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Die Sicht der Jugend heute 5. Berner Jugend-Grossrat-Tag

«Wir wollen politisieren» 129 Jugendliche aus dem Kanton Bern haben ihre Chance wahrgenommen, während eines Nachmittags im Berner Rathaus Poltikluft zu schnuppern. Mit Grossrätinnen und Grossräten tauschten sie Ideen aus, diskutierten und trafen sich am Ende zum Plenum im Grossratssaal. Milena Geiser und Simon Kaiser Bunt gemischt präsentieren sich die Reihen im Grossratssaal an diesem Spätnachmittag. Jugendliche aus dem Seeland und dem Oberland, aus dem Oberaargau und dem Berner Jura, aus dem Mitelland und dem Emmental haben auf den Sesseln Platz genommen – zwischen ihnen die Grossrätinnen und Grossräte. «Wir wollen politisieren» ist die Parole eines engagierten jungen Mannes am Rednerpult. Auch in den anderen 100-Sekunden-Statements kommt klar zum Ausdruck: Das Hauptanliegen der Jugendlichen ist der Wunsch nach mehr Mitsprache-

recht, nach einer besseren Integration in politische Prozesse. Marcel Meier, Leiter der Dienststelle Jugend und Freizeit Biel, kann das gut verstehen: «Für die Jugendlichen ist es wichtig, dass sie sich ernst genommen fühlen. Sie merken hier, dass Grossräte auch nur Menschen sind. Der Dialog zwischen Jugendlichen und Erwachsenen bewirkt viel. Es ist ein wichtiger Austausch gegenseitiger Wahrnehmung.» Was an Ideen und Wünschen im Plenum vorgebracht wird, ist vielfältig und zeigt, wie fruchtbar die Diskussionen waren: Um die nachhaltige

Nutzung der Natur ging es da, um den öffentlichen Verkehr, Jugendgewalt, Lehrstellenmangel und die Integration von Ausländern. Während in anderen Gruppen vor allem der Austausch mit den Grossrätinnen und Grossräten im Mittelpunkt stand. «Zukunft nachhaltig – die Sicht der Jugend – heute» liess als Obertitel des fünften Berner Jugend-Grossrat-Tages viel Spielraum. Der Ball geht nun an den Grossen Rat. Dessen Mitglieder sind gefordert, sich mit den Kritikpunkten und Anregungen auseinander zu setzen. Und auch die Jugendlichen müssen dran bleiben, wenn ihnen der Kontakt zu den Grossrätinnen und Grossräten wichtig ist. Dass sie miteinander reden und einander zuhören können, haben beide Seiten bewiesen.


runder tisch

«Jugendliche mit einbeziehen» Zwei Jugendliche und zwei Grossrätinnen am runden Tisch mit Tink.ch: Dominik von Allmen aus Pieterlen, Fabian Schneeberg aus Farnern, Margreth Schär aus Lyss und Rita Haudenschild aus Köniz diskutieren über den Jugend-Grossrat-Tag, wie sie den Austausch erlebt haben und was daran nachhaltig ist. Ayse Turcan und Janosch Szabo

Margreth Schär, 51, Lyss Foto: Johannes Dietschi

Waren die Gespräche nachhaltig? Dominik: Ja, in dem Sinne nachhaltig, dass wir nun wissen, wie die Grossräte uns Jugendliche sehen. Das wollten wir im Austausch mit ihnen erfahren. Fabian: In unserer Gruppe ging es konkret um den Klimawandel. Das Thema ist heute und sicher auch noch in zehn Jahren aktuell. Wir haben uns überlegt, wie wir die Klimaerwärmung aufhalten können, beispielsweise durch das Recycling von Plastik, die Förderung des öffentlichen Verkehrs und indem wir anderen Ländern den Umweltschutz nahe legen. Haudenschild: Mir zeigten die Gespräche, dass auf Seiten der Politiker wie auch der Jugendlichen etwas geschehen muss. Wir müssen die Jugendlichen auch auf Gemeindeebene in die aktuellen Diskussionen stärker mit einbeziehen. Und sie sollen wissen, dass sie jederzeit mit uns Kontakt aufnehmen können, am besten per E-Mail. Schär: Wir haben viel über Integration geredet, haben uns die Frage gestellt, warum Ausländer ein so schlechtes Image haben und nach Möglichkeiten gesucht, dem entgegenzuwirken, zum Beispiel mit mehr Instrumente wie Elterngesprächen.

