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118 März / April 2012 10.– CHF / 8.– €

Für intelligente Optimistinnen und konstruk tive Skeptiker

Verzweifelt gesucht: die Realität S 6 Heute schon wirklich gewesen? S 16 Die S 6 Alles muss man selber machen S 9 Dilettieren macht Spass S 12 Mach es … S 18 Ecopop-Initiative: Denkverbote auflösen S 32 Die WohlIllusion des Geldes mit andern S 16 Das Mekka der Selbst-Bauer S 34 Der Ermächtigungsmechatätigkeitsfalle S 36 Die auf dieS 48 niemand gewartet nismus S 38 Geld ist Kandidatur, ein leerer Wert Plastikfreie Zonehat S S4454Apthapi Yin Yoga aus Bolivien S 52 Du bist, was du isst S 56 Tour d’Europe S 64 Introvertiert S 68 S 60 Im Zweifel für die Freiheit S 67 Politik soll schön werden S 68 Occupy Love


Die Marke Eigenbau ist ein ähnliches Phänomen, wie es der Markenartikel für die Ära der Massenproduktion war. Wenn sie hip wird, hat die teuer gepflegte Marke ein Problem. Ihre Künstlichkeit tritt immer deutlicher hervor. Holm Friebe und Thomas Ramge in «Marke Eigenbau – der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion» Die Schrift, in der dieses Zitat und die Titel des Schwerpunktthemas gesetzt sind, ist Machwerk unseres Hausgrafikers. Mehr zu seiner «ttf uno» auf Seite 28.

IMPRESSUM ZEITPUNKT 118 MÄRZ / APRIL 2012 Erscheint zweimonatlich, 21. Jahrgang VERLAG / REDAKTION / ABOVERWALTUNG Zeitpunkt Werkhofstrasse 19 CH-4500 Solothurn Aboverwaltung: Hannah Willimann Tel. 032 621 81 11, Fax 032 621 81 10 mail@zeitpunkt.ch, www.zeitpunkt.ch Postcheck-Konto: 45-1006-5 IBAN: 0900 0000 4500 1006 5 ISSN 1424-6171

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VERTRIEB DEUTSCHLAND Synergia Verlag und Mediengruppe Erbacher Strasse 107, 64287 Darmstadt Tel. (+49)6151 42 89 10 info@synergia-verlag.de REDAKTION Tom Hänsel #tt (Grafik), Brigitte Müller BM, Cécile Knüsel CK, Melanie Küng MK, Christoph Pfluger CP, Roland Rottenfußer RR, Dr. Peter Bosetti Ständige MitarbeiterInnen: Sagita Lehner SL, Alex von Roll AvR, Ernst Schmitter

ANZEIGENBERATUNG Cécile Knüsel Zeitpunkt, Werkhofstrasse 19 CH-4500 Solothurn Tel. 032 621 81 11 inserate@zeitpunkt.ch

HERAUSGEBER Christoph Pfluger BILDNACHWEIS Titelbild: tintenfrisch.net / #tt

ABONNEMENTSPREISE Der Abopreis wird von den Abonnentinnen und Abonnenten selbst bestimmt. Geschenkabos: Fr. 54.– (Schweiz), Fr. 68.– (Ausland), Einzelnummer: Fr. 10.– / Euro 8.–.

BEILAGEN Teilauflagen dieser Ausgabe enthalten Beilagen des Versandhauses Waschbär, das Jahresprogramm der Villa Unspunnen, die Initiative «Weg mit der Pauschalsteuer» der Alternativen Liste sowie in der Region Bern das Programm der Tour de Lorraine. Wir bitten um Beachtung.

DRUCK UND VERSAND AVD Goldach, 9403 Goldach

PAPIER Rebello Recycling


Editorial

alles selbst gemacht Liebe Leserinnen und Leser Alles Neue begann als Selbstgemachtes. Bis zur Einführung der Expertenteams waren es immer Individuen mit Ideen, die in Neuland vordrangen und etwas entwickelten, wovon andere nur träumten. Der erste Autodidakt – er hat den Begriff erfunden – gilt gleichzeitig als letztes Universalgenie: Leibniz, studierter Jurist, ein grosser Philosoph und ein brillanter Mathematiker. Der Drucker Benjamin Franklin erfand den Blitzableiter oder den flexiblen Harnkatheter und publizierte Schriften, die zur Gründung der USA führten. Der Telegrafist Edison erfand die Glühbirne, den Phonographen und 1298 andere nützliche bis skurrile Apparate. Der Kumpel Stephenson baute die erste brauchbare Lokomotive, der Drucker Rousseau begründete die Romantik und Abraham Lincoln, der ein knappes Jahr lang zur Schule ging, wurde zum bedeutendsten USPräsidenten seines Jahrhunderts und schaffte die Sklaverei ab. Die mathematisch begabte Florence Nightingale erhob die Krankenpflege in neue Sphären und die Autodidaktin Niki de Saint-Phalle verzauberte die Welt mit ihren Nanas. Nicht auszumalen, wie die Welt aussehen würde ohne die hartnäckigen, erfinderischen freien Geister, die etwas lernten, indem sie taten, was sie noch nicht konnten.

Sobald jemand in einer Sache Meister geworden ist, sollte er in einer neuen Sache Schüler werden. Gerhard Hauptmann

Heute braucht es wieder Pioniergeist. Die grosse kapitalistische Maschine gibt uns das Überflüssige und nimmt uns das Notwendige. Das gute Leben finden wir nur, wo wir es selbst in die Hand nehmen. Das ist die tiefere Botschaft des Selbermachens. Ob es zum Ziel führt, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin immer noch unterwegs, auch nach über dreissig Jahren Selbständigkeit und zwanzig Jahren do-it-yourself-Zeitschrift. Die Herausforderungen bleiben hoch. Sicher ist nur: Man lernt eine Menge spannender Leute kennen, ein bisschen sogar sich selber. Mit herzlichen Grüssen Christoph Pfluger, Herausgeber

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Inhalt

SCHWERPUNKT:

32 ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

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32 Der Ermächtigungsmechanismus – Seit bald vier Jahren kämpft Europa mit der Finanzkrise… Christoph Pfluger 32 Vaterschaftsfragen – was Leserinnen und Leser über den Zeitpunkt wissen wollen. 38 ‹Geld ist ein leerer Wert› – wie kann ein Staat seine Bürger glücklich machen Wolfgang Kessler 42 Boden behalten – Basel gestalten und andere Kurzmeldungen 43 Wahre Werte 44 Markt unser und weitere Kurzmeldungen

selber machen …

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Alles muss man selber machen – der ‹ganze Mensch› entsteht leider nicht von alleine Christine Ax Dilettieren macht Spass – über das schwierige Verhältnis von Profis und Amateuren. Christine Ax selber machen! Kurzmeldungen mach es selbst mit anderen – Kreative Selbermacher erobern Märkte mit Handgemachtem Jens Thomas im Gespräch mit Verena Kuni Das Mekka der Selbst-Bauer – während Jahrtausenden bauten sich die Menschen ihre Häuser selbst. Christoph Pfluger Strom: wer selber produziert, spart automatisch Der Erfinder des rostenden Geldes – am Ende werden wir nicht um Silvio Gesell herumkommen Christoph Pfluger Wir machen unser eigenes Geld! Selbermachen als Lebensstil – Teppiche, Kleider, Körbe, Geschirr… Brigitte Müller Der Selbermacher – Hobby-Imker Uli Junghans ist ein Multitalent Roland Rottenfußer Die guten ins Töpfchen und weitere Kurz-Portraits HartzIV-Möbel, Selbstbau für jedermann und weitere Kurzmeldungen Lesen, sehen und hören Sie selbst: unsere Medientipps

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Inhalt

52 VOLLWERTIG LEBEN

64 HORIZONTE ERWEITERN

46 Plastikfreie Zone – Familie Krautwaschl lebt seit Jahren (fast) ohne den allgegenwärtigen Kunststoff Andrea Semper 50 Yin Yoga – die Wiederentdeckung der Langsamkeit Brigitte Müller 53 Die gute Adresse für Ihre Gesundheit 55 Das Gewissen bleibt am Haken hängen – sind Fische fähig zu leiden? Brigitte Müller 56 Helfen und helfen lassen und andere Kurzmeldungen 59 Die gute Adresse für Ihr Zuhause

60 Im Zweifel für die Freiheit – Neurowissenschaftler stellen die Existenz eines Freien Willens in Frage. Roland Rottenfusser 63 Jetzt strahlen sie wieder – der Kientalerhof und Mario Binetti 64 Das unbeliebte F-Wort – Der Feminismus hat ein Imageproblem. Brigitte Müller 67 Politik soll ‹schön› werden – das «Zentrum für Politische Schönheit» in Berlin zeigt mit Kunst- aktionen die unschönen Seiten der Politik. Roland Rottenfusser 68 Occupy Lªve – Der kanadische Filmemacher Velcrow Ripper über die Krise und das Erwachen vieler Menschen. 69 Die gute Adresse zur Horizonterweiterung 70 Frankoskop – ein Leben zwischen Erfolg und Verfolgung – zum 300. Geburtstag von Rousseau. Ernst Schmitter 72 Verstrickungen, und andere Kurzmeldungen 75 Die guten Adressen 77 Agenda 78 Kleinanzeigen 80 Leserbriefe 82 Brennende Bärte

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Foto: Lloyd Kahn, Tiny Homes

Alles muss man selber machen

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alles muss man selber machen

Der ‹ganze Mensch› entsteht leider nicht von alleine

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ir sind weder Robinson Crusoes noch elternlose Kinder in einem wilden Tal, sondern Bewohner einer Zivilisation, die alles hat und uns Menschen immer weniger braucht. Auf unsere Kaufkraft aber nicht verzichten kann. Wohl auch deshalb wächst seit einiger Zeit die Lust aufs Selbermachen. Es gibt Schuhmacher, die uns helfen, unseren «Eigenschuh» zu bauen, Tischler, die uns Autodidakten dabei beraten, das Eigenmöbel zu bauen. Und das Münchner «Haus der Eigenarbeit» hat schon lange alle Hände voll zu tun mit Menschen, die darauf brennen, etwas selbst zu machen. Ganze Dörfer machen ihre Energie selbst oder setzen auf eine eigene Währung. Im Fernsehen wird auf immer mehr Kanälen gebastelt, renoviert und gekocht. Auch wenn der Zuschauer auf dem Sofa sitzt und das Gesehene nur als «Kopfkino» nachmacht, handelt es ich um ein bemerkenswertes Phänomen und erinnert an unsere Bestimmung, «ganze Menschen» zu sein oder zu werden.

Die Fähigkeit, das Mögliche zu denken, treibt uns dazu, nicht nur die zu sein, die wir sind, sondern auch die zu werden, die wir sein könnten. WOZU MAN GUT IST Ein Selbst ist eine vielschichtige Erscheinung und weitgehend selbst gemacht. Wie sonst wäre der Prozess der Selbst-Werdung der Natur durch uns zu verstehen? Nach der Fusion zweier Zellen nehmen wir neun Monate lang die schönen Formen an, die wir sind, um als teilweise beschriebenes Blatt das Licht

von Christine Ax

der Welt zu erblicken. Die erstaunliche «Plastizität» unseres Gehirns, die bis ins hohe Alter erhalten bleibt, erlaubt es, sowohl unsere eigene Wirklichkeit als auch den kollektiven Möglichkeitsraum immer wieder neu zu erfinden. Vor allem dies unterscheidet uns von den Tieren und macht uns so einzig-artig. Die Fähigkeit, das Mögliche zu denken, treibt uns dazu, nicht nur die zu sein, die wir sind, sondern auch die zu werden, die wir sein könnten. WOHER KÖNNEN WIR WISSEN, WER WIR SIND UND WOZU WIR GUT SIND? Wir können erst wissen, was wir auch noch sind, wenn wir es probiert haben. Körper und Geist sind untrennbar miteinander verbunden. Jedes Lernen fordert und verändert den ganzen Menschen, seine Sinne, seinen Körper und sein Gefühl. Wo Lernen vom Gefühl getrennt bleibt, sind vielleicht bemerkenswerte Inselbegabungen möglich. Doch es ist vor allem das Mitfühlen, das uns mit der Vielfalt unserer Gaben und der Welt verbindet – oder trennt. UNSERE GABEN: WAS WIR UNS SCHULDEN UND DER WELT. Wozu aber sind Hände oder ein Herz gut, die nicht benötigt werden? Was machen wir mit unserer Leiblichkeit und dem Vielen was gelebt werden will, um lebendig zu werden, wenn es dafür keinen Anlass gibt, keinen Ort, kein Werkzeug, niemanden, der es wertschätzt oder braucht? Wir sind soziale Wesen. Nicht weniger wichtig als Essen und Trinken ist das Gefühl, gebraucht zu werden. Wir wollen zu etwas gut sein. Doch eben dieser Sinn – wichtigstes aller Lebens-Mittel – gibt es nirgendwo zu kaufen. Das Gegenteil ist der Fall. Nichts ist deprimierender für unser Selbst- und Mit-

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selber machen!

Was auch immer wir ansehen, was gewusst und gekonnt wird: Immer fing alles damit an, dass sich ein Mensch selber er-mächtigte, selber dachte und machte. Man hilft den Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können. Abraham Lincoln amerik. Präsident

Christine Ax, M.A., ist Philosophin und Ökonomin und lebt in Hamburg. Sie ist Expertin für nachhaltige Entwicklung und Handwerk. 1997 erschien «Das Handwerk der Zukunft», 2009 «Die Könnensgesellschaft – mit guter Arbeit aus der Krise». www.koennensgesellschaft.de

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gefühl, als der ewige Kreislauf der Vernichtung aller Werte in der Unterwelt, genannt «Discount». Es ist schwer, den Wert unseres Selbst in einer Welt stabil zu halten, die uns von morgens bis abends signalisiert, dass kein Wert Bestand hat. KOLLEKTIVES VERMÖGEN Wir verdanken unser Selbst aber nicht nur der Natur in und um uns, sondern auch dem kollektiven «kulturellen Vermögen», der Summe allen Wissens und Könnens, an der alle Teil haben sollten, weil sie uns gemeinsam gehört. Was wir vermögen, schulden wir also nicht nur uns, sondern auch der Welt. Auch das ist ein guter Grund, nicht hinter unseren Möglichkeiten zurück zu bleiben! AUTODIDAKTEN, DILETTANTEN UND AMATEURE Was auch immer wir ansehen, was gewusst und gekonnt wird: Immer fing alles damit an, dass sich ein Mensch selber ermächtigte, selber dachte und machte. Der Autodidakt spielt zu Unrecht eine Nebenrolle in der Menschheitsgeschichte. Dem EigenSinn derer, die trotz eines Überflusses an Antworten beharrlich eigene Frage stellten, verdanken wir viel. Nicht weniger Wertschätzung gebührt den zahllosen Amateuren und Dilettanten, die sich um des reinen Vergnügens willen den Künsten hingaben. Sie verallgemeinerten die Kunst zur Lebenskunst und schufen ein Klima, das es den Berufenen ermöglichte, sich als «Künstler» zu vereinzeln.

ENTBEFÄHIGUNG Der Ägypter Ibrahim Abouleish, Gründer der Initiative «Sekkem» und Träger des alternativen Nobelpreises, erzählt heute noch mit Begeisterung, wie vor 30 Jahren in Österreichs Landen abends aus den Häusern Musik erklang. Doch nicht nur die Hausmusik und das gemeinsame Singen, Erzählen und Vorlesen sind verloren gegangen. Immer weniger Kinder können schwimmen, und Schulärzte beklagen zunehmend mangelndes Geschick bei unseren Jüngsten. Der Schulsport wird zusammengestrichen und das Werken gehört nicht mehr zum Pflichtkanon an unseren Schulen. Selbst das Handwerk wurde in den letzten 20 Jahren zunehmend zum Handlanger der Industrie. Kaum ein Motor, der heute noch repariert werden kann. Wo einst gewiefte Mechaniker den Schraubenzieher oder die Fräse schwangen, werden heute Diagnosecomputer eingesetzt und Module im 5-Minuten-Takt ausgetauscht. SCHWÄRMEN Angesichts einer Arbeitswelt, die immer mehr Menschen nur noch die Wahl zwischen burn-out und bore-out lässt, erscheint es verständlich und notwendig, wieder selber in die Hand zu nehmen, was uns wirklich am Herzen liegt. Es muss nicht immer nur der Kochlöffel sein. Wie wäre es mit unserem eigenen und gemeinsamen Leben? Das schöne Wort «schwärmen» bekommt vor diesem Hintergrund als kollektive Intelligenz und Web 2.0 einen sehr charmanten Beigeschmack und ruft uns zu: Gemeinsam sind wir unbeschreiblich klug und können gemeinsam alles, was wir für ein gutes Leben brauchen. Noch schöner als im Web 2.0 intelligent zu schwärmen, wäre es, auch noch den zweiten Schritt zu tun und das Projekt «Welt 2.0» ganz konkret und gemeinsam in Angriff zu nehmen. Kurzum:

Autodidakten, Dilettanten und Amateure aller Welt, vereinigt Euch! Es gibt viel zu tun.


selber machen

Dilettieren macht Spass

Über das schwierige Verhältnis von Profis und Amateuren: Wenn in unserer arbeitsteiligen und global vernetzten Welt von Selbermachen die Rede ist, denken die einen an Baumarkt oder Marmelade, während den Profis und Experten vor allem «Pfusch» einfällt. Wir haben nicht nur ein gestörtes Verhältnis zum Selbermachen, wir haben vor allem ein reichlich gestörtes Verhältnis zum Machen selber. Das war nicht immer so. von Christine Ax

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n der Antike war es die edelste Pflicht eines freien Bürgers, der res publica zu dienen und sein edles Selbst zu vervollkommnen. Neben dem Kriegshandwerk standen auch andere Künste hoch im Kurs. Es schickte sich durchaus, in diversen Künsten zu dilettieren. Das Wort «dilettieren» hatte damals selbstverständlich keinen üblen Beigeschmack. Wie sollte es auch? Meinte es doch schlichtweg nur: «sich an etwas erfreuen». Die kleinliche Frage, welche Künste standesgemäss sind, hat in der Vergangenheit jedoch selbst grosse Geister sehr bewegt. Nicht nur in Griechenland stand in der Hierarchie der Künste das «Geistige» ganz oben und der Spass hatte dort aufzuhören, wo die Anstrengung, die Arbeit anfing, die man lieber den Banausen überliess. Kein griechischer Aristokrat konnte es sich leisten, den Eindruck zu erwecken, er habe es nötig, etwas selber zu machen.

oben: Friedrich II. als junger Kronprinz mit Flöte, Gemälde (1736) von Antoine Pesne (1683 – 1757)

Schade, dass bisher kein gut bezahlter Imageberater Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy überzeugen konnte, öffentlich in unpolitischen Künsten zu dilettieren.

OH SCHÖNES SELBST! Während unser Bildungswesen heute gar nicht schnell genug junge Menschen der «employability» zuführen kann und in immer kürzeren Studienzeiten Experten heranbildet, gab es aus aristokratischer Sicht in der Vergangenheit gute Gründe, sich mit der Ausbildung Zeit zu lassen und mehr Mühe zu geben. Vor allem in der Renaissance und in der Aufklärung wollte man es nicht so eng angehen. Das Ziel war ein möglichst umfassend gebildeter, vollkommener Mensch. Ausserdem gab es noch kein Fernsehen. Das Leben am Hof der Fürsten unterlag interessanten Regeln, die uns im «Handbuch für Höflinge» von Baldassare Castiglione von 1528 überliefert wurden. So wissen wir heute, was ein aufstrebender Aristokrat damals alles können musste, damit das Auge seines Herrn wohwollend auf ihm ruhte und die Karriere am Hofe gesichert war. Neben zwingend erforderlichen Hauptkompetenzen wie umfassender Gelehrsamkeit, perfekter Beherrschung des Krieghandwerks, aussergewöhnlichem Mut und bedingungsloser Treue war es damals sehr angesagt, auch noch in Nebenrollen zu brillieren. Dazu gehörten Konversation, Dichten, Tanz und musikalische Übungen. Dem Höfling wurde Raffinesse bei der Vermittlung seiner zahllosen Vorzüge nahe gelegt. Man möge doch bitte jeden Anschein von Anstrengung bei

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der Zurschaustellung der eigenen Kunstfertigkeiten vermeiden, denn wahre Kunst sei nur dort zu finden, wo man die Kunst nicht sehe. Besser man vollführe seine Kunststückchen ganz beiläufig. So entstehe der Eindruck, dass einer, der Schweres mit so geringer Mühe zustande bringe, weit Grösseres leisten könne, wenn er nur Eifer und echten Fleiss an den Tag lege. Die tiefere Kunst des Höflings bestand nicht in der Erlangung wahrer Virtuosität, sondern im Andeuten von Fähigkeiten.

