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A B C D E 35. Schweizer Jugendfilmtage

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2011

Gemauertes Blümchen? Du hältst gerade das Magazin in den Händen, welches auf die Jugendfilmtage zurück blickt. Luzia Tschirky und André Müller

In den letzten Tagen sind unsere Reporterinnen mit Mikrofon und Kamera dem Schweizer Jungfilmnachwuchs auf die Spur gegangen. Film und Schweiz in einem Wort bedeutet schon lange mehr als «Die Schweizermacher» oder «Ueli der Knecht».

Aber das muss man dir vermutlich nicht erzählen. Ansonsten wärst du zu Hause geblieben und hättest auf unsere Umfrage am Hauptbahnhof ebenfalls mit dem Satz geantwortet: «Jugendfilmtage – wieso sollte ich dahin? Es gibt doch schon das Zürich Film Festival». Auch wenn deine Meinung differenzierter ist, hoffen wir sie noch ein wenig stärker zu differenzieren mit Hintergrundberichten zu den Filmtagen, die soeben zum 35. Mal zu Ende gegangen sind.

Die Jugendfilmtage hätten es auf alle Fälle verdient, mit ihren Filmern zu wachsen. Auch wenn im Vorfeld dieses Zürcher Filmfestivals keine Regisseure am Flughafen verhaftet werden. Genauso wie dieses Magazin kein Mauerblümchen–Dasein verdient hat, haben es auch die Schweizer Jugendfilmtage nicht verdient. Davon überzeugen dich die nächsten sieben Seiten. Man wünscht angenehme Lektüre und verabschiedet sich bis zum nächsten Mal.


filiP braams

«Die Kinder sollen sich fühlen wie Filmstars» Statt Deutsch steht in Rotterdam Film auf dem Stundenplan. Vor bald sechs Jahren hat Filip Braams das Filmbildungsprojekt «Hollywood in de Klas» ins Leben gerufen. Die selbstgemachten Filme der Schüler könnten sich sehen lassen, sagt Braams. Céline Graf kommen ins Finale. Dieses Jahr sind neben Rotterdam erstmals andere grosse holländische Städte im Wettbewerb vertreten.

Filip Braams öffnet die Welt des Films für 10- bis 12-jährige Kinder in Rotterdam Foto: Thinh-Lay Tong

Wieso der Name «Hollywood in de Klas»? Die Bezeichnung klingt etwas glamourös. Gute Beobachtung. Den Namen «Hollywood» assoziiert natürlich jeder mit Film. Das war auch das Ziel, als ich 2003 das Projekt startete: Kinder, zwischen zehn und zwölf Jahre alt, an das Filmemachen heranzuführen, ihnen die Grundlagen des Films beibringen – it’s their first taste of film. Andererseits drehten wir, besonders zu Beginn des Projekts, in Gegenden von Rotterdam, wir nennen sie die «Black Schools,» wo viele Kinder aus der Türkei oder Marokko zur Schule gehen. Ein sehr wichtiges Ziel war somit auch, den Kindern ein gutes Gefühl von sich selbst zu geben. Ich möchte, dass sie sich wie ein Filmstar fühlen. Umso besser ist es, den Film in einem richtigen, grossen Kino zu zeigen.

Wahlfächern zwei Jahre lang nach dem regulären Unterricht am Nachmittag statt. 2005 war ich es leid, immer und immer wieder dieselben drei Filme zu machen, die auf meinen Ideen basierten. Also fragte ich die Kinder. Sie hatten so viele einzigartige Ideen für Filme, da startete ich ein Filmfestival.

Wann kamen die Filme vom Klassenzimmer auf die grosse Kinoleinwand? Mein Kurs fand als eines von vielen

Wie wählen Sie die Filme aus, die am Festival gezeigt werden? In der Vorauswahl laufen alle Filme der Schüler im Kino. Die besten

Was wollen die Kinder vor allem erzählen? Horror, Mafia und all das. Ich muss ihnen schon Richtungen vorgeben. Um Ideen zu sammeln, sollen sich die Kinder in der Schule und Umgebung umsehen und interessante Dinge aufschreiben. Das kann vielleicht die verlassene Bahnlinie neben der Schule sein. Dann reflektieren und ergründen sie das Thema mit den fünf W-Fragen, und schon wissen sie ungefähr, welche Geschichte ihr Film erzählen soll.

