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44. JAHRGANG

DAS HISTORISCHE MAGAZIN DES NORDBAYERISCHEN KURIERS

NR. 2/2011

Stadtverkehr

300. Geburtstag

Pionierfamilie

Hitler-Jungen

Vor 75 Jahren fuhr der erste Stadtbus von St. Georgen über den Marktplatz zur Altstadt

Bayreuths „Augustus“ bescherte seiner Residenzstadt eine 25-jährige Blütezeit

Ob Auto oder Nähmaschine: Die Hensels halfen stets dem Fortschritt auf die Sprünge

Allem politischen Druck zum Trotz gingen junge Leute in der Nazi-Zeit zur Konfirmation


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Liebe Leser, Unvergleichlich steht er in der Literaturgeschichte dar, unser Dichter-Klassiker (oder Anti-Klassiker?) Jean Paul. Nicht nur dem Kollegen Friedrich von Schiller erschien er „fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist“. Von Goethe stammt die Bemerkung, Jean Paul habe in Weimar „wie ein Chinese in Rom“ gelebt. Auch seinen Bayreuther Zeitgenossen, diesem „engen Volk“ (Originalton Jean Paul) war er wohl nie ganz geheuer, obwohl er hier immerhin als Oberfranke in Oberfranken lebte. Wenigstens zwei Jahrhunderte später wird ihm jetzt eine lie-

Zur Blütezeit Ich sage euch, ’s ist alles heilig jetzt! Und wer im Blühen einen Baum verletzt, der schneidet ein wie in ein Mutterherz. Und wer sich eine Blume pflückt zum Scherz und sie dann von sich schleudert sorgenlos, der reißt ein Kind von seiner Mutter Schoß. Und wer dem Vogel jetzt die Freiheit raubt, der sündigt an eines Sängers Haupt. Und wer im Frühling bitter ist und hart, vergeht sich wider Gott, der sichtbar ward. Jean Paul

INHALT bevolle Aufmerksamkeit geschenkt, wie der kürzlich eingeweihte Literatur-Parcours mit 20 Tafeln im Stadtgebiet beweist. Hoffentlich lassen sich nun möglichst viele Bayreuther auf das kauzige Genie näher ein. Die Initiatoren des Jean-Paul-Weges haben den Zugang zu ihm ziemlich leicht gemacht. In dieser Ausgabe befassen wir uns zur Abwechslung einmal mit dem Mieter Jean Paul, der in seinem ersten Bayreuther Jahrzehnt so unstet war wie ein Mietnomade (Seite 4/5). * Auch in dieser Ausgabe des Heimatkuriers stehen wieder mehrere Jubiläen auf der Themenpalette, so auch unser Stadtverkehr, der demnächst 75 Jahre alt wird. Man fragt sich unwillkürlich, wie unsere Vorfahren es ohne ihn ausgehalten haben. Den Stadtbus lieben und gelegentlich auf ihn schimpfen, das gehört irgendwie zusammen. Ein Blick in die Historie zeigt, dass die Busse sogar noch im totalen Krieg im Stadtgebiet herumkurvten, jedoch mit einem rücksackförmigen Aufbau versehen, der den Betrieb mit Stadtgas ermöglichte. Alle 20 Kilometer musste dieser Rucksack wieder aufgefüllt werden. Auf den Einmarsch der US-Army am 14. April 1945 folgte dann ein volles stadtbusloses Jahr – danach wussten die Bayreuther die Segnungen des Stadtverkehrs ganz besonders zu schätzen.

lientradition in einem Betrieb. Eine kleine Zahl von Bayreuther Unternehmen kann sogar auf 150 Jahre unter familiärer Obhut zurückblicken, so erst vor kurzem die Firma Hensel. Vor eineinhalb Jahrhunderten beglückte Firmengründer August Hensel das Königreich Bayern mit der ersten Nähmaschine – vor 111 Jahren sein Sohn Conrad die Bayreuther mit dem ersten Automobil. Am 21./22. Mai folgt die Firma Leder Schlenck mit ihrem 150-Jährigen Firmenjubiläum, wobei anzumerken wäre, dass die Schlencks noch weit länger in Bayreuth verwurzelt sind. So war die unglückliche Stecknadelbraut Margarete Katharina Schlenck 1721 – verewigt auf einem Grabstein von Elias Räntz – als Tochter eines Rotgerbers eine berühmte Vorfahrin. * Schließlich gilt es im Monat Mai auch noch den 300. Geburtstag des Markgrafen Friedrich zu feiern, ohne den Bayreuth nicht das wäre, was es heute ist. Bei vielen Bayreuthern löste sein früher Tod im Februar 1763 Bestürzung und echt empfundene Trauer aus – „zweifellos ein seltener Fall bei einem Fürsten des 18. Jahrhunderts“, urteilt Stadthistorikerin Dr. Sylvia Habermann. Ihr

Friedrich 300 Seite 3

Mieter Jean Paul Seite 4/5

Konfirmation Seite 6/7

Fiktive Fresspartie Seite 7

Stadtverkehr Seite 8/9

Hensel 150 Seite 10/11

Kindergarten Seite 12

1. Farbpostkarte Seite 13

Einst & jetzt Seite 14

Bayreuth-Quiz Seite 15

Wafners Lexikon Seite 16

Pfarrer Degen Seite 16

* Was mich immer besonders berührt, ist eine lange Fami- Bernd Mayer

Unser Titelbild Genau 101 Jahre ist diese Scherzkarte alt, die den Bayreuther Marktplatz der Zukunft zeigt. Leider reicht die Vorstellungskraft unserer Vorfahren von 1910 bei weitem nicht für eine solche Vision aus, wie diese Ansicht zeigt. Man träumte von einer Straßenbahn und erwartete ein Verkehrschaos – keineswegs ein Stadtparkett, einen Baumsaal und ein Stadtbächlein, wie es jetzt Wirklichkeit geworden ist.

Stadtbusparade auf dem Marktplatz im Jahr 1938.


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Markgraf Friedrich – Bayreuths Augustus Sein 300. Geburtstag am 10. Mai ist Anlass zu dankbarem Gedenken

Viermal Friedrich, oben Standbild vor dem Erlanger Schloss.

