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Ostschweizer Kulturmagazin

JUNI 2012

N0213

WILDWUCHS UNTERWEGS AN DEN .. RANDERNVON MENSCH UND NATUR

AUSSERDEM:

Steife Hintern im Die rote Pipilotti .


7. St.Galier Festspiele

La damnation de Faust

Einführung zu den 7. St.Galier Festspielen 2012

«0 Erde, die für alle blüht, nur nicht für mich!»

Sonntag, 17.06.2012, 11.00 Uhr, Theaterfoyer (Eintritt frei)

La damnation de Faust /I OPER

st.galler [estspiele

OPER

22. Juni bis 6. Juli 2012

Dramatische Legende von Hector Berhoz Premiere Freitag, 22.06 2012, 20.30 Uhr, Klosterhof

La damnation de Faust /I OPER Dramatische Legende von Hector Berhoz Samstag 23.06.2012, 20.30 Uhr, Klosterhof

Festgottesdienst Sonntag 24 06.2012, 11.00 Uhr, Kathedrale

Suchers Leidenschaften: Faust Literarisch-musikalischer Vortrag von Prof. C Bernd Sucher, Sonntag 24 06.2012, 14.00 Uhr, Pfalzkeller

Mythos Faust /I KONZERT Sinfonische Orgelmusik uber den Mythos "Faust» Sonntag 24 06.2012, 17.00 Uhr, Kathedrale

Pour le Clavecin /I KONZERT ürego Ares, Cembalo Dienstag 26.06.2012,19.00

(Klosterhof) Dramatische Legende von Hector Berlioz Beim Sonnenaufgang preist Faust die Schönheit des anbrechenden Fruhhngs und den Frieden der Natur. Als er spater in seiner Studierstube von Irübsinn gepackt wird, erscheint Mephistopheles, der Ihm die Erfüllung aller seiner Wunsche verspricht. Faust folgt Ihm und findet In Marguerltes Liebe das hochste Glück. Um ihr Leben zu retten, verschreibt sich Faust seinem dämonischen Begleiter. Mephlstopheles und Faust fahren zur Holle, wahrend Marguerltes Seele In den Himmel aufgenommen wird. Berhoz, der faszinierende Beherrscher des grossen Chor- und Orchesterapparats, evoziert In den grossen Volksszenen, Im Tanz der Irrlichter, im Pandamonium des Höllenritts sowie Im Gesang der Seraphim ein Iongemalde, das die Gattungsgrenzen sprengt und In der Aufführung auf dem Klosterhof seine ganze visionäre Kraft entfaltet

Uhr, Schutzengelkapelle

La damnation de Faust /I OPER Dramatische Legende von Hector Berhoz Dienstag 26.06.2012,20.30 Uhr, Klosterhof

TANZ Zwielicht

Zwielicht /I TANZ Choreografie Marco Santi, Musik Jay Schwartz Premiere Mittwoch 27 06.2012, 21.00 Uhr, Kathedrale

«Phänomene des Übergangs» (Kathedrale)

Berlioz-Projekt /I KONZERT Die Erfindung der" melodie» Donnerstag 28.06.2012, 19.00 Uhr, St.Laurenzen

Zwielicht /I TANZ Choreografie Marco Santi, Musik Jay Schwartz Donnerstag 28.06.2012, 21.00 Uhr, Kathedrale

Chaconne 18/19/20/1 KONZERT Edna Stern, Klavier / lerla Shayegh, Violine Freitag 29 06.2012, 19.00 Uhr, St.Laurenzen

La damnation de Faust /I OPER

Tanzstück von Marco Santi // Musik von Jay Schwartz Das ZWielicht entsteht durch eine Mischung von Heiligkeit und Dunkelheit. Es repräsentiert die Schnittstelle zwerer Selten, die einander aussehnessen und doch zusammengehören. Marco Santrs Choreografie "Zwielicht» beschattrgt sich mit den Phänomenen des Übergangs, die Santi mit den Mitteln des Tanzes Im Raum der Kathedrale zu erlebbaren Bewegungsfolgen formt. Der Tanz wird so zum Medium, Jenseits der Sprache einen respektvollen Zugang zu den Themen und Fragen zu finden, die Im Kirchenraum verhandelt werden. Dabei bilden die zengenosstsehen Stilmittel der Festspielproduktion einen Kontrast zur überwaltigenden Innengestaltung der Kathedrale.

Dramatische Legende von Hector Berhoz Freitag 29 06.2012, 20.30 Uhr, Klosterhof

La damnation de Faust /I OPER Dramatische Legende von Hector Berhoz Samstag 30.06.2012,20.30 Uhr, Klosterhof

Hildegard von Bingen - Ordo virtutum /I KONZERT Ars Choralls Coeln Sonntag 0107.2012,19.00

Uhr, St Laurenzen

Zwielicht /I TANZ Choreografie Marco Santi, Musik Jay Schwartz Montag 02.07 2012, 21 00 Uhr, Kathedrale

Jordi Savall- La Viole du Roi Soleil /I KONZERT La Viole de gambe au temps de Marin Marals Dienstag 03.07.2012,19.00 Uhr, St Laurenzen

La damnation de Faust /I OPER Dramatische Legende von Hector Berhoz Mittwoch 04.07.2012, 20.30 Uhr, Klosterhof

Festkonzerl: Beethoven - Egmont /I KONZERT Sinfonieorchester St.Gallen, Leitung: Davld Stern Donnerstag 05.07.2012, 20.00 Uhr, Kathedrale

La damnation de Faust /I OPER Dramatische Legende von Hector Berhoz Freitag 06 07.2012, 20.30 Uhr, Klosterhof

KONZERT Festkonzert -Egment» «Aus Liebe zum Dichter» (Kathedrale) ludwrg van Beethoven verehrte Goethe und war von dessen Trauerspiel «Egmont- so eingenommen, dass er die Schauspielmusik dazu "aus Liebe zum Dichter» für das W,ener Burgtheater "ohne Zogern und ohne Entschädigung» verfasste. Mit der Aufführung dieser Schauspielmusik wird der Bogen zum Hauptwerk der Festspiele 2012 geschlagen Beethovens Ouvertüre zu Goethes Charakterdrama um den ruederlandrschen Grafen Egmont gehört heute zum Standardrepertoire, die wunderbar gestaltete und seelen-dramatisch konnpierte Schauspielrnusik ISt hingegen nur selten zu erleben.


Editorial Frühsommer, alles spriesst, und «Saiten» lässt es wuchern. Die einen sagen, am Anfang dieses Hefts habe die bare Lust gestanden, zu erkunden, was an Urwald und Wildwuchs botanisch, künstlerisch und gesellschaftlich in unserer Gegend so alles zu finden ist. Für die anderen fing es mit einem Unbehagen an: alles domestiziert, kultiviert und austariert hierzulande, mit einem Wort: gallifiziert! Und dabei war der Ostschweizer Oberheilige anno 612 noch durch den formidabelsten Urwald gestolpert. Wie auch immer: Für dieses wuchernde «Saiten»-Heft schnüren wir die Bergschuhe und steigen in den Stadt-Urwald hinunter; wir befragen den Ethnologen David Signer über Wildheit, erinnern an das Schicksal zwangspsychiatrisierter Menschen und sammeln Kultur- Wildwuchs zwischen Techno und Highmatt, Guerilla und Völkerschau, rhizomatischem Schreiben und pelzigen Tänzen. Marco Kamber ist währenddessen mit der Analogkamera im ausfransenden Grenzgebiet zwischen Mensch und Natur unterwegs gewesen. Sein Pavian aus dem St.Galler Naturmuseum auf dem Titelblatt und seine weiteren Fundstücke gehen mit der Titelgeschichte assoziativ mit. Weiter im Heft: alte und neue Häuser - die Villa Wiesental, der Kastanienhof, das Zeughaus Teufen, der Modelhof in Müllheim. Im wuchernden Juni muss aber auch vom drohenden Kahlschlag in den St.Galler Kantonsfinanzen die Rede sein. Die Analyse ist im Heft zu lesen. Im Goldachtobel haben wir von der Natur gelernt: je vielfältiger, desto nährstoffreicher. Das wäre schon fast ein Titel fiirs politische AntiSparprogramm. Schliesslich: «Saiten» treibt seinerseits ein paar neue Blüten. Zum einen im Heft mit dem künftig monatlichen «Redeplatz». Zum andern im Netz: Der erneuerte Ostblog bringt News und Hintergründe aus Kultur und Politik - mehr als bisher, scharfzüngig wie eh und j e. Und «Saiten» ist neu aufFacebook. Daumen hoch fiir die Vielfalt! Peter Surber und Andrea Kessler

Impressum

Vertrieb: 8 days a week,

Saiten - Ostschweizer 213 Ausgabejum

Kulturmagazin

Druck: NIedermann

2012, 18 Jahrgang,

Anzeigentarife:

erscheint monatlich Herausgeber:

15, Postfach

Verlag,

siehe Mediadaten

Unrerstutzungsbeirrag

556, 9004 St Gallen,

Gonnerbettrag

Fotografie,

Sekretariat: Gabnela

Baumann.

verlag@~alten sekretanat@salten

Kalender: Anna Tayler, kalender@~alten Carol Pfennmger,

graflk@salten

MIChael Schoch,

ch

Vereinsvorstand: Heidr EIsenhut, (Prasident),

eh

ch

Florfan eh

Bodenmann, Georg

Susan Boos, Lorenz

Rubel Vetsch

Buhler,

Enz, Hanspeter

Sporn

Seefan Bosch,

Franziska

Toblas Siebrecht. Manuel

Elsener,

Catsas, Mirjam

Lika Nussh,

Cbnsnne

ch

Michael

Chnsnane

Dong,

Rahel Eisenrmg,

Graf, Jonathan Messner-Rast,

Theres

Stahlberger,

Lukas Unseld

Daruel Ammann,

Beru Bischof

Tme Edel, Adnan

Kurt Bracharz, Bruhwrler,

Nemeth, Ehas Raschle,

Senn, Barbara

Fehx Stickel,

Srgner,

D-J Sneger,

Anjana Bhagwan,

Martluas

Brenner,

Sma Buhler,

Rrchard

Pagem,

Butz, Bettma

Flon Gugger,

Giuseppe

Eva Grundl,

Hasler,

Frank Heer, Darman Kamber,

Knellwolf, Landolr, Meier,

Andreas

Cracia,

Hohl,

Haselbach, Kneubuhler,

Lehmann,

Mehssa Muller, Pfahlbauer

Andrea

Narhahe Ernt

Rene Hornung,

Lea Hurhmann, Keller, Themas

Fred Kurer, Noenu

Davrd Loher,

Peter Muller,

Naegeh, Andreas Ntedermann.jurg Charles

Genova,

MIChael Guggenheimer,

Daruel Kehl, Flonan

Manuel

Chnstran

Hans Passler, Tm Fischer,

Grand,

Marco

Wendebn

Marcel Elsener,

Matluas Frei, Carol Forstet, Chrtsnna

Ralph Hug, Kathnn

Susan Boos,

Rolf Bossart,

Sabma Brunnschweiler,

Heidi Eisenhut,

Cerster.

Illustration:

Bachmann.

Borthk,

Dyttnch,

Internet: www sairen ch

sairen ch

Wolfgang

Erne, Andreas

redaktlOn@

Peter Ohbet,

Fr 7°-,

Fr 280-,

Tel 071 22230 66, ~ekretanat@salten

Gestaltung:

2010

Fr 100-,

Tel °71 222 3066, Fax °71 222 3°77, Redaktion: Andrea Kessler, Peter Surber, Verlag/Anzeigen:

Text: Marcel Bachnger,

AG, Sr Gallen

Saiten bestellen: Standardbeitrag

Verein Saiten,

Schnuedgasse

Rubel Vetsch

Druck

Sandra

Holger

Rerle, Shqrpron

Mark Rrklm, Roman

Rexhaj, Rikhn,

Rosenwasser,

Andn

Ryser, Knstm

Rostetter,

Schrrudt,

Rene Sreber, Moruka

Adnan

Harry

Andreas

Hansperer

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SU~I Stuhhnger,

Flonan

Vetsch, Daruela

MIChael Walther, Wolbnsky,

Vetsch Bohr, Roger Walch, Bemna

Rafael Zerer Holder,

Kathnn

Verein Saiten, Sr Gallen

vorbehalten Genehnugung

Nachdruck,

auch auszugsweise,

DIe Urheberrechte

und Anzeigenentwurfe

bleiben

eingesandte

Fotos und lllustranonen

nur nut

der Beitrage

Gewahr

Kir unverlangt

Schaffner

Alle Rechte

Pabienne Reichen,

Steiger,

Kaspar Surber,

Odermatt,

Ir . Milo Rau, Pluhppe

Skmner,

Wolfgang

Anne Katlu Wehrh,

Korrektur: Parncra ©2012:

Sabm Schreiber,

Barnaby

Sporn,

Anna

Rorh, Daruel

Verena Schoch, Slamamg,

Yves Solenthaler, Sneger,

Rrklm,

Rosenbaum.

beim Verlag

Keme

Manuskripte,


zh

aw

Zureher Hochschule fur Angewandte Wissenschaften

Schoolof Management

Kanton St.Galien Gewerbliches Berufs- und Weiterbildungszentrum St.Galien

and Law

Info-Veranstaltung MAS Arts Management Dienstag, 12. Juni 2012,18.15 Uhr Stadthausstrasse

14, SC 05.77,8400

Start der 14 Durchfuhrung:

18. Januar 2013

ZHAW School of Management Zentrum fur Kulturmanagement www.zkm.zhaw.ch BuiJding Competence.

Wlnterthur

and Law - 8400 Wmterthur - Telefon +41 589347854

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Borders.

Zurcher Fachhochschule

~Hea:

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und Kurzinfos aus erster Hand.

fet1t~:

ost-blog.eh News und Hintergr端nde aus Kultur und Politik. Gewohnt scharfz端ngig und hintergr端ndig. Der Blog der Saiten-Autorinnen und -Autoren.

etd~:

saiten.ch Der grosse Veranstaltungskalender, das aktuelle Heft und Mitglied werden.


INHALT

6 6 7

8

Maag & Minetti. von Keller + Kuhn Kastanienhof. von Etrit Hasler Redeplatz. mit Gallus Hujenus Kulturinfarkt. von Brigitte Kemmann und Oliver Kuhn

9

Jurg Odermatt, Daniela Vetsch Böhi, Kurt Bracharz und Wendelin Bruhunler

33 Bäumig: Die GrubenmannSammlung in Teufen.

Mehrfach belichtet. mit Daniel Ammann und Matthias Kuhn

TITEL 11 Nach der Natur. Eine Expedition

in den Urwald im Goldachtobel und zu Peter Kamm nach Arbon, mit Sebald im Gepäck. von Peter Surber

17 Vom Rohen und vom Wilden -

und warum alles ganz anders ist.

21

THEMA 30 Rundflug. von Verena Schoch,

Ein Gespräch mit dem Ethnologen David Signer. von Andrea Kessler Die Wahnsinns-Falle. Fürsorgerischer Freiheitsentzug: Wer nicht spurt, wird zwangspsychiatrisiert. Eine Recherche. von Harry Rosenbaum

24

Guerilla in der Kleinstadt.

24

Wilder Tanz im Alpstein.

von Kristin Schmidt

Schmörzelig: Das jüngste St.Galler Sparpaket. von Andreas Kneubuhler 35 Protzig: Der Modelhof in Müllheim. 34

von Rene Hornung

36 Flaschenpost. von Andreas Bächler aus Kolumbien

KULTUR 38 Kunst. Die Kunst, der Markt und der

40

41

von Johannes Stieger 42

von Peter Surber

25 Das wilde Denken. von Florian Vetsch

43

25 Andrea Grafs Hörpartituren. von Anjana Bhagwati

27 Gewucher zwischen High und Matt. von Stiff Signer

29 Ab in die Raumstation. von Simona Bischoj

29 St.Gallens «Schuli-Neger», von Peter Muller

Fotografien von Marco Kamber

SAITEN

06

12

44 44

45 46 46 47

Rote Platz: Pipilotti Rist im Interview. von Woljgang Steiger Musik. Wer den ersten Abend verpasst, verpasst das Beste: ein Vorblick auf das Openair St. Gallen. von Johannes Stieger Literatur. Was der See trennt: der neue Essayband des streitbaren Publizisten Jochen Kelter. von Kurt Bratharz Theater. Entwicklungshilfe ohne Schwarz-Weiss: das Afrikaprojekt des Theaters Konstanz. von Fabienne Naegeli Film. Die Angst und das Geld: Porträt der Liechtensteiner Filmerin Daniella Marxer. von Anita Grüneis Von der Rolle. von Damian Hohl

Forward. Theaterland. Schaufenster. Literatour. mit Lea Hurlimann Presswerk. von Rene Sieb er

KALENDER 49 Termine im Juni. 69 Charles Pfahlbauer jr. 71 Nr. 051. von Theres Senn 71 Saitenlinie.


KASTANIENHOF

Mehr Leben

~

~~-'-----'-'---------'----MAAG

Eigentlich wurde zur Abstimmung über die Sanierung des Kastanienhofs schon alles gesagt die Argumente sind klar: Wer die Zukunft des wunderschönen Wahrzeichens an der Kreuzbleichewiese sichern will, der muss am 17· Juni ein Ja in die Urne werfen. Nicht nur würde damit die längst überfillige Sanierung der heruntergewirtschafteten Liegenschaft endlich aufgegleist, St.Gallen erhielte mit dem Restaurant und Hotel Militärkantine auch einen lebendigen Treffpunkt für das ganze Quartier, mit Arbeitsplätzen für sozial Schwächere, mit kulturellen Veranstaltungen, welche ein breites Publikum ansprechen - und nicht zuletzt würde niemand mehr vor verschlossener Tür stehen, wenn er oder sie am Sonntagnachmittag bei einem Spaziergang über die grösste Grünfläche der Stadt St.Gallen noch einkehren will. Worüber sich die meisten St. Gallerinnen und St.Galler weniger bewusst sind, sind die Konsequenzen beim Scheitern der Abstimmung: Leider glauben einige, dass bei einem Nein an der Urne der bisherige Pächter und sein Konzept erhalten bliebe. Dies ist schlichtweg falsch. Wie auch schon im «Saitens-Blog zu lesen war,

wurde der Vertrag zwischen der Stadt und dem bisherigen Pächter aufgelöst, wofür er als Abfindung einen fünfstelligen Betrag erhalten hat. Damit ist klar, dass die Stadt keinerlei Interesse daran hat, den Vertrag in irgendeiner Form zu verlängern. Sollte das Referendum - das paradoxerweise vom bisherigen Pächter lanciert wurde - Erfolg haben, wäre das Resultat also nicht, dass «alles beim Alten» bliebe, sondern nur, dass der Kastanienhofleer stünde, bis der Stadtrat entweder eine neue Vorlage zur Sanierung (die kaum billiger würde) ausgearbeitet oder einen privaten Käufer für das wundervolle Gebäude gefunden hätte. Und wie sehr gewissen privaten Eigentümern die Zukunft von denkmalgeschützten Liegenschaften am Herz liegt, das können wir am Beispiel der Villa Wiesental sehen. Wer also möchte, dass ein ehrwürdiges Gebäude erhalten bleibt, und wer noch dazu mehr Leben auf der Kreuzbleiche will, der stimmt am 17· Juni Ja zur Sanierung des Kastanienhofs. Etrit Hasler, 1977, SIampoet und Stadtparlamentari er, ist Mitglied des Ja-Komitees für den Kastanienhof.

& MINETTI

STADTGESCHICHTEN

Kettenreaktion Minetti bleibt neben der Buchenhecke, die die ersten Meter des Hofwegs beschattet, stehen und kickt eine Colabüchse tiefer ins Gebüsch. Es ist Samstag, in wenigen Sekunden wird der Wind den Stundenschlag von der Hofkirche hierher tragen: dreizehn Uhr. Hinter der Hecke wird man die Scharniere einer Tür hören und unmittelbar danach ein bösartiges Knurren, das in ein aggressives Bellen umschlägt. Dem Bellen wird auf der rechten Strassenseite, ebenfalls hinter einer Buchenhecke, das gleichmässige Klicken einer Gartenschere folgen. Mitte Hofweg dann, auf Höhe der bonbonfarbenen Villa, der Empfang durch Alfredos Trinklied aus «La Traviata». Worauf sich aus einem Garten, dessen Gras kaum diesen Namen verdient, zuerst pfupfernd, dann auf hoher Frequenz jaulend Rasenmähergeheul über Alfredos Tenor und die Dächer erheben wird. Minetti kennt jedes Grundstück. Wird er, wie auch diesen Samstag, in den Hofweg einbiegen, kommt er sich als Marionette vor. Der Abschluss wird der älteren Dame am unteren Wegende gehören, wenn sie ihren Staubsauger in Betrieb nimmt, zuerst die Vortreppe saugt, danach die Sitzkissen und Fussmatten ihres Renault Safrane. Er wäre nicht erstaunt, würde sie mit ihrem Schlauchrüssel auch noch den Rosenbeeten links und rechts

lllustratton

des Gartentors zu Leibe rücken. Entscheidend aber ist der Hund. Ihm, dieser Bestie, die er noch nie gesehen hat, kurzhaarig, kompakt, mit starkem Brustkorb, stellt er sie sich vor, gehört die Macht, die in dieser Strasse alles in Bewegung setzt. Da erreicht ihn der Stundenschlag von der Hofkirche. Wie erwartet bricht das Bellen los, und auch er setzt sich, wie vorgesehen, in Bewegung, setzt Schritt vor Schritt, könnte den Weg mit geschlossenen Augen gehen. Vorbei an der klickenden Gartenschere. An Alfre-

Bell]

Bischof

dos Trinklied - «Laben wir uns aus Bechern der Freude an dem, / was die Schönheit zum Blühen bringt, / und die flüchtige Stunde / berausche sich im Genuss». Vorbei am heulenden Rasenmäher, am saugenden Rüsseltier mit Lockenwicklern. Erst in der Schneidergasse atmet er tief und sehnsüchtig durch. Dem Hofweg wieder für eine Woche entronnen, stösst er ein lautes, ihn selbst befremdendes Röhren aus, unsicher, ob es ihn mehr entsetzt oder erfreut. Christoph Keller und Heinrich Kuhn

6 SAITEN

06 12


REDEPLATZ

gegen Spekulation» erklärt) warum es bei der ental um mehr als um ein altes Haus geht.

«SAITEN»:Sie haben 4754 Unterschriften für die Rettung der Villa Wiesental gesammelt. Die Petition ist eingereicht: Wie geht es politisch weiter? GALLUSHUFENUS:Im Herbst sind Stadtratswahlen. Wer gewählt werden will, wird sich auch zur Villa Wiesental äussern müssen. Wobei Denk malpflege ja eher ein linkes Anliegen ist. Wieso? Weil die Linke wertkonservativ ist? Auf der einen Seite stehen die ökonomischen Ansprüche, maximale Rendite und so weiter. Auf der anderen Seite geht es um kulturelle Werte, die unbezifferbar sind. Für diese macht sich traditionell die Linke stark. Was sind das genau für Werte? Fragen der Selbstfindung, der kulturellen Identität der Stadt. Es geht um mehr als die Villa, auch wenn ich bekannt dafür bin, dass ich alte Bauten mag. Es geht ums Einstehen für Lebensqualität und für die Kulturstadt St.Galien. Die Stadt empfinde ich hier handzahm und passiv. Ist die Villa Wiesental dafür das richtige Streitobjekt? Sie sei vom Verkehr bedrängt, ihr fehle das «Futteral», hat Peter Röllin gesagt. Die Frage ist schon berechtigt. Aber ich sehe das «Futteral» eher inhaltlich; es braucht keinen grösseren Park, wie ihn die Villa früher hatte.

Sie ist ein Zeuge der Textilblüte, sie markiert den Übergang von der Vorstadt zur Innenstadt, sie ist die «Lokomotive» der ganzen Rosenbergstrasse. Städtebaulich gibt es also gute Gründe, sie zu erhalten. Und zudem bekommt sie eine ganz neue Stellung als Bindeglied zwischen der Hauptpost, den Lagerhäusern, der Lokremise und - hoffentlich - dem Kastanienhof. Das ist die neue kulturelle Achse. Was soll die Villa auf dieser Achse bieten? Das ist eine heikle Frage. Falls die jetzige Besitzerin Swisscanto einlenkt und sie renoviert, dann gibt es wohl Büros - dagegen hätte ich sicher nichts. Aber für eine kulturelle Nutzung gibt es auch schon Ideen, sehr gute, einmalige Ideen. Besser wäre darum, Swisscanto würde die Villa verkaufen. Weder sie noch HRS wollen oder können diese Ideen umsetzen.

06 12

Chancen hat die Petition wohl keine. Es ist ein KampfDavid gegen Goliath. Aber ich finde ihn nötig, gerade bei einem Unternehmen, das schon die Fussballarena und die Leopardenhäuser auf dem Gewissen hat. Wenn die Villa am Ende abgebrochen würde, hätten wir trotzdem etwas gewonnen: die Sensibilität für einen solchen Bau und die öffentliche Diskussion darüber. Dann geschieht es wenigstens in vollem Bewusstsein. Und: Jede der 4754 Unterschriften erhöht die Qualitätsansprüche an ein Neubauprojekt. Gallus Hufenus

ist Präsident des Vereins

«Rettet die Villa Wiesental», Kulturvermittler und Kaffeehausbetreiber,

Eine baufillige Villa erhalten um jeden Preis: Bremst das nicht die Stadtentwicklung? Ich bin ein Freund von guter neuer Architektur und will keinen Ballenberg in St.Gallen. Denkmalpflege darf nichts Museales sein. Und Verdichtung ist wichtig. Aber allzu oft muss das Schlagwort Verdichtung für Projekte herhalten, die auf maximale Rendite abzielen. Die Villa ist ein Mahnmal gegen Spekulation. Die Denkmalpflege hat sich zu rasch mit dem Abbruch

7 SAITEN

abgefunden, wie früher auch schon beim Maillart-Filterwerk in Goldach und bei der Stadtgarage an der Teufenerstrasse in St.Gallen.

Interview: Peter Surber/Bild:

Der Redeplatz.

Tine Edel

St.Gallen hat einen neuen Platz

erhalten - fast unbemerkt bei all den Querelen um Marktplatz, Bahnhofplatz oder Roten Platz: den Gallusplatz. Er ist weit, fast leer, hell, eine Piazza, ein öffentlicher Ort, ein Redeplatz. Dafür nutzen wir ihn - «Saiten» führt jeden Monat auf dem Gallusplatz ein Interview zu einem streitbaren Thema.


KULTURINFARKT

Bild pd

So richtig ist die Kontroverse um Pius Knusels Buch «Kulturinfarkt» in der Ostschweiz gar nicht angekommen. Die Podiumsdiskussion im Pfalzkeller von Anfang Mai ist auch schon fast wieder vergessen. Wir stossen die Debatte nochmal an und haben zwei Kulturschaffende um einen Beitrag zur Diskussion gebeten.

Mehr, nicht weniger Geld für Kultur!

Liebe Freie, machen wir uns locker!

Mann habe sich halt kennengelernt in Deutschland und es habe sich dann so ergeben, das Buch. Und wenn schon Buch, dann müsse es provozieren, findet Pius Knüsel, mit drei deutschen Männern zusammen der Autor von «Kulturinfarkt». Ohne Provokation keine Diskussion. Bitte schön. Gerne. Aber Achtung: Nur die Männer geht das an, Künstler, Schriftsteller, Konsumenten und Erzeuger. Der Infarkt ist männlich. Den Künstlern wie den im Kulturbetrieb Tätigen, so das Buch, werde der künstlerische Antrieb dank Fördergeldern ausgetrieben. Das Ergebnis seien verwöhnte Förderkinder, vom Markt abgeschirmt, total gemütlich, aber ungesund: Bewegungsmangel! Windstille! Stattdessen sollte der freie Markt der Kunst um die Ohren pfeifen. Das ist beleidigend fiir alle, die mit Kultur zu tun haben und sich sagen lassen müssen, sie machten sich ein bequemes Leben. Und die Diagnose ist falsch, in dreierlei Hinsicht. Erstens: Dass geforderte Institutionen ohne Rücksicht aufBesucherzahlen und -interesse machen, was sie wollen, stimmt (jedenfalls hierzulande) nicht. Wer am Publikum vorbeiprogrammiert, ist rasch weg vom Fenster. 95 Prozent der Bevölkerung seien von der geforderten Kultur ausgeschlossen und hätten einen ganz anderen Geschmack? Wer das behauptet, schätzt das Publikum gering. Zweitens: Ein Selbstfinanzierungsgrad von einem Drittel, der Hälfte oder noch mehr, wie im Buch verlangt, wäre für viele Häuser und Projekte der Tod. Nehmen wir ein fiktives Museum, Jahresbudget 600'000 Franken, 5000 zahlende Besucherinnen und Besucher, Eintrittspreis fünf Franken - das ergibt gerade einmal 25'000 Franken. Noch einmal den gleichen Betrag steuern die Mitglieder bei. So lässt sich nicht einmal ein Drittel der Kosten «einspielen». Kunsträume im Lagerhaus, Kinok, Theaterspielstätten et cetera: Ohne Subventionen kann man all das vergessen. Kulturinstitutionen sind keine Industrieunternehmen. Drittens: Dass «der Markt» es schon richten würde, ist eine fatale Perspektive. Nur noch mehrheitsfahige Kunst hätte eine Chance. Recht allerdings haben die «Infarkts-Autoren insofern, als ein Teil der Bevölkerung, besonders die ausländische, am subventionierten Kulturangebot nicht teilhat. Ich habe einen Taxifahrer gefragt, was sich ändern müsste, damit er mal in die Oper ginge. Die Antwort: «Muesch mache Priis billig.» Die heutigen Ticketpreise sind sachgerecht, aber für viele dennoch nicht zahlbar. Die Schlussfolgerung heisst also: Es braucht mehr, nicht weniger Subventionen, wenn Kultur eine Sache für alle sein soll.

