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FOTOGRAFIEN DER FOTOGRAFIE

EXPERIMENTELLE FOTOGRAFIE DER VERSUCH EINER ZUORDNUNG VON ANTONIA ZIMMERMANN

In der Experimentellen Fotografie steht nicht das abzubildende Objekt im Mittelpunkt, sondern die fotografischen Mittel werden selbst zum fotografischen Gegenstand. So entstehen Werke reiner Fotografie. Nicht Abstraktionen von Wirklichkeit, sondern Darstellungen von in der Fotografie enthaltenen bildnerischen Möglichkeiten bilden ihren Inhalt. Solche Werke beziehen sich nur auf sich selbst, vertreten keine ausserbildliche Realität (benutzen sie allenfalls als Hilfsmittel), sind Produkte reiner Ästhetik. Aufgabe der Experimentellen Fotografie ist es, die Möglichkeiten des Fotografischen immer wieder neu zu erforschen, ihr Kriterium ist Innovation, die Erneuerung von Form und

Struktur. Sie schafft eine neue Welt, die es in der Realität so nicht gibt. Sie stützt sich dabei auf ein geistiges Konzept, auf einen künstlerischen Entwurf, seine bildernische Kraft und die materielle Realisation. So entstehen Absolute Fotografien, Fotografien ohne Vermittlungsfunktion, ohne externe Botschaft, Fotografien ‚an sich‘. Diese bildernischen Möglichkeiten haben seit Jahren eine große Faszination für mich. Sie waren der Hauptgrund für meinen Besuch der Prager Fotoschule. Sehr bald merkte ich bei meinen Experimenten, dass ein gezielter Einsatz der zahlreichen Möglichkeiten, die eine moderne Kamera bietet, notwendig ist, um einen gewünschten Effekt zu erzielen. Bewegung /Experimentelle Fotografie Antonia Zimmermann 2013


HISTORIE

Erste Ansätze der Experimentellen Fotografie gab es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1917 schuf Alvin Langdon Coburn in London unter Verwendung von Spiegeln und Prismen die sogenannten Vortographs, Wirbelbilder, in Anlehnung an die Werke des ‚Vortizismus‘. 1918 entstanden in Zürich die kameralosen Bilder, Fotogramme von Christian Schad in Anlehnung an den Dadaismus, die Schadografien. Das waren allerdings erst einmal nur Spielereien, ohne ersthafte künstlerische Absicht dahinter (heute erzielen sie hohe Preise). In den nachfolgenden Jahren traten an die Stelle des spontanen Spiels gezielte Experimente mit unterschiedlichen Verfahren, deren Ausgangspunkt oftmals ein Irrtum war. Luminographie, Fotogramme, Negativkopien, Solarisation, ... wurden zunehmend bekannter. Immer mehr Fotografen experimentierten damit und lösten sich zunehmend von den fotografischen Konventionen. Für den Bauhauslehrer László Moholy-Nagy war das zent-

Alvin Langdon Coburn (1882-1966) Vortograph

Christian Schad (1894-1982) Schadografija / Fotogram

Laszlo Moholy-Nagy 1925 untitled Gelatin Silver Print


rale Motiv das Licht. Er löste sich dabei nicht nur vom Gegenständlichen, sondern auch von der Kamera selbst. Es entstanden gegenstandsfreie kameralose Lichtbilder: „das wesentliche werkzeug des fotografischen verfahrens ist nicht die kamera, sondern die lichtempfindliche schicht“. Die Emulsion wurde zum Gegenstand. 1937 entwickelte Nathan Lerner am New Bauhaus in Chicago die „Light Box“. Durch Löcher und Schlitze in einer mit lichtempfindlichen Papier bestückten Box entstanden überraschende Zufallsbilder. Derlei Experimente galten damals als Spielerein, sie waren ein Regelverstoß, ja sogar Verrat am Konzept strikter Abbildungstreue. Man nannt die Produkte ‚Pseudophotographien‘, sie galten weder als Kunst noch als Fotografie. Man war sich ihrer Tragweite noch nicht bewußt. Ein weiterer Vetreter der Experimentellen Fotografie war Man Ray, ein Fotograf und Künstler aus Philadelphia. Als er 1915 Marcel Duchamp traf, war er vom Dadaismus derart beeindruckt, dass er nach Paris zog. Er schloss sich der Surrealisten-Bewegung während der Arbeit als professioneller Fotograf an und entwickel-

Man Ray 1890 - 1976

te neue Dunkelkammer-Effekte wie StudioSetups mit beweglichen Lichtern, Lichtstrahlen, Solarisation, die Umkehrung der tonalen Komplexität, Verzerrung, mehrere Belichtungen und kameralose Drucke, die er Rayographien nannte. Was Man Ray suchte, waren neue Interpretationen von Zeit und Raum in der visuellen Wahrnehmung. Ein Begriff, den er nicht mochte, um seine Arbeit zu erklären, war paradoxerweise „experimentell“.