Gemessen an den Festivitäten für seine Gemahlin Wilhelmine fällt die Huldigung zum 300. Geburtstag von Markgraf Friedrich, Bayreuths Landesherr von 1735 bis 1763, eher bescheiden aus. Dabei war er alles Andere als Wilhelmines Schatten. Sein Anteil an Bayreuths goldenem Zeitalter kann man bis heute im Stadtbild ablesen, er ist weit höher, als es im Bewusstsein der meisten Bayreuther verankert ist. Tatsächlich war Friedrich einer der klügsten Fürsten seiner Zeit – hochgebildet, sehr musikalisch und sprachgewandt, aber auch leutselig und seinen Landeskindern von Herzen zugetan. Während Wilhelmine so gut wie keinen Kontakt zum gemeinen Volk unterhielt (sie hätte die Bayreuther schon wegen des oberfränkischen Dialekts gar nicht verstanden), plauderte Friedrich auch mit kleinen Leuten, etwa mit dem Stadtkärrner Eberhard München („Dreck-Eberle“), einem der Urahnen unserer Müllmänner. Der schmeichelhafte Ehrentitel „Bayreuther Au-

gustus“, der Friedrich wegen der Kulturblüte unter seiner Regentschaft zuerkannt wurde, ist nach Einschätzung des Stadthistorikers Karl Müssel, profunder Kenner der Markgrafengeschichte, keine billige Lobhudelei, sondern „sehr zutreffend“. Die Leiterin des Historischen Museums der Stadt, Sylvia Habermann, kommt zu dem Resümee: „Es ist seit langem an der Zeit, sich von der liebgewordenen Legende zu trennen, Wilhelmine allein habe die Bayreuther Hofkunst geprägt. Friedrichs Anteil an den bildenden Künsten erscheint bei objektiver Betrachtung zumindest ebenso bedeutend, wenn nicht sogar bedeutender.“ Habermann wird am 300. Geburtstag des Fürsten, am 10. Mai, um 18.30 Uhr im Neuen Schloss den Festvortrag halten. Diese Geburtstagsfeier wird gemeinsam von der Gruppe Bayreuth des Frankenbundes, des Historischen Vereins für Oberfranken, der Stadt Bayreuth und der Bayerischen Schlösserverwaltung veranstaltet. B. M.


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Jean Paul als Mietnomade?

Gleich sechsmal wechselte der kauzige Dichter in Bayreuth die Wohnung Von Bernd Mayer Die Bezeichnung „Mietnomade“ im heutigen abwertenden Sinne ist zugegebenermaßen missverständlich, doch unstet wie ein Nomade war er als Mieter ganz gewiss: der Dichter Jean Paul, der es in seinem ersten Bayreuther Jahrzehnt nirgendwo lange aushielt. Sechs Wohnungen hat er zwischen 1804 und 1813 bezogen, eine davon sogar zweimal. Erst die sechste und letzte war so ganz nach seinem Geschmack, so dass er seinen Hausherrn wissen ließ, er wolle das Haus „nicht anders verlassen als in einem bequemen Wagen ohne alles Gepäck, welchen die Leute den Leichenwagen nennen“. Dieser Wunsch ging dann am 14. November 1825 auch tatsächlich in Erfüllung, als Jean Pauls viel strapazierte Leber endgültig streikte. Wohnhaus Nummer eins in der einstigen Hauptstraße (heute Maxstraße 9) 1804/05.

Gedenktafel nur an zwei Wohnhäusern Zwei Jahre vor dem 250. Geburtstag des Dichters am 21. März 2013 hat sich in Bayreuth eine unübersehbare Jean-Paul-Renaissance ausgebreitet – Anlass für den Heimatkurier, einmal die einstigen Wohnhäuser näher in Augenschein zu nehmen beziehungsweise das, was von ihnen übrig geblieben

ist. Dabei orientieren wir uns, sozusagen als Wegweiser, an einem Beitrag, den der wohl bedeutendste Jean-Paul-Forscher Dr. Eduard Berend im Jahr 1951 für die Heimatbeilage des Bayreuther Tagblatts („Frankenheimat“) verfasst hat. Nur zwei dieser Gebäude tragen eine Gedenktafel, die an den berühmten Mieter erinnert. Seine erste Bayreuther Wohnung bezog Jean Paul mit

Vom Wohnhaus Nummer zwei in der ehemaligen Vorstadt Dürschnitz (heute Richard-Wagner-Straße 58), wo Jean Paul 1805/06 Quartier nahm, ist heute nichts mehr übrig. Die Hausnummer trägt jetzt dieses Haus.

Ehefrau Karoline und den beiden Kindern Emma und Max am 12. August 1804 im behaglichen Haus Maxstraße 9 (ehemals Hauptstraße Nr. 54), das der Justizratswitwe Münch gehörte. Hier wurde am 19. November 1804 sein drittes Kind Odilie geboren. Obgleich er die Logis mit einer Jahresmiete von 100 Gulden als „herrlich“ empfand, wechselte er bereits vor Ablauf eines Jahres am 23. Juli 1805 das Quartier und bezog

ein bescheideneres Domizil beim Registrator Schramm in der Vorstadt Dürschnitz (heute Richard-WagnerStraße 58). Dieses Haus ist nicht mehr im Originalzustand erhalten. Im Nachfolgegebäude erinnert nichts mehr an Jean Pauls einjährigen Aufenthalt. Wohnung Nummer drei – bezogen am 1. Oktober 1806 – lag vermutlich ebenfalls in der (Fortsetzung auf Seite 5)

Wohnhaus Nummer drei im Jahr 1806 war möglicherweise dieses Haus am Rennweg (heute Richard-Wagner-Straße 23). Eine andere Vermutung geht dahin, dass der Dichter in der damaligen Steingasse (Kulmbacher Straße) gewohnt hat.


5 (Fortsetzung von Seite 4) Richard-Wagner-Straße (ehemals Rennweg), und zwar im Haus Nummer 23, wo sich viele Jahre das Spielwarengeschäft Wild befand. Hier würde sich der Dichter heute an der benachbarten Stadtbibliothek („RW 21“) erfreuen können. Laut Eduard Berend ist die Authentizität dieser Wohnung jedoch nicht ganz gesichert - der Dichter könnte auch in der damaligen Steingasse (heute Kulmbacher Straße) gewohnt haben, wo er offenbar den Vorbeimarsch französischer Regimenter miterlebte. Den Widerspruch konnte Berend nicht aufklären. Dr. Philipp Hausser, der Wegbereiter des Bayreuther Jean-Paul-Museums und Nachfahre des letzten Hauswirts Isaac Joseph Schwabacher, vermutete den dritten Wohnsitz des Dichters in der Steingasse. Wie dem auch sei: Schon vier Monate später, am 4. Februar 1807, kehrte der geniale Kauz nochmals in seine frühere Wohnung in der Richard-Wagner-Straße 58 zurück, allerdings nur für ein weiteres Dreivierteljahr.

Wohnung Nr. 5: Die Groschengalerie Im November 1808 näherte er sich seinem späteren Sterbehaus bis auf wenige Meter, als er mit seiner Familie beim Justizkommissar Fischer in der Friedrichstraße 10 Quartier nahm. In dem schönen Barockgebäude hielt er es

Wohnhaus Nummer vier in der Friedrichstraße (heute Nummer 10), wo Jean Paul von 1808 bis 1811 lebte. Eine Gedenktafel erinnert heute an den berühmten Mieter. immerhin fast drei Jahre aus, was dankenswerterweise auf einer Gedenktafel vermerkt ist. Die heute gastronomisch genutzte Lokalität lässt auch 200 Jahre später etwas vom „Genius Loci“, dem Schutzgeist des Ortes, erahnen. Bevor Jean Paul jedoch 1813 endgültig in der Friedrichstraße landete, zog er im September 1811 erst noch für gut zwei Jahre in das Haus Maxstraße 16 des Apothekers Braun, und zwar in dessen „Groschengalerie“, wie er dessen Mansardenwohnung despektierlich nannte. Im Streit zog er dann im November 1813 wieder aus. Er hatte die Dienstmagd des Apothekers in Verdacht, ihm fort-

Wohnhaus Nummer fünf in der früheren Hauptstraße (heute Maxstraße 16). Das authentische Gebäude, wo Jean Paul von 1811 bis 1813 in der „Groschengalerie“ (Mansarde) wohnte, brannte 1945 ab. Der Nachfolgebau ist eine Etage höher.

während Wein aus dem Keller gestohlen zu haben, für Jean Paul wohl fast ein Sakrileg. Der erboste Apotheker kündigte daraufhin dem Dichter das Quartier.

