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PRAG. 18 BauSTILE Antonia Zimmermann


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PRAG. 18 BauSTILE Antonia Zimmermann

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Vorwort Das Modul “Architekturfotograie” im Rahmen der Ausbildung an der Prager Fotoschule absolvierten wir in Prag. Es war eine perfekte Wahl, nicht nur wegen der Namensgleichheit. Prag hatte das Glück, im Krieg nicht zerstört zu werden. So indet man dort viele zeitauthentische Gebäude aus allen Epochen. Dazu auch noch auf kurzen Wegen, alles in Gehweite vom Wenzelsplatz aus, wo wir Quartier bezogen hatten. Gut vorbereitet, mit nummerierten Gebäuden, auf dem Prager Stadtplan eingezeichnet, mit einer Kurzbeschreibung der typischen Merkmale jeder Epoche, zogen wir los. Es galt 18 (!) Baustile zu dokumentieren. Mindestens fünf Bilder pro Baustil waren gefragt: eine Totale, eine Halbtotale und jeweils drei Detailaufnahmen. Obwohl wir eine Gruppe von 24 Teilnehmern waren, traf man nur sporadisch den einen oder anderen unterwegs. Man hatte genügend Zeit, sich auf das jeweilige Gebäude zu konzentrieren, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Am Abend allerdings traf sich die gesamte Gruppe zum gemeinsamen Essen und zum ausgiebigen Erfahrungsaustausch. Auch war dies die Gelegenheit, die Kollegen auch von ihrer privaten Seite kennen zu lernen. Toll, welch interessante Menschen da in diesem Kurs zusammen gekommen sind. Es war ein Aufenthalt in Prag für 4 Tage geplant. Die Wettervorhersagen waren allerdings nicht allzu günstig zum Fotograieren. So beschlossen einige Teilnehmer, bereits einen Tag früher anzureisen. Der sollte noch sonnig sein. Das hat sich ausgezahlt, denn wettermäßig haben wir von Sonne, über Nebel, Regen und auch Schnee fast alle Jahreszeiten in diesen wenigen Tagen mitgemacht. Fototechnisch war dies herausfordernd, je-

doch brachte es uns Abwechslung durch unterschiedliche Stimmungen. So konnten wir in der Praxis beweisen, was wir bisher bereits an technischen Knifen in der Fotograie gelernt hatten. Ein Segen waren auch die vielen Cafés in Prag. Wenn es zu kalt wurde, fand man immer eines in der Nähe zum Aufwärmen. Wir waren alle begeistert von dieser kulturträchtigen Stadt. Neben der Architektur fanden wir interessante Ausstellungen in den zahlreichen Galerien und Museen. Ein Dank hier an Uli Matscheko-Altmann, die uns vor Ort betreute und auch alle Galerien und Museen besuchte, um uns wertvolle Tipps geben zu können. Eine Gegend mit einem bestimmten hema zu besuchen und fotograisch zu dokumentieren, intensiviert die Wahrnehmung derselben. Bereits die Vorbereitung trägt reiche Früchte und das Ergebnis bekommt einen Rahmen. Ich nehme dies als Vorbild für weitere Erkundungen von Städten und Ländern. Dieses Buch soll jeweils ein Objekt zu jedem der 18 Baustile präsentieren. Der beigefügte Text soll zum Verständnis der speziischen Zeitepoche beitragen, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder wissenschatlicher Qualität. Die Quellen sind am Ende des Buches beigefügt. Ich danke den Verantwortlichen der Ausbildung an der Prager Fotoschule für diese reiche Erfahrung.

Antonia Zimmermann Freistadt, 10.Jänner 2013

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Inhalt Vorwort Inhalt

. Nüchterne Monumentalität Gotik . Alles strebt nach oben Renaissance . Der Mensch im Mittelpunkt Barock . Alles ist Bühne Rokoko . Säkulare Frivolität Klassizismus . Aufgeklärter Pragmatismus Historismus . “Kunst” auf Bauten Neurenaissance . Die Gründerzeit Jugendstil . Verschmelzung von Kunst und Leben Kubismus . Unterwerfung der Materie Nationalstil . Plastizität und Farbe Geom. Moderne . Kargheit und Strenge Monumentalismus . Maßlos übersteigerte Staatsarchitektur Purismus . Einfachheit und Funktionalität Funktionalismus . form follows function Sozial. Realismus . Schwerfällig historisierend Internationaler Stil . Lutige Leichtigkeit Nach der Wende . einfach, hochwertig, wirkungsvoll

Romanik

Quellennachweis Impressum

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. 800 - 1100 . 1130 - 1500 . 1420 - 1620 . 1600 - 1725 . 1725 - 1780 . 1780 - 1840 . 1840 - 1900 . 1848 - 1910 . 1890 - 1920 . 1910 - 1915 . 1920 - 1925 . 1902 - 1936 . 1920 - 1936 . 1921 - 1940 . 1923 - 1940 . 1951 - 1957 . 1957 - 1989 . nach 1989

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um 800 - 1100

Nüchterne Monumentalität

Romanik

Heilig-Kreuz-Rotunde Karoliny Svetle

Bauherren und Künstlern dieser Zeit ging es nicht um das Neue und eine Weiterentwicklung, sondern um eine Anknüpfung an die glorreiche Zeit des alten Rom (daher der Name!!). Vorbild war die römische Basilika. Nach Kriegen und Gräueln und Fehden, wollten die damaligen Äbte und Könige an glorreichere Zeiten erinnern. Es war die Zeit Karls des Großen (768 - 814). Er war ein Rom-Fan, setzte sich für dessen Erhalt ein und erhielt dafür im Jahr 800, am Weihnachtstag, die Kaiserkrone. Es waren hauptsächlich sakrale Gebäude, die errichtet wurden. Der Grundriss der romanischen Kirchen basierte meist auf dem lateinischen Kreuz. Chorumgänge waren für die Pilger gedacht, um sie an den Reliquien vorbeiführen zu können. Die Mauern waren dick, die Steingewölbe ruhten auf mächtigen Säulen. Die Fenster waren klein, um die Statik zu gewährleisten. Solche Kirchen wirkten duster und trutzig, sie passten wohl in diese Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie waren ein Zeichen der Macht. Neben den Sakralbauten wurde auch ieberhat an Burgen gebaut. Im Norden war es ein Wettrennen um den imposantesten Bau, der weithin sichtbar sein und Macht demonstrieren sollte. Es waren Festungen, um die Feinde in Schach zu halten. Im Süden war die Festung auch als Palast gedacht. Sie sollte auch schön und luxuriös sein und war eine Mischung aus maurischem und europäischem Stil. Die meisten dieser Anlagen ielen im Laufe der Zeit dem Schießpulver zum Opfer. Beispiele: Dom von Pisa, Italien (1063) Dom zu Bamberg, Deutschland (1012) Apostelkirche, Köln, Deutschland (1200) Santiago de Compostela (Innenraum) Spanien (1211) White Tower, London, England (1078)

- Bandverzierungen Verschlungene steinerne Bänder waren ein wesentliches Element angelsächsischer Sakralgebäude. - Skulptiertes Bogenfeld Wie der Giebel eines römischen Tempels war das Tympanon (Bogenfeld zw. Tür- bzw. Fenstersturz und dem Bogen darüber) von romanischen Kirchen mit Reliefs geschmückt. - Steinmetzarbeiten Säulen wurden otmals mit gemeißelten Mustern aufgewertet, die den Kirchenraum durch ein Spiel von Licht und Schatten beleben. Romanik in Prag Hinsichtlich der Geschichte der europäischen Architektur dauerte die Romanik relativ lang, von der Zeit Karl des Großen vor dem Jahr 800 bis zum 13. Jahrhundert. Die romanischen Bauten Prags fallen insbesondere ins 11. und 12. Jahrhundert, wobei mehrere Gebäude bis heute erhalten sind. Das charakteristischste romanische Bauwerk ist die Rotunde – eine zentrale Kirche, deren kreisförmiger Grundriss möglicherweise auf das römische Pantheon zurückgeht. Die Bedeutung Prags in der Romanik wird auch durch die zahlreichen erhaltenen Steinhäuser und Palais unterstrichen, die bis heute in den Kellergewölben und späteren Fassaden der Häuser der Altstadt verborgen sind (siehe z.B. Kunstädter Herrenhaus Nr. 222-I in der Řetězová-Straße). In dieser Zeit bildet sich auch der unregelmäßige Grundriss der Altstadt.

Architektonische Stilelemente

Beispiele in Prag St.Longinus-Rotunde (Na Rybnicku) Heilig-Kreuz-Rotunde (Karoliny Svetle) St.Georgs-Basilika (auf der Burg) Alte Propstei (Ostfront des Bischofshauses)- Mauerreste (auf der Burg) Schwarzer Turm mit Teilen der Befestigung (auf der Burg)

Die Romanik übernahm einige Formen aus dem alten Rom, entwickelte jedoch unter dem Einluss islamischer und christlicher Bautraditionen viele eigenständige Elemente: - Umlaufende Arkaden Zahlreiche Bogengänge umlaufen den “schiefen Turm” von Pisa. Das Motiv taucht an vielen romanischen Kirchen auf, auch in Innenräumen. - Blendarkaden Diese typische Baudekoration belebte glatte Wände und war preiswerter und leichter zu bauen als Fensteröfnungen. In der Frühromanik ist sie noch eher selten zu inden.

In Stichworten: Aus einfachen Körpern (Quadern, Zylindern, Kegeln) zusammengesetzt; Flachdecke; Tonnengewölbe und Kreuzgratgewölbe; Rundbögen und Arkaden; reiche Bauplastik (Reliefs); mächtige Mauern und Gewölbe; kleine Fenster und Türen; Würfelkapitele auf den Säulen; Ornamentik aus der Planzenwelt (Eichenlaub) Wehr-, Wohn- und Kirchenbauten (Rotunden, Basiliken)

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Heilig-Kreuz-Rotunde (Karoliny Svetlé) Älteste erhaltene Rotunde in Prag. Die ersten schritlichen Belege der Existenz dieser Rotunde stammen aus dem Jahr 1365, wahrscheinlich wurde sie jedoch bereits im 11. Jahrhundert erbaut. Es handelt sich um eine der wenigen erhaltenen Rotunden auf dem Stadtgebiet Prags. Sie ist für ihre Entstehungszeit meisterhat aus kleinen Bruchsteinquadern erbaut. Die Rotunde dient bis heute ihrem ursprünglichen Zweck als Gotteshaus. Die heute von hohen Häusern umbaute Heiligkreuzrotunde ist eine von drei noch bestehenden romanischen Rundkirchen der Stadt. Mit ihrem von einer durch Biforien geöfneten Laterne bekrönten Kegeldach folgt sie dem Vorbild der nur wenig älteren Martinsrotunde auf dem Vysehrad.