Nathan Lerner light box study #7 1938

Man Ray 1890 - 1976

Licht Im Tunnel /Experimentelle Fotografie Antonia Zimmermann 2013


Selbstporträt 2012 Antonia Zimmermann

METHODEN

Experimentelle Fotografie ist Teil der Künstlerischen Fotografie. Ihr Ziel ist nicht Dokumentation, Abbildung der Realität, sondern das Erforschen der fotografischen Möglichkeiten. Es ist die Erforschung der möglichen Wirkungen durch das Zusammenspiel verschiedener Komponenten der Fotografie. Die verwendeten Hauptelemente, die dabei zur Anwendung kommen, sind Licht, Belichtungszeit, Tiefenschärfe bzw. -unschärfe, Farben, Bewegung, Perspektive und diverses Material (Kamera, Linsen, Drucker, Plotter, Druckmedien, ...). Verfremdung im Labor durch klassische Labortechniken oder mit Bildbearbeitungsprogrammen am Computer werden ebenfalls eingesetzt. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Durch die neuen technischen Möglichkeiten wird die Experimentelle Fotografie zu einem der interessantesten Gebiete der modernen Fotografie und des Foto-Designs. Sie fordert geradezu die Kreativität und schöpferische Phantasie des Fotografen heraus. Sie wird dort zur Kunst, wo der Fotograf das Stadium des Experimentierens verlassen hat , wenn er sein konzeptuelles Ziel durch souveräne Beherrschung der möglichen Mittel erreicht.

Doppelbelichtungen

Bei Doppel- und Mehrfachbelichtungen werden mehrere Realitätsebenen in einem Bild festgehalten. Ähnlich wie bei Langzeitbelichtungen verschwimmen die einzelnen Belichtungen ineinander. Die Bilder werden transparent. Mit Doppelbelichtungen kann man Menschen und / oder Objekte zueinander in Bezug bringen. Zwei Gesichter werden zu einem Gesicht, ein Mensch verschwindet in einem Baum, eine Person begegnet sich selbst, .. Bei Doppelbelichtungen wird ein Bild auf das vorherige belichtet. Es wird also zweimal fotografiert, ohne den Film weiter zu transportieren. Falls der Hintergrund bei beiden Belichtungen derselbe ist und deckungsgleich wiedergegeben werden soll, sollte die Kamera auf ein Stativ gestellt werden. Doppel- und Mehrfachbelichtungen können auch ohne Mithilfe von anderen alleine mit Selbstauslöser durchgeführt werden. Ist der Hintergrund

möglichst dunkel und die Person im Vordergrund gut angeleuchtet, so erhält man zwei klare Aufnahmen in einem Bild. Ist der Hintergrund heller, lässt sich nicht vermeiden, dass die Person auf dem Bild leicht bis stark durchsichtig wird, was aber auch gezielt in die Bildgestaltung mit einbezogen werden kann. Die Belichtungszeit wird in solchen Fällen folgendermaßen korrigiert: Aus der Summe der Teilbelichtungen muss der Wert erreicht werden, der für eine ganz normale Belichtung gemessen wird. Das heißt, bei zwei Belichtungen in einem Bild wird die Belichtungszeit für jede Teilbelichtung halbiert, bei drei gedrittelt usw

Pseudo-Solarisation

Wie bei der Solarisation als fotografischem Effekt wird bei der Pseudo-Solarisation (eigentlich: Sabattier-Effekt) die Empfindlichkeit von fotografischen Filmen zur Verfremdung von fotografischen Bildern ausgenutzt. Man spricht von Pseudo-Solarisation, wenn der Film (Negativ) während der Verarbeitung teilweise oder komplett diffus nachbelichtet und anschließend ausentwickelt wird. In Randbereichen bereits entwickelten Silbers und nachbelichteten Silberbromids oder Silberiodids kommt es durch den Eberhard-Effekt zur Ausprägung von Kantenlinien und Konturen, die als künstlerischer Effekt oder zur verfremdenden Verstärkung von Kontrasten eingesetzt


werden. Die Pseudo-Solarisation ist auch bei einem Positiv möglich. Der Effekt ist allerdings meist etwas schwächer ausgeprägt. In der Digitalfotografie ist Pseudo-Solarisation systembedingt nicht möglich, kann jedoch im Rahmen der Nachbearbeitung der Bilder nachempfunden werden. Moderne Bildbearbeitungsprogramme erlauben dabei nicht nur die Verfremdung der Gesamt-Helligkeit, sondern auch die getrennte Bearbeitung einzelner Farbanteile (RGB oder CMYK). (http://de.wikipedia.org/wiki/Pseudo-Solarisation)