Ab 1813 seßhaft – eine Alterserscheinung? Sozusagen das Happy End der Wohnungssuche fällt in den Monat November des Jahres 1813: Jean Paul landete nun endlich im zweiten Stock des Hauses Friedrichstraße 5. Allerdings hätte nicht viel gefehlt, und der Poet hätte sich wegen eines Besitzerwechsels nochmals an eine neue Woh-

nung gewöhnen müssen. Laut Berend hatte er bereits ein Quartier bei Färbermeister Weidmann „fast gemietet“, als im Juli 1817 der erwähnte Bankier Schwabacher das idyllische Anwesen erwarb. Jean Paul wurde nunmehr endgültig sesshaft, was Biograf Eduard Berend auch als eine Alterserscheinung bewertete. Wenigstens zwei der genannten sechs Jean-Paul-Wohnhäuser haben ihren Charakter bis heute weitgehend bewahren können – am nachhaltigsten das Haus Friedrichstraße 5, wo im Garten noch das Brünnlein zu sehen ist, an dem Jean Paul einst seine Hunde wusch.

Wohnhaus Nummer sechs: das Barockgebäude in der Friedrichstraße (heute Nummer 5), wo der Dichter von November 1813 bis zu seinem Tod im November 1825 lebte, hat seinen Charakter bis heute weitgehend bewahren können.


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Als Hitler-Junge zur Konfirmation

Das Elternhaus erwies sich als Bollwerk gegen die antichristlichen Einflüsse Von Herbert Scherer Am 20. Juni 2011 jährt sich meine Konfirmation in der Bayreuther Stadtkirche zum 68. Mal. Rückblickend erstaunt mich immer wieder, wie wir damals die Zugehörigkeit zur Hitler-Jugend und die Treue zur Kirche ohne große Probleme miteinander vereinbaren konnten, auch wenn der Druck der täglichen Parteipropaganda immer stärker wurde. Selbst in ein Konfirmationsgeschenk schrieb mir ein Parteigenosse und Hausbewohner die persönliche Widmung: „Lebe stets so, dass Du vor Deinem Führer bestehen kannst.“

Religionsnote in eigenem Zeugnis Wesentliches Bollwerk gegen eine antichristliche Beeinflussung war das Elternhaus. Der Gottesdienstbesuch gehörte noch zur Sonntagsgestaltung. Und da war noch die Schule. In meinem Falle war es die Oberrealschule oder damals Oberschule, das heutige Graf-Münster-Gymnasium. In dieser durchaus bürgerlich gebliebenen Einrichtung unterrichteten fast nur ältere Lehrer, die ab September 1939 die frontfähigen Lehrkräfte ersetzen mussten. Eine feste Größe war der Religionslehrer Dr. Johannes Wirth, kurz Jonas genannt, der seine Einser- und Zweier-Noten allerdings letztmalig 1941/42 ins allgemeine Schulzeugnis eintragen lassen durfte. Von da an stand die Religionsnote in einem eigenen „Zeugnis über die Teilnahme am konfessionellen Religionsunterricht“, das lediglich vom Religionslehrer unterschrieben und zum Jahresende auch nicht mit Siegel versehen war. Jene Umstellung 1942 fiel gerade in die Vorbereitungszeit für die Konfirmation mit wöchentlichem Besuch des Konfirmandenunterrichts und möglichst regelmäßiger Teilnahme am Sonntagsgottesdienst. Dieser wurde gelegentlich gestört, wenn etwa der Fanfarenzug des Jungvolks blasend und trommelnd durch die Kanzleistraße marschierte. Mit Jungvolk-Führerdiensten

Sonntagsfeier der NSDAP in der Weihehalle des Hauses der deutschen Erziehung. Sie wurde als Konkurrenzveranstaltung zu den traditionellen Gottesdiensten gestaltet. Dabei wurden christliche Rituale durch pathetisches NS-Brimborium ersetzt. und äußerst attraktiven Filmstunden im Reichshof war zudem ein Gegenangebot zum Gottesdienstbesuch vorhanden. Im Haus der deutschen Erziehung am Luitpoldplatz,

NS-Weihestunde als Gottesdienstkopie das nach dem Krieg von der Elektrizitätsversorgung umgestaltet wurde, zelebrierte die Partei parallel zum Kindergottesdienst ihre sonntägliche „Weihestunde“ vor der Riesenskulptur von Mutter mit Kindern. Viele brachten es sogar in Einklang, erst in den Gottesdienst und anschließend in die gottesdienstähnliche Weihestunde zu gehen, die ganz auf den „Führer“ und die NS-Ideologie ausgerichtet war. Es war eigentlich erstaunlich, wie

viele in der Gauhauptstadt und Stadt der deutschen Erzieher ihrem überlieferten christlichen Glauben treu blieben, denn mit den militärischen Erfolgen wurden die Aufforderungen zum Kirchenaustritt wieder unverblümter. Wer allerdings am Sonntagvormittag an der Spitalkirche vorbeiging – in ihr genossen die sogenannten „Gottgläubigen“, die Christus schon abgeschafft hatten, und die Deutschen Christen, die Jesus arisiert hatten, Gastrecht -, der konnte feststellen, dass die Zahl der Abtrünnigen in Bayreuth nicht sehr groß war. Bayreuth war im Grunde eine Stadt vor allem des lutherischen Glaubens geblieben. Aus meinem Schülerjahrgang an der Oberschule, dem heutigen Graf-Münster-Gymnasium, gehörten nach dem Stand von 1940 von 96 Schülern 67 dem evangelischen und 21 dem

katholischen Glauben an. Nur drei waren Deutsche Christen und fünf „gottgläubig“.

Als Konfirmand im Zweiten Weltkrieg Unsere Konfirmandenzeit fiel in ein Jahr der Zäsur. Als wir unseren „KonfirmandenKirchgang 1942/43“ am Sonntag Quasimodogeniti sechs Wochen vor Pfingsten 1942 begangen, da befanden sich die deutschen Truppen auf dem Vormarsch in die Tiefe des russischen Raums nach Stalingrad und in den Kaukasus. Als wir am 20. Juni 1943 konfirmiert wurden, war mit der Tragödie von Stalingrad und weiteren militärischen Rückschlägen das Ende bereits eingeläutet. Dass immer mehr Menschen des (Fortsetzung auf Seite 7)


7 (Fortsetzung von Seite 6) Trostes bedurften, war an der Zunahme der Gottesdienstbesucher spürbar, auch an den immer länger werdenden Ankündigungen von Gefallenen. Der Konfirmandenunterricht im Rückgebäude des evangelischen Gemeindehauses fand nach Geschlechtern getrennt statt, die Mädchen waren immer vor uns dran. Was uns an einem düsteren Winternachmittag bewegte, ist mir entfallen, aber es entsprang dem Tatendrang von Lausbuben. Eines der wenigen und noch dazu billigen Nahrungsmittel, die es im vierten Kriegsjahr noch zur Genüge gab, war Sauerkraut, das zu jener Zeit pfundweise aus dem Fass verkauft wurde. Im Kolonialladen Söllner

gegenüber dem Gemeindehaus erwarben wir einige Pfund, und als die Mädchen nach dem Unterricht durch den dunklen Gang zur Richard-Wagner-Straße zogen, feuerten wir eine Salve der feuchten Ware in den Mädchenpulk. Dieser stob laut aufkreischend auseinander und rannte, von uns nicht erwartet, zurück zum Unterrichtsraum. Wir mussten ihnen wohl oder übel in den Unterrichtsraum folgen. In einer Ecke standen die Mädchen, die sich, schon wieder kichernd, Sauerkrautfäden aus Haaren und Mänteln zupften, in einer anderen Pfarrer Forster, der uns mit drohenden Worten empfing. Er war so erregt, dass er an diesem Abend keinen Unterricht mehr halten wollte. Unsere

stille Freude darüber war rasch gedämpft, als er uns zur Strafe einige Gesangbuchverse zum Auswendiglernen aufgab.