Die Jugendlichen haben sich auch daran gestört, dass die Berichterstattung der Medien gegenüber Ausländern oft sehr einseitig ist. Fabian: In den Medien verkaufen sich negative Meldungen immer viel besser. Haudenschild: Das ist genau das Problem. Die Medien richten ihr Auge auf die fünf Prozent der ausländischen Jugendlichen, die Probleme machen, die mit ihrem Leben nicht zu Recht kommen. Wie habt ihr den Austausch erlebt? Fabian: Ich habe mir die Politiker grauenhaft vorgestellt, sehr auf sich, ihre Partei und ihre Ziele fixiert. Dieses Bild hat sich aber geändert, denn sie haben uns zugehört und waren offen für unsere Vorschläge. Das hat mich verwundert. Haudenschild: Danke. Schär: Ich bin jedes Jahr dabei, weil ich es einen tollen Anlass finde. Heuer war ich in einer grossen gut gemischten Gruppe, wo viel geredet und diskutiert wurde. Die Jugendlichen haben sich engagiert eingebracht. Haudenschild: Mich beeindruckt, wie politisch ihr Jugendlichen seid, denn in dem Alter interessierte ich mich überhaupt nicht für die Politik. Schär: Ich finde es faszinierend, mit welcher Sicherheit ihr euch im Plenum ans Rednerpult stellt und erzählt. Ihr solltet mal schauen kommen, wie das bei uns läuft.


Was nehmt ihr mit von diesem Tag? Fabian: Ein völlig anderes Bild von der Politik. Bis heute habe ich mich aufgeregt, wenn zum Beispiel die Wahlergebnisse die Tageschau verlängert und die Filme hinausgezögert haben. Vom Grossen Rat wusste ich absolut nichts. Heute aber wurde mein Interesse für die Politik geweckt. Dominik: Viel Neues habe ich zwar nicht gelernt, das politische System kannte ich schon von der Schule. Aber den Austausch fand ich spannend. Und

es war eine gute Erfahrung mal vor so vielen Leuten im Plenum zu reden. Schär: Für mich war es ein toller Nachmittag, der mir gezeigt hat, wie wichtig es ist sich zusammen mit Jugendlichen Gedanken zu Themen unserer Gesellschaft zu machen. Haudenschild: Heute ist mir wieder bewusst geworden, dass ein Austausch mit Jugendlichen, wie wir ihn heute hatten, eigentlich immer stattfinden muss. Ich werde mich dafür einsetzen. Es wichtig, denn ihr seid ein Teil unserer Gesellschaft.

Rita Haudenschild, 48, Köniz Foto: Johannes Dietschi

rePortaGe

Politiker und Jugendliche im Austausch Eine Reportage aus der Gesprächsgruppe Biel-Seeland 3, wo eine spannende Diskussion über das Bild der Jugend in der Öffentlichkeit entstand, und über die Möglichkeiten, Jugendliche besser in die Politik mit einzubeziehen. Simon Kaiser Ein Gespräch mit Grossrätinnen und Grossräten will gut vorbereitet sein. Darum stellen die zehn Jugendlichen unter der Leitung von Marcel Meier und Sandrine Hilfiker eine Liste mit Themen zusammen. Die Schüler möchten den Anlass nutzen, um das eigene Interesse an der Politik auszuloten, einen Einblick zu gewinnen, sich selbst einzubringen. Die Fragen, die auf dieser Grundlage erarbeitet werden, beziehen sich somit hauptsächlich darauf, welchen Zugang die Politiker zu Jugendlichen haben, welches Bild der Jugend dabei entsteht und wie stark sie sich für Jugendthemen engagieren. Daneben entsteht als zweiter Schwerpunkt die Frage, wie man denn

die Jugend besser in den politischen Prozess integrieren könnte. Angeregte Diskussion Als dann die Grossrätinnen und Grossräte dazu stossen, ist jeder mit einer Frage gewappnet. Aus einem anfänglichen Frage-Antwort-Spiel entwickelt sich schnell ein angeregtes Gespräch. Dabei stehen nicht konkrete Projekte im Vordergrund, viel mehr geht es darum, sich ein Bild der anderen zu machen. Falls eine Aussage nicht zufrieden stellt, wird nachgefragt und kritisiert. Die Jugendlichen scheuen sich nicht, die Grossräte mit ihren Meinungen, die auch mal auseinander gehen, zu konfrontieren. Die Politiker