Die heilige Kuh heisst neuerdings Kultursubvention. Geschlachtet wird sie nicht. Aber ein Gesundheits-Check in Buchform durchgeführt, von Pius Knüsel (<<Ichhabe dies nicht in meiner Funktion als Direktor der Pro Helvetia getaw») und drei Mitstreitern. «Der Kulturinfarkt» hält grob zusammengefasst - fest: Die Mast der heiligen Kulturkuh kann nicht mehr in gewohnten Bahnen vonstatten gehen. Überall zu viel desselben bei gleichbleibendem Publikumsinteresse. Vom Schlachten ist also nicht die Rede. Aber die Bestandesaufnahme sei erlaubt. So wollen wir das Ganze mal als Selbstreflexion des bestehenden Kulturförderbetriebs verstehen. Dennoch: Das Buch führt unter uns Kultis, sonst ja Cracks in Sachen Infragestellung des allgemeinen Ist-Zustands, zu einem zünftigen Abwehrreflex. So gesehen in Zürich, als wir im Theater Neumarkt einem Podium beiwohnten (Knüsel vs. (Hoch-)Kulturvertreter); und einige Tage später im Pfalzkeller zu St.Gallen (Knüsel mit Wirtschafts- und Kulturvertretern). Knüsel muss dabei zünftig einstecken; vor allem aus dem Publikum hört man, dass man «überrascht» sei, «entsetzt», «schockiert», bisweilen beleidigt. Der Kulturchef der Stadt Zürich verbittet sich gar, geduzt zu werden. Pfui, böser Knüsel, du. Zugegeben, er und seine Komplizen haben es in ihrem Buch verpasst, die Varianten an Kulturvermittlern, -veranstaltern und -schaffenden in Österreich, Deutschland und der Schweiz zumindest im Minimalansatz auseinanderzuhalten. Die Event-, Spass- und Hochkultur, die «Staatlichen» und «Freien» werden kaum differenziert betrachtet. Es wird alles unter «Kultur» zusammengefasst. Wer dafür aufLeserseite der eigenen - wohl oft lokalkulturpolitischen - Sicht mal eine «staatliche» vorzieht, muss aber zugeben: Die Reflexionen im Buch lassen sich auflange Sicht nachvollziehen. Und: Sie stellen vor allem den konventionellen, in Gewohnheiten verbürgten, satt subventionierten Betrieb in Frage. Und weniger die Arbeit der Freien. Also, liebe Freie: Machen wir uns locker in unserer ersten Schockstarre. Die Konsequenzen aus dem Buch sprechen für unsere Flexibilität, unsere Reaktionsfahigkeit, unsere Wendigkeit. Wenn wir relevante Inhalte und Stoffe liefern, die das Publikum sehen, hören, erleben will: Die Diskussion, die aus dem Buch entstehen könnte, kommt uns nicht ungelegen. Und sollte den Kulturpolitikern (so es die gibt) zu denken geben. Darum, liebe Knüsels, noch eins nachschieben! Titel von Band zwei: «Kulturpolitik erwache!» Untertitel: «Was man für öffentliche Subventionen sonst noch für eine lustvolle Kultur bekäme.»

Brigitte Kemmann, Kulturzentrale

ist Inhaberin

in St.Gallen.

der

Oliver Kühn, 1969, ist seit 1994 Gründer und Leiter des Ostschweizer

«Theater Jetzt».

8 SAITEN

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MEHRFACH

BELICHTET

mit Daniel Ammann (Bild) und Matthias Kuhn (Text)

Als er das erste Mal in einer Buchhandlung ein fremdes Buch mit dem eigenen Namen signierte und zusätzlich mit einem billigen Kugelschreiber der Frauenfigur auf dem Cover einen Schnauz malte, tat er es aus Protest. Beim zweiten Mal war es aus Spass gewesen, als er den prächtigen Bildband eines bekannten und bewunderten Malers signierte und das Buch unbemerkt ins Regal zurückstellte. Nach und nach wurde es zur Manie und er signierte alles, was ihm in die Finger kam: Kataloge, Monografien, Künstlerbücher. Als sein Vorgehen bekannt wurde, versuchte eine renommierte Kunstkritikerin ihn sofort zu vereinnahmen, bezeichnete seine Tätigkeit als konzeptuell und seine Technik als appropriativ. Er wehrte sich dagegen in der einzig konsequenten Weise, indem er von einem Tag auf den andern aufhörte, fremde Bücher zu signieren. Er zog sich aufs Land zurück, wo er sich heute ausschliesslich seiner Malerei widmet.

Der Fotograf Daniel Ammann schickt der «Saiten--Redaktion monatlich ein Bild ohne Hintergrundinformationen. Wechselnde Autorinnen

und Autoren schreiben die Legende.

9 SAITEN

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SA[TEN

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WILDWUCHS

Nach der Natur Alle lieben die Natur, alles soll natürlich sein. Aber was heisst das genau? Und lässt sich von der Natur fürs menschliche Zusammenleben etwas lernen? Eine Expedition in den Urwald im Goldachtobel. Und eine Fahrt ins Industriegebiet von Arbon zum Künstler Peter Kamm. VON

PETER

SURBER

«Nach der Natur» heisst das Buch, im Untertitel: «Ein Elementargedicht». Man muss sich also auf einiges gefasst machen, und so kommt es denn auch, tief einatmen ... : «Haut wie nach aussen gekehrtes Gekröse, / Auswüchse des ganzen Lebens, / in der Luft, zu Land und im Wasser. / Dieses ist ihm, dem Maler, die Schöpfung, / Bild unserer irren Anwesenheit / auf der Oberfläche der Erde, / einer in abschüssigen Bahnen / verlaufenden Regeneration, / deren parasitäre, ineinander / verschlungene und in- und auseinander / gewachsene Formen eindringen / als ein dämonischer Schwarm / in die Ruhe des Eremiten.» Ausatmen. Der Text ginge weiter, zum Beispiel mit «Geschrei, Grölen, Gurgeln und Geraune» und so fort. Sein Elementargedicht «Nach der Natur» hat W G. Sebald im Jahr 1988 geschrieben. Die obige Passage handelt nicht etwa vom Eremiten Gallus im Steinachtobel, sondern von der Versuchung des Heiligen Antonius in der Wüste, wie sie Grünewald um 1512 gemalt hat. Sebalds Gedicht «Nach der Natur. entwirft ein Bild des Lebens als wucherndes, dämonisches Treiben, die Natur als Schöpferin ohne Gleichgewichtssinn, die «blind ein wüstes Experiment macht ums andere» und «ausprobiert, wie weit sie noch gehen kann», Was immer man davon halten mag: Das Buch ist ein Hammer. Wir nehmen es mal mit ins Goldachtobel, sicherheitshalber.

melwald. Der Wald hier wird zwar genutzt, aber naturnah. Stämme und Asthaufen liegen herum. Femelschläge sind unregelmässig verteilte kleine Parzellen, die abgeholzt werden, damit genug Licht bleibt und der Wald sich stetig verjüngt, Indiz für solch offene Verhältnisse ist unter anderem das Bingelkraut, lateinisch Mercurialis, das sich auf Kalk besonders behaglich fühlt und hier in Massen wächst. Dazwischen ein rostiges Velo. Links macht Andre Matjaz auf einen Rutschhang aufmerksam - der liefert nicht «Dreck», sondern Geschiebe, lebenswichtig für den natürlichen Bach: Es beheimatet Insekten und Mikroorganismen, wirkt als Filter und Bremser, verbessert die Wasserqualität. Rechts eine feuchte Mulde, schlecht für die Buche - gut für Esche, Erle oder Ahorn, die sind hier konkurrenzstärker. Ein paar Schritte weiter, am trockenen Steilhang, triumphiert die Eibe. Der Pflanzensoziologe zeigt, erklärt, und wir merken uns, Einsicht zwei: Pflanzen bilden Gesellschaften, und Konkurrenzstärke ist das Mass. Sie kombiniert sich aus individuellen Qualitäten und den kollektiven Lebensbedingungen. Das tönt fast wie beim Menschen, es gilt hier jedenfalls für den Baum wie für das Gras, etwa die Hängende Segge, Carex Pendula, die wir wegen ihres schönen Namens und als charakteristischen Peuchtgebiet-eZeigen kennen und schätzen wollen. Die Natur scheint fürs erste keineswegs «blind», wie bei Sebald, oder jedenfalls nicht stumm, vielmehr voller Zeichen für den, der sie lesen kann. Eine halbe Stunde später sind wir um einen Erdkrötentümpel, um Begegnungen mit Köcherfliegen und Weichholzauen reicher. Beeindruckt von den Weiden, die sich biegen, wenn das Hochwasser kommt, und sich danach wieder aufrichten, als wäre nichts. Belehrt darüber, dass Vielfalt Nährstoffreichtum bedeutet - eine schöne Formel, bereits die dritte, fürs Zwischenmenschliche und Gesellschaftliche. Reicher sind wir auch um ein paar Schuhvoll Goldachwasser. «Wissen ohne sinnliche Erfahrung ist nichts wert», tröstet Matjaz mit Nietzsche. Das Martinstobel ist jetzt ein wegloser Canyon, beidseits ragen Felswände hoch, Prallwände aus

Vom Paradies in den Urwald Martinsbruggstrasse, prächtiger Maitag. Andre Matjaz, Ökologe und vor ein paar Jahren Mitverfasser der GoldachSchutzverordnung, fiihrt uns von der Strasse weg gleich ins Schattige. Rechts scheppert die Altmetalldeponie, dann sind wir im Paradies - so heisst die letzte Lichtung vor dem Tobel, reine Idylle, aber Matjaz relativiert: Vor fünfzig Jahren seien auf der Wiese noch um die fünfzig Gras- und Blumenarten gewachsen, jetzt ist es vielleicht die Hälfte. Erste Einsicht: Der Mensch bringt durch Kultivierung Artenvielfalt in Gang - und dezimiert sie mit Intensivlandwirtschaft auch wieder. Oben kreisen drei Adler, unten verwickelt uns der Ökologe in ein forstwirtschaftliches Kurzseminar, Thema Fe-

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Pflanzensoziologe zeigt, erklärt, und wir merken uns, Einsicht zwei: Pflanzen bilden Gesellschaften, und Konkurrenzstärke ist das Mas s.

Nagelfluh und fantastische Sandsteinschichten, Zeugen der Eiszeit vor 15'000- 20'000 Jahren, dazwischen aufgetürmtes, verkeiltes Schwemmholz. Von den «wüsten Experimenten», die die Natur hier unten praktiziert, zeugen beinah hausgrosse abgestürzte Brocken im Bachbett. Weiter oben in der Aachmüli hatte das Hochwasser vor zehn Jahren alle Brücken weggerissen. Stein, Erdreich, Totholz, Wasser bilden ständig neue Inseln und Uferabschnitte, weggespült bei der nächsten Flut, ein Bild der Vergänglichkeit - so dass man grad noch ein viertes Mal ins Sinnieren über den Lauf der Dinge kommen könnte. Vor der Martinsbrücke klettern wir den Hang hoch. Hinter der Brücke steht Polizei - Geschwindigkeitskontrolle.

sen will, lese die Schutzverordnung Goldachtobel. Sie zählt allein 19 Geotope auf, schützenswerte geologische Formationen, zum Beispiel dieses Natur-Wunder: «Seelaffen: Vorwiegend aus Muscheltrümmern bestehende marine Strandbildung mit vereinzelten Haifischzähnen und verkieseltem Schwemmholz». Gut zu wissen: Der Urwald ist auch ein Urmeer. Wie viel Natur der Mensch verträgt, darüber hat man sich seit der Antike den Kopf zerbrochen. Die ersten Städte waren Schutz gegen die als feindlich erfahrene Natur, die «extra muros» bleiben sollte. Schon das iranische Wort «Paradies» bedeutet nicht unberührte, sondern ummauerte Welt. Der Garten Eden ist kultivierte, von Menschenhand veränderte Natur. Das Gegenmodell hiess, so bei Rousseau, «retour a la nature». Wie viel Natur der Mensch und wie viel Mensch die Natur heute verträgt, ist eine der grossen Gegenwartsfragen. Dazu eine Anekdote: Unser Freund, Medizinstudent, kommt unlängst aus dem Seziersaal der Uni Zürich Irehel und sieht sich unverhofft schwer bewaffneten Polizisten in den Gängen gegenüber. Kein Hinein und kein Heraus mehr. Nach und nach erfahrt er, wie es dazu gekommen ist: Im Innenhof vor der Uni lahmte ein Fuchs in der Wiese. Jemand im Haus bestellte den Wildhüter her, dieser legte aus einem der Säle auf den Fuchs an. Jemand anders sah: Mann mit Gewehr, dachte gleich an Terror und alarmierte die Polizei. Fuchs-Alarm, Menschen-Alarm ... die Geschichte ist verbürgt. Sie treibt absurd auf die Spitze, wie befremdet und verunsichert das Verhältnis Mensch-Natur geworden ist. Die «Wildnis vor der Stadt», wie sie mit den ETH-begleiteten Schweizer Urwald-Projekten seit rund einem Jahrzehnt propagiert wird, kann man hingegen als Versuch einer neuen, ökologisch reflektierten Natur-Versöhnung sehen. Als bewussten Akt, im Wissen um «unsere irre Anwesenheit auf der Oberfläche der Erde» (noch einmal Sebald).

Im Endzustand Was ist ein Urwald? Ist «Urwald» ein Ideal? Das Urtümliche hat Konjunktur, das Authentische, Unverfälschte. Die «natürliche Natur», Er sehe darin einen populistischen Gegenentwurf zu einer Realität, die voll von gesellschaftlichen Verwerfungen geprägt sei, sagt ein paar Tage später der Künstler Peter Kamm kritisch in seinem Atelier in Arbon, Blick auf die gewaltigen Sandsteinskulpturen, an denen er arbeitet. Kamm trifft damit den Nerv: Dort unten im Tobel glaubt man sich tatsächlich «ganz bei sich», erfiillt, naturnah. Alles scheint einfach. Ist es aber nicht. Der Mensch ist kein Baum, und was wir Urwald nennen, ist Entwicklung ohne menschliches Zutun, sich selber überlassen und damit auch der Zerstörung durch Wind und Wasser. Der Endzustand «,Klimax») hier im Goldachtobel hiesse: in der Ebene dunkle, eintönige Hallenbuchenwälder mit dichtem Blätterdach, die Steilhänge lichtdurchflutet mit Orchideen und wärmeliebenden Sträuchern bewachsen. Und im Canyon toben die Elemente. Seit jeher - denn das fast unzugängliche Bachbett taugt zu nichts anderem als dazu, sich selber überlassen zu bleiben. An seinen Rändern und im Unterlauf gegen Goldach hin aber steigt der Nutzungsdruck, vor allem für Freizeitaktivitäten. «Der Mensch soll auch Platz haben», sagt Andre Matjaz. Doch liegt ihm daran, dass wir nicht uninformiert durch die Wildnis vor unserer Haustüre stolpern. Wer also mehr wis-

Werk 2, Arbon Ortswechsel. Eine Postautofahrt nach Arbon, aufs ehemalige Saurergelände. Peter Kamm rückt dem Eifelsandstein mit

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Kompressoren zu Leibe. Seine Steine sehen nach der jeweils mehrmonatigen Arbeit aus wie Urzeitwesen. Die Kamm-Literatur nimmt denn auch gern Vergleiche mit Korallenriffen oder Felsformationen zu Hilfe, um sein Werk zu charakterisieren. «Kataklase, die Zermalmung von Gesteinsschichten durch tektonische Vorgänge, scheint der Genese dieser steinernen Bruchstücke ebenso zugrunde zu liegen wie Versteinerung, das Aushärten organischer Stoffe, oder ihr Gegenteil, die Verlebendigung, das Aufweichen toter Materie», steht etwa im Thurgauer «Facettens-Heft über Peter Kamm (2004) geschrieben. Korallen, ja gut: Die Metapher liege halt nahe, sagt Peter Kamm - aber die riesenhaften Proportionen seiner Steine irritieren zugleich, «erschrecken manche». Und die Oberflächenbehandlung gibt dem Stein eine «Haut», die ihn leicht und weich wirken lässt. «Den Stein schnell machen», nennt Peter Kamm seine Arbeit, oder auch: ihn «verflüssigen». Leuchtet man kurz zurück auf seine lange Geschichte mit dem Stein, so sah Kamm an deren Anfang die Notwendigkeit, eine Antwort zu finden auf die Frage, was zur bildhauerischen Tradition im 20. Jahrhundert überhaupt noch dazuzusetzen sei. Hinter sie zurückzugehen oder genauer: sie zu unterlaufen. «Drunterfahren unter die Kulturschicht: Das gab mir meine Legitimation», sagt Kamm. Doch geht es in diesem künstlerischen Prozess nicht etwa «wild», sondern höchst konstruiert und reflektiert zu und her. Mit schwerem Gerät und klarer Vorstellung. «Kunst ist Künstlichkeit», sagt Kamm. Punkt. Beim Reden über Natur wird es ihm drum schnell mulmig, ein Wort wie «urtümlich» oder «urwüchsig» stellt ihm die Nackenhaare auf Und dass damals, als es um den Erweiterungsbau «Moby» für das St.Galler Kunstmuseum ging, die Gegner den Standort im Stadtpark als schützenswerte «Naturwiese» verteidigten, regt Peter Kamm noch heute auf «So wird Natur reaktionär verklärt.» Wir reden, sitzend in der Eingangstür zu Kamms Atelier im ehemaligen Werk 2, Blick auf die Sandsteine, dahinter ein paar übriggebliebene Weiden, die sich krümmen im harten Sturmwind vom See her, und weiter der Blick auf die Bra-

che, wo einst die Giesserei stand. Planungsgebiet. Vor rund zwei Monaten hat HRS das ganze Areal für 35 Millionen gekauft, Arbon wird eine Grossüberbauung erhalten und Kamm wird wohl, zum vierten Mal in seiner Steinhauerzeit, zügeln müssen. Früher seien regelmässig die Arbeiter bei seinen Steinen vorbeigekommen, jetzt gibt es nur noch ein paar wenige im Werk 2. Aber das «Frühen> will Kamm seinerseits nicht verklärt haben. Wie sich Arbon verändert hat und weiter verändern wird, liegt auch in der Natur der Sache, wenn man den Begriff so weit fasst wie er: «Der Mensch ist Teil der Natur - auch wenn er klont oder baut.»

Mensch Natur Das hebt nicht die Frage nach der Haltung auf Aber es bricht mit dem starren Entweder-Mensch-oder-Natur. Ökologe Andre Matjaz hat vor Jahren ein Projekt mitinitiiert, das genau diesen Namen trägt: «Mensch - Natur», Kein «und», aber auch kein «gegew). Es bietet Arbeit für Stellenlose mit dem Ziel, sie in den ersten Arbeitsmarkt zurückzuführen, unter anderem mit Handwerk und Landschaftsgestaltung. «Sinnvolle Arbeiten», sagt Matjaz. W G. Sebalds Gedicht «Nach der Natur» mündet übrigens in eine skeptische Schau, von Hölderlin gefärbt - oben droht Ikarus, der verwegene Natur-Herausforderer, abzustürzen, unten «ragen die Churfirsten auf / erhebt sich das Säntisgebirge» und bleibt der Dichter in der Frage stecken, ob die Natur sich abwende vom Unglück des Menschen. Das wäre aber eine nächste, grössere Geschichte. Die Natur wird auf jeden Fall das letzte Wort haben. «Am Arlberg ziehet ein Wetter herauf» Peter

Surber,

1957, ist «Saiten--Redaktor.

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Zügellose Orgien, entgrenzte Kriege und rauschende Trancen? Alles halb so wild. Ein Gespräch mit dem Ethnologen David Signer den Grenzen des Kultivierten entlang. VON

ANDREA

KESSLER

«SAITEN»:Obwohl kaum jemand noch vom «Wilden» redet, sind die politisch unkorrekten Bilder aus unseren Köpfen nicht zu verjagen. Woran denken Sie, wenn sie vom «Wilden» hören? DAVID SIGNER:Ich habe Feldforschung über traditionelle Heiler, Hexer, Magie und Voodoo in Westafrika gemacht, und viele würden wohl denken, dass das der Inbegriff vom Unheimlichen und Ungezähmten, vom Archaischen ist - aber ich war immer erstaunt, wie strikte Regeln dort herrschen. Wie normiert das Leben ist. Sogar die Heilzeremonien.

liehen Regelsystem. Es gibt Bereiche, in denen wir weniger kontrolliert sind. Im Traum, auf Reisen, in der Sexualität oder wenn wir trinken oder Drogen nehmen. Aber ich glaube, dass das Loslassen immer nur relativ ist. Die totale Wildnis gibt es nicht. - Ich war einmal in Berlin im Kit-Kat-Club. Der gilt als der wildeste Club Europas, wo sich die sexuellen Abweichler aller Couleur treffen. Das ist recht lustig; was du dort alles siehst, ist wirklich unglaublich. Wild? Eine Frau, die ihren Mann an der Leine hereinführt, ihn an einen Pfosten bindet und ihm einen Napf hinstellt. Da denkst du: Wow, hier gibt es wirklich keine Regeln mehr. Alles ist möglich! Aber das trifft nicht zu. Es sind ganz spezifische Subkulturen, die wiederum ihren Codes und Regeln folgen.

Und was ritualisiert ist, ist gezähmt. Ja. Sogar wenn jemand besessen ist, ist er nicht «wild». Eigentlich könnte derjenige dann denken: Wow - jetzt kann ich die Sau rauslassen! Aber das ist nicht so. Auch die Trance folgt Regeln? Die Geister, von denen man besessen wird, sind immer identifizierbar. Das ist wie eine Theaterrolle. Da macht man nicht einfach, was man will.

Es ist wohl so, dass das Wilde nur in unserer Vorstellung existiert. Wenn wir den Raum des angeblich «Wilden» betreten, sehen wir, dass er es gar nicht ist. Wahrscheinlich. Mich hat die Vorstellung von der Orgie dem völlig Entgrenzten - ziemlich fasziniert. Im Kit-KatClub wollte ich für ein Buchprojekt recherchieren. Ich war an ein paar solchen Orten, aber die Orgie habe ich nie gefunden. Der totale Kontrollverlust: Vielleicht existiert dieser wirklich nur in unserer Vorstellung. Selbst beim Krieg habe ich Zweifel, dass er «Wildnis» ist. Im Holocaust wurde nicht eine wilde Aggressivität ausgelebt - der Völkermord war bürokratisch und nüchtern organisiert.

Heisst das, dass die kulturelle Kontrolle so stark ist? Bis zur absoluten Verinnerlichung? Wahrscheinlich kann eben sogar in der Trance nicht einfach losgelassen werden, sondern man befindet sich auch dann immer noch im Bereich der Kultur. Offenbar kann der Mensch nicht einfach aus der Kultur raus und zum Tier werden. Auch die Leute in Westafrika haben die wildesten Vorstellungen, was die Heiler alles machen können: Sie arbeiten in der Nacht, verlassen ihre Körper, gehen an mystische Orte, ins Land des Unsichtbaren. Aber es muss bei näherer Betrachtung doch gesagt werden: Es ist ein sehr kontrollierter Kontrollverlust. Besessenheit passiert ja nicht einfach so. Wenn es einfach so passiert, gilt es bei ihnen, wie bei uns auch, als Wahnsinn. Man kann aber auch sagen, dass der Wahnsinn selber etwas sehr Stereotypes hat.

Man hört das hier aber oft in Bezug auf Afrika: Viele denken, die Kriege seien nirgends so brutal und hässlich wie dort. Das ist eine rassistische Vorstellung. Sie setzt voraus, dass dort die Menschen primitiver seien, näher bei den Tieren, darum breche «es» in Stammeskriegen dann durch - das «Herz der Finsternis». Aber wenn man den Genozid in Ruanda nimmt, wo die Tutsis von den Hutus abgeschlachtet wurden, so war das kein Ausbruch urtümlicher Gewalt, sondern wurde minutiös vorbereitet: Zuerst gab es eine lange Periode von Radiopropaganda, von Aufhetzung, dann wurden die Hutus systematisch mit Macheten ausgestattet. Es war

Wenn der Wahnsinn strukturiert ist und die Trance auch - gibt es dann das «Wilde» überhaupt, oder ist das eine irrelevante Kategorie? Das Wilde fasziniert mich wie vermutlich alle Menschen. Es ist die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus dem gesellschaft-

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WILDWUCHS ein organisierter Genozid und kein spontaner Hassausbruch. Das heisst, dass auch das sogenannte Böse kulturell geformt ist. Einen Genozid wie in Ruanda oder in Deutschland kann man nicht loslösen von der Geschichte, der Politik und den Ideologien.

Hexenwesen, die uralte Weisheit der Frauen, feierte. Dort taucht der Begriff vom Wilden wieder auf: Frauen sind keine rationalen Technokraten wie Männer, sie sind intuitiver, verfugen über emotionale Intelligenz ... all das Zeug. Aber auch wenn sie positiv konnotiert ist, ist diese Zuordnung gefahrlieh. So sehr ich es als Strategie der eigenen Aufwertung verstehen kann, so sehr schneiden sich Frauen damit ins eigene Fleisch.

Systemtheoretisch gesehen ist der Krieg vielleicht organisiert, aber wenn der einzelne Mensch im Krieg plötzlich fahig ist, alle Grenzen zu überschreiten ... . .. klar: Es mag Leute geben, die es geniessen, hemmungslos Menschen abzuschlachten, vergewaltigen zu können und dabei straflos auszugehen. Aber Soldaten, die im Balkankrieg systematisch Vergewaltigungen begangen hatten, sagten später aus, dass sie dazu gezwungen wurden, sonst wären sie erschossen worden.

Wird Ihnen selber nicht immer mal wieder Sexismus vorgeworfen? Einmal war ich an einem Matriarchatskongress, wo ich diese Naturbetonung kritisiert habe. Das haben mir viele übel genommen. Manchmal werden Frauen und Männer einfach mit verschiedenen Ellen gemessen. Ein Beispiel ist das Buch von Catherine Millet: Die Leute fanden cool, dass sie so offen über Swingerclubs schreibt und tausend Männer flachgelegt hat. Wenn das ein Mann schreiben würde ... Ich bin kein Fan von Berlusconi, aber das Geschrei, das man um seine Bunga-Bunga-Party gemacht hat - ich weiss nicht, ob das so viel schlimmer war, als was Catherine Millet in ihrem Buch beschrieben hat.