Konfirmanden auf dem Sünderbänkchen

Beim Gottesdienst in der Stadtkirche saßen wir Buben in der Regel auf den lehnenlosen Sünderbänkchen im toten Winkel unter der Kanzel. Wenn der Pfarrer gelegentlich nicht nur bildlich, sondern auch geistig über unsere Köpfe hinweg predigte, konnte Unruhe aufkommen. Als sich 1942 während der Pfingstpredigt wieder einmal Unruhe einstellte, schlug Kreisdekan Otto Bezzel mit der Faust so auf das Kanzelpult, dass lockere Sachen herunterfielen. Mit Donnerstimme zürnte er: „Wenn die Konfirmanden nicht augenblicklich ruhig sind, verlasse ich zur Schande der ganzen Gemeinde die Kanzel!“ Mucksmäuschenstill und mit gesenkten Köpfen erlebten wir den weiteren Gottesdienst. Von den erwachsenen Kirchenbesuchern wurden wir mit bösen Blicken abgestraft. Vor allem aber erinnere ich mich heute daran, dass an jenem 20. Juni 1943 die Sonne Konfirmation nur im Braunhemd – dieser Aufruf war im Früh- gnädig auf uns schien, als wir, jahr 1934 in Bayreuths NS-Zeitung „Fränkisches Volk“ zu le- andächtig im Chor der Stadtsen. Tatsächlich befolgten nur Kinder eingefleischter Par- kirche sitzend, unsere Konteigenossen diese Anordnung. firmation feiern konnten.

Unter der monumentalen Statue Mutter mit Kindern, einer Art Altarersatz, kamen linientreue „Volksgenossen“ zu den sonntäglichen NSDAPFeierstunden im Haus der deutschen Erziehung zusammen.

Die fiktive Fresspartie des Gauleiters Wie Wächtler durch einen Jux-Anruf zum Gespött der Stadt wurde Von Helmut Paulus Die Bayreuther Volksgenossen wussten wohl überwiegend nicht, dass ihr verhasster Gauleiter Fritz Wächtler im Krieg „Selbstversorger“ war und deshalb für Fleisch, Wurst und Eier keine Lebensmittelmarken bezog. In einer Ecke seines großen Villengrundstücks in der Parsifalstraße hielt er sich in einer kleinen Landwirtschaft Schweine, Gänse und Hühner. Der Unteroffizier Roth vom Reservelazarett in der früheren Taubstummenanstalt hielt deshalb am 12. Februar 1945 durchaus für glaubwürdig: Im Rahmen der Verwundetenbetreuung sollten 15 Sol-

daten zu einem Schlachtschüsselessen beim Gauleiter Wächtler abgestellt werden. Der Anruf kam von einer Frau. Pünktlich um 17 Uhr fanden sie sich erwartungsvoll in der GauleiterVilla ein, um dort allerdings zu erfahren, dass es sich um einen Scherz handelte. Der cholerische Gauleiter soll getobt haben. Der Chefarzt des Reservelazaretts III, Dr. Bruno Hering, entschuldigte sich einen Tag später brieflich bei Wächtler für das peinliche Vorkommnis. Wächtler gab sich jedoch mit dieser Entschuldigung nicht zufrieden. In seinem Antwortschreiben an Dr. Hering heißt es: „Das pflichtwidrige, gedan-

kenlose und stumpfe Verhalten des Unteroffiziers Roth lässt deshalb eine Entschuldigung überhaupt nicht zu. Ich halte es einfach nicht für möglich, dass ein Privathaushalt 15 Mann zur Schlachtschüssel einladen kann, erst recht nicht ein städtischer Haushalt. Meinem Haushalt jedenfalls ist es nicht möglich, 15 junge Männer zusätzlich und ohne Marken mit Fleisch und Wurst zu sättigen. Ich bin kein Schwarzschlächter! Meine Familie lebt von den Rationen, die jedem zustehen und deren Umfang wohl auch der Verwaltung des Reservelazaretts III bekannt sein dürften. Dass die Verhandlungen mit den 15 Ver-

wundeten in meinem Haus – auf beiden Seiten – sehr peinlich waren, ist klar. Und damit ergibt sich ohne weiteres auch die politische Absicht, die zweifellos mit dem Telefonanruf verbunden war. Der Vorfall ist für mich nicht unliebsam, sondern skandalös!“ Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen – so war es auch in diesem Fall. Diese tragischkomische „Schlachtschüssel-Affäre“ endete damit, dass Unteroffizier Roth dank des Einsatzes von Dr. Hering an einer „geschärften Arreststrafe“ vorbeikam. Der Chefarzt selbst erhielt einen strengen Verweis durch das Armeecorps in Nürnberg.


Mit dem Stadtbus durch die Höhen und Täler der Zeiten

Vor 75 Jahren fuhr der erste Stadtbus von St. Georgen zur Altstadt / Nach 1945 wurde der Stadtverkehr für ein Jahr stillgelegt / Erfolgsgeschichte mit Unterbrechungen Schon lange vor seiner Gründung im Juni 1936 hatte Bayreuths Stadtverkehr einen Vorläufer. Im April 1927 nahm die damalige Reichspost in bescheidenem Umfang einen Linienverkehr im Stadtgebiet auf, den sie an Sonntagen auf die beliebten Ausflugsziele Rollwenzelei/St. Johannis und Donndorf/Fantaisie ausdehnte. Da die Post jedoch allzu sehr auf Rentabilität – das heißt volle Busse – schielte und an einer Ausdehnung des Fahrplans nicht interessiert war, beschloss die Stadt einen Betrieb in eigener Regie unter der Obhut des städtischen Verkehrsamtes. So kam es, dass sich am 1. Juni 1938 erstmals zwei stahlblaue 80-PS-Busse mit Stadtwappen auf den Weg machten, und zwar im 20-Minuten-Takt von St. Georgen über den Markt zur Altstadt sowie in Gegenrichtung. Untergebracht waren die beiden Siebentonner im alten Stadtbauhof in der Badstraße. Bereits ein Jahr später wurden neue Linien zur Saas, zur Hohen Warte und nach St. Johannis eröffnet. 1938 konnte das Verkehrsamt sechs Busse mit mächtiger Motorschnauze zur Parade auf dem Marktplatz präsentieren. Die Linie St. Georgen–Altstadt wurde inzwischen sogar im Zehn-Minuten-Takt befahren. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg, und sämtliche Busse wurden vorübergehend von der Wehrmacht beschlagnahmt. Nach einigen Wochen wurde wenigstens ein Teil von ihnen für einen Notbetrieb wieder freigegeben. Im März 1943 war das Benzin jedoch so knapp, dass sich die Stadt mit Leuchtgas als Treibstoff behelfen musste. Hierzu mussten die Busse aufwendig umgerüstet und mit einem Aufbau versehen werden, wobei die Gasfüllung im Oberdeck gerade mal vom Marktplatz zur Saas und zurück reichte. Wegen der hohen Explosionsgefahr mussten die Busse bei Fliegerangriffen in den Vororten in Deckung gehen. Nach Kriegsende konnte der Stadtverkehr erst am 15. April 1946 mit zwei gebrauchten Bussen einen notdürftigen Busbetrieb aufnehmen, und zwar vom Alten Schloss nach Laineck, Saas, Altstadt, Roter Hügel und St. Johannis. Es war für die Bayreuther ein Freudentag, als im November 1947 ein nagelneuer grün-weißer Omnibus die „alten Wackelenten“ ergänzte. Ein Saaser Bürger machte sogleich ein Gedicht auf den „grünen Heinrich“: „Du bist ein Schmuckstück uns’rer Zeit und wirst bestaunt in deinem Kleid ...“