Wir haben es vor allem dem Protestantismus und dem Kapitalismus zu verdanken, dass das Dilettieren so übel in Verruf kam. POLITIK ALS KUNST DES ANDEUTENS VON FÄHIGKEITEN? Jahrhunderte lang war es die vornehmste Aufgabe des Herrschers, seinem Volk und seinen Höflingen in allen Künsten voranzugehen. Spätestens seit der Renaissance war das Dilettieren an den Höfen Europas mindestens üblich. Es wurde getanzt, gemalt, gesungen, gezeichnet, gedrechselt und komponiert, was das Zeug hält. Selbst gemalte, selbst gedichtete und selbst geschriebene Liebesbeweise galten als ungleich galanter, als solche, die man kaufen konnte. Auch wenn die dilettierenden Fürsten nicht wirklich alles konnten (das geht doch auch gar nicht!), so muss man ihnen doch zu gute halten, dass sie wenigstens versuchten, ihren «Untertanen» ein gutes Beispiel dafür zu sein, wozu ein umfassend gebildeter Mensch in der Welt taugt. Und es darf uns auch ruhig ein wenig wehmütig stimmen, dass ambitionierte HerrscherInnen sich früher noch bemühten, ihr Volk mit einem breiten Repertoire an Künsten zu erfreuen. Schade, dass bisher kein gut bezahlter Imageberater Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy überzeugen konnte, öffentlich in unpolitischen Künsten zu dilettieren. WO DIE ARBEIT ANFÄNGT, HÖRT DER SPASS AUF Auch die Bauern und Handwerker, Gesellen und Knechte hatten manchmal Lust und Zeit zu dilettieren – aber erst wenn die notwendige Arbeit erledigt war. Wenn das Volk drechselte, dann tat es dies nicht als Heilmittel gegen die Melancholie oder als höfische Andeutung von Fähigkeiten. Viele Künste waren auch ihnen jenseits der Notwendigkeit der Mühe Wert. Man nennt dies heute meist Volkskunst, und wir finden manches davon in den Museen.

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Wir haben es vor allem dem Protestantismus und dem Kapitalismus zu verdanken, dass das Dilettieren so übel in Verruf kam. Die Beziehung zwischen Amateuren und Profis war schon immer etwas angespannt. Wofür man Verständnis entwickeln kann, wenn man sich in die Lage eines ehrlichen Drechslermeisters versetzt, der im 16. Jahrhundert Kaiser Maximilian dabei hilft, an der extra für ihn eingerichteten Drehbank solange Elfenbeinrohlinge zu zerschrotten, bis endlich ein vorzeigbarer Kandelaber dabei herauskam. Man stelle sich bitte den Drechsler vor, wenn er dabei ehrliche Begeisterung zeigen musste – was auch eine Kunst ist. Die nicht unbegabten Werke des kaiserlichen Gedrechsels kann man übrigens noch heute in der Dresdner Kunstkammer besichtigen. Womit wir beim Kern der Animositäten sind: Während der Amateur/Dilettant die Kunst um ihrer selbst willen ausübt, muss der Profi und Experte von seiner Kunst leben. Das wirft Fragen auf: Was würde der Profi tun, wenn er unabhängig wohlhabend wäre? Würde er dann endlich das tun, was er wirklich will? Oder würde er seiner Arbeit aus purem Vergnügen nachgehen? Wieviel Geld muss man für seine Arbeit verlangen, um nicht Gefahr zu laufen, als Dilettant verleumdet zu werden? Dass beim Profi der Spass aufhört, wenn er beim Amateur erst richtig anfängt, dafür ist die Beziehung zwischen Kunst und Kunsthandwerk ein wunderbares Beispiel. Spätestens seitdem der Kunsthandwerkermarkt erfunden wurde, leidet das Kunsthandwerk so sehr unter diesem Begriff, dass man sich auf die Suche nach einer anderen Bezeichnung machen müsste, um sich als Nicht-Kunsthandwerker zu profilieren. Nun gerät in diesen Tagen, wie wir hören und lesen, das Selbermachen wieder in Mode. Mit dem Stricken fing es an. Jetzt essen die ersten Berliner Hauptstädter selbst gezogenen Salat aus Prinzessinnengärten. In «Fab-Labs» bauen Anhänger der Piratenpartei «Personal Fabricators» – Fabber genannt – die sich selber reproduzieren. Da bekommt das Selbermachen einen noch wundersameren Klang! Das erfolgreichste Nachschlagewerk und das erfolgreichste Betriebssystem der Welt – Wikipedia und Linux – wurden von Selbermachern in die Welt gesetzt. Die Bauanleitungen für die 50 Maschinen, die ein Dorf braucht, um autark zu leben, stehen zum download bereit! Die Liste dessen, was wir selber machen können wird immer länger: Marmelade, Möbel, Musik, Verfassungen, Geld und vielleicht sogar Glück Da bleibt mir nur noch zu sagen: Möge die Übung gelingen! Es gibt viel zu tun! Fangt schon mal an!


Kurzmeldungen

Der Erfolg folgt der Begeisterung Begeisterung ist ein wesentlicher Antrieb im Leben, aber hoch gefährdet. In der Schule und an der Arbeit tun wir vor allem, was wir müssen und nicht, was wir wollen. Dieses Denkmuster hat sich so tief im kollektivem Bewusstsein eingenistet, dass wir ohne Widerspruch ein fremdbestimmtes Leben akzeptieren – in der Hoffnung, dafür irgendwann mal belohnt zu werden, mit einer Rente beispielsweise. Aber stimmt diese Überlegung tatsächlich? Sind wir nicht glücklicher und letztlich auch erfolgreicher, wenn wir unseren eigenen Weg gehen? Zu dieser Frage hat der (Zeitpunkt-)Autor André Stern der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen ihres «Dialogs über Deutschland» vorgeschlagen, die Wirkung der Begeisterung für das Lernen zu untersuchen und zu stärken. André Stern ist nie zur Schule gegangen, hat mehrere Sprachen gelernt und ist ein erfolgreicher Autor und Gitarrist. In seiner Eingabe an Angela Merkel schreibt er u.a.: « Ich durfte im Laufe meiner Geschichte erfahren, dass die gelebte Begeisterung eine Nebenwirkung besitzt: die Kompetenz. Und dass die Kompetenz auch eine Nebenwirkung hat: den Erfolg. Welch

eine Erleichterung, davon zu erfahren, dass man sich vom Druck des Erfolg-haben-Müssens befreien kann, zugunsten einer allen Menschen zugänglichen persönlichen Begeisterung! Dadurch wird wieder Raum für die eigene Relevanz und die eigene Verantwortung eröffnet.» André Sterns Beispiel muss Schule machen.

Dünger für das Gehirn Zum Thema Begeisterung hat uns die Leserin Anita Schmid auf das Buch von Gerald Hüther «Was wir sind und was wir sein könnten – ein neuro-biologischer Mutmacher» hingewiesen und zitiert dazu aus dem Klappentext: «Begeisterung ist Dünger fürs Gehirn. Doch immer mehr scheint uns als Individuen wie als Gesellschaft die Begeisterung abhanden zu kommen, weil sie in unserer Kultur gar nicht gefragt ist. Kein Wunder, dass «Burn-Out», Depressionen und Demenz die Krankheiten unserer Zeit sind, dass wir uns vor Krisen nicht retten können. Der bekannte Neurobiologe plädiert für ein radikales Umdenken: Er fordert den Wechsel von einer Gesellschaft der Ressourcennutzung zu einer Gesellschaft der Potentialentfaltung und Weiterentwicklung, mit mehr Raum und Zeit für das Wesentliche. In seiner ganz konkreten Darstellung zeigt er aus neurobiologischer Sicht, wie es uns gelingen kann, aus dem, was wir sind, zu dem zu werden, was wir sein könnten.» Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten. S. Fischer, 2011. 188 S. Fr. 29.90/€ 18.95.

André Stern ist Leiter der Initiative «Männer für morgen» der Sinn-Stiftung von Gerald Hüther und Autor der Bücher «… und ich war nie in der Schule» (2009) und «Mein Vater mein Freund: Das Geheimnis glücklicher Söhne» 2011). www.andrestern.com

Kreative Kostenteilung Gute Ideen sollen nicht an Ihrer Finanzierung scheitern. Dieser Gedanke liegt dem Crowdfunding, einer neuen Form der Kulturförderung, zugrunde. Die Schwarmfinanzierung, bei der viele Gönner gemeinsam ein Projekt ermöglichen, hat sich in den USA aber auch Grossbritannien und Frankreich bereits erfolgreich etabliert. Mit wemakeit.ch und 100-days.net haben sich gleich zwei neue Plattformen zum Ziel gesetzt, das Miteinander von Kulturproduzent und -konsument in der Schweiz zu fördern. Kreative, vom aufstrebenden Garagenmusiker bis hin zur Hobby-Modedesignerin, reichen ihr Projekt ein, bestimmen Finanzierungsziel und Laufzeit (bei 100-days.net beträgt diese genau 100 Tage), und werben danach auf sozialen Netzwerken sowie unter Fans und Freunden für ihr Vorhaben.

Sobald ein Projekt online gestellt wird, können Gönner per Kreditkarte oder einem Paypal-Account eine Spende zusichern. Kommt bis zum Stichdatum genügend Geld zusammen, werden die Beträge entsprechend der Zusage belastet und direkt an den Künstler überwiesen. Die Spender erhalten ein originelles Dankeschön, z.B. eine signierte CD, Gratistickets für Vorstellungen oder sogar eine Erwähnung als Koproduzent des Projekts. Bei beiden Plattformen gilt aber: Wird der Zielbetrag während des gesetzten Zeitraums nicht erreicht, fliesst kein Geld. Wer Geld für Charity oder eine Weltreise sammeln will, ist am falschen Ort, hingegen soll besonders auch jungen Leuten mit tollen Ideen eine Finanzierungsmöglichkeit geboten werden.

wemakeit.ch wird von den Kulturschaffenden Johannes Gees, Rea Eggli und Jürg Lehni betrieben, schon bald auch auf Französisch und Englisch. Hinter 100-days.net stehen Romano Strebel und Christian Klinner, die sich bereits mit dem Lifestyle-Newsletter «Ron Orp» einen Namen gemacht haben — Motto: «Genug geredet!» Bei Umsetzung des Projekts fällt für den Initiator eine Vermittlungsgebühr von 5% an. Obwohl das Internet ideale Vernetzungsmöglichkeiten bietet, sei dies aber noch kein Garant für Erfolg, sagt Strebel. Die Idee muss schliesslich nicht nur raus aus den kreativen Köpfen, sondern bei den Kulturkonsumenten auch die Lust wecken, die Realisierung durch eine Spende aktiv mitzugestalten. MK www.wemakeit.ch www.100-days.net

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selber machen

Mach esmselbst it andern! Kreative Selbermacher erobern Märkte mit Handgemachtem, sie gestalten gemeinschaftlich Gärten, nähen eigene Kleider, betreiben mit Liebe und Mühe Boutiquen oder Labels. Do It Yourself: Eine Revolution der Märkte oder eine Anpassung an die Erfordernisse der Arbeitswelt?

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o It Yourself (DIY) erfährt eine neue Dynamik: «Mach es selbst» wurde Ende der 1970er Jahre im linken Spektrum bewusst auf die Agenda gesetzt, um Autonomie und Selbstbestimmung jenseits verfestigter Alltags- und Arbeitsstrukturen zu gewährleisten. DIY stand für eine Kultur des Amateurs und war zugleich eine Verweigerungshaltung vor den Marktmechanismen der Grosskonzerne. Heute arbeiten Selbermacher in den verschiedensten Branchen und erleben eine Renaissance. Was tut sich da auf? Bahnt sich eine «Revolution» der Arbeitswelt und Konsummärkte an? Verena Kuni, Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftlerin, Mitherausgeberin des Sammelbandes «Do It Yourself – die Mitmach-Revolution» und Kuratorin der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Kommunikation in Frankfurt darüber, wie das Selbermachen die heutigen Lebensweisen verändert. Jens Thomas: Frau Kuni, seit einiger Zeit ist überall von Do It Yourself und vom Selbermachen die Rede. Müssen wir uns die Zähne bald selber ziehen? Verena Kuni: Nein, so weit wird es hoffentlich nicht kommen. Das Selbermachen hat auch Grenzen. Die da wären? Seine Kompetenzen zu kennen und die Konsequenzen ihrer Überschreitung – für sich und andere – verantwortlich abschätzen können. Ich möchte weder mir noch anderen Zähne ziehen müssen. Verena Kuni, Mitherausgeberin des Buches DIY – die Mitmach Revolution und Kuratorin der gleichnamigen Ausstellung in Frankfurt am Main. Foto von Elke Foedisch/JWGU Alle weiteren Bilder von Verena Kuni

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Wie erklären Sie sich den derzeitigen Trend zum Selbermachen? Das hat viele Gründe. Vor allem ist es doch sehr befriedigend, etwas selbst gemacht zu haben. Dieses Selbstwertgefühl kann man sich nicht kaufen. Aber

Jens Thomas im Gespräch mit Verena Kuni

natürlich ist es interessant, wenn das in einer durchaus konsumorientierten Gesellschaft zum Verkaufsschlager wird. Die Baumärkte – die an sich natürlich schon immer vom Heimwerken leben – haben das in Deutschland wohl als erste wieder nach vorn gebracht. Wenn man sich für die jüngere Entwicklung interessiert, lohnt es, sich entsprechende Werbekampagnen genauer anzusehen: Slogans wie «Selbst ist der Mann» allein ziehen nicht mehr – schon deshalb, weil Frauen mittlerweile gute Kundinnen sind. Und es geht eben auch vor allem um (Selbst-)Verwirklichung, um das «eigene Projekt». Gerade in letzter Zeit wird auch der ökonomische Aspekt wieder verstärkt diskutiert. Oft wird suggeriert, Selbermachen sei billiger.

Selbermachen vermittelt ein Gefühl für den Wert einer Arbeit und eines Produkts – also auch, warum bei «Geiz ist geil» garantiert jemand auf der Strecke bleibt. Ist es das? Nicht unbedingt. In manchen Fällen sicher, in vielen jedoch nicht. Das liegt nicht einmal daran, dass die für Eigenproduktionen gekauften Produkte nicht billiger sein können als ein Fertigerzeugnis oder die eigene Arbeitskraft im Vergleich zur Fachkraft billiger ist. Aber würde man in dieser Zeit einer erlernten und angemessen bezahlten Tätigkeit nachgehen und berücksichtigt man den Aufwand zum Selbermachen – die Recherche, Fahrt- und Arbeitszeiten sowie erste Fehlschläge beim Selbstherstellen -– ist das Selbermachen unter dem Strich nicht billiger. Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit kann es aber durchaus auch öko-


mach es selbst mit anderen

DIY – die Mitmach Revolution

nomisch sinnvoll sein, wieder mehr selbst zu machen bzw. sich in lokalen Produktionsgemeinschaften und -ökonomien zu bewegen. Ersteres vermittelt zudem ein recht gutes Gefühl für den Wert einer Arbeit und eines Produkts – also auch, warum bei «Geiz ist geil» garantiert jemand auf der Strecke bleibt.

Ob 1912 oder heute: Do It Yourself war schon immer ein Verlangen nach Veränderungen und Verbesserungen. Richard Sennett schrieb über den homo faber, den Hersteller von Dingen, dass er Dinge gut macht, weil er seiner Arbeit mit Hingabe nachgeht. Wie wichtig ist Selbstwerdung und die Reflexion über die Arbeit beim Prozess des Selbermachens? Der reflexive Anteil hat beim Selbermachen einen enormen Stellenwert – und zwar nicht erst, wenn eine intellektuelle bürgerliche Schicht zum Hammer greift. Es gibt ja tatsächlich auch eine Intelligenz der Hand. Sennett wiederum geht es um einen erweiterten Begriff des Handwerks, der sich nicht darauf beschränkt, etwas Materielles herzustellen. Entscheidend sind vielmehr die Fähigkeiten, die Selbstermächtigung im Prozess der Arbeit, die Wertschätzung, Sorgfalt und Liebe zum Produkt. Und zwar im «richtigen Mass» – auch das betont Sennett. Der «craftsman», der Handwerker oder die Handwerkerin weiss, wann er/sie aufhören muss und wovon er/sie besser die Finger lässt. Der Begriff «Do It Yourself» kam erstmals 1912 auf. Was unterscheidet das Selbermachen heute von damals?

Der gesellschaftliche und natürlich auch der technologische Kontext ist heute ein anderer. Das Selbermachen durchdringt mittlerweile sämtliche Berufs- und Bildungsschichten, es lokalisiert sich nicht mehr nur auf das ursprüngliche Segment von Heimwerken, Handarbeit und Bastelei. Eine Gemeinsamkeit hingegen ist, dass DIY schon immer ein Verlangen nach Veränderungen und Verbesserungen war. Das war schon um die Jahrhundertwende hin zum 20. Jahrhundert so. Die Arbeitswelt hat sich in den letzten drei Jahrzehnten durch die Digitalisierung sämtlicher Lebens- und Arbeitsbereiche entkörperlicht. Ist das Selbermachen auch eine Art Gegentrend, Dinge wieder selbst herstellen zu wollen und dabei Körper und Hände zu benutzen? Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Verbindung zwischen Hand und Wort wird durch die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt nicht mehr ausreichend befriedigt. Darum gibt es wieder eine Sehnsucht nach dem Haptischen. So sind plötzlich eher verachtete, wenn nicht gar verhasste Handarbeiten wie Stricken, Häkeln, Sticken wieder in. Es gibt einen Trend zum «Analogitalen», man möchte die Dinge wieder anfassen können. Sie sind Mitherausgeberin des Buches «Do It Yourself – die Mitmach-Revolution». Was wird denn revolutioniert? Mit dem Begriff «Revolution» muss man natürlich vorsichtig sein. Eine Revolution ist per Definition eine Umwälzung des Bestehenden, eine Veränderung der Verhältnisse, die von vielen gewollt und getragen wird. Revolutionen haben die Tendenz, früher oder später ihre eigenen Kinder zu fressen, so lehrt uns die Geschichte. Das lässt sich, vielleicht etwas

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weniger brutal, auch von so mancher Alternativbewegung sagen. Sympathisch ist aber auf jeden Fall der Akt des «Zusammen-Machens», der Solidarisierung, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, das zuvor utopisch schien. Mit dem Buchtitel wollen wir in erster Linie diese positive Kraft ansprechen. Etwa den gegenseitigen Austausch, das Voneinander und Miteinander-Lernen. DIY steht für selbst bestimmtes, selbstorganisiertes Arbeiten, Lernen, Handeln.

oben: Ausstellung ‹Do It Yourself› – die Mitmach Revolution im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main, Januar 2012.

Viele können ihren Lebensunterhalt vom Selbstgemachten nicht bestreiten. Studien zeigen, dass bei Künstler- und Kulturdienstleistern das Durchschnittseinkommen meist weit unter dem liegt, was andere Erwerbstätige mit vergleichbarem Bildungsniveau erzielen. Sind das nicht auch neue Risiken und Marktzwänge? Sicher. In diesem Sinne kann man auch den Werbespruch der Handelsplattform für Selbstgemachtes, «Etsy», durchaus doppeldeutig lesen: «Sell yourself» heisst eben nicht nur «verkaufe selbst» sondern auch «verkauf dich selbst». Auffällig viele der kleinen Läden sind in der Ära «Ich AG» aus dem Boden geschossen. Für das Selbermachen entscheidet man sich immer nur bedingt freiwillig bzw. individuell, und in jedem Trend sind auch gesellschaftliche Konditionen bzw. Zwänge enthalten.

Ein ganz wichtiger Punkt. Die Verbindung zwischen Hand und Wort wird durch die Digitalisierung der Arbeitsund Lebenswelt nicht mehr ausreichend befriedigt. Holm Friebe und Sascha Lobo nannten ihr Buch über die Digitale Bohème vor ein paar Jahren «Wir nennen es Arbeit». Hätte man es auch «Wir nennen es Selbstausbeutung» nennen können? Auch diesen Titel kann man auf zwei Arten lesen. Zum einen deutet das Selbermachen auf den Prozess der Selbstökonomisierung hin und bildet prekäre Existenzen ab. Zum anderen heisst «Wir nennen es

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Arbeit» aber auch, dass es wirklich Arbeit ist. Und kein Freizeitspass, für den kreative, künstlerische, aber auch intellektuelle bzw. immaterielle Arbeit gerne gehalten wird. Das gilt auch für DIY: Im Selbermachen und Selbstgestalten stecken Mühe und Arbeit drin. Besteht so aber nicht die Gefahr, ganze Bereiche als Arbeit zu bezeichnen, die nicht oder zumindest nicht hinreichend entlohnt werden? Warum sollte das eine Gefahr sein? Nicht umsonst ist aus feministischer Perspektive immer darauf hingewiesen worden, Hausarbeit sei Arbeit. Das Problem ist, dass sie bis heute nicht als vollwertige Arbeit anerkannt bzw. entsprechend entlohnt wird – obwohl sie am Bruttosozialprodukt einen erheblichen und auch berechenbaren Anteil hat. «Wir nennen es Arbeit» heisst insofern vor allem: Wir nennen es Arbeit, weil es Arbeit ist. Für die Politik kann das aber auch heissen, es gibt genügend Arbeit, kümmert euch bitte selbst drum. Wäre es nicht gerade Aufgabe der Politik, prekäre Existenzen besser abzusichern? Ja, das ist es sicher auch, Stichwort «bedingungsloses Grundeinkommen». Doch es läuft in der Politik nach wie vor in eine völlig falsche Richtung. Es geht nur um Beschäftigungspolitik, um Jobs statt um Produktivität und Arbeit. Und auch die Gewerkschaften tun sich schwer damit, so etwas wie selbständige Arbeit bzw. Selbständigkeit überhaupt wahrzunehmen. Als ob es da keine Notwendigkeit einer Interessenvertretung, einer gemeinschaftlichen Organisation, eines Solidarprinzips gäbe. Solidarität heisst: Alle müssen sich aufeinander zu bewegen. Für sich selbst ist jede/r Einzelne selbst verantwortlich. Ich würde mal behaupten, das DIY-Prinzip kann insgesamt das Bewusstsein dafür stärken, dass wir alle politische Menschen sind. Und auch politisch handeln müssen. Das Selbermachen lokalisiert sich in Deutschland stark auf die Kultur- und Kreativszene, die sich auf rund eine Million Dienstleister beziffern lässt. Ist es nicht allzu zu sehr linke Romantik, bei dieser


mach es selbst mit anderen

Man begreift nur, was man selber machen kann, und man fasst nur, was man selbst hervor bringen kann. Johann Wolfgang von Goethe

Grössenordnung anzunehmen, das Selbermachen könne eine Gesellschaft revolutionieren? Es geht um kleine Schritte. Und wie schon die amerikanische Künstlerin Lisa-Anne Auerbach in ihrem gleichnamigen Manifest schrieb: «Don’t Do It Yourself – Do It With Others!». Man kann doch gar nicht alles selber machen und schon gar nicht alles gut. Das ist auch nicht Sinn und Zweck. Vielmehr geht es um positive Signale, um einen Gegenentwurf und um ein Gemeinschaftsgefühl. Die Frage ist: Was wollen und was können die Leute heute? Wir haben mehr denn je im Amateurbereich ein Wissen, das manchen Profi in den Schatten stellt. Durch das Selbermachen wachsen ein Fach- und ein Spezialwissen, die gesamtgesellschaftlich von hohem Wert und Nutzen sind. Zumal der Zugang zu institutionalisiertem Wissen limitiert wird, damit es als Marktwert gehandelt werden kann. Umso wertvoller sind daher die Commons, ein offenes Wissen, offene Werkzeuge ... Indem aber vieles selber gemacht wird, lassen sich Arbeitsfelder nicht mehr klar umranden. Einerseits steigen die Eigenverantwortung und die Spezifizierung im Berufsleben, andererseits soll man alles selber machen können. Gefährdet das nicht auch ein Verständnis von Berufen und Berufsgruppen? Sicher müssen sich Fachleute mitunter auch gefallen lassen, dass ihnen Amateure, die auf einem alternativen Bildungsweg bzw. DIY entsprechendes Fachwissen erworben haben, auf die Finger schauen. Aber das gefährdet nicht automatisch den Status einer Fachausbildung. Es geht doch darum, was könnte bzw. kann man noch können? Vielleicht kann man noch mehr und anderes als das, wozu man ausgebildet worden ist. Es geht darum, Neues auszuprobieren und zu lernen. Natürlich sollte es nicht darauf hinauslaufen «alle können alles, nur leider nicht wirklich gut». Nicht alles lässt sich über eine Amateur-Kultur abdecken. Das Selbermachen wurde viel als neuer Weg im Kapitalismus bezeichnet, indem man diesen nicht

mehr per se kritisiert, sondern nach neuen, sozialen und gerechten Wegen darin sucht. Erleben wir gerade einen Paradigmenwechsel? Vermutlich ja. Es geht um neue, langfristige Wege, damit Nachhaltigkeit gesichert und ein neues Bewusstsein gestärkt wird. Wichtig ist, dass die Leute wieder an Prozessen beteiligt sind. DIY ist eine Chance, weil man aus Erfahrungen der anderen über das Zusammenmachen lernt. Transparenz ist dabei enorm wichtig. Denn warum spenden die Leute beispielsweise so ungern auf Konten? Weil sie nicht genau wissen, wo es ankommt. Wenn ich etwas rein gebe, will ich wissen, was dabei herauskommt. Dafür steht das Selbermachen.

