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report besuch der luxusmesse

Auf SLK-Basis: Der Schweizer Christof Würgler Der rote Korsar lässt grüßen: Schnittige Luxusbaut den HMC Hidalgo – ein elegantes Retro-Coupé yacht von VanDutch – maximal 74 km/h schnell

Wohin nur mit dem ganzen Geld? Die Top Marques Monaco liefert wertvolle Anregungen. Hier lassen sich Millionen binnen Minuten verpulvern – nicht nur für Autos  Möglicherweise muss die Top Marques 2012 ausfallen. Wenn sich alle Besucher der diesjährigen Ausstellung den Jetlev-Flyer zulegen, mit dem man, einer menschlichen Rakete gleich, bis zu 8,5 Meter hoch in die Luft steigen kann, schwant uns Böses. Dann wird in den nächsten 12 Monaten jede Notaufnahme entlang der Côte d‘Azur überquellen. Und das Grimaldi Forum zum Lazarett umfunktioniert werden. Natürlich entspringt dieses Szenario unserer Phantasie. Von Hersteller EAMS lassen wir uns belehren, dass der Jetlev narrensicher sei. Derlei Aussagen muss man ver-

Dicker Brocken: PPI-Chef Dr. Ben Abraham vor seinem 560 PS starken Ice GT auf Basis Q7 V12 TDI

Schreibt mit dem neuen Modell erneut Geschichte: Preist die neueste Variante des Dart Kombat als Horacio Pagani vor dem nagelneuen Hyuara Frauenauto an: Leonard Yankelovich aus Litauen

Endlich in Farbe: Künstler und Designer Marco Mehn mit dem von ihm handbemalten Cooper S

Schöne Reiche

ten Jahr frappierend ähnelt. Verkauft das Gefährt aber ab sofort als Frauenauto: „Das schwache Geschlecht will Sicherheit und Geborgenheit – das ihnen unser L4P LADIES.ONLY perfekt bieten kann.“ Auch Andrea Tirrito ist wieder da. Der lässt auf den letztjährigen Tirrito Ayrton S den Ayrton R folgen. Dessen knalliges Orange vom mittelprächtig verarbeiteten Carbon ablenkt. Und dessen Design irgendwo zwischen Pagani und blankem Wahnsinn pendelt. Noch interessanter sind die Newcomer. Unter denen wir die Traumtänzer zügig herausfiltern. Die ste-

trauen. Wie auch Anthony Keatings Ziel, mit dem ZKR 500 km/h zu fahren. Sein neues Auto sieht von vorne nach Koenigsegg aus. Weist an dem mit Klargasleuchten aus dem Tuningkatalog bestückten Hintern aber Optimierungsbedarf auf. Alljährlich gelingt es der Top Marques, die seltensten und exklusivsten Hersteller der Welt zu versammeln. Darunter alte Bekannte aus 2010: Wir treffen Leonard Yankelovich von Dartz. Der hat ein Fahrzeug im Gepäck, das dem kugelsicheren Dartz Kombat vom letz46  AUTO BILD SPORTSCARS  |  Nr. 6 ∧ Juni 2011

hen mit Autos auf dem Stand, denen Interieur, Lampen oder Motor fehlen. Geben sich gleichermaßen klangvolle wie bedeutungslose Namen wie Soleil oder Identity. Und sind davon überzeugt, mit ihrem halbfertigen Produkt spätestens nächstes Frühjahr den Weltmarkt aufzurollen. Derlei Ausfälle sind aber die Ausnahme. Es überwiegen positive Eindrücke – und tolle Projekte. Von überzeugender Machart und Konzeption. Christof Würgler zum Beispiel bietet für 300 000 Euro ein

Variabilität ist Trumpf: Der Keating ZKR leistet 600 bis 2200 PS. Firmenchef Anthony Keating will damit bald 500 km/h fahren

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Fotos: Lena Barthelmeß

Qualität vor Quantität: 33 000 Besucher schlenderten vom 14. bis 17. April durch die Hallen des Grimaldi Forum – rund 100 Aussteller hielten Hof


report besuch der luxusmesse

Abbild des Ferrari 250 GTO: Künstler Dante mit Skulptur – im Maßstab 1:8 116 500 Euro teuer todschickes Coupé an. Das sich stilistisch deutlich am Chic der 30erJahre orientiert. Als Basis hält ein Mercedes SLK 55 AMG her. Nur Motor und überarbeitetes Interieur verraten die profane Herkunft. Noble vermag uns ebenfalls zu be­geistern. Jahrelang war die Sportwagenmarke in der Versenkung verschwunden. Jetzt feiert sie in

