Page 1

Aushauser

Alles muss raus.

I

Ein Autdoar-Magazin

1


>>>Eilmeldung>>>Eilmeldung>>>Eilmeldung>>>Eilmeldung>>>Eilmeldung>>> Spektakuläre Erstbegehung am Diskaunta!

Kurz vor dem Gipfelsturm Unserem freien Mitarbeiter, dem aufstrebenen Flachlandalpinisten Thomas Aushauser ist erstmals die Begehung der als unpassierbar geltenden Nordroute zum Diskaunta gelungen, eines nordseitig als unbezwingbar angesehenen Tafelberges im unwirtlichen Alpenvorland. Wir gratulieren ganz herzlich! Hier sein Bericht: 'Der Diskaunta wird ja gerne angegangen, allerdings nur von der gut erschlossenen Südseite her, mit einem parkplatzgroßen Basislager, und ausschließlich mit technischen Hilfsmitteln, A++.


Mir war klar, dass nordseitig nur ein temporeicher Schnellzugriff im Alpinstil, free solo und on sight, erfolgreich und dem Ziel angemessen sein w端rde. Der Angriff wurde in die vegetationslose Jahreszeit terminiert, um den Anmarsch nicht durch wucherndes Gestr端pp zu erschweren.

3


Es gibt praktisch keinerlei Literatur über den Diskaunta, nicht mal Schilderungen gescheiterter Gipfelversuche, da mußte ich auf Google-maps zurückgreifen, um überhaupt eine schlüssige Anstiegsroute evaluieren zu können. Die Schlüsselstelle war natürlich die Traversierung der A 96. Zuerst wollte ich sie entgegen free solo mit Fixseilen absichern, zu ungeheuer schien sie mir, wie ein gefräßiger Moloch, mir nach Leib und Leben zerrend, dann aber gelang mir, mich am Geländer kräftezehrend entlanghangelnd, eine entschlossene Querung.

Wie nahezu jeder Anstieg auf einen bekannten 500er, ist auch die Route zum Diskaunta übersät mit Bergsteigermüll, der aus dem Basislager Süd in die Nordflanke hereinweht, und ein Fortkommen bisweilen an die Grenzen der Belastbarkeit führt, so schlecht wird einem beim Anblick all des Zivilisationsgerümpels, das die technischen Kletterer hinterlassen.

4


Ich bin froh, den Diskaunta auf bisher unbekannter Route für alle Bergsteiger erschlossen zu haben, auch wenn ich nicht glaube, viele Wiederholer erwarten zu dürfen; zu unwegsam, zu abseitig, zu gefährlich ist der Weg.'

Thomas ist inzwischen in die Niederungen der Erwerbstätigkeit zurückgekehrt, plant aber bereits sein nächstes Alpin-Projekt: Die freiwillige Nächtigung auf einer Alpenvereinshütte: 'Wie ich das Matratzenlager ohne Schutzkleidung überleben werde!' Wir wünschen ihm viel Glück und werden berichten, ob und wie er diesen Grenzgang übersteht!

5


Run over the Stonehill

Auch der Stonehill ist längst vom örtlichen Sportklub, allzu trist ist der Circuit über die vereinseigene Aschenbahn, als Rennschauplatz okkupiert worden und bereits Ende Januar traben dort die Eifrigen auf für das Laufereignis im Oktober. Auch ich wärme mich auf einer Proberunde, wähle statt der 10 die 5 km, man will sich ja nicht überanstrengen, und wundere mich, warum die Veranstalter den Stonehillrun noch nicht als '100%-Polyester-Flachnaht-Longsleeve-Gedächtnis-Lauf' an einen globalen Textilkonzern versponsort haben, zumindest an den örtlichen Eisenwarenhandel, oder als 'CSU-Memory-Run' an eine lädierte Volkspartei. Die Teerabschnitte auf traditionsreicher Staatsstraße, womöglich steh' ich noch an roter Ampel rum, spare ich mir aus, kürze durch den Wald ab, das verbessert die Zeit. 6