Möchten Sie mit «Hollywood in de Klas» auf dem internationalen Parkett Fuss fassen? Das ist kein Hauptziel, wäre aber sehr schön. Wir hatten bereits Kooperationen mit Schulen in Belgien. Der Gewinnerfilm läuft ausserdem jeweils am Filmfestival in Tampere, Finnland. Oder, was sogar noch besser wäre, wenn jemand in Zürich einen Film im Format von «Hollywood in de Klas» machen würde: 5 Minuten lang, eine Geschichte von Kindern gemacht. Welche Veränderungen sehen Sie in der praktischen Filmbildung seit 2005? In Holland haben wir Online-Plattformen, auf denen wir Lehrfilme mit anderen Schulen austauschen. Darin spielt ein Schüler mich selbst als Lehrer. Diese Unterrichtsmethode ist für die Schulen günstiger. Ich habe auch festgestellt, dass die Schüler heute mehr über Filme wissen als noch 2005. Kaum jemand hatte zuvor ein Bearbeitungsprogramm gesehen. Das hat sich nicht zuletzt mit dem Aufkommen von Youtube geändert. Seit 2008 vergeben wir dort für den meistgesehenen Film einen Extrapreis. Die Schüler werben mit Flyern für Ihre Werke und verzeichnen so über 300 Klicks pro Tag. Auch in der Filmtechnik hat sich in den letzten Jahren viel getan. Am Anfang arbeitete ich mit einer lustigen Technik, wo die Kinder vor einer selbst gezeichneten Kulisse


filiP braams spielten. Heute benutzen wir sehr kleine Kameras, HD-Qualität, wenig Knöpfe, verlängertes Mikrophon. Es ist cool, wenn du den Kindern einfach eine weniger teure Kamera von besserer Qualität in die Hand drücken kannst und sagen: «Well, dreh eine Szene.» Dann ist es auch nicht so schlimm, wenn eine Kamera einmal kaputt geht. Fahren einige Kinder weiter mit dem Filmemachen, nachdem sie bei «Hollywood in de Klas» reingeschnuppert haben? Dafür ist das Projekt zu kurz. Vielleicht springt der Funke auf ein paar Kinder über, ja. Und die Talentiert-

esten kommen in eine «Film Factory.» geleitet von Rutger Hauer. Er ist der einzige niederländische Schauspieler, der es nach Hollywood geschafft hat. Die Kinder kennen ihn nicht mehr, er ist 67 Jahre alt. Sein Name ist für unser Projekt jedoch enorm wichtig, vor allem, wenn es um Sponsorengelder geht. Unser eigentliches Ziel aber, den Kindern einen Einblick in die Filmarbeit zu geben, ist bereits dann übertroffen, wenn ich sehe, dass 16- oder 17-jährige Kinder auf Youtube einen Kommentar hinterlassen wie: «Weisst du noch, als unser Film damals im Kino gezeigt wurde?»

zur Person Filip Braams Filip Braams studierte audiovisuelle Medienpädagogik. Er ist in der Museumspädagogik und der praktischen Filmbildung tätig und arbeitet auch als Regisseur und Produzent. 220 Kurzfilme sind bis jetzt auf der Homepage seines Schulprojekts «Hollywood in de Klas» verzeichnet. Mit dem 6. Festival diesen Sommer werden es gegen 300 Filme sein.

and the winner is...