Oben: Parade der stahlblauen Stadtbusse auf dem Marktplatz 1938. Charakteristisch für die 80PS-Busse war ihre große Schnauze. In der Mitte ein Stadtbus vor dem mit NSSymbolen dekorierten Neuen Rathaus (Reitzenstein-Palais) am Luitpoldplatz. Unten: Not macht erfinderisch – im März 1943 werden die Busse für den Betrieb mit Leuchtgas mit einem riesigen Tankbehälter auf dem Dach umgerüstet. Rechts ein solcher „Doppeldecker“ vor der Rollwenzelei.

Oben: Der Betriebshof des Stadtverkehrs an der Eduard-Bayerlein-Straße (um 1950). Rechts der „grüne Heinrich“, Bayreuths erster Nachkriegsbus, am Bahnhofsplatz. Mittlere Reihe: Links der zentrale Busbahnhof am Marktplatz im Frühjahr 1951. Daneben der Busbahnhof Markt Mitte der 50er Jahre. Dritte Reihe links: der überdachte Busbahnhof im Mai 1989. Unten links: Fahrer und Schaffner vor der städtischen Busflotte im Jahr 1939. Unten rechts: Angehörige der Kriegsmarine in einem Stadtbus (1943).


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Bayreuths Auto- und Fahrradpioniere Ob Nähmaschine, Rad oder Auto – die Hensels waren ihrer Zeit weit voraus

Von Bernd Mayer Es gibt in Bayreuth nur noch ganz wenige Unternehmen, die auf eine 150-jährige Familientradition zurückblicken können – die Pianofortefabrik Steingraeber beispielsweise, das Hotel Goldener Anker (mit über 250 Jahren rekordverdächtig!) und nun die Firma Hensel. Es war August Hensel, der Ururgroßvater des heutigen Autohaus-Chefs Wolfgang Hensel, der 1861 das Unternehmen gründete. Das damalige 18 000-Einwohner-Städtchen war um die Mitte des 19. Jahrhunderts gerade erst aus dem biedermeierlichen Schlaf erwacht, Für einen tüftlerisch begabten Schlossermeister wie Hensel boten sich da verheißungsvolle Zukunftsperspektiven.

Goldmedaille bei der Weltausstellung In den 1860er Jahren stieg er zum Nähmaschinen-Pionier im Königreich Bayern auf. Bereits 1867 ging er eine Geschäftsverbindung mit der Firma Adam Opel ein, die für sein junges Unternehmen geradezu schicksalhaft werden sollte. Im Jahr 1872 – Richard Wagner war gerade Bayreuther Bürger geworden – konnte der Schlossermeister einen persönlichen Triumph feiern: Bei der Welt-

Bayreuther Autopionier: Conrad Hensel mit Frau Margarete 1904 auf einem „Lutzmann“. ausstellung in Wien erhielt er für seine Nähmaschine eine goldene Medaille. Sie landete später als Ausstellungsstück im Stadtmuseum und ist seit Kriegsende leider verschollen. In den folgenden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde das vergleichsweise arme Oberfranken mit Bil-

lignähmaschinen geradezu überflutet. 1882 übernahm daher Hensels Sohn Conrad die Generalvertretung von Pfaff-Nähmaschinen. Zugleich hielt die Firma nach einem neuen geschäftlichen Standbein Ausschau. Und da zur gleichen Zeit das Fahrrad-Zeitalter anbrach, sprangen die Hensels schnell

auf die neue Welle auf – die Firma Opel machte es möglich. Aber nicht nur geschäftlich setzte die zweite Firmengeneration auf das neue Verkehrsmittel, auch ganz privat

Nach Radtour am Matzenberg gestürzt war Conrad Hensel ein leidenschaftlicher Radler, zunächst jedoch noch auf dem halsbrecherisch anmutenden Velociped mit einem winzigen Hinterrad und einem riesigen Vorderrad. Damit schaffte er es immerhin bis nach Kaiserslautern, und auch die Heimfahrt verlief ziemlich reibungslos, nur ausgerechnet beim heimatlichen Matzenberg ging der Hochradler zu Boden. Ehefrau Margarete war übrigens Bayreuths erste Radlerin, was damals noch eine kleine Sensation im Städtchen darstellte, denn gegen Damen auf dem Sattel wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert noch viele sittliche und ge-

Opel-Parade in den 20er Jahren auf dem Marktplatz vor dem Hensel-Gebäude.

(Fortsetzung auf Seite 11)


11 (Fortsetzung von Seite 10) sundheitliche Bedenken ins Feld geführt. Um solche Bedenken zu zerstreuen, bot Conrad Hensel im März 1896 den ersten Privatkursus für Damen zum Erlernen des Radelns an. Die Begründung nötigt uns 115 Jahre später ein sanftes Lächeln ab: Durch Radfahren werde eine Massage des Unterleibs bewirkt, die durch keine andere Übung ersetzt werden könne. Insbesondere für nervöse Damen sei das Radeln eine schöne Leibesübung – auch eine zaghafte Dame erlange nach sieben Kursstunden Übung. So kam es, dass bald ganze Damengeschwader auf Hensel’schen Drahteseln durch die Gegend kurvten, seit 1896 übrigens mit amtlichen Nummernschildern. Pünktlich zum neuen 20. Jahrhundert traf dann das erste Automobil als Vorbote einer neuen technischen Zivilisation in Bayreuth ein, und wieder saß Conrad Hensel hinter dem Steuer. Mit einem „Auto-Heil“ begrüßte das Bayreuther Tagblatt im Juli 1900 das „wichtige Verkehrsmittel“. Dabei handelte es sich um ein Motor-