17 Minuten darf ich verlaufen, alles darüber mindert meine Siegchancen, da kann ich jede Sekunde brauchen. Die sozioökonomisch bilanzierte Weltbetrachtung, die sich über jegliches Ding stülpt und Gut wie Böse danach beurteilt, was man wohl damit verdienen könnte, also das Maximum dessen, was man aus einem Wesen herausholen kann, nachhaltig, ohne es gleich zugrunde zu richten, sondern erst dann, wenn sich weiteres Schürfen und Graben nicht mehr lohnt, also den betriebswirtschaftlichen Optimierungspunkt jeglicher Prospektion, habe ich mir als Läufer längst zu eigen gemacht. Immerzu auf der Suche nach der optimalen Trainingsfrequenz: Wie oft, wie lang, wie intensiv, wie belastungsspitzenverteilend für maximale Fitness. Ich bin kein Dummläufer. Ich bilde mich. Habe drei Laufzeitschriften abonniert. Kenne alle Online-Trainingspläne. Jeden Laufschuhtest. Sogar Heroen wie Wessinghage und Cooper, die ganze klassische Laufphilosophie ab Marathon, Pheidippides, 490 v. Chr..

7


Nun läßt sich das Optimum umso schwieriger definieren, je mehr Parameter einfließen: Solange es nur gilt, 'schnell' zu laufen, ist die Sache einfach. Was aber, wenn der Lauf auch 'schön' sein soll, unterhaltsam, aufregend, gesellig, sexy, ästhetisch, ereignisreich? Was dann? Warum sollte man sein Laufen bloßer Geschwindigkeit unterordnen? Das wäre ja, als ginge es beim Essen um bloße Kalorienzufuhr, im Beruf um bloßes Geldverdienen, beim Sex um bloße Zeugung. Es ist eine unselige Verbindung: Laufen und Tempo. Und ein katholones Unglück, die olympische Idee auf Zeit und Raum zu reduzieren und zu quantifizieren, und sämtliche anderen Aspekte eines Tuns auszuselektieren. (... ja, ja, für die Nicht-Läufer haben wir ja den Eiskunstlauf...) Wer ist der Schnellste? Eine ungeheure Attraktion geht von dieser Frage aus und eine ungeheure Industrie ist um diesen Superlativ herum tätig: Massen und Medien, Sportförderung, Kader, Wissenschaft und Ausrüster; ein sport-industrieller Komplex, der absurde Mittel an Geld, Betriebsamkeit und Aufmerksamkeit verschlingt, um den einen und einzigen herauszufinden, und es wird klar, dass es nicht um diesen einen geht, sondern um eine Art globaler Bewußtseinsschulung, fremd allenfalls irgendwelchen Eskimos, Dschungelindianern und Tibetheiligen. Du aber sollst stets Dein Bestes geben, auch wenn es nur einen Besten geben kann und dieser wirst Du nicht sein.

8


Es geht bergauf, eher hügelan, eine sanfte Steigung nur, aber genau diesen Eindruck habe ich gerade von mir: Laufen ist ja eine Art von Dauerdepression, ein beständiges Ungenügen an sich selbst. Immerzu gibt es einen, der besser ist, der schneller läuft, und wenn es nur abstrakte Zeit ist, der man hinterher hechelt. Wir haben die Antagonismen gesellschaftlich ausdifferenziert, in Gruppen, Parteien, Ideologien und Weltanschauungen, weil sie im Individuum nicht zeitgleich existieren können, weil unser Denken immer nur eine Sache denken kann und nicht deren zwei. Alle Bewegung des Marktes, Ertragssteigerung versus Nachhaltigkeit versus Mitgefühl, Mitempfinden, ist der Versuch, Komplexität auszuschließen, denn Komplexes kann das Denken nicht denken.