Gemeinsam an einem Tisch: Jugendliche und Politiker

Foto: Johannes Dietschi

zeigen sich sehr kooperativ und lassen sich bereitwillig auf die Diskussion ein. Dank der Gesprächsleitung wird aber der rote Faden immer wieder aufgenommen. Mehr Mitsprachemöglichkeiten Es wird viel über das Bild der Jugend in der Gesellschaft gesprochen. Alle sind sich einig, dass dieses stark von einer kleinen Zahl von «Problemkindern» dominiert wird, während über die restlichen 95 Prozent der Jugendlichen kaum gesprochen wird. Diese müssten sich halt stärker engagieren und auf sich aufmerksam machen, fordern einige Mitglieder des Grossen Rates. Man einigt sich schliesslich darauf, dass dazu aber auch mehr und bessere Plattformen zur Verfügung gestellt werden müssen. Ebenso wichtig wäre eine bessere Vorbereitung der Jugendlichen auf eine Teilnahme am politischen Leben. Am Ende scheinen viele motiviert, etwas zu bewegen.


umfraGe «Was macht der Grosse Rat?»

«Der vertritt unsere Interessen, kümmert sich um kantonale Angelegenheiten, entscheidet und lenkt.» Anne Kneer, 18, Hilterfingen und Lilianne Künzler, 18, Hasliberg

«Was sind die Anliegen der Jugendlichen?»

«Eines der Hauptanliegen der Jugendlichen ist, eine Ausbildung machen zu können, die ihnen gefällt. Ausserdem brauchen sie ein vielfältiges Freizeitangebot und eine lebenswerte Umgebung.» Corinne Schärer, 42, Bern

imPressum Tink.ch Sandstrasse 5 CH-3302 Moosseedorf Fon +41 31 850 10 91 Fax +41 31 850 10 21 info@tink.ch www.tink.ch Redaktion Janosch Szabo (Leitung) Ayse Turcan Milena Geiser Simon Kaiser Fotos Johannes Dietschi Layout Anna Röthlisberger Druck Peter Gaffuri AG, Kornhausplatz 7 3000 Bern

«Ist das die Bundesversammlung? Nein. Das Parlament. Im Grossen Rat werden Gesetze erfunden, oder? Ach, wir hatten das mal in der Schule.» Angela Stettler, 17, Büetigen

Ausgabe Nummer 3 29. Januar 2007

«Sie haben Erwartungen auf verschiedenen Ebenen, an Freizeitangebote, eine gute Ausbildung und nach der Schule an eine gute Arbeit. Ihr Anliegen ist sicher, dass auch in Zukunft ein Leben in gesunder Natur und in Wohlstand möglich ist.» Christoph Ammann, 37,

Auflage 500 Exemplare Partner Berner Jugendparlamente Kantonale Jugend Kommission (KJK) Dachverband Schweizer Jugendparlamente (DSJ) Infoklick.ch

Meiringen

«Erstens ist der Grosse Rat die gesetzgebende Gewalt. Das heisst, wir bereiten die Gesetze vor, welche danach vom Regierungsrat ausgeführt werden. Zweitens können wir unsererseits Anliegen einbringen, um etwas auf kantonaler Ebene zu ändern. Drittens stimmen wir über Kredite, Finanzen und das Budget des Kantons ab.» Emil von Allmen, 56, Gimmelwald

mitmachen

«Es sind Themen, welche die Jugendlichen interessieren und denen sie im Alltag begegnen, wie zu Beispiel der Jugendarbeitslosigkeit. Generell ist es wichtig, dass Jugendliche Interesse an der Politik haben und auch in politische Entscheide eingebunden werden.» Dominique Cristian Baumann, 18, Biel

Wir sind da, wo Politik entsteht. Wo bist du? Das Online-Magazin Tink.ch sucht unentdeckte Schreib­ talente zwischen 16 und 25 Jahren. Jung, kritisch, frech, schnell und hungrig? www.tink.ch/mitmachen

weiterlesen Noch mehr Artikel und Fotos vom fünften Berner Jugend-Grossrat-Tag gibt es gesammelt auf www.tink.ch. Viel Spass beim Reinklicken und Lesen.


Tink.ch-Magazin 03: 5. Berner Jugend-Grossrat-Tag