Kanadischer Koloss: Pressechef Seth Feller vor dem sechs Tonnen schweren Conquest Knight XV

Für den besonderen Geschmack: Tirrito Ayrton R mit 650 PS starkem BMW-V12 und Firmenchef

Schreibtisch für 168 000 Euro: Alan Sawyer baut unter dem Label Luzzo Bugatti-inspirierte Möbel

Grüße aus Moskau: Topcar-Boss Oleg Egorov samt neuem Cayenne in der „Vantage“-Ausführung

705 000 Euro Basispreis: Finanzchef Daniel Schier weiß den Preis des Xenatec Coupé ganz genau

die Messe vereinbarte Fahrtermin mit dem Giganten nicht funktioniert, können wir nur mutmaßen. Die Vorstellung, dass der dicke  Brocken in einem der unzähligen engen Stadttunnels von Monaco stecken geblieben war und freigesprengt werden musste, halten wir jedoch für nicht abwegig. Während uns die Messe 2010 sehr russisch geprägt schien, hatten dieses Jahr auch die Deutschen ein gewichtiges Wörtchen mitzureden: – Maler Marco Mehn aus Landstuhl in der Pfalz darf seine auf Edelstahl statt Leinwand gepinselten Prachtwerke auf dem größten Stand der Messe präsentieren. Prinz Albert ist Fan seiner Kunst. – Kleinserienhersteller wie Xenatec und Melkus demonstrieren eindrucksvoll, dass deutscher Automobilbau auch in kleinen

Deutsche Tuner und Hersteller geben Vollgas

Abgehoben: Mit dem Jetlev-Flyer geht‘s bis zu 8,5 Meter in die Luft Monaco mit der Serienversion des M600 ein furioses Comeback. Dessen Eckdaten haben es in sich: Der Yamaha-V8 mit 660 PS soll den Null-bis-200-km/h-Sprint in rund neun Sekunden sowie 362 km/h Spitze ermöglichen. Und lässt uns auf eine Genesung der immer weiter schrumpfenden englischen Kleinserien-Tradition hoffen. Auch dem Conquest Knight XV prophezeien wir eine gar nicht so düstere Zukunft. Der im kanadischen Toronto gefertigte Kampfkoloss will der ultimative Panzerwagen sein – und lässt den Hummer wie einen Kleinwagen aussehen. Sein Lebendgewicht von sechs Tonnen verteilt sich denkbar spektakulär auf 6,1 Meter Länge, 2,5 Meter Breite und eine ebensolche Höhe. Warum der direkt im Anschluss an 48  AUTO BILD SPORTSCARS  |  Nr. 6 ∧ Juni 2011

Stückzahlen Großes vollbringen kann. – Veredler wie Abt und MTM zeigen, dass Audi in der Welt der Superreichen angekommen ist. – Porsche-Tuner Gemballa zelebriert seine Rückkehr auf die Weltbühne mit einem viel beachteten Paukenschlag. Den Mistrale, sein neuestes und spektakulärstes Projekt sind wir gefahren (S. 52). Ebenso den R8 V10 Biturbo von MTM (S. 56) und den RS2000 GTS von Melkus (S. 50). Angesichts einer derart fetten Ausbeute haben wir allen Grund, uns auf 2012 zu freuen. Zumal unsere düstere Vorahnung – wie erwähnt – jeglicher Grundlage entbehrt. Das zweite Produkt von EAMS soll übrigens ähnlich ungefährlich in der Handhabung sein, wie der Jetlev-Flyer: ein von einem 14 PS starken Motor betriebenes, 12 000 Euro teures Surfbrett, das es auf bis zu 55 km/h bringt.  [ba] Kontakt: www.topmarquesmonaco.com

Vom Prototyp zum Serienfahrzeug: Geschäftsführer Peter Boutwood mit der endgültigen Version des britischen Noble M600

