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I perkussion I

Yamato – The Drummers of Japan

Herzschlag im Einklang

Yamato – The Drummers of Japan sind mit ihrem dritten Programm «Gamushara» auf Tournee. Sie berauschen und berühren mit dem Klang und der Kraft ihrer Trommeln. Ein Backstage-Besuch in Prag.

Dreiteiliges Symbol für Land, Himmel, Mensch.

Die grösste Trommel, der «Gott», wird beim Aufbau ins Zentrum gerückt. Er wiegt 400 Kilogramm.

Es heisst, es gebe 10 000 Taiko-Truppen in Japan. Diese Trommelformationen sind in der Tradition verwurzelt, begleiteten schon immer Feiern und Riten. Doch nur «Yamato – The Drummers of Japan» tragen die gewaltigen Klangwellen in die Welt hinaus. Und nur bei ihnen schlagen auch die Trommlerinnen mit den schwersten Schlägeln die riesigsten aller Klangbäuche, was üblicherweise Männern vorbehalten ist. «Frauen wie Männer machen das gleiche Training, wir haben das gleiche Leben, wir sind alle gleich», sagt Madoka Higashi, die seit zwei Jahren bei Ya-

Wir möchten mit allen

Trommeln einen einzigen

YAMAuTgOust

21.–26. A ter hea Musical T Basel

Am Nachmittag vor der Show wird jede Sequenz kurz angetrommelt und die Lautstärken mit der Soundanlage und Akustik vor Ort abgestimmt.

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Schweizer illuStrierte event.

Klang erzeugen und damit die Menschen vereinen.

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mato ist. Sie vermisst nichts, sie hat sich für das Leben mit Yamato entschieden. Daneben bleibt nicht viel Platz. Fast das ganze Jahr über ist die Truppe unterwegs und verfolgt in einer strengen Tagesstruktur ohne individuelle Freizeit einen dichten Aufführungsplan. Doch Madoka Higashis Begeisterung sprüht aus ihren Augen und aus jeder ihrer Bewegungen. Kein Wunder bebt die Energie der

ganzen Truppe, kanalisiert durch deren Trommelschläge auch durch die Körper der Zuschauer. Das kann so laut anschwellen bis zum Donnergrollen. «Uns schmerzt aber nie das Gehör, denn wir nehmen die Schallwellen mit dem ganzen Körper auf», so die These von Trommler Gen Hidaka. Erstaunlich, dass diese Show, in der fast ausschliesslich getrommelt wird, keine Sekunde langweilig ist. Da fahren zwei Lichtkegel von oben hinab auf zwei Drummer und verschwinden so plötzlich, wie diese sich hinter ihre Trommeln fallen lassen. Optischer Effekt: Man glaubt, die beiden würden von ihren Trommeln verschluckt. Oder die Nummer mit den Chappas, kaffeeuntertellergrossen Zimbeln aus Bronze: sie ist voller witziger Spielereien, die von clownesk subtiler Mimik bis zu herzhaftem Lachen reichen. Aus dem Lachen sprudelt Energie Die witzigen Momente dienen nicht bloss dem Entertainment. Humor entspannt und öffnet die Energiekanäle. Oder in Masa Ogawas Worten: «Lachen gibt Kraft». Auch in schweren Zeiten, wenn einem gar nicht ums Lachen ist. Nach Fukushima stand die Frage im Raum, ob die Show so weitergeführt werden könne. «Wir haben lange überlegt, wie wir alles ernster machen könnten», erzählt Masa Ogawa, der Yamato-Mitgründer und Regisseur. «Doch der Sinn von Yamato ist,

Akiko Ogawa konzentriert beim Soundcheck.