Das hört sich nach einer Entschuldigung an. Aber ich kann mir das schon vorstellen - dass das nicht ein Durchbrechen von Triebhaftigkeit ist, wie der Krieg selber auch nicht. Keine dunklen Ecken, die in uns drin schlummern? So wenig es die Natur noch gibt, so gibt es vermutlich auch in uns drin keinen Urwald mehr. Es gibt den klaren Gegensatz zwischen wild und zivilisiert nicht, sondern die Begriffe sind vielfach ineinander verschränkt. Deutschland in den Dreissigerjahren galt als eines der kulturell hoch stehendsten Länder. Adorno hat sich in seinem Werk «Dialektik der Aufklärung» die Frage gestellt, wieso der Holocaust in diesem hochzivilisierten Land passieren konnte. Seine Erklärung war, dass die Aufklärung ins Gegenteil kippen kann. Er nennt das die «instrumentelle Vernunft». Wenn das vernünftige Denken hyperrational wird, wird es zynisch. Manager, die hyperrational funktionieren - indem sie alles ihrem Businessplan unterordnen - werden unmenschlich. Die Aufklärung trägt ihr eigenes Gegenteil in sich: das Irrationale, das Dunkle. Wenn wir jetzt vom Hyperrationalen und Entmenschlichten reden, dann hat das doch nichts mehr mit Wildheit zu tun. Das Wilde wird oft mit dem Tierischen und Animalischen in Verbindung gebracht - in dem Sinne mit dem Unmenschlichen. Nur fuhren Tiere keinen Krieg, organisieren keinen Holocaust. Das macht eben nur der Mensch; insofern sind das alles kulturelle Phänomene. Das Wilde und Natürliche als Gegensatz zur Kulturin dieses System wurden auch die Menschen eingeordnet: Die Natur, das ist die Frau; die Kultur, das ist der Mann. In der Genderdebatte wird seit Jahrzehnten betont, dass die Kultur prägender sei als die angeborene Natur - nur scheint das nicht in den Köpfen anzukommen. Kürzlich haben Sie in der «NZZ am Sonntag» vom Revival des Biologismus gesprochen. Gab es dennje eine Zeit, in der die Frau von der Natur «befreit» war? In einer frühen Phase des Feminismus, bei Simone de Beauvoir, hiess es: «Als Frau wird man nicht geboren, sondern dazu gemacht.» Später aber gab es den sogenannten Differenzfeminismus. Er wendete die Unterschiede, die früher zuungunsten der Frau ausgelegt wurden, ins Positive. Die Frau ist sozialer, mitfühlender, friedfertiger. Die Frau ist näher bei der Natur, durch die Menstruation ist sie mit dem Mond verbunden, sie ist körperlicher, biologischer, zerstört weniger. Es gab auch einen esoterischen Feminismus, der das

Das heisst, dass man zugunsten der sexuellen Befreiung der Frauen wertet? Genau: Bei Frauen ist es befreiend, bei Männern

Wer ist diese Catherine Millet eigentlich? Eine Französin, die ein bekanntes Kunstmagazin herausgibt. Eine gepflegte, kultivierte Dame aus der Pariser Kunstszene, die in ihrem Buch «Das sexuelle Leben der Catherine M.» ziemlich eindrücklich ihre Besuche in den Swingerclubs von Paris beschreibt. Der Kit-Kat-Club, von dem Sie vorhin erzählt haben, wäre wohl ein Rahmen, in dem sich auch Millet bewegen würde. Macht unsere Fantasie vielleicht nicht auch hier die Dinge wieder wilder, als sie eigentlich sind? Die Lektüre wird auch ziemlich bald langweilig. Sie schläft ja nicht mit Menschen, sondern mit austauschbaren Männerkörpern. Das sind keine Geschichten. Und wild ist es auch nicht. Könnte man abschliessend sagen, dass das «Wilde» nichts weiter als ein simpler Schubladisierungstrick ist? Was nicht in unsere Vorstellung von Kultur passt, wird als «wild» ausgegrenzt und damit paradoxerweise wieder darin eingeordnet? Das Wilde ist immer auffällig ambivalent besetzt. Es ist einerseits Utopie, das Südseeparadies, und andererseits sind es die «primitiven» Indianer, der MarterpfahL Immer geht es um Idealisierung und um Herabsetzung. Die wirklichen Verhältnisse sind verschachtelter als diese Abspaltungen. Das Wilde findet sich mitten im Kultivierten und das Kultivierte mitten im Wilden. Deshalb müsste man all diese Wörter eigentlich in Anführungszeichen setzen. Andrea

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Kessler, 1980, ist Ethnologin und «Saiten--Redaktor

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F oll e Jedes Jahr verschwinden in der Schweiz Tausende von Mitbürgerinnen und Mitbürgern in psychiatrischen Kliniken. Über Monate manchmal sogar auf Lebzeiten - bleiben sie dort eingeschlossen. In der Öffentlichkeit wird das kaum registriert. VON

HARRY

ROSENBAUM

Die Freiheitsberaubung findet unter dem human anmutenden Rechtsbegriff «fürsorgerischer Freiheitsentzug» statt abgekürzt FFE. Voraussetzungen für die Anstaltseinweisung unter diesem Titel sind laut Gesetz Geisteskrankheit, Geistesschwäche, Trunksucht und andere Suchterkrankungen oder schwere Verwahrlosung. Kurzer Blick in die Geschichte: I986 beschäftigt der Fall Anni Brunner das St.Galler Kantonsparlament. Die Spanienkämpferin und Kommunistin ist damals schon 43 Jahre lang in der kantonalen Psychiatrischen Klinik St.Pirminsberg in Pfafers eingesperrt. Grund: Die Frau wurde I942 obdach- und arbeitslos in Zürich aufgegriffen und hatte an der Bahnhofstrasse Lobreden auf Stalin gehalten. Ihr wurde Schizophrenie attestiert. Zur Heilung wird die gelernte Krankenschwester Elektroschocks ausgesetzt und tagelang in Deckelbäder gesteckt. Anfang der I950er Jahre wird sie am Gehirn operiert. Als nachweisbarer Fall politischer Psychiatrie erregt das Schicksal von Anni Brunner in den achziger Jahren schweizweit grosses Aufsehen. Sie stirbt, kurz nachdem ihre Geschichte publik gemacht wurde, in einem Zustand geistiger Apathie.

Selbstgefahrdung der Person durch einen Psychiater diagnostiziert werden. In anderen Kantonen kann auch ein Notfallarzt eine Klinikeinweisung anordnen. Aufgehoben werden muss der FFE, sobald es der Zustand der eingewiesenen Person erlaubt. Seit Ende der I980er Jahre haben Betroffene und ihre Angehörigen das Recht, vor Gericht Beschwerde gegen die Massnahme einzureichen. Im Jahre 2009 schätzte die Zeitschrift «Beobachten>, dass in der Schweiz jährlich über 6000 Personen unter Anordnung eines FFE in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und dort gegen ihren Willen festgehalten werden. Im Dezember 20IO beantwortete der Bundesrat eine Anfrage im Nationalrat, die nach konkreten Zahlen über die jährlich ausgesprochenen FFE verlangte, mit dem Hinweis, dass Statistiken dem Einzelfall nicht gerecht würden, zudem sei «dem Bundesrat bekannt, dass die Statistiken im Zusammenhang mit dem fürsorgerischen Freiheitsentzug zum Teil unvollständig sind.»

Jeder Sechste hat einen Knacks In der Schweiz ist jede sechste Person mittel bis stark angeschlagen. Dies stellte das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) im April 20I2 über die psychische Gesundheit der Nation fest. Rund vier Prozent der Bevölkerung seien stark und dreizehn Prozent mittelschwer belastet. Frauen und Jüngere seien häufiger betroffen als Männer und Ältere. Bei den Depressionen zeigt sich ein differenzierteres Bild: Frauen und Ältere weisen häufiger schwache Symptome als andere Gruppen auf. Bei mittleren und schweren Symptomen zeigen sich aber keine Unterschiede mehr zwischen Geschlechtern und Altersgruppen. Für 2009 weist das Obsan 78'000 stationäre Aufenthalte in Schweizer Spitälern mit psychiatrischer Hauptdiagnose aus. Männer würden am häufigsten wegen Alkoholproblemen stationär behandelt, bei Frauen stünden Depressionen an erster Stelle. Auf der Internetplattform sackstark.info wird der FFE als «Das unsichtbare Guanranamo der Schweiz» bezeichnet. Täglich würden 27 Mitbürger und Mitbürgerinnen gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, un-

Eine schweizerische Erfindung Zurück in die juristische Gegenwart: Heute wird der FFE in der Regel von der Vormundschaftsbehörde angeordnet und auch wieder aufgehoben. Meistens sind es Polizeimeldungen, die einen FFE auslösen: misslungene Suizidversuche oder Anfalle von geistiger Verwirrung. Die zuständige Vormundschaftsbehörde zieht einen Arzt, nach Möglichkeit den Hausarzt der Person, bei. Die Einweisung in die Psychiatrie geschieht dann meistens in einer Mischung von Druck und Freiwilligkeit. Ist die akute Gefahr erst einmal vorüber, versucht man die Eingewiesenen zu einer freiwilligen Therapie zu bewegen. Der FFE ist eine schweizerische Erfindung und kantonal unterschiedlich geregelt. Er untersteht nicht dem Strafrecht, sondern dem Zivilrecht (Art. 397a). Für einen Rechtsstaat ist das aussergewöhnlich, weil der Freiheitsentzug eigentlich Sache des Strafrechts ist. Mancherorts muss die Fremd- oder

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freiwillig festgehalten und «unter Drogeneinfluss ruhig gestellt, als wären wir in einem Polizeistaat». Wer das Gesetz nicht genau kenne, komme aus diesem perfiden Dschungel über Jahre nicht mehr raus. Schon gar nicht, wenn er unter gefahrliehe Drogen gesetzt würde. Eine Erfahrung, die zum Berufsalltag des St.Galler Rechtsanwaltes Roger Burges (40) gehört. Er ist Generalsekretär der Patientenschutzorganisation Psychex, die sich für Zwangspsychiatrisierte einsetzt. «Einen FFE riskiert man heute in der Stadt Zürich bereits, wenn man in der Öffentlichkeit nackt herumspringt, also flitzt. Es ist möglich, jemanden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses als geisteskrank zu erklären und einzusperren», sagt Burges, der vor Bundesgericht schon einige massgebliche Entscheide gegen die Zwangspsychiatrisierung erwirkt hat.

macht werden sollen. Jede Problemperson, für die es keine Musterlösung gebe, werde hierzulande zum Psychiatriefall. Die grosse Revolution gegen die Psychiatrie-Willkür habe die Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) ausgelöst, sagt Burges. Psychex arbeite ausschliesslich damit, weil dort die Grundrechte festgeschrieben seien. «Wir klopfen die schweizerischen Gesetze darauf ab, ob sie EMRK-konform sind. Aber immer wieder tauchen Gesetze auf, die es eben nicht sind. Auf diesen wunden Punkt legen wir den Finger.» Zauberwort Zurechnungsfahigkeit FFE ist ein Synonym für Willkür - wie damals der Fall Anni Brunner. Und heute? Heute kommt einem Rolf der Prediger in den Sinn, der seit Jahren mit einem Apostel sporadisch die St.Galler Innenstadt heimsucht und die Shopping-Gassen lauthals mit Bibelsprüchen beschallt. Die Polizei habe die beiden Gottesstreiter in die Psychiatrie nach Wil verfrachtet, schreibt Andreas Fagetti in seiner Reportage im «Typotron»Heft 2012. Dort seien sie unter Auflagen wieder entlassen und später wegen nicht bezahlter Ordnungs bussen in Altstätten in den Strafvollzug versetzt worden. Die behördliche Behandlung der beiden Prediger stimmt mit der Erfahrung von Roger Burges überein. Er sagt, dass sich langfristige Einweisungen in die Psychiatrie gegen Leute richteten, die beispielsweise hartnäckig eine Lebensanschauung wie die religiösen Eiferer verträten. Das seien meistens Leute, die die Psychiatrie nicht zurechtbiegen könne. Sie würden umso verbissener, je länger sie in der Anstalt seien. Manager, die ihr Burnout hätten, seien dagegen in der Regel kurzfristig in der Psychiatrie. «Natürlich nehmen heute die Einweisungen auch in dieser Personenkategorie ZW), sagt Burges. Ist für den St.Galler Anwalt ein Rechtssystem ohne forensische Psychiatrie denkbar? <0"a»,sagt Burges. «Heute wird masslos übertrieben.» Es habe sich eingebürgert, dass bei allen Leuten - vor allem wenn sie etwas täten, das die Öffentlichkeit nicht goutiere - zuerst einmal die Zurechnungsfahigkeit in Frage gestellt würde. Warum das? «Es lebt eine ganze Industrie von dieser Fragestellung, die Psychiatrie und eine Heerschar von Psychologen. Unzurechnungsfähigkeit gibt es, das ist unbestritten. Aber sie ist die Ausnahme. Grundsätzlich sind die Leute zurechnungsfähig bei ihren Taten», sagt der Psychex-Anwalt.

EMRK-widrig Warum geht das so einfach? «Der FFE ist Teil des Zivilrechts und nicht des Strafrechts, wo alles schön über die Strafprozessordnung geregelt ist», sagt Burges. «Der FFE ist ein Mittel der Zwangspsychiatrie. Es gibt in diesem Bereich keine verlässliche gesetzliche Regelung. Auch das neue Recht ist diesbezüglich viel zu locker. Beim FFE kann ein ganzes Verfahren umgangen werden. Ein Arzt kreuzt in einem Formular die Selbst- und Fremdgefahrdung einer Person an und stützt seine Einschätzung einfach auf eine Verdachtsdiagnose ab. Damit sind einer psychiatrischen Zwangsbehandlung Tür und Tor geöffnet.» Eine Einweisung in die Psychiatrie ist vielfach nur über langwierige und komplizierte Gerichtsverfahren wieder aufzuheben. Eine Haftprüfung sei bei einem FFE lahmgelegt, sagt Burges. Sattsam bekannt hierfür sei der Kanton Thurgau. Aber auch das kantonale Alkohol- und Drogengesetz des Kantons Basel-Stadt schliesse die Prüfung des Freiheitsentzuges aus. Burges vertrat 20IO vor Bundesgericht eine Frau, die als süchtig erklärt und über die der FFE verhängt worden war, weil sie regelmässig das Schlafmittel Stilnox einnahm. Die Frau stellte das Begehren um sofortige Entlassung aus dem FFE. Das Appellationsgericht Basel-Stadt lehnte ab, das Bundesgericht verlangte eine Neubeurteilung. Roger Burges sagt dazu: «Die Basler Justiz war kategorisch der Meinung, dass bei der Anordnung eines FFE keine Haftprüfung erfolgen müsse, und kam nicht auf die Idee, dass eine solche Interpretation menschenrechtswidrig sein könnte.» Wer nicht arbeiten will, riskiert die psychiatrische Wegschliessung. 20II vertrat der Psychex-Anwalt vor dem Obergericht des Kantons Bern einen Mann, der einen FFE erhalten hatte, weil er «arbeitsscheu» beziehungsweise arbeitsunwillig war. Die Behörden waren der Ansicht, dass es keine andere Möglichkeit als den FFE gebe, um den Mann zu integrieren. Burges erstritt die Aufhebung des FFE. Der Fall zeige exemplarisch, dass in der Schweiz die Psychiatrie um sich greife «wie ein Krebsgeschwür», sagt Burges. Der Mann hätte mit dem Instrument der Arbeitserziehung gefügig ge-

Harry Rosenbaum, Psychex

1951, ist freier Journalist.

ist 1987 als gemeinnü tziger Verein gegründet

Die Patientenschutzorganisation

worden.

setzt sich für die Freilassung

von Zwangspsychiatrisierten und für deren körperliche und geistige Unversehrtheit ein. Ferner bemüht sie sich um deren Interessenvertretung, Vermittlung

Beratung

von Anwältinnen,

und Begleitung. Ärzten,

Dazu gehört die

Sozialarbeiterinnen

und

Laien, welche die Entlassungs- und Eingliederungsbestrebungen unterstützen. Psychex arbeitet unentgeltlich und unterhält ein Sekretariat

in Zürich.

www.psychex.org

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WILDWUCHS

Nachtschatten

Zicken

Zotten

Galeristinnen, Gärtner, Bäckerinnen: überall Guerilla in der behäbigen Kleinstadt. VON

JOHANNES

und

Gisa Frank und die bewegten Wilden im und um den Alpstein. VON

STIEGER

Tief nachts. Die Rangierer haben die letzten Kompositionen des Regionalzugs aufs Abstellgleis gestellt. Die Bewohnerin eines Hauses neben dem Bahnhofhat eine Handvoll Freunde zusammengetrommelt: Es geht über einen Zaun, wenige Meter einer Waschbetonfassade entlang. Dann bleibt sie stehen und richtet ihren Blick gegen den Boden, ihr ausgestreckter Zeigefinger zielt auf eine Tomatenstaude, die sich entlang der Fassade aus dem Asphalt gegen den Nachthimmel hocharbeitet. Zwei, drei Früchte hängen daran. Jemand habe Tomatenpizza zum Znacht gegessen und nachher zu viel getrunken: So lautet die Vermutung darüber, wie die Staude dahingekommen sei. Romantik und Sauferei: Das Nachtschattengewächs verbreitet eine tröstlich-aufgekratzte Stimmung im Grüppchen. Der Ausflug zum renitenten Grünzeug hat vor einigen Jahren stattgefunden. Die Tomate war wenigstens in St.Gallen Avantgarde; die Vorhut einer Bewegung, die Anfang der Nullerjahre in London gross geworden ist. Mittlerweile wird auch hier im grösseren Stil guerillagegärtnert. Es werden nicht Farbbeutel, sondern Samenbomben aus Protest gegen das vermeintlich allgegenwärtige Grau und die verschwindenden Nischen geworfen. In Rorschach nahm letzten Sommer die (für ihre liebevolle Arbeit bekannte) Stadtgärtnerei den akzeptierten Ungehorsam auf und pflanzte in einem Betontrog an der Hafenpromenade Peperoni, Tomaten und Mangold an. Was früher wucherte, wird heute mit urbanen Philosophien und Gebrauchsanweisungen unterfüttert in der Gruppe organisiert. In St. Gallen: Guerilla Gardening zur Stadtverschönerung, vom Coworking-Space Ostsinn mitgetragen. Aber auch in der Kunst: die Guerilla Galerie von Kathrin Dörig und Nadia Veronese zur Förderung zeitgenössischer Kunst in vorübergehend leer stehenden Räumen. Und jüngst kulinarisch: Melanie Diems und Denise Webers Guerilla Cafe mit Süssigkeiten an wechselnden Orten. Im ersten Moment der Ernüchterung mag man stöhnen über die vielen durchorganisierten und gut gekleideten Guerilla-Einheiten. Ein Hoch auf die hingekotzte Tomate! Im Nebel der massenhaften Kulturveranstaltungen kann der Guerilla-Stempel zumindest aus der Sicht des Eventmanagers Sinn machen: Ein Ereignis wird als spontan deklariert, das macht den Unterschied. - Bös ist das alles bestimmt nicht gemeint. Weh tut es auch nicht, vielmehr sind diese kulturellen Kleinkriege Zeichen dafür, mit was für Problemen wir in unseren behäbigen Kleinstädten zu kämpfen haben. Darum seien wir auf der Hut, welche Guerillakulturattacke hinter der nächsten unversehrten Fassade lauert.

PETER

SURBER

Pelzgewandete Figuren stürzen sich von Felsen, tanzen ums Feuer, hängen in Bäumen. Solche kurligen Szenen könnten einem diesen Sommer an verschiedenen Orten in der Region vor die Augen kommen. Dann sind «die Wilden im Alpstein» wieder unterwegs - so der Arbeitstitel des jüngsten Tanzprojekts der in Rehetobellebenden Choreographin Gisa Frank. Es forscht der Frage nach, wie sich der Mensch in der freien Natur bewegt, was sie mit ihm und er mit ihr anstellt und spielt, jagt, wagt - und ob und wie die Wildnis draussen das Wilde in uns selber in Gang bringt. Am Thema ist Gisa Frank schon seit rund zehn Jahren dran, mit Projekten, die sich zwischen Brauchtum und zeitgenössischem Tanz bewegen, die Natur zur Bühne machen und immer wieder eine Menge Menschen in Bewegung bringen: «drunter und drüber - alpsegeln», das Heustück «haufenweise», «alp-trachten» und zuletzt 20II «rollen und ballen». Oder: Vor vier Jahren, mitten in der helvetischen Bärenhysterie, verwandelten sich ihre Tanzleute entlang der Frauenfeld-Wil-Bahn in einer Performance in Pelzwesen, trieben ihr pelziges Unwesen und jagten den Bären und sich selbst. Den wilden Mann und das wilde «Wiib», Werwölfe und sonstige Tier-Menschen-Gestalten gebe es seit jeher in der Sagenwelt, auch rund um den Alpstein, sagt Gisa Frank. Im Ad-hoc-Bewegungschor aus Profis und Laien, Erwachsenen und Kindern schichtet sie diese archaische Humusschicht neu und setzt sie zeitgemäss um. So kletterte die Truppe letzten Winter, fantastisch vermummt, bei Stütze Zwei der Säntisbahn über Felsen, warf ihre Pelzhäute in die Weite, hing in uralten Bäumen oder sauste an der Ebenalp die Schneehänge hinunter - unter all den Pelzen bewies dabei der Biber die besten Gleiterqualitäten. Die Aktionen hat der Filmer Andreas Baumberger festgehalten; die Bilder stehen sowohl für sich als auch als Teil der werdenden Bühneninszenierung, die am Ende der Wildheitsrecherche im kommenden Winter zur Aufführung kommt und «Von Zicken und Zotten» heissen soll. Idealer Aufführungszeitpunkt wären die Rauhnächte um die Jahreswende: traditionellerweise die Zeit, da die wilden Perchten ihr Unwesen treiben. Die Wirkung von wildem Wetter, pelzigen Viechern und die Eigenheiten der Mitwirkenden, das sei das innere wie äussere grosse Abenteuer, sagt Gisa Frank. Doch dabei gehe es oftmals anders als tierisch ernst, vielmehr körperlichspielerisch zu und her. Die menschlichen Zotten und Zicken können, anders als ihre tierischen Vettern, auch lachen.

Bild pd

24 SAITEN

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WILDWUCHS

Draht

und

Die Sprachkomponistin

Zaun Einige Bemerkungen zum wilden Denken. VON

FLORIAN

Die akustischen Wortwucherungen der Andrea Martina Graf.

VETSCH

VON

In seiner Sammlung «Mein letzter Sommer - IOO Haikus» (Edition Saxifraga, Göttingen 1984) veröffentlichte der Pop& Öko-Poet, der Rock-Essayist und Walter-Benjamin-Exeget Helmut Salzinger (1935-1993) dieses Haiku: wildes Denken, heut heisst Wildnis zu denken, hier zwischen Draht und Zaun Heut und hier, wo du dich, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, gerade aufhältst, trifft dich dieses Wort. Stachelt es dich nicht, fernab von den Jahren seiner Niederschrift, dazu an, die Wildnis zuzulassen inmitten des Eingezäunten und Verdrahteten, das, was in der Imagination wuchern will, wuchern zu lassen, dem Denken die Zügel schiessen und die Wildnis inmitten deiner Verpflichtungen und Einschränkungen einkehren zu lassen, ganz egal, ob letztere selbstgewählt oder fremdbestimmt sind? Helmut Salzingers Haiku sagt auch, dass es «zwischen Draht und Zaun: genug Platz für die imaginäre Wildnis hat: für unvermessene, unkontrollierbare, hemmungslos ausufernde Gedankenwelten, aus denen etwas Anderes hervorgetrieben werden kann, ein Neuanfang. In der Favorisierung des Schöpferischen als einer kulturellen, aber antizivilisatorischen Kraft lehnt sich der Text an den bekannten Topos des 20. Jahrhunderts an, der besagt, dass unter dem Asphalt der Strand flirrt und Graswurzeln das Pflaster zu durchstossen vermögen. Das wilde Denken, das assoziative bzw. dissoziative Verbinden von Bildern und Thesen unterschiedlichster Inhalte, ist freilich älter, ganz abgesehen davon, dass Claude LeviStrauss 1962 den Begriff «pensee sauvage» im Hinblick auf die Vorstellungs- und Ritualkraft indigener Völker geprägt hat. Gilles Deleuze und Felix Guattari entwickelten in den Siebziger Jahren die Denkfigur des Rhizoms. Als einen der Köpfe, welche diese Figur antizipiert haben, nennen sie William S. Burroughs, der das von Brion Gysin 1959 erfundene Cut-upVerfahren als literarische Schnitt- und Montage-Technik angewendet und theoretisch untermauert hat. Auch Nietzsches intellektuellen Nomadismus schlagen Deleuze und Guattari den rhizomatischen Denkbewegungen zu. Doch bereits im 18. Jahrhundert stossen wir etwa auf Voltaires beflügelndes Statement «Systeme beleidigen meinen Verstand» oder, im Schlagschatten von Kants Ordnungswillen in Königsberg, auf Johann Georg Hamanns dunkle mystische Theosophie ... Die Fruchtbarkeit wuchernder Elemente in den Bereichen der Ästhetik, der Metaphysik und der Ökologie ist unbestritten. Doch formal wie ethisch bedarf es für die Realisierung dieser Fruchtbarkeit auf der Seite des Menschen der Grenze. So hat auch Helmut Salzinger sein Gedicht über das wilde Denken in die klassische Form eines japanischen Haiku gegossen: drei Zeilen mit den Silbenzahlen 5 - 7 - 5·

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ANJANA

BHAGWATI

«Oft erwache ich nachts und es sprudeln mir ganze Textpassagen aus dem Mund. Diesem Textstrom kann ich als Aussenstehende zuhören, es plappert aus einem Mund, der eigentlich der meine ist.» Andrea Martina Graf ist eine Sprachkomponistin. Die Partitur ihrer Sprechoper «Die Entsorgung von all dem Zeugs» besteht aus Wortsilben, Konsonanten, Sätzen, die in verschiedenen Schrifttypen und Schriftgrössen aus dem Blatt wachsen, dazwischen dämmen kleingedruckte rote Regieanweisungen die Buchstabenergüsse ein. Eine höchst präzise grafische Notation eines sprachlichen Klangteppichs, akribisch zusammengestellt und fein ausgearbeitet, faszinierend in seiner akkuraten, rhythmischen Artikulation. Ein akustisches Wortwuchern. Worte sind für Andrea Graf Türöffner in eine andere Welt. «Plötzlich springt mir etwas ins Auge oder ins Ohr und ich versuche, die Wucherung dort in Gang zu bringen, und meistens ergibt sich aus einem Wort dann ein anderes.» Wenn sie einen Satzteil lange vor sich hinplappere, höre sie daraus auf einmal Musik und aus Lauten Worte. «Die Wortspielereien sind nicht linear, aber sie ergeben in mir drin eine Geschichte.» «Beim Schreiben verfolge ich zunächst kein Zieh, sagt Graf. Sie versucht, sich möglichst alle Kanäle offen zu halten und sich dann von einem Wort überraschen zu lassen. Sie nutzt die Stille des Morgens, um ihren inneren Textstrom aufs Papier fliessen zu lassen. Dabei drängt sich ihr ein Wort mal vom Klang, mal vom visuellen Erscheinungsbild auf oder eine Silbe sticht ihr ins Auge. ('Gesetzmässigkeiten in Worten, Silben, Texten kann man nur intuitiv erfassen», sagt sie. «Meine Texte haben eine Grundstruktur und dazwischen darf es wuchern. Viele finden das sehr artifiziell, finden den Zugang nicht. Dabei ist unser Denken ständig unterbrochen, oft gar völlig chaotisch. Das lineare Schreiben ist, obwohl es uns total natürlich erscheint, im Grunde ein völlig artifizielles. Meine Arbeit ist ein organisches Wachsen. Mein Schreiben ein fortwährendes Schreiben an einem einzigen Text.»

Andrea Martina Graf und Brigitte Meyer: Die Entsorgung von all dem Zeugs. Sprechoper VGS Verlagsgenossenschaft

für zwei Stimmen

St.Gallen 2010. Fr. 32.-

und Cello.


SKM Studienzentrum Kulturmanagement Universität Basel

Wo Kultur Kultur bleibt und Management der Sache dient:

Masterprogramm Kulturmanagement Studiengang 2012-2014 Anmeldungen werden laufend entgegengenommen.

SKM, Rheinsprung 9, CH-4051 Basel, Schweiz Telefon +41 (0)61 2673474 www.kulturmanagement.org

Di 05.06 20:00

UN I BASEL

Pascal Kubli und Stella Locher

Zwei vom Stern

Heimspiel 1 Chanson Fr. 20.-. 25-. 30.-

Mi 06.06 20:00

Alessandro Zuffelato

Musikbox

Heimspiel 2 Ein Solotheater zu zweit Fr. 25.-. 30.-. 35.-

Da 07.06 20:00

Srniling Toasters

~~9~=~~~=_~O!~~!

