Tages abgegeben. Alle Teepflückerinnen treffen sich nun mit ihren Körben vor der Teefabrik. Es wird geschwatzt und gelacht, die Stimmung ist ausgelassen, wie


F체r 100 Gramm Tee braucht man etwa 2.000 Bl채ttchen


auf einem Schulhof. Nun hängt die erste Frau ihre Kiepe voll mit Teeblättern an eine alte Wage. Fast zwei Kilo hat sie an diesem Morgen gepflückt. Die Pflückerinnen bekommen am Tag etwas mehr als einen Euro für ihre Arbeit. Bis zu 3.500 Kilogramm Teeblätter können an einem Tag gepflückt werden. Auf dem Weltmarkt wird nach Schätzungen allerdings vier mal so viel Tee unter dem Namen Darjeeling verkauft, wie tatsächlich geerntet werden könnte. Die Teeblätter werden nun von Männern in die Fabrik

Der frisch gepflückte Tee wird zum Welken in die Teefabrik gebracht


gebracht, dort folgen fünf Verarbeitungsschritte. In der Fabrik riecht es nach einer Mischung aus frisch gemähtem Gras und Tee. Im ersten Verarbeitungsschritt, dem Welken, werden die Teeblätter auf langen Bahnen (Trögen) gleichmäßig verteilt. Große Ventilatoren blasen von unten warme Luft unter die Tröge, so verlieren die Blätter bis zu 60 Prozent ihrer Feuchtigkeit. Nach dem Welken kommt das Rollen. Hier werden die Teeblätter in alten Maschinen englischer Herstellung etwa 40 bis 60 Minuten unter hohem Druck »gerollt«. So werden die Zellen aufgebrochen, dabei tritt der Zellsaft aus und die Blätter beginnen, mit dem Sauerstoff der Luft zu oxidieren. Durch das Brechen kommen das unvergleichliche Aroma und der Geschmack zum Vorschein. Nun wird der Tee zum Fermentieren auf Regalen aus111


gebreitet. Einer der Arbeiter nimmt zwei Hände voll Tee und riecht daran, mit seinem Geruchssinn überprüft er, ob der optimale Geschmackspunkt erreicht ist. Bei einer kurzen Fermentation wird der Tee leicht und hat nachher eine helle Farbe, nach einer längeren Oxidation wird er kräftig und bekommt eine dunkle Farbe. Jetzt wird der Tee getrocknet, dazu laufen die Blätter bei 270 Grad auf einem Fließband etwa 25 Minuten lang durch einen Ofen.

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Die Frauen müssen ein gutes Auge haben, sie sortieren nochmals nach

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Nun werden die Blätter erst maschinell und zum Schluss von Frauen mühsam per Hand sortiert. Zuletzt wird der Tee in selbst hergestellten Holzkisten verpackt, die Kisten sind mit Alufolie ausgekleidet und tragen das Logo mit der grünen Teeblüte. Ich verlasse diesen ganz besonderen Ort, an dem es einen Tee-Gott gibt und an dem die Pflanzen genau so wichtig sind wie die Menschen. An dem die Kinder Geld dafür bekommen, am Wochenende Plastikmüll einzusammeln, damit keine wilden Tiere daran verenden. Ein Ort, an dem jeder Mensch gleich viel Wert ist und wo Hindus, Christen und Buddhisten einträchtig zusammen leben, mit einem guten Gefühl, hier ist die Welt noch in Ordnung. Doch ich verlasse den Ort auch mit leichten Bauchschmerzen. Wie wird der Teegarten all die globalen Veränderungen überstehen? Wie wird er dem klimatischen Wandel trotzen?


Es wird geschätzt, dass vier mal mehr Tee unter dem Namen Darjeeling verkauft wird, als dort wirklich geerntet werden kÜnnte


Quellenangaben Baid, Rajendra Kumar

»Darjeeling –The Beginning«, Siliguri, 2006 »The DHR«, Veröffentlichung im Rahmen der 9. Konferenz der »DHR Lovers«, Siliguri, 2009 »The DHR«, Veröffentlichung im Rahmen der 10. Konferenz der »DHR Lovers«, Siliguri, 2010

Banerjee, Swaraj Kumar

Chhetri, Vivek

»The Rajah of Darjeeling Organic Tea – Makaibari«, Cambridge University Press, 2008 »Muddy coal stopps toy train on tracks in hills« The Telegraph Calcutta, 27.03.2010 »Fresh coal fails to fire the toy train ride«, The Telegraph Calcutta, 30.03.2010

Hoffmann, Tilo Reichel, Dieter Wallace, Richard

Internet

»Die Teebahn von Darjeeling«, GEO-Reportage, 2006 »Darjeeling – Hill Station im Himalaya«, DVD »The Darjeeling Himalayan Railway – A Guide to the DHR, Darjeeling and its Tea«, Veröffentlichung der Darjeeling Himalayan Railway Society, London, 2009 Darjeeling Himalayan Railway Society – www.dhrs.org Darjeeling Tea – www.darjeelingtea.com Makaibari Tea Estates – www.makaibari.com Region Darjeeling – www.darjnet.com Teekampagne – www.teekampagne.de


Vielen Dank Darjeeling Himalayan Railway Society

DHR-Arbeiter

Makaibari Tea Estate

Fachhochschule Münster Fachbereich Design Des weiteren

Paul Whittle, Vizevorsitzender Rajendra Kumar Baid, Präsident Shankar Gosai, »Driver« Kishore Sunam, »Coalman« Mahesh Sunam, »Coalman« Sukhendu Nandi, »Coal Breaker« Budhiman Tamang, »Coalman« Swaraj Kumar Banerjee, Eigentümer Nayan Lama, Freiwilligen-Koordinator Pema Lama, Gastfamilie Prof. Hermann Dornhege Dipl.-Des. Elisabeth Schwarz Dr. Wolfram Dorrmann Klaus Leuschner Bernd Euler Urs Spindler Malte Spindler Meiner Freundin Esther Gonstalla und meiner Familie, Astrid, Friedrich, Sören und Solveig, für die seelische Unterstützung.


Impressum Fotos, Text, Gestaltung und Konzept Auflage Beratung Lektorat

Druck Papier Schrift

Torben Weiß 1. Auflage, 2010 Prof. Hermann Dornhege und Dipl.-Des. Elisabeth Schwarz Urs Spindler Malte Spindler buch-manager.de 135 g/qm, Maxisatin, Bilderdruck Scala Sans © 2010 Torben Weiß Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch oder Teile dieses Buches dürfen nicht vervielfältigt, in Datenbanken gespeichert oder in irgendeiner Form übertragen werden ohne die schriftliche Genehmigung des Autors.


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