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Schwarzer Turm Auf der Burg

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1130 - 1500

Alles strebt nach oben

Gotik Nun strebte man nach oben. Man wollte Gott näher sein und die Bauten sollten dies auch zeigen. Es setzte ein Wettlauf um die höchsten Gewölbe, Türme und Fialen (verlängerte Säulen als Türmchen) ein. Mit Hilfe von Strebewerken konnte man die Wände entlasten, durch zierlichere Säulen ersetzen, die das Gewicht des Daches abfangen konnten. Die Fenster wurden vergrößert, der Spitzbogen eingeführt. Er verteilte den Druck von oben gleichmäßiger nach unten. Das Können der Steinmetze brachte kunstvolle Verzierungen an Fenstern, Säulen, Fialen hervor und führte zu immer prächtigeren Gewölbeformen. Bunte Glasfenster ließen den Kirchenraum erstrahlen und erzählten wie eine Laterna Magica biblische Geschichten, ot auch in Rosettenform. Das Volk lebte jedoch in armseligen Behausungen. Wie mächtig muß der Eindruck gewesen sein, in solche Bauten zu schreiten. Wie groß die Ehrfurcht vor Gott. Die Steinmetze und Baumeister erlangten zunehmend Berühmtheit und waren ständig europaweit unterwegs. Man reiste überhaupt viel in diesen Zeiten. Soldaten, Kauleute, Pilger und Geistliche waren stets unterwegs. Man sprach Latein und konnte sich so gut verständigen. Für die Unterbringung entstanden die ersten Herbergen und Gasthöfe. Beispiele: Notre-Dame, Paris, Frankreich (1163) Kathedrale von Chartres, Frankreich (1230) Kölner Dom, Deutschland (1248) Dogenpalast, Venedig, Italien (1438) Westminster Hall, London, England (1399)

Architektonische Stilelemente Die hochaufstrebende Gotik war eines der kühnsten Unterfangen der Architekturgeschichte. - Strebebögen (s. Text oben)

- Kreuzgratgewölbe - Fächergewölbe In der Endphase (in England) der gotischen Gewölbe breitet sich das steinerne Fächergewölbe wie ein Palmwedel aus. - Wasserspeier Neben ihrer Funktion als Regenrohre hatten sie auch heraldische Bedeutung und sollten böse Geister vertreiben. Gotik in Prag Erster Vertreter der Gotik war insbesondere der Zisterzienserorden, dessen Variante der Gotik sich durch schlichte Formen und Reduktion des Ornaments auszeichnet. Zeuge dieser ersten Welle der Gotik in Prag ist beispielsweise das St.-Agneskloster oder auch die Altneusynagoge. Die Hochgotik gelangt ab ca. 1300 nach Prag und ist insbesondere mit der Dynastie der Luxemburger verbunden. Die Ouvertüre zu dieser außergewöhnlichen Zeit ist das Haus Zur Steinernen Glocke (U Kamenného Zvonu) auf dem Altstädter Ring. Der echte Höhepunkt der Prager Gotik ist jedoch die Zeit Karls IV., der nicht nur den Veitsdom sowie eine neue Steinbrücke erbaute, sondern auch die imposante Prager Neustadt, die den größten neu angelegten Stadtkomplex des damaligen gotischen Europa darstellte und deren urbanistische Struktur bis heute erhalten ist. Beispiele in Prag Haus zur Steinernen Glocke (Altstädter Ring) Teinkirche (Altstädter Ring) St. Heinrich (Turm und Kirche)(Jindrisska) Pulverturm (Namesti Republiky) Altneusynagoge (Parizska) Rückseite von St.Veits-Dom (auf der Burg)

- Spitzbogige Fenster

- Fialen Die betonte Vertikale setzt sich an den Türmen als Fialen fort. - Verschränktes Maßwerk Fortlaufend verschränkte Bögen sind mit 3- oder 4-blättrigen Pässen, rund oder spitz, verziert.

In Stichworten: Streben in die Höhe; Wand aufgelöst in Glasmalereien (Schwerelosigkeit); lichtdurchlutete Räume; Rippengewölbe; Strebebogen; Maßwerk; dekorative Elemente; hohe Dächer und Türme; Rosettenfenster; Kirchen, Wohn- und Gemeinschatbauten

St. Veits-Dom Auf der Burg Gotik | 15


Haus zur Steinernen Glocke (Altstädter Ring) Der Name des Hauses Zur Steinernen Glocke (Dům U Kamenného zvonu) stammt von dem Hauszeichen, einer steinernen Glocke an der Hausecke. Eine bauhistorische Untersuchung enthüllte Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts unter der Barockfassade die zwar nur fragmentarisch erhaltene, dafür aber außerordentlich hochwertige Fassade eines gotischen Turm-Palais. Die anspruchsvolle Ikonographie der Plastiken führten zur berechtigten Hypothese, dass es sich um eine Königsresidenz des Johannes von Luxemburg gehandelt haben könnte. Die bildhauerischen und architektonischen Fragmente belegen in jedem Fall das hohe Niveau der Prager Baukunst im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts. Der einzigartige Fund führte zu der kontroversen Entscheidung, die späteren insbesondere barocken baulichen Eingrife vollständig zu beseitigen. Diese Rekonstruktion wurde 1987 abgeschlossen. Heute wird das Gebäude als Ausstellungs- und Konzertraum genutzt. 16 | Prag. 18 Baustile


Gotik | 17


St. Veits-Dom Auf der Burg

St. Veits Dom (Chrám sv. Víta) Als Prag im 14 Jahrhundert zum Erzbistum erhoben wurde, musste eine große repräsentative Kathedrale her. So begann 1344 der Bau des Veitsdoms. Der gotische Bau wurde anfangs vom französischen Dom-Baumeister Matthias von Arras geleitet, später folgten ihm viele weitere Baumeister. Erst 1420 waren Chor und Grundstock des Hauptturms fertig. Endgültig beendet wurden die Bauarbeiten erst 1929. Neben dem Turm mit seiner großartigen Aussicht gibt es einige weitere Besonderheiten, die den Veitsdom so einzigartig machen. Die größte Glocke des Doms ist die SigismundGlocke. Sie wiegt 17 Tonnen und ist die größte Glocke der Tschechischen Republik. Das Innere des St. Veits Doms ist prunkvoll ausgestattet. Sehr sehenswert ist die mit Halbedelsteinen und mit vergoldetem Stuck ausgekleidete Wenzelskapelle. Eine kleine Tür mit sieben Schlössern in der südwestlichen Ecke der Kapelle führt zur Kammer der böhmischen Kronjuwelen.1

1 http://prag.sehenswuerdigkeiten-online.de/sehenswuerdigkeiten/veitsdom.html

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Beispiele in Prag Haus zur Minute / U Minuty (Altstädter Ring) Haus zu den fünf Kronen / U Peti Korun (Melandrichova K.) Altstädter Wasserturm (an der Moldau) Königliches Lustschloss / Belvedere (auf der Burg) Ballhaus (auf der Burg) Schwarzenbergpalast (Hradschiner Platz) 3

Kirchen Dom Santa Maria del Fiore, Florenz, Italien (1436) Basilika von Vicenza, Italien (1617) San Giorgio Maggiore, Venedig, Italien (1610) 1,4

Kuppeln Dom St. Peter, Rom, Italien (1591) Santa Maria del Fiore, Florenz, Italien (1474) 1,4

Profanbauten Ospedale Degli Innocenti (Findelhaus), Florenz, Italien (1445) Palazzo Medici-Riccardi, Florenz, Italien (1459) Ville D`Este, Tivoli, Italien (1572) Seufzerbrücke, Venedig, Italien (1600) Schloss Fontainebleau, bei Paris, Frankreich (1586) Zunthäuser, Brüssel, Belgien (1700) Palast Karls V., Granada, Spanien (1568) Torre De Belem, bei Lissabon, Portugal (um 1600) Whitehall, Londen, England (1622) Börse in Kopenhagen, Dänemark (1640) 1,4

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1420 - 1620

Der Mensch im Mittelpunkt

Renaissance

Haus zur Minute Altstädter Ring

Die Renaissance-Zeit ist eine Hoch-Zeit in der Architekturgeschichte. Mit Hilfe des neuen Buchdrucks ließen sich die neu entwickelten Ideen der Architekten leicht verbreiten. Italien hatte die Zeit der Gotik weitgehend “verschlafen”. Jetzt wollten die aufstrebenden Fürsten, Kauleute und der Klerus die glorreiche Zeit des römischen Reiches wieder auleben lassen (daher Re-naissance = wörtl. Wiedergeburt). Architekten studierten die Bauten der Antike und verbanden ihre Erkenntnisse mit den Errungenschaten der Gotik. Dies führte zur großen architektonischen Neuerung dieser Zeit, zum Kuppelbau und zur Erarbeitung der Perspektive. Stand im Mittelalter bisher Gott im Mittelpunkt, so war es jetzt der Mensch in all seinen Facetten. Man studierte seine Anatomie (Leonardo da Vinci), erforsachte alle seine Bewegungen (Michelangelo), Freiheit und Eigenständigkeit des Einzelnen war Grundlage dieses neuen Humanismus. Baumeister und Künstler wurden von Päpsten und Fürsten hoiert. Schulen wurden gegründet. Der Meister war für die Entwürfe zuständig, die Schüler für die Ausführung. Wissenschatlich, mit präzisen mathematischen Methoden wurden die wesentlichen Elemente der Architektur (Quadrat, Kubus, Kreis, Kugel) und die idealen Proportionen der Gebäude erforscht. Querverweise zur Musik (3Klang) und Natur wurden eingeführt. Der Mensch war nach dem Ebenbild Gottes erschafen, so sollte man auch in den Bauwerken den Schöpfer erkennen können. Bücher lehrten diese Grundsätze und wie man daraus exakte Zeichnungen fertigt. Von nun an reisten die Ideen um die Welt, nicht mehr die Baumeister. Nicht mehr nur die Kirche und die Fürstenhäuser, ließen bauen, sondern auch eine wachsende Zahl von Bürgern, die zu Reichtum gekommen waren und ihn auch darstellen wollten. Antike Säulen zierten Fassaden und trugen Giebel, Kollonaden (Brüstungen) umrundeten die Gebäude und waren mit teils lebensgroßen Statuen geschmückt. Der Grundriss der Gebäude war symmetrisch und von Kuppeln gekrönt. Medaillions und Wappen zierten die Fassaden, sowie reiche Fresken und Sgraffiti, innen wie aussen. Im Norden iel der Renaissance-Stil bescheidener aus. Man baute meist nicht von Grund auf neu, sondern ergänzte bereits Vorhandenes mit den neuen Elementen. Säulen wurden einfach mit Kapitellen versehen. Die Spitzbögen der Fenster wurden abgelacht (das gotische Maßwerk blieb ot erhalten), Wimpel, Wappen, Türmchen und Pilaster wurden zugefügt. Die Hochburg der Renaissance war eindeutig das Italien der Medici und der Päpste. Die 3 wesentliche Errungenschaten der Renaissance: • Gesetz der Perspektive • Kenntnisse der Anatomie • Darstellung vollendet schöner menschlicher Körper