Japanischer Gast 2012 Antonia Zimmermann

Luminografie

Unter Luminografie (auch Fotogramm) versteht man die direkte Belichtung von lichtempfindlichen Materialien wie Film oder Fotopapier. Im Gegensatz zur Fotografie wird dabei keine Kamera benutzt. Ein Fotogramm erzeugt man, indem man mehr oder weniger transparente Objekte zwischen einen lichtempfindlichen Film, Foto-

papier oder einen elektronischen Sensor und eine Lichtquelle bringt und dann belichtet. Die räumliche Ausdehnung der Lichtquelle und der Abstand der Objekte vom Film bestimmen dabei die Konturierung des Schattens. Arbeitet man mit mehreren Lichtquellen oder bewegt diese, sind weitere Effekte möglich.

Fotogramm I 2012 Antonia Zimmermann Rauchzeichen /Experimentelle Fotografie Antonia Zimmermann 2013


Klonen

Klonen kann mit Hilfe eines Blitzgerätes realisiert werden. Eine Person oder ein Objekt wird an der zuvor konzipierten Stelle oder entsprechend den gewünschten Bewegungsphasen im völlig dunklen Raum mehrfach angeblitzt, während der Verschluss der Kamera geöffnet bleibt.

Klonen /Experimentelle Fotografie Philipp von Ostau

Fotomontage

Die Fotomontage ist eine spezielle Technik, basierend auf der Collage, die sich einer Vielzahl von fotografischen Materialien bedient, wie zum Beispiel Ausschnitten aus Zeitschriften oder selbst gefertigten Fotos. Durch das Zusammenfügen dieser entsteht eine neue Komposition und somit eine neue Aussage. Oftmals dient die Fotomontage der Satire. Der Begriff kommt aus dem Umfeld der industriellen Zivilisation und erinnert bewusst an Maschinenmontage und Turbinenmontage (Gustavs Klucis, 1932). Die digitale Montage ist die heutzutage meistverbreitete Technik der Fotomontage. Hierbei wird mithilfe von Bildbearbeitungsprogrammen digitales Bildmaterial zusammengefügt. Der Begriff sowie die Technik der Fotomontage wurde 1916 im Dadaismus entwickelt. Wer der tatsächliche Erfinder war, ist umstritten, da sowohl Raoul Hausmann und Hannah Höch, wie auch John Heartfield und George Grosz behaupteten, die Fotomontage entdeckt zu haben. Vorerst erinnerten die Werke an ein wildes Durcheinander von Bildelementen,

ähnlich der futuristischen Malerei. Um sie auch für politische und geschäftliche Zwecke einsetzen zu können, wurde die Arbeitsweise strukturierter und vor allem klarer, was sich positiv auf die Bildsprache auswirkte. Die Dadaisten wussten mit dem Medium Werbung umzugehen und sorgten immer wieder für Überraschungen und Skandale. Durch das Verwenden von Fotos wurden die Werke realitätsnäher, provokanter und für den Betrachter verständlicher. Zusätzlich gewannen die Bilder an bisher unerreichter Unmittelbarkeit und Aktualität. Das Wirkungsgebiet der Dadaisten sollte das Hier und Jetzt sein, sie wollten in ihrer Zeit per Gesellschaftskritik an den politischen Verhältnissen etwas verändern. Die Fotomontage war das passende Ausdrucksmittel, um ihre Botschaft zu verbreiten. Durch die digitale Fotografie wurde es möglich, mittels Bildbearbeitungsprogrammen bequem am Computer zu montieren. Man hat dabei die Möglichkeit, das gewünschte Bildmaterial einzuscannen, zu reproduzieren oder selbst eine passende Aufnahme zu machen. Eine professionelle digitale Montage kann nur entstehen, wenn man die gleichen Grundlagen wie bei der Negativ- und Positivmontage beachtet, nämlich die perfekte Abstimmung des Bildmaterials aufeinander. Auch wenn ein Bildbearbeitungsprogramm im Nachhinein noch viele Veränderungen zulässt, ist gutes Ausgangsmaterial eine Voraussetzung für eine realistisch wirkende Montage.