Es geht darum, Neues auszuprobieren und zu lernen. Natürlich sollte es nicht darauf hinauslaufen «alle können alles, nur leider nicht wirklich gut». Das DIY-Prinzip wurde vor allem durch die Punk/ Hardcore-Szene in den 1980er Jahren populär. Es stand für eine Verweigerung vor den Marktmechanismen der Konzerne. Kann man sich diesen überhaupt entziehen? Inwiefern greifen Konzerne den Gedanken individuell angefertigter Produkte wieder auf und produzieren anschliessend in Serie? Zunächst einmal ist keine Gegenkultur frei von ökonomischen Zwängen. Jede Subversion muss sogar ihr Marketing und ihren Markt entwickeln, wenn sie langfristig erfolgreich sein will, das haben die amerikanischen Soziologen Heath und Potter in «Nation of Rebels» sehr schön beschrieben. Zum zweiten Punkt: Warum sollen gute Produkte, ein kluges Design nicht von mehr Leuten benutzt werden dürfen? Darin kann man ja einmal etwas Positives sehen. Die Frage ist doch eher: Zu welchen Konditionen? Wer verdient, wer trägt die Kosten? Wichtig sind gute Ideen, die auch anderen etwas bringen. Wenn es um eine DIYRevolution gehen soll, braucht man sicher eine Art Grundvertrauen, dass es eine kritische Masse gibt, die bewusst anders leben und handeln will.

Do It Yourself Der Begriff «Do It Yourself» erschien erstmals 1912 in der amerikanischen Zeitschrift «Suburban Life» und wurde in den 70er Jahren von der Linken aus dem Begriffsrepertoire des Heimwerkermarktes der 50er Jahre entlehnt.

Gleich mehrere Bücher sind 2011 erschienen, die sich dem neuen Do It Yourself-Trend widmen: «Hab ich selbst gemacht» (Susanne Klingner), »Ich schraube, also bin ich» (Matthew B. Crawford), «Urban Gardening» (Christa Müller) sowie die zwei Sammelbänder «Craftista» und «Do It Yourself – die Mitmach-Revolution».

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Auf dem weitläufigen Campus der Yestermorrow Design/Build-School in Warren (Vermont/USA) sind die Werke der Studenten zu bewundern, u.a. ein rollstuhlgängiges Baumhaus. (Alle Bilder: Yestermorrow)

Das Mekka der Selbst-Bauer

Während Jahrtausenden bauten sich die Menschen ihre Häuser selbst. Erst seit kurzem verlassen wir uns für die wichtigste materielle Investition unseres Lebens voll und ganz auf Profis. Das muss nicht sein, finden die Leute von Christoph Pfluger von der Yestermorrow Design/Build-School

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s begann vor 32 Jahren in einem Hinterhof im amerikanischen Bundesstaat Vermont: Der Architekt John Connell und ein paar befreundete Handwerker und Planer führten den ersten «Design/Build»-Workshop durch. Sein Ziel: Die Verbindung von Kopf und Hand und von Theorie und Praxis. Das tönt einfach, und das ist es auch. Aber es wird nicht gelebt: Die meisten Architekten haben kaum handwerkliche Praxis und viele Handwerker verstehen wenig vom Entwerfen und Planen. Sie versuchen, die Pläne in der harten Wirklichkeit umzusetzen, die andere an Bildschirmen und Zeichnungstischen entworfen haben. Architekten und Handwerker können Lieder über die Schwierigkeiten dieser Trennung singen, und das Resultat ist oft entsprechend. Eine frustrierte Bauherrin meinte, man müsste die Architekten verpflichten, zur Strafe ein paar Monate in den von ihnen geplanten Häusern zu wohnen. Es gibt aber auch andere Wege zu besseren Häusern, z.B. die «Yestermorrow – Design/Build-School» in Warren, die sich aus dem Hinterhofkurs entwickelte. Dass sich diese Schule ausgerechnet in Vermont befindet, ist kein Zufall. Der von vielen alternativen Geistern bevölkerte Bundesstaat hat la-

sche Baugesetze. Die grosse Freiheit hat aber nicht zu hässlichen Bausünden geführt, sondern zu einer Zuwanderung kreativer Menschen und einer bunten Vielfalt von Gebäuden, wie man sie sonst kaum trifft. Warren, ein Nest am Mad River mit 1650 Einwohnern, hat heute die höchste Dichte von Architekten in ganz Amerika und vermutlich der Welt. 50 Einträge ergibt die Abfrage im Contractor Directory, ein Architekt auf 33 Einwohner. Yestermorrow ist inzwischen eine anerkannte Bildungsinstitution. Ihr Gründer John Conell, Autor zweier Bücher und leitender Architekt einer Firma für Ökohäuser, bezeichnet sich immer noch als ihr «aktivster Dilettant». Die Eroberung von architektonischem Neuland und die Entwicklung verschütteter Fähigkeiten sind sein wichtigster Antrieb. Yestermorrow hat jährlich rund 1000 Absolventen von zweitägigen bis viermonatigen Kursen, zum Teil mit Zertifikaten des Berufsverbandes «American Institute of Architects». Teilnehmer sind nicht nur Berufsleute aus allen Sparten des Hausbaus, sondern vor allem Laien, die wissen wollen, wie man richtig plant und kunstgerecht ausführt. Design und Realisation werden in diesen Kursen nie getrennt, denn wer Probleme bei der Umsetzung verhindern will, muss

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sie bereits in der Planung antizipieren. Und in der Konzeptionsphase vorhersehen kann man nur, was man in der Realität erfahren hat. Die aussergewöhnliche Schule verbindet aber auch noch anderes, zum Beispiel die Vergangenheit und die Zukunft, daher der Name «Yestermorrow». Die Design-Standards der Schule und die vermittelten Skills basieren auf jahrtausende alten Erfahrungen im Hausbau, von den primitiven Kulturen über die Meister des Mittelalters bis zu den zukunftsweisenden Entwürfen heutiger Architektinnen und Architekten. Ihr Ziel beschreibt die Schule als «Verpflichtung zu einer Gestaltung im weitesten Sinn des Wortes, die menschliche und natürliche Gemeinschaften aufwertet und die eine gesunde, schöne, zeitlose und vielfältige Welt schafft, erfüllt von Inspiration.»

Zuerst Planung und Modelle, dann der Bau und ein par Wochen später das fertige Häuschen von innen und aussen. (von oben nach unten)

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Das Resultat dieser Arbeit ist im Tal des Mad River an verschiedenen Orten sichtbar – dies ist eine weitere Verbindung der Schule. Sie arbeitet eng mit non-profit-Organisationen und öffentlichen Stellen der Region zusammen und errichtet für sie mit den Absolventen Gebäude, für die sonst das Geld fehlt: ein Bushäuschen, einen Musikpavillion, einen gedeckten Spielplatz für eine Grundschule, einen Fussgängersteg, ein rollstuhlgängiges Baumhaus und vieles mehr. Yestermorrow beschäftigt zur Verstärkung der gemeinschaftlichen Aktivitäten sogar einen «Community Outreach Coordinator». Wenn die Schule schreibt, sie bezwecke die «Entmystifizierung von Planung und Bau von Häusern», dann erreichen ihre Gebäude paradoxerweise das Gegenteil: Sie verströmen eine geheimnisvolle, wohltuende Aura der Kreativität. Wenn der Mensch so baut, lernt er fürs Leben und ist echter ein Gewinn für die Welt. Nicht wenige Studenten bestätigen, dass ihr Aufenthalt in Yestermorrow ihr Leben geändert habe.

Einer, dessen Leben sich durch «Yestermorrow» auch geändert hat, ist der junge Schweizer Urs Riggenbach. Er hat im Herbst 2011 am ersten Einsteiger-Kurs teilgenommen, bei dem gleich ein ganzes Haus – ein «tiny house», um genau zu sein – von A bis Z gebaut wurde. Der Anfang war – wie konnte es anders sein! – schwer. Bis sich die zwölf Studenten, drei Frauen und neun Männer zwischen 18 und 39 Jahren auf einen gemeinsamen Plan einigten, verging ein Monat. Jeder hatte gute Ideen, viele verdienten die Verwirklichung, aber nur wenige konnten umgesetzt werden. Denn schliesslich musste ein Haus gebaut werden und nicht zwölf. Die Vorgaben: Wohnraum für zwei Personen, 4 Meter breit, 8 Meter lang, maximal 4,5 Meter hoch und 7 Tonnen schwer. Dazu: Transportierbarkeit, denn das Haus wurde auf dem Campus des Vermont College of Fine Arts im Hauptort Montpelier gebaut, wo es nicht bleiben konnte. Unter der Leitung der vier Instruktoren, zwei Männern und zwei Frauen aus verschiedenen Architektur- und Bauberufen, wurden zuerst in kleinen, dann immer grösseren Gruppen die Design-Grundlagen entworfen. Dann ging es an die Detailpläne und die Verteilung der Jobs: Für Innenwände, Aussenhülle, Fenster, Küche, Badezimmer mit Komposttoilette, Regenwasser-Sammlung, Schlafzimmer, Elektrizität, Sanitär-Installationen, Heizung und Möbel war jemand verantwortlich, der sich Hilfe von gerade nicht so beschäftigten Teilnehmern organisieren konnte. Man konnte ja nicht gleichzeitig in allen Bereichen arbeiten, obwohl nach dem Boden zuerst die Innenwände gestellt wurden, um sofort mit dem Innenausbau beginnen zu können. Eine Besonderheit ist die Aussenhülle: Dach, Rückwand und Boden sind aus Alublech. Die seitliche Holzverschalung wurde nach japanischer Tradition mit leicht angebrannten Schalbrettern ausgeführt. Die rund zwei Millimeter dicke verkohlte und geölte Aussenschicht bietet besseren Schutz vor Brand, Schädlingsbefall und Witterungs-


Das Mekka der Selbst-Bauer

Von links nach rechts: Der Campus der «Yestermorrow Design/Build-School in Warren (Vermont/USA). Urs Riggenbach (links) und Kollegen bei einer Arbeitspause. Die Absolventen von Yestermorrow beglücken die Umgebung mit einer Vielzahl von kleinen netten Häuschen, u.a. mit einer Waldhütte und einem Bus-Wartehäuschen, genannt «snail» (ganz rechts).

schäden. Nach vier Monaten war das Haus fertig und die Party konnte steigen. Urs hat viel über Zusammenarbeit gelernt und vor allem: Er kann jetzt selber ein kleines Haus bauen, von der ersten Idee bis zur letzten Schraube. Das gibt nicht nur viel Befriedigung, sondern sorgt auch für reichlich Punkte am College of the Atlantic, wo er Humanökologie studiert. Diese ganzheitliche, praxisorientierte Hochschule in Maine entwickelte sich aus einer alternativen Sommer-Uni und ist eine Geschichte für sich (siehe Zeitpunkt 112). Urs, um diese Selbstbaugeschichte weiterzuspinnen, realisiert nun als Abschlussprojekt seines Studiums für eine ländliche Schule in Nepal ein Kleinkraftwerk. Basis sind open-source-Technologien, die lokal gebaut oder zumindest gewartet und repariert werden können. Getreu dem Design/Build-Prinzip hat Urs erst Varianten studiert und wird sich erst vor Ort definitiv festlegen. Im Vordergrund steht SolarFire, ein System, das über Spiegel die Sonnenwärme auf einen Punkt konzentriert, bis 900 Grad erreicht und eine 2-PSDampfmaschine antreibt und so Strom für die Schule produziert. Die Dampfmaschine stammt von TinyTech aus Indien, die übrigen Komponenten werden nach dem open source-Prinzip in Nepal gebaut, sodass Urs zum Abschluss eine low-tech-Stromversorgung zum Nachbau veröffentlichen will. Die ganze Anlage kostet inklusive Batterien, Werkzeug und Materialtransport 4100 Dollar. 2700 Dollar hat er bis jetzt gesammelt. Wer dieses konzipierte, handfeste Entwicklungsprojekt unterstützen will, der findet auf der Website von Urs Riggenbach die nötigen Angaben. Die Sonne soll ja nicht nur für alle Menschen scheinen; die Technologie, ihre Energie zu nutzen soll auch allen zur Verfügung stehen, die ein bisschen Selbstbau nicht scheuen. Links: www.yestermorrow.org • www.solarfire.org • www.tinytechindia.com Blog von Urs Riggenbach über das Projekt: www.mayauniverseacademy.org/open-power-nepal

Homework: für alle, die das Träumen nicht verlernen wollen

Was für einen Charme haben doch selbstgebaute Häuser! Im Prachtsband «Homework – Handbuilt Shelters» sind sie gleich zu Hunderten zu bewundern. Beschrieben werden nicht nur aussergewöhnliche, ästhetische oder eigenwillige Bauprojekte aus aller Welt. «Homework» stellt auch die kreativen Baumeister vor und untersucht die Zusammenhänge zwischen Bauweisen, Lebensbedingungen und Wohnformen. Ein Buch der Extraklasse, das zeigt, wie lebendig Architektur sein kann, wenn erfinderische und eigenwillige Selbstbauer am Werk sind. Ausserdem eine Fundgrube für Baustile, intelligente Konstruktionen und für die Anwendung vielfältigster (Natur-)Baustoffe. Lloyd Kahn: Homework – Handbuilt Shelters. Shelter Publications, 2004. 256 S. 1150, meist farbige Fotos. Fr. 30.90 / 22.– Euro.

Vom selben Autor: Tiny Homes Wenn die Einkommen sinken, der Immobilienmarkt stottert und die Banken knausern, sind kleine Häuser für viele eine willkommene Alternative. «Tiny Homes» sind für Menschen, die mit wenig leben wollen anstatt sich für eine teure Immobilie abzurackern, in der sie sich nur noch vom Arbeitsstress erholen können. Das Buch vereinigt 150 Häuslebauer, die viel Unabhängigkeit gewinnen konnten, indem sie den Hausbau in ihre eigenen Hände genommen haben. Die «Tiny Homes»-Bewegung hat in der Schweiz leider einen schweren Stand. Die Grundstücke sind oft entweder zu teuer oder zu klein, um darauf noch ein Häuschen zu errichten. Vor der Lektüre muss man allerdings warnen: Sie kann depressiv oder auswanderungswillig machen. Lloyd Kahn: Tiny Homes: Simple Shelter – Scaling Back in the 21st Century. Shelter Publications, 2012. 224 S., Fr. 27.90 / 14,80 Euro.

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Der Erfinder des rostenden Geldes

Am Ende werden wir nicht um Silvio Gesell herumkommen. Das sagte mir ein Banker, Spekulant und Buchautor vor kurzem. Und er hat Recht: Von dem vor 150 Jahren geborenen deutsch-argentinischen Geschäftsmann und Sozialreformer können wir noch heute viel lernen. Und das sollten wir von Christoph Pfluger auch tun.

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Freigeld könnte der beste Regulator der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sein. … Ich bin ein bescheidener Schüler des Kaufmanns Gesell. Irving Fisher

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er die Ökonomen an ihren langfristigen Resultaten misst, kommt zu einem mindestens zwiespältigen Urteil: Wir haben zwar einen enormen Reichtum erreicht. Aber er ist höchst ungleich verteilt und die Welt steht ökologisch, sozial und finanziell vor einer epochalen Krise. Ob sich das Experiment gelohnt hat, werden wir in Bälde erfahren. Schon heute wissen wir aber, dass Silvio Gesell, der grossartige Autodidakt, die wichtigsten Fragen des Geldes, an denen die Experten bis heute scheitern, beantwortet hat. Der Mann hatte eben keine Scheuklappen, einen scharfen Verstand und einen freien Geist, den ihm kein Vorgesetzter austreiben konnte. Gesell wurde vor 150 Jahren, am 17. März 1862 im deutschen St. Vith, nahe der luxemburgischen Grenze geboren. Er machte eine kaufmännische Lehre im Geschäft seiner Brüder und wanderte im Alter von 25 Jahren nach Argentinien aus, wo er eine Handelsfirma für zahnärztliche Artikel eröffnete. Die dortige Wirtschaftskrise und die sozialen Unruhen regten ihn zum Nachdenken an. Wie kommt es, dass Geld ausgerechnet dann fehlt, wenn es am nötigsten wäre und im Überfluss vorhanden ist, wo es am wenigsten gebraucht wird? 29 Jahre alt ging er als Autodidakt mit seiner Idee der «rostenden Banknoten» an die Öffentlichkeit und publizierte im Selbstverlag «Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat». Es folgten weitere Publikationen, z.T. auch auf spanisch, die in die argentinische Bankenreform von 1898 einflossen und zur Blüte des Landes beitrugen. Wir vergessen heute gerne, dass Argentinien einmal das sechstreichste Land der Erde war.

Gesells wichtigste Erkenntnis ist die Einsicht, dass Geld gegenüber allen vergänglichen Dingen dieser Welt einen unverdienten Vorteil hat. Während alles altert, rostet, schimmelt und schrumpft, behält das Geld (ausser in inflationären Zeiten) seinen Wert, weshalb es gehortet wird. Gehortetes Geld fehlt in der Wirtschaft, es wird weniger konsumiert und produziert, Arbeitslosigkeit breitet sich aus. Gesell erlebte dies hautnah in Argentinien und entwickelte daraus die Idee eines Geldes, dessen Wert sukzessive leicht abnimmt, fünf Prozent pro Jahr. Wie für nicht gebrauchte Güterwagen eine Abstellgebühr bezahlt werden muss, sollte auch für Geld, das dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird, eine Abgabe entrichtet werden und zwar in Form eines abnehmenden Wertes. Die Folge eines solchen Negativzinses ist eine schnellere Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, und das ist volkswirtschaftlich entscheidend. Wenig Geld, das schnell umläuft, erzeugt mehr Wert als viel Geld, das bei seinen Besitzern bleibt. Zum 150. Geburtstag hat der Verlag für Sozialökonomie unter dem Titel «Reichtum und Armut gehören nicht in einen geordneten Staat» eine Werkauswahl von Silvio Gesell herausgebracht (230 S., 19.90 Euro). Aus demselben Verlag sind auch die gesammelten Werke in 18 Bänden und auf CD-ROM lieferbar. Eine Renaissance erlebt auch Gesells Schweizer Schüler Fritz Schwarz (1887 – 1958). Soeben ist Band 2 von «Segen und Fluch des Geldes in der Geschichte der Völker» neu erschienen (Synergia, 2012. 252 S. Geb. Euro 24.90. Erstausgabe 1925). Wer meint, die Politik gehorche dem Geld erst seit der Finanzkrise, wird von diesem Buch eines Besseren belehrt. Ein dritter Band wäre überfällig. Philipp Hildebrand ist als Ex-Präsident der Nationalbank zwar für viele keine Referenz mehr. Immerhin sagte er: «In der Tat sollten sich viele Ideen und Ansichten von Fritz Schwarz als visionär erweisen.»