9


Laufen auf Zeit zu verkürzen ist primitiv, aber fassbar. Sobald aber Laufen nicht mehr mit Zeit verquickt ist, ist man aus dem Rennen heraus. Wozu sollte man dann noch laufen? Und wenn ja, wie läuft man dann? Kann dann noch von 'Laufen' die Rede sein? Vom Feldweg führt die Strecke in einen Fichtenbestand, die BMXler haben sich darin ein gewagtes Übungsgelände geschaufelt, und ich frage mich, wenn das Denken als monokausales und monofinales Instrumentarium sozusagen nur geradeaus denken kann, wie denkt dann eigentlich der Wald, durch den ich gerade schnaufe, der doch auf irgendeine Art intelligent mit allem, was ihn umgibt, kommunizieren muss.

Laufen ist wie Denken in der Nachfolge, es agiert Schritt für Schritt, es hat Methode und daher ist es nachahmbar. Laufen wie Denken ist in der Imitation. Man denkt nach, was schon vorgedacht ist. Man läuft hinterher, man läuft voraus, egal, der Weg ist gebahnt. Daher ist man in Vergleichbarkeit. Man macht sich messbar. In dieser Natur hingegen, so ist zu vermuten, 10


herrscht keine Wenn-Dann-Logik, sondern eine Art von Gleichzeitigkeit. Wald und Wiese sind in Simultanität. In Konvergenz. Synchron. Zu denken kann all dies nicht sein und ich frage mich, ob es da etwas gibt. Die Fassung des Unfassbaren. Vielleicht ist es auch nur das selbe alte Meinen, Hoffen, Glauben, welches sich auch demjenigen überwirft, was es sich selber nicht erschaffen kann. Ich werde noch langsamer laufen müssen. Vielleicht bleibe ich sogar stehen. Mal sehen, was passiert. Mit einer 48er Zeit bin ich weit über dem 17-Minuten-Soll. Aber das macht nichts. Ich kenn' noch ein paar Abkürzungen. Ist ja bloß Laufen und keine Doktorarbeit.

11


Nahe Nähe

In der Gegend, darin ich wohne, sind Touristen so rar, daß man im Landratsamt überlegt, den wenigen zahlenden Gästen kostenlos Elektrofahrräder anheim zu stellen, um die raren Sehenswürdigkeiten mobiltätsmäßig pulsneutral konsultieren zu können, schließlich will sich der Urlauber erholen (wellnessen) und nicht schinden. Zwar schmettert der Landrat bei jeder Gelegenheit: 'Unsere Landschaft ist unser Kapital!' (... gewisse Parteien sind grundsätzlich unfähig in 'Landschaft' etwas anderes zu sehen, als Geld und Guthaben ...), was aber die Gemeinden nicht daran hindert, sich im Bau von Umgehungstraßen, bei der Ausweisung von Gewerbegebieten, bei der Umwidmung von Äckern zu Baugrundstücken und beim Bau von Brücken über Umgehungstraßen, (damit das, was umgangen worden ist, wieder zugänglich gemacht wird,) gegenseitig zu übertrumpfen.

12


Daher hat es mich immer fortgezogen. Außer in Grönland, auf den Lofoten und in den Niederlanden bin ich schon einigermaßen rumgekommen, wenngleich die Örtlichkeiten, an denen ich nicht war, sich aberwitzig ausnehmen gegenüber den Orten, an denen ich wiederholt war. Meine letzten Reisen aber waren enttäuschend. Wahrscheinlich muß man sich mit dem Helikopter bis ins hintere Sibirien fliegen lassen, um halbwegs seine Ruhe zu finden, und auch da laufen einem dauernd die Öl-Prospektoren über die Füße. Selbst in den Alpen ist man allein nur Montagvormittag, in der ferienfreien Zeit, bei Niesel, Regen und Hagelschauer auf abgelegenen Routen, und auch da wird man verfolgt von roten Punkten, Hinweisschildern und Werbetafeln der Almgastronomie. Und unglaublich: Tausende Kilometer von Zuhause trifft man Bekannte aus dem Nachbardorf, Landkreisbürger und Internetcafes mit Gesichtsbuch-Zugang. Alles wie gehabt. Alles wie Daheim.