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fahrbericht melkus rs 2000 GTS Geschäftsführer Sepp Melkus (r.) im Gespräch mit Redakteur Ben Arnold

neue identität

Rattenscharf: Die knallige Farbe und das perfekt arrangierte Spoilerkit wirken Wunder - der GTS sieht wie die perfekte Rennsemmel aus. Bei jedem Halt die große Show: der beflügelte Einsteig

Melkus auf Innovationskurs: Der RS 2000 GTS emanzipiert sich von der Lotus-Basis. Mit Audi-Motor samt DSG dringt der Ossi in ungeahnte Fahrspaß-Regionen vor Die quirlige Ausstrahlung des Autos steckt an. Hat sich der Pilot erfolgreich eingefädelt (selbst mit 1,90 Meter Körpergröße nach etwas Training gar nicht so schwer), will er sofort starten. Fasst er doch umgehend Vertrauen zu seinem fahrbaren Untersatz. Erfreut sich an den heimeligen, aber keineswegs beengten Platzverhältnissen, der perfekten Einsehbarkeit des Vorderwagens und der intuitiven Handhabung der wenigen vorhandenen Knöpfe und Schalter. Nur der aufgrund der hoch aufragenden Mittelmotor-Sichtbarriere fehlende Innenspiegel macht etwas nervös. Muss man sich doch extrem konzentrieren, um über die kleinen Außenspiegel, die in Monaco allgegenwärtigen Kamikaze-Rollerfahrer zu erfassen. Dabei können die zweirädrigen Selbstmordkommandos ganz einfach auf Distanz gehalten werden – ein Tritt aufs Gaspedal genügt. Dann spielt die bullige Turbo-Maschine mit den 975 Kilogramm Lebendgewicht Baseball. War der ToyotaMotor ein DrehmomentHungerhaken, geht jetzt auch bei mittelhohen Umdrehungen die Post ab. Ein winziges Turboloch gönnt dem Fahrer einen Moment

freudiger Erwartung – bevor sich der Kampfzwerg nach vorn katapultiert. Natürlich dreht das aktuelle Aggregat nicht mehr bis 8300 – darf im Sportmodus aber immerhin bis 7200 Umdrehungen orgeln. Um danach ohne Zugkraftunterbrechung in den nächstniedrigen Gang zu wechseln und dort dank lupenreiner Anschlüsse umgehend weiter auf den Putz zu hauen. ESP hat Melkus unverändert nicht zu bieten – nur ABS und Traktionskontrolle. Bei Trockenheit bleibt das Auto jederzeit gut beherrschbar. Nur bei nasser Fahrbahn ist Vorsicht geboten – um zu vermeiden, dass die Hinterräder mit den immerhin 450 Newtonmetern eine unheilige Flutsch-Allianz eingehen. Ohne jeglichen aufgesetzten Patriotismus können wir behaupten: Der Deutschkurs hat dem RS 2000 GTS richtig gutgetan. [ba] Kontakt: Melkus Sportwagen, Telefon 03 51-3 14 13 30, www.melkus-sportwagen.de

* Herstellerangaben

Fotos: Lena Barthelmeß

 Nicht erst seit Thilo Sarrazin macht eine Vermutung die Runde: Multikulti ist gescheitert. Offenbar hat auch Melkus diesbezüglich Überlegungen angestellt – und will nicht länger auf fernöstliche Toyota-Aggregate zurückgreifen. Beim neuen GTS gibt er stattdessen Komponenten aus der Heimat den Vorzug. „Wir bedienen uns aus dem VW-/Audi-Regal,“ erklärt Geschäftsführer Sepp Melkus. Details will er noch keine verraten – die Verträge sind noch nicht eingestielt. Aus zuverlässiger Quelle wissen wir jedoch längst, dass die Dresdner den Vierzylinder des S3 verbauen. Sich mit dessen 265 PS aber nicht begnügen, sondern zwei Leistungsstufen mit 300 und 350 PS offerieren. Die sich gegen 4800 Euro Aufpreis mit einem DSG-Getriebe verbünden. Nicht nur den Antriebsstrang frischt der Kleinserienhersteller auf. Auch die Optik bringt er konsequent auf Vordermann. Mit properem Spoilerkit schielt der kleine Rabauke Richtung Rennstrecke. Dort dürfte er keine schlechte Figur abgeben – mit seiner ausgewogenen Gewichtsverteilung, der geringen Masse und dem tiefen Schwerpunkt.