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Später ergänzte Gesell sein «Freigeld» mit dem «Freiland» und veröffentlichte 1916 sein Hauptwerk «Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld». Als unvermehrbare Geschenke der Natur, sollten Boden und Bodenschätze der Spekulation entzogen und verstaatlicht, aber gegen eine Nutzungsgebühr an Private verpachtet werden. ­3PUKLY[KPL5V[NPI[(YILP[ und Brot», stand auf den «Arbeitswertscheinen», die jeden Monat ein Prozent an Wert verloren und mitten in der Krise einen Boom auslösten.

Gesell erreichte die Herzen der Menschen, aber weder die Wissenschaft noch die Politik. Nur einmal hätte er seine Ideen beinahe in grösserem Stil umsetzen können, als Volksbeauftragter für das Finanzwesen der Bayerischen Räterepublik vom Frühjahr 1919. Aber seine Amtszeit betrug nur sieben Tage, dann wurde die Regierung gestürzt und Gesell inhaftiert. Als er im März 1930 starb, widmete ihm der Dichter Erich Mühsam, ein Freund aus revolutionären Tagen «den einzigen würdigen Nachruf», wie der freiwirtschaftliche Publizist Werner Onken schreibt. «Ein sozialer Wegbereiter von grösstem geistigem Wuchs» sei Gesell gewesen.

Ihre ganz grosse Zeit erlebte die Freiwirtschaft während ein paar Monaten in Wörgl im Tirol. Das Dorf mit seinen 4200 Einwohnern litt unter grosser Arbeitslosigkeit. Da startete der Bürgermeister ein Konjunkturprogramm und bezahlte es mit «Arbeitswertscheinen», die durch Schilling gedeckt waren, aber im Wert abnahmen. Das Schwundgeld löste einen Boom und internationales Echo aus. Als rund 200 weitere Gemeinden das Modell übernehmen wollten, verbot es die österreichische Nationalbank nach einem knappen Jahr. Das Wunder von Wörgl wird noch heute oft zitiert. Zu Ehren kam Silvio Gesell im Standardwerk des grossen Ökonomen John Maynard Keynes «Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes», der ihm reichlich Platz einräumte und schrieb: «Ich glaube, dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird.» Für diese Zukunft wäre es jetzt endlich Zeit.

Wir machen unser eigenes Geld!

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o kann es doch nicht weiter gehen! Wir arbeiten jedes Jahr mehr und es bleibt uns immer weniger! Was tun? Die Finanzwelt arbeitet nach eigenen Gesetzen und in die eigene Taschen, der Dienst an der Regionalwirtschaft ist zur lästigen Nebensache geworden. Eigenes Geld machen, lautet die Devise. Seit mehr als sechs Jahren machen wir uns Gedanken zur Einführung eines «Emmentalers» und nun sind wir bereit, diese Erkenntnisse auch in die Tat umzusetzen. Wir, das sind ein paar Menschen aus dem Emmental, die den Verein Regiogeld Schweiz gegründet haben. Der Bedarf für ein umfassendes Umdenken und für konkrete Erneuerung ist offensichtlich. Mehr als zehn kleinere und grössere Geschäfte haben allein in Langnau im Emmental in den letzten zwei Jahren ihre Türen geschlossen, alles kleinere und mittlere Familienbetriebe, die zum Teil seit bald 100 Jahren einen Namen hatten in der Region und weit darüber hinaus. Wo liegen die Ursachen? Müssen wir das hinnehmen? Wie leben die Menschen vor und nach diesem Zusammenbruch? Sind sie bereit eine

Regiowährung einzuführen? Die Geschäftsinhaber glauben, dass sie den Gegebenheiten ausgeliefert sind und machen die Faust im Sack. Denn sie wissen nicht, dass es längst erprobte Projekte gibt, welche diesen destruktiven Entwicklungen entgegenwirken! Sie kennen die Zusammenhänge des Geld- und Zinssystems nicht und können sich nicht vorstellen, dass ihnen die Informationen zu Alternativen vorenthalten werden. Regiogeld Schweiz hat sich daher zum Ziel gesetzt, den Menschen Antworten auf ihre Fragen zu geben und ihnen bewährte Lösungen aus dem In- und Ausland vorzustellen. Im Jahr 2008 wurde die erste RegiotopVeranstaltung in Langnau im Emmental durchgeführt. Wir luden Referenten ein, die auch kleine und mittlere Betriebe interessieren und in der Gegend bekannt sind. Zum Beispiel: Joseph Jenny, der Solarpionier aus Oberburg und Karl Sieghartsleitner aus Österreich, der in Eggiwil ein Projekt unterstützt hat. Das Forum Regiotop brachte uns einige Beachtung in den Medien und ein paar

Menschen, die sich für unser Projekt engagieren. Grossen Zuspruch fanden später die Kolumnen von Elsi Reimann in der Berner Zeitung. In zehn Artikeln erklärte sie kurz, knapp und unterhaltsam das Geldsystem, die Geldschöpfung und deren Folgen. Jetzt sind wir bereit für den nächsten Schub. Vom 9. bis 11. März 2012 organisieren wir das regiotop2 in Langnau mit den Schwerpunkten monetäre Modernisierung, erneuerbare Energien, regionale Vertragslandwirtschaft, Transition Initiativen, Regiogeld und Geldsystem. Verein Regiogeld Forum Regiotop2: Regionale Selbstversorgung IPZ4pYa0SÄZaLU[Y\T3HUNUH\ Mit Nils Aguilar, Willi Krafft, Anton Küchler, Michael Pfeuti, Elsi Reimann und Bernd Senf. Kosten: Freiwilliger Austritt – Jedermann/ Jedefrau entscheidet beim Verlassen des Forums selber über die finanzielle Beteiligung. Weitere Infos: www.regiogeld.ch

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Die Guten ins Töpfchen

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ie Naturkosmetik-Produkte von Kathrin Huber gibt es in keinem Geschäft zu kaufen. Wenn man Glück hatte, traf man sie früher mit ihrem Stand auf einem Markt oder bekam den Geheimtipp von Freunden. Aus guten Gründen wehrte sich Kathrin anfangs gegen den Verkauf im Internet. Sie plädiert für die direkte, sinnliche Erfahrung ihrer Produkte. Der Online-Prospekt, dem sie schliesslich zustimmte, war die Idee einer Kundin. Sie stellte im Tausch gegen ihre Lieblingsprodukte kathrinsalben.ch online. Trotz der grossen Konkurrenz auf dem Naturkosmetik-Markt kann die Kleinunternehmerin inzwischen von ihren Produkten leben. Ein kleines Wunder.

Die Cremen, Salben, Shampoos und Bäder stellt Kathrin in ihrem Haus in Gams selber her. Mit einer Rührmaschine als einzigem Hilfsmittel verarbeitet sie Kräuter mittels alter Verfahren zu Kosmetik. Und sie bekommt tatkräftige Hilfe: Die öligen Auszüge, in denen wertvolle Wirk- und Duftstoffe der Pflanzen gespeichert werden, macht die Sonne. Die Kräuter und Heilpflanzen besorgt ihr grosser Garten und das Bienenwachs liefern die Bienen ihres Mannes, einem passionierten Imker. Was Kathrin sonst noch braucht, findet sie in der Natur, so wie die Tannenschösslinge, die sie im Frühjahr sammelt. Bis die Temperaturen in Gams mediterrane Werte erreicht haben, bezieht Kathrin Mandel- und Avocadoöl auswärts. Durchaus vertretbar. SL Kontakt: Kathrin Huber, Tel. 081 771 13 31, www.kathrinsalben.ch

Wohnen im Auenland

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ur mit Hammer, Kettensäge und Meissel baute Simon Dale zusammen mit seinem Schwiegervater ein Haus. Für knapp 4 000 Euro entstand in der englischen Grafschaft Wales ein Gebäude, das alle Ansprüche erfüllt: ökologisch, emotional und ästhetisch. In einen Hang gebaut und auf Strohballen gebettet ist es perfekt isoliert. Das mit Gras bewachsene Dach besteht aus einer Spirale von Baumstämmen, die Wände wurden aus Steinen und Lehm gemauert. Die autarke Energieversorgung durch Solarpaneele, der Kühlschrank im Kaltluftbetrieb und die Kompost-Toilette bringen das eigentliche Amateurwerk dem nahe, was man in der Architektensprache «Passivhaus» nennt.

Eigentlich wollte Simon Dale das Haus nur ins Internet stellen, um es ein paar Freunden zu zeigen, die ihm beim Bau geholfen hatten. Aber dabei blieb es nicht: 50 000 besuchen seine Webseite inzwischen täglich. Die Familie erhielt tausende begeisterter Mails. «Es braucht fast keine Erklärung, nahezu alle haben ein sofortiges und klares Verständnis der Philosophie und Lebensweise», sagt Dale. Er wollte einfach ein «Haus» bauen. Entstanden ist ein Archetyp von «Zuhause» – ein Ort, wo man mit seiner Familie leben möchte. SL www.simondale.net

Aus dem Nähkästchen

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ch habe nicht den Eindruck, dass ich da noch rauskomme», sagt Elsbeth Huggenberger über ihre Leidenschaft für Mode, die sie mit 69, ähnlich einer alten Malaria, nochmals unerwartet durchzuschütteln begann. Einmal die Woche besucht sie in der Migros Klubschule Aarau den Grundkurs Mode. Wie sie habe auch schon ihre Grossmutter genäht, erzählt Elsbeth, die mit 15 gerne Modezeichnerin geworden wäre. 1958 fand sie damit kein Gehör und wurde Lehrerin. Das Nähen aber gab sie nie ganz auf.

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Ihr gutes Auge schulte Elsbeth als Verkäuferin bei Grieder und später in der Boutique von Daniela Spillmann in Basel. Schlecht geschnittene Kleider fallen ihr sogar im Fernsehen auf. Die «Fähnli», die es in den «Klamottenläden» überall zu kaufen gibt, sind nichts für Elsbeth. Eines Tages sagte sie sich: «Von jetzt an mache ich meine Kleider selber.» Im Kurs näht sie an einem Jupe – ihrem Jupe. Geht mit glühenden Wangen zum Essen, um am Nachmittag wieder die Zeit zu vergessen. Zeichnen, Nähen und sogar Auftrennen, wenn das sorgfältig ausgelesene Futter zu stark aufträgt – alles egal. Wie bei einer Geburt sei das: Nicht mehr aufzuhalten. SL


Kurzmeldungen

Offenes Atelier für grosse und kleine Künstler

Hartz IV-Möbel: Selbstbau für jedermann Es begann mit einer kaputten Türklinke. Auf Bitte der Frau, die er heiraten möchte, brachte der heute 34-jährige Berliner Le Van Bo die Klinke zu einem Schmied. Der lehnte den Auftrag ab – «so etwas muss ein Mann schon selber können.» Le Van Bo, mit seinen Eltern aus Laos geflohen, Architekt, zeitweise Hartz IV-Empfänger und nach eigenen Angaben Besitzer zweier linker Hände, besuchte an der Volkshochschule also den Kurs «Tischlern für Anfänger» – und entwickelte einen Sessel. Ausgangsmaterial ist ein Brett für 24 Euro aus dem Baumarkt und ein paar Teppichgurten. Le Van Bo stellte den «24-Euro-Sessel» ins Internet und ein Hype ging los. Mittlerweile gibt es eine ganze Wohnungseinrichtung aus «Hartz IV-Möbeln», nach Plänen, die man sich gratis herunterladen kann. Le Van Bo ist berühmt, wird zu Design-Messen eingeladen, hält Vorträge in vielen Ländern und verschenkt seine Ideen. Ganz umsonst erhält man die Pläne allerdings nicht. Bedingung: Man muss einen Fragebogen ausfüllen und seine Motivation erklären. Da kriegt er dann so wundervolle Bekenntnisse wie dieses zu lesen: «Ich habe vor acht Monaten mein Studium abgeschlossen.

Jetzt bin ich ziemlich ratlos. Selbstfindung, akute Lustlosigkeit, Selbstfindung – das ganze Programm. … Meine Motivation ist, endlich mal wieder etwas zu machen, etwas vollständig zu Ende zu bringen und das Ergebnis zu sehen. Ich glaube, wenn ich mich in den fertigen Sessel setze, würde mir das helfen, meine Motivation wieder zu finden.» CP Pläne und eine Fülle von Selbstmach-Geschichten sind zu finden unter www.hartzIVmoebel.de

Jetzt tüfteln andere Immer plagte ihn eine Idee zu viel oder noch eine Möglichkeit, auf einem anderen Weg vielleicht nicht schneller, aber auf jeden Fall interessanter ans Ziel zu kommen. Martin Flüeler, der Ingenieur, Erfinder, passionierte Bastler und Gründer des einmaligen TüftelLabors legt das Werk seiner letzten zwölf Jahre in neue Hände. In einem vierseitigen Brief an die Fangemeinde des Tüftel-Labors in Zürich-Oerlikon nimmt er Abschied und verrät noch ein paar Geheimnisse. Dass er diese Institution, in der Hunderte von Kindern ihren Erfindungsgeist auf die Reise schickten, eigentlich sich zuliebe gegründet hat: «Damit ich so Werklehrer sein kann, wie ich es kann, gerne mache und gut finde. Mit Tüftlis (gemeint sind tüftelnde Kinder und Jugendliche), die mein Können und Wissen immer wieder

Mit den Kindern einen Piratenhut filzen oder vielleicht doch lieber etwas aus Speckstein oder Gips modellieren? Bei «akutso», dem Atelier für Kunst, Therapie und soziale Plastik in Ennenda (GL), haben Kinder und Erwachsene die Qual der Wahl. Betreiber sind die Kunsttherapeuten Lilo und Fritz Marburg, die auch die Kurse und das offene Atelier leiten. Sie möchten Menschen die Möglichkeit geben, ihre eigenen künstlerischen Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten. Hand anzulegen, ob an Stoff, Pinsel, Stein, Holz oder Ton, und den Künstler in sich zu entdecken. BM Kontakt und Angebote: 3PSV\UK-YP[a4HYI\YN, Ennenda (GL), Tel. 055 640 11 75, www.akutso.ch

Gedicht Nr. 8:

Sei dir nicht selbst genug, Such’ Menschen, geistvoll, heiter, vielleicht der eine nur wird dir zur Himmelsleiter. Emma Kunz

Gedichte für alle bis an die Grenzen fordern, mich mit Fragen löchern, mir auch neue Anregungen bieten, in einem durchaus menschelnden, zumeist lebhaft-friedlichen Werkstatt-Klima.» Was Martin Flüeler nicht vermisst, sind der Stress und die Bürokratie als Betriebsleiter: «Nie mehr zurück will ich in die Rolle eines Chefs von Angestellten. Das lerne ich in diesem Leben nie mehr», schreibt er. Der Zeitpunkt wünscht der neuen Leitung des Tüftel-Labors viel Erfolg und gratuliert Martin Flüeler zu seinem Werk. Sein Labor zeigt, was der Mensch, auch wenn er jung ist und wenig weiss, alles zustande bringen kann. CP

In den 90er-Jahren habe ich mich geärgert im EmmaKunz-Zentrum in Würenlos. Der Gedichtband von Emma Kunz lag unter Glas und die Museumsaufseherin sagte, dort stehe nichts Wichtiges drin. Herrgott nochmal! Was für eine dumme Bevormundung der gewöhnlichen Leute! In der Landesbibliothek in Bern gab’s dann ein Exemplar des schönen Büchleins, man durfte es sogar fotokopieren. Mit Texterkennung digitalisierte ich dann den Text und stellte ihn 2004 mit Hilfe eines Freundes ins Netz. Unter www.emmakunz-gedichte.ch können jetzt alle, die von Emma Kunz fasziniert sind, nachlesen, was sie in der ersten Lebenshälfte geschrieben hat. Es ist berührend, was für ein Herz da in der Brust dieser strengen Geometrie-Frau geschlagen hat. Johannes Mahler, Rüti

Kontakt: Stiftung Tüftellabor, Wallisellenstr. 301, 8050 Zürich, Tel. 044 321 91 23, www.tuelab.ch

Johannes Mahler ist übrigens auch ein begabter Selbstbauer. Er hat am Jurasüdfuss zwei Häuser selber gebaut und später verkauft, um wieder in seine Heimat, das Zürcher Oberland zurückzukehren.

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selber machen!

‹selbstgestrickt› – die schrift im schwerpunkt Am ‹beginn› standen varianten von proportion & gesamterscheinung bei einem buchstaben-kurs mit Kate Wolff an der SFG in Basel mittels pinsel auf papier. Anschliessend diskutiert, kopiert, verbessert, kopiert, verbessert, diskutiert, neugeschrieben, digitalisiert, erneut angepasst… (etc.pp) ‹Uno fooorms› ist ein ansatz einer gebrochenen grotesk, was meint, das die formen der schriftkultur vergangener jahrhunderte ‹neu interpretiert› wurden. Zudem suchte ich nach einer schmal laufenden, sowie zeilenbildenden text-schrift mit reich ausgebauter ligaturenpalette*. In der neujahrspause unterzog ich sie einer generalvisionierung, glättete kurven, fügte details hinzu und freue mich, hier einen ‹zwischenstand› vorstellen zu dürfen. Und, wem es noch nicht auffiel: ‹ttf uno› ist ein minuskelfont.

[ meint, in anlehnung an die ideen des - zum beispiel auch – bauhauses, die ‹grossbuchstaben› zu entlassen. – auch typogeschichtlich fällt auf, dass ‹majuskel› (die grossbuchstaben) und ‹minuskel› (die kleinbuchstaben) verschiedene alphabete waren welche im frühen mittelalter ‹fusioniert› wurden. ] ich freue mich, wenn es ‹schmeckt›, und bin offen für jedwede an- und nachfrage(n). *) zugegebenermaßen bin ich ein wenig traurig, daß hierzulande das ‹doppel-es› (‹es-zett› auf ‹deutsch›) - die verbindung von (wahlweise) langem-es & es oder langem-es & zett – keine verwendung mehr findet. nicht nur, weil es mir m.e. recht schön gelungen ist, sondern auch, weil es den fließtext belebt und ~klarheit bringt (vgl.: masse / maße). in verwendung für diesen text: (ttf)-uno fooorms in den varianten: -D (~demi) und -L (~light) [ in zweiundzwanzig, neun und siebenkommafünf punkt ]

tom hænsel | ttf

abcdefghijklmnopqrstuvwxyz ™ ›»×«‹.,;:`'" 0 % # ä ö ü ¡¿|&| fl fi ff fff st ß ch ck _ƒ

oben: ein beispiel für ‹schriftkultur vergangener jahrhunderte›. – zur beachtung: ch-verbindung, das ‹k› und natürlich der ‹bruch› in den bögen (=gebrochene schrift) [ betreffend des leider weit verbreiteten irrglaubens (gebrochene schriften = nazi-schrift) empfehle ich den artikel ‹antiqua-fraktur-streit› auf wikipedia.org ]; links: zeichenübersicht der demi-version.

Erstes FabLab in der Schweiz

Schreinere dein Möbel

«How to make (almost) anything?» fragte Neil Gershenfeld seine Studenten am MIT. 2002 entstand daraus das erste FabLab (Fabrication Laboratory), die Bewegung boomt weltweit. Doch was ist ein FabLab? Das Konzept ist simpel: In einer Hi-Tech Werkstatt mit Maschinen zur schnellen Herstellung von Prototypen kann beinahe alles hergestellt werden. Und dies einfach und rasch – und von allen. Am 24. Februar 2012 eröffnete das FabLab Luzern seine Türen und ist damit in der Schweiz das erste seiner Art. Das FabLab ist ein Werkplatz, der für Ju-

Pascal Gähwiler arbeitet gerne mit Menschen zusammen, aber noch fast lieber mit Holz. Der Schreiner leitet seit 2005 «mais en bois!», die Schreinerei in Suberg (BE). Der Name will zeigen, dass Holz dominiert und soll mithelfen, den Röstigraben zu überwinden. Vor seiner Zeit beim «Holzhaus» arbeitete Gähwiler einige Jahre als Leiter der Schreinerei in einer Drogen-Rehabilitation. Heute unterstützt er seine Kursteilnehmer dabei, ihr eigenes Möbelstück fertig zu stellen, von der ersten Skizze bis zum fertigen Produkt. BM

gendliche, Studierende, Forschende, Start-ups und Unternehmer eine fruchtbare Begegnungsstätte werden soll. Das FabLab kann vielfältig genutzt werden und hat verschiedene Ziele. So können KMU darin Prototypen entwickeln, Studierende theoretische in greifbare Modelle umsetzen oder junge Erwachsene durch den spielerischen Umgang mit Technik und Design den Beruf des Ingenieurs entdecken. BM Kontakt: -HI3HI3\aLYU, Horw, Tel. 041 349 39 30 www.luzern.fablab.ch

Nächste Gelegenheit, sein eigenes Möbelstück zu bauen: Projektierungstag 21. April 2012, Umsetzung 1. – 3. Juni 2012

3D-Werkstatt in Zürich Aus einem Bild dreidimensionale Realität machen? In der offenen Modellwerkstatt «3D-Model.ch» kann man dabei zusehen, wie mit dem 3D-Drucker aus dem Computermodell eine Schachfigur oder ein Schmuckstück wird. Die Werkstatt will ein Ort für Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Langstrassen-Quartier sein, wo sie Eigeninitiative entwickeln, sich aktiv gestalterisch betätigen und Verantwortung übernehmen können – und dabei gleich-

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Kontakt: Pascal Gähwiler, Suberg, Tel. 032 389 27 73, www.maisenbois.ch

zeitig einen Zugang zum «werkeln» finden. Damit leistet die Modellwerkstatt, die auch mit Laser Cutting und CNC-Fräsen arbeitet, einen Beitrag zur Integration der multikulturellen Generation im Quartier. Wer lieber eine Werkstatt zuhause hätte, kann in einem Workshop gleich selber einen 3D-Drucker bauen. BM Kontakt: 3D-Model.ch, Zürich, Tel. 043 243 90 36 www.3d-model.ch


Kurzmeldungen

Selbst gemacht, selbst verkauft Da wird nun überall gebastelt, gewerkt und gezimmert – doch wohin mit all den schönen selbst gemachten Produkten? Im Zeitalter des Internets gibt es natürlich bereits einige Verkaufsplattformen, auf denen Selbermacher ihre Waren anbieten und Käufer einzigartige Produkte finden. Zu den bekanntesten gehören sicher Etsy und DaWanda – von Möbeln, Kleidern, Kunst und Nahrungsmitteln findet man hier so ziemlich alles, was man selber machen kann, zu tiefen und zu weniger tiefen Preisen.