13


Also blieb ich Daheim. Weil ich das Fremde in der Fremde zuletzt immer weniger gefunden habe, begann ich das Vertraute so zu sehen, als ob es mir nicht vertraut wäre. Sogar mich hielt ich für einen Fremden und begann mit den Einheimischen zu verkehren, als sei ich Gast und sprach Hochdeutsch und dialektfrei, höflich und in freundlicher Miene, als wäre ich Kurgast mit Kurkarte. Aber ich hatte keine Gelegenheit dazu. Mir begegnet niemand.. Ich bin allein. Diese Gegend ist so öde, in ihrem stereotypen Wechsel von Feld und Wald so vorhersehbar, in ihrer Monokultur, jetzt voll von überreifem Futtermais, so eintönig, es ist, als quere man Wüsten. Sogar die Hundebesitzer, getrieben vom Harndrang ihrer Köter, steuern wohnsitznahe Baumreihen an und meiden Entfernungen über Gebühr.

14


Meine Methode ist einfach: Ich gehe einfach los. Selten über Äcker, auch Pflanzungen meide ich, jedoch Wiesen, oft Feldwege und dann weglos im Wald. Anfangs ging ich schnurgerade, mich irgendeiner Himmelsrichtung verpflichtend. Dann folgte ich offenbaren und geheimen Zeichen: Ästen, die wie Pfeile lagen, Lauten aus dem Gebüsch, Tieren, die meinen Weg querten, Bäumen wie Mahnwachen des Lebendigen. Jetzt aber gehe ich einfach so und achte der Zeichen nicht mehr. Wenn es mich nach links zieht, gehe ich links, wenn es mich nach rechts zieht, gehe ich rechts. Ganz wie im Zen. Weiß ich nicht weiter, bleibe ich stehen. In diesem Daheim habe ich mich öfter verirrt, als bei meinen sämtlichen Reisen in der Ferne. Zwar wußte ich, wo ich irgendwo war, aber nicht, wie aus diesem Nirgend ein Irgend zu bekommen wäre. Denn hier ist kein Ziel, das einen erwartet, hier ist kein Weg, der einen leitet, hier fehlt es an Aufbruch und Ankommen und kein Ergötzen am Dazwischen. Aber in diesem Land muß man nur eine Weile geradeauslaufen, um an einer geteerten Straße Tröstung und Mitfahrgelegenheit zu finden. Und doch: Ich fürchtete mich. Irgendwie.

15


Denn es ist so: Noch in der einsamsten Steppe wußte ich mich nicht allein. Denn es war Urlaubszeit. Jemand würde mir nachfolgen, wenn nicht heute, dann morgen. Ich brauchte bloß zu sitzen und zu warten. Auf manchen Routen ging man gar im Gänsemarsch, an manchen Kletterstellen stand man Schlange, und dort, wo man aus der Distanz einen einsamen Lagerplatz erspäht hatte, hatten das ein Dutzend andere auch. Obwohl allein, war man geborgen unter Touristen, behütet von Karten, beraten von Reiseführern und gestählt durch häusliche Vorbereitung. Man war Teilhaber eines etikettierten Pfades, einer internationalen Unternehmung, Anteilseigner am großen Trek, feinsäuberlich blechgetäfelt in europaweit normierter E-Nummerei. Jetzt aber, würde mich einer fragen, 'Wo bist du gewesen?', ich müßte sagen: 'Im Wald.' Im namenlosen Wald. Man würde lächeln über mich, ein Waldschrat. Was will er dort, was tut er dort. Ein Sonderling.