«Der werd ich die Fresse polieren!» «Bam Tchak», gewinnt die Kategorie E an den 35. Jugendfilmtagen. Marie-Elsa Sgualdo inszeniert einen Tag aus dem Leben einer jungen Mutter, die von ihrem Mann verlassen wurde. Dabei kreiert sie gemeinsam mit den Schauspielern eine so authentische Stimmung, dass die Aufnahmen genauso gut Szenen aus dem realen Leben sein könnten. Louisa Nelle «Komm schon Mama», Laetitia umklammert die Skistöcke und fährt, einige Meter, dann liegt sie im Schnee. Es ist der Geburtstag ihrer Tochter, an dem Laetitia mit ihren drei Kindern und einer Freundin einen Ausflug in die Berge macht. Mit Beginn des Films ist die Kamera auf das Gesicht Laetitias gerichtet, in dem sich der Frust und die Enttäuschung widerspiegelt. «Der werd ich die Fresse polieren!» Die beiden Frauen beschliessen, am Arbeitsort der neuen Freundin von Laetitias Exmann vorbeizufahren, um dieser so richtig eins auszuwischen. Wobei sich «Bam Tchak» auf das Geräusch bezieht, welches entsteht, wenn man jemanden schlägt. Aufstrebende Regisseurin Marie-Elsa Sgualdo, in La Chaux-deFonds geboren, hat von 2005 bis

Begehrte Auszeichnung - Der springende Panther 2007 internationale Beziehungen in Genf studiert. Während den nächsten drei Jahren besuchte sie die Head (Haute École d’Art et de Design) in Genf. 2010 erhielt sie das Diplom für Regie. Neben einem weiterem Kurzfilm «Vas-y je t’aime», den sie 2009 realisiert hat, hat sie bereits Regisseuren wie Christelle Lheureux oder Delphine Jacquet in verschiedenen Projekten assistiert.

Foto: Tobias Häberli

Das Leben geht weiter Der 15-minütige Film endet mit dem Verzehr der Geburtstagstorte. Die Stimmung ist ausgelassen. Für einen Moment ist der Vater vergessen und auch Laetitia kann ausgelassen lachen. Bis es an der Tür klingelt. So abrupt wie dieser Artikel endet auch der Film, der Fortgang der Geschichte bleibt unbekannt.


showcase I

Die Eltern der anderen An einem Filmfestival für Jugendliche darf ein Thema nicht fehlen: Die Familie. Vier eindringliche Dokumentarfilme zeigen junge Menschen und ihre Familienverhältnisse. Dank erstaunlicher Offenheit und Direktheit der portraitierten Personen wird der Filmnachmittag zu einem intensiven Erlebnis. Tobias Söldi

Menschenmasse im Eingangsbereich

Foto: Jürg Müller

Dass man in einer intakten Familie aufgewachsen ist und lebt, wird einem erst richtig bewusst, wenn man mit dem anderen konfrontiert wird, sei es auch nur im Medium Film. Zerrüttete Verhältnisse, Gewalt und Armut prägen das Zusammenleben dieser Familien und wirken sich auf das Leben der Heranwachsenden aus. Drei Filme, die in diesem Themenblock gezeigt wurden, drehen sich um junge Menschen, die genau einem solchen Hintergrund entstammen: Der eine wurde von seinen Eltern ins Kinderheim gesteckt, der andere wohnt seit der Scheidung der Eltern alleine. Sie können nicht auf den Rückhalt ihrer Familie zählen, den wir wie selbstverständlich hinnehmen. Interessant ist, wie diese jungen Menschen sich oft durch Musik ausdrücken: Danny Crash, so der Künstlername eines Portraitierten, verarbeitet sein Leben in Rap-Texten.

trauen zu den Filmemachern voraus und lässt den Film umso intensiver auf die Zuschauer wirken. Es steckt viel Aufwand dahinter, wie die anwesenden Jungfilmer bestätigen, dafür ist die Belohnung am Ende umso grösser. Was die Filmer ebenfalls bemerken: Hat man einmal am eigenen Leib erfahren, wie viel Vorbereitung und Aufwand hinter einem Film steckt, sieht man sie mit anderen Augen, man erhält eine neue Sicht auf Filme.