Renaissance in Prag Die ersten Merkmale der Renaissance tauchen in Prag Ende des 15. Jahrhunderts auf der Prager Burg auf, was die bemerkenswerten Fenster des Vladislav-Saales oder auch das Seitenportal unweit der St.-Georgs-Kirche belegen. Der erste reine Renaissancebau in Prag ist das Lustschloss der Königin Anna, das von Paolo della Stella im Jahr 1538 begonnen und von Bonifaz Wohlmuth im Jahr 1563 fertig gestellt wurde. In der zweiten Hälte des 16. Jahrhunderts wird der Renaissancestil zum gängigen Ausdrucksmittel der Patrizierhäuser und der Adelspalais, wie beispielsweise das Haus Zu den zwei Bären (U dvou medvědů) in der Altstadt, das Arkadenhaus des Granovsky im Altstädter Ungelt oder auch die reich mit Sgrafiti verzierten Palais Schwarzenberg und Martinitz auf dem Hradschin belegen. Stilelemente Symmetrischer Grundriss Bossenwerk: rustikale Steinfassaden, trutzig Giebel mit steinernem Schweifwerk, antike Säulenordnungen, teils vertikal übereinander zierliche Gauben, teils reich verziert Kartuschen: antikisierende Medaillons und Wappen, bes. in Nordeuropa große Kollonaden (Brüstungen mit Skulpturen) reiche Fresken innen wie aussen

In Stichworten: Lebensgefühl dem Diesseits zugewandt; volle Entfaltung des Realismus; Mensch ist das Maß aller Dinge; Plastik ohne Bindung an Architektur; lichtdurchluteter Innenraum; perspektivische Darstellung; Proportionslehre; Fassaden aus rauen Steinquadern; Säulen und Pilaster; Arkadenhöfe; Tympanon; Klarheit der Räume; Sgraffitoverzierungen; Kirchen (Zentralbauten mit Kuppel), Palais, Wohnhäuser

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Haus zur Minute (Altstädter Ring) Das spätgotische zweistöckige Nachbarhaus des Altstädter Rathauses weckt die Aufmerksamkeit des Betrachters durch seine einzigartige gut erhaltene Sgrafiti-Verzierung vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Die im manieristischen Stil ausgeführten Sgraiti stellen Motive aus biblischen und mythologischen Geschichten, aber auch hemen damaliger Renaissancelegenden dar. In den Jahren 1889-96 lebte hier Franz Kaka mit seinen Eltern. Die um 1615 in den Putz des wenige Jahrzehnte zuvor erbauten Hauses gekratzten Sgraiti belegen die Übernahme dieser zuerst an adligen Stadtpalais autauchenden Dekorationsform in den bürgerlichen Wohnbau. Auf die Vorbildwirkung des Palais Schwarzenberg verweisen die ausladende Traufzone und das lach geführte Dach.

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Palais Schwarzenberg Auf der Burg

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Beispiele in Prag Nikolauskirche (Altstädter Ring) Sylva-Taroucca-Palast (Na Prikope K.) St.Ursula-Kirche mit Kreuzherrenkloster (Krizovnicka) Prager Burg (auf der Burg) Toskanischer Palast (Hradschinplatz, auf der Burg) 3

Sakralbauten Santa Maria Della Salute, Venedig, Italien (1681) Invalidendom, Paris, Frankreich (1706) Stit Melk, Melk, Österreich (1736) Karlskirche, Wien, Österreich (1737) Frauenkirche, Dresden, Deutschland (1743) Neue Kathedrale, Salamanka, Spanien (1738) St.-Pauls-Cathedral, London, England (1710)

Profanbauten und Plätze Trevi-Brunnen, Rom, Italien (1762) Spanische Treppe, Rom, Italien (1728) Place Vendôme, Paris, Frankreich (1720) Wren Library, Trinity College, Cambridge, England (1695) Radclife Camera, Oxford, England (1749)

Schlösser und Residenzen Ca´Pesaro, Venedig, Italien (1710) Versailles, Paris, Frankreich (1772) Schloss Troja, Prag, Tschechien (1696) Chatsworth House, Derbyshire, England (nach 1687) Blenheim Place Woodstock, Oxfordshire, England (1724) Castle Howard, North Yorkshire, England (1712) 1

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1600 - 1725

Alles ist Bühne

Barock Den Namen erhielt diese Epoche erst im 19. Jahrhundert. barocco bedeutet grotesk, absurd. Es war die Zeit des Überschwangs im Italien des frühen 17. Jahrhunderts. Alles musste üppig, spektakulär, bildhat, illusionistisch, extravagant sein. Besonders die Kirche wollte so, in Antwort auf Luther´s Aufruf zur Rückkehr zum Wesentlichen des Glaubens, ihre Macht und Größe demonstrieren. Sie entfaltete eine rege Missionstätigkeit, der Orden der Jesuiten war dabei federführend. Die Architektur wurde dabei zu einem Instrument der Glaubensverbreitung. Durch ausdrucksstarke Hell-/ Dunkeleffekte entstanden die geradezu überirdischen Innenräume der neuen Kirchen und Kathedralen. Der Gegensatz zwischen den insteren, unbeleuchteten Straßen, die von Schmutz und Elend stanken, und der glänzenden Märchenwelt in den Kirchen und den Sälen des Adels muss überwältigend gewesen sein. Die Symmetrie der Renaissancebauten wurde wieder von Langschifen mit vorne einem Altar abgelöst. So ließen sich mehr Menschen in der Kirche unterbringen. Nicht nur Kirchen, auch Schlösser und Landsitze wurden mit großartigen Kuppeln, Heerscharen von kleinen Putten, dramatischen Gemälden und scheinbar schwerelosen Skulpturen - immer in Bewegung -, und mit viel Gold ausgestattet. Ja ganze Plätze wurden so gestaltet. Brunnen, Obelisken, heroische Skulpturen erhöhten die Sinnlichkeit dieser Inszenierungen. Die Stadt sollte so zu einer einzigen Bühne werden. Dieses Barock der katholischen Gegenden war üppiger und pathetischer als das Barock der protestantischen Gebiete des Nordens, der Niederlande und Englands. In Deutschland kam die Barockarchitektur erst nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) in Mode und besaß mehr Leichtigkeit. Der Barock drang bis Russland und Lateinamerika vor. Die Elemente dieser Archtiektur sind schnell zu erkennen. Säulen, meist auch nur Halbsäulen oder Pilaster - ot in doppelter Anordnung - tragen Gesimse, auf denen das nächste Stockwerk ruht. Ein großes Mitteltor, meist von einer hohen Attika gekrönt, wird ot von zwei kleineren Seitentoren begleitet. Das ganze Ensemble soll an einen Triumphbogen erinnern. Das Ganze wird über die Teile gestellt, alles bildet eine Einheit, nichts ist überlüssig oder entbehrlich. Selbst die Schnörksel dienen dem ästethischen Zusammenhalt. So sonderbar diese Motive ot anmuten, in den Händen der großen Architekten sind sie immer Mittel zum höheren Zwecke eines Ganzen. Beispiele: Santa Maria Della Salute, Venedig, Italien (1681) Invalidendom, Paris, Frankreich (1706) Stit Melk, Österreich (1736) St. Ursula - Kirche Narodní

Karlskirche, Wien, Österreich (1737) Trevi-Brunnen, Rom, Italien (1762) Spanische Treppe, Rom, Italien (1728) Schloss Versailles, Paris, Frankreich (1772) Schloss Troja, Prag, Tschechien (1696)

Stilelemente Kuppeln: hoch und reich verziert Putti: in Kirche und Schloss, auf Tisch und Stuhl Plastik: schwerelos, in Bewegung Treppenanlagen: kaskadenartig, dramatisch Plätze: mit Brunnen, Obelisken, heroischen Skulpturen; elegant; als Bühne des städtischen Lebens entworfen

Barock in Prag Hauptvertreter der böhmischen radikalen Barockarchitektur war Christoph Dientzenhofer, dessen St.-Nikolauskirche auf der Kleinseite (Kirchenschif ) und Kirche St. Margareta im Kloster Břevnov Höhepunkte des europäischen Barock darstellen. Das gotisierende Barock ist mit dem Namen Johann Blasius Santini-Aichl verbunden. Momumentaler Höhepunkt und gleichzeitig symbolischer Endpunkt der Prager Barockarchitektur ist das Werk Kilian Ignaz Dientzenhofers, Sohn von Christoph Dientzenhofer. Die Kuppel und der Glockenturm der Kleinseitner St.-Nikolauskirche, die sich zum dynamischen Hauptschif des Vaters gesellen, stellen ein beeindruckendes Beispiel souveräner Meisterung des städtischen Raumes dar. Die Überzeugungskrat der Dientzenhoferschen Architektur führte dazu, dass der Zauber der barocken Illusion in Prag und in Böhmen noch in der zweiten Hälte des 18. Jahrhunderts anhielt.

In Stichworten: Bewegung und Fülle; reiche, plastische Bauelemente; Pilaster; sinnenberauschende Formen und Farben; Symmetrie; Ellipse im Grundriss; Fensterkrönungen mit reichem ornamentalen Schmuck; Illusionen in Plastik und Malerei; Gesamtkunstwerke (Schloss, Kloster, Kirche)

Barock | 27


St. Ursula-Kirche (Narodní) Die St.-Ursula-Kirche in der Prager Neustadt ist die Klosterkirche der Ursulinen. Der barocke Saalbau aus den Jahren 1699 -1704 entstand nach Plänen des Architekten Marco Antonio Canevalle. Die reich verzierte Seitenfassade zur heutigen Straße Národní třída wird beherrscht von Plastiken des Bildhauers Franz Preiß. Der Innenraum der Kirche stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Vor der Kirche steht eine von Kilian Ignaz Dientzenhofer architektonisch angelegte Statuengruppe von Franz Platzer aus dem Jahr 1747.

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Barock | 29


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1725 - 1780

Säkulare Frivolität

Rokoko

Goltz-Kinsky - Palais Altstädter Ring

Das Rokoko leitet seinen Namen von rocaille, Muschelwerk ab. Es ist der frivole, säkulare Nachfolger des Barock. Dieser spielerisch-dekorative Stil nahm seinen Ausgang in Frankreich. Er war farbenfroh, charmant, voller Schmuckelemente, vergoldeter Stuckaturen, Spiegel und Chinoiserien, ein heiterer Stil eben. Meist bringt man diesen Stil (der streng genommen kein eigener ist, sondern eine Form des Barock) mit Ludwig XV in Verbindung, sein Höhepunkt war jedoch in Bayern (zB. in der Gestaltung des Innenraums der Kirche von Rottenbuch). In seiner geglücktesten Form war es eine unbekümmerte Stilrichtung, die der akademischen Architektur Leichtigkeit und Heiterkeit verlieh und in extravaganten Kirchen, überschwänglichen Fassadengestaltungen mit freistehenden Giebeln, herumtollenden Putti, verspielten Stuckaturen, Palasttürmen und den damals populären Grotten sichtbar wurde. Hauptsächlich jedoch fand er in der Innendekoration und der Malerei seinen Platz. Das Rokoko stieß jedoch bald auf Ablehnung und kam mit einer neuen, zunehmend ernsteren Geisteshaltung in Konlikt. Einlussreiche Denker der Archtiektur (wie Jacques-Francois Blondel 1705-1774) lehnten das “lächerliche Durcheinander von Muscheln, Drachen, Schilf, Palmen und Planzen” ab. So wich das Rokoko mit seiner großen Heiterkeit der neuen Zeit, dem Klassizismus.