Mit Guzuu.com springen die drei Luzerner Luc Fischer, Pascal Arnet und Andrea Fehr auf den Do-It-Yourself-Zug auf. Auf ihrem Marktplatz gibt es Musik, Grafik, Handarbeit und mehr, die Vermarktung ist kostenlos, erst bei einem Kauf zahlt der Verkäufer eine Gebühr von rund 5 Prozent des Kaufpreises. Reinschauen lohnt sich. BM Plattformen für Selbstgemachtes: www.etsy.com www.de.dawanda.com, www.guzuu.com

Selbst ist die Frau – «FrauenVernetzungsWerkstatt» Wie leben eigentlich erfolgreiche Frauen in der Schweiz? Was hat sie beflügelt auf ihrem Lebensweg, worüber sind sie gestolpert? An der Tagung vom 17. März in St. Gallen werden weibliche Lebensrealitäten vernetzt. In Referaten, Interviews und Podiumsgesprächen werden Fragen, die Frauen beschäftigen, aufgeworfen und diskutiert. Zu den Referentinnen zählen unter anderem die Journalistin des Jahres 2010, die Mamabloggerin Nicole Althaus. Sie erzählt von ihren privaten und beruflichen AhaErlebnissen. Daneben kommen weniger bekannte Berufsfrauen zu Wort: Was hat sie beflügelt auf ihrem Lebensweg, worüber

sind sie gestolpert? Die Politologin Regula Stämpfli zeigt das Dilemma zwischen autonomem Lebensweg und Anerkennung auf. Die Teilnehmerinnen kommen am Nachmittag beim Podiumsgespräch zu Wort. Moderiert wird der Anlass von Mona Vetsch. Die FrauenVernetzungsWerkstatt hat übrigens Tradition: Seit 1998 vernetzt sie Angestellte und Unternehmerinnen, Familien- und Kaderfrauen, Bäuerinnen und Politikerinnen. Die St. GallerFrauenNetzwerke sind ein loser Zusammenschluss von 79 Organisationen und Institutionen aus der Ostschweiz. BM Anmeldung und Infos: FrauenVernetzungsWerkstatt in Goldach, Tel. 071 242 10 20, www.frauenvernetzungswerkstatt.ch

Todmorden – die essbare Stadt «Es ist eine Revolution», sagt Pam Warhurst, «aber wir sind sanfte Revoluzzer. Alles war wir tun basiert auf Güte.» Die Bewohner des englischen Städtchens Todmorden «revoluzzen» mit Kartoffeln und Bohnen, Himbeeren und Salat. Unter dem Motto «Incredible edible» (unglaublich essbar) haben die Bürger 70 private und brachliegende Grundstücke mit Obst und Gemüse bepflanzt. Das Besondere: Jeder kann selbst pflanzen – und ernten, was er braucht. In der Nähe von öffentlichen Gebäuden, Parkplätzen oder Supermärkten: überall gibt es kleine Areale, wo etwas spriesst. Mary Clear, Grossmutter von 10 Enkeln, und Pam Warhurst, ehemalige Gastwirtin, wollen aus ihrer Heimatstadt die

erste englische Gemeinde machen, die sich komplett selbst mit Lebensmitteln versorgt. Begonnen hat alles, als Mary Clear den Zaun um ihren Gemüsegarten niederriss. Sie sagte zu ihren Nachbarn: «Kommt und bedient euch.» Die wollten anfangs gar nicht glauben, dass sie sich einfach alles nehmen dürfen. Nach sechs Monaten hatten sie sich daran gewöhnt. Andere Gärten wurden angelegt, die Menschen nahmen nicht nur, sie gaben auch: ihr Saatgut und ihre Arbeitskraft. Die Effekte sind ausschliesslich positiv. Gemeinschaftsgefühl und Naturbezug unter den Bürgern wuchsen, die Kriminalitätsrate sank. In 21 weiteren englischen Städten, aber auch in Deutschland und Hong Kong ist Ähnliches geplant. Die Gemeinschaftsgärten sind auch eine vorbeugende Massnahme für eine mögliche Krise. Ein Rentner: «Selber Lebensmittel zu produzieren ist das Gefährlichste was man tun kann, denn es besteht die Gefahr, die eigene Freiheit zu erlangen.» RR Eine Fülle von Bildern, Geschichten, Tipps und Werkzeugen, selber aktiv zu werden, finden sich auf der Website des Projekts: www.incredible-edible-todmorden.co.uk

Das eigene Gewächshaus Kurt Forster hat sich einen Traum erfüllt: Er hat selber ein Gewächshaus gebaut, 8,2 Meter lang und 3,2 Meter breit. Nun kann der Permakultur-Designer im Winter auf dem Vier-Jahreszeiten-Sitzplatz die Sonne geniessen, frische Kiwis essen und dabei den Duft eines blühenden Zitronenbaums geniessen. Das ganze Jahr über wird er von seiner Überlebensarche mit frischem Salat, reifen Tomaten und Früchten versorgt. Durch geschicktes, permakulturelles Vernetzen erfüllt das unbeheizte Gewächshaus unterschiedliche Funktionen. Der ganze Bau ist in vier Bereiche gegliedert: das Gewächshaus mit Anbauflächen und Sitzplatz; auf der Südseite sind Solarbeete, die das Haus vor direkter Kälte schützen und die Anbau-Saison verlängern. Im Norden entstand durch die Dachverlängerung ein isolierter Raum, ein Wärmespeicher, der gleichzeitig als Kältepuffer und Windschutz dient. Wer sich das Gewächshaus anschauen und Tipps für den eigenen Bau holen möchte, kann dies bei Kurt Forster tun. Er stellt seine Arche am 30. Juni, 14. Juli und 18. August 2012 bei Führungen vor. BM Anmeldung: Kurt Forster, Saum 3850, 9100 Herisau, Tel. 071 351 53 19, kurt.forster9@bluewin.ch

Ausstellung «facetten» Alles aus einer Hand, von der Idee bis zum fertigen Produkt – das bieten die 20 Ateliers aus den Bereichen Design, Gestaltung und Kunst, die in den leeren Produktionsräumen der Textilfabrik Hanro in Liestal ausstellen. Es sind zeitgenössische Objekte, Figuren und Gebrauchsgegenstände aus verschiedenen Materialen, die in Anwesenheit der Produzentinnen zu sehen und zu kaufen sind. BM Die Ausstellung «facetten» findet vom 23. bis 25. März 2012 auf dem Hanro-Areal in Liestal statt. Kontakt: Heidi Handschin, Tel. 061 921 04 64, www.ausstellung-facetten.ch

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entscheiden & arbeiten

DER ERMÄCHTIGUNGSMECHANISMUS Seit bald vier Jahren kämpft Europa mit der Finanzkrise, fährt ständig schwereres Geschütz auf und versinkt immer tiefer im Schuldensumpf. Verspricht der Ende Januar verabschiedete Europäische Stabilisierungsmechanismus ESM nun endlich Besserung? Oder beschleunigt er die Zerrüttung der Demokratie? Die Antwort ist leider klar. von Christoph Pfluger

N

ach vier Jahren sind wir etwas rettungsmüde: nächtelange Konferenzen, Entscheide in letzter Minute, Appelle, beruhigende Worte und vor allem immer höhere Summen. Da man mag man nicht mehr hinhören. Aber das ist ein Fehler. Denn wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur aufwachen. Zuerst zum Problem, das der am 31. Januar vom Europäischen Rat beschlossene ESM lösen will: Weil unser Geldsystem ständig neue Schuldner braucht und die Staaten bisher als gute Schuldner galten, haben sich ausnahmslos alle EU-Länder bis zum Hals verschuldet, einige sogar bis über die Ohren. Damit diesen nun nicht die Luft ausgeht und sie die andern über den Vertrauensverlust in den Euro in die Tiefe reissen, sollen die Sparsamen für die Verschwenderischen zahlen. Das ist zwar gemäss EU-Vertrag aus guten Gründen verboten, aber zur Rettung des Euros muss es wohl sein. Der ESM etabliert nun ein Verfahren, mit dem Mittel von den reichen zu den armen Ländern umgeschichtet werden. Der ESM ist im Prinzip ein Fonds mit einem Stammkapital von 700 Mrd. Euro, von dem anfänglich 80 Mrd. Euro eingezahlt werden. Mit diesem Polster im Rücken holt sich der ESM bei den maroden Banken Kredite, die diese aus dem Nichts schöpfen. Das frische Geld wird dann an die notleidenden Staaten verteilt, die damit die (Zins-)Forderungen der Banken begleichen. Auf diesem Weg wird die Verantwortung für die Verluste der Schuldenstaaten den EU-Steuerzahlern übertragen. Man hofft, damit die Situation zu beruhigen, die hohen Zinsen der Schuldenstaaten zu senken und so wieder auf Wachstumskurs zu kommen, den unser Geld- und Wirtschaftssystem für sein

Überleben zwingend braucht. Das wird natürlich nicht funktionieren. Man kann nicht Schulden mit Schulden bezahlen, vor allem wenn darauf Zins und Zinseszins bezahlt werden muss. Das ist eine Exponentialfunktion, und die kennt kein Erbarmen. Ein Mathematiker müsste das einmal der studierten Physikerin Angela Merkel und ihren Kompagnons erklären. Fünf deutsche Professoren (Wilhelm Hankel, Wilhelm Nölling, Karl-Albrecht Schachtschneider, Dieter Spehtmann und Joachim Starbatty) die seit der Einführung des Euro mehrmals mit gut begründeten Verfassungsklagen gescheitert sind, kommen zu folgendem Fazit: «Es gibt für die Einrichtung … [des] ESM weder eine Vertrags- oder Verfassungsgrundlage noch eine ökonomische Begründung.» Der ESM wird sein Ziel – finanzielle Stabilität – nicht erreichen, wie alle Rettungsschirme zuvor. Davon kann man in guten Treuen ausgehen. Was aber könnte sein tiefer liegender Zweck sein? Antworten gibt der Vertrag selber, der gleichzeitig den ESM als «volle Rechtspersönlichkeit» mit «uneingeschränkter Rechts- und Geschäftsfahigkeit» begründet (Art. 32). Geführt wird der ESM von einem Gouverneursrat (das sind die Finanzminister) mit umfassenden Kompetenzen. Er kann das Stammkapital erhöhen (!) und «geeignete Schritte» beschliessen, um sicherzustellen, dass säumige Länder ihre Schuld gegenüber dem ESM begleichen. Der ESM vergibt seine Mittel nur unter Auflagen, z.B. einem «makroökonomischen Anpassungsprogramm» (Art. 12), etwa mit Lohnsenkungen oder Privatisierungen (d.h. Verkauf von Volksvermögen zum Schnäppchenpreis), wie das schon der Währungsfonds mit seinen «structural adjustments» seit Jahrzehnten und mit verheerenden Folgen praktiziert.

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Schliesslich sind der ESM, sein Eigentum und seine Archive vor gerichtlichem Zugriff geschßtzt (Art. 32) und sämtliche Mitarbeiter, von den Mitgliedern des Gouverneursrats bis zu den anderen Bediensteten des ESM geniessen Immunität vor der Gerichtsbarkeit. Mit dem ESM stehen wir vor einem monstruÜsen Gebilde, das ßber rund die Hälfte des Staatsbudgets seiner Mitgliedsländer verfßgt, die Umverteilung innerhalb der EU fast beliebig steuert, weitgehende wirtschaftspolitische Massnahmen erzwingen kann, weder einem Souverän, noch einer demokratischen Kontrolle unterstellt ist und bei all dem umfassende Immunität geniesst. Die Medien schweigen, die Wirtschaft kuscht, die Gewerkschaften schlafen. Der Albtraum beginnt dann, wenn wir aufwachen.

Buchtipp: Occupy Money, unter diesem schlagenden Titel hat die bekannte Geldexpertin Margrit Kennedy eine eingängige Darstellung der Probleme unseres Geldsystems und mÜglicher LÜsungen vorgelegt. Mit seinen 100 Seiten liest sich das Bßchlein in einem langen Abend – gut investierte Zeit, sich mit dem grÜssten

Problem der Gegenwart vertraut zu machen. Margrit Kennedy: Occupy Money – damit wir zukßnftig alle die Gewinner sind. Kamphausen, 2011. 106 S., Fr. 14.30 / 9,95 Euro

Expressgeld statt Euroaustritt Wie man den Krisenstaaten wieder auf die Beine helfen kÜnnte, das zeigen Christian Gelleri und Thomas Mayer vom Chiemgauer, dem grÜssten Regionalgeld Europas. Sie schlagen ein umlaufILZJOSL\UPN[LZ\UKHIÅ\ZZNLIYLTZ[LZUH[PVUHSLZ Regiogeld vor. Ihre Zusammenfassung: Die Bewältigung der Eurokrise ist mÜglich. Ein sehr effektiver Weg ist das Expressgeld: – Damit kÜnnen die Euro-Krisenstaaten den Geldfluss in ihren Volkswirtschaften beschleunigen (Liquiditätsoptimierung), was zu Wirtschaftswachstum, neuen Arbeitsplätzen, mehr Steuereinnahmen und mehr Unabhängigkeit vom Ausland fßhrt. • Die Parlamente und Regierungen von Griechenland, Portugal oder Irland kÜnnen das selbst beschliessen und ein staatliches Regiogeld einfßhren, im Folgenden Regio genannt.

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â&#x20AC;˘ Der Regio ist keine eigenständige unabhängige >pOY\UNZVUKLYULPU­5LILUNLSKÂŽKLZ,\YV ist an diesen gekoppelt und wird zusätzlich zu diesem verwendet. Er ist durch hinterlegte Euro gedeckt und wird vom Staat zusammen mit der Notenbank in Umlauf gebracht. â&#x20AC;˘ Der Regio hat zwei Besonderheiten: Durch KLU<TSH\Ă&#x201E;TW\SZ (NutzungsgebĂźhr des Geldes) wird der Geldfluss beschleunigt, was die Wirtschaft antreibt. Eine Verdoppelung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes fĂźhrt zu einer Verdoppelung des Bruttosozialproduktes! â&#x20AC;˘ +\YJOKPL(IĂ&#x2026;\ZZIYLTZL<T[H\ZJONLIÂ&#x2026;OY bei Wechsel in Euro) bleibt das Geld im Land, stärkt die regionale Wirtschaft und reduziert das Handelsdefizit. Der Staat hat durch die Ausgabe des Regios sofort ca. 10 Prozent mehr Liquidität zur VerfĂźgung und erhält durch den Umlaufimpuls und Abfluss-

bremse zusätzliche Einnahmen in MilliardenhĂśhe. Geringverdiener werden dadurch kaum belastet. â&#x20AC;˘ Regiokredite sind zinsgĂźnstiger als Eurokredite, was wirtschaftliche Investitionen erleichtert. â&#x20AC;&#x201C; Der Regio wĂźrde bald grosse Teile des inländischen Zahlungsverkehr erfĂźllen. â&#x20AC;˘ Er bleibt in der Realwirtschaft, da es fĂźr ihn keine ÂŤFinanzprodukteÂť gibt. â&#x20AC;&#x201C; Die Länder erhalten die Vorteile einer regionalen Währung, kĂśnnen aber gleichzeitig im Euro bleiben â&#x20AC;&#x201C; das ist die weitaus bessere Alternative zu einem katastrophalen EuroAustritt. â&#x20AC;˘ Ein Expressgeld wird es aber nur geben, wenn diese Idee an die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Medien und Verbänden kommt und Ăśffentlich diskutiert wird. Das ganze 12-seitige Dokument finden Sie auf www.eurorettung.org.


entscheiden & arbeiten

500 Milliarden neues Spielgeld Wer kann das verstehen? Während Italien fĂźr fĂźnfjährige Staatsanleihen im Umfang von drei Milliarden Euro 6,5 Prozent Zins bezahlen muss, stellt die Europäische Zentralbank den Banken â&#x20AC;&#x201C; viele davon ebenfalls in Schieflage â&#x20AC;&#x201C; 500 Milliarden fĂźr drei Jahre zu einem Prozent zur VerfĂźgung. Die Ă&#x153;berlegung ist folgende: Die italienischen Staatspapiere werden von den ÂŤMärktenÂť gekauft, d.h. den Anlegern, die das Risiko tendenziell selber tragen mĂźssen, falls Italien nicht gerettet werden kann. Das Geld dagegen, das die EZB den Banken zur VerfĂźgung stellt, ist nominell mit einem geringeren Risiko behaftet, indem die Banken es nur an Kreditnehmer verleihen, die es auch zurĂźckzahlen kĂśnnen. Das ist die Theorie. In der Praxis sind natĂźrlich auch die Banken hoch gefährdet. Sie sitzen auf den Papieren von zahlungsunfähigen Staaten und kĂśnnen nur weiterleben, wenn diese Staaten gerettet werden oder wenn

genßgend billiges Geld geschaffen wird, die maroden Papiere zu kaufen. Es ist denn auch die Erwartung von EZB-Präsident Mario Draghi, dass die Banken mit dem Geld vor allem Staatstitel kaufen und so gleichzeitig den Wert der maroden Papiere stßtzen, die sie bereits halten. Ein Konkurs oder eine Umschuldung dieser Staaten wßrde dagegen den Abschreibungsbedarf der Banken ßber die Schmerzgrenze hinaus treiben und kÜnnte eine Kettenreaktion auslÜsen. Das Geld, das die EZB den Banken leiht, ist neues Geld. Es musste nicht zuvor im Schweiss von irgendwelchen Angesichtern erarbeitet werden, sondern entspringt der unversiegbaren SchÜpfungskraft der EZB. Aber: Man kann mit diesem Luftgeld alles kaufen, wofßr Menschen hart gearbeitet haben. Und: Die Zinsmarge von sagenhaften 650 Prozent muss von den Steuerzahlern berappt werden, die dafßr ebenfalls hart arbeiten mßssen. Das ist Umverteilung, wie sie im Buche steht. CP

25 Autoren schreiben Ăźber Geld Hat man uns nicht seit Kindesbeinen eingebläut, dass man Ăźber Geld nicht spricht? Obwohl wir täglich mit ihm zu tun haben, wissen die wenigsten, was es mit dem Geld auf sich hat. Woher es kommt. Welche Wirkungen es entfaltet. Wieso kann der menschliche Geist es nicht zähmen? Wieso scheint die Vereinigung von Geld und Geist nicht gelingen zu wollen? 25 Schweizer Autorinnen und Autoren sind aufgefordert worden, sich Gedanken Ăźber das Geld zu machen und die Leserschaft mit unterschiedlichsten Einblicken, Gedanken, Ansichten, Analysen, Fantastereien, Humoresken, Ideen, Visionen, Diskussionen und WĂźnschen zu konfrontieren. TB Thomas Brändle u. Dominik Riedo (Hrsg.): Ă&#x153;ber Geld schreibt man doch! Eine Pen-Club-Anthologie. Zytglogge, 2011, 272 S. Fr. 36 / 30.-Euro. ISBN 978-37296-0832-0

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vollwertig leben

Aus dem einmonatigen Versuch der Krautwaschls, ohne Plastik zu leben, wurde eine Lebenshaltung. In einem ersten Schritt wurde das Haus von Plastik leerger채umt.

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PLA STI KFR EIE ZON E vollwertig leben

Die Familie Krautwaschl lebt seit Jahren (fast) ohne den allgegenwärtigen Kunststoff – aus Protest gegen die Vermüllung unseres Alltags, unserer Umwelt und unseres von Andrea Semper Körpers. Kann das funktionieren?

