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Ak tives L e b e n Das Museum im Territorium

Das Muggiotal lebt Eine Gruppe engagierter Menschen hat Wege gefunden, das Kulturgut im Muggiotal einerseits lebendig zu erhalten und anderseits vergessenes Wissen wieder ins Bewusstsein zu rücken. Das «Museo etnografico della Valle di Muggio» erstreckt sich übers ganze Tal. (rz) Von Bruzella aus führt ein relativ steiles Strässchen mit Fahrverbot hinunter zum Flüsschen Breggia. Die Wanderer suchen Schutz am Wegrand, als ein alter Personenwagen mit drei älteren Männern langsam die Strasse hinunterrollt. Es sind keine freundlichen Blicke, welche die Wanderer dem Auto hinterhersenden: «Was wollen die denn, sind die zu faul, um zu Fuss zu gehen?» Die drei Männer wissen genau, was sie wollen. Sie bringen einen Drittel ihrer Maisernte zum Mahlen in die Mühle. Jeweils am Donnerstag wacht hier die schöne Müllerin Irene Petraglio über Wasserrad und Mühlsteine. Sie hat die Kunst des Mahlens vom letzten Müller im Muggiotal, von Giovanni Frigerio von Cabbio gelernt.

Zeitlose Technik Für 50 Rappen pro Kilogramm Mais werden hier rote und gelbe Maiskörner auf historische Art zu Polentamehl verarbeitet. 13 Tonnen Mais werden pro Jahr gemahlen, 500 bis 600 Kilogramm pro Tag. Die Mühle geht vermutlich auf das 17. Jahrhundert zurück und wurde später mehrmals umgebaut und technisch verbessert. 1983 wurde die alte Mühle vom Museumsverein des Valle di Muggio erworben und restauriert. Die Wasser der Breggia haben früher viele Wasserräder von Kornmühlen, Kastanienmühlen, Sägereien, Ölpressen und Papiermühlen gespeist. Die meisten sind heute verschwunden. Erhalten ist die die Mühle von

Das Muggiotal Das Muggiotal liegt im südlichsten Zipfel der Schweiz und erstreckt sich zwischen den Abhängen des Monte Generoso auf der einen und des Monte Bisbino auf der anderen Seite. Der Fluss Breggia durchfliesst das gesamte Tal. Um die Dörfer des Tales liegen Kastanienwälder, die bis im letzten Jahrhundert einen wichtigen Nebenerwerb für die Einwohner darstellten. Das Gebiet steht teilweise unter Naturschutz als Parco delle Gole della Breggia. Muggio ist das Hauptdorf des Tals. Hier haben sich einige Künstler angesiedelt. Während aus anderen Dörfern viele Bewohner weggezogen sind, weil es sich von der Landwirtschaft kaum mehr leben lässt, bewohnen heute Leute die alten Steinhäuser, die in Mendrisio oder Chiasso arbeiten. Das Tal weist entsprechende Busverbindungen auf. Landwirte verarbeiten Kuh- und Ziegenmilch zum bekannten Muggiotalkäse, dem Zincarlin.

Bruzella, die heute praktisch genutzt wird, aber auch didaktischen Zwecken dient. Sie ist eines der Kernstücke des Museo etnografico della Valle di Muggio. Das ist eine Art volkskundliches Freilichtmuseum, das sich über das sieben Kilometer lange Tal erstreckt, ein «Museum im Territorium».

Es braucht Geduld Die drei Männer parken das Auto vor dem Mühlenmuseum. Heute werden die schweren Säcke mit einem Lift zur Mühle hinunter transportiert. Den Mahlvorgang beobachten die Männer genau. Mit ihnen betrachten aber auch Besucher, oftmals Familien mit Kindern, fasziniert, wie Wasser in einem schmalen Kanal gefasst und mit kleinem Gefälle zur Mühle geleitet wird, wie es auf die Schaufeln des Wasserrades plätschert und das schwere Rad dreht. Die Müllerin schüttet die Maiskörner in den Trichter, von wo die Körner in das Mittelloch des oberen Mahlsteins fallen, geleitet durch einen so genannten Rüttelschuh in Form eines

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Ak t iv e s Le be n Löffels. Die Maiskörner gelangen nun in die wenige Millimeter breite Spalte zwischen dem unteren, festen Mahlstein und dem beweglichen oberen. Die Mahlfläche weist Rillen auf. Von der Mitte des Steines wandert der Mais langsam zum Rand, immer feiner gemahlen, und tritt schliesslich als grobes Mehl aus dem Mehlloch aus. Hier stehen die Männer wieder mit ihren Säcken bereit, um das Mehl zu verpacken und abzutransportieren. Da der Vorgang dauert, setzen sich die Männer an den Tisch mit dem rot-weissen Tischtuch, trinken eine fürs Tessin typische Gazosa, Limonade, und plaudern mit der Müllerin. Die Mühle ist von April bis Oktober jeden Donnerstag und jeden ersten und dritten Sonntag von 14.00 bis 16.30 Uhr in Betrieb.

Das Museum im Territorium

Der Museumsverein des Valle di Muggio, MEVM, gegründet 1980, hat mit viel Freiwilligenarbeit einen geschichtlichen Lehrpfad geschaffen, an dem ausser der Mühle ein Graa, ein Kastaniendörrhäuschen, verschiedene Nevere, Schneekeller, Roccoli, Vogelfanganlagen, und Brücken zu sehen sind. Die MEVM hat ein Inventar von ethnografischen

Objekten im Tal erstellt und sie wissenschaftlich dokumentiert. Sie beteiligt sich an der Wiederherstellung von Brücken, Wegen und Kastanienwäldern und restauriert Schritt für Schritt die schützenswerten Objekte.

Engagement fürs Muggiotal Alle Bilder: Regula Zellweger

Die Casa Cantoni ist ein Museum – und auch wieder nicht. Denn das eigentliche Museum muss man erwandern. An der Kasse der Casa Cantoni bekommt man ein Ticket in der Form eines gelben Wanderwegweisers – was auf den Sinn des Museums hinweist: «Wandernd entdecken». Bereits im Eingangsbereich der Casa Cantoni kann man das Tal als geografische Einheit mit vielen interessanten ethnografischen Objekten erkunden. Ein detailgetreues Relief kann mit modernster Technik kombiniert genutzt werden und bietet Informationen über die ganze Region. Trotz neuster Museumspädagogik und bestechender Ausstellungen – von hier aus erst geht die Museumstour durchs Tal los.

Im Vorstand der MEVM sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Ihr Fachwissen zugunsten der Erhaltung von Zeugen des bäuerlichen Alltagslebens und der Traditionen des Muggiotals zur Verfügung stellen. Die MEVM wird vom Kanton Tessin und verschiedenen Institutionen unterstützt, bringt aber auch viele Mittel selbst auf: Durch den Verkauf von Produkten wie Mehl, aber auch von Wanderkarten und anderen Publikationen sowie einer empfehlenswerten CD. «Für ein gutes Projekt findet man immer Geld», sagt Silvia Ghirlanda. Sie engagiert sich zusammen mit ihrem Mann Paolo Crivelli, dass die volkskundlichen Schätze des Muggiotales gesammelt und leicht verständlich und ganz praktisch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Damit soll auch ein sanfter, Umwelt respektierender Tourismus gefördert werden. Das MEVM organisiert auf Anfrage auch geführte Besichtigungen und Exkursionen. Informationen: www.mevm.ch August 2013

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Active Live_Switzerland_July 2013  

Author: Regula Zellweger

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