Technische Daten* melkus rs2000 GTS

Motor R4, Turbo Einbaulage Mitte quer Hubraum 1984 cm3 kW (PS) bei 1/min 257 (350)/6000 Literleistung 176 PS/Liter Nm bei 1/min 450/3500 Antriebsart Hinterrad Getriebe 6-Gang-Doppelkuppl. Reifengröße v./h. 205/40/17 / 245/35/18 Länge/Breite/Höhe 3923/1777/1149 mm Leergewicht/Zuladung 975 kg/225 kg Leistungsgewicht 2,8 kg/PS Verbrauch 8,7 l Super Plus 0–100/-200 km/h 3,8 s/ca. 15 s Höchstgeschwindigkeit ca. 300 km/h Preis 152 800 Euro

Deutliche Hinweise: Zwei Paddles am Lenkrad und vier Drucktasten in der Mittelkonsole kennzeichnen das DSG-Modell. Der S-Modus lockt mit verkürzten Schaltzeiten und höherem Drehzahlniveau. Der mittig verbaute Turbo-Motor teilt sich unmissverständlich mit

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fahrbericht gemballa mistrale

Bebende legende

Fotos: Lena Barthelmeß

Gemballa ist zurück im Spiel: Der brachiale Mistrale spielt im Konzert der Tuninglimos die erste Geige. Leistung, Luxus, Lässigkeit – die Eigenschaften der viertürigen Dampfmaschine bestechen

Alles im Fluss: Neue Türen, Kotflügel und Stoßfänger – samt und sonders aus Carbon – verleihen der Panamera-Linie eine neue Dynamik. Einzig und allein das Dach belässt Gemballa im Serienzustand

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 Manche bekommen in engen Räumen Angstzustände. Andere Gänsehaut, wenn Kreide auf Schiefer kratzt. Dritte beim Anblick von Spinnen Schreiattacken. Uwe Gemballa hatte eine ganz spezielle Phobie: Er hasste Türgriffe. Weshalb er sich die wahnwitzigsten Konstruktionen einfallen ließ, um sich ihrer zu entledigen. 2010 fiel der Veredler einem Verbrechen zum Opfer.

Jetzt wagen die Hüter und Bewahrer seines Namens einen Neustart. Ihr erstes Projekt: der Mistrale auf Panamera-Basis. Ins Auge stechen neben seiner matter ChampagnerLackierung auf Anhieb eines: die fehlenden Türgriffe. Die Fußstapfen eines Genies auszufüllen, stellt eine Herausforderung dar. Der neue Geschäftsführer Andreas Schwarz weiß um die Problematik und verfuhr bei

der ersten Ausgeburt der neuen Ära deshalb konsequent nach der Devise: ganz, oder gar nicht. Folgerichtig hat das Resultat mit einem Panamera nichts mehr gemein. Sondern sich – in klassischer Gemballa-Manier – vom Ursprung weitestmöglich entfernt. Mit dramatischer Widebody-Gestik bedient das Auto sämtliche Tuning- und Breitbau-Klischees. Zelebriert diese jedoch so kunstfertig

und feinsinnig, überzeichnet und parodiert sie sogar stellenweise, dass einem das imposante Resultat zwangsläufig den Atem raubt. Überall entdeckt das geschulte Auge Elemente, die die Hingabe der neuen Macher an den verstorbenen Urvater belegen: • Farblich abgesetzte, in den Breitbau eingebettete Seitenflächen, die viele Mitbewerber längst schamlos kopiert haben.

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fahrbericht gemballa mistrale

Technische Daten* gemballa mistrale

Motor V8, Bi-Turbo Einbaulage vorn längs Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/4 Hubraum 4806 cm3 kW (PS) bei 1/min 520 (707)/6200 Literleistung 147 PS/Liter Nm bei 1/min 955/3150 Antriebsart Allrad Getriebe 7-Gang-DSG Bremsen vorn 411 mm/innenbel./gel.+geschl. Bremsen hinten 380 mm/innenbel./gel.+geschl. Radgröße vorn – hinten 10 x 22 – 12 x 22 Reifen vorn – hinten 265/30 R 22 – 315/25 R 22 Reifentyp Pirelli XS Zero Nero Länge/Breite/Höhe 5125/2055/1410 mm Radstand 2920 mm Leergewicht/Zuladung 1950 kg/550 kg Leistungsgewicht 2,8 kg/PS Tankvolumen 100 l Verbrauch Ø auf 100 km 18,5 l Super Plus Beschleunigung von 0–100 km/h 3,6 s Beschleunigung von 0–200 km/h ca. 11,1 s Höchstgeschwindigkeit > 320 km/h Fahrzeugpreis 578 737 Euro * Herstellerangaben