August Hensel

Dreirad der Marke Lutzmann, das mit ausdrücklicher Genehmigung des Stadtmagistrats tagelang in der Stadt herumfahren durfte – „zum allgemeinen Staunen des Publikums“, wie die Zeitung bemerkte. Und ahnungsvoll fügte sie noch hinzu: „Vielleicht wird auch dieser Sport hierorts eifrige Anhänger finden.“ Schon drei Jahre vor diesem Ereignis hatte die Firma August Hensel das Haus Maxstraße 17 gekauft und sich damit einen repräsentativen Firmensitz geschaffen. Ab 1905 schloss Conrad Hensel

Opel-Schau im August 1951 auf dem Markt, vor der Ruinenkulisse mit dem Alten Schloss. einen Händlervertrag mit der Adam Opel AG ab, Grundlage für eine über hundertjährige Autoehe, die alle Wirtschaftskrisen überdauerte. Conrad Hensels Söhne August und Heinrich assistierten dem Vater nicht nur bei Autoausfahrten (wenn sie beispielsweise die Hunde mit der Peitsche im Zaun hielten), sie traten auch in die Firma ein – Sohn Heinrich allerdings erst 1920 nach dem Ersten Weltkrieg. 1931 zählte die Firma Hensel & Co bereits über 50 Mitarbeiter. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Betrieb zunächst geplündert und anschließend durch die US-Militärs besetzt, doch zwei Jahre später waren die Hensels wieder Herr im eigenen Haus. Eine Zäsur brachte das Jahr 1948 nach der Währungsreform: Die Firma Hensel & Co wurde jetzt zweckmäßigerweise geteilt, weil sich Nähmaschinen und Fahrräder nicht allzu gut mit Autos vertrugen, wie es in der Firmenchronik heißt. Die Firma Auto-Hensel hatte bis weit in die 80er Jahre hinein ihren Sitz in der Romanstraße, bevor der Umzug von der Innenstadt an die westliche Peripherie, an die Himmelkronstraße begann. Im April dieses Jahres konnte Wolfgang Hensel mit seiner Belegschaft und zahlreichen Ehrengästen das 150-jährige Jubiläum feiern.

Die Familie Hensel als Fahrradpioniere im ausgehenden 19. Jahrhundert: Unser Bild zeigt Conrad Hensel mit Frau Margarete und Tochter Johanna auf einem Familienrad im Jahr 1894. Margarete war die erste Radlerin in Bayreuth – zu einer Zeit, als Damen auf dem Fahrradsattel noch als sehr unschicklich galten. Ehemann Conrad fuhr auf einem Hochrad von Bayreuth bis Kaiserslautern und zurück, bevor er ausgerechnet am Matzenberg stürzte. Im Jahr 1896 bot er den ersten Privatkursus für Damen zum Erlernen des Radelns an.


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„Hinsetzen und Finger auf den Mund“ Aus der bewegenden 100-jährigen Geschichte des Lainecker Kindergartens

Von Gisela Peplau Seit 1846 war Laineck durch die Flachsspinnerei des Bayreuther Industriepioniers Sophian Kolb in Friedrichsthal ein „Industriestandort“. Für viele Väter und Mütter, die in der Fabrik ihr tägliches Brot verdienten, war es ein großes Bedürfnis, ihre Kinder vor Ort gut versorgt zu wissen. Nachdem 1910 im ehemaligen Lainecker Schulhaus die Unterrichtsräume frei wurden, rückte die Erfüllung dieses Wunsches in greifbare Nähe. Auch der Pfarrer des Nachbarorts St. Johannis setzte sich intensiv für dieses Anliegen ein. In einem Brief vom 13. März 1911 bat der Theologe das königlich-bayerische Bezirksamt im Namen des neu gegründeten Vereins „Kinderbewahranstalt Laineck“ um die Genehmigung zur Eröffnung einer Kleinkinderschule in Laineck.

10 Pfennig Schulgeld 14 Tage später wurden noch einige Informationen nachgeliefert: Kinderaborte seien vorhanden, die Kinderzahl liege bei 50. Der Schulsaal sei reichlich groß und werde angemessen möbliert. Die Verabreichung einer Mittagskost an die Kinder sei nicht beabsichtigt, sondern nur ihre Beaufsichtigung und angemessene Beschäftigung, und zwar von 8 Uhr (im Sommer 7 Uhr) bis 11 Uhr und von 13 bis 16

(bzw. 17) Uhr. Als Schulgeld würden pro Woche zehn Pfennig erhoben. Das Gehalt von Fräulein Babette Pöhlmann solle 40 Mark monatlich betragen. Gemessen an heutigen Erfahrungen erscheint es geradezu märchenhaft, dass schon knapp zwei Monate nach dem Antrag die behördliche Genehmigung für das Projekt erteilt wurde. Ein Mittagessen war in der Kinderschule anfangs nicht vorgesehen, doch bereits einige Jahre später wurden die Kleinen in der Kinderbewahranstalt mittags verköstigt. Aufschlussreich ist die Zusammensetzung der Elternschaft: 24 Fabrikarbeiter, 16 Handwerker, zwölf Landwirte, sieben Fabrikmeister, sechs Bauhandwerker, vier Meister, zwei Lehrer. Von 1920 bis 1927 betreute Schwester Auguste Müller als Leiterin die Kinder im Alter von vier Wochen bis 15 Jahren. Besitzer der Kinderbewahranstalt war inzwischen der Nürnberger MarthaMaier-Verein für allgemeine Krankenpflege geworden, der auch die Unkosten übernahm. Das Personal bestand aus fünf Schwestern, drei Helferinnen und jeweils einer Oberschwester, Küchenschwester, Gartenschwester und Hausschwester sowie zwei Frauen und drei Mädchen für Haus und Garten. Die Kinderzahl schwankte zwischen 30 und 60. Vom Träger wurde auf größte Sauberkeit in den Räumen geachtet. Die Erziehungsmethoden

waren in der damaligen Zeit noch ziemlich rigide. War die Kinderschwester gezwungen, den Raum länger zu verlassen, lautete das Kommando: „Hinsetzen, Arme vor der Brust kreuzen und Finger auf den Mund!“ Bei Spaziergängen wurden die Kleinen an einem langen Seil mit vielen Schlaufen geführt, jedes Kind hatte sich an einer solchen Schlaufe festzuhalten. Vor Beginn des Marsches zählte die Schwester die freien Schlaufen und hatte so schneller den Überblick, ob alle Schützlinge noch beisammen waren. Lainecks Gemeinderat nahm am 2. Mai 1938 zur Kenntnis, dass die Kinderschule von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) übernommen wurde. Die Bezeichnung Kinderschule wurde nun in Kindergarten umgeändert. Auch unter brauner Trägerschaft durften im Kindergarten weiterhin christliche Lieder gesungen werden. Ebenso wurde das Gebet am Anfang und am Schluss des Kindergartentages beibehalten. Es wurden jedoch auch pädagogisch abzulehnende Methoden angewandt. Verweigerte ein Kind das Mittagessen, weil es keinen Hunger hatte oder eine große Abneigung gegen bestimmte Speisen, wurde kurzer Prozess gemacht: Ihnen wurde dann einfach die Nase zugehalten und der volle Löffel in den Mund geschoben. In den 30er Jahren durften die Kleinen auch über Mittag im Kinder-

1937 mussten im Lainecker Kindergarten auch die Kleinsten „Flagge“ zeigen.

