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P.b.b. | VERLAGSORT: 6020 INNSBRUCK | 10Z038387M

TOURISMUSMAGA ZIN | AUSGABE 04/11 | SOMMER/HERBST 2011

SONNIGE AUSSICHTEN Der Tiroler Bergsommer hat Potenzial


MEHR AUF


3 StiCHWort saison

Zahlen, bitte

ETYMOLOGIE

ide“, Alpe, alp, alm, Femininum, „Bergwe alba ahd. ide“, gwe „Ber 0), (130 albe . mhd lat. (790 e“, (10. Jh.), „alp, alm, Bergweid *albon, h. anisc germ indo alpes duas) zu (vor) tz«, epla Weid r gene gele »Berg, hoch Einfluss von lat. albus, adj., „weiß“, ologisches Köbler, Gerhard, Deutsches Etym 1995 Wörterbuch,

9.000

in Österreich gibt es etwa 9.000 almen, davon liegt rund ein Viertel in Tirol, das damit mit 2.151 das almenreichste Bundesland ist, deutlich vor salzburg mit 1.814. 13 Prozent, das sind 1,06 Millionen Hektar des österreichischen staatsgebietes, sind von almen bedeckt, auch flächenmäßig hat Tirol mit 39 Prozent den größten anteil an den heimischen almflächen. (almstatistik der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, 2009)

Zitiert „Gesundheitstourismus ist der Oberbegriff für einen touristischen Aufenthalt mit dem Ziel der Erhaltung, Stabilisierung und Wiederherstellung der Gesundheit, bei dem aber – um ihn von einem ‚normalen‘ Ferienaufenthalt zu unterscheiden – Gesundheitsleistungen einen Schwerpunkt bilden.“ Claude Kaspar, Tourismusforscher

Klimawandel

„Kultur und Esskultur sind eng miteinander verbunden. Kunstinteressierte Gäste legen häufig auch Wert auf qualitätvolles Essen. Tirol hat es versäumt, diese beiden Bereiche zu fördern.“

Klein, kühl, sicher, reich. Laut dem schweizer Trendforscher David Bosshart werden das die attribute sein, mit denen der alpentourismus im globalen Wettbewerb mitspielen kann. Wenn in den kommenden Jahrzehnten die Durchschnittstemperatur um zwei Grad steigt, wird es in Venedig so heiß sein wie in der Türkei – und die alpen bieten angenehme Temperaturen für sommerfrischler. Damit spekulieren zumindest Experten.

Alfons Parth, Wirt und initiator des kulinarischen Jakobswegs

© GERHaRD BERGER

„Früher hatten Eltern ganz andere Ansprüche. Man hat gesagt: ‚Solange die Kinder ganz klein sind, fahre ich nicht in Urlaub. Später mache ich Familienurlaub und ordne mich den Wünschen der Kinder unter.‘ Heute hingegen legen immer mehr Gäste Wert darauf, dass sie selbst auch nicht zu kurz kommen.“

Nächtigungen seit 1990 Quelle: Landesstatistik Tirol 30.000.000

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Sommer

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Ernst Mayer, Chef des Kinderhotels alpenrose in Lermoos

„Wir müssen die Urlaubsbedürfnisse der Leute zu 100 Prozent stillen. Rafting allein ist dabei zu wenig. Es braucht ein umfassendes, reichhaltiges Angebot für die ganze Familie.“ Hansi Neuner, Geschäftsführer der area 47


4 EDiToRiaL

Der Wert des Wetters

S

chön ist’s, wenn’s schön ist – dem Volksmund kann man gerade aus touristischer Perspektive nicht widersprechen. sonne und Wärme sind nachweislich dem Menschen angeborene sehnsüchte. Tatsächlich ist die Wetterfühligkeit der Reisenden so groß wie noch nie. Entschieden wird spontan und kurzfristig, wann, wohin und wie lange verreist wird. oft genug spielt da die aktuelle Wetterprognose eine Hauptrolle – auch wenn Urlauber nicht explizit eine erklärte sonnen- und/oder stranddestination anpeilen. auch der aktive Gast, der in die alpen fährt, informiert sich im Vorfeld über alle Details und kann dies gerade im Wetterbereich immer genauer mit immer längeren Vorlaufzeiten tun. Für die touristischen anbieter im alpenraum liegen die Konsequenzen klar auf der Hand: Das großartige schaupiel der natur gerade im Wechsel der Witterungsverhältnisse gehört zum Urlaub in unseren Breitengraden einfach dazu – es zu leugnen wäre falsch. Dieses „alpine Reizklima“ in der Höhenlage der Berge, das viele unserer Gäste auch bewusst genießen, erfordert aber auch einen noch aktiveren Umgang als bisher – sonst geht Geschäft verloren. Zu präzise wird das Wetter heute vorhergesagt, zu vielfältig sind die informationskanäle, zu zentral sind Wetterprognosen für die generelle Urlaubsentscheidung geworden. Gerade an den enormen Reichweiten der einzelnen Wettersendungen im Fernsehen, die vielfach schon zu inszenierten Wettershows mit außenwetterdrehs mutiert sind, lässt sich der Wert des Wetters ablesen. Zusammen mit vielen Regionen unseres Landes nützt die Tirol Werbung derartige Formate seit einigen Jahren konsequent, um unsere Vorzüge authentisch und glaubwürdig reichweitenstark zu kommunizieren. ob saisonbegleitendes sommer- oder Winterwetter auf dem führenden deutschsprachigen nachrich-

tensender n-tv, regelmäßige außenwetterdrehs von TV-stationen oder ein jährlich in Tirol stattfindendes Gipfeltreffen der führenden Wettermoderatoren inklusive ausführlicher Vor-ort-Reportagen und einer Reichweite von über 60 Millionen Zusehern – Tirol trägt der gestiegenen Wettersensibilität der Urlauber mit innovativer Medienarbeit Rechnung.

Intensiver einbringen. Doch

eines ist ebenfalls klar: soll Tirol in diesem Bereich weiter führend bleiben, müssen wir uns einerseits im netzwerk der Wetterinformationen noch intensiver einbringen und die aktiv angebotene informationsqualität und -dichte in den einzelnen Kanälen weiter erhöhen. Gerade im internet können auf einschlägigen Wetterseiten Bilder, Texte oder Videos zugeliefert werden, und damit steigen auch die Chancen Gutwetter-Botschaften oder erfreuliche Wetterereignisse (im Winter etwa neuschnee) noch erfolgreicher zu verbreiten. andererseits sollten wir uns als anbieter auch immer wieder kritisch fragen, ob und wie wir die schon so vielfältig und erfolgreich entwickelten, quasi wasserfesten Erlebnis-, Einkaufs- und Eventangebote in unserem Land weiter ergänzen beziehungsweise gezielter vermitteln können. Es macht aber auch sinn zu hinterfragen, ob wir bereits genügend qualitätsvolle Plätze schaffen konnten, um Regenstunden zu erinnerungswürdigen Mußestunden mutieren zu lassen. Denn in sonnendestinationen wie im alpenraum macht erst die Harmonie der Gegensätze den Reiz eines stimmigen, weil kompletten Urlaubserlebnisses aus: so wie wir in der südlichen Hitze die Kühle eines Bades oder alten Gemäuers schätzen, so finden unsere glücklichen Gäste nach einer gesunden Wanderung durch die frische Regenluft die wohlige atmosphäre entspannter Wellnessbäder sowie die gemütlichen Tiroler stuben und unsere wärmende Gastfreundschaft. ×

JosEF M aRG REiTER , DiREK ToR TiRoL WERBUnG


5 editorial saison

Die Wetterfühligkeit der Reisenden ist so groß wie noch nie. Entschieden wird spontan und kurzfristig, wann, wohin und wie lange verreist wird.

Das großartige Schaupiel der Natur gerade im Wechsel der Witterungsverhältnisse gehört zum Urlaub in unseren Breitengraden einfach dazu – es zu leugnen wäre falsch.

Es macht Sinn zu hinterfragen, ob wir bereits genügend qualitätsvolle Plätze schaffen konnten, um Regenstunden zu erinnerungswürdigen Mußestunden mutieren zu lassen.


7 INHALT SAISON

„DAS BESONDERE IST DIE VIELFALT“

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© TVB PAZNAUN – ISCHGL, NATURHOTEL WALDKLAUSE, MICHAEL RATHMAYR, AREA 47, GERHARD BERGER (2)

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DESIGN STATT ALPENKITSCH

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DER TOD IM GEBIRGE

„DAS KIND STEHT IM MITTELPUNKT“

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MODERNEN ESKAPISMUS NUTZEN

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SEHNSUCHTSORT ALM

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THEMA: DER TIROLER BERGSOMMER Tirol. Ein Sommermärchen Der Sommertourismus liegt im Dornröschenschlaf – die Kampagne „Tiroler Bergsommer“ soll das ändern.

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Die Alpen als Mittelmeer? Klimawandel: Experten räumen dem Sommertourismus in Tirol durchaus Wachstumschancen ein.

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Medizin triff t Tourismus Das Angebot im medizinischen Gesundheitstourismus in Tirol ist vielfältig, das Potenzial noch nicht erschöpft.

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Sehnsuchtsort Alm Vom ursprünglichen Almerlebnis könnte der Tourismus stärker profitieren.

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„Das Besondere ist die Vielfalt“ Alfons Parth, Wirt und Initiator des kulinarischen Jakobswegs, im Interview

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Modernen Eskapismus nutzen Sportliche Gäste bringen gutes Geld und sind wetterfest. Aber nur, wenn auch das Angebot stimmt.

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„Das Kind steht im Mittelpunkt“ Ernst Mayer, Chef des Hotel Alpenrose in Lermoos, über die Spezialisierung auf Familien Erfolgskonzepte Wo außerhalb Tirols bemerkenswerte Sommerangebote Gäste locken

MAGAZIN 38

Auf Reisen mit Gott Für gläubige Menschen spielt Gott auch im Urlaub eine Rolle.

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Design statt Alpenkitsch Immer mehr Hoteliers trauen sich weg von Alpenkitsch und Lederhosenarchitektur – und haben damit Erfolg.

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Freiräume schaffen Kurt Höretzeder, Gründer von „wei sraum – Forum für visuelle Gestaltung“ im Interview

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Der Tod im Gebirge Lina Hofstädter, Bernhard Aichner und Lena Avanzini sind mit regionalspezifischer Krimiliteratur erfolgreich.

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Kommentare

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Nachgefragt

IMPRESSUM SAISON – Tourismusmagazin, Nr. 4/2011 (63. Jahrgang)

SAISON-Abohotline: 0512/58 60 20

HERAUSGEBER: Tirol Werbung, Maria-Theresien-Straße 55, 6020 Innsbruck • MEDIENINHABER UND VERLEGER: target group publishing GmbH – Zielgruppen Verlag, Karl-Kapferer-Straße 5, 6020 Innsbruck • CHEFREDAKTEUR: Matthias Krapf • REDAKTION: Mag. Sylvia Ainetter, Steffen Arora, Mag. Sonja Kainz, Mag. Jane Kathrein, Esther Pirchner, Ernst Spreng • AUTOREN: Ernst Molden, Alois Schöpf • FOTOGRAFEN: Gerhard Berger, Michael Rathmayr • PRODUKTION: NERO WerbeGmbH, www.nerografik.net • LAYOUT: Philipp Frenzel • ANZEIGENVERKAUF: Thomas Pilgram, t.pilgram@zielgruppenverlag.at • ANSCHRIFT VERLAG/PRODUKTION: Karl-Kapferer-Straße 5, 6020 Innsbruck, Tel. 0512/58 60 20, Fax DW -20, redaktion@zielgruppenverlag.at • GESCHÄFTSFÜHRUNG VERLAG: Mag. Andreas Eisendle, Michael Steinlechner • DRUCK: Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten


8 BERGSOMMER SAISON

Tirol. Ein Sommermärchen Der Sommertourismus liegt im Dornröschenschlaf – die Auslastung der Hotels beträgt nur 27 Prozent. Die integrierte Kampagne „Bergsommer Tirol“ der Tirol Werbung soll das ändern. V O N S Y LV I A A I N E T T E R

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erschneite Hänge, gut präparierte Pisten, unzählige Loipen und Rodelbahnen – die Assoziationen zu Tirol sind meist winterlicher Natur. Das war aber nicht immer so: Erst seit Anfang der 1990er-Jahre ist die Sommersaison schwächer als die Wintersaison. Die besten Ergebnisse wurden nach dem Mauerfall und der Ostöffnung in den Jahren 1991 und 1992 erzielt – die Höchstmarke lag bei mehr als 23 Millionen Nächtigungen. Zum Vergleich: Die Sommersaison 2010 verzeichnete nur knapp 18 Millionen – und liegt damit deutlich darunter. Die Diskrepanz zwischen Sommer und Winter macht den Touristikern schon länger zu schaffen, denn im Sommer reisen nicht nur weniger Gäste an, die

das unternehmerische Engagement und die innovative Bereitschaft, in wertvolle Sommerangebote und Vermarktung zu investieren.“

Natur als Kapital. Sport & Aktiv („Erobern“), Natur & Gesundheit („Fühlen“), Familienerlebnis („Entdecken“) und Kultur & Kulinarik („Genießen“) – das sind die vier Themenbereiche, die verstärkt vermarktet werden – und gleichzeitig die Vielfältigkeit Tirols vermitteln sollen. Der BergsommerKampagne ging unter anderem eine Analyse der Herkunftsmärkte sowie der Gästestruktur voraus. „45 Prozent unserer Gäste im Sommer sind Paare, 22 Prozent sind Familien, der Altersschnitt unserer Gesellschaft ist weiter steigend und dennoch muss Tirol mit Angeboten für die heutige Jugend im Som-

„Die Vision ist, dass jeder mit seinem Beitrag selbst Teil des Tiroler Bergsommers und zum individuellen ,Geschichtenerzähler’ aus unserem legendären Land im Gebirg’ wird.“ JOSEF MARGREITER, DIREKTOR TIROL WERBUNG

kürzer bleiben (Winter: 5,0 Tage, Sommer 4,1 Tage). Dazu kommt, dass die Tagesausgaben der Gäste im Sommer deutlich niedriger sind (104 vs. 137 Euro). Das soll sich nun wieder ändern – mithilfe einer groß angelegten Kampagne, dem „Bergsommer Tirol“. Josef Margreiter, Direktor der Tirol Werbung, sieht Potenzial in der Sommersaison, fügt aber hinzu: „Erfolgsentscheidend bleiben

mer noch ,cooler’ sein“, erklärt Margreiter die Schwierigkeiten bei der Eingrenzung der Zielgruppe. Mit den vier Themenbereichen sollen alle Altersschichten und Interessengruppen angesprochen werden. „Laut der letzten Gästebefragung sind es unverändert vor allem Landschafts- beziehungsweise Naturerlebnis und die Berge, die Urlauber in Tirol nebst spürbarer Gastfreundschaft am meisten

schätzen. Als Argumente für einen TirolUrlaub werden zudem die gute Luft und das gesunde Klima, die Wander-Infrastruktur und die Ruhe, das vielfältige ErlebnisAngebot und die Erholungsmöglichkeiten angeführt“, erklärt Margreiter. „Der Tiroler Gast ist ein aktiver Naturliebhaber, der in den Bergen die Erholung beziehungsweise sportliche Freude sucht und dabei auch dem kulinarischen und vermehrt auch dem lebenskulturellen Genuss frönen will.“

„Regrounding“. Damit liegen die Tirol-Urlauber im allgemeinen Trend: Zukunfts- und Trendforscher beobachten einen Wertewandel – materieller Wohlstand bleibe zwar wichtig, wesentlich sei jedoch die sogenannte Solidität (Zuverlässigkeit) der konsumierten Produkte. „Regrounding“ nennen Soziologen das Phänomen, dass Familie, Natur und Zeit für sich selbst wieder in den Vordergrund rücken. „Der moderne Reisende hat bald genug Länder erobert und will vermehrt aus seinem gewohnten, zunehmend urbanen Alltag ausbrechen, um dabei etwas für seine persönliche Balance und Beziehung, seine Fitness oder etwas für den eigenen Energiehaushalt zu tun“, analysiert Margreiter. Urlaub in den Bergen ist unter diesen Gesichtspunkten wesentlich attraktiver als ein Shopping-Bade-Aufenthalt in der Türkei. Dass sich dieser Trend noch nicht in den Sommernächtigungszahlen widerspiegelt, liegt laut Margreiter nicht an fehlendem Engagement der Tourismusbetriebe. Tirols Touristiker hätten in den letzten Jahren bereits zahlreiche neue Angebote geschaffen, die sich gut vermarkten ließen. „Die Sommerbahnen beispielsweise bieten abseits vom ,nur’ Wandern richtige Spielberge und Familienprogramme, die


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DIE VIER GESICHTER DES BERGSOMMERS Die integrierte Kampagne „Bergsommer Tirol“ konzentriert sich im Wesentlichen auf vier Themenbereiche. „EROBERN“: SPORT & AKTIV Die Zielgruppe des Themenbereichs „Erobern“ ist eine erfolgsorientierte Elite. Sie gestaltet ihren Urlaub aktiv, will die Berge intensiv erleben. Selbstbewusste, sportbegeisterte Menschen, die vornehmlich Bergsteigen, Klettern und Mountainbiken. „Top-Events wie der Giro d’Italia, Triathlon-, Lauf- oder MountainbikeRennen und Angebote wie OutdoorCamps und Klettersteige, der Bike Trail Tirol, Wassersportmöglichkeiten und vieles mehr sind hier perfekt eingebettet“, fügt Margreiter hinzu.

So nah, so fern: Die Sujets der neuen TirolWerbungs-Kampagne zeigen unretuschierte Tirol-Bilder. Sie dienen vor allem auch der Vermarktung des Tiroler Bergsommers.

© MONIKA HÖFLER (2), DOMINIK GIGLER, MICHAEL DANNER, ANDREW PHELPS

„FÜHLEN“: NATUR & GESUNDHEIT Natur und Gesundheit –„Regrounding“ und Selfness liegen im Trend. Viele Menschen sehnen sich nach Stille, um daraus neue Kraft zu tanken, manche streben nach Selbstverwirklichung und Weiterentwicklung. „Für mentale Erholung sind gute Gastfreundschaft und echte Kraftplätze zum Auftanken, für die körperliche Entspannung sind hochwertige Wellnessprogramme mit gesunder Ernährung und Bewegung gefragt“, erklärt Margreiter. Gesundheitsbewusste Genießer, die in ruhiger Umgebung entspannen wollen oder sich für die abwechslungsreiche Vielfalt in einem Naturpark begeistern, sind die Zielgruppe dieses Themenbereichs. „ENTDECKEN“: FAMILIENERLEBNIS Familienurlaub mit allen Sinnen: Austesten, forschen, verstehen – dieses Angebotssegment erfüllt Entdeckertrieb von Kindern und Familien. Gemeinschaftserlebnisse stehen dabei im Mittelpunkt. Zum Beispiel die Angebote im Rahmen des „Family Tirol“Programms, das Hexenwasser oder der Murmlitrail. „Das dritte Motto richtet sich ganz klar an Kinder und Familien – übrigens aktuell 22 Prozent unserer Sommergäste“, so Margreiter. „GENIESSEN“: KULTUR & KULINARIK Kultur und Kulinarik: „Beide Angebotssegmente sind zwar bisher noch vergleichsweise selten buchungsentscheidend, aber dennoch von nicht zu unterschätzender Bedeutung – vor allem für das Image“, fügt Margreiter an. Zielgruppe sind Interessierte und Bildungshungrige, Kultur.Tirol-Veranstaltungen und Genussrouten kommen ihren Bedürfnissen entgegen.