Fotomontage /Experimentelle Fotografie Antonia Zimmermann 2013


Spiegelungen

Spiegelungen und Reflexionen ergeben in der Fotografie häufig sehr interessante Effekte. Es gibt eine Vielzahl an spiegelnden Oberflächen: Wasser, metallische Oberflächen, Glas… Genau so vielfältig wie die Menge der reflektierenden Flächen ist die Umsetzung von Spiegelungen und Reflexionen im Bild. Sie können die spiegelnde Fläche hervorheben oder ausblendenden (z. B. bei kleiner Schärfentiefe den Fokus auf das reflektierte oder das reflektierende Objekt legen). Ein Beispiel wäre eine Pfütze, in der sich der Himmel spiegelt. Sie können hierbei auf den Himmel fokussieren oder im umgekehrten Fall auf die Entfernung der Wasserfläche (evtl. muss hierbei mit manuellem Fokus gearbeitet werden). Sie können über Spiegelungen auch eine Doppelung von Objekten erreichen. Spiegelungen bei durchsichtigen Flächen, wie z. B. Fenster ergeben eine weitere Dimension. Sie

können so das vor Ihnen Liegende und das hinter Ihnen Liegende auf ein einzelnes Bild bannen. Bei gewölbten Flächen ergeben sich Verzerrungen, die zum Teil surrealistische Effekte hervorbringen. Auch bei Nachtaufnahmen sind Reflexionen eine gute Möglichkeit, das Motiv aufzuwerten, da sich in den nassen Flächen die in der Nacht beleuchteten Objekte wiederholen – die Straße beginnt zu leuchten. Lichtspiele /Experimentelle Fotografie Antonia Zimmermann 2013


Filtertechniken

Moderne digitale Bildbearbeitungsprogramme liefern eine Vielzahl von unterschiedlichen Filtern, mit denen Fotografien verändert werden können. Mit Filtern kann man Fotos korrigieren oder retuschieren und spezielle künstlerische Effekte anwenden, die dem Bild das Aussehen einer Skizze oder eines impressionistischen Gemäldes verleihen. Außerdem kann man mithilfe von Verzerrungen und Beleuchtungseffekten einzigartige Transforma-

tionen erzeugen. Die von Adobe zur Verfügung gestellten Filter werden im Menü „Filter“ angezeigt. Darüber hinaus sind einige Filter von Drittanbietern als Zusatzmodule verfügbar. Nach der Installation werden diese Zusatzmodule unten im Menü „Filter“ angezeigt. Mit Smartfiltern, die auf Smartobjekte angeIMPRESSUM

Eine Arbeit im Rahmen der Prager Fotoschule Österreich zum Thema Fotografiegeschichte. Text und Layout: Antonia Zimmermann Alle Fotos dieser Seite: Antonia Zimmermann Literatur: Gottfried Jäger, Konkrete Fotografie, pdf-Datei 2004 techniklexikon.net/experimentelle fotografie wikipedia.org Großes Foto: Überlagerung /Experimentelle Fotografie / Antonia Zimmermann 2014 Kleine Fotos: Einsatz von Filtertechniken / Antonia Zimmermann 2010

wendet werden, kann man beim Einsatz von Filtern nicht-destruktiv arbeiten. Smartfilter werden als Ebeneneffekte im Ebenenbedienfeld gespeichert und können jederzeit auf der Grundlage der ursprünglichen Bilddaten im Smartobjekt geändert werden. Weitere Informationen zu Smartfiltereffekten und der nicht-destruktiven Bearbeitung finden man unter Nicht-destruktive Bearbeitung. Folgende Filter können verwendet werden: Verflüssigen, Fluchtpunkt, Bewegungsunschärfe, Durchschnitt berechnen, Feld weichzeichnen, Form weichzeichnen, Matter machen, Gaußscher Weichzeichner, Radialer Weichzeichner, Stark weichzeichnen, Tiefenschärfe abmildern, Weichzeichnen, Objektivkorrektur, Helligkeit interpolieren, Staub und Kratzer, Rauschen entfernen, Rauschen hinzufügen, Rauschen reduzieren, Blendenflecke, Fasern, Wolken, Differenz-Wolken, Konturen scharfzeichnen, Scharfzeichnen, Selektiver Scharfzeichner, Stark scharfzeichnen, Unscharf maskieren, Konturen finden, Relief, Solarisation, De-Interlace, NTSCFarben, Dunkle Bereiche vergrößern, Eigener Filter, Helle Bereiche vergrößern, Hochpass und Verschiebungseffekt.

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