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2.1992

E I C K H O R S T

5.2014


Augenblicke eines Besuches im Mai 2014 bei Gerd Riemann; erschienen im August 2015 zu seinem neunzigsten Geburtstag.


begegnung(en) Kunst erf체llt den Raum. Sie ist Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Sie f체llt Regale, schmiegt sich an W채nde. Frucht der Jahrzehnte, beugt sie sich neuen Begegnungen entgegen.

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Der K端nstler kann zur端ckblicken auf die Bilder seines Lebens, auf die Gestalten eines Daseins, das ohne Kunst nicht kann.

Geschaffene Kunst, erforschte Kunst, vermittelte Kunst treffen sich in einer Person, die unterwegs war und bleibt. Gereist durch die Epochen der K端nste, gestreift durch die Regionen der Kulturen. Die Beute der Expeditionen f端llt das Haus des sesshaften Nomaden mit samtig atmender exotischer Aura.

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Der Griff zu einer Leinwand ist die Tuchfühlung mit einem Schöpfungsprozess, der nicht endet. Der Strich von einst vermengt sich mit der Betrachtung von heute und wird so erst ganz. Die Bilder halten stand, weil sie sich öffnen und häuten. Der Schleier der Vergangenheit gleicht einem Vorhang, hinter dem sich zeitlos Vitalität inszeniert. Die Farben geschöpft aus der Alchemie der Essenzen, die Formen gewonnen aus der Bewegung der Stoffe. Das Licht bricht sich an zahllosen Oberflächen und Graten der Reliefs. Das fein ziselierte Funkeln ist gebündelt von toniger Palette.

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Begegnung Collage, Tempera 1983

Begegnung, das ist nicht nur Lebenspuls, sondern auch der Titel einer Collage, in der silbrige und sandfarbene Schemen in tänzerischer Pose agieren. Das Kolorit ist delikat, die Dynamik von schwereloser Agilität. Ein Hauch von Fin de Siècle vermischt sich mit organischem Strom und ursprünglicher Archaik. Hier sind die Gelenkstellen seiner Komposition: die Erschaffung ästhetischer Spannung aus der Verschmelzung der Kontraste, die fließenden Transformationen der Gestalt, ihre Grenzgänge zwischen den Reichen des Natürlichen und Artifiziellen.

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Die Augen sind die Schnittstelle des Künstlers mit der Welt. Der Blick ist nach außen und nach innen gerichtet. In der Realisierung der äußeren Wirklichkeit durch die Gestalten der Imagination ereignet sich Kunst.

Im Alter ist viel angesammelt, die Lager des inneren Auges sind prall gefüllt, Nachdenken dehnt die Aktualisierung des durch die Zeiten Erblickten, doch unerschöpfliche Neugier hält den Blick wach und rasch.

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Da sind sie, die verschiedenen Gesichter des K체nstlers. Auf der einen Seite der Nachdenkliche und Besonnene, der Wissende um die Gesetze und Geheimnisse der Kunst.

Und dann der andere inmitten von B체chern und Schallplatten und Papieren, vor seinem Maltisch an der Wand mit unz채hligen wimmelnden Spuren bewegter Farbgebung.

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Die Malschürze ein bunter Fleckenteppich, vor dem Bilder ihren sprühenden Funkenflug gelernt haben und noch lernen werden. Hier inmitten seiner Wirkstätte und seiner bildnerischen Elemente löst sich das Gesicht des Künstlers ganz gegenwärtig zu einem weichen warmen Lachen, im schelmischen Dialog mit einem Porträt, das einen lebensfrohen Politiker aus der deutschen Wirtschaftswunder-Blütezeit darstellen könnte.

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Lesezeichen recken sich aus den Büchern und dokumentieren breites Lektüreinteresse. Kunstkataloge umschreiben viele große Terrains, stecken aber auch Pflöcke ab, an denen sich seine Kunst anschließen ließe. Die Expressiven, mit denen er in seinen Landschaften und Porträts wetteifert. Aber auch die Surrealisten und Dadaisten, an die seine Modelle puppengesichtig denken lassen.

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Im stilvollen Stuhl seiner Bibliothek trägt der Künstler ein Sakko. Die Seriosität des Intellektuellen und Dozierenden paart sich mit dem Lächeln eines Abenteurers auf dem weiten Feld des aufklärerischen ästhetischen Geistes.

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Das Stoffliche, das die Bilder prägt, kennzeichnet auch die private Lebenswelt. Schwere Decken, Vorhänge und Teppiche kleiden Mobiliar und Wände aus. Die Farbpalette ist reich und offensiv.

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Plastiken aus dem Nahen und Fernen Osten und aus Afrika, aber auch mechanische Fossile aus der Frühzeit der Industrialisierung schmücken die Räume. Hier sitzt der Künstler mit ernstem Blick im Kreis seiner Erinnerungsstücke, die ein vielgestaltig gelebtes und durchlebtes Leben dokumentieren.

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Das Ornamentale und das Erzählerische, das er auf seinen Reisen kennenlernte, hat er eingewoben in sein Schaffen und eingeschlossen in sein Leben. Seine pflanzlich durchflochtenen Werke sind aus vielen Blüten gespeist, sind mal verdichteter, mal ausgreifender gebaut.

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Hier sitzt ein Mensch, der mit sich und seiner Kunst eins sein kann, der sich keinen kĂźnstlerischen StrĂśmungen gebeugt hat, auch oder gerade wenn er sie gut kannte.

In der Wunderkammer seiner Andenken, Sammlungen und Werke ist Gerd Riemann sein eigener Herr im Haus schillernder Kulturen und KĂźnste.

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Begegnung Gerd Riemann, Bernd Kusber, Bernd Eickhorst 2.1992

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erschienen als nummerierte Leporellos

)ne(gnungegeb Fotos Bernd Kusber Text Rainer BeĂ&#x;ling Gestaltung, Realisation Bernd Eickhorst

E I C K H O R S T

Edition 8.2015

Begegnung(en) | Gerd Riemann  

Augenblicke eines Besuches

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