Detailversessen: Der Zierrahmen der Schaltkulisse trägt mattes Schwarz und einen eingestanzten Mistrale-Schriftzug

Funktionalität zählt: Die Radhausentlüftung ist echt

• Ein markanter Hintern mit hoch gesetzten Auspuffendrohren und kreisförmigen Heckleuchten. • Ein allgemeiner Hang zu weichen Rundungen und Radien, der sich nicht zuletzt in den wahnwitzig geschüsselten Rädern in 22 Zoll niederschlägt. Uwe Gemballa wäre begeistert gewesen: Über die Leidenschaft für Prunk, Pomp und Protz, die sich in unzähligen Details niederschlägt. Und über ein perfekt inszeniertes Arrangement, dass den Rotstift nur vom Hörensagen kennt. Alles scheint wahlweise aus dem Vollen gehauen oder aus dem Ganzen gefräst. Im Innenraum setzt sich das Bekenntnis zu ungezügeltem Luxus fort: Kein schnödes Stück Plastik, kein liebloses Großserien-Element beleidigt den elitären Geschmack. In die umlaufende Beplankung aus hauchdünnem Metall sind Mistrale-Schriftzüge

eingestanzt. Alcantara und Leder dringen in Bereiche vor, die kaum ein Auge jemals erblickten dürfte. Nur Winzigkeiten bleiben zu bemängeln: Die neue Aufpolsterung der Sportsitze trägt so dick auf, dass sich nur Wespentaillen wohlfühlen. Außerdem quietscht die Monster-Bremse. Letzteres registrieren wir auf der berühmten Grande Corniche, die sich oberhalb Monacos von Nizza nach Menton schlängelt. Dort dürfen wir das Auto bewegen – als erste Medienvertreter weltweit. Mit geballten 707 PS enteilt der Mistrale der Konkurrenz um Längen. Andreas Schwarz weist jeglichen Hang zur Übertreibung weit von sich: „Wir haben die Leistung tatsächlich.“ Aus dem Stegreif hält er ein Plädoyer für die neuen Lader mit Garrett-Innereien und selbst entwickeltem Gehäuse, die im Gegensatz zu den VTG-Serienturbos ohne verstellbare Leit-

schaufeln auskommen. Und die dem Hintergrund des 30-jährigenaufgrund ihrer speziellen Kon­ Gemballa-Jubiläums aufruft, adstruktion im beengten Motorraum dieren sich der Preis für ein voll tatsächlich Unterschlupf finden – ausgestattetes Basisfahrzeug und obwohl sie zwei Drittel mehr Vo- 19 Prozent Steuern. Summa sumlumen aufweisen. Bauteile wie das marum wollen 578 737 Euro beGetriebe muss Gemballa vor dem rappt werden. Schwarz gibt sich Duo infernale schützen: Eine Be- kompromisslos: Nur 30 Autos werschränkung auf 955 Newtonmeter den gebaut – ausschließlich im Drehmoment ist unumgänglich. kompletten Tuningtrimm und auf „Wir scheuen keinen Vergleichs- Basis der V8-Biturbo-Variante. test“, kündigt Schwarz selbstbeDie Türgriff-Lösung stellt übriwusst an. Ein erster Fahreindruck gens keine Bastelei dar – sondern legt nahe, dass er den tatsächlich ein rundum getüvtes Meisterwerk nicht fürchten muss: Das Durch- mit elektrischem Öffner. Wie überzugsvermögen der urgewaltigen haupt das ganze Auto den Segen V8-Maschine verursacht Presswe- der gestrengen Prüfstelle hat. Unhen. Das tiefe Gurgeln des bärigen geachtet des germanischen GüteMotors geht einher mit einer so ra- siegels steht zu befürchten, dass dikalen Art des Vorankommens, sich die meisten Mistrale innerhalb dass ein saftiger Expresszuschlag der deutschen Landesgrenzen zu naheläge. eingeengt fühDen der Verlen dürften. edler auch verKontakt: langt: Zu den ‡ Pompöser hätte das Gemballa, Telefon symbolträchti- Comeback kaum ausfal0 71 52-97 99 00, gen 333 333,33 len können: Der kolossal www.gemballa. Euro, die er vor imposante Mistrale vercom