16


Die heimischen Gefilde haben ihre eigene Dämonie. Da ist das Gefühl, stets etwas ungehöriges zu tun in diesem überzüchteten Land. Darf man das? Tut man das? So umringt ist man von dem, was man mit allen teilt, den Routinen des Alltags, der Mühsal banaler Erwerbsarbeit, all die austauschbaren Sätze, die man im voraus sprechen könnte, und selbst das Bier zum Feierabend schmeckt jeden Abend gleich, daß, wenn man mit sich da draußen in ein Spüren kommt, erschauert. Man erschrickt und erkennt sich nicht. 'Das soll ich sein?' Und man schiebt es auf den Wald, den dunklen Tann und meidet ihn.

17


Deswegen ist man daheim allein auf weiter Flur und fremd. Das Zuhause ist die eigentliche Fremde. Man begegnet niemand anderem, weil sich die anderen nicht begegnen lassen wollen mit dem, was sie vermeinen nicht zu sein. Aber der Schrecken ist nur am Anfang. Dann ist ein Zauber. Aber der Zauber hält nicht an. Nichts hält an. Das ist echte Magie. Nahe Nähe. Draußen. Daheim. Sie müssen aus allem einen Spruch fabrizieren.

18


Notizen

Das Gehirn sammelt allerliebst das, was es schon weiß, ahnt, befürchtet. Aller Rest, alles Randständige, Seichte, Unscheinbare fällt gerne durch das Sieb von Identität, das wir vermeinen zu sein. Im Wandern jedoch, nicht aber im Klettern, Schwingen, Gleiten, also nicht in allen Aktiv-Sportarten, sondern im steten Gehen, einem, ja, dem Therapeutikum schlechthin, strömt es von allen Seiten, aus inneren und äußeren Gefilden und der Spiegel ist immens. Während der Aktivsportler seinen Sport betreibt, um sich nicht zu spüren, ist dem Wanderer jeder Weg Pilgergang, Schatzsuche und Dämonikum innerer Einkehr, ein kathartischer Pfad. Wie weit ist man davon abgekommen! Wie veraltet ist der Begriff des ‚Wanderns’! ‚Wanderer’ gibt es nicht mehr. Es gibt Hiker, Trekker, Mover, Runner und Grenzgänger 19


und mit der Preisgabe von Sprache geht auch eine Desensibilisierung einher, eine Vergröberung, eine Verrohung; Ja, die Tiefe des Begriffs wird dem Reiz rascher Wortwechsel geopfert, die Weite suggerieren, doch hohl sind. Leere Phrasen, platt wie Katalogtexte. (Wie ja generell die Semantik der Katalogsprache ungefiltert einströmt in private Reiseberichte und sie ununterscheidbar macht: Ist das jetzt Werbung oder Erleben?) Es ist das eine, das Ungespürte zu empfinden und das andere, das Empfundene zu versprachlichen, denn ohne Sprache bleiben nur Bilder und Bilder sind still und stumm und sie gehören einem nur je allein. Man kann sie nicht teilen. Sprache aber, gerade die, die sich sacht, zaghaft, traumhaft, vorsichtig und zögernd dem Bewußtsein anheimgibt, verflüchtigt sich allzu rasant, wird sie nicht umgehend verschriftlicht. Also braucht man Hilfen. Man braucht Merkzettel. Stift und Papier.