Stilelemente - Stuckaturen: verspielt und üppig (Wieskirche in Oberbayern) - Üppige Spiegel: spielerisch ornamentiert, reich vergoldet (Schloß Brühl) - Putti: stets in Bewegung, herumtollend (Kirchengewölbe Rottenbuch) - Spiegelsaal: extravagant (Amalienburg, Schloß Nymphenburg, München) - Fassaden: überschwängliche Gestaltung mit freistehenden Giebeln, Türmchen, Kaminen, Skulpturen (Palácio de Mateus, Vila Real, Portugal) - Gärten und Grotten

Sakralbauten Asamkirche, München, Deutschland (1750) Klosterkirche Weltenburg, Kehlheim, Deutschland (1724) Stitskirche, Rottenburg, Deutschland (1747) Wieskirche, Im Pfafenwinkel, Deutschalnd (1754) Santiago de Compostela, Spanien (1749) Bom Jesus Do Monte, Braga, Portugal (nach 1784) San Javier Del Brac, Tuscon, Arizona, USA (1797) Schlösser und Paläste Katharinenpalast, St. Petersburg, Russland (1756) Amalienburg, München, Deutschland (1747) Residenz, Würzburg, Deutschland (1722) Profanbauten Zwinger, Dresden, Deutschland (1722)

Rokoko in Prag In Prag erreichte diese Stilrichtung nie die Bedeutung wie z.B. in Bayern. Rokoko bleibt in Prag die Ausnahme. Beispiele sind die Fassade der Erzbischölichen Residenz in der Burgvorstadt, von dem Architekten Johann Joseph Wirch (1732-1783) in den Jahren 1764/65 umgebaut. Ein weiteres Beispiel ist die Fassade des Goltz-Kinsky-Palastes am Altstädter Ring von Anselmo Lurago. In der St. Niklaskirche auf der Kleinseite indet man in der von Rocaillen besetzten Kanzel von Richard und Peter Prachner Kunst aus der Zeit des Rokoko.

In Stichworten: Lichte Räume; Asymmetrie; Grotten- und Muschelwerk; viele Stuckaturen und Fresken (Pastellfarben); illusionistische Deckenfresken; anmutig-heitere Dekorationen; überbordende Verzierungen (üppig, schwülstig); zierliche Ausstattung

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Goltz-Kinsky-Palais (Altstädter Ring) Das Kinsky Palais wurde zwischen 1755 und 1765 erbaut und beindet sich an einer Stelle mit Blick auf den Altstädter-Ring. Es ist nicht das erste Gebäude, das an dieser Stelle erbaut wurde und es gibt mehrere Aufzeichnungen von früheren Gebäuden, die sich hier befanden. Teile des Gebäudes aus dem 12. Jahrhundert sind verblieben und können im Keller des Palais besichtigt werden. Die Fassade ist atemberaubend. Das Äußere ist mit Stuckarbeiten aus dem Rokoko-Stil, in rosa und weiß verputzt, obwohl die meisten der Gebäude stark durch die Architektur des Barock beeinlusst wurden. Die Räume sind reich verziert mit Malereien, Skulpturen, Fresken und Stilmöbeln. Zu der Zeit, als es im Besitz von Graf Goltz war, wurden der nördliche und der südliche Teil des Gebäudes zusammenlegt und umfangreiche Renovierungen durchgeführt. Nach seinem Tod wurde es an die Familie Kinsky verkaut, die es noch einmal im klassischen Rokoko-Stil umbauen lies. Das Gebäude wird daher als der Goltz-Kinsky-Palast bezeichnet. Die breit gelagerte, dreigeschossige Fassade bindet die üppigen Stuckornamente des Rokoko in ein klar strukturiertes Architekturgefüge ein, das vor allem durch die Kolossalpilaster neben den Portalachsen geprägt wird. Diese rahmen zwei kaum vor die Wandlucht tretende Risalite, die oben von lachen Dreiecksgiebeln abgeschlossen werden. Die beiden rundbogigen Portale werden von Doppelsäulen lankiert, auf denen die Balustrade eines in der Mitte von Konsolen getragenen Balkons ruht.

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Bischรถliches Palais Auf der Burg

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1780 - 1840

Aufgeklärter Pragmatismus

Klassizismus

Geschäts-/ Wohnhaus Smetana - Kai

Mit der Entdeckung von Herculaneum (1738) und Pompeji (1748) erwachte das Interesse an der Antike erneut. Renaissance, Barock und Rokoko wichen einem griechisch-römisch inspirierten Architekturstil, dem Klassizismus. Dieser eignete sich gut zur Repräsentation mächtiger Staaten, sowohl für Autokratien als auch für die junge Demokratie. Besonders die noch jungen Demokratien Europas und der Vereinigten Staaten von Amerika sahen so die Verbindung zu den republikanischen Idealen Roms und der Demokratie Athens hergestellt. Der Klassizismus ließ sich ausserdem wunderbar auf alle denkbaren Gebäudetypen anwenden. Landsitze, Rathäuser, öfentliche Gebäude, Bahnhöfe, nationalistische Baudenkmäler erhielten durch ihn ein elegantes Aussehen. Städte wurden repräsentativ (St. Petersburg, Helsinki, Edinburgh) und “modern”, deren Charme bis heute erhalten blieb. Klassizistische Bauten wirken durch ihre vornehme Zurückhaltung, trotz ihrer Kuppeln, Giebel, Kollonaden und mathematisch präzisen Proportionen. Sie wurden geschafen, um an ihnen vorbeizulanieren oder zu reiten oder zu kutschieren. Selbst eher pompös ausgefallene Bauten, wie die Triumphbögen, gliedern sich harmonisch in das Stadtbild ein. Antikisierender Skulpturenschmuck illustriert den Fortschritt der Zivilisation, ein von vier Pferden gezogener Wagen, die griechische Quadriga, ist ein häuiges Motiv. Reliefs, Kolonnaden, Portikus und monumentale Kuppeln zieren die Bauten von ot titanischer Größe. Das rasche Wachstum der Städte verlangte nach einer durchdachten Stadtplanung. Peter der Große (1672-1725) gründete die Hauptstadt St. Petersburg, sie sollte Russland an den Stand der europäischen Städte heranführen, technologisch, kulturell und städtebaulich. So entstand im Laufe der Zeit die beeindruckendste klassizistische Stadt überhaupt. Napoleon Bonaparte (1769-1821) wollte Paris in eine Stadt der Paläste und Monumente verwandeln. Gleichzeitig ließ er die Abwasserkanäle modernisieren, Gehsteige anlegen, eine ausreichende Wasserversorgung einrichten, neue Märkte und Schlachthöfe bauen.

Beispiele: Arc De Triomphe. Paris, Frankreich (1836) Brandenburger Tor, Berlin, Deutschland (1793) Place De La Concorde, Paris, Frankreich (1775) Schauspielhaus Berlin, Deutschland (1821) British Museum, London, England (1846) Dom von Helsinki, Finnland (1852) Isaakskathedrale, St. Petersburg, Russland (1858) Kapitol, Washington D.C., USA (1863) White House, Washington D.C., USA (1817)

Klassizismus in Prag In Prag ist der Klassizismus insbesondere mit der Architektur von Wohnhäusern verbunden, die sowohl im Stadtzentrum (Platýz, Smetana-Ufer), als auch beispielsweise in der neu gegründeten Vorstadt Karlín entstanden, deren schachbrettartiger Grundriss direkt auf das Vorbild antiker Städte zurückgeht. Dem städtischen Charakter ordnen sich auch die vereinzelten Adelspalais unter, die bewusst in die Gebäudeblocks integriert sind und so an der „erhabenen Einförmigkeit“ gemäßigter, dabei aber äußerst eindrucksvoller städtischer Prospekte (Palaiskomplex in der Hybernská-Straße, Palais Desfours in der Neustadt) teilhaben. Das Nostitz-heater (Ständetheater), das im Jahr 1783 nach Plänen von Anton Hafenecker auf dem Altstädter Früchtemarkt erbaut wurde, zeigt freilich mit seiner dynamischen Portikus sehr gut, dass diese Bauten immer noch vom ausklingenden Barock beeinlusst waren. Die Hauptfassade des Neustädter Zollhauses wirkt ebenfalls sehr großzügig (heute Haus “U Hybernů”). Beispiele in Prag Ständetheater (Zelezna) Hl.-Kreuz-Kirche (Na Prikope) Ausstellungshaus U Hybernu (Namesti Republiky) Smetana Kai (an der Moldau)

In Stichworten: Nachahmung der griech.-röm. Antike (Säulen, Dreiecksgiebel, ...); gerade Linien (Klarheit, Schlichtheit, Einfachheit); geometrische Formen; kompakte Körper; Symmetrie; Monumentalität; strenge Exaktheit; Geschlossenheit des Stils

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Smetana Kai (An der Moldau) Um 1840 trat in Prag das erste Mal ein bis dahin unbekanntes Phänomen auf: die uns heutzutage sehr vertrauten Verkehrsstaus. Der Grund dafür war nicht etwa großes Verkehrsaukommen, sondern die Tatsache, dass allen Pferdegespannen beim Überqueren der Moldau nur eine Brücke, die Karlsbrücke, zur Verfügung stand. Graf Chotek setzte sich für den Bau einer zweiten Brücke ein. Die neu errichtete Brücke, bei der es sich um eine Kettenbrücke handelte, befand sich in der Fortsetzung der heutigen Národní-Straße, also dort, wo heute das Nationaltheater steht. Und da dort ohnehin schon gearbeitet wurde, ließ er beide Brücken mit einer neuen Ufermauer verbinden. So entstand eine malerische Uferpromenade - der heutige Smetana-Kai. Dies ist die Lieblingsstrecke der Prager für einen besinnlichen Spaziergang. Von hier aus bietet sich ein herrlicher Blick auf die Prager Burg.

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1840 - 1900

“Kunst” auf Bauten

Historismus

Häuserzeile Masaryk - Kai

Mit der industriellen Revolution wurden die Handwerkstraditionen vernichtet, statt Werkstattarbeit gab es Fabrikware. Was im neunzehnten Jahrhundert gebaut wurde, übertraf an Masse wahrscheinlich die Bauten aller früheren Zeiten zusammen. Aber diese hemmungslose Bautätigkeit hatte keinen eigenen, gewachsenen Stil. Die Fabrikanten oder Gemeinderäte, die einen Bahnhof, eine neue Fabrik, eine Schule oder ein Museum bauen wollten, wollten für ihr Geld auch “Kunst” bekommen. So mussten die Architekten die Gebäude mit gotischen Fassaden versehen, oder als mittelalterliche Burg gestalten, oder als Renaissancepalast oder gar als Moschee verkleiden. Kirchen wurden mit Vorliebe im gotischen Stil gebaut, war das Mittelalter doch die Blütezeit der Religion gewesen. heater und Opernhäuser verlangten nach dem theatralischen Barock, für Schlösser und Ministerien eignete sich die italienische Renaissance. Trotz dieser stilistischen Anachronismen gab es Architekten, denen es gelang, Bauten zu errichten, die zu Wahrzeichen von Städten wurden, wie he Houses of Parliament in London. Ansonsten wurde Bauen zu bloßen Routine. Der Mischmasch an Stilen hatten nichts mehr mit der Funktion der Bauten zu tun. Als “künstlerische” Aufwertung wurde aus dem Musterbuch der historischen Stile eine Fassade dazugekleistert. Beispiele: Houses of Parliament, London, England (1835) Votivkirche, Wien, Österreich (1879) Turbinenhaus, Schokoladenfabrik Menier, Noisel-sur-Marne, Frankreich (1872) Schloss Neuschwanstein, Bayern, Deutschland (1886) Pariser Oper, Frankreich (1874) Rathaus, Kopenhagen, Dänemark (1902) Majolikahaus, Wien, Österreich (1899) Westminster Palace, London, England (1860)