den Leuten Kraft zu geben. Wir haben gemerkt, dass dies ohne die humoristischen Momente nicht richtig funktioniert und wir die Show genauso weiterführen müssen.» Aber der Schock sitzt heute noch allen in den Knochen, wenn man die Künstler darauf anspricht. Trommler Gen Hidaka erinnert sich: «Wir waren in Amsterdam, als die News am Fernsehen kamen. Im ersten Moment dachten wir: Ist das Realität oder ein Film?» Von der Yamato-Truppe kommt niemand aus dem Katastrophengebiet, niemand hat Nahestehende verloren. Trotzdem war es hart, die Tour fortzuführen. Doch vor Ort konnten sie weniger tun als aus der Ferne. In den kommenden Shows in Paris sammelten sie Geld. Die Solidarität war enorm. Auf der Bühne gaben sie wie immer das Beste und vielleicht Schweizer illuStrierte event.

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jam-session auf der Karlsbrücke Normalerweise bleibt auf den Tourneen keine Zeit für die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten. Für event. machten Yamato in Prag jedoch eine Ausnahme.

Sound- und Lichtcheck im Theater Divadlo Hybernia in Prag.

Akiko Ogawa (3.v.l.) hat alle Gewänder entworfen.

Die Trommelstöcke sind mit Namen beschriftet.

Getaucht in goldenes Licht, vereinen sich die warmen Trommelklänge.

Die Okedo-Daiko, erkennbar an den Seilen.

Die Girls beim letzten Schliff vor der Show.

Gründer und Direktor Masa Ogawa (r.) begleitet die Truppe mitsamt Trommeln.

event.-Redaktorin Selina Müller haut «Gott».

noch mehr. «Das ist unser Leben, das ist das, was wir können», sagt Gen Hidaka. Nach der Tour fuhren sie nach Fukushima und trommelten mit einer lokalen Taiko-Truppe. Masa Ogawa wird still, wenn er darüber spricht. Die Bilder, die vor seinem inneren Auge vorbeiziehen, nehmen sogar dem Energiebündel für kurze Zeit die Kraft. Trommeln kann die Welt nicht retten, aber es kann Kraft geben, mit der Welt besser klarzukommen. Ein Grossteil der Energie aus den Klangwellen strömt direkt in den Körper des Trommlers. Dennoch verliert jede und jeder pro Auftritt bis zu drei Kilogramm Körperge22

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wicht. Vor der Show verschlingen sie deshalb massenhaft Reisbälle. Selbstgekocht. Das ist bei neuen Aufführungsstätten immer die Frage 1: Kann man da kochen? Die zweite Hürde: Gibt es lärmempfindliche Nachbarn? Denn üben steht immer auf dem Tagesprogramm, das mit einem 10-Kilometerlauf beginnt. Das Yamato-Leben ist streng und spielt sich auf engstem Raum ab, mit immer denselben Leuten. Der Einstieg für Neuanwärter ist vor allem deshalb schwer. «Oft halten sie es nur kurz mit uns aus», sagt Masa Ogawa mit einem breiten Grinsen. «Plötzlich ist das Bett neben dir am Morgen leer. Den Kurzzeit-Rekord hält einer, der schon nach dem ersten Kilometer beim Morgenlauf zurückblieb». So wird die Spreu vor allem durch das Zusammenleben vom Weizen getrennt. Anfragen kommen viele, theoretisch könnten sich auch Personen nicht-japanischer Nationalität melden, aber da wären die Chancen wohl noch geringer, auf lang Zeit zu bestehen. In der Schweiz zu Yamato gefunden Gen Hidaka aus Kyoto studierte Business Management in Kanada, wo er die Churerin Lisa C. kennenlernte. Sie lud ihn in die Schweiz ein und schenkte ihm zum 20. Geburtstag ein Ticket für die Show von Yamato im Thea-