10 „Erfolgsentscheidend bleiben das unternehmerische Engagement und die innovative Bereitschaft, in wertvolle Sommerangebote und Vermarktung zu investieren!“ JOSEF MARGREITER, DIREKTOR TIROL WERBUNG

von der Sommerrodelbahn über kulinarische Höchstgenüsse bis hin zu echten Erlebniswelten für Kinder reichen. Das hat im gesamten Alpentourismus viel bewirkt und Nachahmer motiviert.“ Das Potenzial anderer Angebote sei jedoch bei Weitem noch nicht voll ausgeschöpft, ortet Margreiter Verbesserungsbedarf – und will mit der Kampagne Hilfestellung leisten.

Führers über alle Facetten des Bergsommers informieren. Die Kampagne „Bergsommer Tirol“ solle vor allem als „Vorstieg“ für die Vertriebskampagne und zahllosen Maßnahmen der Betriebe fungieren. 2012 seien alle gefordert, den Bergsommer bemerkbar zu machen – Tourismusverbände, Leistungsträger, Standortpartner und Multiplikatoren, so Margreiter. Mit der Resonanz zeigt sich die Tirol Werbung zufrieden, ein Drittel der Tourismusverbände habe sich bereits auf einer eigenen Internetplattform zum Bergsommer angemeldet, um sich zu informieren oder eigene Schritte zu setzen. Der „Bergsommer Tirol“ genießt hohe Priorität: Die Tirol Werbung investiert substanzielle Mittel in die Kampagne, konzipiert ist sie bereits für die nächsten drei Jahre. „Die Vision ist, dass jeder mit seinem Beitrag selbst Teil des Tiroler Bergsommers und zum individuellen ,Geschichtenerzähler’ aus unserem legendären Land im Gebirg’ wird“, sagt Margreiter. Damit den Gästen bei Tirol mehr als nur „Schnee“ einfällt. ×

Authentische Geschichten. Diese startet im Jahr 2012 – unter Mithilfe der Tourismusbetriebe. Das Konzept basiert zu einem großen Teil auf der Idee des Storytellings: Zeitgemäße Botschaften, authentische Bilder und echte Geschichten sollen positive Aufmerksamkeit erregen, die Marke stärken und Tirol als Ganzjahresdestination positionieren. „Um den Bergsommer Tirol 2012 auf breiter Ebene bekannt zu machen, sind ,OpeningEvents’ geplant“, sagt Margreiter. Weitere Maßnahmen seien Radiound Fernsehspots, aber natürlich auch Online-Werbung. Geplant ist außerdem ein „Tirol-Tagebuch“: Als zentrales Printmedium soll es Tirols Gäste in Form eines

TOURISMUS IN TIROL 1985–2010: Ankünfte und Nächtigungen seit 1985 Q U E L L E : L A N D E S S TAT I S T I K T I R O L

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© MONIKA HÖFLER, DOMINIK GIGLER (2), ANDREW PHELBS (2)

Action und Erholung: Dass Tirol beides kann, steht im Vordergrund der Marketingkampagne „Tiroler Bergsommer“.

ZIELE DER KAMPAGNE „BERGSOMMER TIROL“ • Stärkung der Marke Tirol und Steigerung der Markenbekanntheit • Steigerung von Image und Bekanntheit von Tirol als attraktive Sommerdestination • Positionierung von Tirol als Ganzjahresdestination • Etablierung des Bergsommers als übergreifende Klammer für alle Tiroler Sommerangebote • Nutzung von Synergien durch die aktive Beteiligung vieler touristischer Akteure und Betriebe in Tirol • Schaffung eines Aufhängers für die gesamte Kommunikation

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12 BERGSOMMER SAISON

Brandberg im Zillertal

Rhodos

Blindtext: Blindtext

Die Alpen als Mittelmeer? Klein, kühl, sicher, reich. Mit diesen Attributen wird laut dem Schweizer Trendforscher David Bosshart der Alpentourismus im globalen Wettbewerb punkten können. Wird sich der klassische Mittelmeertourist tatsächlich in einen Fan der Alpen verwandeln lassen? Experten räumen dem Tiroler Bergsommer durch die steigenden Temperaturen durchaus Wachstumschancen ein. VON SONJA K AINZ

D

er Klimawandel wird kommen und ist zum Teil bereits spürbar, so weit sind sich die meisten Forscher einig. Wie er sich tatsächlich auf die Umwelt, speziell im klimatisch besonders sensiblen Alpenraum auswirken wird, ist derzeit allerdings großteils noch Gegenstand von Spekulationen. Wissenschafter behelfen sich deshalb gerne mit Wahrscheinlichkeiten. So gilt es als relativ gesichert, dass in den kommenden Jahrzehnten die mittlere Jahrestemperatur um zwei Grad ansteigen wird, erklärt Eric Veulliet, Leiter des Zentrums für Naturgefahren und Risikomanagement (AlpS) in Innsbruck. Für die Region rund um Venedig würde ein Anstieg dieser Größenordnung beispielsweise bedeuten, dass es dort so heiß werden würde wie heute in

der Türkei. In den Alpenregionen werden die Sonnentage vermutlich zunehmen, es wird trockener und auch wärmer werden. Im Mittelmeerraum könnte das wärmere Klima länger anhaltende und häufigere Hitzewellen bewirken. Die damit einhergehende Trockenheit dürfte für erhöhte Waldbrandgefahr sorgen, führt Veulliet aus. Auch Engpässe bei der Wasserversorgung seien denkbar. „Klein, sicher, kühl und reich“ sind laut dem Schweizer Trendforscher David Bosshart die Trümpfe, die europäische Alpenländer wie Österreich in Zukunft in Händen halten werden. Wird der klassische Mittelmeertourist angesichts glühender Hitze und der Aussicht, aufgrund der Wasserknappheit nur mehr einmal am Tag duschen zu können, den „Teutonengrill“ verlassen und ins nach wie vor gemäßigte Klima der Alpen flüchten?

Sonne, Strand, Meer.

Der Klimawandel kann durchaus positive Elemente für den Sommertourismus in Tirol beinhalten, meint dazu Professor Hubert Siller, Leiter des Studiengangs Tourismus und Freizeitwirtschaft des Management Centers Innsbruck (MCI). Siller warnt allerdings vor zu viel Euphorie: „Wir stehen im Sommer in einer viel intensiveren Konkurrenzsituation als im Winter.“ Die Tatsache, dass die Menschen im Sommer vor allem Sonne, Strand und Meer suchen, sei ein Massenphänomen. Für rund 40 Prozent der Sommertouristen sei dies derzeit das zentrale Motiv, um zu verreisen. „Da sehe ich keine Substitution.“ Das Naturerlebnis in den Alpen suchen momentan laut Siller etwa elf bis zwölf Prozent. Wissenschaftliche Untersuchungen, wie sich klimatische Veränderun-


13 eine große Trendwende bewirken wird, aber ein „gemäßigtes“ Wachstumspotenzial für den heimischen Sommertourismus sieht er durchaus. Bis zu zehn Prozent hält er für möglich. Die Menschen suchen wieder verstärkt das Naturerlebnis. Bewegung in der Natur, Gesundheit, aktivere Urlaubsgestaltung und alles, was sich unter „Outdoor“ zusammenfassen lässt, wird in Zukunft „ein großes Thema“,

„Wir stehen im Sommer in einer viel intensiveren Konkurrenzsituation als im Winter.“

© MCI

HUBERT SILLER, LEITER DES MCI-STUDIENGANGS TOURISMUS UND FREIZEITWIRTSCHAFT

auf den Sommertourismus, im Gegensatz zum Winter, eher positiv eingeschätzt. In einer ersten Phase wurden vorhandene Studien gesammelt und hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Qualität, Aktualität und Übertragbarkeit auf Tirol bewertet. Vor allem was die Auswirkungen auf den Sommer angehe, gebe es derzeit kaum wissenschaftliche Untersuchungen, erklärt Steiger. Eine zentrale Frage sei, ob der klassische Mittelmeertourist, dem es im Süden zu heiß werde, tatsächlich stattdessen in die Berge fährt und wann genau es ihm wirklich zu heiß wird. Eine kleinere Untersuchung an Studenten habe gezeigt, dass das Temperaturempfinden sehr unterschiedlich sei und von den verschiedensten Faktoren abhänge, wie beispielsweise, welche Aktivitäten jemand im Urlaub plane oder auch aus welchem Land jemand kommt.

Wachstumspotenzial. Siller glaubt zwar nicht daran, dass der Klimawandel

meint der Tourismus-Experte. Je mehr Menschen in den Städten leben, desto mehr sehnen sie sich nach Ursprünglichkeit und Wildnis, glaubt auch Bosshart. Die Rückkehr zur Agrikultur sei mehr als nur temporäre Romantik. „Landwirtschaft hat einen stark sozialen Aspekt, da geht es um Landschaftspflege und Landschaftserhaltung. Meiner Meinung nach haben rurale und alpine Lebensstile die Chance auf Neuinterpretation.“ Die Renaissance der Tracht in der Mode oder der anhaltende Erfolg der Volksmusik seien Beispiele dafür. Für eine Revitalisierung des alpinen Lebensstils brauche es Mythen und tief verwurzelte Vorstellungen, neue Symbolik und Rituale, die die Sehnsuchtsfelder der Menschen befüllen, und die bewusste Kapitalisierung von Gegentrends. in einer globalisierten, ärmeren, unsicheren und wärmeren Welt zählt das Kleine, Reiche, Sichere und Kühle. Einen weiteren Megatrend für den Alpentourismus ortet

Bosshart in einer Mischung aus Sicherheit und Flexibilität, wie in maßgeschneiderten Abenteuerangeboten. Siller sieht das ähnlich: „Die Berge müssen für die Gäste bequem erlebbar sein.“ Die große Masse werde nicht zum Bergsteigen nach Tirol kommen. Vor allem ältere Menschen und Familien suchen das Naturerlebnis, auch für sie sollte der Zugang zur Bergwelt möglichst einfach möglich sein, meint Siller. Einen Konflikt mit jenen Gästen, die die möglichst ursprüngliche Landschaft suchen, sieht er deshalb nicht heraufziehen. „Beides muss möglich sein.“

„Schlüssel zum Erfolg“.

Tatsache ist, dass Tirols Sommertourismus im Österreich-Vergleich bereits jetzt sehr gut da steht: Tirol erzielte beispielsweise im Sommer 2010 knapp 17,8 Millionen Nächtigungen, fast doppelt so viel wie Kärnten mit 8,7 Millionen. „Wir haben einen quantitativ durchaus ausgeprägten Sommertourismus“, sagt Siller. Es sei eben nur schon einmal besser gewesen und zwar in den 80er-Jahren. Seit etwa 20 Jahren stagnieren die Zahlen auf hohem Niveau, erklärt der MCI-Professor. Auch wenn Siller dem Klimawandel durchaus Chancen einräumt, dem Sommertourismus in Tirol in die Hände zu spielen, hält er einen anderen Faktor für wichtiger. „Der Schlüssel zum Erfolg wird immer das Produkt sein.“ Ihm fehle in Tirol beispielsweise schon lange die absolut spezialisierte Wanderregion. Das Bergsommerprodukt gehöre intensiviert, außerdem sollte verstärkt auf die Zielgruppe Familien eingegangen werden. „Kleinheit“ sei ein weiteres Attribut, mit dem man in Tirol werde punkten können. „Das Überschaubare, Persönliche, Maßvolle, die emotionale Beziehung zum Gast, Wahrhaftigkeit – auch das ist ein Riesentrend. Da stechen wir den gesamten mediterranen Raum ganz klar aus“, meint Hubert Siller. ×

„Landwirtschaft hat einen stark sozialen Aspekt, da geht es um Landschaftspflege und Landschaftserhaltung. Meiner Meinung nach haben rurale und alpine Lebensstile die Chance auf Neuinterpretation.“ DAVID BOSSHART, TRENDFORSCHER

© GOTTFRIED DUTTWEILER INSTITUT

gen auf das Reiseverhalten der Zukunft auswirken werden, sind momentan noch rar, so Robert Steiger, Studienleiter von „KlimTour“. Die von AlpS in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck und der Tirol Werbung durchgeführte Studie setzt sich damit auseinander, wie sich veränderte klimatische Verhältnisse auf die Rahmenbedingungen für den Tourismus auswirken. Tendenziell werden die Effekte


14 BERGSOMMER SAISON

Medizin trifft Tourismus Gesundheitsurlaub im Luxushotel, Rehabilitation in der Kuranstalt, Behandlung in der privaten Tagesklinik – die Angebotspalette im medizinischen Gesundheitstourismus in Tirol ist vielfältig, das Potenzial noch nicht erschöpft. Experten wünschen sich Professionalisierung und wissenschaftliche Begleitung statt Wildwuchs. Ein Streifzug durch das Land. V O N J A N E K AT H R E I N

Kraftort Lans. In einer reizüberfluteten Welt soll die Umgebung dem Menschen wieder die Möglichkeit geben, er selbst zu sein. Das Gesundheitszentrum Lanserhof ist eingebettet in eine einzigartige Naturlandschaft.

Weltweites Netzwerk. Dass in diesem Heilungsprozess die Natur und der Kraftort Lans eine zentrale Rolle spielen,

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anchmal sind es kleine Ideen, die die größten Kreise ziehen. Andreas Wieser übernahm vor 26 Jahren in Lans ein bestehendes Hotel, baute es um und entwickelte mit dem Lans Med Concept eine starke Marke – lange bevor der Begriff Gesundheitstourismus hierzulande modern wurde. Inzwischen ist das Gesundheitszentrum Lanserhof europaweit führend in der Regenerations- und Präventionsmedizin und wurde mit dem „European’s Best Medical Resort Award 2010“ ausgezeichnet. Das Lans Med Concept ist eine Symbiose aus Spitzenmedizin, Naturheilkunde, anerkannten Therapieverfahren, neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Urlaubsatmosphäre eines Luxus-Hotels. Es beruht im Kern auf den Erkenntnissen des österreichischen Arztes und Pioniers F. X. Mayr, der in der Entgiftung, Entschlackung und Endsäuerung des Körpers die Chance zu seiner Heilung sah. Die Ärzte und Therapeuten sind mit Kompetenzen des Lifecoaching ausgestattet und so besteht im Urlaub die Chance, den Lebensstil nachhaltig zu ändern.

Urlaub als Chance zur Lebensstiländerung Der Visionär Andreas Wieser setzte vor 26 Jahren auf eine Nische. Inzwischen ist das Gesundheitszentrum Lanserhof europaweit führend in der Regenerations- und Präventionsmedizin. Im kommenden Jahr wird in Hamburg ein Citypoint eröffnet, ein zweiter Lanserhof soll am Tegernsee entstehen.

davon ist Wieser überzeugt. Und weil er an die Wirkung von Kraftorten glaubt, will er seine Ideen von Regeneration, moderner Prävention und Heilung auch an andere Orte tragen. Ein weltweites Netzwerk von individuellen Gesundheitszentren soll entstehen, geht es nach dem Wunsch der Investorgruppe Harisch, Pletzer, Rutter, Hager. Der erste Schritt ist gesetzt. Der nächste Lanserhof könnte schon bald in Marienstein am Tegernsee wachsen. Das dafür geeignete Grundstück, einen früheren Golfplatz, hat Investor Christian Harisch bereits gefunden. Inzwischen richten sich alle Augen nach Hamburg, wo in den kommenden Monaten ein Citypoint eröffnet. Ein am-

bulantes Therapiezentrum in der Stadt, ohne Betten. Die Nachbetreuung, die bisher vielfach über Telefoncoaching lief, wird nun persönlicher. Der Mensch wird weiterhin im Mittelpunkt stehen, versichert Wieser. Den Gesundheitsurlaub in Lans kann der Citypoint im neu renovierten Gebäude der alten Postdirektion natürlich nicht ersetzen, dafür muss der Gast die etwas längere Anreise dann doch auf sich nehmen. In Hamburg dreht sich alles um die Gesundheit – Dermatologikum, Apotheke, gesunder Lebensmittelhandel und Restaurant. Im Hinblick auf die Gästestruktur des Lanserhofes ist die Hansestadt eine gute Wahl. Immerhin 80 Prozent der Gäste kommen aus Deutschland. ×

„Gesundheitsvorsorge und Regeneration sind heute so wichtig wie noch nie. Und wer nachhaltig gesund ist, fühlt sich auch geistig fit.“ ANDREAS WIESER, GESCHÄFTSFÜHRER GESUNDHEITSZENTRUM LANSERHOF


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Das Zentrum für ambulante Chirurgie und die Ordinationen der medalp Imst wurden vor zehn Jahren eröff net. Zwei weitere medalp-Kliniken liegen im Ötztal und im Zillertal.

Vorreiter im tagesklinischen Bereich Zwei Freunde gründen vor zehn Jahren aus einer Laune heraus medalp. Inzwischen decken die privaten Tageskliniken an drei Standorten in Tirol den Großteil der Unfallchirurgie im tagesklinischen Bereich innerhalb Österreichs ab.

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lois Schranz kann endlich durchatmen. Der Auszug aus der Stadt Imst ist abgeschlossen. Anfang September hat der neue Standort der medalp im Gewerbegebiet Imst, direkt neben der Autobahnraststätte eröffnet – die erste Tagesklinik mit Autobahnanbindung. Der Zwölf-Millionen-Euro-Neubau umfasst zwei Operationssäle, an die eine 24 Stunden überwachte Aufwachstation mit 25 Betten anschließt. Hier können alle Verfahren der minimalinvasiven Chirurgie, Band- und Knorpeloperationen sowie Frakturbehandlungen durchgeführt werden. Aber auch eine ambulante Rehabilitation bietet die neue medalp: darunter ein Schwimmbad zur Unterwassertherapie. Die neue medalp Imst wird weiterhin als Tagesklinik geführt, eine Genehmigung für den stationären Betrieb gibt es nicht. Damit ist die maximale Aufenthaltsdauer auf 24 Stunden beschränkt. Obwohl der Wunsch nach einem stationären Betrieb nach wie vor da ist. Durch Verträge mit einigen „medical hotels“ in der Umgebung der Tagesklinik ist jedoch gesichert, dass sich Patienten dort zwei bis drei Tage nach einer Operation erholen können. Auch die

„Österreich ist im medizinischen Gesundheitstourismus nicht der Nabel der Welt, als den wir uns gerne sehen möchten. Im süddeutschen Raum und in Bayern ist die Konkurrenz sehr stark.“ ALOIS SCHRANZ, GESCHÄFTSFÜHRER MEDALP

mittelfristige Versorgung der Patienten ist garantiert, vor fünf Jahren wurde das Patientenportal my.medalp.com eingeführt. OP-Bilder, Therapiemaßnahmen und Medikationen können an jedem Ort der Welt abgerufen werden. Das Echo im Ausland ist groß. In Österreich hingegen noch eher verhalten.

Hohe Eintrittshürden.

Die Tageschirurgie sei in Österreich praktisch gar nicht vorhanden, stellt Schranz klar. Das hänge auch mit den Verrechnungsmodalitäten zusammen und mit den Bedarfsprüfungen – Eintrittshürden, die er in Tirol als sehr hoch wahrnimmt. Neue Projekte

seien schwer durchzubringen und deshalb liebäugeln die innovativen Köpfe der medalp mit Standorten im Ausland und den dort lockereren rechtlichen Rahmenbedingungen. 40 Prozent der Patienten, die an den drei medalp-Standorten Imst, Sölden und Mayrhofen behandelt werden, sind Tiroler. 50 Prozent kommen aus Deutschland, die restlichen zehn Prozent verteilen sich auf 40 Nationen, darunter Ukraine, Rumänien und Aserbaidschan. „Wir sind keine Rosinenpicker, auch wenn uns das immer vorgeworfen wird“, sagt Schranz. „In der Ambulanz der medalp werden auch Kassen-Patienten behandelt.“ ×


An der Quelle Aus der Not eine Tugend machen – die Kufsteiner Investorengruppe Künig entdeckt das früher als krebserregend geltende Edelgas Radon als Quelle für die Therapie von Rheumapatienten. Und eröffnet in Umhausen nach Bad Häring das zweite Kurzentrum der Gruppe in Tirol.