Viel Arbeit Erstaunlich offen zeigen sich die Portraitierten. Sie präsentieren sich vor der Kamera wie vor einem guten Freund, lassen sich vom Kamerateam überall hin begleiten: ins eigene Zimmer, zu Freunden, in die Schule. Das setzt ein grosses Ver-

Spannende Dokumentationen Alle die gezeigten Filme sind nüchtern und schnörkellos. Oft sieht man nur die portraitierten Personen, wie sie auf einem Sofa sitzen und zur Kamera sprechen. Ab und zu gibt es einige Aufnahmen mit Freunden, bei Konzerten oder im Ausgang, aber der Fokus liegt eindeutig auf den Geschichten der portraitierten Personen. Zwar sind die Aufnahmen verständlicherweise nicht auf höchstem technischen Niveau, aber das machen die Aussagen wieder wett. Gerade weil es um ein so grosses Thema wie die Familie geht, hängt man den Sprechern geradezu an den Lippen, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Diese Direktheit hinterlässt

einen grossen Eindruck auf die Zuschauer. Anfängliche Vorurteile gegenüber den Hauptpersonen sind am Ende wie verflogen. Es gelingt den Filmen, einem die Personen wirklich näher zu bringen. An dieser Stelle muss man die geschickte Auswahl loben: Die Filmemacher haben oft viel mehr Material, als der Zuschauer schlussendlich zu sehen kriegt. Ihre Aufgabe ist dann die geschickte Auswahl des Materials, so dass man in einer kurzen Zeit ein möglichst umfassendes, differenziertes Bild der Personen präsentiert kriegt. Von der etwas langweilig anmutenden Genrebezeichnung «Dokumentation» sollte man sich also nicht beirren lassen, denn die gezeigten Filme sind spannend und eindrücklich.

filme -Danny Crash (D 2008, Filmgruppe der Willy-BrandtGesamtschule Köln, 13‘, D) -Festung Mülheimer Ring (D 2010, Yasmin Abdellaoni und Joanna Janson, 14‘, D) -Zuhause Woanders (D 2010, Marina Mokou, Marvin Theus und Rubina Venzelmann, 9‘, D) -Familiensache (CH 2010, Sarah Horst, 27‘, D)


urs lindauer

«Eine noch bessere Plattform sein» Urs Lindauer ist seit 2008 bei den Jugendfilmtagen dabei, dieses Jahr debütiert er als deren Festivalleiter. Wir haben ihn zu einem Interview getroffen. Louisa Nelle und Miriam Hetzel

Feuertaufe hinter sich: Urs Lindauer hat die Jugendfilmtage zum ersten Mal geleitet in diesem Jahr. Foto: Louisa Nelle Wie hast du dein erstes Jahr als Festivalleiter erlebt? Es ist eigentlich so verlaufen, wie ich mir das gewünscht habe. Das heisst, wir haben die guten Dinge, welche wir in den Vorjahren erarbeitet haben, weiterziehen und verbessern können. Die Zuschauerzahl und die Qualität der Filme sind gleich geblieben, wie bisher. Mein Fazit ist also positiv. Du hast vor Antritt deines Amtes gesagt, dass es dein Ziel in diesem Jahr sein werde, die gute Arbeit

von Patric Schatzmann fortzusetzen und die Jugendfilmtage im Kalender von Zürich besser zu etablieren. «Glaubst du, dass dir das gelungen ist?» Wir hatten dieses Jahr sicher eine grosse Präsenz mit den Plakaten. Zudem hatten wir zum ersten Mal jemanden, der sich gezielt mit der Presse auseinandersetzte. Auf beides haben wir ein sehr gutes Feedback erhalten. Sich noch mehr im Veranstaltungskalender zu verankern, ist wirklich schwierig und wird auch noch eine längere Ent-

wicklung haben. Aber das Echo in der Presse ist sicherlich grösser geworden. Welches sind deine persönlichen Highlights der diesjährigen Jugendfilmtage? Dass wir es geschafft haben gleichzeitig drei Veranstaltungen -- Wettbewerbsvorstellung, Atelier für Junge und Plakatausstellung -- zu machen und an jeder von ihnen Besucher zu haben, ohne einander innerhalb zu konkurrenzieren. Auch wenn dies nicht so spektakulär klin-


urs lindauer gen mag, aber auf diese Weise haben wir es geschafft, für viele Leute verschiedene Dinge anzubieten und das gleichzeitig.

aber ich denke, es werden kleine Veränderungen sein, wie etwa den Zugang zu den Tickets attraktiver zu gestalten.