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atürlich wissen wir alle, dass Plastik nicht nur praktisch ist. Der Kunststoffmüllberg wächst uns über den Kopf, und unser Körper würde sich ohne den Chemiecocktail in den Plastikprodukten viel wohler fühlen. In Sachen Plastik dachte ich, halbwegs gut informiert zu sein. Zwölf Jahre lang habe ich beruflich in der Kunststoff-Abfallwirtschaft gearbeitet. Über die Inhaltsstoffe von Plastik wusste ich aber kaum Bescheid. Einige Jahre nach meinem Ausstieg aus dieser Firma kam der Film «Plastic Planet» ins Kino. Lange drückte ich mich davor, ihn anzuschauen. Ich ahnte, dass ich danach nicht mehr so weitermachen könnte wie bisher. Im November 2010 besuchte ich einen Filmabend mit dem Regisseur Werner Boote. Obwohl der Film mit seinen vielen trockenen Fakten nicht leicht zu geniessen ist, schafft er es, die Zuschauer mitzureissen. Chemische Stoffe mit unaussprechlichen Namen bekamen plötzlich ein Gesicht – und ich wollte sie meinem Körper nicht länger zumuten. MAHLZEIT! Bisphenol A (BPA) zum Beispiel, eine Industriechemikalie, die in fast allen Kunststoffen enthalten ist. BPA löst sich durch Hitze, Säure, Abrieb oder Schweiss aus dem Material und gelangt so in unseren Körper. Das passiert etwa, wenn wir ein Babyfläschchen wärmen, aus Plastikflaschen trinken, Gemüse auf einem Plastikbrett schneiden oder uns Creme aus der Tube auf die Haut schmieren. Da BPA dem weiblichen Hormon

Östrogen ähnlich ist, bringt es unser körpereigenes Hormonsystem durcheinander. Wenn wir zu viel Plastik im Blut haben, wird unser Körper unvermeidlich krank. Es kann zu Unfruchtbarkeit, Fettleibigkeit, Brust- und Prostatakrebs sowie Missbildungen der männlichen Genitalien kommen. BPA steht auf keiner Inhaltsstoffangabe, kommt also immer undercover in unser Leben, am häufigsten durch plastikverpackte Lebensmittel. Nicht nur unser Körper leidet unter der Plastiklawine, auch die Natur hat mit dem fast unverrottbaren Müll ihre Not. Im Pazifik hat sich auf einer Fläche so gross wie Mitteleuropa ein Müllstrudel aus Plastikabfall gebildet. Fische nehmen über ihre Nahrung winzig kleine, im Meer schwebende Plastikpartikel auf. Da ist es fast schon gerecht, wenn wir über den panierten Fisch auf unserem Teller den von uns verursachten Plastikmüll wieder zurückbekommen. EIN MONAT OHNE PLASTIK Auch die Steirerin Sandra Krautwaschl war beeindruckt, als sie den Film im Herbst 2009 sah. Ihre Entschlossenheit, etwas zu verändern, war aber noch grösser als meine. Gemeinsam mit ihrem Mann Peter und den drei Kindern (7, 10 und 13) entschied sie, einen Monat lang plastikfrei einzukaufen. Aus dem Experiment ist mittlerweile ein neuer Lebensstil geworden, den die Familie nicht mehr ändern möchte. Zu Beginn wurde das Haus von Plastik leer geräumt. Die Menge an Plastikdingen, die dabei zum Vorschein kam, lässt Sandra heute noch den Kopf schütteln.

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vollwertig leben

Für ein gutes Leben braucht es keinen Plastik: Sandra, Peter und ihre drei Kinder.

Im Zeichen des wachsenden Umweltbewusstseins brauchen wir keine Verpackungskünstler, sondern VerpackungsVermeidungskünstler Ralph Boller dt. Publizist

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«Früher gehörte ich zu den Schnäppchenkäuferinnen. Da waren Steckregale aus Plastik oder Aufbewahrungsboxen schnell gekauft. Völlig verzichtbar!» Auch die Kinderzimmer waren voll mit Plastikspielzeug. Bei der Räumaktion wurde einiges weggeschmissen, manches weitergegeben und das meiste in der grossen Scheune zwischengelagert. Man konnte jedenfalls nicht gleich alles Plastik wegwerfen und plastikfreien Ersatz kaufen. Es würde das Experiment ja ad absurdum führen, wenn gleich zu Beginn Massen an Plastikmüll anfielen. Langlebige Gegenstände werden verwendet, bis sie kaputt sind und dann erst durch eine plastikfreie Variante ersetzt. Statt Tupperware werden nun Schraubgläser benutzt. Einfrieren kann man auch in Papiersäcken, für unterwegs gibt’s eine Brotzeitbox aus Alu oder Edelstahl. Natürlich hat sich auch das Einkaufsverhalten verändert. «Wurst und Käse lasse ich mir gleich in meine mitgebrachten Behälter schneiden», erzählt Sandra Krautwaschl. «Wasch- und Geschirrspülmittel kaufen wir offen und lassen es uns in Glasflaschen abfüllen. Statt Shampoo und Duschgel verwenden wir Wascherde und natürliche Seifen. Holzzahnbürsten haben die Plastikvariante abgelöst.» Manches mag zu Beginn gewöhnungsbedürftig sein, aber die Familie hat dabei auch viel Spass. «Auto, PC und Handy haben wir weiterhin. Wir wollten ja nicht in die Steinzeit zurückkehren.» POSITIVE NEBENEFFEKTE Und die Kosten? «Viele fragen, ob wir uns dieses Experiment überhaupt leisten können», sagt Sandra. «Tatsache ist, dass wir sogar Geld sparen! Wir sind wählerischer geworden und kaufen nicht mehr so unkritisch. Es hat grosses Sparspotenzial, wenn man keine Schnäppchen mehr kauft. So bleibt mehr Geld, zum Beispiel für Biolebensmittel.» Der Plastikmüll hat

sich drastisch reduziert. Sandras Familie lebt in einem Dorf 13 Kilometer von Graz entfernt. Manche haben ihnen prophezeit, sie würden jetzt grössere Strecken mit dem Auto fahren, um plastikfrei einzukaufen. Doch Peter legt von Anfang an Wert darauf, das Erdöl, das durch Plastikverzicht eingespart wird, nicht gleich wieder durch den Auspuff zu blasen. Tatsächlich ist die Familie im letzten Jahr nur halb so weit mit dem Auto gefahren wie zuvor. Die Milch holen sie zu Fuss vom Bauern, kaufen vieles mit dem Rad ein und fahren längere Strecken mit dem Zug. «Bei Kleidern bin ich auch heikel geworden. Ich schaue genau, wo die Baumwolle herkommt. Wenn ich Lust auf etwas Neues habe, nähe ich mir aus zwei alten T-Shirts ein neues. Und vieles kaufen wir in Second-Hand-Läden.» Ausborgen, tauschen und weitergeben sind andere Möglichkeiten, Dinge nicht immer selbst kaufen zu müssen. So hat der Verzicht auf Plastik auch alle anderen Lebensbereiche beeinflusst. Das Gefühl, auf etwas zu verzichten, hat Sandra nie. «Wenn ich mir etwas kaufen will, kann ich das. Aber es ist mir kein Bedürfnis.» DAS EXPERIMENT SCHLÄGT WELLEN «Leider sind auch so gut wie alle Bioprodukte in Plastik verpackt. Und bis jetzt haben wir keine Gläser mit Metallschraubverschlüssen ohne die üblichen Kunststoffbeschichtungen gefunden. Ausserdem gibt es viel zu wenige Geschäfte, in denen man Produkte offen kaufen kann. Wenn man den Anspruch hat, dass etwas wasserdicht sein muss, dann gibt es bisher keine Alternative zu Plastik.» Das sind die kleinen Hürden bei diesem Experiment. Viel schlimmer ist es «zu sehen, dass man primär trotzdem nur das eigene Leben beeinflussen kann. Im Urlaub habe ich wieder die Unmengen Müll gesehen, die vom Meer angeschwemmt werden. Da kamen schon Zweifel


plastikfreie Zone

am Sinn des Ganzen. Aber man muss den Anspruch fallen lassen, die ganze Welt retten zu wollen.Âť Inzwischen gibt es den Auftrag eines grossen Verlags fĂźr ein Buch Ăźber das Experiment. Auf der eigens eingerichteten Webseite hat Sandra seitenweise Erfahrungsberichte und plastikfreie Einkaufstipps verĂśffentlicht. Daneben hat sie ein regionales Projekt mit dem Namen ÂŤChange Bag â&#x20AC;&#x201C; Vom Kunststoff zum EchtstoffÂť gestartet. Damit sollen die BevĂślkerung, Gewerbetreibende, Schulen, usw. motiviert werden, freiwillig die Verwendung von PlastiktĂźten und ÂŤWegwerfplastikÂť zu reduzieren bzw. zu vermeiden. Bis Mitte November 2011 hat Sandra Ăźber 4 300 gebrauchte Stofftaschen gesammelt, die Betriebe nun anstelle von PlastiktĂźten verwenden. Zeitgleich finden Ideenwettbewerbe zum Thema MĂźllreduktion statt. Also doch ein bisschen die Welt retten? Sandras Motto ist pragmatisch: ÂŤIch mache, was ich kann.Âť

Infos www.keinheimfuerplastik.at Buch Gerhard Pretting und Werner Boote: Plastic Planet â&#x20AC;&#x201C; die dunkle Seite der Kunststoffe. Orange Press 2010, 223 S., Fr. 28.90 / 20,00 Euro

Filme auf DVD Werner Boote: Plastic Planet. Euro Video 2009, 95 min., Fr. 26.90 / Euro 14,97. Inge Altemeier, Reinhard Hornung: Hauptsache haltbar. Global Film, 30 min., 12,99 Euro. Marie Monique Robin: Unser tägSPJO.PM[œ^PLKPL3LILUZTP[[LSindustrie unser Essen vergiftet. Absolut Medien 2011, 105 min., Fr. 22.90 / 12,99 Euro.

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vollwertig leben

YIN YOGA

DIE WIEDERENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT

I

ch muss Sie warnen: Yin Yoga hat ein gewisses Suchtpotenzial. Viele, die einmal damit angefangen haben, können nicht mehr aufhören. Immer wieder bringen sie ihren Körper in ungewohnte Stellungen mit klingenden Namen wie «schlafender Schwan» oder «schmelzendes Herz». Doch was ist Yin Yoga? Die Welt lässt sich dem Taoismus zufolge mit dem Prinzip von Yin und Yang erklären. Tag und Nacht, Sommer und Winter, aussen und innen – jeder Aspekt unseres Lebens ist geprägt von diesem Dualismus. Yin wird dem weiblichen Prinzip zugeordnet, der Erde, der Nacht, dem Verborgenen, während Yang für das männliche Prinzip steht, die Sonne, für Kraft und das Sichtbare. Auch wenn ein Prinzip vorherrschend ist, sind immer beide Aspekte vorhanden, sie bedingen sich. Ohne Licht gibt es keinen Schatten, ohne Wärme keine Kälte. Alles fliesst, alles ist in Bewegung. Während bei den meisten Yogastilen die Kraft und Muskulatur im Vordergrund stehen, also Yang, geht es im Yin Yoga um die Dehnung des Bindegewebes, das unelastisch und steif ist und damit Eigenschaften von Yang aufweist. Das Besondere am Yin Yoga ist das lange Halten der Stellungen. Drei bis fünf Minuten verweilt man so ruhig wie möglich in der Position. Die Muskeln bleiben passiv. Dadurch wirken der Druck und die Dehnung in tieferen Schichten auf die Knochen und das Bindegewebe, das die Gelenke umgibt.

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Yin Yoga ist das Bogenschiessen unter den Yogastilen: Eine ruhige Praxis, die statt Muskelkraft Konzentration, Geduld und Eine Anleitung von Brigitte Müller Aufmerksamkeit verlangt. Durch den Fokus auf den Körper und die Atmung können wir subtilere Anspannungen wahrnehmen und diese loslassen. Yin Yoga lehrt uns Gelassenheit und Hingabe, hilft uns die eigenen Grenzen zu akzeptieren, schult die körperliche Flexibilität und bringt das Chi, die Energie zum fliessen. Sie werden zunehmend eine meditative Haltung einnehmen und merken, dass ihre Energie genau da ist, wo ihr Bewusstsein gerade ist. Und wenn Sie am Ende einige Minuten in Savasana, der Totenstellung liegen und nachspüren, dann sollte sich ein wohliges Gefühl der Ruhe und Entspannung einstellen. Eine letzte Warnung bevor Sie mit den Übungen anfangen: Yoga kann Menschen verändern. Die gute Nachricht: meist zum Positiven.

KURZE ÜBUNGSFOLGE Yin Yoga ist vom erfahrenen Yogi bis zum älteren Menschen für jeden geeignet. Ein Teppich oder Badetuch reicht, wer mag, zündet eine Kerze oder ein Räucherstäbchen an und lässt leise, ruhige Musik laufen. Abends ist eine gute Übungszeit, denn Yin Yoga wirkt beruhigend auf Körper und Geist. 1. Meditation Sorgen Sie für Ruhe, ziehen Sie sich bequeme, warme Kleider an und setzen Sie sich einige Minuten mit geschlossenen Augen auf den Boden, ein Tuch oder ein Kissen, um mit dem Körper und den Gedanken im Hier und Jetzt anzukommen.

2. Schmetterling Bringen Sie Ihre Fusssohlen zusammen, zwischen Ihnen und der Ferse bleibt ein Abstand von mind. 50 cm. Lassen Sie Ihren Rücken rund werden, beugen Sie sich langsam nach unten, so dass Ihre Hände leicht auf Ihren Füssen oder davor liegen. Ihr Kopf häng nach unten, Schultern und Nacken sind entspannt. Bleiben Sie 3 bis 5 Minuten in dieser Stellung.

3. Sattel Sitzen Sie auf Ihre Schienbeine und lehnen Sie sich zurück auf Ihre Hände. Die Knie sind leicht geöffnet (wenn das bereits zu viel für Ihre Knie ist, lassen Sie diese Übung weg.) Kommen Sie langsam runter auf Ihren Rücken. Spannt der Oberschenkelmuskel zu fest, legen Sie ein Tuch unter Kopf und Schultern. Wer nicht so tief gehen kann, stützt sich auf die Ellbogen und bringt die Knie weiter auseinander. Nach 2 bis 3 Minuten aus der Stellung kommen.


Yin Yoga

      

4. Sphynx Legen Sie sich auf den Bauch, die Beine sind ausgestreckt und geÜffnet. Stßtzen Sie sich auf Ihre Ellbogen, die schulterbreit auseinander sind. Halten Sie mit den Händen die Ellbogen oder legen Sie die Unterarme flach auf den Boden. Der Bauch ist entspannt, ebenso der Rßcken und die Beine. Bleiben Sie hier 3 Minuten und kommen Sie dann kurz in die Kindsstellung.

6. Liegender Twist Ziehen Sie Ihre Knie zur Brust. Ă&#x2013;ffnen Sie die Arme seitlich wie FlĂźgel und legen Sie dann erst beide Knie auf die linke Seite. Wechseln Sie nach 3 Minuten die Seiten.

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5. Libelle Setzen Sie sich auf den Boden und grätschen Sie die Beine. Mit der Ausatmung beugen Sie sich langsam nach vorne, aus den Hßften heraus. Sitzen Sie zur Unterstßtzung auf ein Kissen oder Tuch. Die Hände oder Ellbogen sind auf dem Boden. Beine, Schultern und Kopf sind entspannt. Bleiben Sie so fßr 3 bis 5 Minuten. Kommen Sie dann langsam aus der Stellung zurßck und legen Sie sich auf den Rßcken, Arme und Beine ausgestreckt wie ein Stern. Spßren Sie eine Minute nach.

7. Savasana Sie liegen auf dem RĂźcken, die Beine leicht gespreizt, die Arme neben dem KĂśrper, die Handflächen zeigen nach oben. Entspannen Sie jeden Muskel, schliessen Sie die Augen, aber bleiben Sie mit dem Geist wach. SpĂźren Sie nach, was diese Ă&#x153;bungen kĂśrperlich und geistig bewegt haben, beobachten Sie, wie ruhig Ihre Atmung ist. Bleiben Sie einige Minuten liegen. Wer mag, kann zum Abschluss nochmals meditieren.

   

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IM ZWEIFEL FÜR DIE FREIHEIT Neurowissenschaftler stellen die Existenz eines Freien Willens in Frage. Bilden wir uns nur ein, wir seien frei? Was ist der Sinn von Strafen, wenn niemand verantwortlich ist? Und erübrigt sich das Aufbegehren gegen eine ungerechte Weltordnung, wenn alles vorherbestimmt ist?

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as Bedürfnis zu beschuldigen sitzt tief. Das ganze Justizsystem baut auf der Vorstellung, es müsse für einen Schaden einen Verantwortlichen geben. Schuld setzt voraus, dass sich jemand böswillig oder fahrlässig zu einer Tat entschieden hat. Was aber, wenn der freie Wille gar nicht existierte? Gehirnforscher haben begründete Zweifel an unserer gängigen Alltagspsychologie. Schon Anfang der 80er wagte der US-amerikanische Neuropsychologe Benjamin Libet ein Aufsehen erregendes Experiment. Durch Messung elektrischer Hirnaktivitäten von Versuchspersonen, die willentliche Körperbewegungen ausführten, fand er heraus: Das so genannte Bereitschaftspotenzial, ein Hirnsignal, das die Vorbereitung motorischer Aktivität anzeigt,

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von Roland Rottenfußer ging der bewussten Willensentscheidung um etwa eine Fünftelsekunde voraus. Das Gehirn hatte die Handlung eingeleitet, bevor sich die Person zu ihr «entschloss». Libet folgerte: «Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun!» Zu ähnlichen Ergebnissen kam Daniel Wegner (Boston) 1999 bei einem Experiment, das unter dem Slogan «I Spy» in die Forschungsgeschichte einging. Dabei hatten zwei Versuchspersonen gemeinsam die Kontrolle über einen Cursor, der über den Bildschirm eines Computers wanderte und an bestimmten Stellen stoppte. Versuchspersonen bildeten sich nun oft im Nachhinein ein, die «Entscheidung» über einen bestimmten Stopp des Cursors selbst getroffen zu haben. In Wirklichkeit hatte die andere Person entschieden, die vom Versuchsleiter über Kopfhörer instruiert wurde. Jüngere Untersuchungen (Dr. Chun


Im Zweifel für die freiheit

Siong Soon 2008) deuten ebenfalls darauf hin, dass sich vorbereitende Gehirnaktivitäten zeigen, bevor einem Menschen eine Entscheidung bewusst wird. Wenn mehrere Erklärungen für ein Geschehen möglich sind, betrachten wir uns gern selbst als die Ursache. So könnte man die beschriebenen Experimente deuten. Beruht die These vom Freien Willen also auf Wunschdenken, damit wir uns mächtiger fühlen können als wir es tatsächlich sind? Normalerweise wird eher der umgekehrte Vorwurf erhoben. Menschen drücken sich angeblich nur allzu gern vor der Verantwortung. Erhard F. Freitag, Starautor des so genannten Positiven Denkens, schreibt: «So manchem wäre es angenehm zu hören, es gäbe keinen freien Willen. Die liebste Rolle des Menschen scheint die des Opfers zu sein.»

Vieles spricht dafür, sich so zu verhalten, als wären wir frei. Das macht es uns leichter, unsere Chancen zu erkennen.

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern das er nicht tun muß, was er nicht will. Jean-Jacques Rousseau

Neben der Esoterik, die gern die These vertritt, wir seien gottähnliche Schöpfer unserer Realität, legt vor allem die Politik grössten Wert auf einen Freien Willen. Die Annahme, wir seien frei, gehört zum geistigen Überbau des Neoliberalismus. Die Ideologie der Eigenverantwortung dient Politikern als Vorwand für den Abbau der Sozialsysteme. Der für sein ökonomisches Schicksal selbst verantwortliche Einzelmensch wird in letzter Konsequenz sogar für seinen eigenen Untergang verantwortlich gemacht. Positives Denken und Neoliberalismus blasen insofern ins selbe Horn: Wer arm ist, hat Reichtum nur nicht intensiv genug visualisiert. Ein zweiter Grund dafür, warum es einen Freien Willen geben «muss», ist das Strafrecht. Hier gibt es seit einigen Jahren Erkenntnisse der Neurowissenschaften, die es nahe legen, die Frage der Schuld neu zu definieren. Gian Franco Stevanin z.B. brachte fünf Frauen um und zerstückelte ihre Leichen. Bei Untersuchungen seines Gehirns zeigte eine MRT-Aufnahme einen riesigen Flecken in Neocortex – Gewebeverlust. Eine drastische Veränderung des Sozialverhaltens ist unter solchen Umständen keine Überraschung. Aber es sind nicht immer solch auffällige Schäden im Spiel. Jana Buffkin und Vickie Luttrell von der Universität Springfield analysierten 17 bildgebende Studien zu gewalttätigem Verhalten. Das einhellige Ergebnis: Psychopathen und Straftäter weisen Veränderungen in bestimmten Hirnregionen auf. Besonders häufig sind Schädigungen des Gefühlszentrums. Die Pro-

banden schauen sich z.B. grausame Filmszenen an, ohne dass sich im Gehirn Veränderungen zeigen. Die Psychiaterin Dorothy Lewis untersuchte zum Tode Verurteilte auf Gehirnschäden. Ihre Schlussfolgerung: Das sitzen keine harten Jungs, sondern Kranke. Lewis fragt: «In welchem Ausmass muss unser Rechtssystem seine Kriterien für Schuldfähigkeit und mildernde Umstände modifizieren und Regeln annehmen, die mit den Befunden der Neurowissenschaft des 21. Jahrhunderts in Einklang stehen?» Diesbezüglich tut sich auf Seiten der Justiz wenig. Der Freie Wille ist dort Teil der Berufsphilosophie. Der Strafrechtler Prof. Reinhard Merkel widerspricht den Ergebnissen der Neurowissenschaft nicht. Er merkt jedoch an: «Es geht nicht nur darum, was der Gesetzesbrecher verdient, sondern auch um die Belange der Geschädigten. (…) Wenn eine Norm verletzt wurde, so muss der Staat etwas unternehmen, um ihre lädierte Geltung zu ‚reparieren’. Dieser symbolische Akt ist die Strafe.» Viele würden ihm zustimmen, aber ein schlechter Nachgeschmack bleibt. Merkel selbst definiert mildernde Umstände so, dass der Beklagte in seinem «Anders-handeln-Können» eingeschränkt sei. Ist der Freie Wille aber nachweislich durch körperliche Ursachen beeinträchtigt, so erscheint es willkürlich, den Betroffenen dennoch «symbolisch» zu bestrafen. Mit der gleichen Begründung könnte man Tiere, Kinder oder schwer Geisteskranke für ihre Taten belangen.