© BAD-HÄRING (2)

E Naturfango, Heilmassage, Radonwannenbad, GammaSwing (im Bild) – das Therapieangebot im Kurzentrum Umhausen ist ganzheitlich ausgerichtet.

inen idyllischeren Platz kann man sich schwer vorstellen. Am Waldrand im Nordosten von Umhausen auf 1.031 Metern Seehöhe eröffnet am 18. September die neue Anlage der Kufsteiner Investorengruppe rund um Engelbert Künig. Das radonhältige Wasser sprudelt

„Im Unterschied zur Therme in Längenfeld ist das Umhausener Kurzentrum ein Kurbetrieb mit Kurmedizinern und keine Wellnessanlage.“ ENGELBERT KÜNIG, GESCHÄFTSFÜHRER DER KURZENTREN

in Umhausen aus zwei Tiefenbrunnen, ein Teil davon wird dem Kurbetrieb zur Verfügung stehen. Das für 20 Millionen Euro errichtete Vier-Sterne-Kurzentrum gilt nach dem Stuiben-Wasserfall und dem Ötzidorf als der Pull-Faktor für die Gemeinde Umhausen. Neben den 27 Therapeutenstellen im Ganzjahresbetrieb wurden 75 neue Arbeitsplätze geschaffen. Im Sog des Kurzentrums sollen auch Nahversorger, Kaffeehäuser und Hotels aufblühen, denn um eine Kur zu machen, muss man nicht unbedingt im Kurzentrum wohnen.

Heilkraft bei Rheuma.

Sorgte das Edelgas Radon noch in den 1990er-Jahren wegen seiner angeblich krebserregenden Wirkung national und international für negative Schlagzeilen, ist seine Heilkraft seit 2004 wissenschaftlich anerkannt. Bei punktueller medizinischer Anwendung

Reha dahoam In Münster gibt es seit diesem Sommer ein Reha Zentrum für Patienten mit neurologischen, Herz-Kreislauf- und AtemwegsErkrankungen. Rehabilitation wird hier nicht neu erfunden, Altbewährtes sehr wohl neu verpackt und kombiniert.

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linikum für Rehabilitation in Tirol nennt sich das Reha Zentrum in Münster, das binnen eineinhalb Jahren auf der grünen Wiese gebaut und vor zwei Monaten eröffnet wurde. Kostenfaktor: 36 Millionen Euro. Im Juli lief der Betrieb mit 150 Patienten an. In den kommenden Monaten wird die Auslastung auf 250 Patienten erweitert. Rund 220 Mitarbeiter, darunter 56 Physiotherapeuten, werden sich um die 120 Patienten der neurologischen Rehabilitation, 75 Herz-Kreislauf-Patienten und 55 Patienten mit Lungenbeschwerden bemühen. „Bislang nahmen die Tiroler um

zwei Drittel weniger stationäre Rehabilitation in Anspruch als der österreichische Durchschnitt. Das wird sich mit der wohnortnahen Reha-Versorgung ändern“, hoff t Landesrat Bernhard Tilg. „Reha dahoam“ ist damit nicht mehr länger nur ein Schlagwort in Tirol. Laut einer Erhebung würden 80 Prozent der Patienten auf eine RehaPhase im eigenen Bundesland besonderen Wert legen. Diesen Wunsch können sie sich jetzt erfüllen.

„Einzigartig und erstmalig“.

Um die optimale Versorgungskette für die Patienten zu sichern, wird es eine enge Zusammenarbeit mit den niedergelassenen

Ärzten und den Akut-Krankenhäusern geben. Das heißt, Ärzte der Klinik Innsbruck werden auch im Reha Zentrum Münster tätig sein. Laut Univ.-Prof. Dr. Otmar Pachinger, geschäftsführender Direktor des Departments für Innere Medizin der Uniklinik Innsbruck, „ist diese Form der Kooperation eines kardiologischen Zentrums mit einem Reha Zentrum einzigartig und erstmalig in Österreich“. „Wir sehen uns als Hilfesteller im Genesungsprozess. Das beinhaltet nicht nur die Behandlung körperlicher Sym-


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entfaltet Radon vor allem bei Rheuma eine heilsame Wirkung, wird aber auch bei der Behandlung von degenerativen Wirbelsäulen- und Gelenksbeschwerden sowie Erkrankungen der Haut und Atemwege eingesetzt. „Wir sind kein Wellnesstempel“, stellt Eike Richter, Marketingleiter der Kurzentren Umhausen und Bad Häring, die sich mit sechs weiteren zur Gruppe der Kurzentren zusammengeschlossen haben, klar. Die medizinische Therapie steht im Mittelpunkt. Neben Radonanwendungen wird ein breites Spektrum an Therapien geboten: Elektrotherapie, Massage, Bäder, CO2-Therapien sowie Fango- und Mooranwendungen. Die 206 Betten sind bereits jetzt gut gebucht. Daher werden schon im ersten Jahr 60.000 Nächtigungen erwartet, das entspricht einer Auslastung von 90 Prozent. Einzugsgebiet der Gäste: Vorarlberg, Salzburg, Südtirol, Bayern, Baden-Württemberg und Tirol. „Der Trend geht eindeutig in Richtung 10-Tages-Aufenthalt, der privat finanziert wird“, berichtet Eike Richter. Immer mehr Menschen gönnen sich eine Gesundheitswoche, vor allem auch weil Kuraufenthalte von den Krankenkassen immer seltener genehmigt werden. ×

© REHA MÜNSTER

Ein erfahrenes Team. Verwaltungsdirektor Christian Elzinger, Pflegedirektorin Herlinde Hörmandinger und der ärztliche Direktor Dr. Christian Brenneis (von links)

ptome, sondern auch die Bewältigung eines kritischen Lebensereignisses und die Prävention von Folgeerkrankungen durch Lebensstilmodifikation“, ist Christian Brenneis, Ärztlicher Direktor des Reha Zentrums überzeugt. Basis der Rehabilitation ist eine hochwertige medizin-technische Ausstattung. Neben der medizinischen Trainingstherapie mit Kraft- und Ausdauergeräten gibt es für die neurologischen Patienten roboterunterstützte Therapiemöglichkeiten. Die Medizintechnik allein kostet 1,7 Millionen Euro. ×

„Eine Gratwanderung“ Die Chance für den Tiroler Tourismus liegt in der Profilierung als Gesundheitstourismusanbieter. Regionsspezifisch und segmentiert, nicht pauschal. Und vor allem wissenschaftlich fundiert. Ein Gespräch mit Dr. Wolfgang Schobersberger.

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AISON: Herr Dr. Schobersberger, ist der Kunde im Gesundheitstourismus noch Urlauber oder schon Patient? WOLFGANG SCHOBERSBERGER: Das ist eine berechtigte Frage. Der Kunde als Urlauber interessiert sich für den konventionellen Gesundheitstourismus, während sich der Patient einer strengen Therapie unterzieht, einhergehend mit Verboten. Verbieten Sie dem Urlauber etwas, wird er nicht wiederkommen, daher ist es eine Gratwanderung, das Thema Krankheit in den Urlaub zu holen. Die Chance für den Tiroler Tourismus liegt aufgrund der naturräumlichen Gegebenheiten klar in der Profilierung als Gesundheitstourismusanbieter, allerdings regionsspezifisch und segmentiert, nicht pauschal. In den Gesundheitszentren steht die Medizin im Vordergrund, in den Hotels die Gesundheit. Der Urlaub ist an beiden Orten eine Chance zur Lifestyleänderung. Operieren im Krankenhaus, schlafen im Hotel. Steht der „Medical Tourism“ vor einer neuen Entwicklungsstufe? Das ist eine Frage des Marketings und der Finanzierbarkeit. Im Rahmen einer Tagung zum Thema „Medical Tourism“ war ich in einem Privatspital in Puket in Thailand untergebracht, das wie ein Hotel geführt wurde. Einige private Kliniken in Tirol haben Verträge mit Hotels abgeschlossen, die Rekonvaleszenz geschieht dort. Wo sehen Sie noch Potenzial für den Gesundheitstourismus in Tirol? Es macht sicher keinen Sinn, wenn jetzt alle Hoteliers auf dieses Segment aufspringen. Österreich kann im Preis-Leistungs-Vergleich nicht mit Ungarn oder Thailand, beides Länder, in denen Medical Tourism stark nachgefragt wird, mithalten. Als Betriebe wie der Lanserhof auf den Markt kamen, war der Gesundheitstourismus noch nicht erfunden. Es wird zwar immer Prominente geben, die sich einer Behandlung unterziehen, das ist aber nicht die Masse. Qualität und Positionierung müssen stimmen. Den Gesundheitstourismus in Tirol sehe ich auf einem hohen Niveau, nicht in extremen

Dr. Wolfgang Schobersberger ist Direktor des Institutes für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus (isag).

Nischen. Interessant ist die immer jünger werdende Zielgruppe: um die 30 Jahre alt und von Burnout geplagt. Ist Medical Wellness das neue Wellness? Wellness war ein schwammiger Begriff, Medical Wellness ist schon leichter definierbar, die Therapiemaßnahmen müssen medizinisch begleitet und wissenschaftlich fundiert sein. Dieser Kunde hat höhere Ansprüche. Es reicht nicht, wenn der Gemeindearzt einmal in der Woche für eine Sprechstunde im Hotel vorbeischaut. Deshalb werden auch nicht 500 Betriebe in Tirol medizinischen Gesundheitstourismus nachhaltig anbieten können. Das Angebot muss klar strukturiert und authentisch sein. Wie sieht es mit Qualitätsstandards im Gesundheitstourismus aus? Die meisten Zertifizierungen betreffen den technischen und daher nachvollziehbaren Bereich: Bewertet werden die Qualität der Einrichtung, der Zimmer, der Ernährung, … Die Qualität des Personals einzuschätzen und die Nachhaltigkeit der Behandlungen zu überprüfen, ist schon schwerer. Dafür muss es eine enge Zusammenarbeit zwischen Touristikern und Wissenschaftlern geben und zwar nicht nur in der Grundlagenforschung. Denn eines dürfen wir nicht vergessen, der Gast, der wegen einer medizinischen Behandlung nach Tirol kommt, folgt der Mundpropaganda. Das klassische Wellness-Paket hingegen wird vom Reiseveranstalter geschnürt. Vielen Dank für das Gespräch.

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18 Bergsommer saison

© Gerhard Berger

Sennerfamilie. Robin und Kristel Silberberger mit ihren beiden Kindern Elisa und Eva und Kuh Baronin vor dem Stall der Farnkaser Alm. „Die Kinder verstehen sich hier besser als zu Hause, weil sie mit weniger Spielzeug auskommen müssen.“


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Sehnsuchtsort Alm Die junge Familie Silberberger verzichtet auf der Farnkaser Alm in der Wildschönau auf Hütten-Gaudi und sonstiges Remmidemmi, stattdessen gibt’s hausgemachtes Brot und Marmelade zusammen mit Almkäse und Speck von glücklichen Tieren. Vom ursprünglichen Almerlebnis könnte der Tourismus stärker profitieren. Von Sonja K ainz

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chöner werd‘ ich nicht”, sagt Hüttenwirt Robin Silberberger, nachdem er sich für die Fotosession auf der Alm ein frisches Hemd angezogen hat. Erst vor ein paar Minuten ist er von einer stundenlangen Suche nach einer seiner Kühe auf der Hochalm zurückgekommen. Darüber, dass es anstrengend war, kann auch seine ausgesprochen gute Laune nicht hinwegtäuschen. Der Tiroler verbringt bereits seinen 13. Sommer als Senn auf der 1.500 Meter hoch gelegenen Farnkaser Alm in der Wildschönau. Seine Frau Kristel und seine Töchter Eva (5) und Elisa (3) begleiten ihn. Obwohl der Name anderes vermuten lässt, ist Kristel keine Tirolerin, sondern Niederländerin. Vor acht Jahren ließ sie die Großstadt Amsterdam und ihren Marketingjob bei einem Zeitschriftenverlag stehen und liegen und zog zu Robin auf die Alm. „Am Anfang hab ich mir gedacht, okay, ein Jahr probier ich es“, erzählt sie, mittlerweile ist es ihr achter Sommer. Zuerst sei es schon eine große Umstellung gewesen. Nicht nur, weil sie ihre Familie und ihre Freunde hinter sich gelassen hat. Das Schwierigste war die Sprache, sagt Kristel, die zwar Deutsch sprechen konnte, „aber wenn am Abend die Bauern aus der Umgebung vorbeigekommen sind und über ihre Kühe geredet haben, hab ich kein Wort verstanden“.

Beleibte Hasen. Mittlerweile spricht Kristel fließend Unterländer Dialekt mit niederländischem Einschlag, wenn sie den Gästen ein traditionelles Almfrühstück bringt – mit selbst gemachtem Bauernbrot, Almbutter, Almkäse, hausgemachter Marmelade und Speck. Für diejenigen, die später kommen, gibt‘s eine Jause. Dass das, was bei den Silberbergers auf den Tisch kommt, von glücklichen Tieren stammt, davon können sich die Besucher gleich selbst überzeugen. Wenn

man nach dem etwa einstündigen Aufstieg von der Schönangeralm aus bei der urigen Sennerhütte ankommt, laufen dort nicht nur Hühner, sondern auch Schweine und ein kleines Rudel ziemlich beleibter Hasen umher. Von Juni bis September lebt die junge Familie auf der Alm. Der Tag beginnt früh. „Um sechs Uhr klingelt der Wecker, dann geht Robin die Kühe holen, die verbringen die Nacht im Freien“, erzählt Kristel. Danach wollen die 29 Milchkühe gemolken werden, was gut eineinhalb Stunden dauert. Ihr Mann sei eigentlich den ganzen Tag unterwegs. Das Gebiet, in dem die Kühe weiden, ist riesig. Für die etwa 70 Tiere auf der Hochalm müssen außerdem immer wieder Zäune ausgebessert werden. Zwei Mal in der Woche liefert Robin mit dem Traktor die Milch zur Nachbaralm, wo sie dann weiterverarbeitet wird. Seine Frau kümmert sich um die Kinder und die Gäste, die für ein Almfrühstück vorbeigekommen sind.

Einfaches Leben. Elisa und Eva sind gern auf der Farnkaser Alm. „Die beiden verstehen sich hier besser als zu Hause, weil sie mit weniger Spielzeug auskommen müssen. Wenn sie dann einmal bei der Oma sind, reden sie über nichts anderes als über die Hasen, Hühner und Kühe am Berg. „Außerdem sind die beiden nie krank“, berichtet ihre Mutter. Nichtsdestotrotz ist das Leben sehr einfach. „Seit einem Jahr haben wir Strom“, so die 38-Jährige. In der Küche steht ein kleiner Herd, auf dem Kristel die Rühreier fürs Frühstück in einer gusseisernen Pfanne zubereitet, in der kleinen Stube steht neben dem massiven Holztisch auch ein kleiner Elektroradiator. Es kann nämlich auch im Sommer ziemlich kalt werden. „Zweimal im Sommer liegt hier mindestens Schnee.“ Sie müsse sich schon jedes Jahr immer wieder ein bisschen überwinden, wenn’s auf die

Alm geht. Das Positive überwiege aber bei weitem. Vor allem die Zeit, die sie hier oben zu viert haben, schätzt Kristel sehr.

Ort der Sehnsucht. Die Alm erlebt gerade als Sehnsuchtsort des stressgeplagten, modernen Menschen eine Art Renaissance. In dieser uralten Kulturlandschaft scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. 13 Prozent der Landesfläche Öster­ reichs bestehen aus Almen, mit rund 40 Prozent liegt der Löwenanteil der Almflächen in Tirol. In den vergangenen Jahrzehnten hat ihr landwirtschaftlicher Stellenwert allerdings stetig abgenommen und viele Bauern kehrten den Almen den Rücken. Der Tourismus könnte hier in die Bresche springen. „Der Tourismus ist für die Bewirtschaftung der Almen ein immer wichtigerer Faktor geworden“, erklärt auch Franz Legner, Universitätsdozent an der Universität für Bodenkultur in Wien. Das Interesse von Erholungssuchenden, den Alm- und Bergraum zu erleben, mit den dort lebenden Menschen in Kontakt zu treten und die hervorragenden Produkte wie Almkäse und Almmilch zu genießen, steige sehr stark, sagt Legner. Hier könne es für beide Seiten „sehr gute Synergieeffekte“ geben. Für die Älpler ergibt sich durch die Touristen eine zusätzliche Einnahmequelle. „Die Arbeit als Senner oder Hirte ist sehr arbeitsintensiv“, erklärt Legner. Besonders aufwändig sei das Halten von Milchkühen. Im Schnitt müsse pro Kuh und Sommer mit 60 Stunden Arbeitszeit gerechnet werden. Besonders in den östlichen Bundesländern verschwindet diese Form der Tierhaltung immer mehr. „Für mich sind aber gerade die Kuh- und Sennalmen die attraktivsten Almen“, sagt Legner. Und genau dieses schöne Landschaftsbild schätzen die meisten Menschen, wenn sie in die Berge gehen, meint der Almwissenschafter. 90 Prozent suchen gar nicht den Gipfel, son-


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Almleben. Die Farnkaser Alm liegt auf 1.500 Metern. Nach einem etwa einstündigen Aufstieg wird man mit einem traditionellen Almfrühstück belohnt. Während Kristel auftischt, unterhalten ihre Töchter die Gäste mit Geschichten über die Hühner, die Hasen und die Schweine. Das Highlight für die Mädchen ist dann aber doch etwas weniger almtypisch: das Trampolin hinterm Hühnerstall.

dern möchten einfach das naturerlebnis der almen genießen.

Natürliche Aromatherapie.

die almen, wie wir sie heute kennen, sind erst durch die intensive Bewirtschaftung der Bauern mit ihrem Weidevieh entstanden. sie sind also weniger naturlandschaft als Kulturlandschaft. Wenn sie nicht mehr gepflegt und nicht mehr genützt werden, wird sich die natur die ihr in Jahrhunderte langer, mühevoller Knochenarbeit abgerungenen Flächen auch wieder zurückholen. „der Wald frisst das Gras“, meint Legner. die Tendenz, dass immer mehr almflächen zuwachsen, lasse sich ganz klar erkennen. diese Flächen „verbuschen“ und „verwalden“. dabei sind die positiven auswirkungen der almen nicht zuletzt auf die Gesundheit von Menschen und Tieren nicht hoch genug einzuschätzen, meint Legner. Wissenschaftliche Untersuchungen hätten beispielsweise gezeigt, dass in einer seehöhe von 570 Metern noch 100 Bakterien pro Kubikzentimeter, bei einer seehöhe von 1.861 Metern pro Kubikzentimeter nur mehr acht und ab 4.000 Metern gar keine

mehr festzustellen sind. die bakterienfreie Luft wirke wie eine natürliche aromatherapie. der ionengehalt steige von 20 pro Kubikzentimeter in Büroluft auf 20.000 im almbereich.