garten bleiben. Den Mittagsschlaf mussten die Kinder aus Mangel an Betten am Tisch absolvieren, indem sie einfach den Kopf auf die verschränkten Arme legten. 1960 kam Schwester Irmingard Drees als Leiterin in den Lainecker Kindergarten und nahm sich 18 Jahre des Gemeindenachwuchses an, bevor eine neue Ära im ehemaligen Schloss begann, mit Ursula Unterberger als prägender Persönlichkeit. Beim Umbau des Schlosses, das bis 1972 als Gemeindekanzlei und Wohnhaus gedient hatte, war innen kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Mit einem Kostenaufwand von 415 000 Mark entstand der vielleicht schönste zwerggruppige Kindergarten der Stadt mit 415,19 Quadratmeter Gesamtfläche und einem völlig neu gestalteten Garten. Im Einweihungsbericht des Nordbayerischen Kuriers vom 25. Februar 1978 heißt es: „Das frühere Schloss ist jetzt ein Kinderparadies.“ Der damalige Oberbürgermeister Hans Walter Wild übergab den neuen Kindergarten in die Obhut der Stadtmission. Dekan Gottfried Naether nahm die kirchliche Weihe vor.

27 Jahre Leiterin Nach über 27 Jahren im Kindergarten Laineck ging 2005 die Leiterin Ursula Unterberger in den wohlverdienten Ruhestand. Sie hatte in ihrer langen Dienstzeit über 500 Kinder in einer wichtigen Lebensetappe begleitet. Als ihre Nachfolgerin kam Frau Ludwigkeit nach Laineck. 2008 wurden nach 30 Jahren neue Fenster im Kindergarten eingebaut und die Fassade erneuert, nachdem bereits 1999 aus Brandschutzgründen eine Fluchttreppe aus dem ersten Stock angebracht worden war. Die Aufnahme von Hortkindern sowie einer Krabbelgruppe machte neue Raumaufteilungen erforderlich. Zusammen mit der Mäuse-, Eulen-, Turmfalken- und Krabbelkäfergruppe bilden die Kinder die Lainecker Schlossbande. Eine schönere Verwendung hätte man für das ehemalige Schloss wohl kaum finden können.


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Bayreuths älteste Farbfotos

Sie wurden schon 1899 von Rudolf Bechtold auf den Markt gebracht Von Wilfried Engelbrecht Mit der 1839 von Louis Daguerre in Frankreich und von James Fox Talbot in England vollendeten Erfindung der Fotografie ging ein uralter Menschheitstraum in Erfüllung – zunächst leider nur in Schwarzweiß. Weil aber die Welt bunt ist, sannen Wissenschaftler, Tüftler und Dilettanten auf Mittel und Wege, die materielle Wirklichkeit in ihrer natürlichen Erscheinung wiederzugeben. Die einfachste Art war das farbige Ausmalen der Schwarzweißfotos. Selbst Jahrzehnte nach Erfindung der Farbfotografie wurden mit dieser vergleichsweise primitiven Methode Familienfotos und Ansichtskarten bis in die späten 1960er Jahre hinein farbig veredelt. Voraussetzung für die Erzeugung von echten farbigen Fotos war die Erkenntnis, dass sich die millionenfachen Nuancen aller Farben auf drei Grundfarben zurückführen lassen: Rot, Grün, Blau („additive Farbmischung“). Rudolf Bechtold, der uns 1899 Bayreuths erste echte Farbfotos überlieferte, ging den Weg der subtraktiven Farbmischung, welche die drei komplementären Grundfarben Cyan, Magenta und Gelb zugrunde legt. Mit dieser Art der Farbmischung malen Kinder und Künstler ihre Bilder, aber es basieren auch alle modernen farbigen Fotodrucke darauf. Wer die unzureichende Farbqualität von Rudolf Bechtolds Aufnahmen viel-

leicht etwas von oben herab belächeln will, sollte dabei nicht vergessen, welche enormen Schwierigkeiten einem farbgetreuen Foto damals noch im Wege standen: Er musste die Grundfarben in einem technisch sehr aufwendigen Verfahren erst auf asphaltüberzogene Lithographiesteine übertragen, was zwar relativ hohe Auflagen erlaubte, aber auch die Farben verfälschte. Über die Person und Firma von Rudolf Bechtold, der Bayreuths erste Farbfotos überlieferte, ist kaum etwas bekannt. Im Dezember 1890 hatte er von Sigmund Strauß das Anwesen Richard-Wagner-Straße 21 gekauft und 1891 dort von Baumeister Friedrich Weiß ein neues Haus errichten lassen. Seit kurzem ist das Gebäude das neue Domizil von Stadtbibliothek und Volkshochschule, „RW 21“. Bechtold war Buchdruckereibesitzer in Wiesbaden und mit Emma Mühl verheiratet. 1909 ging das Haus an Emma, Karl und Paul Mühl über. Rudolf Bechtold war der Schwager von Emil Mühl, dessen Nachfolger Werner Fehr in diesem Haus bis 1986 eine Druckerei betrieb. Seine farbfotografischen Ansichtskarten hat Bechtold jedoch weder in Wiesbaden noch in Bayreuth drucken lassen, sondern in München bei der Firma Purger & Co, was darauf hindeutet, dass er mit der Technologie des Fotodruckes nicht oder nur ungenügend vertraut war.

Diese kolorierte Aufnahme gehört zu den ältesten fotografischen Stadtansichten. Sie zeigt den Blick von der einstigen Herrenwiese zur Opernstraße und zum Schlossberglein.

Das Geschäftshaus des Ansichtskartenverlegers Rudolf Bechtold in der Richard-Wagner-Straße (heute RW 21).

Blick auf den Luitpoldplatz – eine der ältesten Farbfotografien auf einer Ansichtskarte an der Schwelle zum 20. Jahrhunderts.


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Der Marktplatz einst und jetzt Acht Jahrzehnte liegen zwischen diesen drei Bildern

Quizgewinner

Herpichs Restaurant-Brasserie hatte die Preise gespendet, und die Resonanz bei unserem letzten BayreuthQuiz war überwältigend: Fast 1000 Einsender – und nahezu alle hatten die richtige Lösung gefunden: B) Maxstraße, A) Schulstraße, B) CarlBurger-Straße. Die Gewinner: 1. Preis Erika Ritter, Griesweg 3, 2. Preis Rainer Eichmüller, Friedrich-Puchta-Straße 2, 3. Preis Konrad Goldfuß, Gagernstraße 28 (alle Bayreuth). Die Gewinner können ihre Preise in der Kurier-Geschäftsstelle, Maxstraße 5860, abholen. Die Preise wurden gestiftet von

Restaurant-Brasserie Der Bayreuther Marktplatz wurde im vergangenen Jahrhundert wiederholt gewaltigen Veränderung unterworfen. Bild oben zeigt eine Marktszene um das Jahr 1930, als der Wochenmarkt hier noch seinen festen Platz hatte. Das Bild in der Mitte mit Maibaum wurde im Jahr 2008 aufgenommen. Bild unten: der neu gestaltete Marktplatz, fotografiert von Rüdiger Kranz.