20


Anfangs war ich noch mit Skizzenbüchern unterwegs, denn erst das Zeichnen sieht wirklich. Erst im Zeichnen sieht man nicht nur besser, sondern überhaupt. Aber ich bin kein Zeichner. Ich fand mich peinlich. Ich hörte auf damit, obwohl niemand außer mir meine Skizzen jemals zu Gesicht bekommen würde. Und: Zeichnen kostet Zeit. Mit Skizzenheft auf Tour zu sein, erfordert eine gänzlich andere Tourenplanung. Tageswanderungen verlängern sich in die Nacht. Mehrtagesetappen bleiben in der Mitte hängen. Da begann ich zu schreiben und besorgte mir ein Notizbuch. Bald war ich zu faul, es jedes Mal aus Tasche oder Rucksack hervorzukramen, wenn ich glaubte, einen aufzeichnungswürdigen Gedanken hineinkritzeln zu müssen und sagte mir: Wenn der Gedanke Gewicht hat, bleibt er bis abends. Abends aber hatte ich ihn längst vergessen. Abends, wenn ich dann vor Zelt und Hütte saß, waren nur noch die grobschlächtigen Gedanken übrig, und das Feinsinnige längst entfleucht. Da legte ich mir ein Dictaphone zu und tatsächlich hatte ich es auf Tour dabei, aber ich sprach keinen einzigen Satz hinein. Auch später nicht, da hatte ich ein Handy mit Sprachaufzeichnung. Es ging nicht, ich wollte nicht, es passte nicht, nicht im Beisein anderer, nicht einmal allein. Mittlerweile glaube ich auch nicht mehr an den unmittelbaren Gedankenerguß und schätze den Filter der Zeit, der den Großteil des Gedankendauergewäsches im Orkus verschwinden läßt und vom Tag nur übrigbehält, was Erinnerung bereit ist, gelten zu lassen vor Chronos Strenge. Ein Verlust ist es doch und Spiegel ist alles. Und ich bin zurück zum Notizbuch, einem mit Schlaufe, darin der Stift. 21


Ganz in der Wahrhaftigkeit zwar bin ich beim Schreiben nie, zu sehr Flaschenpost ist mir der Block, und ganz bei mir bin ich dann doch nur in dem, was sich verflüchtigt. Doch abends zu sitzen und zu sinnieren, mit dem Büchlein in der Hand und Tinte, die fein gleitet über Papier, und den Tag wiederzubeleben, wenn auch als Aufguß und in toten Worten: Was lernt man nicht alles über sich, worin man sich lieber nie begegnet wäre. Deswegen muß man alleine gehen. Im Geschwätz der Gruppe kommt man über sich nicht hinaus. Man kommt nicht mal zu sich selbst. Alleine und wandern. Alles andere ist Sport.

22


Brandaktuell: Outdoor wird olympisch!

Warten auf das IOC, das Internationale Outdoor-Committee Laut gemeinsamer Presseerklärung der Spitzenverbände OCT, PPR, AVD, ÖÖaÖVÖ, UIAAIA, IOOC, FIVA und NKO wird Outdooring bereits 2018 olympische Disziplin! Hierzu Pressesprecher Auskötter: 'Unter dem Titel ‚Wilderness 7’ werden wir einen brandheißen Outdoor-Wettkampf zwischen Zehn- und Modernem Fünfkampf ansiedeln mit einem guten Schuß Schaulaufen. Es wird einen zeitgenommenen Stadion-Circuit geben mit folgenden Stationen: 1. Bekleidungs- und Ausrüstungsbewertung auf dem Holzbohlen-Catwalk. 2. 25 kg Rucksackpacken nach Packliste und Schulterwurf (drei Versuche) 3. Wolkenbruch/Beregnungsschleuse 4. Flussdurchquerung im Wassergraben incl. Wasserentkeimung 5. Feuer machen und einen Liter Wassergrabenwasser zum Kochen bringen 6. Mückenabwehr 7. Zeltaufbau im Sturm (Windmaschine) und Schlafsackkriechen Die Athleten werden erstmals nicht von den nationalen Sportverbänden, sondern von der beteiligten Industrie benannt. Wir wünschen einen praxis- und alltagsnahen Wettbewerb. 23


Die von den Athleten getragene Ausrüstung kann zeitgleich zur Competition beim jeweiligen Hersteller online erworben werden. Um den Umsatz zu fördern, erhalten Käufer der Siegerausrüstung 10 % Rabatt, die Silber- und Bronzemedallien-Artikel 5 und 3 % bis 24 Stunden nach Wettkampfende. Jeder Kauf, noch während der Competition, kommt in Form von Bonuspunkten unmittelbar den im Wettbewerb stehenden Athleten zu Gute. So können die Fans ganz direkt zum Sieg 'ihres' Athleten beitragen und praktisch selber mitkämpfen.