fazit

Fotos: Lena Barthelmeß

knüpft glorreiche Gemballa-Historie mit neuzeitlicher State-of-theArt-Technologie. Superlative dominieren: vom sensationellen Finish bis zum exorbitanten Preis. Applaus!  Ben Arnold

Runde Sache: Die eigenständigen Heckleuchten sind spätestens seit dem auf dem ersten Cayenne aufbauenden Tornado ein Gemballa-Markenzeichen 54  AUTO BILD SPORTSCARS  |  Nr. 6 ∧ Juni 2011

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fahrbericht MTM R8 V10 Biturbo

Glänzende Idee

Fotos: Lena Barthelmeß

Das Gute liegt bisweilen so nah: MTM spendiert seinem handpolierten R8 V10 Biturbo die Maschine des RS6. Getunt auf 777 PS und 888 Newtonmeter, vollbringt der Zehnzylinder Erstaunliches  700 Arbeitsstunden sind eine Menge. In diesem Zeitraum entsteht bei MTM kein Auto – sondern lediglich eine auf Hochglanz polierte Hülle. Deren Herstellung eine Nervenprobe allerersten Ranges darstellt: „Über Wochen hinweg haben zwei Mitarbeiter in Handarbeit sämtliche Lackschichten abgebeizt, das nackte Aluminium mit Schleifpapier bearbeitet und gewienert, bis die Finger bluteten.“ Unrühmliches Highlight: ein Spuren hinterlassender Fußmarsch von Kater Charlie über die frisch bearbeitete Karosserie. Der das rechtzeitige Erscheinen auf der Messe zur Zitterpartie machte. Die Wurzeln des R8 V10 Biturbo reichen ins Jahr 2009 zurück: Roland Mayer will den Über-Audi bauen. Dazu plant der MTM-Boss, den sportlichsten Ingolstädter mit dem stärksten Motor aus dem Haus zu vermählen – R8 trifft RS6. Auf diese Idee kommen auch andere – aber nur MTM verknüpft das nötige Know-how mit dem nötigen langen Atem. Eine simple Plug & Play-Variante verbietet sich – der BiturboV10 ist nicht als Mittelmotor konzipiert. Folgerichtig scheint die Thermik das zentrale Pro­ blem zu sein. Das Roland Mayer als gelöst ansieht: „Unsere Ladeluftkühlung wurde hinreichend optimiert.“ Den tief im Heck liegenden riesigen Lade-

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luftkühler strahlt MTM über die beiden, abstehenden Elefantenohren ähnelnden, Side­ blades an. Die Abluft sollte  theoretisch über die Öffnungen in der Heckscheibe entweichen. Praktisch strömt sie einfach durch das durchlässige Heckgitter nach draußen. Mittelfristig kann das von 580 auf 777 PS leistungsgesteigerte Aggregat noch mehr. „Noch begnügen wir uns mit den Serienladern. Mit größeren Turbos werden wir weit jenseits der 800 PS landen“, kündigt Mayer an. Wir sind die ersten, die eine echte Ausfahrt mit dem Boliden unternehmen dürfen. Fluchtgedanken keimen: Das Auto muss weg von der Côte d‘Azur. Die schmalen Küstenstraßen und die engen Stadtdurchfahrten zwängen den Boliden zu sehr ein. Wir fahren von Monaco Richtung Norden. Im bergigen Hinterland ist die Autodichte geringer, die Straße breiter. Gesetzeshüter glänzen durch Abwesenheit statt Allgegenwart. Der R8 gibt sich spröde. Vor allem im ersten Gang neigt der lang übersetzte R8 zum Ruckeln. Die Getriebe-Motor-Ehe entspringt einer Zwangsheirat: „Wir haben das Seriengetriebe des R8 komplett zerlegt und die Oberflächen per Glasperlenbestrahlung verdichtet. Zudem installierten wir eine verstärkte Kupplung. Da wir in den ers-

