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Touren

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Auf dem Gipfel des Monte Gridone steht man wirklich über den Dingen.

See der

Glückseligen Lago Maggiore Es liegt eine Heiterkeit über dem Lago Maggiore, die auf seine Besucher abfärbt. Wanderer spüren das besonders intensiv.

Text: Susanne Saha, Fotos: Iris Kürschner outdoor-magazin

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Üppig blühen die Azaleen auf dem Krümelfelsen, dem Sass da Grüm.

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An der schicken Seepromenade von Ascona locken Cafés und Restaurants zu einer Pause.

Bäuerin Sylvia in ihrem Käsekeller auf der Alpe Cedullo am Gambarogno.

enn ich diese gesegnete Gegend am Südfuß der Alpen wiedersehe, dann ist mir immer zumute, als kehre ich aus einer Verbannung heim, als sei ich endlich wieder auf der richtigen Seite der Berge«, schreibt Hermann Hesse. Wärme, der Frühling liegt prall in der Luft, die Winterjacke kann abgelegt werden. Nur ein paar Meter sind es vom Bahnhof an den See, in dem sich der Himmel stahlblau spiegelt. Palmenblätter flüstern im Wind. Die Uferpromenade von Locarno sonnt sich in blumiger Farborgie. Die heitere Stimmung, die schon Hesse ins Tessin gezogen hatte, geht sofort auf einen selbst über. Vielleicht sich erst einmal warm wandern oben an der Cardada, dem Hausberg Locarnos, wohin eine Seilbahn bequem empor befördert, dann mit der Fähre nach Ascona ... Die Anreise mit dem Boot zu den diversen Wandertouren hat etwas ungemein 40

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Reizvolles. Die Suche nach einer kostengünstigen Unterkunft ist dort, wo dem Sog der Künstler, Poeten und Literaten die Schönen und Reichen folgten, nicht so einfach. In Locarno-City kann die Jugendherberge empfohlen werden. Doch ein Quartier direkt am See wäre natürlich ein Traum. In Moscia bei Ascona findet sich tatsächlich ein erschwingliches Kleinod.

zimmer mit blick auf die wellen Selbst die Hotels im Jetset-Dorf Ascona können das nicht bieten: Das Gemäuer der Casa Moscia fällt direkt ins Wasser. Ein Gedicht, aufzuwachen, auf den Balkon zu treten und die tanzenden Wellen unter sich. Verträumt liegen die Brissago-Inseln vor der Nase, Sonnenstrahlen streifen über die Gebirgsklippen und lassen die Bergdörfer leuchten. In den Himmel ragen der Monte Gridone auf der West-, der Monte Covreto auf der Ostseite. Attraktive Gipfelziele.

Schnell ist man von Moscia über ein verkehrsberuhigtes Sträßchen in Ascona. Ein Muss, hier an der Seepromenade zu flanieren, in einem der Cafés das Dolcefarniente zu genießen. Das hatte auch einer Gruppe von Revoluzzern gefallen, die sich im Jahr 1900 von München zu Fuß aufmachten, um einen schönen Ort für ihre Kommune zu finden. Sie kauften den Hügel oberhalb Asconas und machten ihn zum Monte Verità, ihrem Wahrheitsberg. Die Scalinata della Ruga, ein steiler Treppenweg, führt hinauf. »Eine neue Lebensform frei von gesellschaftlichen Zwängen und zurück zur Natur wollten sie erproben«, erzählt Hetty Rogantini-De Beauclair, die letzte Zeitzeugin. Auf dem Monte Verità ist sie aufgewachsen, ihr Vater war als Verwalter von Anfang an mit dabei. Seit Jahrzehnten betreut die heute 85-Jährige das Museum des Kulthügels in der Casa Anatta und gibt Führungen. »Sie brachen mit sämtlichen Konventionen, die


Bruscetta schmeckt doppelt so gut, wenn man es in der Sonne genießt, mit Blick aufs Wasser.

Pioniere der Hippies, trugen wallende Gewänder oder liefen ganz nackt, lebten in spartanischen Licht-Luft-Hütten und ernährten sich von Rohkost. ›Balabiotti‹, Nackttänzer, nannten die Einheimischen das verrückte Volk.« Künstler, Aussteiger, Feministinnen, Weltverbesserer aus ganz Europa kamen, um sich in dem Sanatorium der besonderen Art eine Weile auszuklinken. Auch Hermann Hesse unterzog sich einer Kur in Askese, anno 1907: »Insgesamt blieb ich sieben Tage ohne Essen.« Am Monte Verità erlernte er die Kunst, »einen halben oder ganzen Tag gar nichts zu tun, auf einem Felsen zu sitzen (...) und zu warten, ob etwa ein Sperber vorüberfliegt«. Wenn man heute den herrlichen Park durchstreift, kann man sich gut vorstellen, wie hier Licht-, Luft- und Sonnenbäder durchgeführt wurden. Die Vegetation strotzt vor Üppigkeit, Palmen, Magnolien, efeuumrankte Baumriesen, selbst Teepflan-

zen gedeihen hier – ein guter Ort für einen verträumten kleinen Spaziergang. Für die Corona dei Pinci braucht es schon etwas mehr Kondition. Der ganze Kamm, der den See vom Centovalli trennt, ist ein einziger Aussichtsbalkon. Er kulminiert im Monte Gridone. Unter seinem Gipfel balanciert das Rifugio Al Legn über der

Die Anfahrt ist ein Genuss. Mit dem Boot zum Wandern fahren – das hat Stil.