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Heimspiel 3 Musik-Kabarett Fr. 25.-. 30.-. 35.-

Fr 08.06 20:00

Frühstuck auf der Szene

Zehn Wahrheiten Heimspiel 4 Szenisches Lesespektakel Fr. 25.-. 30.-. 35.-

Sa 09.06 20:00

Stephanie Maurer & Co.

Lermi

Heimspiel 5 Tango, Jazz und SWing Fr. 25.-. 30.-. 35.-

Mit unterstutzung von Stedt St Gallen

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St.Galier

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Kantonalbank


WILDWUCHS

sieberementig sakramentig STEFF

über Spriessen und Sterben zwischen High und Matt

SIGNER

Am Anfang steht oft die Trostlosigkeit und die Leere. Diese, einmal kompostiert, lässt Dünger entstehen und darauf spriesst und wuchert dann der Wildwuchs. Der kreative Prozess ist das Kompostieren, das Pflücken der Früchte passiert im High-Zustand. Ich habe mich natürlich immer wieder einmal damit auseinandergesetzt, wo die Kreativität herkommt. Ist es der Dschungel, die Wildnis, die Wüste oder ist es der «trömmlige Trommel», der Ort, der zwischen High und Matt liegt. Als Reaktion auf söttige Einöden spriessen dann Musik, Text oder Malereien unter dem Motto: Ein Bach braucht keine Verbauung, um zu wissen, wo er hinfliessen soll. Damit der Dschungel wild wuchern kann, brauchts zuerst eine fast trostlose Einöde. Erst aus diesem Spannungsfeld entstehen dann die Früchte. Die Früchte sind kaum je einfach da. Ein solcher Text beispielsweise ist «Woher die Kreativität herkommt/Ossem November 58». Ein düsterer Einakter mit einem Erzähler, der am «tengele. ist. Ein Blick in «the other side ofBrauchtum». (In der beklemmende Stille hört man eine

flankiert vo blaache, verwahrloste Goofe

i d Loft

zahnlos, zahllos,

Umfall Da waass me

oss Inzocht

Da waass me mid

da sönd d Schpuure

ond d Striichmusig aas schö,

extra

ond Gröch ossem November 58 haltete d'Erinnerig wach a Dämone

vom

d Seelebnie

November

58

dampfet im Topf im Schittliofe

verrickti Rendli Bluet oss de Nase de Metzger

Galtlighoor Bschöttigröch

da sönd Schpuure ond Gröch

saat: is Loch!

D Schprooch

spielt

dass Einte wies Anderi zom hüule isch

Hagel ond Bröch

Hagel ond Bröch ossem November 58

velore

s Aaluege velaadet s Schwige regiert ond

ond de Föfliiber förs

reguliert

Oberhocke

de Drock

vom Herz

haltete d Erinnerig a Dämone vom

da sönd d Schpuure

de Docht vo de Cherze veloseht

November

Affe ond Schwarze paffe

ond Gröch Hagel ond Bröch

ruiicht uus

wo d Niedertracht

im lääre Huus

e Tracht gsee isch

s Graass veduerret d Fährli vefroore de Plass hönds veschosse

sieberementig vom Ziischtig bis zom

ond d Herze veschlosse

Mentig

ticken)

Magrone

Patrone Chrutter

ossern November

ond Bluet oss de Utter

ond de Föfliiber förs

Karbid

Oberhocke haltete d Erinnerig

Petrol Grauchts vom Plass för diis Wool

wach

58

an November

sakramentig vom Ziischtig bis zom

sakramentig vom Ziischtig bis zom

Mentig

Mentig

Dämone

ond de Föfliiber fcirs

onder de Nebelfetze i de Loftsuule

Oberhocke haltete d Erinnerig

zwuschet

58

Weckamine chodere d Seelenot

lodere

Bodesee

sakrarnentig

de Grossvater im Soff verfröre iigschloofe fö immer

ossem Tobel

bi 18 Grad minus de Vater im Tenn mit em Chablischtrick

ond

Alpstee

om de Hals Muetter debil, zählt d Erbsli, wonnere d Schwöschter

bi de Chrache:

Zimtfladebrosme

ken Fotiapparat

Wiiberärsch

da uuf ke Babeterie

Buuregrend machts domm ond narsch

au

ond em Brand im Herz

hönder de Bäch zwuschet de Töbel 100

58

vewunsche, vehäxt vo de Hitz im Grend

sieberementig

wach

wach

58

sieberementig

an November

wi de Psychiatrische Schoss schönet

ne mt

in

allewill ond immer wieder het söttig

Bilder ke Posehrauto

wör

dai hupe oder aahalte

Aus dem geplanten

au werins dai e

im Henderland.

Haltesehteil

«<Highmatt» 2008) in Herrsau.

Buch «Strick ond Dege» - auf der Suche

nach der Melancholie, gab

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de Bueb mit Schprengschtoff

ond welchi Kalenderschpröch

Stubenwanduhr

SAITEN

wildi Hönd, wo hönderschi bellit,

Schwermut,

Steff «Infrasteff»

Depression

und dem Suizid

Signer ist Musiker und Autor


SA[TEN

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WILDWUCHS

1 8 9 2 : «S c h u I i Neger» in St. Gallen

Verloren im All Eine Expedition in die St.Galler Raumstation. VON

SIMONA

Shows mit exotischen Menschen waren auch hier gefragt.

BISCHOF

Ich wollte der Raumstation noch eine Chance geben. An letztes Mal kann ich mich nur verschwommen erinnern, an schwitzende Menschen, die im schummrigen Zwielicht ihre Körper zucken liessen. Wir waren zu spät da, zu wenig verstrahlt, zu sehr ausgeschlossen aus der Partyblase. Jetzt sollte sich das ändern. Eine Suche nach Musik, Spass, Herumgezappel und einer Antwort auf die Frage, ob hier draussen am Ostrand St.Gallens, das wilde Stadtleben rauscht. Beim ersten Anlauf versagen wir kläglich. Wir trinken uns im Backstage zu Hip-Hop-Beats und schlecht nachgetanzten MTVMoves derart viel Mut an, dass wir morgens um fünf aufgeben und nach Hause müssen. Die Raumstation ist kein Ort, wo man sich vornimmt, hinzugehen, es ist der Ort, wo man hingeht, wenn man nicht nach Hause will. Ähnlich dem Downtown oder dem Studio 15 nimmt die Raumstation zu später Stunde das Partyvolk auf, dem der Heimweg zu lange und das Bett zu leer ist. Sie wird dieser «Bah! Das kommt jetzt auch nicht mehr drauf an!»-Stimmung gerecht, die sich einstellt, wenn die Nacht zu gut ist, um ihr ein jähes Ende zu setzen. Früher war der Elektrokeller dafiir da. Gut gelegen und erst ab drei in der Früh geöffnet, fanden wir Zuflucht, wenn wir den Kater und die im aufkommenden Morgenlicht hässliche Realität noch ein paar Stunden verdrängen wollten. Ein zweiter Expeditionsversuch in die Raumstation klappt, aber die Reise endet ernüchternd. Der Raum ist zu gross. Der Club fiillt sich lange nicht, und als er es tut, wird trotzdem kein Ganzes draus. Kein Miteinanderfeiern, sondern Grüppchen, die herumstehen und tanzen. Ausserdem kreist die Raumstation verloren im Stadtraum. Solange noch Busse hinfahren, ist nichts los oder die Tür zu. Später kostets ein Taxi, um hinzukommen. Unkompliziert mal eben vorbeischauen ist in der Raumstation schwierig. Und die Stimmung muss halten, bis der erste Bus fahrt. Wenn man sich aber auf den zwischen minimal und technoid klingenden Sound einlassen kann, ist die Wahrscheinlichkeit gross, abzuheben und diese Stunden unterhaltsam zu überbrücken. Verpasst man den Moment, um einzusteigen, kreist man verloren in den Gruppen der verzweifelt Weiterfeiernden. Fazit: Dieses Abgeschottete, Gestrandete hat seinen Reiz, wenn man sich fur eine Nacht komplett verlieren will. Für Stadtastronauten ist die Raumstation eine feine Alternative zum trotzigen Weiterfeiern in der Stadt - man tut aber gut daran, selber Partystimmung mit dabei zu haben.

VON

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MÜLLER

«Schuli-Neger» aus dem oberen Nilgebiet? Die Berliner Anthropologische Gesellschaft kritisiert, das sei «zusammengelaufenes Negervolk» und fiir das Verständnis der «ächten Schuli» belanglos. Doch Berlin ist weit weg. Die St.Gallerinnen und St.Galler besuchen die Völkerschau, die im Oktober 1892 in der Gallusstadt gastiert, mit grossem Interesse. Wahrend elf Tagen bestaunen sie «Sitten und Gebräuche» dieser «Negen): Hochzeit, Kriegstanz, Gericht und einiges mehr. Nicht weniger fesselnd finden sie die fünfzehn Frauen, zwölf Männer und drei Kinder zwischen den Darbietungen. «Sie scharen sich um die geheizten Öfen der Halle, lebhaft plaudernd, lachend, rauchend, die Frauen mitunter eifrig nähend. Das Benehmen dieser Neger macht dabei durchaus den Eindruck harmloser Fröhlichkeit», schreibt das «St.Galler Tagblatt». Es sei denn, ein Besucher gibt einem der Afrikaner aus Böswilligkeit oder Gedankenlosigkeit Alkohol - obwohl das verboten ist. Dann ist der Teufel los: Tumult, Schlägerei, Polizei. Das «Tagblatt» bittet die St.Galler um Verständnis, die «Wilden» seien eben nicht «trainiert», und versichert: «Die Schuli fuhren sich durchaus manierlich und sympathisch auf, wenn auch vom Publikum keine Vorstösse gemacht werden.» Solche Völkerschauen befriedigten verschiedene Bedürfnisse: Romantik, Voyeurismus und Selbstbestätigung der europäischen Zivilisation, wissenschaftliches Interesse, schlichte Neugier. Der «St.Galler Stadtanzeiger» redet von der «mühevollen Bahn, die der Mensch zu durchlaufen hat, bis er auf der Höhe der Zivilisation angelangt ist, deren wir uns erfreuen». Andererseits seien die «Schuh-Neger» zumindest in einigen Punkten zu beneiden, etwa fiir die «natürliche Grazie in all ihren Bewegungen» oder die «harmlose Lebenslust des kindlichen Menschen». Die Zeitung furchtet, dass ihnen diese Lebenslust im Umgang mit «uns zivilisierten Menschen» bald ausgetrieben wird. Eine Kritik an der eigenen westlichen Zivilisation - ja. Aber ziemlich moderat. Wenn man wollte, konnte man das schon damals viel härter und drastischer formulieren. Aus heutiger Sicht muten diese Shows fragwürdig, voyeuristisch und überheblich an. Die Ethnologin Hilke ThodeArora, eine Spezialistin fiir das Thema, rät aber zur Vorsicht. Erst ein differenzierter Blick werde dem Phänomen gerecht. Man müsse in mühsamer Kleinarbeit Originalquellen zur Rezeption der Shows zusammentragen - Zeitungsberichte, Tagebücher, Briefe. Und: «Es wäre naiv anzunehmen, dass die Menschen früherer Zeiten dümmer oder moralisch schlechter waren, als wir es heute sind.»

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PETER


THEMA auf Homepages erscheinen? Ob die Werber und Uwe Ochsenknecht dann immer noch das Geheimrezept des Appenzellerkäses entdecken wollen? Ob die Touristen in den appenzellischen Hügeln dann vielleicht Chüelis und Heuerlis spielen können mit bunten Kühen aus Plastik und hölzernen, alten Heurechen und -gabeln, weil es dann keine Bauern mehr gibt, nur noch Landwirtschaft? Vielleicht sollte ich mir einen Laubbläser kaufen, und mit diesem einfach alles, was mir nicht gefallt, mit 300 Stundenkilometern fortblasen? Verena Schoch, 1957, ist Kamerafrau und Fotografin und wohnt in Waldsratt.

Arifremde Wesen nehmen die Rugel ein.

APPENZELL

Laubbläser erobern die Heuwiesen Alle Vögel sind schon da ... Sie künden zwitschernd den nahen Sommer an. Die Bauern sind kribbelig, weil das Heuen bald wieder ihren Alltag bestimmt und die Alpfahrten bevorstehen. Da das Wetter wesentlich daran mitbeteiligt ist, wie gut die Heuernte ausfallt, heisst das Motto auch für die Bauern - <:Jeschneller, desto Geld». Vier Schnitte pro Sommer sind auch im Appenzellerland zur Norm geworden. Traktoren, Weidemäher, Heuzettler, Ladewagen, Rundballenpressen und immer weniger Bauern kümmern sich ums Futter für das liebe Vieh. So kann es passieren, dass während einer Frühlingswanderung im grünen Hügelgebiet plötzlich artfremde und ortsuntypische Wesen auftauchen. An steilen Abhängen bewegen sich dinosaurierähnliche Gestalten mit einem überlangen Rüssel. Mit Benzinmotor, wie ein Rucksack getragen, einem Pamir-Gehörschutz auf dem Kopf und langem Blasrohr in den Händen befördern sie die Heumaden talwärts. Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, als ich vor Kurzem in eine solche Szene geriet. Kein Roboter aus einem Science-Fiction-Film der Siebziger Jahre - nein - eine Appenzellerbäuerin mit einem Laubbläser bestückt, arbeitete im steilen Hang ihres Heimetlis. Sie erledigte

SCHAFFHAUSEN

8,ld pd

alleine in Sturmeseile (Laubbläser blasen mit bis zu 300 Stundenkilometern) das Bergheuen. Ohne einen solchen Laubbläser hätte das Heuen an diesem Hang viermallänger gedauert. Und die Geräusche der Rechen im dürren Heu, des leisen Windes und die Stimmen der arbeitenden Menschen hätten einen Wohlklang ergeben ... So träumte ich auf dieser Wegstrecke vor mich hin. Weit und breit war keine Gewitterwolke in Sicht, die Kühe weideten friedlich und der Säntis strahlte in der Sonne. An seiner Nordwand prallte der Lärm des Laubbläsers ab und kam als ohrenbetäubendes Echo wieder zurück zum Heublätz. Mein Gruss ging im Lärm des Benzinmotors unter und blieb verständlicherweise auch unerwidert. Eine ganz neue Art von Idylle! Wieder zu Hause schaute ich mir die Homepage von Appenzellerland Tourismus an. Dort lassen sie mich die echten Klänge Ausserrhodens hören. Vögel zwitschern, Schmetterlinge flattern animiert, Donner grollt und Regen prasselt, der Bläss bellt, Bienen summen laut, der Güggel kräht und im Bild öffnen und schliessen sich Blumen stumm und zeitgerafft. Dies alles umrahmt von einem «Cherli» lüpfiger Appenzellermusik. Bilder von Sennen, Schellen, glücklichen Tieren und einer intakten Natur preisen das Appenzellerland als ideale Destination für Gäste aus aller Welt an. Ob Vögel, Schmetterlinge und Bienen bei solcher Hektik und diesem Lärm in der Landwirtschaft wohl in ein paar Jahren nur noch

AufWertungsposse um ein Bad Am Morgen des 1. April 1944 bombardierte ein Geschwader amerikanischer Flugzeuge - wohl eher irrtümlicherweise - Schafihausen. Es gab Tote und grösseren Sachschaden. Eine der Brandbomben schlug keine 50 Meter neben der Rhybadi ein, um ein Haar wäre also die Holzkonstruktion aus dem Jahr 1870 damals abgebrannt. Und die Provinzposse, die sich zurzeit um dieses Flussbad dreht, könnte gar nicht stattfinden. So aber ist Schafihausen seit ein paar Monaten gespalten. Wie oft bei Provinzpossen fing alles an mit einem hibbeligen Jung-SVPler und seinen, well: «Ideen». Daniel Preisigs Postulat hiess «Ganzjährig nutzbare Rhybadi: Wellness-Oase mit Munotblick!». Klar: Der Mann suchte die politische Schlagzeile, vielleicht sah er sich auch schon «Sex On The Beach- schlürfend auf einer Liege fläzen, dieweil geschickte Hände seine Jungpolitiker-Glieder massieren. Wie dem auch sei: Das Parlament nahm Preisigs Steilpass auf und entwickelte klassisch politschwurbelnd eine Vorlage, die nicht ganz so weit geht wie die feuchten Wellnessträume des Jungpolitikers, aber doch weit hinaus über eine sowieso anstehende Sanierung des in die Jahre gekommenen Kastenbads. Geplant sind nun eine Lounge mit 130 Sitzplätzen im untersten Teil der Flussbadi (auf Kosten von drei Nichtschwimmerbecken) , ferner eine Sauna,

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Rundflug drei Massage-Behandlungsräume plus Backoffice und weitere Infrastruktur. Endlich urban! Etwas fur die Jungen! In Zürich gehts ja auch! Aufwertung des Rheinufers! Aufwertung überhaupt! Lebensqualität! Im kleinen Paradies! Juhuu! Es brauchte das Referendum des RhybadiStammgasts und SP-Kantonsrats Matthias Freivogel, um eine breite Diskussion - und vor allem: eine Volksabstimmung - zu erzwingen. Dass dieses Referendum mit gegen 2500 gültigen Unterschriften in drei Wochen (Rekord!) zustande kam, zeigt, dass nicht alle auf die fortschreitende Loungeisierung der Altstadt stehen. Am 13. Juni können die Stadtschaffhauserinnen nun darüber abstimmen, ob sie die vom Stadtparlament vorgeschlagene, 1,2 Millionen schwere Lounge-plus-Sauna-Spa-«Aufwertung» ihrer Rhybadi möchten oder nicht. Die Grundsanierung allein käme übrigens auf gut 400'000 Franken zu stehen. Rechne! Die Gräben gehen quer durch alle Parteien, die SP etwa unterstützt Freivogel nicht, und verblüffenderweise ist auch die AL fiir die Lounge-inclusive- Variante. Die allermeisten Badi-Stammgäste sind fiir das Beibehalten des Status quo. Logisch - sie wissen, dass hier nichts künstlich aufgewertet werden muss. Dass das Abstimmungskomitee der LoungeBefürworter den Slogan «[a - Rhybadi fur alli. benützt, ist eher skurril. Denn der Ort ist auch deshalb einer meiner liebsten in Schaffhausen, weil er wahrhaft öffentlich ist: Nach dem Lösen des Eintritts (Einzelbillett zurzeit noch drei Franken, Saisonkarte fünfzig Franken) kann man einen ganzen Tag dort verbringen, kann selbst sein Essen und Trinken mitnehmen oder sich am Kiosk verpflegen und alles tun, wofiir die von der «Annabelle- unter die zehn schönsten Flussbäder der Schweiz gewählte Rhybadi vorgesehen ist. Etliche der Stammgäste sind schon älter, während der Saison kommen sie Tag fiir Tag, es gibt welche, die werden über die knapp fiinf Monate Öffnungszeit so braun und ledrig, dass Präventionsmediziner in Hautsachen bei ihrem Anblick leise hyperventilieren würden, andere sitzen im Halbschatten zusammen, bei Weizenbier, einem Cafe Creme oder Hälbeli Fechy,

Die ehru/urdioe Schaffhauser Rhybadi vor derLoungeisierung. 8,ld pd

und tratschen über Gott, die eigenen Gebrechen und die Welt. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich die Aufwertungsfetischisten an diesen Gästen stören. Als ob man einen Komplex hätte, Schaffhausen sei «alt», verstaubt und hinterwäldlerisch, und man müsse jetzt den Schalter finden und schnell «jungi und dynamisch werden, egal, wie und womit - nur schon des Standortmarketings willen und um nicht endgültig ins Hintertreffen zu geraten. Was natürlich eine unglaublich hinterwäldlerische, vor allem aber: verzagte Position ist ... Meinerseits bin ich wild entschlossen, diesen Sommer in der Rhybadi in vollen Zügen und sehr, sehr unverzagt zu geniessen. Es ist vielleicht der letzte. Jürg Odermatt,

1962,

ist Sänger bei Papst & Abstinenzler, Korrektor und Mitbetreiber «Verfa ulte Geschichten».

TOGGENBURG

Rauf auf die Alpen und runter in die Töbel Ich möchte da anknüpfen, wo ich das letzte Mal aufgehört habe: bei der Kunsthalle Toggenburg und arthur#7. In diesem Jahr wird ihre Kunst auf der grössten Alp der Ostschweiz, der Alp Sellamatt am Fuss der Churfirsten, hallen. Auf 1400 bis 1580 Metern über Meer. Ein kraftvoller Ort, wundervolle Aussicht, tolles Wetter, sonnig, geniale Kulisse. Das Energietal Toggenburg mal anders. Das kann durchaus auch auf die Kunsthallenden übertragen werden. Sie brauchten viel Energie, um den Ausstellungsort auf der Alp zusammen mit den Künstlern zu erkunden und zu rekognoszieren. Es war «arschkalt, pflotschnass, schneebedeckt und e mega Milchsuppe mit Nabel» auf der Alp Sellamatt - und das am 12. Mai. Die Sherpas (Kunsthallenkolleginnen und Künstler) und ich als Esel am Schluss der Truppe (Wandermuffel mit Kindheitstrauma) ziehen bergauf, durch den talabwärts fliessenden Restschnee, graubraunen Dreck und Geröll. Im Berggasthaus Alp Sellamatt wärmen wir uns auf, schlagen uns die Bäuche voll und nicken verständnisvoll beim Betrachten der eintreffenden Hochzeitsgesellschaft, einer Braut Ton in Ton mit dem sagenhaften Nebel, der uns ein Lichtspiel in den Bergen bietet. Fast schon eine Kunstinstallation. Eine Installation solarer Art gibt es auch ein paar Kilometer weiter unten im Tal. Unter dem Logo Energietal Toggenburg wird zum dritten Mal der Tag der Sonne installiert. Dieser ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Event innerhalb der Projektgruppe Energietal

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des Blogs

THEMA

Die Kunstlet wurden auf der Alp Sellamatt gehörig verschijJt. Bild Damela vetsch Bohr

Toggenburg herangewachsen. Neu installierte Anlagen in Wohn- und Geschäftshäusern können jeweils besichtigt werden, gleichzeitig kann man sich an der solaren Gewerbeausstellung im Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg in Wattwil über die neuesten Solarprodukte informieren. Trockene Technologie trifft Kultur. Poetisches und Informatives trifft sich im wilden Tobel der Thur und in den gediegenen Räumen mit Club atmosphäre im Kraftwerk Krummenau. Unter der Regie von Barbara Bucher und der Choreografie von Sonja Rocha produziert das Chössi Theater Lichtensteig Shakespeares «Sommernachtstraum» im Kraftwerk-Tempel, unter Beteiligung der Kantonsschule Wattwil, des Jugendorchesters der Kanti Wattwil und des Freyder Ostenduntz Quartetts. Ausserdem informiert bis zum 17.Juni im Kraftwerk Krummenau das Energietal Toggenburg über die aktuellen und zukünftige Entwicklungen der Wasserkraft. Lassen wir Energien zu Synergien zusammenfliessen. Daniela Vetsch Böhi, 1968, ist Textildesignerin, umweltpolitisch und Mutter von zwei Kindern.

Aktive

VORARLBERG

Wie mir der Schnabel gewachsen ist Im Mai tobte ein Mundartsturm durch Vorarlberg. Die Veranstaltungsreihe «mundartMai» versammelte in 19 Veranstaltungen im ganzen Land von Dornbirn bis Tschagguns (eine davon auch über der Grenze in Altstätten, aber interessanterweise keine in Bregenz) die Liebhaber regionaler oder sogar nur lokaler Phoneme, Wörter und Wendungen. Zu allen Lesungen gab es Musik, aber nicht von den bekannten und teilweise sehr guten Vorarlberger Bands mit Dialekttexten wie z. B. dem Holstuonermusigbigbandclub, sondern von Alphornbläsern, Männergesangsverein, Hausmusik oder Querflötenensemble - es sollten ja die Lesungen im Vordergrund stehen, Konzerte waren nicht vorgesehen. Veranstalter war zusammen


THEMA

Rundflug

mit «Vorarlberger Nachrichten» und ORF einmal mehr der Dornbirner Lehrer und Verleger Ulrich «Gaul» Gabriel, der selbst Lieder und Kolumnen in - teilweise gewollt künstlicher Mundart verfasst. Das Vorarlberger Alemannische lässt sich in etwa ein Dutzend Dialekträume einteilen, die sich zumindest beim Hören teilweise doch erheblich unterscheiden. Von den vielzitierten Beispielen sei das Lustenauer <,Äuoli» erwähnt, dessen anlautenden Triphtong auch nur Lustenau er richtig aussprechen können. Gemeint ist ein Ei (eigentlich ein «Eilein», wird aber immer in diesem Diminutiv verwendet). Von der auch beliebten Wilderischen «Cadaladalalla- könnte ich mir vorstellen, dass man sie in der Ostschweiz auch versteht, wo es vielleicht an alten Häusern noch mehr von diesen Dingern gibt als bei uns. Meine Urgrosseltern mütterlicherseits kamen aus dem heutigen Tschechien nach Österreich und mein bei der Eisenbahn bediensteter Grossvater mit seiner Frau nach Bregenz (wieso er ans andere Ende Österreichs versetzt wurde oder sich versetzen liess, habe ich nie erfahren). Ich wuchs in der damaligen Bregenzer Arbeitervorstadt (wenn man das in einer 20000-Einwohner-Stadt überhaupt so sagen kann) in einem Mehrparteienmietshaus auf, in dem u. a. Südtiroler wohnten und - wenn ich mich recht erinnere - niemand, der Wilderisch, Montafonerisch, Schweizerisch, Schwäbisch oder sonst etwas Heftiges gesprochen hätte. Meine Grossmutter hatte neben den damals obligatorischen «Vorarlberger Nachrichten» immer noch mehrere Wiener Zeitungen abonniert, die ich in jener Jugendphase, in der man einfach alles liest, von vorne bis hinten durchstudierte. Wir sprachen aber nicht etwa Wienerisch oder Niederösterreichisch zuhause, ich kannte nur viele Wörter, die in Vorarlberg nicht geläufig waren. Meine im selben Haushalt lebende Tante hatte einen steirischen Verehrer, der mir am Samstag die Comics-Beilage «'Prinz Eisenherz») seiner Zeitung überliess. Dass er mir nebenbei auch ein paar steirische Phoneme herüberreichte, wurde mir erst viele Jahre später klar, als ich immer öfter gefragt wurde, ob ich aus der Steiermark käme. Als Schulkind erlebte ich den Dialekt ausschliesslich als Mittel der Diskriminierung. Von den Mitschülern bis zum Volksschuldirektor pfiffen mich alle regelmässig an, ich solle nicht so geschwollenes Schriftdeutsch mit komischem Akzent daherreden, sondern doch einfach nur so, wie mir der Schnabel gewachsen sei. Dass ich genau das tat, wollte und konnte keiner einsehen. Eine mindestens 50 Jahre nachgelieferte Pointe war, dass ich mich vor zwei oder drei Jahren im Lokalfernsehen zu einer mässig lustigen Würstelstandbeurteilung überreden hatte lassen und mich fünf Minuten nach dem Ende der Sendung ein Zeitgenosse anrief, der mir ins Ohr brüllte, es heisse nicht «es isch guat gwesn», sondern in Vorarlberg heisse es «es isch guat gsi», und was ich denn für ein Vogel sei, dass ich so komisch spreche.

Eine für mich angenehme Auseinandersetzung mit der Mundart hatte ich erst Jahrzehnte nach meiner Schulzeit, als ich bei meinen Lesungen fremde Dialektgedichte, vor allem die durch ihren Vokalreichtum dafür besonders geeigneten aus dem Bregenzerwald, stark übertrieben, falsch rhythmisiert und gedehnt buchstabengetreu so vorlas, wie sie mit den üblichen 26 Buchstaben des Alphabets geschrieben worden waren. Also zum Beispiel «rneor neand liobor andoers züg» (wir nehmen lieber anderes Zeug) als «me/6r/ne/and/li/6bor/an/d6/ ers/zug». Das Publikum (auch das wälderische) fand das immer lustig, aber ich hatte ja eigentlich kein Copyright und keine Genehmigung, fremde Gedichte so zu verzerren, deshalb habe ich es später wieder bleiben lassen. Heute freue ich mich, wenn ich eine so brillante Übersetzung eines Ray-Stevens-Songs ins Wilder ische wie «I bea's wiedor Margreth» von Ulrich Troy (auf der CD «Stemmeisen & Zündschnur: Dia Sibt») höre oder in Idiotika (so heissen Dialektwörterbücher nun einmal) nach jenen der Realität viel genauer angepassten Wendungen suche, die die regionale Alltagssprache angeblich bereitstellt. Gefunden habe ich da noch nicht viel, aber es kann ja noch werden. Kurt Bracharz, 1947, arbeitet als Schriftsteller, Kolumnist und Übersetzer

in Bregenz.