Die Ideologie der Eigenverantwortung dient Politikern als Vorwand für den Abbau der Sozialsysteme Die These vom Freien Willen wirft zweierlei Fragen auf: 1. Ist sie wahr? 2. Macht sie aus uns bessere Menschen, als dies bei einer fatalistischen Weltsicht der Fall wäre? Es scheint bequem, sich seiner Verantwortung mit Hinweis auf «Vorherbestimmung» oder Gehirnschäden zu entziehen. Aber ist eine Weltanschauung schon deshalb falsch, weil sie bequem ist? Fatalisten leugnen ja nicht nur die Schuld, sondern auch das Verdienst. Wer sich von Gott oder einem Schicksal gelenkt fühlt, schreibt seine Leistungen nicht sich selbst zu. Bei den meisten Menschen regt sich Widerstand, wenn der Freie Wille angezweifelt wird. Dies scheint unserer Vorstellung von Würde und Selbstbestimmung zu widersprechen. Behauptet jemand, es gäbe keinen Freien Willen, so ist das, als wolle man

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die Existenz der Liebe bezweifeln. Beides ist naturwissenschaftlich schwer beweisbar. Trotzdem fühlen wir beides, manchmal auch sehr intensiv. Sollten wir diese kollektive Intuition der Menschen nicht ernst nehmen? Jedenfalls können wir in einer Hinsicht beruhigt sein: Wissenschaftler sind sich über die Frage der Willensfreiheit keineswegs einig.

Unsere Welt braucht dringend Menschen, die sich die Freiheit nehmen, zu handeln. Die berühmten Experimente Benjamin Libets wurden von den Medien begierig aufgegriffen und einseitig interpretiert. Libet selbst verstand sich als gemässigter Verfechter des Freien Willens. Er billigte diesem eine Vetofunktion zu. Der Mensch könne seinen Zeigefinger rechtzeitig stoppen, sei der Hirnaktivität also nicht hilflos ausgeliefert. Dies ist entscheidend, wenn es z.B. darum geht, ob jemand eine Waffe auf einen Menschen abfeuert. Zudem muss man voreilige Deutungen der Libet-Experimente anzweifeln. Wenn Hirnaktivitäten dem bewussten Willensimpuls vorangehen, so heisst dies nicht, dass ein Puppenspieler-Gott seine Finger im Spiel hatte. Eher ist ein «Unterbewusstsein» im Spiel, aus dem menschliche Handlungen hervorquellen. Aber dieses kann umgekehrt auch von unserem Wachbewusstsein beeinflusst werden. Ein weiterer Einwand: Bei den Experimenten von Libet und seinen Nachfolgern wurden nur unbedeutende Entscheidungen getroffen, deren Ausgang den Probanden gleichgültig sein konnte. Sie hatten z.B. die Wahl, einen linken oder rechten Knopf zu drücken. Können wir daraus Rückschlüsse darauf ziehen, wie Menschen wichtige Lebensentscheidungen treffen – speziell wenn sie Zeit haben, das Für und Wider zu erwägen? Ein klarer Beweis, dass wir nicht frei entscheiden können, steht also noch aus. Wie verhalten wir uns in einer solchen Pattsituation? Sicher ist die Menschheitsfrage «Freiheit oder Schicksal» nicht mit einem einfachen Entweder-Oder zu lösen. Ich glaube, dass wir einem Feld verschiedenster Einflüsse ausgesetzt sind: Eltern, Milieu, Vererbung, vielleicht auch den Sternen. Diese Einflüsse

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erzeugen aber nur Wahrscheinlichkeiten für unser künftiges Verhalten. Wer das Konzentrationslager erdulden muss, wird wahrscheinlich daran zerbrechen. Es wäre zynisch, den Opfern mit Blick auf ihre Eigenverantwortung unser Mitgefühl zu verweigern. Andererseits gab es Ausnahmemenschen wie Victor Frankl, die es schafften, im KZ ihre Integrität zu bewahren und zu überleben. Sie zeigen, dass es nicht nur darauf ankommt, wie die Umstände sind, sondern auch, wie man sich ihnen stellt. Ich verstehe unser Schicksal wie die Bahn eines Balls in einer Regenrinne. Die Schwerkraft zieht uns immer zur Mitte, zum wahrscheinlichsten und «normalen» Verhalten. Je weiter wir uns von der Mittellinie entfernen, desto mehr Kraft müssen wir aufwenden, um der Schwerkraft zu entkommen. Wenn uns etwas wirklich wichtig ist, können wir jedoch aus dem scheinbar Vorbestimmten ausbrechen. Von solchen grenzüberschreitenden Taten handeln alle Geschichten über Heldinnen und Helden. Die Frage nach dem Freien Willen ähnelt der Frage nach der Existenz Gottes. Wir können es nicht wissen, also stellen wir eine Hypothese auf und handeln entsprechend. Später prüfen wir, ob uns diese Entscheidung zu einem aktiven und glücklichen Menschen gemacht hat. Es mag sein, dass uns hundert «Beweise» täglich an unsere vermeintliche Machtlosigkeit erinnern. Dennoch spricht viel dafür, sich so zu verhalten, als wären wir frei. Das macht es uns leichter, die Chancen zu erkennen, die wir haben. Es entreisst uns der Lähmung, der Unterwürfigkeit und der passiven Hinnahme des Gegebenen. Die Freiheit kann nicht nur als geistiger Überbau des Neoliberalismus missbraucht werden. Sie ist auch der Leitwert aller Rebellen. Die Geschichte zeigt, dass sich diejenigen, die sich einem Schicksal unterwarfen, nur allzu leicht der Obrigkeit unterordneten. Anpassung schien der gerade Weg der Kugel in der Regenrinne zu sein. Diejenigen, die etwas veränderten, waren immer die, die daran glaubten, dass ihre Entscheidung einen Unterschied machte. Und unsere Welt braucht dringend Menschen, die sich die Freiheit nehmen, zu handeln. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, wie gross oder klein unser Anteil der Freiheit ist – wir sollten ihn nutzen.


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Jetzt strahlen sie wieder: Der Kientalerhof und sein Leiter Mario Binetti

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üde, aber immer noch voller Gipfelenergie, begegnete Mario Binetti im Februar 1985 nach einer Skitour erstmals seiner grossen Leidenschaft, dem Kientalerhof. Das Hotel im Berner Oberland stand seit fünf Jahren leer, aber mit diesem Augenblick begann es sich mit Leben zu füllen. Innert kurzer Zeit fand Mario genügend Menschen, die als einfache Gesellschaft das Haus kauften und als Kurszentrum betreiben wollten. Ein paar Monate später war bereits die Eröffnung. Schwerpunkt war zu Beginn die internationale Schule für Makrobiotik, die im Kiental ihren europäischen Hauptsitz fand. Später kamen Shiatsu und weitere Körpertherapien wie Cranio, Rebalancing oder Ayurveda dazu, die man im Kientalerhof professionell erlernen konnte und kann. Das alte Haus, das grösste im Tal, hatte aber auch seine Tücken. In drei Stufen wurde es aus- und umgebaut. Die letzte erwies sich in Verbindung mit der Hypothekenkrise der 90er Jahre als zu hoch, der Kientalerhof geriet in Schwierigkeiten. 2000 rettete ein weisser Ritter die Institution und Mario zog sich bis 2009 schrittweise aus der Geschäfts-

leitung zurück. Als der Besitzer 2010 unerwartet starb, zeigten sich rasch die Lücken des fehlenden Geistes. Um die Zukunft des Hauses zu sichern, bot der grosszügige Verwaltungsrat im Frühjahr 2011 Mario Binetti den Kientalerhof für einen symbolischen Franken zum Kauf an. Bedingung: Das Haus musste als Bildungszentrum weitergeführt werden und die Betriebskosten für ein Jahr mussten vorhanden sein. So kam es, dass Mario Binetti im Oktober letzten Jahres wieder die Leitung übernahm – für alle, die das Schicksal des Kientalerhofs verfolgten, eine grosse Erleichterung und für Mario, der vor kurzem seinen Sechzigsten feiern konnte, das Geschenk seines Lebens. Das Haus hat Räume in den verschiedensten Grössen und bietet Übernachtungsmöglichkeiten für bis zu 120 Gäste. Neben körpertherapeutischen Ausbildungen sollen Musik, Tanz, Ökologie und neue Wirtschaft die Schwerpunkte bilden und dem Haus wieder seine frühere internationale Bedeutung zurückgewinnen. Kontakt: Kientalerhof, Griesalpstr. 44, 3723 Kiental, Tel. 033 676 26 76. www.kientalerhof.ch

Leben und Lernen in und mit der Natur WaldprojektleiterIn Ausbildung Der Wald den anderen Menschen erlebbar näher bringen

April 2012 – Dezember 2013

Ausbildung in Erlebnispädagogik/Erlebnisandragogik In der Natur Eigen-, Sozial- und Methodenkompetenzen schulen können Institution Wakónda GmbH Höheweg 70 · CH-3097 Liebefeld Tel: +41 (0)31 972 38 61 Fax: +41 (0)31 972 41 47 sekretariat@wakonda.ch

www.wakonda.ch

WaldläuferInnenschule für Erwachsene Sich als Teil der Natur erleben

Mai 2012 – Dezember 2013

14. – 19. Juli 2012

Waldläufer-Schule für Vater und Sohn Gemeinsam Waldlebenskompetenzen erfahren

31. Juli – 5. August 2012

Informationen und Anmeldung: siehe Balken links

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DAS UNBELIEBTE F-WORT Der Feminismus hat ein Imageproblem. Zu Recht? Ist die Gleichstellung von Mann und Frau erreicht, der Feminismus überholt und wir längst am Ziel? Über mehr Kater- als Feierstimmung zum 91. von Brigitte Müller Internationalen Frauentag am 8. März.

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Da ich nicht denke, dass die Frau von Natur aus dem Manne unterlegen ist, denke ich auch nicht, dass sie ihm von Natur aus überlegen ist. Simone de Beauvoir

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inige Synonyme für «Frau»: Dame, Ehefrau, Weib, Oma, Schachtel. Synonyme für «Mann»: Ehemann, Kerl, Lebenskamerad, Mannsbild, Gemahl, Weggefährte. Fällt nur mir etwas auf? Feierstimmung kam im Dezember bei der Nachricht auf, Frankreich wolle die Prostitution verbieten und plane – wie die Vorbilder aus Europas Norden – die Bestrafung unbelehrbarer Freier. Denn «freiwillige Prostituierte gibt es nicht», so die französische Sozialministerin Roselyn Bachelot. Doch schnell kehrte die Katerstimmung zurück. Denn von einem solchen Wurf sind wir in der Schweiz noch weit entfernt. Seit vergangenem Sommer wird im Bundesrat endlich darüber diskutiert, dass sich künftig strafbar macht, wer gegen Bezahlung sexuelle Dienste Unmündiger in Anspruch nimmt. Bis wir soweit sind, können sich 16-jährige Mädchen legal prostituieren, wovon neben den Freiern vor allem Escort-Agenturen und Zuhälter profitieren. Warum schenken wir hierzulande Männern die Prostitution und verbieten sie nicht endlich, statt die Sexarbeiterinnen von den Strassen zu verdrängen? Die Variante «Aus den Augen, aus dem Sinn» wählt Zürich mit der Idee der Verrichtungsboxen. Eigentlich sagt der Name schon alles. Prostituierte und ihre Kunden sollen in einer Autowasch-ähnlichen Anlage untergebracht werden, damit der Mann ungestört seinen Trieb verrichten kann. Ob sich damit dringende Probleme wie Zuhälterei, Menschenhandel etc. entschärfen, ist zu bezweifeln – genauso, dass Männer künftig lieber diese Einrichtung statt bewilligter Strassenstriche aufsuchen. Herr und Frau Zürcher können etwas gegen die Verrichtungsboxen unternehmen, in dem sie am 11. März abstimmen gehen. REGELN SCHAFFEN GEWOHNHEIT Eine Abstimmung über die Einführung der Frauenquote steht 2012 leider nicht an. Zuerst will ich be-

kennen, dass auch ich lange gegen die Frauenquote war. Warum sollte man in den Arbeitsmarkt eingreifen, wo doch Angebot und Nachfrage den Markt regeln? Und in der Politik steht es uns frei, weibliche Kandidaten zu wählen. Doch ich bin eines Besseren belehrt worden. Jahre verstrichen, und der Frauenanteil im Schweizer Parlament liegt noch immer unter einem Drittel, ja, es ist sogar eine leicht sinkende Tendenz feststellbar. In Firmen sind weibliche Führungskräfte einsame Wesen auf der Führungsebene, jungen Frauen fehlt es an Vorbildern.

Der Feminismus hat nicht ausgedient, aber er braucht eine neue Zielformulierung. Ich bin nicht dafür, eine Frauenquote in der Verfassung zu verankern, aber eine befristete Regelung scheint mir sinnvoll. Im Norden hat es funktioniert, und es präsentiert sich ein Bild der gelebten Gleichheit. Männer und Frauen arbeiten auf vielen Ebenen zusammen: Job, Kinderbetreuung, Haushalt. Frauen sind auf allen Hierarchieebenen vertreten. Vielleicht, weil es nicht mehr darum geht, ob ein Mann oder eine Frau eine bestimmte Funktion besetzt, sondern welche Person. Wir sind in der Schweiz immer so sehr darauf versessen, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu betonen, statt uns über die Vielfalt an Menschen zu freuen. Ich denke, dass die Frauenquote dazu beiträgt, uns dieser Vision zu nähern. Dafür braucht es eine Übergangsfrist. So wie das Frauenstimmrecht nicht mehr wegzudenken ist oder die weiblichen Berufsbezeichnungen geläufig sind, kann auch ein grösserer Anteil von Frauen in wichtigen Positionen zum Normalbild werden. Manchmal braucht es Regeln, damit sich etwas verändert.


Das unbeliebte F-Wort

DIE FRAGE ALLER FRAGEN «Der Mann erhält seine Würde und Sicherheit durch den Beruf. Die Frau verdankt beides der Ehe». Klingt nach 17., 18. Jahrhundert? Mitnichten. Das Zitat ist knapp vierzig Jahre alt und stammt von Jean Foyer, dem ehemaligen französischen Justizminister. Der Glaube, die Paraderolle der Frau sei die der Mutter, hält sich hartnäckig. Eine Frau, die nach 14 Wochen Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten geht, muss sich vorwerfen lassen, eine Rabenmutter zu sein. Sie stillt ihr Kind nicht mindestens sechs Monate? Egoistin! Für viele Arbeitgeber sind Frauen zwischen 20 und 35 eine wandelnde Zeitbombe, die jederzeit befruchtet werden kann. Warum also Geld und Zeit investieren? Vielleicht, weil nicht jede Frau ein Kind will. Oder mit 25 noch keinen Gedanken daran verschwendet und nicht dafür bestraft werden sollte, dass sie das Potenzial zur Schwangerschaft hat. Naturgemäss nimmt eine Schwangerschaft die Frau und nicht den Mann

Ausstellung Damenstammtisch .am. Fumetto, Luzern 24. M A rz bis 1. April 2012

in die Pflicht, doch warum muss das auch nach der Geburt gelten? Wieso bedeutet in vielen Fällen Mutter zu sein beruflich zu stagnieren? Es reicht wohl nicht, dass typische Frauenberufe noch immer schlecht bezahlt sind und die Lohnunterschiede ansteigen, je besser eine Frau ausgebildet und je höher und anspruchsvoller ihre Stellung ist. GLEICH GESTELLT, NICHT GLEICH SEIN Immer wieder ist zu hören, der Feminismus habe ausgedient, Frauen hätten heute die gleichen Rechte wie Männer. Zwar mögen wir auf dem Papier die gleichen Rechte haben, doch gleichgestellt sind wir nicht. Der Feminismus hat nicht ausgedient. Vielleicht braucht er aber eine neue Zielformulierung. Gleichstellung bedeutet nicht, beide Geschlechter gleich machen zu wollen. Es geht nicht darum, Frauen zu Männern werden zu lassen, oder Männer zu bekämpfen. Es geht um gleiche Chancen, um Fairness. Das ist doch nicht zu viel verlangt.

Neue feministische Literatur Warum arbeitet eigentlich Michèle Obama nicht? fragt sich Autorin Michèle Roten in ihrem neuen Buch «Wie Frau sein». Sie hält darin Gedanken, Gespräche und Beobachtungen rund um den Feminismus und das Frauen-Dasein fest. Sie stellt viele Fragen, lässt die Antworten aber offen. Dafür sei das Buch auch nicht gedacht, schreibt sie. Dieses Konzept vermag nicht wirklich zu befriedigen. Wenn auch kurzweilig verfasst, erfährt man dennoch nicht viel Neues. Doch wem Michèle Rotens Kolumne im «Magazin» gefällt, wird Spass an ihrem neuesten Werk haben. Michèle Roten: Wie Frau sein. Echtzeit Verlag 2011, 140 S., Fr. 29.90 / 22,00 Euro.

strapazin-das comicmagazin www.strapazin.ch

Weitere Links zum Thema: www.maedchenmannschaft.net www.maedchenblog.blogsport.de www.feminismus-netzkultur.de

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Frankoskop

FRANKOSKOP Ein Leben zwischen Erfolg und Verfolgung – dieses Jahr feiern wir den 300. Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau. von Ernst Schmitter

März 1728. Der 16-jährige Druckerlehrling Jean-Jacques Rousseau hat einen Nachmittag ausserhalb seiner Heimatstadt Genf verbracht. Er kehrt zurück, ist nicht verspätet. Das Stadttor kann noch nicht geschlossen sein. Aber es wird knapp! Jean-Jacques ruft laut, man möge ihn noch einlassen. Vergeblich! Die Brücke hebt sich langsam, das Tor geht zu. Jean-Jacques wird am nächsten Tag wieder Prügel kriegen, wie es ihm schon zweimal passiert ist. Zum Teufel mit der Druckerlehre und mit seinem brutalen Lehrmeister! Kurz entschlossen kehrt er Genf für immer den Rücken und wandert südwärts. Ein katholischer Dorfpfarrer nimmt ihn freundlich auf. Er gibt ihm reichlich zu essen, beherbergt ihn und schickt ihn nach Annecy zu Madame de Warens. Diese kümmert sich im Auftrag des Königreichs Sardinien um die Beherbergung und Bekehrung junger Protestanten. Zu Rousseaus Überraschung ist sie keine alte «Sakristeiratte», sondern eine blühende 29-jährige Frau. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick. Dass daraus eine lange und qualvolle Liebesgeschichte werden wird, ahnt er noch nicht. *** Oktober 1749. Er verkehrt in Paris in den Kreisen der aufklärerischen Autoren rund um die «Encyclopédie». Sein Freund Denis Diderot hat einige subversive Texte geschrieben und sitzt deswegen in Vincennes im Gefängnis. Rousseau will ihn besuchen und ist zu Fuss von Paris her unterwegs. Er hat die letzte Nummer des «Mercure de France» bei sich und blättert auf seiner Wanderung darin. Da fällt sein Blick auf eine Frage: «Haben die Wissenschaften und die Künste uns zu besseren Menschen gemacht?» Die Frage ist zum Wettbewerb ausgeschrieben. Wer sie am überzeugendsten beantwortet, bekommt von der Akademie in Dijon einen Preis. Rousseau steht da wie vom Blitz getroffen. Die Einfälle jagen sich in seinem Kopf. Er ringt nach Atem, sein Herz klopft wie verrückt, ihm wird schwindlig. Wie er sich wieder gefasst hat, stellt er fest, dass seine Jacke von Tränen

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nass ist. Nein, der zivilisatorische Fortschritt ist kein moralischer Fortschritt! Das ist die Erleuchtung, die er da erfährt. In Vincennes angekommen, erzählt er Diderot davon. Sein Freund macht ihm Mut. «Schreib auf, was du erkannt hast!» Rousseau macht sich an die Arbeit – und gewinnt den Preis! Von jetzt an ist er ein berühmter, bewunderter, aber auch gefürchteter und gehasster Autor. *** Juni 1762. Er lebt jetzt in Montmorency, nördlich von Paris. Eines Nachts wird er um zwei Uhr morgens geweckt. «Erschrecken Sie nicht!», flüstert La Roche, ein Diener seiner mächtigen Freunde Monsieur und Madame de Luxembourg. «Lesen Sie diese Briefe. Selbst der Prince de Conti, Cousin des Königs, kann Ihre Verhaftung nicht mehr verhindern. Kommen Sie rasch ins Schloss. Madame und Monsieur erwarten Sie.» Was hat den Zorn der Gerichte und der Kirche erregt? Warum muss Rousseau flüchten? Er hat in seinem pädagogischen Werk «Emile» seine Religion beschrieben; und die lässt sich nicht mit den katholischen und protestantischen Dogmen seiner Zeit vereinbaren. Und er hat im «Gesellschaftsvertrag» eine freiheitliche Staatsordnung entworfen, die für die Monarchie ein Todesurteil bedeutet. Im Schloss bespricht er sich nachts mit seinen adligen Beschützern. Es bleibt ihm keine Wahl. Er muss Frankreich verlassen. Mit Monsieur de Luxembourg sortiert er Dokumente, Papiere und Briefe. Unnötiges und Kompromittierendes wird verbrannt. Luxembourg stellt ihm Pferde und eine Kutsche samt Kutscher zur Verfügung. Thérèse, seine Lebensgefährtin, wird den kleinen Haushalt auflösen und ihm später nachfolgen. Sie ist untröstlich, aber tapfer. Luxembourg, totenbleich, begleitet Rousseau durch den Park bis zum Ausgang. Er weiss es, der Abschied ist endgültig. Die beiden umarmen sich lange. Dann besteigt Rousseau den Wagen. Kaum hat er Montmorency verlassen, kreuzt er eine Karosse. Vier schwarz gekleidete Männer grüssen


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höflich herüber. Es sind die Gerichtsdiener, die ihn verhaften sollen. Haben sie ihn erkannt? Jedenfalls kann er unbehelligt fliehen. Nach einigen Tagen erreicht er die Schweizer Grenze. Er lässt anhalten und in einer Gefühlsaufwallung, die für ihn typisch ist, lässt er sich zu Boden fallen und küsst die «Erde der Freiheit». Er ist in der Schweiz angekommen, wo er mit Thérèse die folgenden drei Jahre verbringen wird. Aber die Schweiz wird für ihn nicht die Erde der Freiheit sein. *** Er glaubt oft, den idealen Aufenthaltsort gefunden zu haben. Doch schon nach kurzer Zeit belehren ihn die Umstände eines Besseren. So auch im Herbst 1765 auf der Petersinsel. Er hat mit Thérèse aus Môtiers im Val de Travers flüchten müssen, wo der Dorfpfarrer die Bevölkerung gegen ihn aufgebracht hat, und hofft, auf dieser Insel bleiben zu können. In was für ein Paradies ist er da unversehens geraten! Er macht Spaziergänge, studiert die reiche Pflanzenwelt, fährt in einem kleinen Boot auf den See hinaus und lässt sich von den sanften Wellen in den Halbschlaf schaukeln. Er kann sich nichts Schöneres wünschen, als seinen Lebensabend hier zu verbringen. Aber das Glück dauert nur sechs Wochen. Denn die Insel ist bernisches Territorium. Und wie fast alle europäischen Staaten sieht auch Bern in Rousseau einen gefährlichen Aufrührer. Er muss weg, und zwar sofort! So gelangt er auf einer langen Reise von der Petersinsel nach England. Der Philosoph David Hume kümmert sich persönlich um sein Wohlergehen. Aber Rousseau hält es in England nicht aus. 1767 kehrt er heimlich nach Frankreich zurück, wo die Behörden nun seine Gegenwart dulden. Er ist körperlich und seelisch krank, sieht sich als Opfer einer geheimen Verschwörung. Im Jahre 1778 stirbt er in Ermenonville, nördlich von Paris.