„Der Tourismus ist für die Bewirtschaftung der Almen ein immer wichtigerer Faktor geworden.“ FranZ LeGner, UniVersiTÄTsdoZenT der UniVersiTÄT FÜr BodenKULTUr in Wien

Alm schmeckt. Gesund sind die almen aber nicht nur für die Menschen, die sich dort aufhalten, sondern auch für die Tiere, die den sommer über auf der alm gehalten werden. rund 56.000 Milchkühe produzie-

ren rund 60 Millionen Kilogramm almmilch, die zum Teil zu anderen Produkten wie Käse und Butter weiterverarbeitet werden. etwa 6.500 Tonnen Fleisch stammen jährlich von almtieren, rechnet Legner vor. die haltung auf der alm könne den Tieren ein längeres Leben und eine höhere Leistungsfähigkeit bringen. dabei beeinflusse die selektive nahrungsaufnahme der besten Gräser und Kräuter nicht nur die Gesundheit des almviehs positiv, sondern auch den Geschmack von Milch und Fleisch. neben mehr Vitaminen und Mineral-Geschmackstoffen seien auch die wertvollen omega-3-Fettsäuren durch die Weidehaltung mit wenig Getreidebeifütterung stark erhöht, führt Legner aus. Von der heimischen Tourismuswirtschaft wünscht sich der experte, dass beispielsweise vermehrt auf regionale Bergbauern- und almprodukte gesetzt wird. „es wird sehr viel mit der schönen Landschaft geworben. das Gleiche könnte man doch auch mit den regionalen Produkten machen.“ das passiere derzeit bereits beispielsweise in der Großarl-region in salzburg. dort kaufe die hotellerie bevorzugt regional ein. „ich finde, das ist eine sehr positive initiative.“


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21 TIROLER EDELBRÄNDE

Franz Legner versteht, wenn mancher Touristiker neidvoll auf die salzburger almen blickt, dabei seien diese von der struktur her denen in Tirol sehr ähnlich. in salzburg habe man das Potenzial der almen als Tourismusfaktor einfach früher erkannt. Wenn man beispielsweise nach salzburg hineinfahre, sei das erste, was man sehe, ein großes Plakat mit der aufschrift „Willkommen im almenland salzburg“. ×

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ALMEN IN ZAHLEN in Österreich gibt es laut der almstatistik der Bundesanstalt für Bergbauernfragen (BaBF) aus dem Jahr 2009 etwa 9.000 almen, davon liegt rund ein Viertel in Tirol, das damit mit 2.151 das almenreichste Bundesland ist, deutlich vor salzburg mit 1.814. 13 Prozent, das sind 1,06 Millionen hektar, des österreichischen staatsgebietes sind von almen bedeckt, auch flächenmäßig hat Tirol mit 39 Prozent den größten anteil an den heimischen almflächen. Vergleicht man die Zahlen der vergangenen zehn Jahre, lässt sich feststellen, dass die almflächen insgesamt um rund fünf Prozent zurückgegangen sind. Besonders stark ist der rückgang bei den sogenannten niederalmen, die nicht höher als 1.300 Meter liegen. der gegenteilige Trend ist in allen Bundesländern bei den hochalmen zu beobachten. sie befinden sich oberhalb von 1.700 Metern und nahmen in den vergangenen zehn Jahren leicht zu, besonders stark in salzburg und in der steiermark. Zurückzuführen ist dies neben almförderprogrammen auch auf den Tourismus.

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22 BERGSOMMER SAISON

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© MICHAEL RATHMAYR (2)

AISON: Herr Parth, wie ist es um die Tiroler Esskultur bestellt? ALFONS PARTH: Schlecht! In der Gastronomie kann die Tiroler Gerichte fast niemand mehr richtig kochen. Das liegt unter anderem daran, dass wir viele Köche aus dem Ausland haben, die die alten Tiroler Speisen oft gar nicht kennen. Wer in Tirol ein gutes Gulasch essen will, muss richtig danach suchen. Auch die Bevölkerung hat größtenteils kein Bewusstsein mehr für gutes Essen – beim Einkaufen wird zu sehr aufs Geld geschaut und zu wenig auf die Qualität. Ein teures Auto zu fahren, ist vielen wichtiger, als sich gut zu ernähren.

„Das Besondere ist die Vielfalt“ Alfons Parth, Wirt und Initiator des kulinarischen Jakobswegs im Paznaun, über Esskultur, die Vorzüge der Tiroler Küche und inakzeptable Fertiggerichte. D A S I N T E R V I E W F Ü H R T E S Y LV I A A I N E T T E R .

Ist die Tiroler Küche heute noch alltagstauglich? Ja, absolut. Es gibt genügend Gerichte, die schnell zuzubereiten sind, und die meisten lassen sich gut vorbereiten oder aufwärmen. Es ist auch nicht verboten, traditionelle Gerichte ein wenig zu modifizieren. Oft wird beklagt, die Tiroler Küche sei zu deftig. Aber gerade im Winter, wenn es kalt ist, brauchen wir nahrhaftes Essen – und natürlich, wenn man Sport gemacht hat. Dann kann man sich nicht nur von leichten, kalorienarmen Gerichten ernähren. Was ist das Besondere an der Tiroler Küche? Das Besondere ist die Vielfalt. Wir sind nicht der Feinkostladen Europas, der wir gerne wären. Außer im Sommer ist Tirol ein karges Land, aber wir haben einige gute Gemüsesorten und die besten Äpfel. Unser großes Verdienst ist, dass wir aus wenigen Produkten viel Unterschiedliches machen können.


23 „Kochen und gute Küche sind modern – was auch auf den KochshowBoom zurückzuführen ist..“ Alfons Parth

Was fehlt in Tirol? Ein konstantes Angebot hochwertiger Produkte. Probieren Sie doch einmal, einen guten Speck zu bekommen. Das ist sehr schwierig. Es gibt sehr gute Produkte, die aber oft nicht an den Endverbraucher gehen, sondern in den Bauernfamilien bleiben. Ist die Lebensmittelindustrie schuld am Verfall der Esskultur? Schuld ist nicht die Lebensmittelindustrie, sondern es sind die Leute, die schlechte Produkte kaufen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot: Würde niemand billige Lebensmittel schlechter Qualität kaufen, gäbe es mehr hochwertige Produkte. Spielen Regionalität und Saisonalität in der Gastronomie eine Rolle? Natürlich spielt das eine Rolle! Aber im Winter tun wir uns schwer: Die Gäste wollen das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse haben. Für den Hotelbetrieb kaufen wir Produkte, die eine gute Qualität haben, und die kommen leider nicht immer aus Tirol. Wie kam es zu der Idee für den kulinarischen Jakobsweg? Da gab es eine gute Flasche Rotwein und ein gutes Gespräch mit dem Landeshauptmann und einem guten Freund. Uns ist aufgefallen, dass es auf den meisten Hütten keinen guten Wein und auch kein besonders gutes Essen gibt. Dabei ist es gleich teuer und aufwändig, eine gute Flasche Wein auf die Hütte zu bringen wie eine schlechte Flasche Wein. So entstand die Idee des kulinarischen Jakobswegs. Wir haben dann noch Eckhard Witzigmann ins Boot geholt, der von Beginn an von der Idee begeistert war und als Botschafter einen sehr guten Job macht.

Patriotisch: Im hauseigenen Keller liegen hauptsächlich österreichische Weine.

Was stimmt denn mit dem Essen auf den Hütten nicht? Das Essen auf den Hütten ist sehr verbesserungswürdig – allein schon das Angebot. Toast Hawaii, Frankfurter mit Pommes und Fertig-Cocktailsauce sind Standard auf den Hütten. Wir wollen die Wirte dazu bringen, wieder traditionelle Gerichte zu kochen. Einmal richtig gute Kasspatzln auf einer Hütte essen – das möchte ich gerne! Welche Gerichte werden denn beim kulinarischen Jakobsweg angeboten? Wir haben ja Köche aus unterschiedlichen Ländern für den kulinarischen Jakobsweg gewonnen, die bringen auch ihre Esskultur mit. Aber natürlich legen wir Wert auf traditionelle Küche. Die Köche dienen als Botschafter und mit ihrer Hilfe können wir neue Gäste aus den unterschiedlichsten Herkunftsmärkten gewinnen. Aber selbstverständlich werden auch heimische Pro-

dukte angeboten. Bisher wird der kulinarische Jakobsweg gut angenommen. Das beste Feedback ist, wenn die Hüttenwirte zufrieden sind. Welche Zielgruppe fühlt sich da angesprochen? Die Zielgruppe ist unendlich und beschränkt sich nicht nur auf ältere Gäste, wie man meinen könnte. Kochen und gute Küche sind modern – was auch auf den Kochshow-Boom zurückzuführen ist. Diese Shows haben mehr Einfluss auf die Esskultur, als man denkt. Wenn zum Beispiel Tim Mälzer auf einer unserer Hütten kocht, interessiert das auch viele junge Leute. Die österreichische Küche wird oft mit der Wiener Küche gleichgesetzt – kann sich Tirol hier abgrenzen? Wir können ja nicht verleugnen, dass auch wir dem böhmisch-mährischen Einfluss unterlie-


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KULTUR IN TIROL

© TIROL WERBUNG/ROBERT GRUBER, TVB PAZNAUN – ISCHGL

hinten: Tim Mälzer, Restaurant Bullerei, Hamburg; Alex Clevers, Restaurant Vivendum, Dilsen-Sokkem; Marcello Leoni, Restaurant Leoni, Bologna; vorne: Niven Kunz, Restaurant Niven, Rijswijk; Martin Sieberer, Restaurant Paznauner Stube, Ischgl

gen. Das fängt beim Kaiserschmarrn an und hört beim Topfenknödel auf. Diese Einflüsse sind auch wichtig. In Tirol müssen wir darauf achten, dass wir unsere regionalen Gerichte wieder in guter Qualität anbieten. Ein richtig guter Speckknödel in einem Gasthaus – das wär schon was. Wo liegen unsere vergessenen kulinarischen Schätze? In der Einfachheit. Bei einem guten Gröschtl, das es leider ganz selten irgendwo gibt. Meistens werden Wurstreste hineingeschnitten, die darin nichts zu suchen haben. Sie kennen sich weltweit in der kulinarischen Szene gut aus. Welches Land hat sie in puncto Esskultur besonders beeindruckt? Das Baskenland. Sie haben den Mut gehabt, ihre Küche autark zu führen und weltweit zu vermarkten. Zusätzlich haben sie eine Kunstszene etabliert, die ein intellektuelles und wohlhabendes

Publikum anzieht. Kultur und Esskultur sind eng miteinander verbunden. Kunstinteressierte Gäste legen häufig auch Wert auf qualitätvolles Essen. Tirol hat es versäumt, diese beiden Bereiche zu fördern. Im Baskenland gibt es eine unvergleichliche Dichte an Sterneküchen, Tiroler Gastronomie kommt im Michelin nicht einmal vor. Spielen denn die Gastroführer eine so große Rolle? Die internationalen Gastroführer sind sehr wichtig. Gäste, die Wert auf Kulinarik legen, orientieren sich nach ihnen – und sie sind ein Kriterium für die Wahl des Urlaubsortes. Tirol kann hier nicht mitspielen, das beginnt schon damit, dass wir zu billig sind – sowohl bei den Nächtigungen als auch in der Gastronomie. Gute Qualität hat eben ihren Preis. Treue Gäste sind bereit, den auch zu bezahlen. Käme Tirol im Michelin vor, hätte das spürbare Auswirkungen auf die

Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern ein Teil der Alltagskultur. In der „Bergsommer Tirol“-Kampagne der Tirol Werbung werden Kultur und Kulinarik gemeinsam vermarktet. Angesprochen sollen „aufgeschlossene Junge und Junggebliebene“ werden, „deren Bedürfnis nach Genuss und Authentizität wir beispielsweise mit speziell ausgearbeiteten Genussrouten oder Kultur.Tirol-Veranstaltungen stillen“. Derzeit beeinflussen Kultur und Esskultur die Reiseentscheidung der Tirol-Urlauber nur zu einem geringen Teil, aktuelle regionale Studien gibt es jedoch nicht. Österreichweit nennen 13 Prozent der Gäste kulturelle Veranstaltungen als Reisegrund (T-Mona 2008). Bereits in den vergangenen Jahren hat sich in Tirol im kulturellen Bereich einiges getan, das sich nun vermarkten lässt: Neben größeren Veranstaltungen wie dem Innsbrucker Tanzsommer, den Festwochen der Alten Musik, den Festspielen Erl und den Klangspuren Schwaz spielen auch kleine regionale Veranstaltungen eine wesentliche Rolle. Dazu kommen zahlreiche Museen und Galerien – das neueste, das umstrittene Tirol-Panorama am Bergisel, verzeichnete in den ersten beiden Monaten nach der Eröffnung bereits 50.000 Besucher.

Gästestruktur. Wichtig wäre, ein DreiSterne-Restaurant zu haben – denn das zieht Gäste an. Was ist in einer Hotelküche inakzeptabel? Fertiggerichte. Es muss nicht immer Haubenküche sein, ein guter Koch kann auch aus einem einfachen Lebensmittel ein gutes Gericht kochen. Aber Fertiggerichte haben in einer Hotelküche nichts verloren. Schmecken die Gäste den Unterschied? Oft fällt ihnen die schlechte Qualität eines Gerichtes nicht auf – außer sie haben den direkten Vergleich. Bei Fertigprodukten ist es ähnlich: Viele haben sich bereits an Aromen und Geschmacksverstärker gewöhnt und können mit frisch zubereitetem Essen nicht mehr so viel anfangen. Für andere Menschen gehört gutes Essen zum Urlaub und beeinflusst die Reiseentscheidung. Die fahren nur an Orte, bei denen sie wissen, dass sie auch hochwertige Produkte bekommen. Was wünschen Sie sich für die Kulinarik in Tirol? Dass wir unser Potenzial ausschöpfen und so die Gäste anlocken, die Wert auf gutes Essen legen. Kulinarik lässt sich gut vermarkten, vor allem jetzt im Moment. Sich einen guten Ruf zu erarbeiten, ist aber ein langer Weg und bedeutet auch viel Arbeit. Vielen Dank für das Gespräch.

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rise? Von wegen: Wenn es eine Branche gibt, die in den vergangenen Jahren Stabilität bewiesen hat, dann sind das die Outdoor-Hersteller. Vom Trekkingschuh über den Klettergurt bis hin zur Softshelljacke. Produkte für Naturburschen und solche, die es noch werden wollen, erfreuen sich ungebrochen reißenden Absatzes. Im Juli traf sich die Branche anlässlich der internationalen Fachmesse „OutDoor 2011“ in Friedrichshafen am Bodensee. Die Stimmung war, wie schon in den Jahren zuvor, euphorisch: Sportartikelkonzerne freuen sich trotz schwächelnder Wirtschaft über Zuwachsraten und Rekordgewinne im Outdoorbereich. Den Stellenwert des Marktsegments Outdoor unterstreicht wohl am besten der Besuch des adidas-Vorstandsvorsitzenden Herbert Hainer am Messestand der Konzerntochter „Global Outdoor adidas“. Hainer zeigte sich begeistert von der Aufbruchsstimmung auf Europas größter Branchenveranstaltung. Während der jüngsten Krisenjahre war der Outdoorbereich das einzige Segment im Adidas-Konzern, das weiterhin zweistellige Zuwachsraten verzeichnen konnte.

Trend zum Naturerlebnis.

© MICHAEL RATHMAYR

Von dieser positiven Stimmung sowie dem anhaltenden Trend hin zum Naturerlebnis für sportlich Aktive kann und soll auch der heimische Tourismus profitieren. Denn der Schlüssel zur erfolgreichen Sommersaison ist der Aktivurlaub mit Outdoor-Angeboten. Darin sind sich Tourismusexperten einig. Rainer Schultes, Obmann des Tourismusverbandes Pitztal und Chef des auf Outdoor-Sport spezialisierten Alpin Center Hochzeiger, setzt große Stücke auf den sportlich-aktiven Sommergast: „Die Nachfrage steigt stetig und ich bin überzeugt, dass im Bereich Outdoor noch viel Potenzial für den Tiroler Sommertouris-

mus liegt.“ Schultes ist bereits vor sieben Jahren mit seinem Betrieb ins OutdoorGeschäft eingestiegen. Er hat damals erkannt, dass es eine Schnittstelle, eine Art Vermittler braucht, der den Gast und das Angebot verbindet. „Im Winter sind es die Skischulen, die als Partner des Tourismus den Gästen das Angebot näherbringen, das sie suchen“, sagt Schultes. Im Sommer fehlt ein solcher Anbieter oft noch. Denn für einen Tourismusverband ist es kaum möglich, eigenständig ein umfangreiches Outdoor-Programm anzubieten. Dazu bedarf es zusätzlichen und zugleich spezialisierten Personals. „Wenn ein Gast anruft, der sich für eine Bergtour im hochalpinen Gelände interessiert, ist das mehr als nur eine Zimmeranfrage. Da braucht es am anderen Ende der Leitung jemanden, der sich mit diesem Thema auskennt, der professionelle Beratung bieten kann“, erklärt Schultes den Gedanken hinter seiner Geschäftsidee. Sein Alpin Center Hochzeiger fungiert heute in einer Doppelrolle. Zum einen bietet Schultes im „Kernbereich“ seines Unternehmens eigene Leistungen an, die er zum Teil im Auftrag des Tourismusverbandes im Programm hat. Unter die Aktivitäten im Auftrag des TVB fallen vor allem die regelmäßigen Gästeangebote wie etwa die geführten Mountainbike-Touren und Wanderungen oder das Kinderprogramm für alle Altersstufen. Daneben hat das Alpin Center Hochzeiger mit seinem Abenteuerpark oder den Kletterkursen Eigenveranstaltungen im Programm. Und letztlich fungiert Schultes‘ Betrieb auch als Vermittler auf Provisionsbasis: „Rafting oder Canyoning bieten wir nicht selbst an, sondern vermitteln Gäste an lokale Anbieter weiter.“ Alle Outdoor-Aktivitäten allein anzubieten sei für ein einzelnes Unternehmen kaum machbar und wirtschaftlich nicht sinnvoll, begründet Schultes diese unterschiedlichen Strukturen hinter den Angeboten.

„Auch wenn sich das für manche nicht gut anhören mag, aber wir brauchen im Outdoor-Bereich in erster Linie massentaugliche Sportarten, um davon touristisch profitieren zu können.“ HANSI NEUNER, GESCHÄFTSFÜHRER AREA 47

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SAISON

Konzept geht auf.

Die Area 47 am Eingang zum Ötztal tut es dennoch. Hier wird dem Gast auf einem Flecken ein nahezu allumfassendes Outdoor-Angebot bereitgestellt: vom Wasserpark bis zum Fallschirmspringen. Und das Konzept geht voll auf, wie Geschäftsführer Hans Neuner sagt: „Wir sind seit Juni ausgebucht, trotz dem Wetter.“ Outdoor- und Aktivurlaub sei eben weltweit ein Riesenboom, so Neuner: „Doch Tirol hat auf diesem Segment in den vergangenen Jahren den Fehler gemacht, sich zu schlecht zu verkaufen.“ In Neuseeland oder Australien habe man schon vor Jahren erkannt, dass der abenteuersuchende Gast die Zukunft ist. Selbst Interlaken in der Schweiz habe das lange vor Tirol erkannt und mit entsprechenden Angeboten darauf reagiert.


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Modernen Eskapismus touristisch nutzen Der Sommer in Tirol ist ausbaufähig. Das Zauberwort lautet dabei: Outdoor. Denn sportliche Gäste bringen gutes Geld und sind wetterfest. Aber nur, wenn auch das Angebot stimmt. VON S TEFFEN AROR A

Spielwiese für Große. Die Area 47 bietet Outdoorspaß für jeden Geschmack. Wichtig dabei: Die Sportarten müssen massentauglich sein.

Zum Touristiker geboren? Kompetente Beratung rund um Aus- und Weiterbildung im Tourismus – einfach – schnell – kostenlos: Telefon: 05 90 90 5 - 1215 E-Mail: thomas.geiger@wktirol.at Internet: WKO.at/tirol/tourismus


© TVB PITZTAL (2)

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Abenteuer für die ganze Familie. Das gemeinsame Naturerlebnis steht auf der Urlauberwunschliste ganz oben, wie man im Pitztal weiß.