WINTERTHUR

Touchdown an

der ETH Früher hiess es, das Beste an Winterthur sei der Schnellzug nach Zürich. Das war, bevor es die S-Bahn gab, und auch in manch anderer Hinsicht stimmt der Spruch nicht mehr - in einer allerdings schon: Das intellektuelle Leben hat hier auch im Frühling 2012 keinen grossartigen Aufschwung genommen. Daher gibt es hier für einmal einen Ausflug. Nach Zürich. An der ETH sprach der deutsch-amerikanische Romanist Hans Ulrich Gumbrecht. Vor bald zehn Jahren hat dieser ein vielbeachtetes Buch geschrieben mit dem Titel «Diesseits der Hermeneutik». Darin geht es um die Frage, wie man dem Interpretationszwang Momente der Unmittelbarkeit entgegensetzen kann, wie man zu einer unvermittelten Position gegenüber «den Dingen dieser Welt» kommt, wie Präsenz zu haben ist. In Zürich sprach Gumbrecht diesmal über Availability, die Allverfügbarkeit im digitalen Medien-Setup (Internet, Personal Computer, Smartphone et cetera), und stellte die Frage, ob man sich der elektronischen Revolution anpassen könne. Die Antwort: Man kann nicht anders - ausser man gehört zu einer Sorte Mensch, wie sie in Anekdoten vom einfachen

Hohe Schule der Availability: Ein Alligator zeigt Präsenz. ",ld

pd

Leben vorkommen. Gumbrechts ganz persönliche Anekdote ging so: Ein Professor, der sich in den Sumpf gebieten um New Orleans verlaufen hat, trifft auf zwei Afroamerikaner. Sagt der eine: Wissen Sie, Monsieur, es gibt zwei Arten Alligatoren hier. Die einen sind drei Fuss lang und butterzart. Sie schmecken ausgezeichnet. Die anderen sind vier Fuss lang und zäh. Man kann sie nicht essen. Mehr braucht man in den Sümpfen nicht zu wissen, verfügbar sind die Beutetiere, nicht die Menschen. Aber Gumbrecht wohnt in Stanford im Silicon Valley, im Brennpunkt der elektronischen Revolution, und gerade da sind offenbar leicht Leute bei der Hand, die seinem Mythos vom einfachen Leben nachkommen. So ein Quarterback des dortigen Uni-Footballteams, der kürzlich einen Teamwechsel abgelehnt habe, da er zwischen einer Million, die er bisher verdient, und fünfzig Millionen, die ihm geboten wurden, keinen relevanten Unterschied erkenne. Der Professor lobte dies als mittelständische Beschaulichkeit, wobei sich zwei Interpretationen aufdrängen. Erstens: Im intellektuellen Gravitationsfeld des Präsenztheoretikers geht Touchdown über alle Zeichensysteme. Zweitens: Bei Alligatoren kommt es auf drei oder vier Fuss an, bei Menschen auf eine oder fünfzig Millionen hingegen nicht. Diesseits der Anekdote steht diese Beschaulichkeit allerdings auf etwas unsicherem Boden. Nicht jeder hat die Mittel (sportliches Talent oder professorale Reputation), um sich der Allverfügbarkeit zu entziehen - und damit zurück in die Provinz. Hier baut die Stadt zusammen mit einem privaten Anbieter ein leistungsstarkes Glasfasernetz auf. Wir freuen uns daran, denn wenn es hart auf hart kommt, treiben wir uns bei aller Sehnsucht nach Unmittelbarkeit lieber im World Wide Web herum als auf der Alligatorenjagd. Wendelin Brühwiler,

1982,

arbeitet an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Uni Zürich.

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Grubenmann

THEMA

Unter mächtigen Balken Die Grubenmann-Sammlung ist ins Zeughaus Teufen gezogen. Und Teufen erhält so doch noch ein Kulturzentrum. VON

KRISTIN

SCHM1DT

Lebte Hans Ulrich Grubenmann heutzutage, er zählte zu den Stararchitekten. Die Holzbauten des Teufners gelten als herausragende Ingenieurleistungen, und das seit zweieinhalb Jahrhunderten. Das Einzigartige, Wegweisende seiner Brücken, Kirchen und Herrschaftshäuser, die riesigen, stützenfrei überspannten Räume lassen sich vor Ort trefflich erfahren. Doch für diejenigen, die mehr wissen wollen, empfiehlt sich eine Reise in den Geburtsort des Baumeisters: ins Zeughaus Teufen. Hier ins Zeughaus sind nicht nur sämtliche Objekte der Grubenmann-Sammlung gezogen. Im Obergeschoss des Hauses wird die Holzbaukunst umfassender und eindrücklicher präsentiert als bisher im Alten Bahnhof Teufen. Zudem ist das Zeughaus mehr als ein Museum, es ist auch Veranstaltungssaal, Raum für Sonderausstellungen, Gemäldesammlung und eben Ort der Grubenmann-Sammlung - ein Kulturzentrum für Teufen also doch noch, nachdem das Volk hier vor Jahren Nein zu einem Kunsthaus für die Sammlung T gesagt hatte.

Symmetrie mit Schwung Bereits auf dem Vorplatz zeigt sich des Hauses neue Aufgabe. Der Innerschweizer Künstler Christian Kathriner legte auf dem Asphalt eine Zeichnung an, eine Trajektorienzeichnung. Linien aus Strassenmarkierungsfarbe spannen sich über das Schwarz und verweisen auf ein grafisches Verfahren der Ingenieurkunst. Sie nehmen die strenge Symmetrie des klassizistischen Kublybaus auf und setzen mit ihrem Schwung den Betrachter in Bewegung - auf dass er die Schmalseite des Hauses erreiche und so den Eingang. Die Architekten Ruedi Elser und Felix Wettstein haben hier eine Begegnungszone geschaffen, die sich sicherlich bald auch einmal unabhängig vom Museumsbetrieb etablieren wird. Doch die Neugier aufs Innere treibt die Schritte hinein und hinauf im restaurierten hölzernen Treppenhaus. Im ersten Stock präsentiert Ueli Vogt, Kurator des Zeughauses, die Eröffnungsausstellung «Ausgewogen]!». Elf Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit Gewicht und Lasten auseinander und entwickelten ihre Arbeiten teilweise eigens für die Ausstellung. Die Trognerin Karin Bühler etwa bringt Grussworte von Felix Wilhelm Kublyan den Säckelmeister in Stucktechnik an die Wand. Die Zürcherin Sandra Kühne verwandelt Pläne in filigrane, im Raum hängende Gespinste, und Roman Signer baut eine Luftbrücke. Alle Künstlerinnen und Künstler bieten

Dachstockmodell im Dachstock: Die neue Grubenmann-Sammlung im weitesten Sinne neue Interpretationen des Holzbauthemas - und einen Kontrast zu den Gemälden Hans Zellers. Vier Kuben haben die Architekten in das erste Obergeschoss gestellt und zwei davon sind in Gemäldekabinette für den Landschafts- und Portrait-Maler aus Waldstatt verwandelt. Zeller (1897-1983) malte die Landschaft und die Menschen seiner Umgebung, das traditionelle dörfliche Leben und das kulturelle Brauchtum des Appenzellerlandes. Seine Werke sind mittlerweile in eine Stiftung überführt und haben nun einen ständigen und angemessenen Platz gefunden. Sie verankern das Zeughaus einmal mehr in Teufen.

Bis tief unter die Dachschrägen genutzt Den eigentlichen grossen Auftritt im Zeughaus erhält Hans Ulrich Grubenmann im Dachgeschoss. Hier unter den mächtigen hölzernen Balkenkonstruktionen vermittelt Ueli Vogt gemeinsam mit den Gestaltern von znd West und TGG einen lebendigen, vielseitigen Blick auf den Ingenieur. Sie verzichteten auf den Einbau geschlossener Ausstellungskuben und nutzen den Raum bis tief unter die Dachschrägen. Die Raummitte dominiert eine nach fünf Seiten hin mal mehr, mal weniger geöffnete Kiste. Vogt vergleicht sie mit einer begehbaren Vitrine.

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im Aujbau.

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Chrrsnane Dong

Sie birgt die Modelle, die nicht mehr verglast sind, sondern einen Raum im Raum einnehmen und sogar überspannen. Ein Zeitstrahl zeigt eindrucksvoll die Schaffenskraft Grubenmanns. Bilderzyklen stellen Plandarstellungen, Aussen- und Innenansichten in verschiedenen Techniken und aus verschiedenen Zeiten einander gegenüber. Originaldokumente warten in Schubladen auf die Betrachter. Durch- und Aussichten stellen immer wieder den Kontakt zur umgebenden, realen Holzkonstruktion dar. Im I: I -Verhältnis ist ein Stück Dachstock nachgebaut. Was keinen Platz in der Vitrine fand, wird dennoch nicht den Blicken entzogen, sondern in einem Schaulager aufbewahrt. Besonders stolz ist Vogt auf die neu geschaffenen Arbeitsplätze in den Dachseiten. Hier kann konzentriert und werknah gearbeitet werden, am besten natürlich mit GrubenmannBezug. Aber auch allgemeiner betrachtet, gibt es im Holzbau noch viel zu erforschen. Und so wird auch die Grubenmann-Sammlung wachsen und immer wieder in neue Zusammenhänge gestellt. Zeughaus Teufen. Eröffnungsfeier Samstag, 9. Juni, 12 Uhr; Sonntag,

10. Juni, 9.45 Uhr.

Mehr Infos: www.zeughausteufen.ch


THEMA

Sparpaket

Ein Eindruck von Schmörzeligkeit Die St. Galler Regierung hat den Sparbifehl des Kantonsrats bifolgt und ein weiteres Sparpaket geschnürt. Anfangjuni kommt es vor den Grossen Rat. Davon betroffen sind alle. VON

Müsste man das Sparpaket verfilmen, könnte man beispielsweise mit einer Flugaufnahme beginnen: Von weit oben würde man zuerst die Schweiz erkennen, dann diesen Kanton mit seiner wenig attraktiven Randlage, ein bisschen Berge, ein bisschen See. Im Tiefflug wären ein paar Industriebetriebe zu sehen, einige Hightech-Unternehmen im Rheintal. Im Voice-over-Kommentar würden all die Sätze vorkommen, die in den Studien und Berichten von Forschungsinstituten und Consultingfirmen stehen, die in letzter Zeit über den Kanton St.Gallen veröffentlicht wurden: Es würde erklärt, dass es sich um einen Kanton handelt, der wirtschaftlich zu den schwächeren gehört, der eine vergleichsweise schlanke Staatsverwaltung hat, der nicht verschuldet ist, sich aber Steuerreduktionen leistete, die das Forschungsinstitut BAK Basel als «sportlich» qualifizierte. Vielleicht könnte ein letzter Satz lauten: «Ohne Steuersenkungen hätte der Kanton St. Gallen 20IO rund 850 Millionen Franken mehr eingenommen.»

ANDREAS

KNEUBÜHLER

das man filmisch mit ein paar Close-Ups dokumentieren könnte, wären die 15'000 Franken, die die Amtsnotariate einsparen sollen. Bisher gab es dort erste unentgeltliche Auskünfte für St.Gallerinnen und St.Galler, die einen Eheoder einen Erbvertrag abschliessen wollten. Ihnen wird erklärt, was die Möglichkeiten und Grenzen solcher Verträge sind. Es sei besser, solche Auskünfte nicht telefonisch zu erteilen, sondern wenn man den Leuten gegenübersitze, sagt Marcel Kreienbühl, Leiter des Amtsnotariats Wil- Toggenburg. Manchmal müsse man beispielsweise etwas aufzeichnen.

Unterricht in der Aula

Einschneidend sind aber vor allem die Massnahmen, die den Bildungsbereich treffen. Vorgesehen ist unter anderem eine Erhöhung der Studiengebühren für die Studierenden an der Universität und den Fachhochschulen. Es hat auch Vorschläge, die fast schon absurd wirken. So sollen in den Kantonsschulen 400'000 Franken eingespart werden, indem für einzelne Lektionen mehrere Klassen gemeinsam in der Aula unterrichtet werden. Allerdings fehlen das dafür nötige Mobiliar und Schulmaterial. Leider steht nirgends, wie viel das kosten würde. Für die Pädagogische Hochschule schlägt die Regierung ein ganzes Bündel von Massnahmen vor. So wird etwa der Gebäudeunterhalt auf ein Minimum reduziert. Das Angebot, ein zweites Musikinstrument zu lernen, wird abgeschafft. Es gibt weitere solcher Massnahmen. Die Auswirkungen umschreibt die Regierung als «Abnahme der Attraktivität des Studiums an der PHSG». Das gleiche Spiel bei der FHS St.Gallen. Es wird alles Mögliche gekürzt und zusammengestrichen. Als Folge 85 Sparvorschläge davon könnte «eine Abwanderung Inzwischen wäre die fliegende Kavon Studierenden an andere Hochmera auf dem Klosterplatz angeschulen einsetzen». langt. Sie würde durch die lanAuf den ersten Blick scheint die gen Gänge des RegierungsgebäuSchulerarbeit «1400 Sekunden Callus» - jetzt will der Kanton Kultur glimpflich davonzukommen. des streifen, dann ein paar Trepausgerechnet bei der Bildung sparen. B,ld pd Die Kulturbeiträge an Projekte und pen hoch bis in einen Raum voller Kulturinstitutionen werden um Journalisten. An einem Tisch sähe man RegieWenn nun bei den Amtsnotariaten 15'000 50'000 Franken reduziert, der Förderkredit einrungspräsidentin Karin Keller-Sutter, die ihren Franken eingespart werden müssen, bedeutet gefroren. Die Leistungen des Kantons seien «für letzten grossen Auftritt hat, daneben Finanzchef dies nicht, dass es keine unentgeltlichen Ausdas Überleben vieler Institutionen zwingend», Martin Gehrer. Hinter Karin Keller-Sutter ist künfte mehr gibt - die Notare sind einfach we- heisst es etwas gar lapidar im Kommentar. Auf ein vertikales Schild zu erkennen. Darauf steht niger grosszügig. «Man nimmt sich nicht mehr den zweiten Blick sind die Einschnitte markander Slogan: «St.Gallen kann es». Wahrscheinlich soviel Zeit wie früher oder sagt irgendwann: ter. Die Regierung schlägt vor, die Beiträge an müsste man nun als Erklärung folgende UnterAb jetzt kostet es», erklärt Marcel Kreienbühl. die Denkmalpflege um zehn Prozent zu kürzen. titel einblenden: Der Kanton St.Gallen leistet Klare Regeln sind nicht vorgesehen. Es tönt Die fehlenden Gelder sollen über den Lottesich ein drittes Sparprogramm in zwei Jahren. nach <0e nachdem». Man könnte nun sagen, riefonds ausgeglichen werden, obwohl es sich Am 4. Mai gibt die Regierung die konkreten einen solchen Service müsste sich ein Staat für dabei um Staatsaufgaben handelt. Das bedeuMassnahmen bekannt. Sie sollen Einsparungen seine steuerzahlenden Bürgerinnen und Bürger tet, dass es ab 2013 130'000 Franken weniger für von 200 Millionen Franken bringen. doch leisten können. Solche Stimmen haben kulturelle Projekte zu verteilen gibt. - WahrIn der Folge wären Visualisierungen schwieim Kantonsrat bisher keine Chance gegen den scheinlich könnte auch ein Film über das Sparrig. Einige der 85 Sparvorschläge sind allgemeiBlock mit SVP und FDp, der von der CVP paket nicht mehr gefordert werden. ne Budgetkürzungen bei Staatsstellen. Vieles, unterstützt wird. «Das nächste wird die Einwas geplant war, muss zurückgestellt werden. führung einer gebührenpflichtigen TelefonLiest man die Sammlung durch, entsteht der nummer sein», sagt SP-Fraktionschef Peter Konkrete Beispiele aus dem Sparpaket Eindruck von Schmörzeligkeit. Ein Beispiel, Hartmann. werden im Ostblog veröffentlicht.

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Modelhof

THEMA

Protziges Getue Der Modelhof in Müllheim ) Regierungssitz des selbsternannten Staates Avalon, ist ein Architekturverschnitt zwischen Tempel und Sporthalle. VON

RENE

HORNUNG

Renaissance, verkehrt herum: der Modelho] «Herrschaft nornol, tuet dä jetzt protzig.» Der Thurgauer Spruch, einst eine Kritik an den Schlössern auf dem Seerücken, hat ein neues Objekt im Visier: den Modelhof in Müllheim. Nicht dass Müllheim eine heile Welt wäre. Da gibt es bereits eine ummauerte Villa mit einem modischen Neubau mit rostiger Fassade. Da kleben einige neue Mehrfamilienhäuser am Hang, und auch eine Beton-Raiffeisenbank steht mitten im Dorf. Dochjetzt hat Daniel Model alles übertrumpft. Was den Erben der Verpackungsfabrik aus dem benachbarten Weinfelden umtreibt, ist «Sairen--Leserinnen und -Lesern bekannt. Er sieht sich als selbsternanntes Oberhaupt des Staates Avalon. Das sei ein «elitärer Staat». Um aufgenommen zu werden, müsse man eine Eintrittsprüfung bestehen und sollte sich zur «Freigeisterei» hingezogen fühlen und vom Leistungsprinzip überzeugt sein, sagt Model in einem Interview, das das «Liberale Institut» von Robert Nef publiziert hat. Die Münzen seines Staats hat Model bereits prägen lassen, anfangs Juni wird nun sein Palast eingeweiht mit Bachs H-moll-Messe (<<Dresscode: Elegant. Dunkler Anzug, Krawatte»).

Aufwändig kaschiert Ein ziemlich protziger Bau für eine sektiererisch anmutende Idee. Doch was steht da eigentlich? Ein Tempel? Ein Opernhaus? Ein Palast von Ceausescu? Ein Verschnitt von allem und einigem mehr. Eigentlich sei es kein besonders teurer Bau, sagen beteiligte Handwerker, doch das Backsteinmauerwerk ist aufwändig kaschiert: über dem weissen Granitsockel eine fein geschliffene Wand aus Rorschacher Sandsteinquadern mit sorgfaltig verschliffenen Fenster-

simsen. Viele der wichtigen Handwerkernamen der Region stehen auf der Bautafel. Wer von der Bahnhofstrasse in die Sackgasse der Hofstrasse (!) in Müllheim einbiegt, dem fallt zuerst die Apsis auf der Rückseite auf. Die erste Assoziation: eine Kirche. Dann streift das Auge die wuchtigen Fensterlaibungen. Die Fenster selbst sind im Hochparterre rechteckig, aber mit enttäuschend einfachen Kreuzsprossen: zu simpel und zu fein für die Dimension der Öffnungen. Viel aufwändiger die Bogenfenster im Obergeschoss: Hier spielt das Haus RenaissanceSchloss - nur verkehrt herum. Hohe Bogenfenster unten, nach oben niedriger werdende Etagen, lautete damals das Gesetz. Doch der «archaische» Stilmix, wie ihn Daniel Model selber nennt, ist Programm. Entwurfsarchitekt Urs Strähl von der benachbarten Bildhauerschule und Daniel Model sind so lange zusammengesessen, bis jeder seine Lieblingsdetails irgendwo umgesetzt hatte - Strähl etwa seine «cassinische Kurve», die auch in der Anthroposophie vorkommt. Kein Wunder, haben die modellierten Fensterkuppeln und das Vordach über der Haupttreppe GoetheanumAnklänge. Die Messing-Haupttüre aber ist mit Dreiecken und Sternen verziert, als wäre hier eine Loge zu Hause. Der im Moment noch leuchtend kupferne Dachaufbau wiederum erinnert an eine aufblasbare Sporthalle.

Die Fratzen des Liberalismus Die Wasserspeier frönen der Bildhauerei. Tierköpfe und Fratzen schauen von oben herab, brave Schafe, kämpferisch gehörntes Steinwild, aber auch den Betrachter verhöhnende Fratzen. Nein, Daniel Model wollte damit nicht sein Geschäftsgebaren darstellen. Aber unwillkür-

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",lcl Rene Homung

lieh erinnern uns diese Figuren daran, wie rigoros er mit Personal umgeht, das sich schlechtere Arbeitsbedingungen nicht gefallen lässt, und wie er als einer der ersten Thurgauer Unternehmer seine Leute bei gleichem Lohn zwei Wochenstunden länger arbeiten liess, als der Frankenkurs gegenüber dem Euro letztes Jahr derart hochschnellte. Der Innenhof ist auf vierzehn Metern Höhe mit einer Kuppel überdeckt. Gut zwanzig Räume hat das Haus, einige sehr farbig ausgestattet, andere mit Stoff tapeten und klassisch getäfert. Innen- Verschattungen mit Holzfaltläden zitieren die Ausstattung des 19. Jahrhunderts - Zitate quer durch die Zeiten. Daniel Model stellt das Haus gerne als Ort der Kunst und des Nachdenkens vor. Das Modelhof-Musikensemble sucht auf der Website ebenso Mitglieder wie das Schauspiel ensemble, und eine Bibliothek <'mit den hundert liberalsten Büchern» wird hier eingerichtet. Dass sich Models Liberalismusverständnis politisch am rechten Rand bewegt, weiss man aus vielen Stellungnahmen im Thurgauer Arbeitgeberverband und aus Interviews. Nicht zufallig findet man auch einen Beitrag von ihm in der Festschrift für Robert Nef, Model sitzt auch im Stiftungsrat von dessen «Liberalem Institut». Die Liste der sechzig Autoren in dieser Festschrift liest sich wie das Whois-who des Schweizer Rechtsbürgertums. Daniel Model sinniert dort zum Thema «Sie haben viele Antworten - doch was sind die Fragen?». Herrschaft nomoI! - Noch Fragen? Modelhof

Müllheim.

Eröffnungskonzerte

am Samstag, 2. Juni, 20 Uhr; Sonntag, 3. und 10. Juni, 17 Uhr; Samstag, 9. Juni, 19 Uhr. Mehr Infos: www.modelhof.ch


FLASCHENPOST

aus Kolumbien

Trafico tropical Das kolumbianische Postauto heisst Chiva und ist weiblich. Sie ist nicht gelb, wenigstens nicht ausschliesslich - sie ist bunt angemalt. Verziert ist auch die Windschutzscheibe bis auf einen kleinen Streifen für das Nötigste. Jede Chiva hat einen eigenen Namen und ist immer einem Heiligen gewidmet. Sie verbindet eine Landschaft mit der jeweiligen Stadt. Man trifft sie auf Strassen an, die schmaler sind als sie selbst, und auf denen sich trotzdem zwei davon kreuzen können. Wer sie besteigt, bekreuzigt sich. Auch der Chauffeur. Vor allem der Chauffeur. Eine Chiva hat immer eine gewaltige Soundanlage installiert. Die zahlreichen Lautsprecher lassen sich überall anschrauben, denn die ganze Hülle ist aus Holz geschreinert. Aus Chanul, einem bockharten Tropenholz, dem man unglaublich viel zutrauen kann. In der Chiva sitzen bis zu sechzig Personen auf etwa acht quer über die Brücke montierten Sitzbänken. Der Zugang ist auf der rechten Seite. Links ist eine fensterlose Öffnung, stahlbewehrt und darüber eine aufgerollte Blache, die man herunterrollt, wenn es kalt ist oder regnet. Der Fahrbegleiter, der hier Adjutant heisst, angelt sich aussen, auf einem zehn Zentimeter breiten Vorsprung, den Sitzreihen entlang und kassiert das Fahrgeld. Hinten stehen in aller Regel ein paar überzählige Fahrgäste auf einer offenen Plattform und halten sich an reichlich montierten Eisenstangen fest. Hin und wieder schafft es eine solche Fuhre in die städtische Zeitung mit der Überschrift: «So nicht!», und die ausgeschnittenen Artikel hängen dann für eine Zeit in den Läden auf dem Lande und die Einheimischen nehmen sie freundlich zur Kenntnis.

Die Reisen des Don H. Die Leute reisen niemals allein. Jede Reise hat ihren Zweck. Und meistens geht es darum, etwas zu bringen oder zu holen. In die Stadt kommen so tonnenweise Gemüse und Früchte, zurück Baumaterial, Möbel und dergleichen. All das reist auf dem Dach der Chiva mit. Es gibt keine Gewichtsbeschränkung. Es gibt auch keine Platzbeschränkung. Ob ich mit einer halben Tonne Zementsäcke reise, mit zwei Kubikmetern Hühnerkäfigen, zehn Säcken Kartoffeln, einem zerlegten Fertighaus, acht Meter langen Brettern oder nur mit einer leeren Einkaufstasche, spielt keine Rolle. Man weiss auch nie, wer womit unterwegs wartet. So kann die Reise, je nach Fracht, die Hälfte oder auch das Doppelte dauern, und man hat es entweder bequem oder steht in einem Zwischenraum, der nur gerade einen Meter vierzig hoch ist und keiner Serife Platz gäbe. Dazu immer Salsa. Und unendlich freundliche Leute, die schwatzen und lachen, abends mehr als morgens, wie das ja im Postauto in der Schweiz auch der Fall ist. Es gibt einen

Einheitspreis, egal von wo bis wo die Reise geht. Zu- und aussteigen kann man überall. Es reklamiert niemand über einen völlig widersinnigen Stopp zwanzig Meter nach dem letzten. Ein gutes System und günstig. Mit etwas Einfluss lässt sich der Service noch ausbauen. So wie es unser Nachbar Don H. fertigbringt, wenn er mit seiner Frau aus der Stadt mit einem Säcklein Einkäufe zurückreist. Von der Strasse bis zu ihrem Haus ist es ein halber Kilometer. Mit Don H., seiner Frau und ihrem Sack an Bord legt der Chauffeur den Rückwärtsgang ein und fährt die enge und kurvige Strasse retour hinauf. Unterstützt vom Adjutanten und an kritischen Stellen auch von allen Passagieren. Bis vors Haus des Don H.! Dort wird der Sack abgeladen, den beiden Passagieren aus dem Gefährt geholfen und dann geht die Reise weiter. Wunderbar. Solcherlei gibts zuhauf. Vor einiger Zeit lernte ich, wie die Chiva in Schuss gehalten wird. Unten an der Strasse, dort, wo sie morgens ihre Kehrtwende macht, stand sie da, mit offener Haube. Der Chauffeur füllte Wasser nach. Ihr Kühlsystem hatte ein Leck. Er bestellte sechs Eier - auf dem Land kann man das immer -, schlug sie wie zum Frühstück am Pfannenrand kunstvoll auf und leerte sie in den offenen Radiator, ins heisse Wasser. Leck geflickt.

Irrfahrt durch Cali Seit kurzem sind wir selber motorisiert. Mit einem Detroit-Dinosaurier aus dem letzten Jahrhundert. Ich fahre mit unserem Monster und fünfzehn Stundenkilometern die fünfzehn Kilometer lange Lehmpiste hinunter bis anfangs Teer und dann hinein in den Wahnsinn des Stadtverkehrs. Beim Eisenwarenladen kaufe ich ein und will wieder zurückfahren, aber die Zufahrt ist Einbahn und ich muss hinunter statt hinauf; kein Problem, weil es ja überall Querstrassen hat. Aber die Querstrassen sind ebenfalls Einbahn. Links weg statt rechts. Neben mir die Piste des Mio, des ganz neuen Bussystems. Die ist mit Betonwänden von der Strasse abgegrenzt. Ununterbrochen. So geht es also südwärts, weg von zuhause. Ewig. Die Quartiere hier liefern die Geschichten für das lokale Boulevardblatt, den «Q'hubo». Das heisst: Was ist los? Und was los ist, sind die aktuellsten Schindludereien, verbreitet mit mehr Rot an einem Tag, als der «Blick» in einem Jahr verbraucht. Glücklicherweise hat mein Pickup getönte Scheiben. Also weiter. Südwärts. Von roter Ampel zu roter Ampel. Mein Schweizer Verkehrs verstand erlaubt mir zwar zu akzeptieren, dass es nie direkt von A nach B geht, sondern via einen guten Teil vom Rest des Alphabets, aber dass darin eine Logik verborgen ist, sich darin ein verkehrsplanerischer Algorithmus finden lässt, kann ich nur erahnen und lässt meinen Glauben an die

Vernunft noch nicht ganz sterben. Während der Suche hinter dem Steuer, das seine eigentliche Bedeutung im Prozess ebenfalls fast völlig verliert, revitalisieren sich die letzten operierenden Nerventransmitter von Zeit zu Zeit mit einem Heureka und motivieren zum Weitermachen.