Steilküste. Fulminant, dort eine Nacht zu verbringen, wenn sich eine Lichterkette um das »Insubrische Meer« spannt und in der Ferne Mailand in den Himmel leuchtet. Wellen klatschen an den Bug, die Nase im Wind. Das Schiff legt in San Nazzaro an. Nur wenige steigen aus. Das Gambarogno, wie sich das Tessiner Ostufer nennt, ist vom Tourismus noch weniger berührt. Den alten Fußweg nach Vairano finden, die Wanderschilder machen’s leicht. Auch die Orientierung zum Krümelfelsen. Sass da Grüm heißt der Flecken Erde im Dialekt. Wäre die Wirkung von Sass da Grüm zu Hesses Zeiten schon bekannt gewesen, er hätte sich garantiert dort aufgetankt. Aber um herauszufinden, welche Bewandtnis es mit Sass da Grüm hat, dafür mussten erst die Mettlers kommen. »Es geschahen merkwürdige Dinge, als wir die Liegenschaft in den 1980er Jahren erwarben«, erzählt Verena Mettler. »Nicht nur die Rücken- > outdoor-magazin

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naschen gerne vom Picknick. Mehr Sicherheit bietet der Picknicktisch in einem mit Strohdach restaurierten ehemaligen Stall im Herzen der Almsiedlung. »Früher war es hier üblich, die Hütten mit Roggenstrohbündeln zu decken«, sagt Walter Keller, der letzte Bauer von Caviano, der die Alm noch mit Vieh vor dem Zuwachsen bewahrt. Und dem Teufel trotzt. Denn ein Bauer soll mit Konfuzius gewettet haben, so die Legende, dass er in einer einzigen Nacht alle Steilhänge um Monti Caviano pflügen und beackern kann. Die Wette gelang und die unzähligen Wiesenterrassen heißen seither Cento Campi, Hundert Äcker. Kein leichtes Leben hier oben so ganz ohne Straßenanschluss, aber vielleicht ein friedvolleres.

ein meer von alpenrosen

Der Höhenweg von den Monti Vairano zu den Monti Caviano bietet Traumaussichten.

schmerzen meines Mannes verschwanden, auch Freunde blühten auf. Die eine oder andere chronische Beschwerde, wie Migräne oder Hautekzeme, war plötzlich geheilt.« Die Mettlers errangen eine Sondergenehmigung für den Bau eines kleinen Hotels, eine absolute Ausnahme in einem als Grünzone ausgewiesenen Terrain. Ob es nun der umwerfende Seeblick, die Ruhe und Abgeschiedenheit oder eben, wie manche glauben, die Erdstrahlung ist, die einen hier so ausgeglichen macht, muss jeder für sich herausfinden. Den Akku aufgeladen, steckt man die Steigung zu den Monti di Viviano locker weg. Dann bleibt die Route auf der Höhenlinie. Es ist der uralte Verbindungsweg zwischen den Maiensäßen. Der Mai gab diesen Almen seinen Namen, wenn das Vieh für den Sommer auf die Weiden getrieben wird. Die meisten sind von den Bauern längst aufgegeben, sie werden heute von Feriengästen oder Rentnern genutzt. Zu schmucken Rustici hat man sich 42

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Der Pfad quert Bachläufe mit gischtenden Wasserfällen. Eine Einladung zum Duschen! die Steinhütten umfunktioniert, hisst morgens die Schweizer Flagge und genießt an Wochenenden die Stille und den Blick zum See. Der Pfad zwischen den Monti quert immer wieder Bachläufe mit gischtenden Wasserfällen, die zur erfrischenden Dusche einladen. Durch die Bäume glitzert der See. Auf den Monti di Caviano dann doch wieder Älplerleben? Freche Kühe pirschen sich an,