Um am Outdoor-Sektor erfolgreich zu sein, müsse man sich in die Lage des Gastes versetzen, ist Neuner überzeugt: „Wir müssen die Urlaubsbedürfnisse der Leute zu 100 Prozent stillen. Rafting allein ist dabei zu wenig. Es braucht ein umfassendes, reichhaltiges Angebot für die ganze Familie.“ Auch Rainer Schultes aus dem Pitztal hat die „ganze Familie“ als primäre und lohnende Zielgruppe für Outdoor-Angebote ausgemacht: „Bis vor drei Jahren haben Eltern und Kinder im Urlaub meistens getrennt voneinander Programm gemacht. Heute ist das anders.“ Die meisten Familien wollen im Urlaub Zeit zusammen verbringen, statt getrennt voneinander. Ein gemeinsames Naturerlebnis in Form einer Outdoor-Aktivität ist genau das, was viele Familien suchen. Im Alltag zu Hause bestimmen Beruf und Schule das Leben. Die Familien sehen sich kaum, die Menschen fühlen sich in ihren Städten und modernen Ballungszentren wie Gefangene. „Die wollen da raus“, ist sich Neuner sicher. Der Urlaub wird so zum Ausbruch, zum modernen Eskapismus. Das gemeinsame Erlebnis in der Natur, fernab des streng geregelten Alltags, wird so zum Mittelpunkt eines gelungenen Familienurlaubes. „In unserem Hochseilpark erleben wir regelmäßig, wie befreiend solche Aktivitäten für die Gästefamilien sind und wie wohl sie sich dabei fühlen“, sagt Schultes.

Actionreiche Angebote. Auch Hans Neuner begrüßt in der Area 47 auffallend viele Familien, die hier gemeinsam Spaß und Abenteuer suchen. Überhaupt sei die Zielgruppe für Outdoor-Angebote in den vergangenen Jahren immer größer geworden: „Wir hatten allein heuer schon 125 Schulklassen hier.“ Für den Pitztaler TVB-Chef und Freizeitunternehmer Schultes ist die Jugend eine wichtige Zielgruppe, die mittels durchdachtem Outdoor-Angebot wieder für Tirol begeistert werden soll: „Bei den

„Die Nachfrage steigt stetig und ich bin überzeugt, dass im Bereich Outdoor noch viel Potenzial für den Tiroler Sommertourismus liegt.“ © TVB PITZTAL

RAINER SCHULTES, OBMANN TVB PITZTAL

14- bis 25-Jährigen müssen wir besonders aufpassen. In dieser Zielgruppe verlieren wir viele Gäste.“ Actionreiche Angebote wie Downhill-Mountainbiking seien genau das, was diese jungen Leute suchen. Zugleich warnt aber Area-47-Chef Neuner davor, nicht zu sehr auf Nischensportarten zu setzen: „Auch wenn sich das für manche nicht gut anhören mag, aber wir brauchen im Outdoor-Bereich in erster Linie massentaugliche Sportarten, um davon touristisch profitieren zu können.“ Nischensportarten wie Downhill-Mountainbiking seien hingegen gut für das Image. Und, was Neuner aus aktueller Area-47-Erfahrung weiß: „Bei solchen Sportarten ist der Zuschauereffekt nicht zu verachten.“ Während sich kaum ein Durchschnittsurlauber am Drahtesel vertikale Downhill-Trails hinunterstürzen wird, sind derlei Anlagen durchaus in der Lage, gehörig Zuschauerinteresse bei Veranstaltungen zu erzeugen und somit der Region einen Imagegewinn zu verschaffen. Um die Bedeutung von Image in Verbindung mit dem Outdoor-Boom weiß auch Helmut Knoflach, Produktgruppenleiter der Sparte Bergsport beim renommierten Bergsportausrüster Stubai aus Fulpmes. Denn der ganze Hype begann letztlich mit einem Modetick der Städter, die modische Outdoor-Bekleidung für sich entdeckten. Plötzlich sah man immer mehr Menschen in Großstädten mit hochwertigen Softshelljacken und Trekkingschuhen namhafter Hersteller umherspazieren. Mit der Zeit entdeckten diese urbanen Alpinisten, dass ihre teure Ausrüstung jedoch am besten in den Bergen ihren Zweck erfüllt, schließlich wurden die Produkte ursprünglich dafür hergestellt. So wurden modebewusste Städter zu Hobbybergsteigern und damit Outdoor-Touristen. Bei der Firma Stubai will man diese Neo-Kraxler nun für hochwertige Ausrüstung wie Gurte, Helme und Karabiner begeistern. „Wenn man den enormen Boom betrachtet, den die OutdoorBekleidungsindustrie erlebt hat, dann lässt uns das als Ausrüster hoffen“, sagt Knoflach. Dabei setzt das Unternehmen unter anderem auf Kooperationen mit Partnern aus dem Tourismus – sei es in Form von Ausrüstung, die für Kletterkurse genutzt wird, oder gezielte Ausstattung von Bergführern mit Produkten aus dem Hause Stubai. Es geht dabei um den „Spirit“, wie Knoflach sagt: „Die Leute, die es herstellen, die Tiroler, sollen das Produkt


auch verwenden.“ Dadurch steige auch die Glaubwürdigkeit gegenüber den Gästen, die letztlich als Kunden gewonnen werden sollen. Immerhin macht die Firma Stubai 70 Prozent ihres Umsatzes mit Export.

Impuls für die Sommersaison. Gerade in den Bereichen Klettern und Bergsteigen sieht man in den Fabrikhallen in Fulpmes noch „viel Luft nach oben“. Nicht zuletzt am lokalen Markt, etwa bei Klettersteigen, welche als Alpen-Spezifikum gelten. „In den USA gibt es vielleicht eine Handvoll Klettersteige, denn dort ist das rechtlich schwer möglich. Auch in anderen Gebirgsregionen gibt es das kaum. Das ist ein alpenländisches Phänomen mit

„Klettersteige sind ein öster­reichisches Phänomen mit viel Potenzial.“ HElmut Knoflach, Stubai Bergsport

viel Potenzial.“ Die speziell auf Kletterer abgestimmte Online-Plattform „Climbers Paradise“ der Tirol Werbung, bei der Firmen wie Stubai als Partner mit im Boot sind, ist ein solches Beispiel für erfolgreiche Kooperation in der Vermarktung. Die Touristiker erwarten vom Outdoor-Segment jenen Impuls, der in der Sommersaison noch fehlt. „Der Sommer in Tirol ist schwierig, nicht zuletzt wegen des Wetters“, weiß Rainer Schultes. Gerade spontane Kurzurlauber, deren Zahl und Bedeutung zunimmt, machen ihre Buchungsentscheidung in erster Linie von Wetterprognosen abhängig. Wobei Outdoor-Touristen wetterfester sind als der Durchschnittsgast, wie Schultes weiß: „Von denen können wir uns eine Scheibe abschneiden, denn die jammern meistens weniger übers Wetter als die Einheimischen.“ Über Erfolg und Misserfolg Tirols als Outdoor-Mekka für Sportbegeisterte wird aber letztlich das vielfältige und qualitativ hochwertige Angebot entscheiden, das den Gästen geboten wird. Denn, so ist TVB-Pitztal-Boss Schultes überzeugt: „Die Zukunft wird über Themen gespielt. Der 18-Jährige will genauso wie der 65-Jährige ein Super-MountainbikeErlebnis. Und wenn wir ihm das bieten können, wird er wiederkommen und andere mitbringen.“ ×


30 Bergsommer saison

© Michael Rathmayr (4)

„Das Kind steht  im Mittelpunkt“

Ernst Mayer, Chef des führenden Kinderhotels Alpenrose in Lermoos, über die unterschiedlichen Ansprüche von Eltern und Kindern, die Spezialisierung auf Familien und den Irrglauben, ein Kind dürfe im Urlaub nichts kosten. D a s I n t e r v i e w f ü h r t e M at t h i a s K r a p f.

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AISON: Herr Mayer, wer sind die anspruchsvolleren Gäste: Kinder oder deren Eltern? Ernst Mayer: Die anspruchsvolleren Gäste sind schon die Eltern – auch in Bezug auf Kinderprogramm und -betreuung. Den Kindern selber ist die Hardware nicht so wichtig. Das Wichtigste für sie sind noch immer die anderen Kinder. Wie entwickeln Sie Ihr Angebot weiter? Im Prinzip ist das ganz einfach: Man schaut, was den Kindern gefällt. Alle Ideen, die wir umgesetzt haben, sind ursprünglich von Kindern erdacht worden. Zu denken, man sei selber noch Kind, ist der falsche Weg.

Wie sieht es mit der Auslastung Ihres Betriebes aus? Wir haben eine sehr gute Auslastung. Das Hotel Alpenrose ist das ganze Jahr über geöffnet und wir spüren kaum Unterschiede zwischen Hauptund Nebensaison, weil der Schwerpunkt unseres Angebots auf Kleinkindern liegt. Die Gäste müssen das Gefühl haben, dass die Kinder optimal aufgehoben sind, um machen zu können, wozu sie selber Lust haben. Etwa Skifahren, Wandern, Golfen – all das kann man mit Kleinkindern ja nicht machen. Entscheidend für eine ganzjährige Auslastung ist außerdem, dass man mit der Hardware im Haus in der Lage ist, Wetter und Klima auszugleichen. Selbst wenn es eine ganze Woche regnet, dürfen das die Kinder nicht merken.

Was unterscheidet das Hotel Alpenrose von anderen Anbietern? Viele Clubs bieten Top-Animation an, aber in letzter Konsequenz nicht die Garantie, dass mein Kind, sogar mein Baby, von acht Uhr in der Früh bis neun Uhr am Abend betreut wird. Wie haben Sie sich das Vertrauen der Gäste mit Babys und Kleinkindern erarbeitet? Da steckt sehr viel Know-how, aber auch wahnsinnig viel Manpower dahinter. Wir haben momentan in der Kinderbetreuung 24 Mitarbeiter. Und zwar in erster Linie deswegen, weil die Betreuung der ganz Kleinen sehr aufwändig ist. Die Einstellung, ein Kind dürfe nichts kosten, geht an der Realität vorbei. Hier müssen auch die Gäste umdenken. Wie unterscheidet sich ein Familienhotel abgesehen von der Infrastruktur von einem herkömmlichen Betrieb? Bei uns steht das Kind im Mittelpunkt, aber auch der Erwachsene kommt auf seine Rechnung: Er kann Urlaub machen, wie er sich das vorstellt, kann Dinge tun, die mit einem Kleinkind nicht möglich sind. Der Verwirklichung dieser Kombination ist alles untergeordnet.


31 „Man muss die ganze Geschichte leben und sich spezialisieren.“ eRnst MayeR

Sie haben mit einer kleinen Pension begonnen und Ihren Betrieb seit 1994 sukzessive zu einem 350-Betten-Haus ausgebaut. Das Familien-Angebot allgemein ist in diesem Zeitraum ebenfalls enorm gewachsen. Warum? Früher hatten eltern ganz andere ansprüche. Man hat gesagt: „solange die Kinder ganz klein sind, fahre ich nicht in Urlaub. später mache ich Familienurlaub und ordne mich den Wünschen der Kinder unter.“ heute hingegen legen immer mehr Gäste Wert darauf, dass sie selbst auch nicht zu kurz kommen. Geht der Trend zur Spezialisierung Ihrer Meinung nach noch weiter? Ist auch das Sport-Kinderhotel denkbar? Bestimmt geht der trend weiter und das passiert ja auch schon. innerhalb der Kinderhotels gibt es bereits einzelne spezialisierungen – etwa in den Bereichen sport, Pferde oder natur, aber auch single mit Kind. Welche Bedeutung hat die Angebotsgruppe der Kinderhotels für Ihr Haus? Die Wichtigkeit erkennt man daran, dass wir über keinen anderen Vertriebskanal als die Kinderhotels verfügen. Wir arbeiten mit keinen Reisebüros zusammen und machen so gut wie keine Werbung außerhalb der Kinderhotels. Sehr exklusiv geht es offenbar bei den „leading family hotels“ mit bisher nur fünf Betrieben zu. Welche Idee steckt hinter diesem Zusammenschluss? Die „leading family hotels“ sind aus den Kinderhotels heraus entstanden und bilden die Gruppe der führenden Kinderhotels. Diese Gruppe soll international Fuß fassen. Die ausbreitung gestaltet sich aber sehr schwierig, weil es keine bestehenden hotels gibt, die unsere anforderungen erfüllen. eine der härtesten dabei ist die Vorgabe: „nur Urlaub für Familien“. ein bestehendes hotel müsste auf alle anderen Buchungen verzichten. Davor haben viele angst. Und dann muss noch sehr viel Geld investiert werden. ein „leading family hotel“ braucht eine gewisse Größe, sonst rechnet sich die infrastruktur

nicht. Unter 35 Millionen euro kann man da praktisch nicht bauen. Wer sind im Sommer Ihre Konkurrenten? Ist das die Clubanlage in Antalya? es gibt viele Billiganbieter, die sich Kinderhotel nennen, aber in keiner Weise etwas mit uns zu tun haben. es wurde leider verabsäumt, den namen Kinderhotels schützen zu lassen, und heute ist es nicht mehr möglich. Das wird beinhart ausgenützt und viele Gäste fallen – zumindest einmal – darauf herein. Haben Sie als Kinderhotel Anforderungen an die Region oder sind Sie autark? im Prinzip sind wir autark. Das hat damit zu tun, dass sich das gesamte Konzept auf das hotel konzentriert. Drei Monate im Jahr gibt es bei uns kein Umfeld. Da hat keine hütte und kein lift offen. Der Gast verbringt aber ohnehin wenig Zeit außerhalb. Mit Kleinkindern macht man eher keinen tagesausflug. Und auch wenn die eltern allein etwas unternehmen, bleiben sie in der nähe. Eine auf Familien spezialisierte Region würde aber schon zusätzlich helfen, oder? es ist natürlich ein gewaltiger Vorteil, wenn eine Region anreize für Familien und Kinder schaff t. in Österreich gibt es dafür einige Beispiele – etwa serfaus, wo der ganze ort von dem Konzept profitiert, weil man bereit war, sich auf Familien zu konzentrieren und die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Das Wichtigste bleibt aber das angebot im hotel selbst. Was halten Sie von Attraktionen, die mit einem gewissen Spektakelwert auf Kinder abzielen? Das bringt durchaus etwas. Man muss die ganze Geschichte aber auch leben und sich spezialisieren. am besten ist es, wenn sich ein ganzer ort dazu bekennt und sagt: Wir sind ein Familienort und wollen etwas für Familien tun, was andere angebote auch wieder ausschließt. absolut nicht funktioniert der Versuch, alles abzudecken – von den Familien bis zum après-ski. Was sind die Stolpersteine auf dem Weg zu einem Familienhotel? Die größte Problematik ist, dass ein Familienhotel das teuerste Konzept darstellt. Dessen muss man sich als Unternehmer bewusst sein. Wir haben aktuell bei 92 einheiten 135 Mitarbeiter – also mehr als ein 5-sternehotel. Ganz einfach, weil der Urlaub hauptsächlich im hotel stattfindet. Vielen Dank für das Gespräch.

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Kinderparadies: Jede Menge Spielgeräte, eine Hüpfburg, Pools, ein Kino und zahlreiche weitere Einrichtungen lassen Kinderherzen höher schlagen. Aber auch in anderen Bereichen des Hotel Alpenrose wird an die kleinen Gäste gedacht.

ZURPERSON ernst Mayer ist eigentümer des hotels alpenrose in lermoos, das zu den führenden auf Familien mit Kindern spezialisierten Betrieben in Österreich zählt. ab Mitte der 90er-Jahre baute die Familie Mayer ihre Frühstückspension mit 35 Betten zum 4-sterne-superior-haus mit 350 Betten aus. Rund 40 Prozent der Gäste kommen aus der schweiz, 40 Prozent aus Deutschland, der Rest ist international. Das hotel alpenrose ist teil der Kinderhotels und der „leading family hotels“, die ernst Mayer mit initiiert hat. www.hotelalpenrose.at


32 BERGSOMMER SAISON

Erfolgskonzepte Der Tiroler Bergsommer wartet mit innovativen und zukunftsweisenden Tourismusideen auf. SAISON wollte von preisgekrönten Experten der Branche wissen, wo außerhalb Tirols bemerkenswerte Sommerangebote Gäste locken.

© ACHENSEE TOURISMUS, SWISS-IMAGE.CH/REMY STEINEGGER, SWISS-IMAGE.CH/ANDY METTLER (2)

VON S TEFFEN AROR A

Wer hat‘s erfunden? Sport vor eindrucksvoller Bergkulisse, das ist der Jungfrau Marathon, der jährlich tausende Lauftouristen in die Schweizer Alpen zieht.

Themencluster Sport & Aktiv

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Martin Tschoner, Tirol-Touristica-Preisträger 2011 für die Neuauflage des Karwendelmarsches, empfiehlt den Jungfrau Marathon, Interlaken (CH).

er Jungfrau Marathon in Interlaken ist schlichtweg der Klassiker unter den Laufveranstaltungen und er ist jährlich ausgebucht“, sagt Martin Tschoner, Tourismusdirektor der Sportund Vitalregion Achsensee. Zusammen mit seinem Bruder Markus Tschoner, seines Zeichens Tourismusdirektor der Olympiaregion Seefeld, sowie den Verantwortlichen des Alpenpark Karwendel, hat er nach 19 Jahren Pause den legendären Karwendelmarsch wiederauferstehen lassen. Mit gewaltigem Erfolg: 2011 erhielten die Brüder dafür den begehrten Branchenpreis „Tirol Touristica“ in der Sparte Events. Die Tschoners wissen also bestens, worauf es bei einem sportlichen touristischen Sommerangebot ankommt.

Den Jungfrau Marathon nennt Tschoner deshalb als vorbildhaftes SommersportAngebot, weil er ähnlich wie der Karwendelmarsch über die Veranstaltung selbst touristische Werte und Inhalte transportiert. „Dieser Event steht für die Kompetenz der Region in Sachen Sport und Naturbewusstsein. Das bleibt bei den Gästen und Teilnehmern hängen“, ist Tschoner überzeugt. Der diesjährige Jungfrau Marathon findet am 10. September statt und war wieder Monate im Voraus ausgebucht. Tausende Sportbegeisterte samt Anhang werden die Region um Interlaken erkunden und ein Gutteil wird als Gast wiederkehren. Ein Event mit bewusst touristischem Mehrwert. Dazu passt auch die pittoreske Streckenführung. Vom Start in Interlaken, auf 565 Metern Seehöhe, geht es auf der Marathonoriginaldistanz von 42,195 Kilometern vorbei an den eindrucksvollen

Bergmassiven von Eiger, Jungfrau und Mönch, hinauf ins Ziel, dem Kleinen Scheidegg, das auf 2.095 Meter Seehöhe liegt. Die rund 2.000 Höhenmeter, die man dabei insgesamt überwinden muss, gelten unter Läufern als „schönste Marathonstrecke der Welt“. Ein solcher Ruf unter Sportfans ist touristisches Gold wert, weiß Tschoner. Am Achensee trägt der Karwendelmarsch als Veranstaltung dazu bei, dass der Claim im Logo, der von der „Sport- und Vitalregion“ spricht, in der Veranstaltung seine Bestätigung findet. Wie sich Sportveranstaltungen touristisch nutzen lassen, zeigen die Schweizer in Interlaken vor. „Davon können auch wir noch lernen, nicht umsonst wird auch heuer wieder das Laufteam Achensee in Interlaken an den Start gehen“, sagt Tschoner mit verschmitztem Lächeln. ×


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© URLAUB AM BAUERNHOF, SALZBURGERLAND (3)

Erntezeit als Reisezeit. Der Salzburger Bauernherbst nutzt regionale Besonderheiten, die von Bauern und Handwerkern seit Jahrhunderten gepflogen werden, als touristischen Mehrwert für die Gäste.

Themencluster Natur & Gesundheit Johann Hörtnagl, als Obmann von „Urlaub am Bauernhof Tirol“ Tirol-Touristica-Preisträger 2010 in der Sparte „Marketing“, empfiehlt den Salzburger Bauernherbst.