Das grosse Muster hinter allem Wie schon gesagt: Hier baumelt von jedem Rückspiegel ein Rosenkranz und auf jedem Heck klebt ein Bild von Mother Mary und ihrem heils bringenden Sohn. Diese Symbole der Hoffnung im Strassenverkehr Calis sind die eigentlichen Verkehrssignale. Ohne sie wäre hier infernalisches Zähneknirschen und lautes Wehklagen Programm. Es ist der Glaube an etwas Wichtigeres, Grösseres als an den Verkehr und seine beschränkte «Bring-mich-bitte-von-Anach-B»-Botschaft. Es geht um mehr, es geht um das Werden und Vergehen des Universums, um riesige, glühende Meteoriten. Es geht um die Erde im unendlichen Dunkel des Weltalls, um unsere persönliche Endlichkeit, unsere völlige Unbeholfenheit darin. Und es geht darum, dass wir trotz unserer absoluten Nichtigkeit unsere so offensichtliche Lächerlichkeit ernst nehmen müssen. Oder dürfen. Und wir uns in ebendieser, bestenfalls von festem Glauben und grosser Hoffnung erfüllten Einsicht wie frisch Verliebte ins Chaos des Moments werfen, weil es uns wie die sichere Zukunft erscheint. Und wenn sich die Chauffeure bekreuzigen, wäre ein ratiolastiger Geist versucht zu meinen, sie würden stattdessen lieber bremsen und bei Rotlicht stoppen. Seit ich hier selber fahre, weiss ich, dass es nicht primär um die Dinge geht, die uns nach dem Leben trachten, sondern um die Dinge, die nach der Seele greifen. Auf der Irrfahrt durch Calis Süden, mit dem Zement und den Betoneisen für die Küchenanrichte hinten auf der Brücke, habe ich erkannt, was der Unterschied ist zwischen dem, was die Kirche feilhält und dem Angebot der Motorfahrzeugkontrolle. Irgendwann und irgendwie war ich dann wieder auf der verschlissenen Landstrasse hinauf nach Hause unterwegs, mit fünfzehn Stundenkilometern. Ich habe keine Ahnung, wie. Ich erinnere mich nur, dass ich verschiedene Gebäude von allen vier Seiten gesehen habe und einige davon diverse Male. Es bleibt mir das nächste Mal nichts anderes übrig, als es wie die Chiva-Chauffeure zu machen: der Griff nach dem Aus-Schalter an der Stirn. Der Griff nach dem Ein-Schalter an der Brust und der mysteriöse, dritte Griff nach rechts: remote on. Andreas

Bächler,

1954,

lebt seit 2010 in der Umgebung

von

Cali und hat mit seiner kolumbianischen Frau eine Finca aufgebaut.

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aus Kolumbien

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KULTUR «Wenn man uns umstülpt, wird es knallrot» Mit «Blutbetriebene Kameras und quellende Räume» kehrt Pipilotti Rist im Juni an den Ort zurück) an dem alles begann: ins Kunstmuseum St. Gallen. Woijgang Steiger hat mit ihr über die grösste Stadt der vvelt) technische Konventionen und rote Plätze gesprochen. Btld Florrau Bachmann

«SAITEN»:Nimmt Ihre neue Ausstellung im Kunstmuseum Bezug zum Ort, an dem sie stattfindet? PIPILOTTIRIST:Bezüge zu St.Gallen finden sich mehrfach. Vor achtzehn Jahren hatte ich im Zusammenhang mit dem Manorpreis im Kunstmuseum meine allererste Museumsausstellung. Das waren zwei komplette Räume im Obergeschoss plus drei Arbeiten auf dem Weg dorthin. Eine davon war der Lüster, der immer noch hängt. Auch den Raum, in dem eine Unterwasserwelt mit der St.Galler Tracht gemischt wird, zeige ich nochmals. Es ist ein Kreis, der sich schliesst. Ich gehe wieder dorthin, wo ich museumsmässig angefangen habe: mit dem gleichen Kurator, mit dem gleichen Direktor, mit dem gleichen Chef techniker. Wir sind älter und hoffentlich gescheiter geworden. Aber es gibt auch neue Arbeiten. Ich habe jetzt mehr Räume, und doch ist die Ausstellung kleiner als die, die ich gerade in London und Mannheim gemacht habe. Und was kommt danach? Das Vorpensionsalter (lacht). Ich mache danach eine kleine Pause. Ein Jahr lang habe ich keinen Abgabetermin mehr, damit ich innehalten und überlegen kann, was ich noch machen möchte. Das plane ich seit drei Jahren. Soweit es sich vor der Eröffnung vom Ausstellungs titel «Blutbetriebene Kameras und

quellende Räume» her erahnen lässt, geht es in der Ausstellung um klassische Themen der Kunst, um Räume und um das Sehen. Einerseits ist da der geschützte Raum der Institution und andererseits der Raum der Fantasie. Wenn auf der ganzen Welt alles erforscht oder in Beschlag genommen ist, dann sind das die unbekannten Räume, in die man noch hineingehen kann. Im Gegensatz zum Weltbild der Renaissance mit ihren zentralperspektivischen Räumen befassen sich Ihre Arbeiten mit Denk- oder psychischen Räumen? Kulturelle Äusserungen schlagen in den Räumen unserer Gene andere Räume vor. So öffnet die illusionistische Malerei mit ihrem Viereck die Wand. Ich arbeite eher mit Lichtprojektionen, die wiederum die Architektur und die Wand auflösen. Zurzeit zeigt eine Ausstellung in der Lokremise innerhalb der Sammlung von Ursula Hauser unter anderem die Zellen von Louise Bourgeois. Das sind abgeschlossene Räume - wie Gefängnisse. Wenn wir vom Ur-Raum ausgehen, ist das unser in der Haut eingeschlossener Körper. Im Raum der Gesellschaft organisieren wir, wie wir zusammenleben möchten. Die Kultur ist der Raum, in den man als einzelne abgeschlossene Zelle hi-

neingeht. Dort hört man zum Beispiel mit anderen zusammen Musik, was aus der Einsamkeit heraushilft. Gemeinsames Erleben bringt eine Diskussionsgrundlage, um sagen zu können, ob ich mich drin sehe oder nicht. Es geht um die Frage der Identität. Dazu braucht es so emen geschützten Raum wie das Museum. Was halten Sie davon, dass dem Kunstmuseum unterstellt wird, es sei mit dem Markt verknüpft? Ich finde die Diskussion um den Markt übertrieben. Der Fokus richtet sich zu sehr auf Klatsch. Dabei gibt es viele Leute, die auf den verschiedensten Ebenen seriös arbeiten. Früher forderten die Kirche und Fürsten die Kunst. Momentan sieht es nicht so aus, wie wenn eine demokratische Mehrheit diese Aufgabe übernehmen möchte. Wenn man an die SVP denkt, sieht das tatsächlich nicht danach aus. Das heisst also, dass die Künstler, um überleben zu können, sich auch eigene Strukturen erschaffen müssen. Gibt es in Ihrer Ausstellung eine Botschaft? Wenn ich an Ihren Film «Pepperminta» denke, konnte man unschwer den Aufrufheraushören: «Fantasie an die Macht».

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Kunst Ich habe verschiedene Botschaften auf verschiedenen Ebenen. Aber wenn Sie eine generelle möchten: Ich hoffe, dass den Betrachtern meiner Arbeiten Kraft und Überzeugung gegeben wird, ihre eigene Fantasie ernstzunehmen. Wir akzeptieren verhältnismässig viele Regeln, die nicht nötig wären. Das war auch die Grundidee von «Pepperrninta». Eine andere Botschaft: Mich interessiert die ausserordentlich starke Bedeutung des elektronischen Bildes in unserer Gesellschaft, das so viel Kraft abzieht. Ich hoffe, dass meine Arbeit dazu animiert, wilder mit dieser Technologie umzugehen. Wenn nach der Ausstellung die Leute ihren Fernseher an die Decke montierten, fande ich das extrem cool. Es geht darum, herauszufinden, dass das Viereck, auf das wir uns dauernd konzentrieren, nur eine technische Übereinkunft ist. Nicht weil es am schönsten und besten ist, sondern weil wir abgemacht haben, dass es so sein soll, ist es so. Gleichzeitig ist diese Technik auch Ihr Werkzeug. Ist nicht die blutbetriebene Kamera Ihr Hammer und Meissel? Die blutbetriebene Kamera beziehe ich natürlich aufs Auge. Unsere Sinne sind jedem Medium überlegen und über Millionenjahre evolutionär so komplex gewachsen. Dann ist eine Kamera an und für sich ein unzulängliches Werkzeug? Extrem unzulänglich. Aber es ist der Betrachter, der es füllt. Wie bei einem Ölbild auch: Wenn du es genau anschaust, siehst du verschiedene Schichten von Ölfarbe, die im Detail keinen Zusarnmenhang mit dem Inhalt haben. Erst unser Hirn und der Abstand füllen es mit Referenzen und Emotionen. Entstehen so Gefühle? Ja. Ein gutes Beispiel sind die Arbeiten von 1994, die noch Standard-Definition sind. Wenn das heute Leute anschauen, die an High-Definition gewöhnt sind, finden sie die alten Sachen unscharf. Vor achtzehn Jahren fiel das niemandem auf, weil das Hirn die fehlenden Informationen immer zurechnet. Eines dieser alten Videos hat sich mir nachhaltig eingeprägt, dasjenige, in dem Sie einen Beatles-Songinterpretieren. «I'rn Not The Girl Who Misses Much». Ja genau. Ich sah es inJosefFelix Müllers Kunsthallenausstellung an der Wassergasse, wo Sie nachher mit Muda Mathis zusammen ausgestellt haben. Das frass sich bei mir richtig in die Festplatte ein. Man muss natürlich sagen, dass das ein sehr gutes Lied von Lennon und McCartney ist. Weshalb sich die Arbeit so einfrisst, probierte ich auch herauszufinden. Ich bin auf den blöden Spruch gekommen, dass es meine Tragik ist zu glauben, es sei meine beste Arbeit, an die ich nie wieder

herankommen werde (lacht). - Wieso berührt das die Leute so - und mich auch? Ich glaube, weil wir uns heutzutage oft wie Marionetten fühlen. Jeder hampelt so herum ... Einerseits sind wir fremdbestimmt und auf der anderen Seite war das Leben noch nie so bequem wie heute. Nochmals zu «I'm Not The Girl Who Misses Much»: Obwohl alles so bequem geworden ist bei uns, fühlen wir uns getrieben, wir haben die Zeit nicht mehr selber im Griff und manchmal kOl11l11t uns ein Monat wie drei Sekunden vor. Und das Leiden, der Schmerz, die Angst und der Tod: Was sucht das in der besten aller Welten? Die Frage hat mit der Maslowschen Bedürfnispyramide zu tun. Weil es uns so gut geht, können wir uns um solche philosophischen Fragen kümmern, während andere ihre ganze Kraft für den Überlebenskampfbrauchen. Es gibt ein Restleiden. Das Wissen und die Aufklärung machen die Leute nicht zufriedener.

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Ja, das war eine der Überlegungen. Im öffentlichen Raum kommt die Farbe kaum vor, aber wenn man uns umstülpt oder einen kleinen Schnitt macht, wird es knallrot. Carlos Martinez und mich interessierte es, eine Farbe zu nehmen, die sonst fehlt. Blut führt auch noch zu einer anderen Thematik. Als Frau haben Sie eine andere Beziehung zum Blut als ein Mann. Das Monatsblut ist ein Symbol dafür, dass alles klappt, dass man gesund ist. Es ist eine Reinigung, aber in der christlich-jüdischen Tradition gilt es als unrein - das sitzt tief in unseren Köpfen. Ich glaube, es braucht noch zwei bis drei Generationen, bis man sich wegen eines Flecks an der Hose nicht mehr zu schämen braucht. Camille Paglia hat die Theorie aufgestellt, dass unsere Hochkultur nur von Männern geschaffen werden konnte, weil diese, wenn sie pissen, schon die erste Linie ziehen, während wir Frauen nur die Wiese unter uns ein wenig bewässern. So gesehen kann man den roten Platz als Beispiel dafür nehmen; es gibt keine trennende architektonische Linie, sondern man muss sich eine hockende, weibliche Figur vorstellen, bei der Blut unten herauströpfelt.

Waren am Anfang auch Unkenrufe zu vernehmen, so haben die Leute Ihren roten Platz im Bleicheli-Quartier nun offensichtlich angenommen. Als künstlerische Sagen Sie zum Schluss noch etwas Arbeit im öffentlichen Raum war er von über Ihre Beziehung zu St.Gallen? Anfang an ernstzunehmen. Etwa zwanzig Mein Hauptbezug zu St.Gallen ist mein VaJahre nach Roman Signers Fass war ter; von der Bäckerei Rist an der Teufenerdas erst die zweite künstlerische Arbeit im strasse. Er sagt «Mond» und meine Mutter öffentlichen Raum in St.Galien in viel«Muh». Sie stammt aus Grabs. Früher war ich leicht einem halben Jahrhundert. oft in St.Gallen. Das war die Stadt, von wo die Ich finde es gut, wenn eine Diskussion stattfindet, Schulbücher herkamen. Ich fand St.Gallen die und ich ertrage das auch. Aber eigentlich geht grösste Stadt der Welt; als wäre es Washington. es ja um die Leute, die den Platz angenOl11l11en Wahrend der Kantizeit ging ich jeweils nach haben und die sich dort treffen. St.Galien in die Frauendisco, dort lernte ich tanzen, ohne zu fest daran zu denken, wie das Weshalb leistet sich St.Galien so selten aussieht. Kunst im öffentlichen Raum? Der Broderbrunnen zum Beispiel wurde vor etwa War das im Engel? Oder in der hundert Jahren von einem StickereiunterGrabenhalle? nehmer aus dem Oberland finanziert; er Nein, im Bleicheli. konnte sich damit in der Stadt ein Denkmal setzen. Natürlich! Im Bündnerhof im Bleicheli. Vielleicht hat das mit der schwindenden IdenDie St.Galler Frauenszene war damals sehr tifikation der potenziellen Geldgeber mit dem stark. Das autonome Jugendzentrum beOrt zu tun. Weil sich die Wirtschaft immer mehr fand sich auch einen Sommer lang in dieglobalisiert, fühlen sie sich nirgendwo für einen sem Quartier, und es gab Hausbesetzunsolchen Stiftungsakt verpflichtet. Nach König gen. 1968 wurden erste gesellschaftliche und Kirche kam der Geldadel, und als sich dieser Widerstände gebrochen, die Aufbruchzurückzog, wurde es schwierig. zeit um 1980 war aber unbefangener und konnte davon profitieren. Dann kam Raiffeisen. Genau, wir konnten auf dieser Welle reiten. Damals kam es im Bleicheli zur Bildung eines Aber man schreibt sich das ja immer gerne selneuen städtischen Raumes, und dann merkte ber auf die Fahne. man, dass er nicht zusammenhalt. Wir gewannen mit unserem Projekt den ausgeschriebenen Wettbewerb. Blut kommt bei Ihnen immer wieder vor. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem roten Platz und Blut?

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KULTUR

Kunstmuseum St.Gallen. Vernissage am 2. Juni, 17 Uhr. Mehr Infos: www.kunstmuseumsg.ch


KULTUR

Musik

Auf dem Dancefloor vereint Kuduro und Bluespunk: Das Programm des diesjährigen Openairs im Sittertobel ist vor allem am ersten Abend sehens- und hörenswert. VON

JOHANNES

STIEGER

Buraka Sam Sistema.

8,ld pd

Mitte Mai war noch ein Fünftel der Tickets übrig: Dass das Openair im Sittertobel dieses Jahr wieder ausverkauft sein wird, zeichnet sich früh ab. Ob es am geschmacklich «eingernitteten» Programm liegt oder gar an einer neuen und musikinteressierten Generation oder eben doch daran, dass Openairs nun endgültig die erweiterten Kampfzonen der Innenstadtgrossevents geworden sind: Die Antwort darauf sei mal bis zur bierseligen Diskussion vor dem Zelt oder während der nächtlichen Busfahrt nach Hause verschoben. Bei einem Blick auf das diesjährige Openairprogramm zeigt sich nach der bedauerlichen Absage von Azealia Banks, dass der erste Abend der interessanteste Abend ist. Just jener also, den (wenigstens bis anhin) nur die Enthusiasten besuchten, die sich ein Ticket für gut zweihundert Franken leisten wollten. Das Programm des Auftakts - der bis anhin wohl vor allem auch den Trink- und Essständen Mehreinnahmen brachte - wurde in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut, und nun spielen dieses Jahr nebst den Muskelrockern Danko Jones, den Folkrockern Katzenjammer und dem Berner Rapper Knackeboul die Kuduroknaller Buraka Som Sistema aus Portugal und Angola und St.Gallens All-Girl-Riot-BluesTrio Velvet Two Stripes.

Steife Hintern Im Rückblick war die zweite Hälfte der Nullerjahre ziemlich aufregend, denn nach den Unruhen in den Pariser Banlieues explodierten regelrecht die Boxen; europäische, afrikanische und jamaikanische Clubsounds vermengten sich mit politischen Botschaften zu einem Gemisch, das auf den Tanzflächen für fiebrige Unruhe sorgte: 2007 veröffentlichte M.I.A. ihr zweites

Album, im folgenden Jahr tauchte Santigold auf, und Terry Lynn rappte ein Jahr drauf über die Gewalt in Kingston. Es waren vor allem auch Frauen, die mit Knarrengefuchtel und wummernden Basslines für Aufsehen sorgten. Die mittlerweile auch an Veranstaltungen wie dem Super Bowl auftretende M.I.A. arbeitete vor vier Jahren zusammen mit Buraka Som Sistema am Song «The Sound OfKuduro» für deren Debütalbum «Black Diamond». In den achtziger Jahren entwickelte sich in Angola der Musik- und Tanzstil Kuduro, was auf Portugiesisch so viel wie «harter Arsch» oder «steifer Hintern» bedeutet. Tänzerisch zeigt sich das in rhythmischem Geruckel und waghalsigen Stürzen auf den staubigen Dancefloor - oft Angolas Strassenbelag. Musikalisch heisst Kuduro: Ragga-Beats, House-Sounds, Hip-Hop-Anleihen und Trommelkaskaden. Buraka Som Sistema trugen diesen in Lissabons Vororten Amadora und Queluz besonders verbreiteten Stil hinaus ins restliche Europa und etablierten einen emanzipierten Umgang mit dem Zusammenprall von westlicher und afrikanischer Kultur.

Coole Blues-Punkerinnen In den hiesigen Clubs immer zuvorderst anzutreffen sind Franca Mock und die Schwestern Sara und Sophie Diggelmann. Manchmal sieht man sie auch durch die Stadt schleichen. Erst Anfang 20II gegründet, senden die drei mit ihrer Band Velvet Two Stripes ihre Signale schon auf mehr Kanälen als jede andere St. Galler Rockband der letzten Jahre; im «20 Minuten» verliert der zuständige Redaktor regelmässig vor Begeisterung die Beherrschung: «Die coolste Band der Schweiz» titelte die Gratiszeitung, und in der dortigen Jahreshitparade vom letzten Jahr

Velvet Twa Stripes. 8,ld pd tauchten die St.Gallerinnen ziemlich weit vorne auf. In diesem Frühjahr unterschrieben sie einen Vertrag mit dem deutschen Label Snowhite wo nebst Fotos und Eight Legs auch Zoot Woman untergebracht sind; Anfangjuni spielen sie an der Bad Bonn Kilbi und Ende Juni erscheint die EP «Supernatural». So trocken wie Velvet Two Stripes hat den Rock in dieser Stadt schon lange niemand mehr gespielt: Endlich verzichtet eine Band auf eine allzu klassische Besetzung, haut auf die Standpauke, drückt die Örgelitasten und verzerrt die Stimme durch eine lange, lange Telefonleitung; am anderen Ende lauschen The Kills, The Black Keys und John Spencer und noch ein paar andere Gitarrengötter. Und gerade letztere dürften der jungen Band zu denken geben: Ware die Gitarre - zweifelsohne gekonnt! - noch karger gespielt, so bedeutete das (noch) mehr Punk. Sittertobel Donnerstag,

St.Gallen. 28. Juni.

Mehr Infos: wwwopenairsg.ch

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Literatur

KULTUR

Was der See trennt 1974 wurde gegen den deutschen Journalisten Jochen Kelter ein Berufsverbot verhängt. Nun sind Texte aus dreiJahrzehnten seines Schaffens im Buch «Der Sprung aus dem Kop]» erschienen. VON

KURT

BRACHARZ

Au] der anderen Seite der Landesgrenze liess sich Jochen Kelter den Mund nicht verbieten. B,ld pd Das Erste, was einem beim Blättern in Jochen Kelters neuem Buch «Der Sprung aus dem Kopf» auffallt, ist das Fehlen von Zeit- und Quellenangaben in dieser Sammlung von grösstenteils bereits publizierten Texten aus drei Jahrzehnten. Solche Angaben sind zwar fiir die Lektüre nicht unabdingbar, andererseits hätte ihre Beifügung keine Mühe bereitet und - als Jahreszahl hinter dem Titel - keinen Platz weggenommen. So muss man in jenen Essays, deren Publikationsjahr einen interessieren würde, nach Details suchen, die eine Datierung ermöglichen. Das Buch ist in zwei Abschnitte unterteilt, von denen sich die Aufsätze im ersten auf eher poetische Weise mit Kelters Wahlheimat im Thurgau und im zweiten mehr analytisch mit der Schweiz, Deutschland und deren Verhältnis zueinander beschäftigen. In Klappentext, Waschzettel, Nachwort (von Stefan Keller) und auch in den Texen ist vielfach von der «Bodenseeregion» die Rede, aber Vorarlberg, das ja doch einen wenn auch bescheidenen Anteil am Bodenseeufer besitzt (und immerhin das einzige in voller Länge frei zugängliche der drei Anrainerstaaten!), kommt in dem Buch nur in zwei Sätzen vor, von denen einer heisst: «Ein Vorarlberger teilt mit einem Thurgauer weder politische, soziale oder kulturelle Perspektive noch kollektive Geschichte.» Das ist wahr: Der See trennt, zumindest auf diese Distanz (bei Kelter auch auf kürzere). Das manchmal erwähnte Österreich bedeutet Wien oder auch einmal

Innsbruck ohne Bezug zur Bodenseeregion und schon gar nicht zu Kelters immer wieder beschworenem «Alernannien».

Mal mehr, mal weniger klar Die Essays im ersten Abschnitt kreisen um «das Dorf» (Ermatingen), «die Stadt» (Konstanz) und immer wieder «die Grenze», wobei Letztere fiir Kelter eine Bedeutung besass, die dem Rezensenten, der in Bregenz je etwa zehn Kilometer von der Schweizer und der deutschen Grenze entfernt wohnt, unnachvollziehbar bleibt. So viel beeindruckender als die Grenzübergänge am Rhein einerseits und an der Leiblach andererseits kann die Grenze bei Kreuzlingen doch auch nicht (gewesen) sein, möchte man denken, auch wenn der badische Raum politisch immer weitaus lebhafter war als der bayerische bei Lindau. Die lyrische Prosa der Landschaftsschilderungen gefällt aber sehr, auch wenn es in der Zusammenstellung zu vielen Wiederholungen derselben Bilder kommt und wenn Kelter am Ende dieses Bandes eingesteht, solche Sätze könne er «heute nimmermehr schreiben». Ein in seiner Klarheit und Bestimmtheit herausragender Text ist der über die muslimischen Gräber am französischen Militärfriedhof im elsässischen Sigolsheim.

Erfrischende Einsichten Im zweiten Abschnitt des Buches sind vorwiegend politische Aufsätze versammelt, die Personen, Orte und Geschehnisse beim Namen

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nennen, und hier kann Kelter manchmal recht deutlich werden, zum Beispiel, wenn er die Bemerkung des Schriftstellers Otto F. Walter von 1993, dieser lehne den EWR ab, weil damit die deutschen Fernsehsender in die Schweiz kämen und die Mundart zerstörten, trocken kommentiert: «Grosserer Blödsinn ist in diesem Zusammenhang kaum verzapft worden.» Auch über das Gutmenschentum (elinksnationalisrisch, realitätsfern und megaloman») und sein Verhältnis zu Multikulti (eerschöpfi sich im Verzehr fremdländischer Speisen und dem Besuch von Tango-Kursen» sowie Sarkozys Paris äussert er erfrischende An- und Einsichten. Was den Deutschen Kelter veranlasst hat, seinen Wohnsitz in der Schweiz zu nehmen, war das 1974 gegen ihn verhängte Berufsverbot, das zwar drei Jahre später aufgehoben wurde, was aber nicht bedeutete, dass Kelter an seine Stelle bei der Universität Konstanz hätte zurückkehren können. Darauf kommt er in einem «Offenen Brief an den Ministerpräsidenten von BadenWürttemberg», den im Sommer des Vorjahres offenbar niemand abdrucken wollte, ausführlich zu sprechen. Er fordert Kretschmann darin auf, sich von den Praktiken jener Jahre zu distanzieren, aber man kann sich nur schwer vorstellen, dass er tatsächlich eine Antwort erwartet. Jochen Kelter: Der Sprung aus dem Kopf. Essays und Texte 1981- 2011. Allitera Verlag, München

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KULTUR

Theater

Eine Welt-

das Plakat zu «Welt 3.0».

Entwicklungshilfe ohne Schwarz- Weiss Das Theater Konstanz hat dreiJahre lang mit dem Theater Nanzikambe Arts aus Malawi zusammengearbeitet. Das Abschlussprojekt « Welt 3.0 - Maschinerie Hilfe» kommt jetzt zur Uraufführung. VON

FABIENNE

NAEGELI

B,ld I"M",

Die Stadt Blantyre in Malawi liegt wie Konstanz an einem See. 2009 bereisten drei Mitarbeiter des Theaters Konstanz das südostafrikanische Land und entwarfen gemeinsam mit dem einzigen professionell arbeitenden Theater Malawis, dem Nanzikambe Arts, das Projekt «Crossing Borders - Von See zu See». Sich auf Augenhöhe begegnen wollte man - ohne hegemoniale Perspektive oder europäische Grosszügigkeitsattitüde mit Entwicklungshilfecharakter für afrikanisches Theater. 20II, im zweiten Jahr des dreijährigen Projekts, kam es zu einem Inszenierungstausch. Das Theater Konstanz zeigte «Nkhata Bay - Inventing Parzival» in Malawi, und Nanzikambe Arts gaben mit ihrem Stück «The Messenger» Gastspiele in Deutschland. Den Abschluss der Zusammenarbeit bildet die gemeinsame Inszenierung «Welt 3.0 - Maschinerie Hilfe», welche diesen Monat in Konstanz Premiere feiert und anschliessend in den Grossstädten Malawis zu sehen sein wird.

Drei Sprachen, ein Thema Die Besonderheit an dieser Kooperation ist, wie der Dramaturg Thomas Spieckermann betont,

dass die beiden Theater zusammengewachsen sind. Es gibt zwei Regisseure, zwei Ausstatter, vier Autoren sowie ein gemischtes Ensemble aus afrikanischen und deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern. Im Stück wird denn auch Englisch, Deutsch und Chichewa gesprochen. Für die gemeinsame Inszenierung suchte man nach einem die beiden Länder verbindenden Thema und fand es in der Entwicklungshilfe. Das Autorenteam führte Interviews mit Vertretern verschiedener NGOs in Malawi und Deutschland, um zu erfahren, wie diese Entwicklungsorganisationen funktionieren, wie sie Aufträge erhalten, Projekte entwerfen und mit der schwierigen politischen Situation im Land umgehen. Des Weiteren haben sie sich im Süden Malawis ein Projekt angesehen, das ihnen als Folie für ihre fiktive Geschichte diente, die in einem Collageverfahren entstanden ist. «Welt 3.0 - Maschinerie Hilfe» handelt von einer Entwicklungshilfegesellschaft mit Hauptsitz in Deutschland und einer Dependance in Malawi, die in einem kleinen Dorf ein Energieprojekt lanciert hat. Zur Stromgewinnung soll der Gebirgsfluss genutzt werden. Als bei einem Anschlag die Turbine zerstört wird, gerät das Projekt ins Wanken. Wie sind die Ausgaben vor den Geldgebern und der eigenen Organisation beim Scheitern des Projekts zu rechtfertigen? Was kommuniziert man nach aussen, um einen Imageschaden zu vermeiden? Soll man das Projekt stoppen, da die Gelder falsch investiert wurden? Die Zweigstelle in Malawi kämpft mit kulturellen Missverständnissen, und im Dorf machen sich Interessenkonflikte breit. Ein deutscher Ingenieur, der vor Jahren mit dem Impetus, die Dinge zu verändern, nach Malawi ausgewandert ist, blickt nur noch mit Zynismus auf seine Arbeit. Die Leiterin des auswärtigen Büros hingegen steht voller Enthusiasmus hinter dem Projekt. Ganz anders eine ihrer Angestellten, die sich ums Überleben ihrer Fanlilie sorgt und nach dem Nutzen der Entwicklungsarbeit für das Dorffragt.