Die Alp Caviano 500 Meter höher ist schon seit den Fünfziger Jahren kuhfrei. 1996 nahmen sich Gambarogneser Bergfreunde der Stallruine an und verwandelten sie in eine einmalige Herberge. Das Rifugio Alpetto di Caviano, zu dem ein schweißtreibender Aufstieg führt, bietet für eine Selbstversorgerhütte Luxus pur. Bier, Wein, Softdrinks, Holz zum Feuern, Gasherd, kuschelige Decken im Massenlager – alles da, samt Dusche und Kräutergarten. Grandios der Tiefblick zum See, und trotz des Dunstes lässt sich der Monte Rosa ausmachen. In die Kasse den Obolus, Türen und Fenster wieder gut zugeriegelt, geht es im morgendlichen Vogelkonzert auf zur Gipfelvisite. Monte Covreto und Monte Paglione locken. Auch Wildsäue sind da gerne schon in aller Herrgottsfrühe unterwegs. Im Juni leuchtet der ganze Kamm in einem Meer von Alpenrosen. Ins Gras möchte man sich legen und sich wie Hesse in einen Riesen verwandeln, »dann läge ich mit dem Kopfe nah am Schnee auf einer Alp zwischen den Ziegen, und meine Zehen unten plätscherten im tiefen See. So läge ich und stünde nimmer auf, zwischen meinen Fingern wüchse Gesträuch, in meinem Haar Alpenrosen, meine Knie wären Vorgebirge, auf meinem Leibe stünden Weinberge, Häuser und Kapellen. So liege ich zehntausend Jahre, blinzle in den Himmel, blinzle in den See. Wenn ich niese, gibt es ein Gewitter. Wenn ich drüberhauche, schmilzt der < Schnee, und Wasserfälle tanzen«.

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Tourenkarten L. maggiore

Detaillierte Wegbeschreibungen zu den Wanderungen finden Sie ab S. 64


Beste Zeit: Von April bis Juni zeigt sich der Frühling von seiner schönsten Seite. Bis zum Juni sind auch die letzten Schneereste an den Gipfelkäm-

Antipasti à la Lago – sehr herzhaft und fein.

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Anfahrt: Mit dem Auto über die Gotthardautobahn ins Tessin. Weitaus weniger Stress am Lago hat man bei Anreise mit dem Zug nach Locarno (www.sbb.ch). Von dort Seil-, Bus- und Schiffsverbindungen an die diversen Ausgangspunkte. Je nachdem, was man vorhat, kommt die Ticino Discovery Card günstiger. Für 87 Franken können an drei Tagen sämtliche öffentliche Verkehrsmittel im Tessin genutzt werden.

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men über dem Lago abgeschmolzen, und die Alpenrosen blühen.

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Lage: Am 66 Kilometer langen Lago Maggiore trifft die Schweiz Italien. Das nördliche Fünftel des Sees gehört zum Kanton Tessin. Locarno ist der wärmste Ort der Eidgenossenschaft.

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Wandern am Lago Maggiore

ÜbernachV P. Peloso Vergeletto Madone 2064m Gordevio tungstipps: Mergoscia 2039m Die Casa Moscia Avegno Cimetta SCHWEIZ V a l l e O n s e r n o n e Loco 1671m Sprugo liegt von einem Mosogno Cavigliano Tegna 1 Brione Contra Gordola wunderschönen Orselina n Intragna P. Ruscada Minusio i M a ga d i o 2004m n o d S. Antonino i Losone Garten umgeben Muralto l P i aQuartino l a Borgnone Locarno 2 direkt am Wastov Ascona Vira Magadino Cadenazzo Cen Ronco ser, 1,5 km süde S. Ascona o rGerra S. Nazzaro westlich von AsGridone Brissago rogno gi 4 Gamba 2188m Bironico 3 cona. Herzliche amaro T . M 5 Caviano 1962m Atmosphäre, Pino I TA L I E N Mezzovico M. Gradiccioli fantastische 1936m 0 5 10 km Küche. Casa Moscia, Tel. sches Tessin, Elmar Good, 00 41/91/7 91 12 68, casa no. Ein ganz besonderes AT-Verlag, 29,90 Euro. moscia.ch. Wer lieber etHotel, nicht nur, weil der Gipfelziele im Tessin, was mitten im Geschehen Straßenanschluss fehlt. Daniel Anker, Rotpunktmag, für den liegt die JuSass da Grüm, Tel. verlag, 27 Euro. Wandergendherberge Locarnos 00 41/91/7 85 21 71, sass führer Lago Maggiore, günstig. Es gibt auch kom- dagruem.ch Iris Kürschner, Kompass fortable DZ mit eigenem Verlag, 9,95 Euro. Bad. Jugendherberge LoKarten: Kompass Nr. 90, carno, Via B. Varenna 18, 1:50 000, Nr. 110 nur für Tour am Hausberg LocarInfo: Ticino Turismo; Tel. 00 41/91/7 56 15 00, no nötig, je 12,90 Euro. www.ticino.ch youthhostel.ch/locarno. Highlight an der Riviera Buchtipps: Bergwandel Gambarogno auf der www Wandern an oberitalienischen Seen? dern im Tessin, M. Volken weitaus weniger touristiund R. Kundert, AT-Verschen Ostseite ist Sass da Mehr Informationen unter Grüm oberhalb von Vaira- lag, 34,90 Euro. Magioutdoor-magazin.com/lago Lag

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Outdoor Magazin_DE_Mars 2013_Teil 1  

Author: Susanne Saha

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