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irols Landwirte gelten in Sachen Tourismus als Experten. Johann Hörtnagl, Obmann des erfolgreichen Projektes „Urlaub am Bauernhof Tirol“, das landesweit rund 375 Mitgliedsbetriebe zählt, weiß das und ist dementsprechend stolz darauf: „Wir sind sicherlich Vorreiter auf diesem Gebiet und werden mittlerweile als eigenes Qualitätsprodukt angesehen.“ Auf die Frage, wo er außerhalb Tirols innovative Beispiele für Sommertourismuskonzepte im Themencluster „Natur &

Gesundheit“ sieht, muss er aber nicht lange überlegen. „Dazu fällt mir spontan der Salzburger Bauernherbst ein“, antwortet Hörtnagl wie aus der Pistole geschossen. Die Nachbarn im Osten bestechen mit ihrem Bauernherbst durch Authentizität. „Hinter dem Titel Salzburger Bauernherbst verstecken sich eine Vielzahl kleiner Projekte, die den Gästen einen speziellen Einblick in das bäuerliche Leben bieten“, sagt Hörtnagl. Der Herbst, als wichtige Erntezeit im bäuerlichen Kalender, ist die ideale Jahreszeit für ein solches Projekt.

Von 27. August bis 26. Oktober findet der Salzburger Bauernherbst heuer statt. Das diesjährige Motto ist zugleich Programm: „Salzburger Brauchtum – G‘sungen, g’spielt, tanzt & plattelt“. Bei den rund 2.000 Veranstaltungen, die im Rahmen des Bauernherbstes über die Bühne gehen, stehen dieses Mal Musik und Tanz im Vordergrund. Dabei werden sportliche Gäste ebenso angesprochen wie Genussmenschen. Die Palette reicht von kulinarischen Terminen bis hin zur sportlich-musikalischen Almrundwanderung. Die einzelnen Regionen erhalten im Rahmen des Salzburger Bauernherbstes Gelegenheit, sich und ihre Vorzüge zu präsentieren. Von der regionalen Küche und Kultur bis hin zu den jeweiligen landschaftlichen Reizen. Auch das Handwerk kommt dabei nicht zu kurz, wodurch Synergien zwischen Tourismus und alteingesessener Handwerkszunft nutzbar werden. „Regionale Besonderheit als Kapital und Verkaufsargument ist im bäuerlichländlichen Tourismus unverzichtbar“, lobt Johann Hörtnagl die Salzburger Idee. Darauf setze man auch bei Urlaub am Bauernhof Tirol mit Erfolg: „Bodenständigkeit, Familienkontakt, das Eintauchen in die nicht alltägliche Welt der Landwirtschaft, gepaart mit Gemütlichkeit und Komfort sind das Geheimnis, das kein Hotel der Welt in dieser Form bieten kann. Wie man bäuerliche Kultur als Event für den Sommertourismus nutzbar macht, zeigen die Salzburger Kollegen mit ihrem Bauernherbst vor. ×


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Themencluster Familienerlebnis Marlies Erhard, als Leiterin der „Tiroler Familiennester“ mit ihrem Projekt 2010 für den Tirol Touristica nominiert, empfiehlt den Kindersommer Brandnertal.

Klein, aber fein. Die Kinder von heute sind die Gäste von morgen. Wie man im Kleinen anspruchsvolles Ferienprogramm für Nachwuchstouristen macht, zeigt das Vorarlberger Brandnertal.

© TIROLER FAMILIENNESTER, BRANDNERTAL TOURISMUS (3)

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eit 15 Jahren sorgen Marlies Erhard und ihr Team tirolweit dafür, dass auch die kleinsten Gäste einen unvergesslich schönen Sommerurlaub in den Bergen verbringen können. In 23 Tiroler Orten gibt es mittlerweile Familiennester, die mit ihrem Namen für professionelle und qualitative Kinderbetreuung stehen. Dieses Kinderangebot ist in der Form und Dimension sicherlich einzigartig, dennoch weiß auch Marlies Erhard von touristischen Familienprojekten außerhalb Tirols, die sie persönlich als vorbildhaft bezeichnet: „Weil ich selber Vorarlbergerin bin und weil ich als Kind oft dort zu Gast war, empfehle ich den Kindersommer im Brandnertal.“ Im idyllischen Tal im Vorarlberger Oberland wird in den Monaten Juli und August ein „kleines, aber feines“ Kinderprogramm für Gäste geboten. „Das ist zwar vom Umfang her viel kleiner als die Familiennester, aber die Philosophie dahinter ist ähnlich.“ So wird auch im Brandnertal nicht auf unpersönliche Kinderanimation, sondern auf ein authentisches Naturerlebnis gesetzt – ganz wie bei den Tiroler Familiennestern. Die Vorarlberger teilen dabei die Wochen von Montag bis Freitag in Thementage: vom Wald über Wasser- bis hin zum Schluchtentag. Die Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren lernen so unter fachkundiger Leitung die Natur im Brandnertal hautnah kennen. Das Kinderprogramm ist für die Gästekinder grundsätzlich kostenlos, allein für die Jause ist jeweils ein kleiner Beitrag zu leisten. Dieses Prinzip der „übergreifenden, kostenlosen Betreuung“ gefällt FamiliennesterLeiterin Erhard besonders gut. Neben den Erlebnistagen bietet das Brandnertal auch täglich Kinderprogramm in verschiedenen Hotelbetrieben der Region: vom Schnupperbogenschießen bis zum Kasperltheater. Zudem wird Familien die Suche einer adäquaten Herberge durch das taleigene Siegel „Family-Friends“ erleichtert. Die Mitgliedsbetriebe bieten preiswerte und qualitative Unterkunft auch für Familien mit mehr als zwei Kindern. „Wer ehrlich auf die Bedürfnisse der kleinsten Gäste eingeht, schaff t sich damit die Stammgäste von morgen“, weiß FamiliennesterLeiterin Marlies Ehrwald aus eigener Erfahrung. Daher ist der Kindersommer Brandnertal für sie ein herausragendes und zukunftsweisendes Tourismusprojekt außerhalb Tirols. ×


© PRIVAT, URLAUBSREGION ALLGÄU (2)

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Regionaler Genuss. In den Allgäuer Alpen wird kulinarische Tradition gepflegt. Sehr zur (Gaumen-)Freude der lukullisch interessierten Gäste.

Themencluster Kultur & Kulinarik Michael Kohler, Leiter des TVB Lechtal und für die Idee und erfolgreiche Umsetzung des Genuss-Radwandertages in der Naturparkregion Lechtal-Reutte für den Tirol Touristica 2011 nominiert, empfiehlt das Allgäu.

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as Allgäu insgesamt! Es ist zum einen die Nähe und es ist zum anderen das innovative Programm in Sachen Kulinarik, das die Region auszeichnet.“ So begründet der Leiter des Tourismusverbandes Lechtal, Michael Kohler, seine Wahl für den touristischen Blick über den Tellerand. Das Allgäu, direkter Nachbar des Lechtales, besticht mit einer ganzen Reihe von zukunftsweisenden Projekten, die lokale Besonderheiten – sei es die Küche oder die Produkte selbst – mit dem Tourismus verbinden. „Davon haben wir uns einiges abgeschaut“, räumt Kohler ein, der heuer für seine Idee des Genuss-Radwandertages als Finalist für den Preis „Tirol Touristica“ nominiert war. Beim Radwandertag im Lechtal bieten Bauern aus der Region an verschiedenen Labstationen ihre Produkte in Form von kleinen Häppchen an. „Die Teilnehmer haben so Gelegenheit, lokale Spezialitäten kennenzulernen, und kehren später

zurück, um mehr davon zu bekommen“, erklärt Kohler die Idee dahinter. Bereits nach der dritten Auflage des Radwandertages haben die Bauern ein deutliches Umsatzplus verzeichnen können. Im benachbarten Allgäu hat die Vermarktung lokaler Spezialitäten Tradition. Von der Genießer-Tüte voller Allgäuer Spezialitäten, die auf Messen und heuer erstmals im Rahmen der Allgäuer Festwochen verteilt wurde, bis hin zum „glutenfreien Urlaubsort Scheidegg“ reicht das innovative touristisch-kulinarische Konzept der deutschen Älpler. Eine andere Erfolgsinitiative ist der 2007 gegründete Verein „Allgäuer Alpengenuss“, der bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Weil auf den bewirtschafteten Berghütten im Allgäu zunehmend Speisen und Getränke von Discountern angeboten wurden, entwickelte sich als Gegenbewegung der „Allgäuer Alpgenuss“, der vom Landwirtschaftsamt in Kempten zusammen mit den neun Allgäuer Alpen gegründet wurde.

Die Mitglieder verpflichten sich, auf den Berghütten nur heimische Produkte anzubieten. Mittlerweile machen 39 Almhütten sowie 80 Partner aus der Region – von der Brauerei bis zur Käserei – mit. „Nur in Verbindung mit einem Radwandertag haben sie ihr kulinarisches Angebot nie beworben. Das war dann unsere Idee, die nun wiederum bei den Allgäuern gut ankommt, die in Scharen am Radwandertag teilnehmen“, freut sich Kohler. Über 1.000 Pedalritter erkunden das Lechtal nun jedes Jahr anlässlich dieser Veranstaltung und lernen so regionale Produkte und die Küche kennen. Neben den Bauern nehmen nun auch Wirte aus dem Lechtal teil, die sich unter dem Siegel „Naturpark-Wirte“ präsentieren und bewusst nur Produkte aus der Region anbieten. Im Allgäu wird wiederum der Lechtaler Radwandertag ebenfalls eifrig beworben – eine deutsch-österreichische Freundschaft, die offensichtlich durch den Magen geht. ×


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MAGAZIN Botschafter für Olympia

Freuen sich auf die Olympischen Spiele der Jugend: Gitti Köck, Josef Margreiter und Klaus Sulzenbacher.

© TIROL WERBUNG

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irol wird 2012 Gastgeber der ersten Olympischen Jugend-Winterspiele (YOG) sein. Im Jänner stellen insgesamt 1.059 Athleten und Athletinnen in Innsbruck, Seefeld und Kühtai ihr Können unter Beweis, rund 1.200 Volunteers sorgen für den reibungslosen Ablauf. Die offiziellen YOG-Tirol-Botschafter sollen die Stimmung für eine der größten Wintersportveranstaltungen der Welt so richtig entfachen. Tirols Sport-Prominenz wird ab sofort bei Presseauftritten und Sportveranstaltungen im Vorfeld, aber auch während den Winterspielen das olympische Feuer repräsentieren. Darunter unter anderem: Gitti Köck, Angelika Neuner, Andre Arnold, Ingo Appelt, Andreas und Wolfgang Linger, Armin Kogler, Markus Prock, Klaus Sulzenbacher und Michael Hadschieff. www.innsbruck2012.at

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ExtremKajak-WM im Ötztal ach der erfolgreichen Premiere des neuartigen Boulder-Events „adidas ROCKSTARS“ in der Area 47 Ende Juli steht dem Ötztal die nächste Extremsport-Veranstaltung ins Haus. Von 29. September bis 2. Oktober kämpft die internationale Elite der Wildwasserpaddler auf einer der anspruchvollsten Strecken weltweit um den Weltmeistertitel. „Wir freuen uns, dass die adidas Sickline WM auch 2011 im Ötztal ausgetragen wird”, sagt Tourismusdirektor Oliver Schwarz. Für Josef Margreiter, Direktor der Tirol Werbung, untermauert die Kajak-WM Tirols Status als „wahres Eldorado für Outdoorsportler“. www.adidas-sickline.com

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Vergangenes Jahr holte sich der Neuseeländer Sam Sutton den WM-Titel auf der berühmtberüchtigten Wellerbrückenstrecke.

© ADIDAS SICKLINE

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KULTURTIPPS

© ASTRID KARGER

VON ES THER PIRCHNER

SPANISCHE VERBINDUNG

BUCHTIPP:

© SPRACHSALZ

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Das Festival Zeitgenössischer Musik Klangspuren steht 2011 im Zeichen spanischen Musikschaffens. Dazu gibt‘s ein Porträt des Komponisten und Dirigenten George Benjamin und Kooperationen u. a. mit dem Kunsthistorischen Museum Wien. 8. bis 24. September 2011, Schwaz, Innsbruck u. a.

INTERNATIONALE SPRACHE Zum Literaturfestival Sprachsalz reisen alljährlich Literaten aus aller Welt an. Diesmal lesen Mikhail Shishkin aus Russland, Gerald Stern aus den USA, der Ukrainer Taras Prochasko, der Schweizer Urs Allemann und viele andere Autoren. Eintritt frei. 9. bis 11. September 2011, Hall in Tirol

RUMÄNISCHE KLÄNGE

Bernd Ritschel: „Der andere Horizont. Kraft und Inspiration aus den Bergen“, Tyrolia Verlag, 48 Seiten, 9,95 Euro

Die Blaskapelle Fanfare Ciocarlia ist sozusagen die Mutter aller rumänischen Bläserkunst: rasant, temperamentvoll, mitreißend und lustig. In der Reihe „Woaßt eh!“ des Kulturverein Wunderlich bringen sie das Kufsteiner Publikum in Bewegung. 29. Oktober 2011, Innotech, Kufstein

WasserReich Tirol

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und 10.000 Quellen mit etwa 1,5 Milliarden Kubikmetern Wasser entspringen in den Tiroler Bergen. 600 Seen, Weiher und Teiche gibt es, fast alle mit Trinkwasserqualität. Tirol ist nicht nur ein Land der Berge, sondern auch ein Land des Wassers. Und diesem Element widmet sich das digitale Reisemagazin

© KULTURVEREIN WUNDERLICH

„Der andere Horizont“ nennt der Fotograf Bernd Ritschel sein zweites Tirol-Buch. Mit der Kamera fängt er jene Augenblicke ein, die in so vielen Menschen die Liebe zu den Bergen weckt. Mit dem Objektiv verfolgt er Flussläufe, steigt auf Gipfel und zoomt sich mitten in Almwiesen. In dem kleinformatigen Buch wechseln sich Berg-Bilder und Berg-Texte ab. Die Texte stammen von Anselm Grün, Reinhold Stecher, Viktor Frankl, Joachim Ringelnatz, Hubert von Goisern, Sergio Bambaren, Evelyne Binsack und vielen mehr.

WEITERE VERANSTALTUNGEN „WasserReich Tirol“. Auf 26 Seiten zum Anklicken findet der Leser alles über Ausflugsziele, Wassersport in Tirol, Thermen, Gletscher und Wasserfälle – oder was auch immer man über die Tiroler Gewässer wissen will. www.tirol.at

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32. Österreichischer Grafikwettbewerb 17. 9. bis 2. 10. 2011, Galerie im Taxispalais, Innsbruck, www.galerieimtaxispalais.at Erwin Steinhauer: Gemeindebau – 4 Uhr früh! 23. 9. 2011, 20 h, FoRum, Rum www.rum.at/forum Lange Nacht der Museen 1. 10. 2011, 18 h bis 1 h, 47 Museen und Galerien in Tirol, langenacht.orf.at Lili Araujo: Sounds of Brazil 16. 10. 2011, 20 h, Eremitage, Schwaz www.eremitage.com


38 MAGAZIN SAISON

Dem Himmel nah. Gott ist für viele Reisende eine bewusste oder zufällige Reisebekanntschaft und die Urlaubszeit eine gute Möglichkeit, Besinnung in religiösen Einrichtungen zu finden.

©DIÖZESE INNSBRUCK/BEGSTEIGER

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Auf Reisen mit Gott „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“, schrieb der deutsche Lyriker Joseph Freiherr von Eichendorff Anfang des 19. Jahrhunderts. Aber: Ist Gott dann auch mit dabei im Urlaub? VON ERNS T SPRENG

m Inneren der Kirche hört man Orgelspiel. Es ist einer jener Urlaubstage, an denen man einfach durch die Ortschaft flaniert und die Szenerie einatmet. Die Kirche ist offen, warum also nicht als Urlauber einen Sprung reinschauen? In einer Kirchenbank sitzen, dem Orgelspiel zuhören und sich besinnen? Diese oder ähnliche Situationen spielen sich in Tirol täglich ab. Religion und ihre Ausübung gehören zur jeweiligen Kultur eines Reiselandes und stehen damit im Brennpunkt des Interesses eines Urlaubers. Ist der Gast ein religiöser Mensch, so liegt es auf der Hand, dass er in seiner Urlaubszeit die Besinnung und Nähe seiner Religion sucht. In Tirol beschäftigt sich mit dem Phänomen Tourismus vor allem die katholische Kirche mit einem eigenen Arbeitskreis, der seit Juni dieses Jahres von Ordensmann Magnus Roth geleitet wird. Roth selbst ist seit 20 Jahren als Pfarrer von Igls und Vill in einer tourismusstarken Region für die Seelsorge zuständig. Sein Credo im Umgang mit Urlaubern ist, unaufdringlich für den Gast da zu sein. „Gerade in der Urlaubszeit muss sich die Kirche nicht zwanghaft aufdrängen“, bekräftigt Roth. „Das ist nicht unsere Aufgabe, vielmehr muss sie einfach für jene da sein, die in ihrem Urlaub Besinnung suchen.“ Roth nennt hier ein Beispiel: „Die Orgelkonzerte in Igls werden im Sommer fast ausschließlich von Urlaubern besucht. Das ist für den Gast eine unaufdringliche Gelegenheit, im Kirchenraum eine Stunde der Besinnung zu erleben.“ Eine Gelegenheit, die offensichtlich angenommen wird, schätzt Roth doch, dass jährlich rund 10.000 Gäste diese Orgelkonzerte besuchen.

Helfen zu entdecken. Auch Christine Drexler, die in der Diözese Innsbruck das Referat der Tourismusseelsorge betreut, sieht die Aufgabe der Kirche darin, Gastfreundschaft zu signalisieren. „Events für den Gast machen andere. Wir haben vor allem die Aufgabe, dem Gast die Kir-


39 chenräume in Tirol zugänglich zu machen und so eine Einladung auszusprechen, Gott im Urlaub zu besuchen“, so Drexler. „Wir können hier aktiv helfen, dass der Reisende etwas entdeckt, wofür er vielleicht nur im Urlaub Zeit hat.“ Dennoch weiß man in der Diözese Innsbruck auch um die Herausforderungen, die der starke Tourismus mit sich bringt. „Im Sommer kann es schon vorkommen, dass mehr Urlauber die Messe besuchen als Einwohner einer Gemeinde“, erklärt Magnus Roth. „Problem ist das aber keines, auch die Sprachbarriere wird nicht als unangenehm empfunden. Der religiöse Mensch erlebt hier bei uns eine andere Form von Gottesdienst und empfindet diesen Einblick als anregend, vielleicht sogar exotisch.“ Trotzdem wird in vielen tourismusstarken Gemeinden von den Pfarren das Service angeboten, dass die liturgischen Texte in mehreren Sprachen in der Kirche aufliegen. Der neue Tourismusseelsorger Roth kann sich vorstellen, vor allem in Ballungsräumen das fremdsprachige Angebot an Gottesdiensten auszubauen. Derzeit sind diese Möglichkeiten in Tirol beschränkt. In der Jesuitenkirche in Innsbruck gibt es jeden Samstag um 18 Uhr eine katholische Messe in englischer Sprache, einige evangelische Pfarrgemeinden im Oberland halten Messen in Holländisch ab.

Zweite Heimat.