Merkmale der Macht: Auspuffrohre in Kennzeichenhöhe, geriffelte Heckscheibe und weit ausgestellte Sideblades

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fahrbericht mtm R8 v10 biturbo mtm r8 v10 biturbo

* Herstellerangaben

ten drei Gängen das Drehmoment limitieren, bereitet uns die Haltbarkeit keinerlei Kummer.“ Daran zweifeln wir keinen Moment – haben wir momentan doch ganz andere Sorgen: Es gilt, nicht völlig überzuschnappen. „Boaaaaahhhhhh...“, möchte schreien, wer es nach kurzer Kennenlernphase wagt, eine leere Gerade konsequent zu verkürzen. Bereits ab 3000 Umdrehungen baut die Monster-Maschine einen derartigen Druck auf, dass der Ausfall

Nicht zuletzt dank der mächtigen 325er-Walzen auf der Hinterachse klebt der R8 förmlich auf der Straße 58  AUTO BILD SPORTSCARS  |  Nr. 6 ∧ Juni 2011

Farbtupfer: Der Innenraum glänzt in grellem Begonien-Rot. Die MTM-eigenen Leichtbau-Sportsitze sind spärlich gepolstert Größer gleich kälter: Der gewaltige Ladeluftkühler thront eine Etage über V10-Motor und manuellem Getriebe

sämtlicher vernunfterhaltender voll illustriert, wie viel Puste die Systeme droht. Derart explosiv ist Bestie tatsächlich hat. Um sein Leder Antritt, dass man sich kaum ben fürchten muss man trotz geballter 888 Newtonmeter nicht wirklich – neben ABS funktioniert Das wurde Zeit: Endlich auch ESP reibungslos. ein R8 mit Leistung satt Nur fünf Exemplare des Geschosvorzustellen vermag, dass ein der- ses sollen entstehen – die dafür beartiger Feuerteufel von Motor einst nötigten RS6-Motoren liegen beim im Biedermann-Gewand eines RS6 Tuner bereit. Die kommenden vier seinen Dienst verrichtet hat. R8 V10 Biturbo werden auf die Untermalt wird das Ganze von Hochglanz-Hülle allerdings verrauem V10-Gebrüll. Und einem zichten müssen – die bleibt dem Pop-off-Trompeten, das eindrucks- ersten Auto vorbehalten.

Damit spart sich der Veredler 700 Arbeitsstunden – und der Kunde 113 050 Euro. Kontakt: MTM Motoren Technik Mayer, Tel. 08 41-98 18 80, www.mtm-online.de

fazit ‡ Was für ein Wahnsinns-Geschoss: Selbst hartgesottene PS-Freaks bekommen am Steuer feuchte Hände. Mit 777 PS mutiert der R8 V10 Biturbo zum Superhelden. Der auf unserem Planeten nahezu unbesiegbar scheint. In welcher Galaxie sich sein Potenzial wohl auskosten lässt? Ben Arnold

Fotos: Lena Barthelmeß

Technische Daten*

Motor V10, Bi-Turbo Einbaulage Mitte längs Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/4 Hubraum 4991 cm3 kW (PS) bei 1/min 571 (777)/6900 Literleistung 156 PS/Liter Nm bei 1/min 888/2750-6280 Antriebsart Allrad Getriebe 6-Gang manuell Bremsen vorn 380 mm/innenbel./gelocht Bremsen hinten 380 mm/innenbel./gelocht Radgröße vorn – hinten 9 x 20 – 12,5 x 20 Reifen vorn – hinten 245/30 R 20 – 325/25 R 20 Reifentyp Michelin Pilot Sport Cup Länge/Breite/Höhe 4498/1904/1232 mm Radstand 2650 mm Leergewicht/Zuladung 1700 kg/315 kg Leistungsgewicht 2,2 kg/PS Tankvolumen 90 l Verbrauch Ø auf 100 km 17,5 l Super Plus Beschleunigung von 0–100 km/h 3,0 s Beschleunigung 0–200/-300 km/h 10,6 s / 26 s Höchstgeschwindigkeit 360 km/h Fahrzeugpreis 491 035 Euro


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