Historismus in Prag Waren die historisierenden Neubauten in Wien, der Hauptstadt der Habsburger Monarchie, ein Symbol des Aufstiegs des Kaisertums und der österreichischen Kultur, so symbolisierten sie in Prag – dem historischen Haupt des Königreichs Böhmen – in erster Linie den Aufstieg des tschechischen Volkes als solchem. Der Bau einer „Ringstraße“ nach Wiener Muster war in Prag aufgrund der Eigenschaten des Geländes nicht möglich. Gebäude wie das Nationalmuseum und das Nationaltheater wurden so in den historischen urbanistischen Kontext eingebettet, der durch sie verändert und gestärkt wurde. Während das Nationaltheater oder auch das kulturelle Zentrum Rudolinum der Architekten Josef Zítek und Josef Schulz am Moldauufer erbaut wurden und damit das eindrucksvolle Phänomen der Prager Uferstraßen begründeten, stellt das von Schulz erbaute Nationalmuseum den Höhepunkt und Abschluss des Wenzelsplatzes dar und machte diesen ursprünglich mittelalterlichen Markt damit symbolisch zu einem modernen Boulevard. Zur gleichen Zeit begann die Fertigstellung des Veitsdomes, der zum sichtbarsten Symbol des wiedergeborenen tschechischen Volkes werden sollte. Beispiele in Prag Masaryk-Kai - Häuserzeile (an der Moldau) Aubahrungshalle im Neuromanischen Stil (im Jüdischen Viertel) Amt für Patentwesen im Neubarockstil (Wenzelsplatz)

In Stichworten: Alte Baustile nachgeahmt (bei Fassaden); Einsatz von Glas und Eisen (neuere Materialien) für Baukonstruktion; Geschoßhöhe ot nach oben hin kleiner; Kirchen (Gotik oder Romanik), Schlösser und Adelspalais (Barock), Rathäuser und heater (Renaissance)

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Masaryk Kai (An der Moldau) Hier lässt es sich schön spazieren gehen – die Straße auf der einen Seite, den Blick auf die Moldau auf der anderen. Beides hat seinen eigenen Reiz, denn den Straßenrand schmücken herrliche alte Gebäude, z.B. das Haus des Gesangsvereins Hlahol, auch wenn der einstige prachtvolle Schmuck teilweise nur noch zu erahnen ist, dann das Gebäude des Goetheinstituts, auf der Flussseite die Slawische Insel – mit Restaurant und Ruderbootverleih. Wir sind vom „Tanzenden Haus“ aus gestartet, am Manes-Haus vorbei bis zum Nationaltheater. Hier reiht sich ein historisches Gebäude an das nächste, eine ganze Häuserzeile lang.

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1848 - 1910

Die Gründerzeit

Neurenaissance

Nationaltheater Narodni 2

Neurenaissance ist eine Richtung des Historismus im 19. Jahrhundert, in der auf die Baukunst der Renaissance zurückgegrifen wird. Je nach Einzelfall stammen die Formen schwerpunktmäßig aus dem Repertoire der italienischen Renaissance oder aus der deutschen Renaissance bzw. Nordischen Renaissance des 16. Jahrhunderts. Nach der im Historismus üblichen Zuteilung bestimmter Stile für bestimmte Bauaufgaben war die Neorenaissance vor allem für Banken, Bürgerhäuser und auch Bildungseinrichtungen bestimmt. Häuig war ihr Baustil mit der Formensprache des Neubarock vermengt. In den “Gründerjahren” nach 1871 erlebte die Neurenaissance in Deutschland eine prononciert nationale Spätblüte, die in der Kunstindustrie ebenso wie beim Neubarock zum Kitsch abglitt. In den USA wurden Formen der italienischen Renaissance bei den Bauten der Weltausstellung in Chicago 1893 gestaltend eingesetzt.

Beispiele: St. Stephans-Basilika, Budapest, Ungarn (1905) Rathaus, Hamburg, Deutschland (1847) Universitätabibliothek, Leipzig, Deutschland (1891) Kunstakademie, München, Deutschland (1885) Staatsoper, Wien, Österreich (1869) Palais Hansen, Wien, Österreich (1873)

Neurenaissance in Prag Der Stil der Neurenaissance symbolisierte eine Neugeburt der tschechischen Nationalität und kam vor allem an Bauwerken zur Geltung, die in enger Verbindung mit der tschechischen Kultur standen (Nationalmuseum, Nationaltheater, Rudolinum ). Gleichzeitig verabschiedete sich Prag von der alten Befestigung. Beispiele in Prag Nationalmuseum (Wenzelsplatz) Gewerbebank (Na Prikope) Haus zur Steinernen Jungfrau (Altstädter Ring) Rudolinum (an der Moldau) Kunstgewerbeschule (an der Moldau) Nationaltheater (an der Moldau)

In Stichworten: heater, Opernhäuser, Museen, Banken, Bürgerhäuser

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Nationaltheater (An der Moldau) Das Nationaltheater (tschechisch Národní divadlo) ist einer der bedeutendsten Bauten der Neustadt der tschechischen Hauptstadt Prag aus dem 19. Jahrhundert – mit Hilfe von Spenden aus den böhmischen Ländern in den Jahren 1868 bis 1881 im Stil der Neurenaissance errichtet, gilt es auch als nationales Symbol. Anlässlich und zu Ehren des Besuchs des Kronprinzen Rudolf wurde das noch nicht ganz fertiggestellte heater am 11. Juni 1881 mit der Urauführung der bereits Anfang der 1870er Jahre von Smetana eigens für diesen Anlass komponierten Oper Libuše vorzeitig eröfnet. Nach elf weiteren Vorstellungen wurde das Gebäude für die ausstehenden Arbeiten nochmals geschlossen. Vor der endgültigen Eröfnung kam es dann am 12. August 1881 zu einem Brand, der neben der Messingkuppel auch die Bühne und den Zuschauerraum vernichtete. Nach einer erneuten Spendensammlung wurde es in den Folgejahren unter Leitung des Architekten Josef Schulz wieder aufgebaut. Die zweite Eröfnung erfolgte am 18. November 1883 – erneut mit einer Auführung von Smetanas Oper Libuše. Josef Zítek hatte das Nationaltheater als einen von der italienischen Spätrenaissance beeinlussten Baukörper über unregelmäßig trapezförmigem Grundriss entworfen. Der nördlichen, als Eingangsfassade ausgebildeten Schmalseite ist ein schwer proportionierter Portikus vorgelagert, über dessen Sockelgeschoß sich eine Säulenloggia erhebt. Ihre abschließende Balustrade wird von den Darstellungen Apolls und der neun Musen bekrönt. Diese gehen ebenso auf Entwürfe Bohuslav Schnirchs zurück wie die Dreigespanne auf den Eckpylonen. An den Längsseiten wird das Säulenmotiv der nördlichen Loggia als Blendgliederung ebenso wieder aufgenommen wie die igurenbekrönte Balustrade, deren Statuen die Oper und das Schauspiel personiizieren.

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Verschmelzung von Kunst und Leben Grand-Hotel Europa Wenzelsplatz

1890 - 1920

Jugendstil Jugendstil ist die Kunstrichtung an der Wende zum 20. Jahrhundert, in der Spätphase des Historismus und im Übergang zur Moderne. Benannt ist er nach der 1896 gegründeten Münchner illustrierten Kulturzeitschrit Jugend. Dieser Jugend- und Secessionsstil ist damals eher negativ verwendet worden, als kritisches Etikett für die modische Popularisierung und die dabei als karikierend empfundene Nachahmung der neuen Formen, die einer eher “billigen” Massenproduktion entspringen. Äußerlich kennzeichnende Teile oder Elemente des Jugendstils sind dekorativ geschwungene Linien sowie lächenhate lorale Ornamente und die Aufgabe von Symmetrien. Der Jugendstil war keineswegs eine so geschlossene Bewegung, wie die Bezeichnung heute bei uns den Anschein erwecken mag. Es handelt sich um eine Reihe von teilweise auch sehr divergierenden Strömungen innerhalb Europas, die sich allenfalls in der Abkehr vom Historismus wirklich einig waren. Mit dem Jugendstil verbinden sich zahlreiche künstlerische Programme und Manifeste. Er steht im heutigen Verständnis unter anderem auch für große gesamtkünstlerische Gestaltungen, wie etwa die des Palais Stoclet in Brüssel, in dem alles vom äußeren Bauwerk bis zur dekorativen Innenausstattung in einheitlichem Sinne durchgestaltet wurde. Damit wurde auch die Forderung nach der großen Verschmelzung von „Kunst und Leben“ verknüpt, der Wiedereinbeziehung der Kunst in das Alltägliche, im Sinne einer umfassenden künstlerischen Neugestaltung aller alltäglichen Dinge, wobei den dekorativen Künsten ein ganz besonderes Gewicht zukam. Zur Programmatik des Jugendstils gehörte aber auch die Forderung nach Funktionalität und Ausdruck der Funktion in der Erscheinung der Dinge, dass also die Funktionen eines Gebäudes auch dessen Gestaltung sichtbar bestimmen sollte. So beispielsweise sollten die Fassaden nicht länger symmetrisch und von axialen Auteilungen bestimmt sein müssen, sondern einer aus dem Grundriss entwickelten Raumvorstellung folgen dürfen. Insgesamt gehören die Abkehr von den historischen Bauformen und die intensive Suche nach neuen dekorativen Gestaltungsmöglichkeiten in Architektur und Kunstgewerbe zum erklärten Programm vieler Künstler des Jugendstils. Eine der zentralen Fragen des Jugendstils war in gewisser Weiterführung der Stildebatten des 19. Jahrhunderts die Frage nach dem so genannten „modernen“ Stil, dem „Stil unserer eigenen Zeit“.

Beispiele: Prinzregententheater, München, Deutschland (1901) Kammerspiele, München, Deutschland (1901) Müllersches Volksbad, München, Deutschland (1901) Erlöserkirche, Stuttgart, Deutschland (1908) Obecni Dum (Gemeindehaus), Prag Secession, Wien, Österreich (1889) Kirche am Steinhof, Wien, Österreich (1907) Otto Wagner Villa II, Wien, Österreich (1913) Stadtpavillions Karlsplatz, Wien, Österreich, (1899)

Jugendstil in Prag Der erste Jugendstilbau in Prag war das Hotel Central in der Hybernská-Straße, das im Jahr 1898 vom Wiener Architekten Friedrich Ohmann erbaut wurde. Nach 1900 wurde der Jugendstil in Wohnbauten und öfentlichen Gebäuden heimisch.