Ein Phänomen bringen die vielen Stammgäste Tirols mit sich. Sie empfinden nicht nur den Ort, sondern auch die Pfarre als ihre zweite Heimat. So erzählt Christine Drexler von Stammgästen, die so verbunden mit der Pfarre sind,

dass sie hier auch heiraten wollen oder die Taufe ihrer Kinder in Tirol stattfinden soll. „Das ist beim aktuellen Pfarrermangel natürlich eine zusätzliche Herausforderung, die nicht immer leicht mit der regulären Seelsorge zu verbinden ist“, so Drexler. Und natürlich ist im Urlaub genug Zeit vorhanden, dass sich der Gast mit sich selbst und seiner aktuellen Lebenslage intensiver befasst. „Auch das erzählen Tirols Seelsorger, dass die örtliche Distanz zur eigenen Pfarre und die jahrelange Nähe zu ihrer zweiten Heimat viele Gespräche mit sich bringen, die für die Menschen zu Hause in der Form wahrscheinlich gar nicht möglich wären.“ Die Tourismusseelsorge beschränkt sich allerdings nicht auf den Urlaubsgast, vielmehr beschäftigt man sich intensiv mit den Problemen der Menschen, die im Tourismus tätig sind. „Allein schon die Arbeitszeiten im Tourismus beeinflussen eine Pfarrgemeinde in ihrer Struktur“, bringt es Christine Drexler auf den Punkt. „Die Aufgabe des Tourismuspastorals der Diözese ist es, betroffene Pfarrgemeinden zu unterstützen und Wege zu finden, um ein aktives Kirchenleben zu ermöglichen.“ Und das gelingt im Alltag. Pfarrer Magnus Roth aus Igls empfindet die Wechselwirkung zwischen Reisenden und Bereisten in seiner Pfarre als Bereicherung für alle. Und manche Anekdote kann nur in einem starken Tourismusort passieren. „Ich habe in 20 Jahren Seelsorge in Igls einmal eine echte Ausnahme gemacht“, erzählt Magnus Roth schmunzelnd. „Als während der Fußball-Europameisterschaft 2008 ein Nationalteam in Igls stationiert war, haben wir am Tag des Spiels um 7 Uhr

morgens darauf verzichtet, die Kirchenglocken zu läuten, damit die Spieler ausschlafen können. Genützt hat es nichts, sie haben verloren. Aber die Kirchenglocken waren mit Sicherheit nicht daran schuld.“

Individuelle Lösungen. In Tirol wird in tourismusstarken Gemeinden sehr individuell mit den Herausforderungen des Tourismus an die Religiosität der Reisenden herangegangen. Es ist die evangelische Sonnenaufgangs-Andacht am Kitzbüheler Horn genauso wie das Orgelkonzert in einer katholischen Kirche, das den religiösen Urlauber während seines Tirol-Aufenthaltes begeistern soll. Vor allem aber muss es für den Gast die Möglichkeit geben, Kirche im Urlaub zu erleben. Dann kommt im Urlaub die Nähe zu Gott oft von selbst. Als zufällige oder gewollte Reisebekanntschaft, die einem liebevoll in Erinnerung bleibt. × TOURISMUS UND KIRCHE Am 5. Oktober 2011 findet die traditionelle Tourismuswallfahrt heuer im Stift Stams statt. Beginn der Wallfahrt ist um 13 Uhr. Rund um den Welttourismustag am 11. Oktober werden in den Tourismusschulen „Am Wilden Kaiser“ (St. Johann in Tirol) Workshops der Diözese Innsbruck zum Thema „Tourismus verbindet Kulturen“ angeboten. Weitere Informationen zum Tourismuspastoral können unter abteilung.gemeinde@ dibk.at angefordert werden. Die Diözese Innsbruck im Internet: www.dibk.at

„Etwas an die Gäste weitergeben“

© ERNST SPRENG

Magnus Roth ist seit Juni 2011 Tirols Tourismusseelsorger und seit 20 Jahren für die Pfarren Igls und Vill zuständig.

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AISON: Herr Roth, was wünscht sich der neue Tourismusseelsorger von Tirols Touristikern? MAGNUS ROTH: Ich empfinde es als wichtig, dass Tirols Touristiker den Gast als Gast wahrnehmen.

Das bedeutet für mich, etwas von sich an die Gäste weiterzugeben, ohne ihn zu vereinnahmen. Das hat fast schon eine spirituelle Seite. Außerdem sollte das, was man dem Urlauber anbietet, mit unserer Kultur und Tradition in Einklang sein. Was haben Sie sich als Tourismusseelsorger vorgenommen? Ohne schulmeisterlich zu sein, müsste sich die katholische Kirche öfter zu aktuellen touristischen Tendenzen zu Wort melden. Ein Beispiel

sind für mich die vielen Besinnungswege, die in der letzten Zeit entstanden sind. Ich empfinde diese touristischen Angebote als tolle Chance. Der Wildwuchs von Besinnungswegen kann aber auch bis zur Besinnungslosigkeit betrieben werden. Was mich freut, ist, dass es tirolweit sehr viel Toleranz und Verständnis für die Bedürfnisse des anderen gibt. Tourismus und Kirche arbeiten gut zusammen.“ Vielen Dank für das Gespräch.

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Blickfang: Die modernen Stationen der neuen Hungerburgbahn, gestaltet von der Architektin Zaha Hadid, sind bereits nach wenigen Jahren zum Wahrzeichen Innsbrucks avanciert.

Design statt Alpenkitsch Die Tourismusdörfer in den Alpen sind nicht gerade für ihre modernen Bauwerke bekannt. Doch immer mehr Hoteliers trauen sich weg von Alpenkitsch und Lederhosenarchitektur – und haben damit Erfolg. V o n S y lv i a A i n e t t e r

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rig und gemütlich wollen die meisten Hotels in Tirol sein – und beugen sich dem Klischee der trauten Alpenidylle. Zirbenstuben mit verschnörkelten Holzstühlen, Hirschgeweihe an der Wand und Geranien vorm Fenster: So, wie sich die Gäste Tiroler Bauernhäuser vorstellen, sehen die Hotels in den Alpendörfern aus. „Modern“ geht anders. Dennoch funktioniert die Inszenierung, scheint ein großer Teil der Gäste doch genau dieses Klischee erleben zu wollen. Die Tourismuswirtschaft investiert in Bau und Gestaltung hohe Summen, weitreichende Konzepte und innovative Ideen fehlen jedoch häufig. Manchmal traut sich aber doch ein Hotel, anders zu sein: zum Beispiel das „The Cube“-Hotel in Biberwier. In der auf-

fälligen Glasfassade des quaderförmigen Baus spiegeln sich die Berge. Im Inneren spaziert der Gast nicht über Treppen, sondern über „Gateways“. „Tiroler Gemütlichkeit“ im gewohnten Sinne gibt es hier nicht, stattdessen ein ausgeklügeltes Lichtkonzept und klare, kühle Formen. Aber moderne Architektur hat viele Gesichter: Auch das Naturhotel Waldklause in Längenfeld setzt auf innovatives Design – bleibt jedoch näher an der Natur. Trotzdem ist das Holzdesignhotel weit entfernt von alpenländischem Kitsch. Das sind nur zwei Beispiele für innovative Architektur im Alpentourismus – und dafür, dass diese auch bei den Gästen ankommt. „Designhotels“ feiern ihre Erfolge eben nicht trotz, sondern wegen ihrer außergewöhnlichen Gestaltung.

Destinationen gestalten.

Die Soziologin Felizitas Romeiß-Stracke rief im Jahr 2007 die „Plattform für Tourismus und Architektur“ (www.tourismusarchitektur. de) in München ins Leben, mit dem Ziel, die Baukultur im Tourismus zu verbessern. „Architektur kann Destinationen schaffen. Es ist immer häufiger so, dass Ambiente und Design des Hotels Kriterien für die Buchung sind“, erklärt Romeiß-Stracke. Das unterschreibt auch Irene Auer, Chefin des Naturhotels Waldklause: „Die Gäste buchen unser Hotel, weil sie schon im Internet sehen, dass es modern und stylish ist. Viele der Gäste kommen zum Schauen.“ Und manche, fügt sie hinzu, kämen auch zum „Abschauen“. „Wir haben viele Kollegen und Architekten hier“, sagt Auer. Für sie sei von Anfang an klar gewesen, dass es ein Designhotel sein muss


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– und aus Holz. Als vor sieben Jahren das Naturhotel dann eröffnete, sei sie von den Hoteliers in der Umgebung nur belächelt worden. „Tirol ist in den 70er-Jahren im Alpentourismus sehr stark gewachsen – die Goldgräbermentalität sieht man den Bauten leider an. Das ist ein schweres Erbe“, fügt Romeiß-Stracke hinzu. Tut sich Tirol also besonders schwer, aus den traditionellen Gestaltungsgepflogenheiten auszubrechen?

Geförderte Architektur.

Manche mögen’s kitschig.

„Moderne Architektur zieht Gäste an, allerdings nur eine bestimmte Klientel“, erklärt Romeiß-Stracke, „das sind die Jüngeren, Bessergebildeten und -verdienenden. Diese wollen moderne Architektur und modernes Design. Die Stammklientel mag’s gerne kitschig.“ Das bestätigt auch Irene Auer vom Naturhotel Waldklause: „Wir wollten mit dieser modernen Architektur in erster Linie junges Publikum ansprechen – das hat sehr gut funktioniert.“ Romeiß-Stracke sieht eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung: „Die Sehnsucht nach ungewöhnlichen Urlaubslocations ist ganz stark – das ist eine Reaktion gegen das Uniforme.“ In ihrem Aufsatz „Entwicklungen in der Hotel-Architektur“ (2009 in „Deutsche Bauzeitschrift“) schreibt sie: „Vereinfacht gesagt, befinden wir uns auf dem Weg von der ,Erlebnisgesellschaft’, in der das Ziel ein möglichst buntes, ereignisreiches Leben voller Konsum-Optionen war, hin zur ‚Sinngesellschaft‘ in der die persönliche Weiterentwicklung durch

Moderne Alpenarchitektur: Das Hotel Anton in St. Anton am Arlberg setzt auf Design statt auf Lederhosenkitsch.

© HOTEL ANTON ST.ANTON (3)

Die Rahmenbedingungen für Touristiker mit Mut zu modernem Design sind jedenfalls nicht die besten, Tourismusarchitektur ist in Tirol bisher kaum Thema. In Bayern und in Ostösterreich schaut es anders aus: Bei Tourismuskonferenzen in Wien und Linz stand der Einsatz von innovativer Architektur im Tourismus bereits auf der Tagesordnung. Auch die internationale Tourismustagung 2012 in Jerusalem beschäftigt sich mit „Innovationen in der Hotelgestaltung und Architektur“. Bayern würdigt mutige Hoteldesigns mit dem Tourismusarchitekturpreis „artouro“, der im Zwei-Jahres-Takt vergeben werden soll. Ausgezeichnet werden architektonisch hochwertige Tourismusobjekte in Bayern. In Tirol gibt es Derartiges noch nicht. Ist moderne Architektur etwa nicht profitabel genug?

„Man kann Gebäude herstellen, die architektonisch gut ausschauen, aber es kommt auch immer darauf an, ob sich der Gast wohlfühlt.“ IRENE AUER, NATURHOTEL WALDKLAUSE

intensive Erfahrungen im Mittelpunkt steht.“ Individualität wird immer wichtiger – ein Fakt, der den Designhotels zugute kommt. Denn ein Hotel ist nicht mehr nur Unterkunft, sondern auch Ausdruck der eigenen Lebensweise. Von einer rasanten Entwicklung kann jedoch keine Rede sein. „Das alpine-ästhetische Klischee ist sehr konservativ und die ländliche Bauweise ist sehr prägend. Das sind starke Bilder. Es ist psychologisch schwer, das zu drehen, und es benötigt viel Bewusstseinarbeit“, erklärt Romeiß-Stracke.

Architektur macht Gäste. Ob moderne Tourismusarchitektur sich auch wirtschaftlich lohnt, sollte 2007 eine Studie von pla’tou – Plattform für Architektur im Tourismus zeigen. Unter dem Titel „Architektur

macht Gäste“ wurden 300 Unternehmen aus der Tourismuswirtschaft befragt, die zeitgenössische Architektur bei Neu- bzw. Umbau eingesetzt haben. Die Ergebnisse sprechen für moderne Gestaltung: 88 % gaben an, die Investition habe sich rentiert, bei 51 % lagen die wirtschaftlichen Kennzahlen über dem Branchenschnitt, bei 7 % darunter. Bei Zu- und Umbauten wurde am häufigsten eine Steigerung von 25 % angegeben. 80 % der Unternehmer bezeichnen die zeitgenössische Architektur als wichtigen Marketingfaktor. „Architektur spielt eine große Rolle im Marketing. Man darf auch den Architekturtourismus nicht außer Acht lassen – und die Mundpropaganda, wenn ein Gast besonders fasziniert von der Gestaltung war“, bestätigt Auer.


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Gewohnheitseffekt.

Bei „Tourismusarchitektur“ geht es aber um mehr als um außergewöhnlich gestaltete Hotels. Vielmehr betriff t das Thema alle Bauwerke, die mit Tourismus zu tun haben, also auch Museen, Bergbahnen, Kaufhäuser und so weiter. Die Aufwertung einer Destination durch moderne Architektur hat sogar einen Namen: der „Bilbao-Effekt“ (siehe Kasten). Bereits in Innsbruck lässt sich ein Imagewandel durch innovative Gestaltung beobachten: „Durch die Bergiselschanze, die Hungerburgbahn, aber auch das Penz-Hotel und noch weitere, kleinere Projekte hat Innsbruck sein Image von verschlafen zu weltoffen gedreht“, analysiert Romeiß-Stracke. Und tatsächlich: Die von Zaha Hadid gestaltete

Bergiselschanze ist inzwischen schon zum Wahrzeichen geworden. Dass die Bevölkerung zu Beginn eines solchen Projekts wenig Begeisterung zeigt, sei ganz normal. „Modernes wird zunächst immer abgelehnt. Doch der Gewöhnungseffekt ist stark und so findet es nach ein paar Jahren Anklang. In der Stadt gehen solche Entwicklungen schneller, aber auch auf dem Land ändert sich die Akzeptanz mit dem Generationenwechsel.“

Bewusstseinsbildung. Das Bewusstsein für moderne Gestaltung im Tourismus ist trotz zahlreicher Bemühungen noch immer schwach – aus mehrerlei Gründen. „Der Tourismus kommt als eigene Kategorie in der

„Es ist immer häufiger so, dass Ambiente und Design des Hotels Kriterien für die Buchung sind.“ FELIZITAS ROMEISS-STRACKE, SOZIOLOGIN

Planungsgesetzgebung zu wenig vor, vor allem auch, was die städtebauliche und landschaftsplanerische Integration betriff t“, zeigt die Soziologin Handlungsbedarf auf politischer Ebene auf. Aber sie ortet weitere Diskrepanzen: Zum einen verstünden Touristiker zu wenig von Gestaltung, zum anderen kennen sich Architekten zu wenig mit den Anforderungen der Tourismusbetriebe aus. „Touristiker und Architekten sprechen unterschiedliche Sprachen – das macht die Zusammenarbeit oft schwierig“, gibt Romeiß-Stracke zu bedenken. Auch würden Architekten an der Uni nicht lernen, Tourismusbauten zu planen, das gehe zulasten der Funktionalität. Das ist auch Irene Auer bewusst: „Nicht alles, was Design ist, ist auch praktisch. Für uns ist wichtig, dass etwas toll ausschaut, aber auch funktionell ist. Diese überdesignten Objekte funktionieren oft nicht – und das spürt man! Es muss passen – auch funktional.“ Dann gibt sie noch zu bedenken: „Man kann Gebäude herstellen, die architektonisch gut ausschauen, aber es kommt auch immer darauf an, ob sich der Gast wohlfühlt.“ Denn „gemütlich“ geht auch, wenn das Hotel nicht „urig“ aussieht. ×


-Strecken dic-Walking

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Belächelt: Als das Naturhotel Waldklause vor sieben Jahren eröff nete, schmunzelte die Konkurrenz noch. Inzwischen gilt es als Vorzeigeobjekt unter den Tiroler Designhotels.

Urlaub in Tirol

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DER BILBAO-EFFEKT Unter dem Bilbao-Effekt versteht man eine Aufwertung von Orten durch den Einsatz von spektakulärer Architektur. Als Paradebeispiel dient die nordspanische Stadt Bilbao, die bis Ende der 90er-Jahre nur wenig Zuspruch von Touristen erfuhr. Mit der Fertigstellung des Guggenheimmuseum (Architekt: Frank O’Gehry ) 1997 änderte sich das: Der avantgardistische Bau aus Titan, Glas und Kalkstein befreite Bilbao vom Image einer tristen, verarmten Industriestadt. 956.417 Besucher verzeichnete das Guggenheim im Jahr 2010, davon kamen 62 % aus dem Ausland. Seit 1997 entstanden rund um das Guggenheim weitere moderne Bauwerke, die den touristischen Erfolg Bilbaos konservieren sollten – und es auch tun: wie die von Sir Norman Foster gestaltete Metrolinie und die Brücke „Zubizuri“ des Architekten Santiago Calatrava, die an ein aufgeblähtes Segel erinnert.

Urlaub in Tirol wird mit einer Gesamtauflage von 290.000 Stück der Presse am Sonntag und der Süddeutschen Zeitung beigelegt. Die nächste Ausgabe erscheint Ende Oktober 2011. Nähere Informationen: office@zielgruppenverlag.at oder 0512/58 6020.


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© GERHARD BERGER (2)

AISON: Herr Höretzeder, der Vereinsname „wei sraum“ – mit einem Leerzeichen statt des ersten S – legt nahe, dass Sie mit Ihren Aktivitäten eine Lücke schließen und mehr Aufmerksamkeit auf Typografie und andere Bereiche der grafischen Gestaltung lenken wollen. KURT HÖRETZEDER: Das kann man damit assoziieren – in Westösterreich gibt es sonst keine vergleichbare Institution –, aber es ging auch darum, Freiräume zu schaffen, in denen man wieder nachdenken kann. Der Weißraum ist einer der wichtigsten Begriffe in der Kunst und Grafik des 20. Jahrhunderts. Er ist nicht nur eine Restfläche, sondern man hat festgestellt: Je mehr Kommunikation es gibt, je mehr Informationen – zum Beispiel in einer Zeitung – transportiert werden, desto wichtiger sind Weißräume dazwischen, damit man Inhalte überhaupt wieder aufnehmen kann. Auch wie Schriften wahrgenommen werden, hängt stark von den Weißräumen in den Buchstaben ab.

Freiräume schaffen Der Verein „wei sraum“ rund um den Grafiker, Typografen und Gestalter Kurt Höretzeder veranstaltet seit 2005 hochkarätig besetzte Vorträge zur visuellen Gestaltung im aut. architektur und tirol. Schritt für Schritt kamen Workshops, Exkursionen und das „wei sraum“-Café dazu. Das Herbstprogramm 2011 wartet wieder mit großen Namen und ansprechenden Projekten auf. DA S INTERVIEW FÜHRTE ES THER PIRCHNER .

Welche thematischen Schwerpunkte setzen Sie bei Ihren Veranstaltungen? Im Kern geht es um Typografie, weil ich ohnehin der Meinung bin, dass Grafik mit Typografie beginnt und endet. Aber wir fassen das nicht so eng. Grafikdesign wird oft nur mit Werbung assoziiert, aber es gibt so viel mehr: Buch-, Zeitschriften- und Museumsgestaltung, Leitsysteme, Orientierungssysteme, Informationsdesign. Wir laden dazu nicht nur Grafiker ein, sondern auch Literaturwissenschaftler oder Kunsthistoriker, die sich mit visueller Gestaltung und Kommunikation befassen. Das ist ein Bereich, der mir immer wichtiger wird: Grafikdesign in einem gesellschaftlichen, gesellschaftspolitischen Diskurs zu verankern – so wie es auch mit der Architektur passiert. Zur Architektur sehe ich auch in anderer Hinsicht eine Parallele: in der Frage, ob es sich bei diesen Ausdrucksformen vor allem um Kunst oder um Handwerk handelt. Die Grenzen sind da immer fließend. Wir haben im Herbst einen Schwerpunkt dazu – mit verschiedenen Positionen: Der erste Vortragende, Per Mollerup, hat einige ganz wichtige Publikationen zur Markenführung und Markenentwicklung veröffentlicht. Zum zweiten Vortrag haben


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„WEI SRAUM“VERANSTALTUNGEN IM HERBST 2011 wir Michael Schirner eingeladen, eigentlich der deutsche Art Director der 1980erJahre, der damals einige der größten Kampagnen mitkonzipiert hat. Seine Behauptung war immer schon: Werbung ist Kunst. Und inzwischen macht er auch nur mehr Kunst. Otl Aicher [bedeutender deutscher Gestalter, Anm.] hat hingegen immer gesagt: Werbung hat mit Kunst überhaupt nichts zu tun. Im November ist dann Pierre Bernard zu Gast, der die französische Gestalterszene der letzten vierzig Jahre

einer Zeit, in der sie noch ganz konkret mit Haltungsfragen konfrontiert waren. Das finde ich sehr interessant.