Was willst und wirst du im nächsten Jahr anders machen? Was für Veränderungen wirst du vornehmen? Beibehalten werden wir sicher die Wiederholungsvorstellungen der Wettbewerbskategorien, das hat sich dieses Jahr bewährt und ist für den Zuschauer von Vorteil. Ich bin noch nicht so weit in der Planung,

Worin siehst du die Zukunft des Festivals? Die Zukunft der Jugendfilmtage ist, dass wir den jungen Filmemachern und -macherinnen eine noch bessere Plattform sind. Dass wir den Austausch zwischen ihnen noch mehr anregen können durch unser Festival und durch unsere Arbeit. Die Zukunft liegt bei den jungen

Filmern und das wollen wir fördern. Steckt ein verbindender Gedanke hinter dem Plakat und den Jugendfilmtagen? Meine verbindende Idee zum Film und auch die der Grafiker war, dass das Bild inszeniert ist und die meisten Filme sind ja inszeniert. Man sieht ganz klar, dass das Bild inszeniert ist. Der Mensch auf dem Bild lacht in die Kamera, zeigt die Zähne und ist angemalt. Ausserdem ist er ein Jugendlicher. Also für mich ist diese Verbindung ziemlich zentral.

GiPsYPolkadisco

Musikalischer Striptease «Palkomuski» spielten Donnerstagnacht im Stall 6 an der Releaseparty des polnischen Spielfilms «All that I love.» Wummernde Bässe, zappelnde Beine und viel nackte Haut: Gipsypolkadisco nennt das die Band. Sara Lisa Schäubli Was tut der Typ mit dem Kräuselkopf? Er scheint ziemlich besoffen zu sein, so wie er rumtorkelt. Moment – jetzt steigt er auf die Bühne. Das kann ja heiter werden. Heiss wie kochend Wasser Die fünf Herren von Palkomuski lassen zwar einige Zeit auf sich warten, dafür fahren sie nachher umso furioser ein. Angezogen, als seien sie blindlings in ein Brockenhaus gelaufen und hätten sich die erstbesten Stücke gekrallt, stürmen sie die Bühne und legen ohne jegliche Floskeln gleich los. Der sorgfältig platzierte Zylinder des Frontsängers Baptiste Beleffi bleibt dann auch genau bis nach dem ersten Lied auf dem Kopf. Danach stehen seine Haare ungebändigt in alle Richtungen ab. Der Funke springt sofort über. Das Publikum hüpft wie ein Sack voller Flöhe. Der Stall fängt an zu brodeln. Gipsypolkadisco Gipsy, Polka und Disco – diese Be-

griffe reichen aus, um Palkomuski zu beschreiben. Die fünf Musiker haben sich ganz der Musik des Ostens verschrieben und interpretieren diese musikalische Tradition auf ihre eigene, verrückte Art neu. Die Bandmitglieder sind schon länger Weggefährten. Matthias Honegger am Bass und an der Klarinette, der Schlagzeuger Dominic Damonte, Keyboarder und Sänger Baptiste Beleffi, sowie Luca Ramella mit der Ukulele spielten jahrelang in der HipHop-Formation Vizioso mit. Mario Scarton schliesslich trägt mit seinem Akkordeon zum unverkennbaren Gipsy-Sound bei. Ausser Rand und Band «I wanna fly to the moon!» schreit Beleffi und das Publikum glaubt’s aufs Wort, so wie er akrobatisch auf einem Bein auf dem kleinen Melkstuhl balanciert. Klar ist auf jeden Fall, dass «The Fire» die Energie einer Rakete besitzt. Je weiter der Abend fortschreitet, desto nackter wird das