Beispiele in Prag Gemeinde- und Repräsentationhaus (Nationalplatz) Grand-Hotel (Wenzelsplatz) Hauptbahnhof Haus Koruna / Krone (Wenzelsplatz) Tschechische Staatliche Versicherung (Spalena) Jubiläums-Synagoge (Jeruzalemska)

In Stichworten: Gesamtkunstwerk (Gestaltung von Gebäuden, Möbeln, Kleidung); Ziel: Verschmelzung von Kunst und Leben; dekorativ geschwungene Linien; Motive aus Planzenreich (Blüten, Blätter, Ranken, Schlingplanzen, ...) und Tierwelt (Schwan, Fisch, Frosch, Schlange, ...); Asymmetrie; stark geometrische Ausrichtung; Verwendung von Eisen, Stahl, Beton, Glas, Keramik

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Grand Hotel Europa (Wenzelsplatz) Das Hotel Europa gehört zu den bedeutendsten architektonischen Bauwerken auf dem Wenzelsplatz. Es wurde im Jahr 1889 als ein Hotel “U Arcivévody Štěpána” nach den Plänen des Architekten Bělský gebaut. In Jahren 1903 - 1905 wurde das Hotel im Jugendstil umgebaut. Die Gruppe der Statuen auf der Vorderseite kommt vom akademischen Bildhauer Ladislav Šaloun. Ein Teil der Zimmer ist im Stil Ludvík XVI gehalten. Im Gebäude gibt es Restaurants und ein Cafe mit einem Sommergarten. 54 | Prag. 18 Baustile


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Wohn- und Gesch채tshaus Narodni

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Unterwerfung der Materie

1910 - 1915

Kubismus

Kubistische Architektur sollte „geistvoll“ in ihrem Gehalt sein. Konkret heißt das, keine Rücksicht auf Materialbeschafenheit und Zweckbestimmung zu nehmen, sondern sich die Materie zu unterwerfen und sie so zu formen, dass sie der künstlerischen Idee entspricht. Als ideale Verkörperung dieses ,Geistigen’ wurde der Kristall angesehen. Janák schreibt, „dass man geradezu behaupten kann, die Schwerkrat der Materie habe keinen Einluss auf die Materie“. Und ein Blick auf eine kubistische Fassade genügt, um die Bedeutung kristalliner Formen für diese Architektur zu erkennen. Ein weiteres bedeutendes Gestaltungselement sollte die Schräge sein, die möglichst der Geraden vorgezogen werden sollte. Kubistische Architektur indet sich vor allem in Prag, hier sind vornehmlich Josef Chochol, Josef Gočár oder Pavel Janák zu nennen. Kubismus und Architektur – das klingt zunächst befremdlich, begegnet einem der Kubismus doch vor allem in der Malerei (Picasso, Braque) und eventuell noch in der Plastik. Und tatsächlich ist die Übertragung auf die Architektur, wie sie in Tschechien und dort vor allem in Prag geschah, nicht unproblematisch.

an die Formen einfacher Holzkonstruktionen erinnern. Ein weitaus monumentaleres Beispiel des tschechischen Kubismus stellt der burgartige Adria-Palast (Palác Adria) dar, den Pavel Janák und Josef Zasche 1925 vollendeten. Kubistische Bauten sind eine Rarität, da die jüngere Architektengeneration diesem „dekorativen“ Stil Oberlächlichkeit und unnötigen Nationalismus vorwarf. Schon bald verdrängten ihn Bewegungen, die ledig-lich der Funktion des Gebäudes Rechnung trugen (Bauhaus) und das Potential interessanter moderner Baustofe wie Stahl, Beton und Glas umsetzten.

Tschechischer Kubismus Die Legionärsbank, die 1923 fertiggestellt wurde, war das Produkt eines weiteren Baukunststils, des typisch böhmischen Kubismus, der in der Architektur nicht länger überlebte als der Kubismus selbst. Diese Bewegung, die besonders slawischen Werten Ausdruck geben sollte, zeichnet sich durch die Wahl der Nationalfarben Rot und Weiß sowie durch walzen- oder kreisförmige segmentierte Elemente aus, die

In Stichworten: Einfache geometrische Formen (Kugel, Kegel, Zylinder, Pyramide, Würfel, ...); Vor- und Rückspringen in Horizontale und Vertikale bei der Fassade (Einfügen einer dritten Ebene); Portal, Geländer, Dachgauben; Grundform: Kristall (Diamant); massiv gerahmte Fenster; Schmiedearbeiten im Inneren und auf der Fassade; kantige, stachelige Bauweise; Wechselspiel von Licht und Schatten

Beispiele Geschätshaus “Diamant”, Prag (1913) Legiobank, Prag (1923) Kauhaus “Zur Schwarzen Mutter Gottes”, Prag (1912) Villa Tugendhat, Brünn (1930)

Geschäts- / Wohngebäude Jungmannovo Námestí Kubismus | 59


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Einzige kubistische Strassenlaterne in Prag


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1920 - 1925

Plastizität und Farbe

Nationalstil

Haus Adria Jungmannova

Nach Ende des Krieges im Jahre 1918 ist in der neuen Tschechoslowakischen Republik ein aktives Bemühen um nationale Identität und Zusammengehörigkeit zu beobachten. Als eine Konsequenz dieser Entwicklung zeigt sich, daß schon bald die architektonischen Konzepte der neuen Republik von diesem nationalen Gedankengut beeinlußt werden. Pavel Janák, der in dieser Zeit eng mit J. Gocár zusammenarbeitet, entwickelt bald eine neue Stilform der Architektur, den sogenannten »Nationalstil«. Als das bedeutendste Werk des Architekten aus dieser Zeit ist der Adria-Palast (1922-24) in Prag zu sehen. Die an den Kubismus erinnernde Plastizität der Fassaden in Verbindung mit den vorherrschenden runden Formen trägt diesem Stil zudem auch den Beinamen »Rondokubismus« ein. Der neue Baustil bringt die Verwendung von Farben aus der böhmischen Volkskunst mit sich, wodurch er sich vom Kubismus der Jahre 1910-14 unterscheidet, der seine Wirkung aus dem Wechselspiel von Licht und Schatten bezogen hat und daher einfarbige, zumeist graue, Fassaden aufweist. Der Nationalstil wurde vor allem von den Anhängern des Funktionalismus als rückständig und überlüssig bezeichnet.

Beispiele Adria-Palast, Prag (1925) Legiabank, Prag (1923)

In Stichworten: Bemühen um nationale Identität und Zusammengehörigkeit; schwere, statische Bauten; Säulen; Farben (ot Nationalfarben); runde, walzenartige Formen; dreigeteilte Erkerfenster; evt. quadratische Türme

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Haus Adria (Jungmannova) Der Grundriss dieses Hauses stammt von Josef Zasche, die Fassade von Pavel Janák. Errichtet 1922 - 1925 für die Versicherungsgesellschat “Riunione Adriatica” ist es Janáks bedeutendstes Werk. Le Corbusier nannte es - als Kritik - einen ´assyrischen Bau´. Die Fassade ist massiv und zitiert barocke Dekorelemente. Die steinernen Elemente werden durch die Farbgebung betont und hervorgehoben. In seiner Gliederung und durch die kubischen Aubauten scheint das Gebäude die italienische Frührenaissance zu zitieren. Die Figurengruppe über dem Hauptgesimse stammt vom Bilderhauer Jan Stursa.

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1902 - 1936

Kargheit und Strenge

GeometrischeModerne

Der Stil der Geometrischen Moderne ist eine Steigerung des Kubismus. Er zeichnet sich durch übertriebene Dekorationen aus, geformt aus Kreisen und Halbkreisen, Kugeln und Kugelsegmenten, aus Zylindern und Würfeln.

Beispiele: Haus Peterka, Wenzelsplatz, Prag (1900) Urbánek-Haus/Mozarteum, Prag (1913) Hotel Esplanade, Prag (1920)

Die „geometrische Moderne“, deren Begründer Jan Kotěra ist, hat eine karge Formsprache und eine strenge tektonische Struktur. Sie wurde zum Ausgangspunkt für eine ganze Generation tschechischer Architekten der Avantgarde (Peterkův dům, Mozarteum). Die meisten Prager Architekten dieser Zeit balancieren zwischen diesen beiden gedachten Polen. Ihr schöpferisches Potential wird dabei durch zahlreiche Bauten belegt, in denen die Formensprache des Jugendstils vielfach angewendet und variiert wurde (die Moldaubrücke Čechův most von Jan Koula oder auch das von Josef Fanta gestaltete Bahnhofsgebäude des Hauptbahnhofs).

In Stichworten: Geometrische Formen und Elemente (Spirale, Ellipse, Rechteck, ...); unverputztes Ziegelmauerwerk; freiliegender Beton; Putzstrukturen; Konstruktionsstahl; scheinbar lache Dächer; wenig Ornamente und diese betont geometrisch; mechanische Objekte in Form von Ornamenten (maschinelle Ästhetik)

Urbanek-Haus (Mozarteum) Jungmannova Geometrische Moderne | 71


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Maßlos übersteigerte Staatsarchitektur

Firmensitz der Skoda-Werke Jungmannova

1920 - 1936

Monumentalismus Schon vor dem Ersten Weltkrieg ist zu erkennen, dass als Gegenbewegung zu dem als verspielt empfundenen Historismus krätige klare Formen wieder Beachtung inden. Die Maschinenhalle in Berlin und die Botschat in St. Petersburg von Peter Behrens1 stehen ebenso für diese zunächst ot ganz unpolitische Entwicklung wie das Festspielhaus in DresdenHellerau. Die Nationalsozialisten greifen diese Tendenz in maßlos übersteigerten Formen wieder auf und gründen darauf eine Staatsarchitektur, die bis in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs mit rigorosen Eingrifen in das bestehende Stadtgefüge und monumentalen Gebäudeformen die Hauptstädte der Bewegung ausstattet. München und vor allem Berlin haben hier eine besondere Bedeutung. Der Königsplatz in München wird für die „Hauptstadt der Bewegung“ ausgebaut. Berlin soll durch eine Nord-Süd-Achse (vom Südbahnhof oder der Volkshalle bis zum Nordbahnhof) sowie eine Ost-West-Achse (vom Schloss über das Brandenburger Tor mit Reichstag und Königsplatz bis zum Olympiagelände und der Wehrtechnischen Fakultät) vollkommen neu gebaut werden. Der überwiegende Teil dieser Pläne wurde nicht verwirklicht. Monumentalarchitektur ist ein Oberbegrif für baulich-gestalterische Ausdrucksformen, die Größe betonen soll bzw. deren Leitmotiv Größe ist. Bezogen auf die physische Dimension handelt es sich um Bauwerke, die alltägliche Maßstäbe (ihrer Zeit) sprengen, ins Gigantische überhöhen, den Menschen gleichsam verzwergen. Derartige Bauwerke spiegeln eine Geisteshaltung wider, die Größe mit Bedeutung gleichsetzt. Teils bezwecken Monumentalbauwerke, Menschen einen Eindruck individueller Bedeutungslosigkeit zu vermitteln, teils dienen sie dazu, Stolz einzuimpfen, das Bewusstsein, einer Gemeinschat (Klasse, Volk usw.) anzugehören, die anderen technisch und/oder kulturell überlegenen ist. Einen ins Groteske übersteigerten Hang zur Monumentalität lassen ideologisch und/oder von Personenkulten getragene Diktaturen erkennen. Beispiele boten Hitlers krause Pläne für Germania (Berlin) und die gigantomanischen Projekte stalinistischer Prägung.