*** Er ist zu Lebzeiten und nach seinem Tod oft und gründlich missverstanden worden. Und der Grundgedanke seines Werks, den er in vielen Abwandlungen immer wieder vertreten hat, ist tatsächlich nicht leicht zu verstehen: Wir wissen nicht, wie der Mensch war, bevor ihn die Zivilisation zu dem barbarischen Egoisten gemacht hat, als der er uns im 18. Jahrhundert begegnet. Aber wir können in Erziehung, Gesellschaft und Politik versuchen, ihm eine Chance zu geben: die Chance, endlich das freie, friedfertige, gesellige und liebenswürdige Wesen zu werden, das Gott gemeint hat, als er den Menschen schuf. Was für eine Kulturrevolution ist in diesem Gedankengang angelegt! Grund genug, in diesem Jahr den 300. Geburtstag des Mannes zu feiern, der ihn vertreten hat. *** Das Rousseaujahr 2012 gibt Anlass zu vielen Ausstellungen, Artikeln, Vorträgen, Konferenzen und Theateraufführungen. Mein Tipp an Leute, die sich für Rousseaus Leben und Werk interessieren: Reisen Sie in der Schweiz und im angrenzenden Frankreich auf Rousseaus zahlreichen Spuren. Lassen Sie sich zum Beispiel in Genf im Espace Jean-Jacques Rousseau in einer halbstündigen mehrsprachigen Videoschau durch Leben und Werk von Rousseau führen. Sehen Sie sich auf der Petersinsel in der Wohnung um, die er mit Thérèse bewohnte. Besuchen Sie das Rousseaumuseum in Môtiers und die hübsche Salle Rousseau in der Bibliothek von Neuchâtel. Und dann: retour à la nature! www.rousseau300.ch Raymond Trousson: Jean-Jacques Rousseau. Presses Paris Sorbonne 2000, 631 S., gut geschriebene, detailreiche Rousseau-Biografie (französisch).

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Horizonte erweitern

Verstrickungen, sichtbar für kurze Zeit «Alles ist verbunden», sagen Menschen, die nach innen schauen. «Alles ist miteinander verstrickt» sagt der Blick in die Welt wie sie heute ist. Verstrickungen sind denn auch das Thema der 37jährigen Berliner Künstlerin Susanne Hanus, die seit 2000 öffentliche Orte in zahlreichen Ländern unangemeldet mit farbigen Wollfäden vernetzt und so verborgene Beziehungen und Abhängigkeiten sichtbar macht. Für Susanne Hanus ist interessant, wie die Fäden einen Ort neu gestalten, aber auch wie die Passanten darauf reagieren. Positiv überrascht waren auch die Leute in Solothurn, wohin Susanne Hanus für drei Monate als «Artist in Residence» eingeladen wurde. «Cool» fanden sie die rote Verstrickung auf dem Friedhofplatz

und blieben nachdenklich stehen. Auch der Polizei, die unverzüglich mit zwei Männern und einer Frau ausgerückt war, gefiel die Verstrickung. Aber das sei nur ihre persönliche Meinung, betonten sie und bestanden darauf, das unbewilligte Werk sei zu entfernen. Zwei Stunden nach seiner Entstehung musste Susanne Hanus deshalb die Schere zücken und die Verstrickungen dieser Welt wieder zurück ins Unterbewusstsein befördern. Dort ruhen sie in Unfrieden, bis sie endgültig sichtbar gemacht und aufgelöst werden. CP Über Das Werk von Susanne Hanus ist im Plöttner-Verlag eine Monographie erschienen: «Fremd und vertraut», Plöttner-Verlag 2009, 141 S., Fr. 21.90 / 15,00 Euro

Selbst ist der Gast Wer in der Kultur- und Ferienstiftung Salecina bei Maloja Ferien macht, liegt nicht nur auf der faulen Haut und geniesst die herrliche Umgebung. Hier organisieren sich die Gäste selbst, um all jene Dinge zu tun, damit man sich im Haus wohl fühlt. Ein Putzplan sorgt für Sauberkeit, der Menüplan garantiert gutes Essen, gekocht wird auch gleich selber, ebenso wie hinterher abgewaschen und aufgeräumt. Nach dem Prinzip der Freiwilligkeit werden Arbeiten unter den Gästen verteilt, jeder trägt etwas zum Wohle aller bei – und tut es in der Regel gerne. Sogar Umbauten wurden fast alle in Eigenarbeit geleistet. Dass die Selbstverantwortung seit 1972 funktioniert, wird vom 22. bis

Lebendiger Asphalt Schon als Kind war der Berner Menel Rachdi von scheinbar bewegten Mustern auf Gartenzäunen und Backsteinmauern fasziniert. Und die Begeisterung hat angehalten: Heute malt der 39-jährige Künstler mit Schulklassen Filme auf Asphalt. Indem man sich über die Muster auf der Strasse bewegt – ideal mit 5 bis 7 km/h – und die Augen auf den Boden richtet, läuft ein Film unter den Füssen. Vom flinken Fussgänger über den

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Skateboard-Fahrer kommen so verschiedene Menschen mit dem ca. 500 Meter langen Asphalt-Kino in Kontakt. Bevor es soweit ist, entwerfen die Schüler ihre Muster auf Papierstreifen, die wirksamsten davon werden dann auf der Strasse mit dauerhafter Strassenmarkierungs-Farbe realisiert. Das nächste «AsphaltKino» startet im Frühling 2012 im Zeughaushof Zürich. BM Kontakt: Menel Rachdi, Tel. 062 962 24 40, www.menel.ch

24. Juni 2012 mit einem Fest gefeiert. Um alle Gäste aufnehmen zu können, dürfen sie auch um das Haus zelten. Kostenlose Workshops zu Themen wie «alternative Ökonomie», «gut leben statt viel haben» stehen neben einer Flora-Wanderung, Lesungen, Podiumsdiskussionen und Musik auf dem Programm. Also, Zelt packen und los geht’s! BM Salecina, Maloja, Tel. 081 824 32 39, www.salecina.ch Tipp: Filmvorführung von «Salecina – Von der Weltrevolution zur Alpenpension?» am 3. März 2012 um 19.30 Uhr in Baurestaurant Mabuhay in der Giesserei Winterthur. Davor gibt es Bündner Essen, anschliessend ein Podiumsgespräch mit Jürg Frischknecht (Salecina), Reto Padrutt (Filmemacher) und Jürg Altwegg (Giesserei). Anmeldung: Tel. 052 222 72 63, info@kuengcoach.ch


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Agenda 11. März 2012

MenschenStrom www.menschenstrom.ch

28. März 2012

Braucht der Mensch KPL5H[\YVKLY IYH\JO[KPL5H[\YKLU Menschen

Vortrag von Martin Ott, Demeter-Bauer am Mittwoch, 28. März 2012 um 19:15 Uhr St. Gallen, Christengemeinschaft, Hinterlauben 6 Veranstalter: Konsumentenverein St.Gallen www.konsumentenverband.ch

14. April 2012

Safe-Seminar: 5L\[YPUVWV^LY¶ Grundlage für die Energie der Zukunft? Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr.-Ing. Konstantin Meyl Rest. Weisser Wind, Zürich, 10 – 16 Uhr www.safeswiss.ch/veranstaltungen

20. bis 22. April 2012

McPlanet.com 2012 Bitte wenden! Wege in die Nachhaltigkeit

Technische Universität Berlin Globalisierungskritischer Kongress zu Gemeingütern, Energiewende, Landwirtschaft und Lebensstilfragen. Im Vorfeld von Rio+20. Mission: «Occupy Sustainable Development»

Am 11. März 2012 jährt sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum ersten Mal. Ein Datum um zusammenzukommen und sich bewusst zu machen, welches Leid und welche Risiken unvermeidbar mit der Nutzung der Atomenergie verbunden sind. Deshalb soll der nächste MenschenStrom am 11. März 2012 stattfinden.

In der Tradition des MenschenStrom gegen Atom plant die Vorbereitungsgruppe einen Marsch in der Umgebung eines Schweizer Atomkraftwerkes. 2012 soll es in den Kanton Bern, genauer in die Umgebung des Atomkraftwerks Mühleberg gehen. Sonntag, 11. März 2012 – am Jahrestag der Nuklearkatastrophe von Fukushima

Martin Ott Kaum jemand kann so faszinierend über Kühe erzählen wie Martin Ott. Der Mitbetreiber des Hofes «Fintan» in Rheinau (ZH), einer der grössten Biobetriebe der Schweiz, ist dort zuständig für eine Herde von über hundert Stück Rindvieh. Der Meisterlandwirt, Sozialtherapeut und Liedermacher betreibt zum Teil gemeinsam mit Wissenschaftlern seit langem Kuh-Verhaltensstudien.

Wie er mit Kühen «spricht», wie Kühe untereinander kommunizieren, wie sie in der Therapie von behinderten Menschen eingesetzt werden, wie sich ein gutes Mensch-Kuhverhältnis auf Milchmenge und die Gesundheit auswirken, das sind nur einige der spannenden Geschichten in diesem «Doppelpunkt» von Schweizer Radio DRS1 und DRS2.

Die Energiefrage ist brisanter denn je. Dringend müssen neue Energieträger gefunden werden. Prof. Meyl befasst sich schon seit 20 Jahren mit einer überall und jederzeit in beliebiger Menge verfügbaren Energieressource: Neutrinopower. Schon vor 100 Jahren hat Tesla eine damals unbekannte kosmische Strahlung energetisch genutzt. 1936 vermutete Pauli beim Betazerfall ein masseloses und ladungsfreies, aber energietragendes Teilchen und benannte es Neutrino. Nach heutigem Wissen ist das Neutrino eine überall im Kosmos in grosser Menge vorhandene Strahlung, deren Existenz seit der

Vergabe des Nobelpreises 2002 an zwei Neutrinoforscher von der Schulphysik auch nicht mehr in Zweifel gezogen wird. Die heutige Physik kann zwar die Tatsache, dass Neutrinos eine Energiequelle darstellen, nicht leugnen, dennoch geht sie überwiegend davon aus, dass wegen der geringen Wechselwirkung eine technische Nutzung zur Zeit nicht vorstellbar sei. Doch der Erdkern macht uns vor, dass dem nicht so ist (vgl. Film über die wachsende Erde «Und sie bewegt sich doch!» You Tube). Seine Erkenntnisse, die der Vortragende in gut verständliche Zusammenhänge stellt, machen uns Mut für die kommenden Zeiten!

McPlanet.com macht Mut zum Einmischen: Wie bekommen wir die demokratische Kontrolle über die Wirtschaft? Wo liegen die Stellschrauben für eine wirklich andere Welt? Wie werden aus vielen alle? Was kannst Du tun?

McPlanet.com hinterfragt eigene Wahrheiten: Kann die ökologische Landwirtschaft 9 Mrd. Menschen ernähren? Ist eine Vollversorgung mit 100% erneuerbaren Energien dezentral und konfliktfrei möglich? Lügen wir uns mit dem ökologisch-fairen Konsum nur in die Tasche? Und was hat eigentlich in Zeiten historischer Wirtschaftskrisen der Markt noch in der Umweltpolitik verloren?

McPlanet.com zieht schonungslos Bilanz: Warum steht die Politik der nachhaltigen Entwicklung 20 Jahre nach Rio mit leeren Händen da? Wie steht es um die drängenden sozialen und ökologischen Probleme unserer Zeit? Ist eine «Green Economy» genug?

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Wohnen Bei uns wird im Frühling 2012 ein WG-Platz frei. Wir, drei aktive und engagierte Frauen zwischen 53 und 67, leben seit drei Jahren in einer Wohngemeinschaft in Winterthur in der Überbauung Sidiareal, www.sidiareal.ch. Dort haben wir eine grosse, schöne 10-Zimmer-Wohnung gemietet. Da uns eine Mitbewohnerin verlässt, suchen wir eine neue vierte Person über 50, die gerne mit uns zusammenwohnen möchte. Jede Person hat zwei eigene Räume, daneben gibt es zwei grosse gemeinsame Wohn- und Essbereiche, zwei Loggias und eine grosszügige Küche. Bei Interesse melden unter mccammon.rita@bluewin.ch Achtsame Familie mit 4 jähriger Tochter und 1 jährigem Sohn sucht in Solothurn ein bescheidenes und kinderfreundliches Haus (oder eine Wohnung) mit Garten zum mieten. Wir sind dankbar für jeden Hinweis. B.Salzmann 043 243 38 06 oder bid11@orangemail.ch

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Wir verlosen 5 Exemplare von «Mein Herz steht Kopf» Erinnern Sie sich an unser letztes Titelbild? Es stammt von Ann-Kathrin Busse. Von der Illustratorin sind gerade vier Werke in den Schweizer Buchhandel gekommen, darunter «Mein Herz steht Kopf», 20 illustrierte Liebesgedichte verschiedener Schriftsteller. Das Buch besticht mit frecher, witziger, aber auch sehnsüchtiger Lyrik und richtet sich laut Ann-Kathrin «an ein denkendes Publikum». An Ideen fehlt es der Künstlerin nicht. Genauso wenig an Techniken: Von Airbrush, Öl, Acryl, Aquarell, Pastell, Buntstift, Tusche zur digitalen Bildbearbeitung beherrscht sie alles. Seit 1991 arbeitet Ann-Kathrin in der Nähe von Karlsruhe als freie Illustratorin und Malerin. Sie schafft es, eine einfühlsame Symbolsprache zu finden und in ihren Bildern das Gefühl des Verliebtseins wiederzugeben. Ein berührendes Buch zum Schauen, Lesen. Schwelgen und Schmunzeln.

Ausschnitt aus «Mein Herz steht Kopf»:

Privat-Telegramm (von Joachim Ringelnatz)

Unsere Kasse darf leer sein, Doch dein Herz darf nicht schwer sein. Jedes entschlüpfte harte Wort Von mir, – streichle du sofort! Und rate mir in gleichem Sinn!!! Jedes Schmollschweigen tobt ohne Sinn Hetzerisch durch die Brust. Ärger ist stets Verlust Und Verzeihung ist immer Gewinn. Unser beider Herzen mögen schwer sein Durch gemeinsames Missgeschick. Aber keine Stunde zwischen uns darf liebesleer sein. Denn ich liebe dich durch Dünn und Dick.

Ann-Kathrin Busse: Mein Herz steht Kopf. 20 illustrierte, feinsinnige Liebesgedichte von Peter Cornelius bis Edo Zanki. Patmos-Verlag 2012, 44 S., Fr. 25.90 / 17,90 Euro.

Wir verlosen 5 Exemplare von «Mein Herz steht Kopf». Senden Sie uns bis am 25. März die Postkarte von der Umschlagseite oder eine E-Mail an mail@zeitpunkt.ch mit Ihrer Adresse und Telefonnummer. Die Gewinner werden benachrichtigt.

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Brennende Bärte

BRENNENDE BÄRTE «Der Prozess, mit dem Banken Geld schöpfen, ist so einfach, dass sich der Verstand dagegen wehrt.» Dies stellte der grosse amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith fest. Tatsächlich: Jedes Mal, wenn eine private Bank einen Kredit vergibt, schöpft sie neues Geld und die Geldmenge steigt. Schulden sind Geld. Deshalb soll man sie auch nicht zurückzahlen, sondern nur Zins leisten.

Motto: Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen. Lichtenberg

Gerhard Wisnewski: Verheimlicht, vertuscht, vergessen – was 2011 nicht in der Zeitung stand. Knaur, 2012. 360 S., Fr. 12.50 / 8.- Euro

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Gegen die private Geldschöpfung aus dem Nichts wehrt sich nicht nur der Verstand, auch die Massenmedien haben sich bisher standhaft dem Thema verweigert. Aber der Wind hat gedreht. Zum einen interessieren sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger für die tieferen Ursachen der Finanzkrise, die Regierungen und Banken seit Jahren nicht lösen können. Da liegt der Verdacht nahe, dass sie einfach an den Ursachen vorbei agieren. Zum anderen hat sich die Occupy-Bewegung dieser Achilles-Ferse unseres Geldsystems angenommen und erreicht damit, was den Geldreformern vor ihnen verwehrt blieb: die Massenmedien. Am 5. Februar griff sogar das Zentralorgan der europäischen Hochfinanz, die Frankfurter Allgemeine Zeitung das Thema auf und schrieb: «Nicht nur die Europäische Zentralbank kann Geld schaffen, sondern auch jede ganz normale Bank. Sie schöpft ihre Kredite aus dem Nichts. Aber ist das schlimm, wie Occupy behauptet?» Dann erklärt sie die Geldschöpfung im Detail und bestätigt, dass der grösste Teil des Geldes, nämlich rund 82 Prozent, unbar von den privaten Banken selbst hergestellt werde. Occupy liege schon recht mit ihrer Erklärung, schreibt die FAZ, aber die Wertung sei falsch. Zum Beweis zitiert sie zwei Professoren, einen mit einem von den Banken gesponserten Lehrstuhl, der andere vom «Institute for Monetary and Financial Stability» (IMFS) der Bundesregierung. Die dürfen nicht anders, als das Thema herunterspielen. Aber sie pinkeln gegen den Wind. Derweil wenden die ersten ihren Hals. Einer, der sich besonders gut darin auskennt, ist der ehemalige Gewerkschafter Beat Kappeler, heute Professor und neoliberaler Publizist. In der NZZ am Sonntag schrieb er am 15. Januar unter dem Titel «Wir leiden unter zu wenig Kapitalismus»: «Der Kapitalismus wäre glaubwürdiger, … wenn die Banken kein Geld schöpfen dürften.

Dank dem wären nur wenige Regeln notwendig, die Institute blieben klein und wettbewerbsgehärtet.» Ende der Durchsage. Aber hat sich Beat Kappeler denn schon früher gegen die Geldschöpfung der privaten Banken gewendet? Auf seiner eigenen Website stellt er die Kritik an der Buchgeldschöpfung der Banken zwar vor (ohne Datum), hält sich aber deutlich auf Distanz. Noch im Oktober schrieb er in der NZZ am Sonntag: «Obwohl es unpopulär ist, muss man ihnen (den Protestierenden von Occupy, Red.) sagen, dass sie bei den Banken vor der falschen Tür lärmen.» Und jetzt also die erste vorsichtige Kehrtwendung. Das Positive daran: Beat Kappeler hat auf Seite der Neoliberalen viele Anhänger, alle Besitzer eines Halses. Jetzt müssen wir einfach acht geben, dass sie die Geldreform nicht an sich reissen. Hinterher ist man stets klüger. Das scheinen immer mehr Konsumenten der Massenmedien zu vergessen. Eine Horror-Geschichte rast um die Welt, z.B. ein braunes Killer-Trio mordet jahrelang ungehindert. Innert zwei, drei Tagen sind die Meinungen gemacht, die Schlüsse gezogen. Und wenn dann Ungereimtheiten zutage treten, bringen die Medien sie bestenfalls als Randnotiz. So leben die meisten von uns in einer konstruierten Wahrheit. Wem das nicht behagt, sei die Lektüre des «anderen Jahrbuchs» von Gerhard Wisnewski empfohlen: «Verheimtlicht, vertuscht, vergessen – was 2011 nicht in der Zeitung stand». Noch nie seit dem ersten Erscheinen seines kritischen Jahresrückblicks (2007) gab es ein Jahr mit einem derart hohen Klärungsbedarf wie 2011, schreibt Wisnewki im Vorwort. Dann schreitet er zur Tat und zerpflückt die offiziellen Geschichten der Jasmin-Revolution in Tunesien, des Libyen-Kriegs, Osama bin-Ladens Exekution, des schrecklichen Attentats auf Utøya, Barack Obamas umstrittener Geburtsurkunde und vielem mehr. Überall lauern versteckte Absichten und in den meisten Fällen kommt man zum Schluss: Da ist leider was dran. Ein Buch für Menschen, deren Glauben an die Massenmedien noch zu erschüttern ist. Also nicht für alle. Christoph Pfluger Der Autor spricht über die private Geldschöpfung und ihre Konsequenzen – am 21. März um 20.00 Uhr im Restaurant National in Langendorf/SO und – am 22. März in Zürich (zusammen mit Prof. Philippe Mastronardi). Ort noch nicht bestimmt. Details auf www.zeitpunkt.ch

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Thema: «selber machen!»

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