ter 11 in Zürich. «Ich war hin und weg und wusste auf Anhieb: Genau das will ich auch», erinnert sich Gen Hidaka, der nun seit sieben Jahren dabei ist. Er sieht im engen Zusammenleben der Truppe nicht nur Nachteile: «Wir sind stets zusammen und teilen alles. Das führt schon zu Differenzen. Aber das ist auch gut, denn danach verstehen wir uns noch besser. Diese Harmonie ist Voraussetzung für unser Hauptziel: Gemeinsam einen einzigen Klang erzeugen.» Der Einheitsklang ist die grösstmöglichste Energiewelle, ein Tsunami der Kraft, der in den Zuschauerraum schwappt und jeden Einzelnen erfüllt. Die Botschaft von Gamushara Den gewaltigen Yamato-Power zu spüren, erfordert keine Spiritualität oder aktive Kraft. Man bekommt ihn geschenkt. Doch wie behält man diese Energie, wenn man nicht die Möglichkeit hat, täglich eine Yamato-Show zu erleben? Gen Hidaka lächelt: «Das ist das Geheimnis von Gamushara.» So heisst die neuste Inszenierung von Yamato. «Gamushara bedeutet: Tu es! Das, von dem du dich angezogen fühlst, ohne an das Resultat oder das Rundherum zu denken.» Die Kraft, die aus der Entschlossenheit strömt, dem inneren Ruf zu folgen, das ist das Gamushara-Feeling.

«Im realen Leben ist das nicht so einfach», weiss Gen Hidaka. «Man wird von Zweifeln abgehalten wie: ‹Ich habe keine Zeit dazu›, oder: ‹Was denken bloss die anderen?› Der Mensch verbaut sich Chancen mit zu vielen Gedanken», sagt der junge Drummer weise,

Enthusiastisch und unbe-

irrbar ein Ziel zu verfolgen, vom Herz geleitet wie ein Kind, das ist Gamushara.

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der seine Berufung durch die spontanste Entscheidung seines Lebens gefunden hat. «Wir möchten unsere Zuschauer ins GamusharaFeeling versetzen, ihnen so Kraft geben, ihre Pläne in Angriff zu nehmen.» Wer dem Ruf der inneren Stimme folgt, findet seine Berufung. Nur wird dieser Ruf mit dem Erwachsenwerden immer mehr von äusseren Stimmen übertönt. «Kindern muss ich Gamushara nicht erklären. An Workshops gebe ich ihnen die Trommelstöcke in die Hände. Sie legen los und sind glücklich», strahlt Gen Hidaka. Der

spontane Enthusiasmus ist für ein Kind ganz natürlich: Eine Idee schiesst durch den Kopf, eine Sekunde später wird sie umgesetzt. Darum ist das Gamushara-Feeling jedem vertraut. So wie der Trommelklang nichts Fremdes ist, weil man ihn aus der Zeit im Mutterleib kennt, als der mütterliche Herzschlag mit dem ganzen Körper aufgenommen wurde. Der Spirit im Holz Auch die Trommelstöcke können Energie aufnehmen. Die Drummer fertigen ihre individuellen Schlägel mit eigenen Händen an. «Wir hobeln die Kanten des Holzstücks ab, bis sie rund sind», erklärt Madoka Higashi. Als Profi braucht sie dafür zwei Stunden. Und mit dem gefertigten Stock trommelt nur sie. «Halten wir die Stöcke in den Händen, merken wir sofort, ob es die unsrigen sind», so Gen Hidaka. «Wenn du wütend bist, während du den Drumstick machst, wird er nicht sanft, was auch Einfluss auf den Klang hat», sagt Akiko Ogawa, Masa Ogawas Schwester. Wut sei nichts Schlechtes: «Aber man muss das negative Gefühl beim Trommeln in etwas Positives umwandeln, zum Beispiel Entschlossenheit.» Dieses Gefühl in die Welt hinauszutragen, ist die Berufung von Yamato. Text: Selina Müller

Das Erinnerungsfoto fürs Familienalbum: im Casual Look auf der Karlsbrücke.

Die lokalen Musiker erklärten sich spontan bereit für eine kurze Jam-Session. Schweizer Illustrierte event.

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2012-07_event_yamato  

21.–26. August Musical Theater Basel Yamato – The Drummers of Japan sind mit ihrem dritten Programm «Gamushara» auf Tournee. Sie berauschen...

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