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UNTERWEGS

Freitag, 7. Juni 2013

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Alte Eidgenossen, Nonna und da Vinci TESSIN Die Sonnenstube der Schweiz auf historischen Pfaden zu entdecken ist ein besonderes Erlebnis – auch fürs Auge und den Magen. Denn als Ingredienzen einer Reise durch den italienischsprachigen Kanton vereinen sich Geschichte, Kunstgenuss und Gaumenfreuden aufs Trefflichste.

W

er über den Gotthard ins Tessin reist, ist eigentlich schon vor der Passhöhe am Ziel. Die Kantonsgrenze liegt zwei Kilometer nördlich von ihr. Das erste Mal richtig im Süden fühlt man sich jedoch erst, wenn auf der Abfahrt durch die Leventina das Dorf Giornico in Sicht kommt. Der von alten Tessiner Steinhäusern geprägte Ort liegt am Fluss Ticino, malerisch eingebettet zwischen Weinbergen und Kastanienwäldern. Doch nicht nur deswegen lohnt sich hier ein Halt. Sehenswert ist Giornico auch wegen «San Nicolao». Die im 12. Jahrhundert errichtetete Kirche beeindruckt mit ihrer romanischen Architektur und ihren spätgotischen Fresken. Unter anderem sind über dem Mittelfenster der Apsis drei zusammengefügte Gesichter mit drei Nasen, drei Mündern und vier Augen dargestellt: Ein Trivultus, der die Dreieinigkeit von Gott Vater, Sohn und heiligem Geist symbolisiert. Man könnte sich natürlich auch eine weltliche Deutung zurechtlegen. Und sich vorstellen, das Dreigesicht künde an, was uns auf unserer Tessinreise erwartet: Die Trinität von Geschichte, Kunst und Kulinarik.

Lecker wie bei Grossmutter Bereits in Giornico nimmt sie Form an. Auf der anderen Seite des Ticino erwartet uns das Grotto Pergola. Die Polenta, der Brasato, die Zabaglione und die Tora di pane schmecken hier wie bei Grossmutter. Kein Wunder: Lange Jahre stand Maria Macullo am Herd, jetzt hat sie Kochlöffel und Rezepte an Tochter Fiorella weitergegeben. Eine Sünde wert ist auch der hiesige Merlot, dem der granithaltige Boden eine besondere Frische und Struktur verleihen. Apropos Granit: Dieses Felsgestein hat der Legende nach auch in der Schlacht von Giornico 1478 eine entscheidene Rolle gespielt. 600 Eidgenossen und Leventiner liessen von den Hängen schwere Brocken auf das angreifende Mailänder Heer rollen. So gelang es ihnen, den 10 000 Mann starken Feind in die Flucht zu schlagen und die Herrschaft über die seit der Gottharderschliessung im 13. Jahrhundert

handelspolitisch wichtige Leventina zu übernehmen. Es folgte freilich noch manches Gefecht, bis weitere Gebiete Norditaliens erobert waren und sich 1803 der Kanton Tessin konstituierten konnte. Der Einfluss Mailands ist deshalb noch vielerorts sichtbar. So beherbergt die Kirche Sant’Ambrogio im nördlich von Lugano gelegenen Ponte Capriasca ein Wandgemälde, das als beste Kopie des weltberühmten «Abendmahls» von Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) gilt und einem seiner Schüler zugeschrieben wird.

Spuren eines Superstar In Locarno hat der Superstar der italienischen Renaissance vermutlich ebenfalls Spuren hinterlassen. Es gibt Indizien, dass das fünfeckige Bollwerk (Rivellino) der Visconti-Burg auf architektonischen Plänen da Vincis basiert. Das Vorhaben der Stadt, die weitgehend unter Asphalt und Häusern begrabene Anlage zu kaufen und zu einem touristischen Hotspot aufzuwerten, scheiterte aber 2010 an einer Volksabstimmung. Inzwischen betreiben die Besitzer des Grundstücks in einem der Häuser eine Privatgalerie. In deren Hinterhof wird auch das hier sichtbare Wehrgemäuer mit Kunst bespielt – derzeit mit den fliegenden Koffern eines Multimedia-Projekts des Filmregisseurs Peter Greenaway. An heissen Tagen versorgen die Mauern zudem die lauschige Freiluftlounge der ebenfalls an den Hof grenzenden Pardo-Bar mit etwas Kühle.

Eindrückliche Monumente Als belebte historische Kulisse präsentiert sich auch das Castelgrande in Bellinzona, das die Mailänder Herzöge in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zur Abwehr eigenössischer Angriffe markant ausgebaut hatten. André Rabouds monumentale Bronzeskulpuren bevölkern seine weiten Wiesen (bis 11. August), und unzählige Menschen, die ihr Sandwich und die Sonne geniessen. Wer es gediegender mag, sucht sich einen freien Tisch auf der Terrasse des Schloss-Grottos. Es bietet regionale Spezialitäten – und vor allem eine herrliche Aussicht aufs Ticino-Tal.

Raboud-Skulptur vor dem Castelgrande in Bellinzona (oben), Dreigesicht in Ponte Capriasca, (links), fliegende Koffer beim Rivellino in Locarno (unten). BILDER JOLANDA LUCCHINI

ADRESSEN

Grotto Pergola in Giornico, www.grottopergola.ch Pardo-Bar in Locarno, www.pardobar.com Restaurant/Grotto Castelgrande in Bellinzona, www.ristorantecastelgrande.ch Allgemeine Infos: www.ticino.ch Galleria d’Arte Rivellino, Via al Castello 1, Locarno «Die Südschweiz und ihre historischen Höhepunkte»: Unter diesem Motto bietet Historia Swiss eine von einem Historiker geführte Pauschalreise an (1. bis 6.9.2013). Sie beginnt mit einer Fahrt mit der Alten Postkutsche über den Gotthard und führt dann durch die Geschichte des Tessins (Infos: www.historiaswiss.com).

Christina Gubler

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Berner Zeitung_Switzerland_June 2013