Ohne Klischees Aus deutscher und afrikanischer Perspektive wird im theaterpartnerschaftlichen Abschlussprojekt «Welt 3.0 - Maschinerie Hilfe» das Für und Wider von Entwicklungshilfe beleuchtet mit dem Ziel, Fragen aufzuwerfen, ohne dabei Position zu beziehen. Klischeehafte SchwarzWeiss-Malerei wird vermieden und das Bild des jeweils anderen Landes, seine Utopien und Stereotypen in einer dialogischen Auseinandersetzung befragt. Die Zusammenarbeit mit Nanzikambe Arts soll weitergeführt werden, so Thomas Spieckermann. Momentan fehle es aber noch an den notwendigen Mitteln. Spiegelhalle des Theaters Konstanz. Premiere Freitag, 8. Juni, 20 Uhr. Weitere Spielzeiten siehe Veranstaltungskalender. Mehr Infos: www.theaterkonstanz.de

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Film

Die Angst und das Geld « Wenn man in Liechtenstein lebt) dann ist das Geld

allgegenwärtig») sagt die 46-jährige Filmemacherin Daniella Marxer. Ist das der Grund) warum ihre Filme immer wieder um das Thema Geld kreisen? VON

AN1TA

GRÜNEIS

KULTUR

den Geschmack. Ihr erstes eigenständiges Werk entstand 1999 und hiess «Im Wunderland», ein Dokumentarfilm über den Machtmissbrauch in Liechtenstein. Wo sie sich damit nicht allzu viele Freunde gemacht hat, und dann doppelte sie vier Jahre später auch noch nach mit «Die Kinder des Geldes», einer Dokumentation über die Auswirkungen des Finanzkapitalismus in Liechtenstein. Drei Jahre später folgte «ZUOZ», ein Film über das Leben im Internat, in den sie ihre eigenen Erfahrungen einflechten konnte. Nun plant Daniella Marxer ihren ersten Spielfilm. «De toi a moi- soll er heissen und wieder steht das Thema Geld im Mittelpunkt. «Mich wundert es schon langsam selbst, wann ich damit fertig bin», meint sie schmunzelnd und weist daraufhin, dass das Abarbeiten keineswegs therapeutisch sei. «Ich zeige, was Geld mit den Menschen macht.» Die Geschichte handelt von drei jüdischen Schwestern, die in Frankreich leben und nach dem Tod ihrer Mutter erfahren, dass sie Begünstigte einer liechtensteinischen Stiftung sind. Gegründet wurde die Stiftung 1942 für die Grossmutter, kurz bevor sie in Auschwitz ermordet wurde. «Die Zerrüttung der Einen ergibt Gelegenheiten für die Anderen. Geld gegen Schutz, das war ein fairer Handel», lässt Marxer einen liechtensteinischen Anwalt sagen. Zwei der Schwestern freuen sich über das Geld, die dritte will wissen, wer hinter der Stiftung steckt und woher das Geld stammt und beginnt nachzuforschen.

Zwischen Freiheit und Angst

Mit ihren Filmen (hier bei einer Präsentation des Dokfilms «Zuoz»] macht sich Daniella Marxer nicht nur Freunde. Bdd Dome! Ammann Nach Liechtenstein kam sie, als sie neun Jahre alt war; ihre Mutter heiratete den Rechtsanwalt Peter Marxer. Davor lebte sie in Vorarlberg. «Das war schon ein Einschnitt, fast so, als käme ich in ein Schloss.» Beeindruckt hat sie damals vor allem das Porträt der Stiefgrossmutter, das im Haus hing: ein überdimensioniertes Ölgemälde. Zu jener Zeit hat sich Daniella Marxer für das Thema Geld noch nicht interessiert, das begann erst in der Pubertät. Als Fünfzehnjährige kam sie in ein Internat in Ftan. Dort begann das Hinterfragen. Diskussionen mit dem

Deutschlehrer, der auch Direktor des Internats war, folgten. «Ich durfte nicht sagen, was ich dachte. Wenn ich das tat, wurde ich bestraft. Vielleicht ist das der Grund, warum ich dann Germanistik studiert habe - allerdings in Wien, die Schweiz war mir zu nah», meint Marxer.

«De toi

a rnoi»

Seit zwanzig Jahren lebt Daniella Marxer nun in Paris. Dort begann sie aus Zufall mit dem Filmemachen. «Ich lernte einen Filmemacher kennen und half ihm bei der Arbeit.» So kam sie auf

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Daniella Marxer will mit ihrem Film nicht in der Vergangenheit wühlen, ihr Anliegen ist ein Film über das Geld und die Angst. «Mit dem Geld kommt die Angst und wir können nichts dagegen tun», lässt sie eine der Schwestern sagen. Für Marxer bedeutet Geld aber auch Freiheit. In Frankreich hat sie erlebt, wie Freunde den Job verloren haben und nun fürchten, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. Diese Angst hat Daniella Marxer nicht. Ihre Ängste sind «kindlicher Natur. Wenn man kreativ arbeitet, dann kann es schon mal passieren, dass man Angst vor der Reaktion der anderen hat. Wie werden sie die Arbeit empfinden, was werden sie dazu sagen». «De toi a moi» wird nicht gut enden, so viel verrät Daniella Marxer. Die Schwestern finden ihre Familie, aber sie fallen sich nicht in die Arme. Das Drehbuch ist geschrieben und in einem Workshop mit Schauspielern hat die Filmemacherin Erfahrungen für den Dreh gesammelt. Gesammelt wird derzeit auch noch das Geld, das für die Produktion benötigt wird. Das Budget sieht 3,5 Millionen vor. Die Dreharbeiten werden, falls alles gut geht, diesen Winter starten und in Frankreich und Liechtenstein stattfinden. Die Rollen sind noch nicht vergeben, den Titelsong hat RolandJaeger aber bereits komponiert: «So fern und doch so nah, liegt die Zeit, die einmal war ... », heisst es darin. ()


KULTUR VON

DER

ROLLE

von Damian Hohl

Geld her! «Wir haben es fast geschafft! Noch 13 Stunden und 4IO Dollars! Go, go, go!» Was tönt wie bei einer langweiligen Mitmach-TV-Show, die niemand sehen will, hat aber einen ganz anderen Hintergrund: Hier wird Geld für den Kurzfilm «Deadlocked» des jungen Berner Filmemachers Johannes Hartmann gesammelt. Die Art und Weise, wie dieses zusammenkommt, sorgt derzeit für viel mediales Aufsehen und wird sich wohl bald einen festen Platz in unserem Wortschatz einrichten: Crowdfunding. Um die Jahrtausendwende in den USA erstmals aufgekommen, hat sich diese Form von Schwarmfinanzierung mittlerweile weltweit erfolgreich etabliert. Funktionieren tut es so: Auf einer Online-Crowdfunding-Plattform wird ein Projekt vorgestellt, für welches in einem beschränkten Zeitraum eine bestimmte Summe Geld gesammelt werden soll. Kommt der gewünschte Betrag in der Zeit nicht zusammen, fliessen die einzelnen Beiträge an die Mäzene zurück. Mitmachen können alle, Beiträge sind oft schon ab geringen Summen möglich. Je grösser die zugesprochene Spende, desto attraktiver die individuell gestaltete Prämie: Bei 55 Dollar für «Deadlocked- gibt es eine SpecialEdition-DVD, für tausend Dollar eine private Kinovorstellung und eine Kiste Bier. Unzählige Projekte, vor allem aus den Bereichen Kunst, Film, Theater, Musik, Computer-Games und Literatur, konnten so bereits realisiert werden. Auch in der Schweiz, wo die Plattformen wemakeit.ch und roo-days.net zu den bekanntesten zählen. Die schwarzhumorige Action-Komödie «Deadlocked- mit der Berner Beat-Punk-Legende Reverend Beat-Man (Bild) in der Rolle als Polizeikommissar gehört zu den aktuell erfolgreichen CrowdfundingBeispielen. Ende April war der benötigte Betrag von IO'OOO Dollars beisammen. Daraus soll nun Administratives und der Feinschliff für den Film bezahlt werden: der Soundmix und das Mastering, zusätzliche VisualEffekte, die DVD-Pressung, Promo-Material und Festivalgebühren. Auch wenn ein grosser Teil der Beiträge aus dem engen Umfeld der Macher kommt: Bei diesem Projekt beteiligten sich Fans aus Indonesien, Mexiko, USA und Dänemark mit Zuschüssen. Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg von Crowdfunding ist die Partizipation und damit die Möglichkeit, nicht nur zu spenden, sondern auch gleich ein Teil der Geschichte zu werden. Das geht vom spannenden Mitfiebern, ob ein Beitrag zusammenkommt, über die Erwähnung bei den Credits bis zur Mitbestimmung bei der Projektentwicklung. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die derzeit im Kino laufende Nazi-Parodie «Iren Sky», welche unter anderem auf diese Weise finanziert wurde. Wer sich an der Finanzierung beteiligte, erhielt Einblicke in die Produktion und durfte Ideen zum Film beisteuern. Eine wichtige Werbefunktion erfüllen die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter, wo um Beiträge an das sich im Rennen befindliche Projekt gebuhlt wird. Um an das gewünschte Geld zu gelangen, lassen sich die Macher der Projekte einiges einfallen. Mit einem makellosen und professionell produzierten Trailer im Seventies-Retro-Style macht das Filmteam um -Deadlocked. Lust auf mehr. In einem anderen Werbefilm wird der Regisseur von Erpressern als Studio-Geisel festgehalten und fleht um sein Leben. Geld her - oder man lasse ihn hier nicht mehr gehen. Ob Crowdfunding eine tragende, neue Form zur Finanzierung ganzer Kulturprojekte wird, bleibt abzuwarten. Sicher wird sich das Finanzierungsmodell weiter zur Unterstützung von Projekten etablieren, die an Fördergeldinstitutionen vorbeischlittern oder diese schon gar nicht in Anspruch nehmen wollen oder können. Und falls im Zuge des digitalen Wandels der Trend anhält, Kunst und Kultur lieber im Voraus mitzufinanzieren, als hintendrein für Bestehendes zu bezahlen, könnte Crowdfunding noch eine grosse Zukunft haben. <>

FORWARD

Nichts fiir Mädchen

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St.Petersburg)

sie, den Arte 2007 produziert

Orchester,

hat - da

war sie gerade einmal 35 Jahre alt. Anu Tali aus Estland, die imJuni am Feldkirch

1997 gleich ein eigenes

das Nordic Symphony

Orches-

tra, das jetzt in Feldkirch spielt. Anu

Festival gastiert, gilt als eine der aufre-

dirigiert, Kadri organisiert, das scheint zu funktionieren: «Wir tun vieles gemeinsam,

gendsten Dirigentinnen

in extremen Situationen

der Gegenwart.

erkenne ich mich

Das liegt zunächst daran, dass es von ihrer Zunft nur wenige gibt. Die Frau am Pult

selbst in meiner Schwester, es ist schon erstaunlich», sagt sie.

ist noch immer der grosse Ausnahmefall

Von der Frau am Pult mit den «eisblauen

im klassischen Musikbetrieb.

Dirigentin-

Katzenaugen»

schreiben die Medien;

nen in der Schweiz? Da fallt einem auf Anhieb nur Graziella Contratto ein, unter

Berichte über sie sind reich an Klischeestypisches Frauenschicksal. So wurde sie

anderem Leiterin der Camerata Schweiz

auch schon «tartarisch zart» genannt. Auf

und des Staatsorchesters

die Frage, ob sie das argert, reagierte sie

von Savoyen und

damit eine der wenigen Frauen «ganz oben». Oder AnnaJelmorini, Dirigentin des St.Galler Bachchors. renommierte

International

Dirigentinnen

kann man

in einem Interview cool: «Ach, die Menschen verbringen viel Zeit mit unnützem Zeug und lieben die Klischees. Ich würde mir wünschen,

sie würden nur über die

beinah an einer Hand abzählen: Nadia Boulanger,Julia Jones, Simone Young,

Musik reden und nicht über die anderen Dinge.» Und zur Frauenfrage weicht sie

Petra Müllejans oder Claire Gibault, die

aus. «Ich lebe mein Leben, ich bin so froh

Europaparlamentarierin

über den Zugang zur Musik, ich brauche

und erste Frau,

die je arn Pult der Mailänder Scala stand. Warum diese letzte Männerdomäne in

einfach nichts anderes. Deshalb mache ich mir auch keine Gedanken, ob das

der Klassik (nachdem auch verschwo-

schwer ist oder nicht, ob ich emanzipiert

rendste Macho-Orchester

bin oder nicht.» Sie sei «keine politische Person» und halte es für Zeitverlust, sich mit solchen Kategorien zu beschäftigen.

ihre Reihen fiir

Frauen geöffnet haben) noch immer existiert, ist schwer zu sagen. Immerhin sind ein Viertel der Dirigier-Studenten Deutschland

in

Frauen; auf eine Chefposi-

Am Feldkirch Festival dirigiert Anu Tali an zwei Abenden die Oper «Fröken julie»

tion schafft es aber kaum eine von ihnen. Ein Verdacht liegt nahe: Orchesterdiri-

des finnischen

genten haben eine bis heute so heraus-

Das Festival ist auch sonst eine Reise wert,

ragend autoritäre Position, dass die schiere Machtfülle Frauen vom Job abschrecken-

Komponisten

Ilkka Kuu-

sisto sowie ein Orchesterkonzert. zum Beispiel mit seinem exquisiten

und Männer anziehen - dürfte.

Jazz-Programm. Aber auch wegen Anu Tali. Denn eine Maestra live zu erleben,

Anu Tali hat sich nicht abschrecken las-

wird wohl noch eine Weile die Aus-

sen. Als Dirigentin sieht sie sich auch nicht in der Rolle der Chefin; vielmehr

nahme bleiben. Auch wenn der Sohn der amerikanisch-israelischen Dirigentin

gehe es darum, eine Plattform für part-

Giseie Ben-Dor

nerschaftliches

ter auch Dirigent werden wolle, einmal geantwortet hat: «Nö, das ist was für

Musizieren

zu schaffen.

Gegenseitiger Respekt und bestmögliche Übereinstimmung sei die Grundlage fiir

Mädchen.»

auf die Frage, ob er spä-

(5u.)

ein befreiendes Orchesterspiel. Der Sonderfall Anu Tali beginnt mit ihrer

FELDKIRCH FESTIVAL.

Geburt: Sie kommt als eineiiger Zwilling auf die Welt. Gemeinsam mit ihrer

Mittwoch, 6. bis Sonntag, 17. Juni. Genaue Spielzeiten siehe Veranstaltungskalender. Mehr Infos: www.feldkrrchfestrval.at

Schwester Kadri gründet sie nach ihrem Musikstudium

44 SAITEN

«Maestra Baltica» hiess ein Dokfilm über

(in Estland, Finnland und


KULTUR SPIELBODEN DORNBIRN.

Donnerstag, 7. bis Sonntag, 17. Juni. Genaue Spielzeiten siehe Veranstaltungskalender. Mehr Infos: www.tanzist.at

2

MÜNSTERPLATZ KONSTANZ.

Premiere 29. Juni, 20 Uhr. Aufführungen bis 28. Juli. Genaue Spieldaten siehe Veranstaltungskalender. Mehr Infos: www.theaterkonstanz.de

3

MUSEUM GRINDELWALD.

Vernissage 29. Juni, 18 Uhr. DI-Fr und So, 15 bis 18 Uhr. Mehr Infos: www.grindelwald-museum.ch

4

BUNDESVERWALTUNGSGERICHT ST.GALLEN. Brunnen-Emweihunqsfest

Sonntag, 3. Juni, 14 bis 16 Uhr.

5

RAFIK SCHAMI:

Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte. Oder wie rch zum Erzahler wurde. Carl Hanser Verlag, München 2011. Fr. 26.90.

6

JONAS JONASSON:

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Carl's Book, München 2011. Fr. 21.90.

THEATERLAND

Perfekter Tanz-Garten

versagen. Van der Merwes Erfahrungen

Es ist wie im Himmel. Ideale Bedingungen. Ein Garten aus Men-

mit dem Apartheidregime Arbeit.

schen und organischen

Der regionale Bezug wird in Koopera-

das Versprechen

Derivaten

und

ewiger Schönheit.

tion mit dem Verein «Netzwerk Tanz Vorarlberg» hergestellt. Für das Weiter-

Diese Idealbedingungen herrschen in «The Perfeet Garden», einem Zusammenspiel von Performance

prägen diese

bildungsprogramm

und Installa-

tion. Verantwortlich für die Produktion, die das Festival «Tanz ist» in Dornbirn

«Research» kommt

Konstanzer Quasimodo

mitJames Wilton als Coach einer der profiliertesten Tänzer Englands nach

2 Jeweils im Sommer spielt das Theater Konstanz Open-Air-Theater auf dem Münsterplatz. Und diesmal passt

Dornbirn.

das Stück historisch ideal in den mittel-

Er studierte an der London

eröffnet, sind die Performance-Com-

Contemporary

pany «Liquid Loft" und der bildende

tet unter anderem fiir das Scottish Dance

alterlichen Stadtkern rund ums Münster: Gespielt wird «Der Glöckner von

Künstler Michel Blazy. Das Künstlerteam von «The Perfeet

Theatre, Sadlers Wells Opera House London und das Ballett der Oper Graz.

Victor Hugo. Die Story kennt auch,

Garden» kommt bereits eine Woche

Mit seiner Partnerin

vor der Premiere

wird er eine Woche mit professionellen

wer das Buch nicht gelesen hat, aus der Verfilmung mit Charles Laughton: Als

Tanzschaffenden arbeiten. Das Resümee dieses Prozesses wird am Ende des

sich Quasimodo, der taube, verkrüppelte Glöckner von Notre-Dame, zum ersten

Festivals präsentiert. James Wilton zeigt

Mal hinunter

danach eine seiner spektakulären Performances und beantwortet Fragen zu

Grossstadttreiben

nach Dornbirn,

um

den gesamten Spielboden in einen Kunstgarten aus organischen und anorganischen Körpern, Sound und Licht zu verwandeln. Der österreichische Choreograf Chris Haring, künstlerischer Leiter von «Liquid Loft», schreibt seit fiinfzehnJahren

Dance School und arbei-

SarahJane Taylor

seiner Arbeit.

die «Tanz ist»-

Seit siebzehn Jahren leitet der Tänzer

Notre-Dame» nach dem Roman von

in das lebhafte Pariser wagt, verliebt er sich

in die schöne Zigeunerin

La Esmeralda,

die allen den Kopf verdreht, inklusive dem Erzdekan Claude Frollo. Als Esme-

Geschichte mit. Auch Michel Blazy ist in der Region bekannt. 2007 zeigte er

und ChoreografGünter Marinelli «Tanz ist» und stellt jedes Jahr zwei Programm-

ralda als Hexe angeklagt und zum Tode

seine utopischen

Szenarien im Dornbir-

schienen auf die Beine. Dem zeitge-

ner Kunstraum.

Letztes Jahr waren seine

verurteilt

wird, setzen Quasimode

und

ncissischen Tanz im Sommer folgt der

die versammelten Pariser Bettler, Diebe und Gaukler alle Hebel in Bewegung,

aus Müll- und Regentonnen quellenden Schauminstallationen im Kunsthaus

Flamenco im Herbst. Mit einem hohen Qualitätsanspruch und dem bekennen-

Theaterdirektor

Baselland zu sehen.

den Ja zur Kunst bringt der Festivalleiter

Zum ersten Mal hingegen

treten Rudi

aussergewöhnliche

Kompanien

und

um sie zu retten. Christoph

Nix und

sein Team haben den Roman aus dem Jahr 1831 bearbeitet und bringen die

van der Merwe und seine Compagnie Skree Wolf beim «Tanz ist» auf. Der

Künstlerkollektive an den Spielboden und zeigt genau den Mut, den europä-

südafrikanische

ische Festivals oft vermissen lassen: den

sucht, Mut und die Macht der Liebe in eine freilichttaugliche Form - samt der

Künstlern Raum zu geben und sie machen zulassen. Und ihnen vor Ort den

ligen. (5".)

Choreograf

mit der Produktion

konstruiert

«Miss en Abyme»

eine Geschichte, in der «Bimbos» übersetzt «blonde Tussis» - eine Revolution anfuhren

Hoffnung

um Hass, Selbsthass, Eifer-

auf gut Wetter fiir den Buck-

«perfekten Garten» zu bieten: nämlich

und die Macht ergreifen,

um am Ende schliesslich diktatorisch

Geschichte

Bedingungen,

zu

ermciglichen.

die prozesshaftes Arbeiten Mirjam Steinbock

45 SAITEN

06 12


KULTUR LITERATOUR lIIit

Lea Hurlintann

Wie das Märchen in die Welt kam 5

Raus aus dem Altersheim

Rafik Scharm erzählt, WIe Rafik

Schami zum Erzähler wurde. Verantwortlich dafür war unter anderem eme Frau, die auf dem Flohmarkt

in Da-

maskus ihren eIgenen Mann zum Kauf anbot. Neben dieser Erinnerung

SCHAUFENSTER

Agassiz in Grindelwald 3

Einen Werkbeitrag

wollte die Stadt

St.Galien letzten Herbst fiir die Ausstellung in Gnndelwald nicht geben, mcht zu nahe zu treten - Jetzt findet sie trotzdem statt: Am 29. Juni eröffnen Hans Fässler und seme Mitstreiter von der Kampagne

«Demonter

Agassiz. im

Ortsmuseum Grindelwald Ihre Ausstellung «Gletscherforscher, Rassist: Louis

Agassiz

(1807-2012)>>. Die

lange Lebensdauer (205 Jahre) tönt irorusch, macht aber klar, WIe folgenreich die Rassentheorien des Westschweizer Glaziologen

waren und bis heute sind.

In der Ausstellung zeigt eme Tafel etwa, WIe sich das Gedankengut von Agassiz bIS in den Rassenhygiene-Wahnsinn der Nazis weiter verbreitet Tafel ennnert

hat. Eine andere

an die Agassiz-Opfer,

von

den Sklaven in South-Carohna bis zu Soweto, eine weitere schliesslich daran, «wie die Rezeption

von Louis Agassiz

als eines der bedeutendsten der Schweiz systematisch

Rassisten in verschwiegen

und verhindert wurde'>. Davon könnte Historiker und Kabarettist Fässler mehr als ein garsng LIed smgen - seine vor genau fLinfJahren lancierte AgassizKampagne stiess wiederholt auf heftigen Widerstand,

und die Petmon zur Umbe-

nennung des Agassizhorns in Rentyhorn scheiterte mcht nur am Widerstand der Berner Oberländer meinden Guttannen,

und Walhser GeGnndelwald

und

Fiesehertal. sondern auch, im Dezember 2010, im Nationalrar. Immerhin aber führte ein Runder TIsch zur Bereuschaft der Gemeinden,

statt der Umbenen-

nung eine Ausstellung zuzulassen. Und wenn heute überhaupt ein Bewusstsein vorhanden

1St,dass auch

in

der EIdge-

nossenschaft Sklaverei und Rassismus keine Fremdwörter waren, so ist dies wesenthch der Agassiz-Karnpagne verdanken.

zu

Wer SIch nach der Lektute des Interviews mit David Signer und dem Beitrag zu den Völkerschauen

in diesem

«Saitens-Heft fiir zusatzhohes Anschauungsmaterial zum Thema Rassenklischees interessiert: Gelegenheit

In Gnndelwald

dazu. (Su.}

der Leser auch eine ganze Reihe anderer herzerweichender Anekdoten aus Sc ha-

Ein Pöbelfest zur Einweihung

rrus Kindheu

4 Wie eme Fontäne steht er vor dem neuen Bundesverwaltungsgericht: der über drei Meter hohe Brunnen von

um der heihgen Gememdeautononue

ist

auf die die Künstlerin

Archrtektur

Gebäudes und dem geometnsch legten Platz davor.

des

«die Emladerm»

zusammen rmt der

Künstlerin Marianne Rinderknecht,

hess

Und Jetzt also den Brunnen auf einem Platz, den es noch ernzunehmen gilt.

ihres Brunnens em. «Es soll

ein Pöbel fest werden, wie die schrägen Vögelm den Drei WeIhern», sagt SIe funkelnd. Eine Weile lang organisierte der «Schwarze Engel» dort ein Fest mit Sozu-

sagen das «Heldenrennen» per Rampe in die Drei WeIhern war das damals. An der soll niemand vom

Dach spnngen - Amta Zimmermann denkt da mehr ans Publikum, wenn SIe von dem schrägen Vögel-Flugfest erzählt. Es gibt eine

Sirupbar und Langos zu essen, Künstlerinnen und Künstler bringen weitere Leckereien, und die Band «One for You» macht dre MUSIk dazu. - Ein Pöbelfest vor dem Bundesverwaltungsgericht? schönes B,ld! (ak)

Ein

46 SAITEN

06 12

ZIel, aber zurück ins

will er auf keinen Fall, und

Koffer fünfzig Millionen Drogengeschäften.

hinter zahlreichen

kannte und so zu erzäh-

über

Kronen aus

Und schon bald sind

die schwedische Mafia, die Polizei und ehe Presse hinter dem alten Mann her, dessen Verschwinden

das ganze Land in

Atem hält. Allan, der, wie man erfahrt, in seinem hundertjährigen Leben die gesamte Weltgeschichte massgeblich prägte, findet auf der Flucht bald gleichgesinnte Freunde: einen siebzigjahrrgen Gelegenheitsdieb. einen Imbissbudenbesitzer, der zuvor dreissig jahre lang

seine Anfange als Autor und Erzähler

praktisch alles studiert hatte, was die

fern von Synen im fremden Deutsch-

Urnversitaten

land, in der fremden,

allerdings Je ein Fach abgeschlossen zu haben, sowie die Besitzerin einer ent-

deutschen

Sprache.

zu bieten hatten, ohne

schade, mehr zu verraten.

da. Am j.juni soll sich das ändern. Dann lädt Amta Znnrnermann zum Einwei-

Ganz St.Gallen soll kommen.

hat kein konkretes Altersheim

narnens Sonja.

nur zum Schreien kormsch. Es wäre

Denn noch liegt er sonntags ausgestorben

Brunneneinweihung

der Herr noch mcht zurück ist, nimmt Allan den Koffer kurzerhand rrut. Er

dern wird. Die packende Geschichte WIrd Immer aberwitziger und ist emfach

im Stadtpark.

Flugobjekten.

den Koffer eines Jungen Herrn aufpassen, aber als der Bus kommt und

wird, das aber auch sein Leben verän-

drehbare Schnaps bar des Kinok oder die

halsbrecherischsten

Und

er kurz auf

Zusammen geben sie Kommissar Aronsson ein Rätsel auf, das er nie ganz lösen

Raume ein, So gestaltete SIe die hölzerne,

hungsfest

im Erdgeschoss.

laufenen Elefantendame

sie Ateliers fürs Publikum öffnen. Auch ihre eigenen Arbeiten laden an öffentliche

Bar des Frauenpavillons

seines Zimmers

aber die Geschichten

soll und kann. Und er benehret

suchennnen und Besuchern Musen an die Seite gestellt. Als Begründetin des

will, und ge-

zwar vom Frtsieren keine Ahnung hatte,

Erzählkunst, darüber, wie das Märchen in die Welt kam und was es dort heute

um das Gegenüber. 2007 hat sie an der Museumsnacht als «fil rouge» den Be-

und gratuheren

so steigt er irgendwo im Nirgendwo aus. Praktischerweise befinden sich im

lichsten Buch über die Tradinon, Gegenwart und Zukunft der mündlichen

nennen. Seit SIe kunstlensch täng 1St, öffnet SIe Räume, kümmert sie SIch

«Fünfstern*****»,

als Erzähler vor

Ohren und Hals in Kauf nahm. Scharm sinniert in seinem neusten und persön-

Eigentlich könnte man die Künstlerin Anita Zimmermann

Und er machte

len vermochte, dass der Junge atemlos zuhörte und kleinere Schnittwunden an

ange-

kommen

genüber der Presse, die diesen Moment fiir die lokalen Zeitungen festhalten WIll,

den Kindern aus der Nachbarschaft. Er begleitete seinen Vater zum Friseur, der

Sprichwörtern

aus der Nähe nchng offenbart, tut wohl neben der wuchtigen

weil er sich ausmalte,

die ersten Erfahrungen

TIschtuchmuster eingeprägt hat. Die dezente Arbeit, die Ihre Vrelfälngkeu erst

tagsfeier vorbereitet hat, gegenüber dem Bürgermeister, der persönhch vorbei-

geht. Am Busbahnhofsoll

aus Tausendundei-

Tod zu entkommen.

