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Thorsten Pofahl

wire chair


wire chair Thorsten Pofahl

Um mich in das Thema einzuarbeiten began ich mit einer kleinen FingerĂźbung und bastelte in kurzer Zeit einen Stuhl aus Lotzinn und Tesafilm. Dieser erste Versuch wurde sehr klein, was wohl an der leichten Formbarkeit des Lotzinns lag. Der kleine MaĂ&#x;stab lieĂ&#x; nur eine begrenzte Detailgenauigkeit zu und zwang mich, das Bild eines Stuhles abstrahiert zu modellieren. Intuitiv zeichnete ich die Konturen eines Stuhles aus Ringen nach.


Meinen ersten kleinen Entwurf baute ich in größerem Maßstab aus Stahldraht nach. Die maßstabsbedingte Reduktion des ersten Modelles war hier zwar nicht mehr erforderlich, stellte sich jedoch als reizvoll heraus. Ich entschied mich, dieses Thema beizubehalten. Wie viele Elemente benötigte ich, um einen gebrauchstüchtigen Stuhl zu fertigen? Das formale Mittel der Ringe half mir, den Stuhl in Gruppen zu gliedern. Ein Ring bildet die Füße des Stuhls, ein zweiter die Sitzschale mit Rückenlehne. Um wirklich sitzen zu können fügte ich zwei weitere Ringe als Sitzfläche hinzu.


Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass mein so gefertigter Stuhl einen hohen Sitzkomfort bieten würde und entschied mich, dieses Problem zu thematisieren: Wenn der Stuhl schon nicht bequem sein würde, so sollte er zumindest bequem aussehen, aus dem Stuhl wurde ein Sessel. Der Stuhl wurde großer und ich veränderte die Winkel von Sitzfläche und Rückenlehne hin zu einer weniger aufrechten Sitzposition. Die beiden Ringe der Sitzfläche bog ich in die Rückenlehne hoch, was zu Sitzen nicht erforderlich ist, den Sessel jedoch komfortabler erscheinen lässt. Ein weiterer Ring in der Rückenlehne hat zwei Funktionen. Zum einen verbindet er zwei der Ringe der Sitzschale und gibt dem Stuhl dadurch mehr Stabilität, zum anderen lässt er Assoziationen an einen Ohrensessel oder ein weiches Kissen im Rücken zu. Ich verstehe diesen Ring mehr als eine Anspielung und einen Bruch des mir vorher so streng auferlegten Rationalismus als eine wirkliche funktionale Notwendigkeit.


Die Herstellung des Stuhles stellte ich mir sehr einfach vor, fünf Stahlstangen zu Ringen zu biegen sollte einfach zu bewerkstelligen sein. Leider war dem nicht so. Das Biegen der Winkel geschah relativ anarchisch mit einer einfachen Biegemaschine und es gelang mir nicht, die Resultate genau vorherzubestimmen. Ich konnte zwar Winkel und Radius sehr genau herstellen, nicht jedoch die genaue Positon des Winkels in der Stange festlegen. Dieses Problem führte dazu, dass meine ersten Ringe ungleichmäßige Kantenlängen hatten und zerknautscht aussahen. Das Problem lies sich nur lösen, indem ich die geraden Stücke und die Winkel der Ringe getrennt herstellte, was dazu führte, dass sich die Anzahl der Schweißstellen dramatisch erhöhte. In gewisser Weise betrachtete ich diese Vorgehensweise als Schummelei, schließlich sollten meine Ringe ein möglichst einfaches und selbstverständliches Bild erzeugen, wie bei meinem ersten Versuch in Lötzinn. Ich musste also die Schweißnähte sehr genau ausführen und alle überstehenden Säume abflexen, um meinen Trick zu kaschieren.


Bei der Lackierung des Stuhls wollte ich darauf achten, die Schlichtheit des Stuhles zu erhalten und entschied mich gegen einen farbigen Lack. Drei Varianten schwebten mir vor: Am einfachten wäre es, den Stuhl unlackiert zu belassen. Das Material wäre so sichtbar, die leicht oxidierte Oberfläche des Stahls wirkte jedoch inhomogen und ließ sich auch durch abschleifen nicht wirklich beeinflussen. Eine schwarze Lackierung des Stuhls würde ihn noch filigraner erscheinen lassen und ihn vor dem Auge verstecken. Umgekehrt würde eine weiße Lackierung den Stuhl betonen und seine Ringe wie in den Raum gezeichnete Linien erscheinen lassen. Diese Version schien mir die reizvollste zu sein, auch weil ich vermutete, dass der Stuhl sich so am besten fotografieren ließe.


Das Fotografieren des Stuhls innerhalb der mir zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten stellte sich als schwierig heraus, hierfür war er schlicht zu groß. Deshalb, und weil er mich in seinem endgültigen Erscheinungsbild auch ein wenig an ein Gartenmöbel erinnerte, entschied ich mich die Fotos unter freiem Himmel zu machen. Ich wollte den Stuhl so fotografieren, dass nur der Boden auf dem er steht im Bild zu sehen ist, benötigte also eine große Freifläche, welche einen kontrastreichen Hintergrund für meinen Stuhl bildet. Im Aachener Stadtgebiet fand ich eine Abrissfäche, die gut geeignet zu sein schien. Teilweise waren noch Reste von farbigen Bodenbelägen zu finden, herumliegendes Geröll hatte interessante Strukturen und flache Pfützen bildeten spiegelnde Flächen.


Mein Stuhl ist nicht wirklich ein gebrauchstüchtiger Stuhl, eher eine Abbildung oder Interpretation eines Stuhls. Zwar hat sich die Sitzschale als überraschend bequem herausgestellt, jedoch sind die Beine des Stuhl zu lang geraten, so dass man zu hoch sitzt und seinen Schwerpunkt intuitiv zu weit nach vorne verlegt. Dies führt dazu, dass der Stuhl anders als geplant belastet wird und sich daher im forderen Teil der Sitzfläche leicht verformt. Dieser Umstand und die Größe des Stuhls haben dazu geführt, das der Stuhl schon nach kurzer Zeit aus meiner Wohnung verschwand und seinen neuen Platz im Garten meiner Eltern fand, wo er nun sich selbst überlassen wird und in Würde altern darf. Obwohl ich ihn mit einer Rostschutzgrundierung vorlackiert habe zeigt er an den Fügestellen der Ringe schon die ersten Anzeichen von Rost und ich bin gespannt, wie viele Winter er überstehen wird.

Wire chair Seminararbeit am Lehrstuhl für Plastik bei Axel Friedrich und Michael Staack RWTH Aachen 2008


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