__MAIN_TEXT__

Page 1


Leben an Darjeelings Teebahn Eine Fotoreportage von Torben WeiĂ&#x;


Leben an Darjeelings Teebahn Nebelschwaden ziehen am frühen Morgen über die Stadt Darjeeling, der ständige Lärm Indiens, der Unrat und der allgegenwärtige Staub scheinen weit entfernt. Darjeeling liegt auf einem schmalen Gebirgskamm am Fuße des Himalayas, rund 110.000 Menschen leben hier, in 2185 Metern Höhe. Heute platzt Darjeeling aus allen Nähten, einst war die Bergstadt ein Erholungsort der Briten. 1881 nahmen die Kolonialherren eine Bahnstrecke in Betrieb, um ihren Erholungsort besser versorgen und den Tee schneller abtransportieren zu können. Seitdem keuchen die Dampfloks der Darjeeling Himalayan Railway unermüdlich die Teeberge hoch. Nur der Bahn ist es zu verdanken, dass Darjeeling heute zu den berühmtesten Teeanbaugebieten der Welt gehört. Weißer Wasserdampf steigt mit einem leisen Zischen aus einer der letzten Schmalspurbahnen Indiens. Kratziger Kohlegeruch liegt in der Luft und die alten Maschinen des »Toy Trains« scheinen noch zu schlafen. Vor der Werkstatt packen junge Träger die Kohle von einem alten Truck in ihre Tragekörbe und schleppen die schwere, staubige

Nahrung ins Kohlelager. Die Züge verspeisen täglich 3,2 Tonnen davon. Vor dem Lager schaue ich einem drahtigen Mann ins Gesicht, seine Haltung ist von der schweren Arbeit gezeichnet. Später wird er mir als Budhiman Tamang vorgestellt, der älteste »Coalman« hier in der Werkstatt. Tamang belädt die Körbe, die dann zur Lok getragen werden. In den kleinen Pausen beobachtet er die jungen Arbeiter und kaut »Raja«, Kautabak. Gleich neben uns steht ein kleiner, schmaler Mann bis zu den Knöcheln in einem Matsch aus Asche und Wasser. Es ist der »Station-Cleaner«, der die Asche aus einer Grube unter den Gleisen schaufelt. »It is a really dirty job«, sagt einer der Arbeiter zu mir. Er nimmt seinen Kohlekorb auf die Schultern und trägt ihn durch Rauch und Wasserdampf zu einer Lok, die gerade fahrbereit gemacht wird. Als er eine Pause hat stellt er sich mir vor – Kishore Sunam ist ebenfalls einer der »Coalmen« und wohnt in einer Wohnsiedlung aus Wellblech und Bretterbuden unterhalb des Hauptbahnhofs von Darjeeling.


Der Morgendunst kriecht langsam die H端gel von Darjeeling empor, oft verzieht er sich auch tags端ber nicht


Budhiman Tamang arbeitet seit 30 Jahren als ÂťCoalmanÂŤ

18


Kautabak f端r die Pausen

21


Der »Station-Cleaner« schaufelt Asche aus der Gleisgrube

23


24


Wasserdampf und Kohlenstaub liegen in der Luft, Kishore Sunam schleppt neue Kohle zur Lok

25


ÂťCoalmanÂŤ Mahesh Sunam mit seiner Familie

28


29


W채hrend der R체ckfahrt und nach Stunden Versp채tung h채lt die Bahn wegen technischer Probleme am Bahnhof in Ghum

98


Teeproduktion am FuĂ&#x;e des Himalayas


Mehr als 40.000 Menschen arbeiten in der regionalen Teeproduktion Nach der kleinen Wanderung werde ich der Familie von Pema Lama vorgestellt, bei der ich für die nächsten vier Tage wohnen werde. Pema lebt mit seiner Frau Bharti, den zwei Töchtern Aswini und Angelina und seinen Eltern in einem kleinen, türkis gestrichenen Haus, nur wenige Meter von der Teefabrik entfernt. Ich werde herzlich aufgenommen und mit allerlei Spezialitäten, vor allem aus dem Nachbarland Nepal, versorgt. Auf den Tisch kommt nur das im Garten biologisch angebaute Gemüse sowie Eier und Fleisch von Tieren aus eigener Haltung. Am nächsten Morgen mach ich mich um zehn Uhr auf den Weg, um die Pflückerinnen bei der Arbeit zu fotografieren. Soweit das Auge reicht, grüne Hänge voll mit Teebüschen und dazwischen überall bunte Flecken. Die Frauen in ihren farbenfrohen Gewändern arbeiten sich in Gruppen die Hänge hinauf. 106


Dilu Baraily ist 59 Jahre alt und damit eine der ältesten Pflückerinnen auf der Plantage

108

Das Pflücken ist seit jeher Frauensache, da diese mehr Geduld und ein besseres Auge für die qualitätsvollen Blätter hätten, erklärte mir Mr. Banerjee. Ich spreche eine alte Pflückerin an, ihr sonnengebräuntes Gesicht ist durchzogen von kleinen Falten. Sie heißt Dilu Baraily und ist 59 Jahre alt, eine der ältesten Pflückerinnen auf der Plantage. Um den Leib trägt sie von der Hüfte bis zu den Knöcheln ein dickes Leinentuch. Auf dem Kopf hat sie ein in mehreren Lagen gefaltetes Tuch, das den Druck des Riemens mildert, an dem eine aus Bambus geflochtene Kiepe hängt, die auf dem Rücken getragen wird. Die kleine Frau steht bis zur Hüfte zwischen den 60 Zentimeter hohen Teebüschen, dabei pflückt sie die saftig grünen Teeblätter und wirft sie über die Schulter in ihre Kiepe. An diesem Tag brennt die Sonne unerbittlich auf die Arbeiterinnen, doch während der Arbeit werden die Frauen mit Trinkwasser versorgt. Gegen Mittag wird die erste Ernte des Tages abgegeben. Alle Teepflückerinnen treffen sich nun mit ihren Körben vor der Teefabrik. Es wird geschwatzt und gelacht, die Stimmung ist ausgelassen, wie


F체r 100 Gramm Tee braucht man etwa 2.000 Bl채ttchen


Profile for Torben Weiss

Leben an Darjeelings Teebahn  

Leben an Darjeelings Teebahn

Leben an Darjeelings Teebahn  

Leben an Darjeelings Teebahn

Advertisement