Musik im Morgenmantel. Bild: zVg ganze Bühnenbild. Bei jedem Lied fliegt ein weiteres Kleidungsstück in die tobende Menge, einem musikalischen Striptease gleich. Es scheint Palkomuski völlig egal zu sein, was alle anderen von ihnen denken. Sie sprechen ihre eigene Sprache und das ist vor allem die Sprache des Körpers. Am Schluss wird dann die Selbstinszenierung in Form von perfektem Chaos doch etwas zu viel und wir verlassen den Stall, während Ekstase weiter durch unsere Venen pumpt.


orson the kid

Die Siebensachen zum Filmemachen Villa Orson. Ein Name für ein Haus, das noch leer steht. Noch. Dereinst soll es die Schülerinnen und Schüler der spanischen Filmschule «Orson the Kid» beherbergen. Ein Musterbeispiel der praktischen Filmbildung. Céline Graf

Die 17-jährige Kunstschülerin Amay Abella arbeitet bereits am nächsten Kurzfilm. Foto: Thinh-Lay Tong Amay Abella knipst den Eingang zum Kinosaal A. Drinnen läuft der Film «This is me», zu dem sie das Making of gedreht hat. Fotografiert hat die 17-jährige Kunstschülerin schon immer gerne, bald einmal hat sie sich auch im Filmen versucht. Das Handwerk lernt sie an der Filmschule «Orson the Kid» in Madrid. Rund 100 Jugendliche besuchen jährlich die Seminare, Kurse und Sommercamps der Filmschule, die zurzeit noch in der Schweizer Schule in Madrid untergebracht ist. Mit Unterstützung von professionellen Filmschaffenden haben so über 1000 Jugendliche 40 Kurzfilme und drei Spielfilme realisiert, seit «Orson the Kid» zur Jahrtausendwende gegründet wurde. Es ist die erste ihrer Art in Spanien, eine der ersten in Europa. Nicht einfach drauflos gefilmt – und geschaut «This is me» ist der neuste, ein Thriller, der die Menschenrechte thema-

tisiert. In der Uno in Genf kam er ebenfalls zur Aufführung. «Konflikte, Familie, Liebe, Politik: Es sind universelle Themen, die die Jugendlichen beschäftigen.» Jorge Virosa ist Schulleiter von «Orson the Kid». Der Regisseur und Produzent hat vor zehn Jahren in Madrid gemeinsam mit dem Zürcher Adrian Lipp die Filmschule aufgebaut. Mit der Ausbildung sprechen sie bewusst junge Menschen an: «Das Kino vereint verschiedene Künste, verschiedene Berufe, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, sich zu entwickeln.» So können sie ihre Emotionen, Ideen und Gedanken in Bildern ausdrücken. «Ich habe einfach mal drauf los gefilmt», erinnert sich Amay Abella an ihre ersten Versuche mit der Kamera zurück. Der Gedanke scheint sie zu amüsieren. Später möchte sie einmal eine Filmschule im Ausland besuchen, Viele ehemalige Schüler tun es ihr gleich. Bei «Orson the Kid» hat Abella gelernt, mit der Technik richtig umzugehen. Und wie man den berühmten roten Faden in ein Drehbuch bringt, Schnitt und Ton abstimmt und so weiter – all die Siebensachen eben, die es zum Filmemachen braucht. «In meinem Freundeskreis bin ich die einzige, die sich für das Produzieren von Filmen interessiert.» Aber bueno, die anderen schauten Filme halt lieber zur Unterhaltung. Geht Amay Abella ins Kino, beobachte sie das Geschehen auf der Leinwand genau. «Filme können Menschen manipulieren.» Auch Adrian Lipp hält angesichts des hohen Fernsehkonsums bei Kindern und Jugendlichen mehr praktische Filmbildung für unverzichtbar, «und ganz klar auch im normalen Schulunterricht.»