Beispiele Eeliel Saarinen, Hauptbahnhof Helsinki; 1914 Palermo, Postamt Split, Franziskanerkloster; 1936 München, Ehrentempel am Königsplatz; Troost 1934 Nürnberg, Deutsches Stadion, Albert Speer Berlin, Nord-Süd-Achse: Soldatenhalle, Hitlerpalast Berlin, Reichsbank, Wolf; 1934 Berlin, Neue Reichskanzlei, Speer Stilelemente symmetrische und abgegrenzte Planimetrien, verziert mit klassischen architektonischen Elementen wie Marmortäfelungen, rhythmischen Lauben, Säulen, Bögen und Symmetrien.

Beispiele in Prag Nationalbank (Nationalplatz) Gebäude des Wiener Bankvereins (Na Prikope) Firmensitz der Skoda-Werke (Jungmannova) Kauhaus ARA / Investicni Banka (Perlova)

In Stichworten: Alles ist groß (monumental) - übertriebene Dimensionen; Granitverkleidung an der Fassade; riesige Figuren im Eingangsbereich oder auf dem Dach; Dachgeschoß zurückgesetzt; kaum dekorative Elemente

1 Auch die Tabakfabrik in Linz, Östererich ist von Peter Behrens

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Einfachheit und Funktionalität Palace Dunaj Narodní

1921 - 1940

Purismus Im Anschluss an den Kubismus entwickelte sich ab 1917 eine Stilrichtung, die 1918 mit dem Manifest Après le cubisme (Nach dem Kubismus) von den Künstlern Amédée Ozenfant und Charles-Edouard Jeanneret (Le Corbusier) als Purismus proklamiert wurde. Ozenfant hatte bereits 1915 in der selbstverlegten Zeitschrit L’Elan erste Gedanken zu einer reinen, „puren“ Kunstform dargelegt, die einfach, funktional und ohne dekorative Elemente daherkommen sollte. Damit lieferten die Puristen einen ideologischen Ansatz, der die Entfernung von der Gegenständlichkeit weiterführte und im Suprematismus, Konstruktivismus und im Bauhaus umgesetzt wurde und in der zweiten Hälte des 20. Jahrhunderts Einluss auf die minimalistische Kunst und Architektur hatte. Ziel des Purismus war es, die mittelalterlichen Gebäude von allen späteren Eingrifen aus der Zeit der Renaissance und des Barock zu „reinigen“. Die Begeisterung vieler Architekten, die zur Rettung zahlreicher gotischer und romanischer Bauten beitrug, führte gleichzeitig ot auch zu Schäden an eben diesen Bauten sowie zu einer gewissen Sterilität (Beispiel: Veitsdom). Purismus in Prag Dank der kulturellen und unternehmerischen Aktivität wandelte sich Prag in der zweiten Hälte des 19. Jahrhunderts zu einer wahren Metropole des böhmischen Königreiches. Der Preis für diesen Aufschwung war der Abriss vieler historischer Gebäude, die durch größere und ertragreichere Neubauten ersetzt wurden. Die Lawine der Mietshäuser, der allein in der Altstadt und in der Judenstadt über 600 mittelalterliche, Renaissance- und Barockhäuser weichen mussten, brachte gleichfalls die größte Vulgarisierung der historisierenden Formensprache, die sich in verschiedensten stilistisch-historischen Kombinationen an die Fassaden der Neubauten klebte. Gerade

diese Praxis wurde zur Zielscheibe der Kritik moderner Architekten, die eine einfache, wahrhatige und zeitgenössische Architektur forderten. Die massive Vulgarisierung historischer Baustile trug somit paradoxerweise zur Herausbildung einer neuen Architektur bei, die um das Jahr 1900 ihren Siegeszug durch Prag und Europa begann.

Beispiele in Prag Olympic (Spalena) Palace Dunaj (Narodni) Kauhaus (Provaznicka)

In Stichworten: Eckige, saubere, helle Formen; helle Farben (weiß, gelb); Klarheit, Regelmäßigkeit, Unverfälschtheit; Goldener Schnitt; Zierbalkone, Terrassen, Erker; Drahtgeländer; Dach mit Kommandobrücke (wie mit Blick vom Schiff in die Ferne); runde Fenster wie auf Schiff oder dreigeteilte Fenster; lange Fensterreihen; architektonische Collage des modernen Lebens (Neonlichter, Werbeschilder und moderne Schrit)

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Palace Dunaj NarodnĂ­

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Olympic Spalena

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1923 - 1940

Funktionalismus In Architektur und Design versteht man unter Funktionalismus das Zurücktreten rein ästhetischer Gestaltungsprinzipien hinter den die Form bestimmenden Verwendungszweck des Gebäudes oder des Gerätes. Daher stammt der berühmte Ausspruch „Form follows function“ („die Funktion bestimmt die Form“) von Louis Sullivan, der der populären Aufassung entsprang, eine zeitgemäße Schönheit in Architektur und Design ergebe sich bereits aus deren Funktionalität. Wenngleich sich der Funktionalismus bisweilen auch ästhetischen Positionen annähert, herrscht in der Ablehnung von Ornament, Dekor oder der Betonung emotionaler Dynamik durchgängige Übereinstimmung. Mit dem Funktionalismus verbindet sich der Glaube an technische Machbarkeit, das Vertrauen in die neuesten Erkenntnisse der Wissenschat, allgemein die Überzeugung, dass mit Verstand und Logik die Probleme des modernen Zeitalters lösbar seien - eine Position typisch für das frühe 20. Jahrhundert. Daraus leitet sich die ausschließliche Fragestellung nach Zweck- oder Nützlichkeitsaspekten ab. Purismus, Konstruktivismus bzw. Funktionalismus sind synonyme Begrife für diese europäische Architekturrichtung in den 20iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Sie kennzeichnen den Höhepunkt der bewegten Suche nach einer neuen, modernen Architektur, deren Anfänge in der Ablehnung des Historismus lagen, die sich in den verschiedensten Formen des Jugendstils fortsetzte und schließlich in der Ablehnung des Ornaments als solchem mündete. Weiße Gebäude mit breiten Langfenstern wurden durch den Einluss von Persönlichkeiten wie Le Corbusier oder Ludwig Mies van der Rohe zum neuen Architekturideal. Durch strenge Reduktion gelangte man zu den Wurzeln der architektonischen Raumkomposition. In der Vorstellung vieler funktionalistischer Architekten war ein Haus lediglich eine Wohnmaschine. „Die Form muss der Funktion folgen!“, schrieben sie in ihren theoretischen Abhandlungen, wobei die Architektur in ihren Augen eine bloße Wissenschat war, die keinerlei künstlerische Ambitionen haben durte. Dieser zugespitzte „wissenschatliche“ Funktionalismus hatte jedoch von Anfang an Gegner unter den Architekten selbst, die in der weißen Architektur Schönheit, ideale Proportionen, aber auch die Poesie von Ozeandampfern oder die Atmosphäre eines Sommertages sahen. Mit der Zeit jedoch näherten sich diese beiden Gegenpole aneinander an.

Galerie Manes An der Moldau

Funktionalismus in Prag Eines der wichtigsten Zentren, in denen diese neue Architekturaufassung entwickelt wurde, war von Anfang an Prag. Der Funktionalismus wurde hier in heorie und Praxis weiterentwickelt. Prag wurde zu einer Art Architekturlabor, dessen Bedeutung die Grenzen der Tschechoslowakei weit überschritt. Die ersten funktionalistischen Bauwerke Prags wurden im historischen Umfeld der Prager Neustadt erbaut. Es entstanden funktionalistische Häuser, Kauhäuser und Villen. Das größte funtionalistische Bauwerk Prags ist der Ausstellungspalast (Veletržní palác) der Architekten Oldřich Tyl und Josef Fuchs (Prag-Holešovice, erbaut in den Jahren 1924-28), in dem sich heute die Sammlung moderner Kunst der Prager Nationalgalerie beindet. Die funktionalistische Umsetzung von Villen und Einfamilienhäusern zeigt am besten das bemerkenswerte Villenviertel Baba im Stadtteil Prag 6, in dem fast alle wichtigen tschechischen Architekten der Zwischenkriegsjahre vertreten sind. Durch die deutsche Besatzung und den II. Weltkrieg wurde die Entwicklung der funktionalistischen Architektur gewaltsam beendet. Dies war auch ein Grund dafür, dass der tschechische Funktionalismus zum Symbol der verlorenen „goldenen Zeit“ und gleichfalls zum höchsten künstlerischen Maßstab wurde, an den die tschechische Architektur in den folgenden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bewusst anknüpte. Beispiele in Prag Baťa-Palais, Wenzelsplatz (1925-29) Lindt-Palais, Wenzelsplatz (1925-29) Hotel Juliš, Na Příkopě (1927-33) Palais Olympic, Spálená-Straße (1925-26) Villenviertel Baba, Prag 6 (Zwischenkriegsjahre)

In Stichworten: Form folgt Funktion (Zweck steht über Schönheit); moderne Materialien (Stahlbeton, Glas, Stahl); Skelettbauweise; Glasfassaden; horizontale Ausrichtung (klare Linien); unverzierte Flächen; Asymmetrie

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Galerie Manes (Masaryk Kai) Die bekannte Ausstellungshalle Mánes entstand 1930 im Gebäude des legendären Verbandes bildender Künstler Mánes, errichtet nach den Entwürfen des tschechischen Architekten, Schritstellers und Akademie-Professors Otakar Novotný - langjähriges Mitglied und Vorsitzender des Verbandes. Das im Stil des Funktionalismus errichtete Ausstellungs-Zentrum in Prag ist eines der prägendsten architektonischen Elemente am Ufer der Moldau. Die Kunsthalle Mánes war seit ihrer Errichtung eines der wichtigsten Zentren des gesellschatlichen und kulturellen Lebens in Prag. Das Mánes ist also sowohl aus historischer als auch aus künstlerischer Sicht eine „der“ Sehenswürdigkeiten Prags.

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1951 - 1957

SozialistischerRealismus Der kommunistische Umsturz im Jahr 1948 setzte der selbständigen Entwicklung der tschechischen Architektur ein jähes Ende. Der Funktionalismus wurde als gefährlicher westlicher und kosmopoliter Baustil gebrandmarkt, und sofern ein Architekt weiter wirken wollte, musste er sich öfentlicher Selbstkritik unterziehen und sich vom Funktionalismus lossagen. Einziger zulässiger Baustil war fortan der sozialistische Realismus (auch bekannt unter dem Kürzel “Soreal”), der in seinen pompösen und schwerfälligen historisierenden Formen von der sowjetischen Architektur der Stalinära ausging. Weiße elegante Gebäude wurden im Stadtbild von bedrohlichen Türmen abgelöst, die an die ewige Zugehörigkeit der Tschechoslowakei zu Sowjetrussland erinnern sollten. In urbanistischer Hinsicht war das Hauptthema des sozialistischen Realismus die breite Straße, auf der Massenumzüge begeisterter Arbeiter stattinden würden, sowie große Versammlungsplätze, auf denen man den Reden der Parteiführer lauschen sollte. Die Umsetzung solcher Bauvorhaben stellte gleichzeitig eine symbolische „Unterwerfung“ der Stadt dar, in der die kommunistische Architektur bewusst alles Historische und damit ideologisch Unerwünschte übertönen wollte. Sozialistischer Realismus in Prag Nach urbanistischen Plänen vom Anfang der 50er Jahre sollte auch Prag Opfer derartiger Eingrife werden. Für einen neuen Versammlungsplatz sollte in der Altstadt der Häuserblock zwischen dem Klementinum und der Pařížská-Zeile abgerissen werden, wobei eine Variante als Raumachse einen hohen Turm neben dem Rudolinum anstelle der heutigen Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität vorsah. Zum Glück gelang es der Stadt, derartige Pläne abzuwehren, und der einzige stalinistische Turm, der in den 50er Jahren in Prag erbaut wurde (das Hotel International im Stadtteil Dejvice), wurde durch konzentrierten Druck Prager Urbanisten weit hinter den Horizont

Hotel Jalta Wenzelsplatz

des historischen Stadtpanoramas verschoben. Der sichtbarste Eingrif in das Panorama der Stadt war das monströse Stalindenkmal in der verlängerten Achse der Pařížská-Zeile, das mit großem Pomp in den Jahren 1952-55 erbaut wurde, um dann in aller Stille im Jahr 1962 abgerissen zu werden. Eines der wenigen Beispiele guter Architektur dieser Zeit ist das im Jahr 1958 eröfnete Hotel Jalta auf dem Prager Wenzelsplatz. Der Architekt, Antonín Tenzer, war einer der jüngsten und talentiertesten Architekten der Zwischenkriegsära. Bei der Realisierung des Hotels gelang es ihm, die Formsprache des sozialistischen Realismus so zu kultivieren, dass die Fassade des Gebäudes nicht so sehr an Moskau erinnert, sondern eher an die zeitgenössische Architektur Westeuropas, wie wir sie beispielsweise aus dem Spätwerk des französischen Architekten Auguste Perret kennen.