Friedrichstraße 10 95444 Bayreuth Telefon: 09 21/2 21 00 Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 11–14 Uhr und 17–24 Uhr

IMPRESSUM HEIMAT-KURIER Das historische Magazin des Nordbayerischen Kuriers Verantwortlich: Joachim Braun Redaktion: Bernd Mayer Mitarbeit: Dr. Sylvia Habermann, Helmut Paulus, Gisela Peplau, Herbert Scherer Fotos/Repros: Archiv Bernd Mayer, Dieter Härtl, Fritz Lauterbach, Rüdiger Kranz, Karlheinz Lammel, Historisches Museum der Stadt Bayreuth Anzeigenleitung: Andreas Weiß Nordbayerischer Kurier GmbH & Co. Zeitungsverlag KG Maximilianstraße 58/60 95444 Bayreuth und Theodor-Schmidt-Straße 17 95448 Bayreuth

© 2011 Nordbayerischer Kurier


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Das historische Quiz um Alt-Bayreuth

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Unser Gewinnspiel für Stadtkenner und findige Neubürger

Was läuft steht im Kurier.

Hier hat sich in den letzten 50 Jahren enorm viel verändert. Wie heißt die Straße im Hintergrund? A) Kanalstraße, B) Mainstraße, C) Casselmannstraße

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Machen Sie mit: Schreiben Sie die richtige Lösung auf eine Postkarte, vergessen Sie nicht Ihren Namen und Anschrift und werfen Sie die Karte in den nächsten Briefkasten oder geben Sie diese in einer der Kurier-Geschäftsstellen ab. Einsendeschluss ist der 14. Juli 2011. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Bitte adressieren Sie die Postkarte an: Nordbayerischer Kurier Heimat-Kurier/ Historisches Quiz Maximilianstraße 58/60 95444 Bayreuth

Diese Straße fiel dem Stadtkernring zum Opfer. A) Wolfsgasse, B) Graben, C) Gustav-von-Meyer-Straße

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Gewinnen Sie: 1. Preis: 1 Gutschein über 40 Euro 2. Preis: 1 Gutschein über 30 Euro 3. Preis 1 Gutschein über 20 Euro

Wie heißt diese verkehrsreiche Straße im Stadtzentrum? A) Opernstraße, B) Kulmbacher Straße, C) Schulstraße


16 Mit dem Mülleimer auf Du und Du Von WAFNER

Müllmalerei steht im Bereich der bildenden Kunst bereits in voller Blüte. Sie hat sich auch längst die Achtung einflussreicher Kunstkritiker, Sammler und Plagiatoren erworben und genießt vereinzelt sogar schon staatliche Förderung durch die Finanzierung von Ausstellungen

Pfarrer Degens „Augenlust“ Über 300 Jahre alter Grabstein Über drei Jahrhunderte alt ist dieses steinerne, farbig gefasste Doppelbildnis, das Nikolaus Degen, den Pfarrer von Lindenhardt, mit seiner Gemahlin Anna Maria, geborene „Füchsin“ (Fuchs), von Kulmbach zeigt. Pfarrer Degen ließ es 1703 nach dem Tod seiner Frau für den Grabstein anfertigen. Der ausführende Künstler war sein Freund, der markgräfliche Hofbildhauer Elias Räntz (1649 bis 1732), der für seine ungemein lebendigen Skulpturen berühmt ist. Er schuf auch das unsterbliche Grabdenkmal für die „Stecknadelbraut“ auf dem Bayreuther Friedhof und das Grabmonument des Gastwirts Johann Söllner an der Friedhofshalle St. Georgen. Nicht wenige Besucher der

Lindenhardter Michaeliskirche, die diese originelle Skulptur im Chorraum unweit des berühmten Grünewald-Altars betrachten, sind ein wenig überrascht, wenn sie die Inschrift des Grabsteins lesen. In ihr wird die etwas herb wirkende Pfarrfrau, die nach dem bloßen Augenschein nicht gerade mit Liebreiz geschlagen war, geradezu überschwänglich gepriesen: „Hier liegt ein tugend Bild, ein schöner Weiber Crone, Ihrs Eh. Herrn Augenlust, sein Pflegerin und Wonne.“ Der Gemahl, der auf der Inschrift mit barocker Blumigkeit „als Ehrwürdig, Großachtbar und Vielgelehrt“ gerühmt wird, überlebte seine Frau um zwei Jahrzehnte und segnete erst 1723 das Zeitliche. B. Mayer

und den kostenlosen Transport der Exponate durch Fachkräfte der örtlichen Müllabfuhr. Denn infolge der starken Schockeffekte dieser Malerei auf den Beschauer wird der Abscheu vor jeglicher Art von Müll so gestärkt, dass die latent vorhandene allgemeine Müllmüdigkeit sich zu einer bundesweiten

Aufrüttelnde Sprüche

könnten entscheidend dazu beitragen, dass die bereits jetzt einzigartig in der Welt dastehende deutsche Müllentsorgungsbewegung noch weiter vervolkstümlicht wird. Und dass sie sowohl die Luxusbungalows der Reichen als auch die Sozialwohnungen, Katen und Hütten der Minderbemittelten mit ihrem Geist erfüllt. Für alle Menschen, die einen einfältigen Reim schlicht zu Papier bringen können, und speziell für unsere stets einfaltsreichen Agitationspoeten tut sich da ein weites Betätigungsfeld auf. Zur Anregung seien hier ein paar Sinnsprüche wiedergegeben.

Küchenmotto:

„Nicht erlaubt im Küchenmülle sind Pampers voller Babygülle.“

Müllverweigerung ausweitet. Das heißt: Der zukünftige Deutsche lässt den Müll gar nicht erst mehr in sein Heim gelangen. Wenn er zum Einkaufen geht, nimmt er nicht nur sein eigenes Verpackungsmaterial (Flaschen, Töpfe, Schachteln, Kochgeschirre und so weiter) mit in den Supermarkt, sondern auch das benötigte Werkzeug, um sich die aus den Regalen herausgenommenen Nahrungsmittel sogleich hinter der Kasse müllfrei anzueignen. Er entkorkt die erworbenen Flaschenweine und gießt sie mit Hilfe eines Trichters in mitgebrachte Literflaschen um. Mit seinem Büchsenöffner schneidet er die Konservendosen auf und schüttet ihren Inhalt in mitgebrachte Behälter. Oder er wischt sie – wenn

es sich um Feststoffe wie Kalbfleischsülze, Leberpresssack oder Ölsardinen handelt – mit seinem Taschentuch kurz trocken, um sie dann in seine Mantel- oder Jackentasche zu schieben. Sodann kann er frei von jeglichem Verpackungsmüll entschreiten.

Sodann fürs Esszimmer:

„Was du selber kannst verdauen, sollst du in den Müll nicht hauen.“

Und fürs Schlafzimmer als Schluss- und Abendlied:

Doppelbildnis des Pfarrerehepaars Nikolaus und Anna Maria Degen. Foto: Wolfgang v. Bouillon

„Mein erster und mein letzter Wille gilt dem Eimer mit dem Mülle. Dass Blech und Plastik streng geschieden, gehört zu meinem Seelenfrieden. Denn selbst im Schlaf von heut’ und morgen, träum’ ich nur vom Müllentsorgen. Mein Leben kriegt dadurch erst Sinn: Kein Wunder, dass ich glücklich bin!“

Heimat-Kurier 02-2011  

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