Viel unterwegs Die Schulung der Augen, Theorievermittlung und praktische Übungen bilden bei «Orson the Kid» das Grundgerüst. Der nächste Schritt sind die eigenen Filmproduktionen, die in Spanien, Südamerika sowie in anderen Ländern Europas gedreht, und schliesslich an nationalen und internationalen Filmfestivals gezeigt werden. Der Aufwand sei gross, das Budget klein, so Jorge Virosa. Die Filmförderung tue sich schwer, «wie immer, bei nicht kommerziellen Filmprojekten mit Jugendlichen». Die Schule finanziert sich vor allem über Sponsoren und Kursgebühren. Ein grosser Teil davon fliesst in die Technik. Denn es sei wichtig, «dass das Endresultat der Geschichte sehr gut begleitet wird vom technischen Teil», erklärt Virosa, der Regisseur, am Beispiel von «This is me». Der Film spart nicht an Actionszenen. Die Arbeit mit Jugendlichen unterscheide sich eigentlich nicht von derjenigen mit Erwachsenen, meint Virosa. Okay, die kleinere Erfahrung vielleicht, und dass er viel öfter «Silencio» sage, Ruhe. «Die Kinder sind wirklich motiviert», sagt Laia Lipp, die Tochter von Adrian Lipp. Die beiden folgten mit Jorge Virosa, Amay Abella und Freunden der Einladung an die Jugendfilmtage. Überhaupt reisen «Orson the Kid» viel in der Weltgeschichte herum. Zum Drehen, an Festivals und Ausstellungen, zur Vernetzung. Bald präsentieren sie auch ein neues Lehrbuch. Nächsten Januar soll die Reise nach Uruguay gehen. Mit Sack und Pack. In dem Land, wo Mitgründer Jorge Virosa ursprünglich herkommt, hat die Villa Orson ab Januar des nächsten Jahres einen festen Platz.


umfraGe «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?» Schon im Vorfeld des Festivals sorgte ein Thema für hitzige Diskussionen: das Sujet der Werbeplakate für die Jugendfilmtage. Darauf zu sehen ist ein schwarz angemalter Jugendlicher, dessen gefletschte Zähne und weit aufgerissenen Augen sich leuchtend weiss vom Rest des Körpers abheben und der den Betrachter bedrohlich anzublicken scheint. Louisa Nelle und Miriam Hetzel Nun, ein Bild sagt soviel, wie seine Betrachter darin erkennen. Tink.ch begab sich vor Ort und befragte Besucher der Jugendfilmtage nach ihrer Meinung zum Plakat.

«Sehen Sie eine Verbindung zwischen dem Plakat und den Jugendfilmtagen und macht Ihnen das Plakat Lust, das Festival zu besuchen?» ht h üric at spric Z s u h ak 7) a re ic s Pl er (5 bin, da kat wä mant t u h sS Pla il ich je .» Han z ehrlic n dem e at n e r, w a ht h e g ch g an, we n hi gemac i i b n h n «We h nicht men. Ic en Film in e mic gekom r , de t nich kenne n de

Frau Schütz (50) aus Zürich at hat «Nein, das Plak macht ge st Lu e mir kein ge zu die Jugendfilmta re ein wä besuchen. Es men. m ko zu t Grund nich !» us Das ist Rassism

Marco Sutter (24) au s Zürich «Mich spricht es au ch nicht wirklich an. Ich finde das Layout noch läs sig, aber das Motiv darau f… ich weiss nicht gena u, was es aussagen wil l. Man verbindet es ein fach mit einem schwarzen Jungen, ich weiss aber nicht, ob das der Sinn dahin ter ist. Ich find die Mess age dahinter kommt nic ht so klar raus.»

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Herausgeber Tink.ch Sandstrasse 5 CH-3302 Moosseedorf Tel +41 31 850 10 91 Fax +41 31 850 10 21 info@tink.ch www.tink.ch Redaktion André Müller (Leitung) Luzia Tschirky (Leitung) Céline Graf Miriam Hetzel Louisa Nelle Sara Lisa Schäubli Tobias Söldi Tobias Häberli (Fotos) Thinh-Lay Tong (Fotos) Layout Michael Dolenšek Ausgabe Nummer 25 13. März 2011 Auflage 300 Exemplare

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