Eine begeisterte Presse empfängt das IOC anläßlich der Stadionprüfung für den Wettkampf So ist erstmal bei Olympia auch das Publikum aktiv beteiligt und nicht nur passiver Zuschauer. Wir nennen das ‚activated immersion’, ein Prolog für künftige Veranstaltungen. Zugleich kann sich die Industrie als Schirmherr in Stationen einkaufen, die wir meistbietend versteigern werden. An Bewerbungen liegen uns vor für den Wolkenbruch: ForeTex und Ivent. Für die Mückenabwehr: Auton, für die Feuerprobe: MXR, für das Zelten: Titinka und die Rucksackstation: Lawe. Der Catwalk ist bereits an HansHasenhaut vergeben. Selbstverständlich treten nur Werks-Athleten nur mit dem Material an, das ihnen die akkreditierten Hersteller zur Verfügung stellen. Privat-Sportler, Verbandsangehörige, Jakobswanderer und Alpenvereinsmitglieder sind zur Teilnahme nicht vorgesehen.' 24


Soweit Pressesprecher Auskötter.

Bildmitte: Kathy Pitt, dauerlächelnde Frontfrau der Nationalen Outdoor-Bewerbergesellschaft Kommentar: Seit langem beschwert sich die Outdoor-Bekleidungs- und Ausrüstungs-Industrie über allzu große Publikumsferne bei 90% aller Disziplinen: ‚Wann haben Sie zuletzt Ihren letzten Diskus gekauft? • Speer und Hochsprungstab? • Boxhandschuhe und Skiflugskier erworben? • Rodel und Bob? • Ruderachter und Wurfhammer? Die Doppelhaushälftenbesitzer haben mangels Gartengröße oft nicht mal eine einzige Hürde im Vorgarten stehen. 90% aller olympischen Wettbewerbe sind ökonomisch irrelevant. Wir Outdoor-Ausrüster, die wir als einzige weltweit für doppelstellige Umsatzzuwachsraten sorgen, sind olympisch nicht repräsentiert. Das ist eine Sauerei. Olympia muß den Marktverhältnissen angepaßt werden. Wir machen den Anfang. 25


Wir sind innovativ. Wir machen den Weg frei.'

Wir in der Redaktion finden mehrheitlich gut, daß wir Outdoorer nun endlich mal vor aller Welt zeigen können, was in uns steckt und worin wir stecken. Dem ganzen Outdoor-Geschehen fehlt schon lange der richtige Spirit. Olympia wird ihn bringen!

Begeisterte, jubelnde Outdoorer applaudieren überschwenglich dem IOC!

26


Watzmann-Umbenennung

Früher hießen Sportstätten nach Örtlichkeit (Stadion an der Grünwalder Straße) oder verdienten Persönlichkeiten (Ernst-Happel-Stadion). Jetzt wählt man den Namen desjenigen, der dafür bezahlt. (Allianz-Arena) Besonders angeraten erscheint die Namensgebung bei Bergen, die, gänzlich sich selbst überlassen, nichts weiter als allmählich zerbröseln würden und daher ist der äußere Zusammenhalt durch Anbringen von Bohrhaken, Leitergerüsten und Drahtseilen pure Notwendigkeit. Die Firma, die sich hier Meriten verdient, als Ideengeber und Finanzier: Kann man ihr das Recht absprechen, ihr Bauwerk nach sich selber zu taufen? Nein, natürlich nicht. Wer zahlt, schafft an. Salewa hat nicht nur einen Klettersteig eröffnet, gleich auch noch eine Klettersteig-Schule, in weiser Voraussicht dessen, was künftig boomt. Diese Initialzündung hat die Fremdenverkehrsämter und die klammen Gemeinden elektrisiert. Gegen Meistgebot stehen nun zahllose Kalkhügel in der Auktion.