Beispiele in Prag Kauhaus Weißer Schwan (Wenzelsplatz) Modehaus Dum módy (Wenzelsplatz) Hotel Jalta (Wenzelsplatz)

In Stichworten: Kunst mit sozialistischem Inhalt und nationaler Form; palastartige Gebäude; viel Stahlbeton; Fenster und Fassaden; dicke Verkleidungen oder Einfassungen aus Kunststein oder Kalkstein; einfache Formensprache; sozialistische Elemente des Arbeiter- und Bauernstaates (Hammer, Sichel, Bauer, Getreide)

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Hotel Jalta (Wenzelsplatz) Ein Beispiel der kultivierten und einfallsreichen Gestaltung eines Gebäudes im Stil des Sozialrealismus ist das Hotel Jalta in Prag, das 1958 erbaut wurde. Obwohl dieser einmalige Bau relativ jung ist, steht er bereits auf der Liste der denkmalgeschützten Bauten. Dieses Gebäude wird für ein architektonisches Unikat gehalten. Die neue Machtauteilung in Europa nach dem 2. Weltkrieg führte zu einer Veränderung der ganzen Gesellschat und auch der Architektur. Die Architektur wurde zu einer ideologischen Kunst erklärt. Ihre Aufgabe war es, Komplexe von architektonischen Formen zu bilden, die politisch-ideologische Merkmale tragen, für die Bevölkerung verständlich sind und sie mit dem “Stolz auf ihren Sieg und ihre Arbeitserfolge” erfüllen. Ideologisch unterlegt sind auch die Statuen an der Fassade: Ein Bauer und eine Bäuerin, die sich einen Krug mit frisch gemolkener Milch reichen, oder auch eine Bäuerin, die ihren geliebten Bauern umarmt und ihm ein Getreidebündel reicht. Das Hotel wurde nach dem Projekt des bedeutenden tschechischen Architekten Antonín Tenzer im Jahr 1958 erbaut. Seine moderne Aufassung reiht dieses Gebäude zu den architektonisch bestgestalteten Prager Hotels. Es ist ein einzigartiger Bau im Stil des sozialistischen Realismus (des sog. Stalin-Barock), der bis in die kleinsten Details ohne Verwendung jeglicher Typenelemente ausgeführt ist.

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1957 - 1989

luftige Leichtigkeit

Internationaler Stil

Neues Nationaltheater Narodní

Der Internationale Stil ist eine Strömung der klassischen modernen Architektur, die ot mit dieser gleichgesetzt wird. Die Entwicklung des Internationalen Stils begann um 1922 in Europa, später verbreitete er sich in der ganzen Welt. Die moderne Architektur soll regelmäßig und modular sein. Eine Aufgabe des Architekten ist nun, die richtige Präsenz und Zusammenstellung der ähnlichen und unterschiedlichen Funktionsbereiche unter einen Hut zu bringen. Der Grundriss wird zwanglos und asymmetrisch. Moderne Gebäude sollten leicht aussehen, die Außenwände sollten große glatte Flächen mit regulärer Textur sein. Als besonders geeignete Fassadenoberlächen bzw. -Verkleidungen bezeichneten sie Holzverschalung, Keramikpaneele sowie Glasbausteine. Die verputzten Oberlächen sowie Sichtbeton und Backsteinfassaden wurden als ungeeignet empfunden, da sie zu wuchtig wirkten. Mit großen, mit der Fassadenvorderkante bündigen Verglasungen, sollten die Gebäude an Leichtigkeit gewinnen. Nicht zum Stilprinzip wurde das früher von Le Corbusier postulierte Flachdach, die Autoren hielten auch das Pultdach für funktional und ästhetisch. Der Internationale Stil wurde auch für die Wiederholbarkeit der Form und Monotonie der Fassaden hetig kritisiert, ein weiterer Punkt der Kritik war die aggressive Platzierung der Gebäude im Stadtraum.

Beispiel SAS Royal Hotel, Kopenhagen, Dänemark (1960)

Beispiele in Prag Neues Nationaltheater (Narodni) Kauhaus Kotva (Nationalplatz) Diskothek Krone (Wenzelsplatz) ehem. Tschechoslovakisches Parlament (Washingtonova)

In Stichworten: Minimalistische und funktionalistische Tendenzen; Schmucklosigkeit (Verzicht auf repräsentative Details); Außenwände: große, glatte Flächen mit regulärer Textur (Holzverschalung, Keramikpaneele, Glasbausteine); Gebäude soll leicht wirken (große Verglasungen); Wiederholbarkeit der Form; Monotonie der Fassaden (Fenster in horizontalen Streifenzonen); Verwendung von industriell gefertigten Baustoffen (Plattenbauten aus Betonfertigteilen); Asymmetrie; kubistische Elemente; weißer Verputz

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einfach hochwertig wirkungsvoll

1989

Das Tanzende Haus An der Moldau

Nach der Wende

Das Jahr 1989 setzte der totalitären Zeitlosigkeit ein Ende und eröfnete der tschechischen Architektur neue und ungeahnte Horizonte. Zum Symbol der „Befreiung“ der Architektur aus den Fängen des Kommunismus wurde für Viele die spielerische Silhouette des Tanzenden Hauses von Vlado Milunič und Frank Gehry, die auf unverwechselbar meisterhate Weise in den feierlichen Raum des Rašín-Ufers eintritt. In Anknüpfung an die Tradition des tschechischen Funktionalismus führte der Mainstream der tschechischen Architektur die sog. „tschechische Strenge“ fort, die sich auf durchdachte Kompositionen unter Anwendung einfacher Formen, hochwertiger Baustofe und wirkungsvoller Details konzentriert. Aus Prager Sicht ist entscheidend, dass dieser „architektonische Minimalismus“ im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre die bemerkenswerte Fähigkeit gezeigt hat, sich sensibel und zugleich mit Invention in das historische Umfeld der Stadt einzufügen und zwar auch dann, wenn eine rein zeitgenössische Formensprache gewählt wird. Der Boom von Unternehmern und Projektentwicklern in den vergangenen zwei Jahrzehnten brachte jedoch auch die negative Erscheinung mit sich, dass die oben genannten hochwertigen Bauvorhaben in Prag eher in der Minderheit sind. Die größten Neubauten in den besten Lagen wurden (ot nicht von den besten) Architek-

ten mit der Vorgabe einer möglichst großen Flächennnutzung realisiert. Die rein kommerzielle Architektur drängt sich so ot arrogant in das ansonsten hochwertige urbane Umfeld. Beispiele in Prag Das Tanzende Haus, Prag, Tschechien (1996) Langhans-Haus (1996-2002) Palais Euro, Wenzelsplatz (2000-2002) Hotel Metropol, Národní třída (2008) Fußgängertunnel, Burg (2002)

In Stichworten: Individuelles Äußeres trotz reiner Funktionserfüllung; Standorte eher exponiert; Stahl, Glas, Beton

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Das Tanzende Haus (Rašínovo nábřeží 80)

Wie eine Tänzerin im Kleid, die sich an einen Herrn mit Hut kuschelt. Und doch ist es ein Haus. Das Tanzende Haus (Tancici dum) ist eines der neuen Wahrzeichen der Stadt. Die Prager nennen das Gebäude übrigens auch Ginger und Fred, weil es mit seiner geschwungenen Linienführung an die großen Tänzer Ginger Rogers und Fred Astaire erinnert. 1996 wurde der wellige Bau an der Moldau fertig gestellt. Wer anders als der Architekt Frank O. Gehry, der schon zahlreiche ähnlich geschwungene Bauten umgesetzt hat, kann der Vater dieser Haus-Idee sein. Übrigens steht das benachbarte Haus schon seit 1900, es wurde von Vaclav Havel (dem Großvater des späteren tschechischen Präsidenten) gebaut.1

1 http://prag.sehenswuerdigkeiten-online.de/sehenswuerdigkeiten/tanzendes_haus.html

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Quellennachweis Jonathan Glancey; Architektur - Bauwerke . Geschichte . Stile . Kulturen; Dorling Kindersley Verlag; MĂźnchen 2007 Prager Fotoschule Ă–sterreich Handout Baustile Prag E. H. Gombrich; Die Geschichte der Kunst Phaidon Verlag; Berlin 2010 (7.Aulage) www.digital-guide.cz deu.archinform.net www.schwarzaufweiss.de/Prag www.cityscouter.de/reisefuehrer/prag www.cosmotourist.de/reisen/d/i/2687018/t/prag/moldauufer-masaryk-kai de.wikipedia.org de.hotel-line.cz/prag-grand-hotel-europa www.stillandlife.com www.zamek-vbrezno.cz baugeschichte.a.tu-berlin.de www.stalys.de/data/immobilienwirtschatsglossar-mol www.emiliaromagnaturismo.com/de/kunststaedte/rationalismus-monumentalismus illa-sarraz.npage.eu/architektur-woerterbuch/kubismus-architektur www.mycentrope.com www.hoteljalta.com

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Impressum Titel

Architektur

Arbeit

Abschlussarbeit . Prager Fotoschule Österreich . Jahrgang 41

Autor

Antonia Zimmermann

Dank

an die JG41-Kollegen für die schönen gemeinsamen Tage in Prag an Uli für die ständige Bereitschat vor Ort an Sepp für die großartige Aubereitung des hemas

Projektbegleitung

Uli Matscheko-Altmann, Sepp Puchner

Aulage

1 Stück

Fotos

Antonia Zimmermann digitale Fotograie Nikon D5100, AF-S Nikkor 18-85mm, 1:2.8-4.0 G ED Nikon D7000, AF-S Nikkor 18-200mm, 1:3.5-5.6 GII ED Nikon D600, AF-S Nikkor 24-120mm, 1:4 G ED

Layout

Antonia Zimmermann InDesign CS5.5

Schrit

Minion Pro

Druck

www.blurb.com

Erstellung

November 2012 bis März 2013

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