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LIVE ON STAGE

Earl Thomas © Robin Daniel Frommer

UMSONST UND DRAUSSEN

24. blues to bop Festival Lugano (Schweiz), Open Air, Morcote, Sessa und Tesserete

D

as ganz Besondere am blues to bop Festival? Man benötigt kein Ticket: Alle Konzerte im Zentrum Luganos und in den kleineren Nachbarorten sind kostenlos. Genauso wie die grandiose Landschaft ringsum und der Blick zum Luganer See. Und das Line-up der Musiker hat allererste Klasse! Gut 50 Musiker traten dieses Jahr auf, darunter Jimmy Johnson, Marcia Ball, der junge Trompeter Theo Croker, Saxofonist Alec Haavik und die Nashville Blues Revue. Schätzungsweise 15.000 Besucher kamen trotz des regnerischen Wetters zu den Konzerten auf Luganos Stadtplätzen Cioccaro, Dante, Riforma und San Rocco. Auf der Bühne an der Piazza San Rocco überrascht die blutjunge Raina Sunshine: Sie singt mit einem ganz warmen, rauchigen Timbre, das man dem zierlichen, fast zerbrechlichen Persönchen beim ersten Hinsehen gar nicht zutraut. Big Mama Thorntons „Ball’n’Chain“ interpretiert sie hinreißend – und vermutlich würde ihre

Stimme zu „der“ Entdeckung des blues to bop Festivals, wäre in Lugano nicht auch Earl Thomas mit von der Partie. Die raue Ausnahmestimme des Blues- und Soulsängers aus dem weiten Hinterland Tennessees überragt schlicht alles: Sie transportiert tief empfundenen Schmerz, heißen Zorn, aber auch Glück und überschäumende Freude. Nur begleitet von Gitarrist Eddie Angel zelebriert Earl Thomas seine „Coffeehouse Blues Show“ auf der Bühne an der überschaubaren Piazza Dante. Seine grandiose Stimme elektrisiert, zieht immer mehr Passanten in ihren Bann. Er moderiert alle Titel seines Repertoires selbst an und beschreibt mit glühenden Worten seine Faszination beim ersten Blick auf das Plattencover der barfüßig abgebildeten Bobbie Gentry. Deren Superhit „Ode To Billy Joe“ von 1967 stemmt er mühelos ins Hier und Jetzt: als spannungsgeladenen Soulsong. Längst übernimmt das wachsende Publikum den Rhythmus, feiert die beiden Musiker mit

Jimmy Johnson © Robin Daniel Frommer

Szenenapplaus, als Earl Thomas seinen Titel „Do You Remember?“ laut herausschreit und Eddie Angel seiner akustischen Gitarre mit einem Bottleneck schräg scheppernde Glissandi entlockt. Anschließend gibt’s „Soulshine“. Und Gänsehaut-Feeling pur. Den simplen Refrain des Schlusstitels bringt Earl Thomas den Zuhörern zielstrebig bei. Auch der getragene Song verfängt sofort. Beide Musiker steigen von der Bühne, Earl Thomas singt, umringt von Zuhörern, eine Unplugged-Reprise von „Soulshine“ – und nimmt „sein“ Publikum gemeinsam mit Eddie Angel ins Schlepp zur zentralen Piazza Riforma: Denn dort treten Earl Thomas und Paddy Milner eine halbe Stunde später mit der Formation „The Big Sounds“ auf. Und das verspricht nochmals ganz großes Kino! Der kleine Prozessionszug mit den beiden Musikern an der Spitze enteilt dem Blick und der letzte Song verhallt – in Zeitlupe – leiser werdend. (Robin Daniel Frommer) ■

HENDRIX-INTERPRETATIONEN MIT HAUT UND HAAREN

Randy Hansen Remchingen, Kulturhalle

E

r hat Jimi Hendrix nie persönlich getroffen. Obwohl er wie sein Idol aus Seattle stammt. Doch die Songs des legendären RockGitarristen nahmen ihn schon als Teenager gefangen. Seit den 80ern „lebt“ Randy Hansen die Interpretation von Hendrix’ Musik buchstäblich mit Haut und Haaren. Auf der Konzertbühne ist er – akustisch wie optisch – so verblüffend nahe am gewählten Vorbild, als wäre er dessen Wiedergänger. Seinen Auftritt beginnt Randy Hansen mit dem Hendrix-Song „Have You Ever Been“ vom epochemachenden Album „Electric Ladyland“ aus dem Vietnam-Kriegsjahr 1968. Zwei deutsche Musiker, Bassmann Uwe „Ufo“ Walter und Drummer Manni von Bohr, unterstützen Randy Hansen bei seinem Konzert. Der knapp 58-jährige Amerikaner „zelebriert“ die Spielweise von Jimi Hendrix perfekt; er ist ganz nah an der längst musikhistorischen Vorlage – und klingt dabei, als

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hätte er mehr als nur zwei Arme und Hände an der Gitarre. Randy Hansen ist ein gestandener „Rampentiger“ – musikalisch wie optisch: Hendrix’ Posen hat er alle perfekt „drauf“, vom Show-Effekt „Windmill“ bis zum Gitarrenspiel mit der Zunge. Und gekleidet ist er wie einst die WoodstockBlumenkinder: Schlaghose, Schlapphut, Indien© Robin Daniel Frommer Weste und zahllose Anhänger. Er erreicht fraglos sein Ziel, Hendrix identisch abzubilden, jedoch ohne dabei eine eigenständige Ausstrahlung zu entwickeln (oder entwickeln zu wollen) – wie beispielsweise Stevie Ray Vaughan oder Robin Trower. Mit zwei Zugaben, „Voodoo Chile“ und „Hey Joe“, klingt das Konzert aus. (Ro■ bin Daniel Frommer)

BluesNews, Germany, October 2012  

Author: Robin Daniel Frommer

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