Glasknstallornamentik wie ein Rock und fallt hinunter auf die über zwei Meter

dem Alters-

das schon eine Geburts-

Nacht die Märchen

was Scheherezade SIch am nächsten Tag wohl ausdenken würde, um ihrem

nut der

ist gegenüber

heimpersonal.

steigt Allan Karlsson aus dem Fenster

nicht einschlafen,

tile Erbe der Stadt, urnfhesst das Wasser den fihgranen Aluminiumguss

in Synen. So hörte er zwei

freundlich

Jahre, acht Monate und einige Tage lang zusammen nut seiner Mutter Nacht für ner Nacht im Radio und konnte danach

Anita Zimmermann. Fast als wäre der Brunnen eine Reminiszenz an das tex-

breite Bodenplatte,

erfahrt

6 Allan Kalsson wird hundert Jahre alt. Und obwohl es vielleicht rncht sehr


KULTUR

PRESSWERK Reue Siebet, Autor und Musile-Aficionado CD des Monats

Sommerplatte

Rufus Wainwright

Beach House

2

4

Bekanntlich

ren berühmter

haben es die NachfahVater respektive Mütter

Das Trommelfell

Pupillenrotation

Siebers Juni-Podestli:

Newcomer des Monats

aus Baltimore

Poli<;:a stellt sich auf, die

6

passt sich der Langsam-

in punkte

keit der Melodien

der Familie Mann. Der 38-jahrige Rufus Wainwright ist da keine Ausnahme.

gende, vor dem Fenster lauernde oder in freier Natur kriechende Bewegung wird

Dank: «Ein Computerprogramm zur nachträglichen Tonhöhenkorrektur von

Doch mit seinen sieben Studioalben

genauestens

digitalen Musikaufnahmen»

hat

machen übers Internet.

unter die Lupe genommen

Wikipedia

sei

zu verstehen.

eine derart spezielle Nische im Rockzirkus geschaffen, dass er den direkten

Gemächlichkeit in der Musik von Beach House steckt aber mehr als nur die Ab-

Entertainerin und Musiker in Cher machte Ende 1998 mit ihrer Mitträller-

Vergleich mit seinem Vater Loudon

wesenheit

Hymne «Believe» den digitalen Stimm-

Wainwright III und seiner verstorbenen Mutter Kate McGarrigle nicht zu

scheint auch eine Art Abenteurer-Seele zu haben und wandert wagemutig auf

verzerrer, der es unzähligen Künstlern erlaubte, ihre stimmlichen Schwächen

scheuen braucht.

dem schmalen Grat zwischen Stagnation

zu vertuschen,

und Fortbewegung.

später versuchte das Rap-Grossmaul

Ironie oder Zufall:

Game» (Universal), das

von Schnelligkeit.

Das Duo

Der grosse Erfolg,

Kanye West mit seinem Album «808s & Heartbreak», diese Technik wieder po-

seines 65-jahrigen

Alex Sally geschenkt

pular zu machen. Es gelang ihm nur

war Rufus

Wainwright noch nie. Lieber komponiert er nebenbei eine klassische Oper und schwärmt

von so exzentrischen

hat, scheint nicht

spurlos an den beiden vorbeigegangen

massig. Vielleicht

zu sein. Die Sanger in soll sich an Konzerten wie eine arrogante Diva verhal-

aus Minneapolis auf ihrem Debütalbum «Give You The Ghost» (Musikvertricb)

ten. Nicht schön. Sympathischer

mit dieser Aufnahmetechnik

mutet

und über-

da schon das Pathos an, mit der Legrand

wiegend starken Songs mehr Beifall

Doch dass Wainwright für die neuen Songs ausgerechnet den protzigen

über den Titel ihres neuen Albums spricht: «Eine Blüte ist vergänglich,

erhalten. Über zu wenig Hype kann sie sich jedenfalls nicht beklagen. Angeblich

Pop-Produzenten

eine flüchtige Vision des Lebens in aller

will die adrette Sängerin Channy Lea-

mit Adele, Amy Winehouse und Robbie Williams sicherlich vieles richtig

Intensität und Farbenpracht, wunderschön - wenn auch nur für einen Mo-

nagh ihre Stimme nicht verstecken, sondern verzieren. «Es geht da um dieses

machte) ausgewählt hat, lasst eine An-

ment.» Auch auf «Bloom» (Irascible)

sanfte, susse Karma, das sich irgendwie

bandelung

dominieren

an den Mainstream

befiirch-

ten. Tatsächlich ist dies die vielleicht poppigste Platte des New Yorkers, Doch beim intensiveren

Hören von «Out Of

jene Songs, deren Höhe-

um die Melodien

punkte sich aus scheinbar wahllos aneinandergereihten Tonfragmenten hypnotisch erheben. Entweder

farb te Stimmung

wright seine Kunst nicht verraten hat. Musikalisch orientiert er sich hier nicht

kalische Feingefühl, das Beach House aufbieten, verlangen sie gleichermassen

kann man sich ihr nur schwer entziehen. Denn die mit viel Hall und reichlich

nur an den achtziger, sondern auch an

ihren Hörern

Das musi-

Manipulation

den siebziger Jahren. Das erklärt auch

Kosmos wagt, sich den gefühlten zwei,

ursacht mit der Zeit einen hohen Sucht-

die spezielle, warme, relaxte und nostalgische Leichtigkeit in den Songs. Zwi-

drei Drumcomputerbeats. perlenden Gitarrenläufen

faktor. Gitarren haben bei Polica nichts verloren. Dafür ballern zwei Schlagzeu-

schen mitreissendem

Sally und dem schwerblütigen

den superb von Monsieur Betäu-

aufgebrezelte

ger mit einem regelrechten

«Menta uk», der bea tles' esken Ballade

Schwebeübung

irrlichternden

«Sometimes You Need» und dem stark

«Myth» ist dazu der ideale Einstieg.

Grundcharakter

an Queen erinnernden «Rashida» reicht die Palette auch dieses Mal weit. Gren-

Und endgültig in denjulihimmel heben Beach House mit der zartliehen Ver-

Ghost» ist avancierter, R&B, auf Augenhöhe

zen sind fiir Rufus Wainwright

schleppung

TheWeeknd.

da, um

Tennant von den Pet Shop Boys die Mitarbeit an «Perfect Man» abgesagt

im entrückten

Opener

«On The

5

M.WARD

A Wasteland Companion

6

POLl~A

Give You The Ghost

Rhythmus-

feuerwerk um die Wette, was den Songs neben dem treibenden Bass und dem

Schade, dass N eil

BEACH HOUSE

Bloom

Stimme ver-

bungsgesang von Madame Legrand hingibt, wird belohnt. Die sanfte

sie zu überschreiten.

4

Album oft etwas zu keimfrei klingt,

ab. Und wer sich in diesen

im herrlichen

Love Symbol (1992)

auf diesem cleveren

Entzücken

ner, dezentem Country- Western-Flair, der genuinen Philip-Glass-Reminiszenz

POWER GENERATION

der Instrumente

The Game» wird klar, dass Rufus Wain-

Vaudeville-Don-

PRINCE & THE NEW

schlängelt», gibt sie geheimnisvoll preis. Auch wenn die melancholisch einge-

erzeugt dies

oder Langeweile.

3

wird die Band Polica

Stars wie Edith Piaf und Judy Garland.

Marc Ronson (der

Out OfThe Game

salonfähig. Zehn Jahre

den das Vorgängerwerk «Teen Dream» aus dem Jahr 2010 Victoria Legrand und

Vaters. Massenkom-

RUFUS WAINWRIGHT

Die US-amerikanische

neue Album des Sohnemannes. erschien am gleichen Tag wie das neue Werk patibel und kommerziell

2

sei darunter

und notiert. Hinter der bewussten

«Out OfThe

Gay Messiah

Mark Hollis (1998)

«Autotune» zuerst schlau

besonders schwer. Siehe die Geschichte

sich der selbsternannte

an, und jede umlie-

MARK HOLLIS

Nun, ehrlich gesagt musste ich mich

Keyboard einen soliden verleiht. «Give You The elektronischer mit Grimes und

Sea» ab: neben «Crawl After YOu» von M. Ward meine persönliche Hymne 2012.

Sommer-

hatte, weil das Stück angeblich zu viele Akkorde habe. Dafür spielten Nels Cline, Nick Zinner und Sean Lennon

7

SPIRITUALIZED

Sweet Heart Sweet Light

mehr oder weniger gewichtig am Album mit. Und im abschliessenden,

8

seiner Mu tter gewidmeten «Candles» singt die halbe Wainwright-Sippe als Chorsänger

und -sangerinnen

THE SHINS

Port Of Morrow

mit. Samt

9

seiner Schwester Martha und inklusive

DJANGO

DJANGO

Django Django

Dudelsack. Ein Maestro darf auch dies. Und der Kreis schliesst sich: familiar wie musikalisch.

47 SAITEN

06 12


KULTURSPLITTER MONATSTIPPS DER MAGAZINE AUS AARAU· BASEL· BERN . OlTEN . lUZERN . VADUZ

041 DasKIII/urmUfjiUII

Sondierungen

A Night at Magdi

Stadt im Kunstrausch

Klein, aber fein. Das sind die Liechtensteiner Literaturtage, die bereits zum elften Mal Literaturinteressierte in die Stein-Egerta in Schaan locken. Vom 1. bis 3. Juni heisst das Thema «talente/takt/terrain». Im Zentrum stehen dieses Mal vor allem junge Autoren und Literaten. Das kleine Literaturfestival in Schaan hat sich in den vergangenen zehn Jahren einen Namen gemacht und nicht selten lesen Autoren, die später gross herauskommen. Wie etwa Herta Müller, die 2009 den Literaturnobelpreis erhielt.

Weder schön noch tot zu kriegen. Es gelingt auch nicht, sich ihrer chaotisch-einnehmenden Bühnenpräsenz zu entziehen. Die Rede ist von der selbsternannten ältesten Schülerband der Innerschweiz, den Morlocks. Von ihrem vor einem Jahr erschienenen, zumindest künstlerisch erfolgreichen Vinyl-Doppelalbum <,Golden Covers» mit Stimmungshits von Franz Schubert, Egon Egner, Jagger/Richards, Cab Calloway und vielen mehr sind - wie man munkelt - auf www.dasfuenftetier.ch noch einige Exemplare zu erstehen.

Im Juni artet Basel aus: Dann findet seit nunmehr 43 Jahren die grosse internationale Kunstmesse «Art Basel» statt. Und mit ihr eine stattliche Anzahl Nebenmessen mit so klingenden Namen wie «Liste», «Pocus», «Volta», «Scope- oder «The Solo Project». Doch bereits vor Messebeginn wird in der Stadt viel Künstlerisches geboten, und wer es gerne schräg beziehungsweise queer mag, kommt am Performancemarathon «ZAP!» ganz sicher auf seine Kosten.

11. Liechtensteiner Literaturtage Freitag, 1. bis Sonntag, 3. Juni, Haus Stein-Egerta Schaan. Mehr Infos: www.mundart.li

Die Morlocks Samstag 9. Juni, 21 Uhr, Restaurant St.Magdalena Luzern. Mehr Infos: www.magdalena.ch

43. Art Basel Donnerstag, 14. bis Sonntag 17. Juni, Basel. Mehr Infos: www.artbasel.com ZAP! Performancemarathon Freitag, 8. bis Donnerstag 14. Juni, Kaserne Basel. Mehr Infos: www.kaserne-basel.ch

KOLT

ultUf

Wühlkisten-Openair

Poesie mit Figuren

Multikulti Tschutten

«Das Konzept ist immer noch keins, und auch sonst bleibt alles gleich!», verkündet Daniel Fontana einleitend im Kilbi-Programmheft. Das klingt zwar tiefgestapelt, zeigt aber, was die Kilbi ausmacht: Sie ist kein Event geworden, sondern ein Openair geblieben. Und zwar eines mit guter Musik. Zum Beispiel mit dem franko-amerikanischen Dream-Pop-Duo Beach House (Bild), den Akustikern von Kings of Convenience oder der Indie-Rockband The War on Drugs. Letztlich ist die Kilbi aber eine Reise in die Wühlkiste der musikalischen Gegenwart.

Poetisch, eigenwillig, überraschend - und das seit zwanzig Jahren. Das ist das Figura Theaterfestival, das dieses Jahr bereits zum zehnten Mal stattfindet. Auch in seiner Jubiläumsausgabe bringt die Internationale Biennale des Bilder-, Objekt- und Figurentheaters erstklassige Theaterkunst auf alle Bühnen von Baden und Wettingen und im Rahmen von «Figura fuori» auf Strassen und Plätze. Ein hochkarätiges Programm mit 32 Inszenierungen aus zehn Nationen öffnet die Türen in eine vielfaltige und faszinierende Welt.

Zum dritten Mal organisiert der Verein APA auf dem Schützenmattareal in Olten ein Strassenfussball-Turnier. Dieses Jahr steht die Veranstaltung ganz unter dem Motto «Multikulti». Mit dem Anlass wird ein Begegnungsraum zwischen Menschen verschiedener Herkunft geschaffen und ein Teil zur Gesundheitsförderung beigetragen. Mit dabei sind ehemalige Spieler der Schweizer Nationalmannschaft, welche gegen den EHC Olten ein Freundschaftsspiel austragen.

Bad Bonn Kilbi Bis 2. Juni August, Bad Bonn Düdingen. Mehr Infos: www.badbonn.ch

Figura Theaterfestival 13. bis 17. Juni, Baden und Wettingen. Mehr Infos: www.figura-festival.ch

Mit «Saiten" zusammen bilden diese unabhängigen Kulturmagazine die Werbeplattform

Strassenfussball- Turnier Samstag, 16. und Sonntag, 17. Juni, Kulturzentrum Schützi Olten. Mehr Infos: www.schuetzi.ch

«Kulturpool», und erreichen gemeinsam eine Auflage

von über 200'000 Exemplaren. www.kulturpool.biz


KALENDER

Inhaltsverzeichnis Kulturprogramme 2

Theater und Konzerte St.Gallen. 6 Kunsthaus Zunch 18 Circus Monti. Kunstmuseum St Gallen. 26 Kellerbuhne St.Gallen Stadttheater Schaflhausen 50 Gare de Lion Wtl Kugl St.Gallen. Salzhaus Wmterthur

52 Grabenhalle St.Gallen Ncxtex St.Gallen. 61 K1I1ok St.Gallen. Kunstmuseum Thurgau. Kunstmuseum W1l1terthur. 64 J S Bach-Stiftung Trogen. Museum In1 Lagerhaus St Gallen Schloss Wartegg Rorschacherberg

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1(1 Sc~{ttze"ga.~te" Das vortreffliche

FR

l) Bier.

01.06

KONZERT Ana Scent. Echo & Soul und Fnends with DISplays MUSIg uf da Gass. Flon St Gallen, 20 Uhr Aestronauten des Zens. Meplnstosvstem, Asool. MUSIg uf da Gass. Grabenhalle St.Gallen, 21:30 Uhr Band It. Das NachwuchsbandFestival Salzhaus Wmterthur, 19 Uhr Beethoven Quartett. VlOl1I1e, Klavier und Streichquartett Kunsthalle Ziegelhutte Appenzell, 20 Uhr Daniel Guggenheim. And the new york quartet. Kulturcmema Arbon, 20 Uhr Jazziges Eröffitungsfest. Mit dem double time duo. Frauenpavillon Im Stadtpark St Gallen, 19 Uhr Paul Sails for Rome. Support: DJ Zogg Krempel Buchs, 22 Uhr PremJoshua & Band. Indische Klassik, Jazz und Ethnomusrk. Pfalzkeller St Gallen, 20 Uhr Sundiver, Kalte Hand/Natasha Waters, Soda MUSIg uf da Gass. Kugl St Gallen, 21'30 Uhr Swing and more. Blues. Einstein Hotel St.Gallen, 21 Uhr The Skurfs, Petro Lehmarm und Eno Musig uf da Gass. Palace St Gallen, 21 Uhr

Die Macht der Gewohnheit. Komödie von Thomas Bernhard Theater am Kornmarkt Bregenz, 19:30 Uhr Die Vorläufigen. Urauffuhrung von Ivna ZIC, Gastspiel des Theaters Konstanz. Lokrenuse St Gallen, 20 Uhr Ein roter Abend. Ein szenischer Abend ganz in Rot, gefullt mit kmdlichen Ideen Fabnggh Buchs, 18:30 Uhr Pr ida, viva la vida. Ern-FrauStuck mit Astnd Keller. Theaterwerkstatt Gleis 5 Frauenfeld, 20 Uhr Gut gegen Nordwind. ElI1 Stuck nach Daruel Glattauer. Theaterhaus Thurgau Welllfelden, 19 Uhr Othello. Tragodre von William Shakespeare Theater St.Gallen, 19:30 Uhr Revue mit einem Anwalt. MIt Marnn Luithle & Kathanna Koch. K9 Konstanz, 21 Uhr Sommern acht Traum. Freie Neumszeruerung des Theaterstucks von Shakespare. Kraftwerk Krummenau, 19'30 Uhr Verrücktes Blut. Stuck von Nurkan Erpulat und Jens HIlIJe. Theater Kosmos Bregenz, 20 Uhr KABARETT AlfPoier & die obersteirische Wolfshilfe. jubilaumsprogramm Spielboden Dornbirn, 20:30 Uhr Ingo Oschmann. Hand drauf Zeltainer Unterwasser, 20 Uhr Ohne Rolf. Unferti Kellerbuhne St Gallen, 20 Uhr TANZ Kafana. Tanztheater 1vanovic-Clan und Dusa Orchester. Kulturforum Amnswil, 20:15 Uhr KUNST

CLUBBING/PARTY Dance Free. Tanzen ohne Strassenschuhe. Alte Kaserne W1l1terthur, 20 Uhr Tango Almacen. MtlongaTanznacht. Lagerhaus St Gallen, 21 Uhr FILM Alpsegen. In den Schweizer Alpen ist der Brauch des Alpsegens bis heute lebendig K1I1ok Lokremise St Gallen, 17-45 Uhr Cafe de Flore. Zwei Liebesgeschichten fugen Sich zu einem Puzzle zusammen Kinok Lokremise St Gallen, 21'30 Uhr Kampf der Königinnen. Der Kuhkampf im Wallis K1I1ok Lokrermse St.Gallen, 19:45 Uhr

64 Tanz der Messen Amnswil/St Gallen. 70 Kunst Halle St Gallen Kunstmuseum St Gallen.

I AUSSTELLUNGEN

Apokalypse now and before. Vermssage. Tartar Kunstformen St Gallen, 18 Uhr Brenda Osterwalder. Vermssage. Galene vor der Klostermauer St Gallen, 19 Uhr Durchs Haus. Fuhrung Museum Appenzell, 14 Uhr Zwischenräume. Fuhrung Schloss Werden berg, 11'30 Uhr

Wird unterstutzt

Schützengarten sahara, danach Musik von Evaluna und Anuschka. Kulturbahnhof Gare de Lion WIl, 20 Uhr

5A 02.06 KONZERT Absoßutely plays. Bach in Brazil Alte Kaserne Wmterthur, 19:30 Uhr Bass Attakk. Mit Bar9, Daladubz und H.E A.R. KulturbahnhofGare de Lion WIl, 22'30 Uhr Blue Jay. Blues-Groovy und nutreissend Bogenkeller Rotfarb Buhler, 20:30 Uhr Exitus. Streichtrio Schloss Werden berg, 16 Uhr Friedheimer Spatzen. Rockigc, Grooves und Iynschen Balladen. Kulturbeiz KaffFrauenfeld, 20 Uhr Internationales Domorgelkonzert. St.Galler Dornjvlusik nut Gast. Kathedrale St.Gallen, 19:15 Uhr Klezmer PauWau - Humus. Fernab vorn Mainstream. Topferet & Galerie zur Hofersage Appenzell, 20 Uhr Krach am Bach. Open-Air-Konzerte. Bad: Tagerwrlcn, 17 Uhr Rap-SG presents. DU VTourabschluss Grabenhalle St Gallen, 22 Uhr Rheinberger Chor. Balladen und Tanze von Rheinberger bis Bartok Vaduzer-Saal Vaduz, 20 Uhr

Casino SIam. Mit acht Dichtern, Wortakrobaten und Geschichtenerzahlern Casmotheater Wmterthur, 20 Uhr VORTRAG Manthan(west)5. forum andere ll1USIk Kunstraum Kreuzlmgen, 20 Uhr DIVERSES Bildspuren. mance an der Werdenberg, Ein kleiner Vortrag einer

Video und PerforSchlossfassade. Schloss 23'30 Uhr Kulturabend. Zuerst Reise durch die West-

90s are now Baywatch Special. Mash up the 90s. Salzhaus WlIlterthur, 22 Uhr Cafetango. Kaffee gemessen und Tango argennno tanzen Kaffeehaus St.Gallen, 20 Uhr IDusion Room. Feat. Oliver Huntemann Kugl St.Gallen, 21 Uhr Kula Club Party. Mit Mr. November & Bensen Kulturladen Konstanz, 22 Uhr Sirupclub Soundsystem. Plattentaufe Sirup Club. Tankstell-Bar St.Gallen, 19 Uhr Urbn-Saison-Abschluss-Party. Urban Electro Party Planobar Frauenfeld, 21'30 Uhr

Cafe de Flore. Zwei Licbesgcschichten fugen Sich zu einem Puzzle zusammen Kinok Lokrenuse St Gallen, 18:30 Uhr Chinese zum Mitnehmen. Ein Eisenhandler m Bueno Aires tnfft auf emen ausgeraubten Chinesen. Kino Rosental Helden, 17:15 Uhr Intouchables. Ein eleganter Adliger Im Rollstuhl tnfft auf einen Jungen afnkamschen Lebenskunslter KIno Rosental Helden, 20:15 Uhr L'ombrello di Beatocello. Portrat des bekannten Kinderarztes Beat Richner Kmok Lokremise St.Gallen, 16:30 Uhr

49 SAITEN

0612

The Turin Horse. Der Kampf um ein krankes Pferd Kmok Lokremise St.Gallen, 21 Uhr THEATER Antilopen. Stuck von Hennmg MankeIl Theater Konstanz, 20 Uhr Bodenseefestival: Die Afrikanerin. Grand Opera in funf Akten. Konstanz, 20 Uhr Das Erbgut. Schauspiel von Sebastian Frommelt. Theater am Kirchplatz Schaan, 20 Uhr Die Vorläufigen. Urauffuhrung von Ivna ZiC, Gastspiel des Theaters Konstanz. Lokremise St.Gallen, 20 Uhr Die Zauberßöte. Oper von Mozart. Theater St.Gallen, 19:30 Uhr Frida, viva la vida. Ein-Frau-Stuck nut Astnd Keller. Theaterwerkstatt GleiS 5 Frauenfeld, 20 Uhr I see a darkness. Szenische Nahtoderfahrung Fabnggh Buchs, 20 Uhr Schloss Werdenberg auf Reisen. Die mwcndrge Stimme. Bergwerk Gonzen Sargans, 19 Uhr Sommernacht Traum. Freie Neumszcrucrung des Theaterstucks von Shakespare Kraftwerk Krummenau, 19:30 Uhr TmbH - Die Goldene Banane. Wer nnprovisiert Sich zum Sieg? K9 Konstanz, 20 Uhr Verrücktes Blut. Stuck von Nurkan Erpulat und Jens HIl~e Theater Kosmos Bregenz, 20 Uhr KABARETT

CLUBBING/PARTY

FILM LITERATUR

THEATER Antilopen. Stuck von Henmng Mankell Theater Konstanz, 19:30 Uhr Die inwendige Stimme. Musiktheater organisiert vom Schloss Werdenberg. Bergwerk Gonzen Sargans, 18 Uhr

01.06. - 30.06.2012

Annamateur. Anarclusnsche Komik Altes Kino Mels, 20'15 Uhr Ingo Börchers. Die Welt ist eme Google Zeltainer Unterwasser, 20 Uhr Ohne Rolf. Unferti. Kellerbuhne St.Gallen, 20 Uhr KUNST

I AUSSTELLUNGEN

Danh VÖ. Fuhrung Kunsthaus KUB Bregenz, 14 Uhr Oh, Plastiksack. Vermssage. Gewerbemuseum Wmterthur, 16 Uhr Rendez-vous Ostschweizer Kunstschaffender. Vernissage. Kornhaus Rorschach, 11 Uhr Tanz mit Bruce Nr. 4. Vernissage Eisenwerk Frauenfeld, 18 Uhr Ursula Federli-Frick. Vernissage. Landweibelhaus Schaan. 16 Uhr Zwischenräume. Fuhrung. Schloss Werdenberg, 10 Uhr LITERATUR Begegnung in italienischer Sprache. Mit Marco Lodoli Eisenwerk Frauenfeld, 17 Uhr VORTRAG Hausgespräch. Zakay Reichlm als Vertreter der Gesellschaft schwelzenseh-tibetischer Freundschaft Otto-Bruderer-Haus Waldstatt, 16 Uhr

von:

Bier

Kinderclub. Gallus-Legende basteln. Historrsches und Volkerkundemuseum St Gallen, 14 Uhr Waldfigurentheater. «De PIlzgorps und sm Wunderstab ». Im Falkenwald bei den Waldkmdern St Gallen, 14 Uhr DIVERSES Bildspuren. Video und Performance an der Schlossfassade. Schloss Werdenberg, 22 Uhr Eröffitung. Des Hauses m dem man alles findet. Haus zur gewesenen Zeit Diessenhofen, 13 Uhr

50 03.06 KONZERT Alphorn- und Orgelinspiration. Alphorntno MKS Schaflhausen. Khrnk St.Kathannental Diessenhofen, 17 Uhr Anklang. MUSikalische Weltreise Im Abendgottesdienst. Grubenmannkirehe Teufen, 17 Uhr Exitus. Installations-Passage fur Streichtno Schloss Werdenberg, 19 Uhr Griechische Musik. Werke von Manos Chatzidakis, Stavros u.a Ev Kirche Bcrlmgen, 20 Uhr Junge Chöre, geistliche Werke. Geistliches Chorkonzert der St Galler Smgschule. Ev. KIrche Lmsebuhl St Gallen, 18 Uhr Neue Wege der Chormusik. Rundfunkchor Berlm, Stefan Parkman, Lars Scheibner Vaduzer-Saal Vaduz, 20 Uhr Slim Cessna's Auto Club. Country in sein er wildesten Form Grabenhalle St.Gallen, 21:15 Uhr Spitting Horns. JazzsaxophonQuartett. Schloss Wartegg Rorschacherberg, 11'30 Uhr FILM Alpsegen. Der Einblick in den Alltag von Vier Alplern Kinok Lokrenuse St Gallen, 11 Uhr/Kino Rosental Heiden, 19.15 Uhr Cafe de Flore. Zwei Liebesgeschichten fugen SICh zu emem Puzzle zusammen.Kinok Lokrenuse St Gallen, 20 Uhr Eine ganz heisse Nummer. Mana bessert Ihre serbelnden Fmanzen nut einem erotischen Telefonservrcc auf. Gaswerk Wmterthur, 19'30 Uhr Press. Die Geschichte der ersten kurdischen Zeitung. Kinok Lokrenuse St Gallen, 17 Uhr Titeuf. Die Geschichten eines Corruc-Lausebengels. KIno Rosental Heiden, 15 Uhr THEATER

KINDER Der barmherzige Samariter. Kindermusical Ev. Kirchgemeindehaus Abtwil, 9'30 Uhr

Die Macht der Gewohnheit. Komodie von Thomas Bernhard Theater am Kornmarkt Bregenz, 19'30 Uhr


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Der Tanzabend für alle Tango-Fans (und alle, die es werden wollen). DJ Patrick sorgt für die argentinischen Rhythmen.

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Die frische Mischung aus Ska, Reggae, Funk und Hiphop: Die Lokalhelden taufen ihr neues AlbumnConsume" im Gare de Lion! Mitteilung

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Saiten Juni 2012