VORTRÄGE Per Mollerup, 20. September 2011, 20 Uhr Michael Schirner, 18. Oktober 2011, 20 Uhr Pierre Bernard, 8. November 2011, 20 Uhr aut. architektur und tirol Lois-Welzenbacher-Platz 1 6020 Innsbruck

Gibt es auch Länder, in denen der Boden für Grafikdesign besonders gut ist? Die Schweiz und die Niederlande bringen immer wieder bedeutende Grafiker hervor, es gibt dort hervorragende Ausbildungsstätten mit hervorragenden Professoren. Bildungsorte wie diese sind entscheidend. Das Handwerkszeug zu können, ist ganz wichtig, aber es braucht auch Freiräume,

WORKSHOPS Christian Mariacher, Informationstypografie, 16. bis 18. September 2011 Andrea Redolfi, Heike Czerner, Klikspaan. Visuelle Grammatik der Gestaltung, 4. bis 8. Oktober 2011 Kurt Höretzeder, Logisch sind Logos fast nie, 21. bis 23. Oktober 2011 Natterer See

„Werbung hat mit Kunst überhaupt nichts zu tun.“

EXKURSION Museo Parma 15./16. Oktober 2011

OTL AICHER, DEUTSCHER GESTALTER

entscheidend geprägt hat. Seine Grafik war immer engagiert. Er ist Kommunist, hat für die französischen Gewerkschaften gearbeitet und unterstützt nach wie vor Protestbewegungen. An diesen drei Namen sieht man, dass „wei sraum“ international bedeutende Grafikdesigner einlädt. Welche Gäste waren für Sie besonders wichtig? Einer der Ersten war der Schweizer Buchgestalter Rolf Hochuli, dann der niederländische Typedesigner Fred Smeijers, der Zeitschriftendesigner Gerard Unger, Rolf Müller, einer der ganz wichtigen Vertreter der Ulmer Schule, oder Ruedi Bauer mit seinen Leitsystemen. Ich lade gerne ältere Designer ein, weil die etwas zu sagen haben. Sie kommen aus

info@weissraum.at www.weissraum.at

ein umfassendes Bildungsideal, und da sind wir in Österreich leider hintennach. Mit der Ausrichtung von Workshops bieten Sie aber zumindest die Möglichkeit einer Fortbildung mit guten Lehrern. Ja, wobei der Andrang in diesem und dem letzten Jahr nicht sehr groß war. Aber 2012 werden wir die Workshops voraussichtlich zu einer Sommerakademie zusammenlegen, das funktioniert möglicherweise besser. Welche anderen Pläne haben Sie für die Zukunft? Irgendwann einmal hätten wir gerne einen eigenen Ausstellungsraum. Und 2015 möchten wir eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Arthur Zelger

[Tiroler Werbegrafiker und Schöpfer des Tirol-Logos, Anm.] organisieren. Dazu würde ich ein Jahr davor ein Symposium veranstalten, in dem man darüber nachdenkt, was touristische visuelle Kommunikation heute sein kann. Wir wollen auch weiterhin ein Bewusstsein für visuelle Gestaltung und Kommunikation schaffen, auch bei Arbeitgebern und im öffentlichen Raum. In der Grafik ist man am Lebensnerv einer ganzen Kultur dran, und daraus muss man etwas machen. Vielen Dank für das Gespräch.

ZUR PERSON Kurt Höretzeder (*1969) ist Grafiker, Gestalter, Typograf und Schreiber. Er war Mitbegründer von „Circus. Büro für Kommunikation und Gestaltung“, gründete 2002 das eigene Büro „hœretzeder grafische gestaltung“ mit den Arbeitsschwerpunkten Erscheinungsbilder, Bücher, Zeitschriften, Magazine, Ausstellungen und Leitsysteme, Kommunikations- und Marketingprojekte. Er ist Gründer und Vorsitzender von „wei sraum – Forum für visuelle Gestaltung Innsbruck“.

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Lina Hofstädter: „Oberfläche bieten, ohne Tiefgang zu verlieren“

Der Tod im Gebirge Regionalspezifische Krimiliteratur boomt. Autoren wie Donna Leon, Alfred Komarek und Kinky Friedman machen seit Jahren ihre (Wahl-)Heimat zur Mördergrube. Nicht weniger kriminalistisch geht es in Tirol zu, wenn Lina Hofstädter, Lena Avanzini oder Bernhard Aichner zur Feder greifen. VON ES THER PIRCHNER

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ie eine ist Volkskundlerin, die zweite Studentin und angehende Sängerin, der dritte schaufelt den Toten ihr Grab: Die Hauptfiguren in den aktuellen Krimis aus Tirol haben, wenn es um die Aufklärung von Verbrechen geht, eher untypische Berufe. Und doch stolpert jede(r) von ihnen über die eine oder andere gewaltsam zu Tode gekommene Leiche und kümmert sich zwangsläufig darum zu erfahren, mit welchen unrechten Dingen es dabei zugegangen ist.

Spiel mit Formen. Krimis sind spannend und reizvoll. Sie bieten den Autoren

die Möglichkeit, mit verschiedenen literarischen Formen zu experimentieren, etwa die Mittel der Satire anzuwenden, wie dies Lina Hofstädter tut, oder – wie Bernhard Aichner – Dialoge und Szenerien zu entwerfen, die auch als Film funktionieren würden. Gleichzeitig ist bei der Architektur von Mördergeschichten höchste Genauigkeit gefordert. Man müsse auf mehreren Ebenen präzise arbeiten, sagt Lina Hofstädter, die mit bisher fünf veröffentlichten Krimis (und viel anderer Literatur) die erfahrenste Autorin der drei ist.

Exakte Recherche.

„Es ist eine Gattung, die man zum Vergnügen und als Literatur lesen kann, und auch beim Schreiben ist das Verhältnis dasselbe: Oberfläche zu bieten, ohne Tiefgang zu verlieren.“ Für „Satansbrut“, ihr aktuelles Buch rund um die Volkskundlerin Patrizia Federspiel, hat sie sich mit zeitgenössischen Teufelskulten und Tiroler Maskenbrauchtum auseinandergesetzt, wie immer ausgerüstet mit einem „Meter Fachbücher“ und Beratung von Leuten, die sich in bestimmten Metiers wie dem Gastgewerbe auskennen.

Lena Avanzini, selbst Musikerin und Musiklehrerin, lässt die Studentin Vera Meyring in ihrem Debütroman „Tod in Innsbruck“ mit leichter Hand in Musikerkreisen verkehren, musste sich aber in Bezug auf Polizeiarbeit und andere Bereiche weitergehend informieren. Und Bernhard Aichner, der nach Erzählungen, Theaterstücken und Romanen an seinem dritten Krimi schreibt, hat sich für die Zeichnung von Totengräber Max Broll, der bisher in „Die Schöne und der Tod“ und „Für immer tot“ aufgetreten ist, mit Totengräbern und Bestattern unterhalten und recherchiert derzeit in der Innsbrucker Gerichtsmedizin. Die Qualität solcher Forschungen, die Genauigkeit bei der Entwicklung der Idee und die Ausschmückung der nackten Tatsachen mit Details über Personen oder Orte macht sich am Ende durchaus bezahlt. Auch wenn alle drei Autoren in erster Linie spannende Geschichten erzählen, haben bei der Lektüre andere Elemente oft ebenso viel Gewicht wie die Verbrechensaufklärung.

Wo der Tod lauert. Gute Krimis halten ihre Leser nicht nur in Atem, sondern


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Bernhard Aichner: ein Totengräber als Held mit Hang zum Alkohol

Lena Avanzini: Debütroman mit einer Studentin in Musikerkreisen

EIGENE WERKE UND LIEBLINGSKRIMIS BERNHARD AICHNER Für immer tot, Haymon Verlag 2011. Totengräber Max Broll sucht seine Stiefmutter, die lebendig begraben wurde und nur über ein Handy erreichbar ist. Buchtipp: die ersten Krimis von Fred Vargas LENA AVANZINI Tod in Innsbruck, Emons Verlag 2011. Studentin Vera Meyring gerät als Verdächtige in eine Mordserie. Buchtipp: die Krimis von Wolf Haas

wecken auch ihr Interesse für das nicht kriminalistische Geschehen und den Hintergrund, vor dem es sich abspielt. Bei Lina Hofstädter fungiert – nach dem Bergisel und einem typischen Tiroler Tourismusgroßbetrieb – das Pitztal als Kulisse, Lena Avanzini beschreibt authentische und fiktive Plätze in Innsbruck, während Bernhard Aichner in der Frage des Ortes, einem Dorf in Westösterreich, lieber unbestimmt bleibt (auch wenn Totengräber Max Broll durchaus wie Aichner selbst aus Osttirol stammen könnte). Aber ob exakt bestimmbar oder nur ungefähr auf eine Region einzugrenzen: Lokalkolorit verleitet die Leser dazu, sich über die Lektüre des Krimis hinaus mit der jeweiligen Gegend zu beschäftigen. Wer hätte nicht schon im Geiste mit Donna Leon Venedig durchstreift, mit Kinky Friedman Texas und New York erlebt oder sich bei Collin Cotterills Dr.-Siri-Reihe ins Laos der 1970er-Jahre versetzt gefühlt?

Mord als Attraktion. Oft machen es einem dann gerade die Brüche zwischen Realität und Image, die Konfrontationen von Protagonisten und Staatsgewalt

oder die inneren Konflikte der Figuren unmöglich, ein Buch wieder aus der Hand zu legen. Die Zerrissenheit eines Max Broll und sein manchmal exzessiver Umgang mit Alkohol, die Schilderungen der mehr oder weniger komplizierten Liebesbeziehungen von Vera Meyring und Patrizia Federspiel sorgen für zusätzliche Spannung. Tirolspezifika wie die Eigenheiten des heimischen Tourismus, neuere Entwicklungen des Brauchtums oder die Konfrontation zwischen Katholizismus und anderen Denkungsarten vermitteln darüber hinaus ein Tirolbild, das die gängigen Images eines Tourismuslandes wohltuend ergänzt. Und auch wenn es vielleicht mancher Politiker, manche Touristikerin nur ungern sieht, verleiht es einer Gegend doch ein geschärftes Profil, das über große Strahlkraft verfügt. Insofern kann man nur hoffen, dass Lina Hofstädter bald ihren sechsten Krimi veröffentlicht, Bernhard Aichner Max Broll sicher durch seinen dritten Fall führt und Lena Avanzini mit ihrem geplanten zweiten Werk an ihr erstes anschließen kann. Tiroler und Nicht-Tiroler Leser werden sich, wie schon bisher, in großer Zahl finden. ×

Buchtipp: Dorothy Sayers, Mord braucht Reklame

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LINA HOFSTÄDTER Satansbrut, TAK 2011. Im Pitztal entdeckt eine Volkskundlerin die Leiche eines Jugendlichen, der sich mit Satanskulten beschäftigt hat.

TIROL-TATORT NR. 11: LOHN DER ARBEIT Der Tatort macht in Hall in Tirol Station. Zum elften Mal ermittelt Moritz Eisner nach einem Drehbuch von Felix Mitterer. „Lohn der Arbeit“ beruht auf einer wahren Geschichte und handelt von mazedonischen Schwarzarbeitern, die abgeschoben werden, ohne dass ihre Arbeit auf einer Tiroler Baustelle bezahlt worden wäre. (Sendetermin: 28. August 2011, 20:15 Uhr in ORF 2).


„Hoamat Liab“ Harry Prünster für Heu & Stroh

Fotos: Thomas Bause, Oliver Kurzemann

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V O N A LO I S S C H Ö P F

or ein paar Wochen fuhr ich spät nachts durch eines unserer wunderschönen Dörfer, in dessen Zentrum ein Dorffest beim Ausklingen war. Ich muss heute noch lachen, wenn ich das Bild der wackeren Mander vor mir sehe, die eng umschlungen wie Liebespaare am Straßenrand lagen und jede Menge Bierflaschen neben sich stehen hatten, sodass man als Autofahrer richtiggehend einen Parcours um sie zu vollführen hatte. Schon weniger lustig im streng volkskulturellen Sinn fand ich ein Schützenfest, das mit einem Zapfenstreich eröffnet wurde,

und Schlägereien mit der Polizei bei Sommerfesten die Rede ist und die Zahl der Verletzten immer öfter die Zahl der vorhandenen Urinale übersteigt. Christoph Engl, der Direktor der Südtiroler Marketinggesellschaft und damit offizieller Vordenker eines befreundeten touristischen Hauptkonkurrenten, wird nicht müde zu betonen, dass es im Tourismus nicht darum gehe, geografische Orte zu verkaufen, sondern dem Konsumenten ein besonderes Lebensgefühl zu vermitteln. Wie das die Toskana seit Jahrzehnten vormache! Und wie es sich „Endgültig rufschädigend wird es, wenn man bald Südtirol zum Vorbild nehme. wöchentlich Zeitungsberichte liest, in denen von Ja, lieber Dr. Engl, ich möchte mich hundertprozentig Ihrer Sicht der Dinge anschließen! Leider Raubüberfällen und Schlägereien mit der Polizei bei überkommt mich dabei eine gewisse Panik, die sich Sommerfesten die Rede ist.“ verstärkt, wenn mir einfällt, dass bei uns in Nordtirol bei dem von prominenten Rednern die Traditionen unseres Laneinige Orte schon anfangen, mit schlechten Fernsehserien, die des in den Himmel gehoben wurden. Das änderte zu ebener Erde bei ihnen gedreht wurden, um Gäste zu werben. Und mein Zunichts daran, dass der Eintritt ins Festzelt sieben Euro kostete und stand verbessert sich mitnichten, wenn ich Revue passieren lasse, bei üblicher gastronomischer Unterschichtästhetik auf der Bühne welche Musik und Schlagerstars wir von Tirol aus – betrachtelt nicht eine Musikkapelle ihr Equipment aufgebaut hatte, sondern oder nur belederhost – in die Medienwelt entsenden. ein aus dem staatlichen Landfunk bekannter DJ. Ich gestehe, Beim besten Willen finde ich da kein Lebensgefühl, für das dass mir bei so viel Aggiornamento an die jungbauernschaftliche ich mich nicht schämen müsste und, vor allem, für das unsere Popkultur übel wurde und die Veranstalter zumindest auf meine Vier-Sterne-Hotels einen Preis verlangen können, der einen faiEintrittskarte verzichten mussten. ren Gewinn verspricht. × Endgültig rufschädigend wird es, wenn man bald wöAlois Schöpf lebt als Journalist und Schriftsteller in Lans. chentlich Zeitungsberichte liest, in denen von Raubüberfällen

Die Hochschaubahn im Wald

M

eine Liebste und ich verehren die Natur und gehen gern hinein. Ich bin dabei bedingungslos, meine Hingabe gehört der Natur mit allen ihren Bausteinen. Ich nehme alle Pflanzen und alle Tiere, sogar die Nacktschnecken, die Gelsen und, okay, die Spinnen, in mein Herz auf, wenn ich in die Natur hineingehe, denn auch wenn manche von ihnen nerven, so wäre die Natur doch kleiner, wenn auch nur eines fehlte, wie es im schönen Lied von den Sterndlein heißt. Meine Liebste stänkert zwar über einen Teil der Tiere, würde sich die Natur aber dennoch niemals vermiesen lassen. Nun, da wir Eltern sind, nehmen wir die Kinder mit in die Natur. Wir mieten uns beispielsweise beim entzückenden Kobichl-

VON ERNS T MOLDEN

Sommerrodelbahn, genannt: der Eibl-Jet. – Jaja, das ist lustig, hatte die Kobichl-Bäuerin eher geseufzt als gesagt. Und ich hatte so Erinnerungen an eine alte Sommerrodelbahn im Wechselgebirge, so bemooste Schienenstränge im grünen Wald, darauf legte man beräderte Bretteln und fuhr abwärts. Der Eibl-Jet hingegen war ein brunzgelbes, hochschaubahnartiges Ungetüm, dessen Wagerln unter nicht naturnahem Gerassel erst von einer Kette bergan gezogen wurden, um schließlich über ein Gestänge, für das ein ganzer Wald hatte fallen müssen, bergab zu rasen. Viel zu kurz für das viele Geld fuhren die Söhne und ich hinunter. Unten warteten wir auf die Liebste und die „Der Eibl-Jet hingegen war ein brunzgelbes, Tochter, die ewig nicht daherkamen. Schließlich sahen wir das Wagerl, das, von den Damen furchtsam gebremst, zu hochschaubahnartiges Ungetüm, dessen Wagerln Tal glitt. Hinter den Damen kamen fünf weitere Wagerln unter nicht naturnahem Gerassel erst von einer mit zornesroten Niederösterreichern, die anschließend Kette bergan gezogen wurden.“ ihr Geld zurückverlangten. Ich gratulierte meinen Mädels, die sich ein bisschen Bauern am Annaberg ein und dann gehen wir hinein in die Natur, schämten, dafür, dass sie den Eibl-Jet mit ihrer Geschwindigkeitswir zeigen den Kindern alles, und kurz sind sie echt beeindruckt. verweigerung irgendwie renaturalisiert hatten. Abends im weichen Dann aber stößt irgendeins von ihnen jenes Wort hervor, von dem Kobichl-Bett träumte mir, wie abertausende Schnecken, Gelsen und sich Eltern am meisten fürchten, wenn sie mit den Kindern in der Spinnen über den Eibl-Jet krochen und ihn bedeckten, bis nichts Natur sind: fad. mehr von ihm zu sehen war. Und dann sucht man mitten in der Natur irgendwas, das deErnst Molden lebt als Liedermacher und Schriftsteller in Wien. Sein neues naturalisiert genug ist, um die Fadesse der Kinder zu beenden. In Album ES LEM (monkeymusic) wurde eben mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Türnitz nicht weit von Annaberg fanden wir schließlich die berühmte

© BÖHME

Auf der Suche nach einem Tiroler Lebensgefühl


50 NACHGEFRAGT SAISON

15 FR AGEN AN ...

Martin Lechner DREI SCHÖNE ORTE AUF DER WELT (AUSSERHALB TIROLS): Venedig, Barcelona, Hamburg DIE GRÖSSTEN TUGENDEN IM TOURISMUS: echtes Interesse am Gast DIE GRÖSSTEN SÜNDEN IM TOURISMUS: wahrscheinlich Oberflächlichkeit DIE STÄRKEN DES TIROLER TOURISMUS: Natur und hervorragende Infrastruktur DIE SCHWÄCHEN DES TIROLER TOURISMUS: vielleicht zu wenig Selbstbewusstsein DIE BESTE IDEE DER LETZTEN FÜNF JAHRE: wird hoffentlich realisiert LETZTER URLAUB (WANN UND WO?): Sardinien Sommer 2011 ICH LERNE VON: jedem Mensch, mit dem ich zu tun habe DAS KÖNNTEN TIROLS TOURISTIKER GUT GEBRAUCHEN: viel Kraft für Innovationen MEIN LIEBSTER ORT IM ZILLERTAL: mein Zuhause GENUSS BEDEUTET FÜR MICH: Lebensfreude DEM SOMMERTOURISMUS FEHLT: leider des Öfteren das schöne Wetter FÜR DAS ZILLERTAL ERTRÄUME ICH MIR: eine erfolgreiche Weiterentwicklung © LECHNER

ICH BEWUNDERE (PERSON): Woody Allen ICH ENTSPANNE MICH BEI: einem Glas (Zillertal-)Bier

Martin Lechner ist Geschäftsführer der Traditionsbrauerei Zillertal Bier.


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Saison 04/2011  

Sonnige Aussichten - Der Tiroler Bergsommer hat Potenzial Klein, Kühl, sicher, reich. Laut dem Trendforscher David Bosshard werden das die A...

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