27


Allen voran der Watzmann im Berchtesgadener Land, um den sich die Zeugen Jehovas bemühen. ‚Watchman’ soll er in einer ersten Umbenennung heißen, danach, wenn sich die erste Entrüstung gelegt hat, ‚Watchtower’. Die Österreicher hatten ja, um englischsprachige Touristen anzulocken, Hinterbärenbad bereits in ‚Backbearbath’ geändert, was der internationale Alpin-JetSet dankbar angenommen hat: ‚Fahrst am Wochenend a nach BBB, Schatzi-Baby?’ Die Garmischer haben sich in Selbsthaß, wegen der gescheiterten Olympia-Bewerbung, entschlossen, Deutschlands höchsten Gipfel künftig ‚Traintop’ zu nennen, damit die chinesischen Gäste gleich wissen, daß man da rauffahren kann, und nicht orientierungslos im Tal herumstehen, wo sie kein Geld ausgeben. ‚Hans Hasenhaut’ hatte sich ja auch beworben; wollten ihr Tatzenlogo neonfarben und auf 800 x 800 m in den Kalk der Riffelwand einritzen und nachts beleuchten lassen und hatten sogar angeboten, die Loisach anzustauen für ein kleines Flußkraftwerk, um die Logo-Stromversorgung sicherzustellen. Die Garmischer haben die Lizenz jedoch an Toyota verkauft, wegen guter Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit dem Dt. Alpenverein und weil die Japaner - Nichts ist unmöglich den Bau einer Seilrutsche vom Traintop zum Toyota (vormals ‚Alpspitze’) garantierten. Die Einnahmen, einmal Rutschen 87 Euro, werden 2 zu 1 geteilt. Außerdem: Gäste mit mehr als drei Übernachtungen werden per Landcruiser zur Reintalangerhütte gefahren (Steig jetzt planiert mit Überholspur), und NordicWalker bekommen kostenlos Prospekte vom neuesten Prius. Vaude, immer im Anspruch, Salewa zu übertrumpfen, hat gleich Rechte auf das gesamte Allgäu angemeldet. ‚Wir zahlen hier Steuern, wir sind hier daheim, hier bestimmen wir!’ Pfronten heißt jetzt ‚Edelrid-Stadt’ und Oberstdorf ‚Vaude-Town’. ‚Markill’ wurde reanimiert und ziert als ‚Markhill’ nunmehr das Nebelhorn. Zwar tut mir ein bißchen leid, daß der König-Ludwig-Weg jetzt ‚Mammut-Trail’ genannt wird, aber auch der gute Ludwig mußte seine Schlösser auf krummen Wegen finanzieren, nämlich über die Preußen. Auch über Bathrichhill (Bad Reichenhall) könnte man geteilter Meinung sein, aber die neuen Eigentumswohnungen auf dem Obersalzberg, alle im NS-Stil (alle mit Adlerhorst-Fenster), verkaufen sich seitdem blendend an amerikanisches Publikum. 28


Gut auch, daß McDonalds zahlreichen Alpenvereins-Sektionen ihre kostenträchtigen Hütten abgekauft hat. Endlich ist gesunde Verpflegung auch in den Bergen verfügbar geworden und kein bärbeißiger Hüttenwirt blafft den erschöpften Wanderer an: ‚Schuah aus, Dreckbär, dreggata!’ Im Gegenteil: Die Jugend bricht auf in die Berge zum Hamburger Hill! Besonders gelungen finde ich den Chiquita-Hubschrauber, der kostenlose Bananen auf die meistbegangenen Abschnitte des Vaude-Town-Saltsummit-Trail regnen und so den darbenden Zehntausenden nahrhafte Vitamine zukommen läßt. Der Deutsche Alpenverein, im verständlichen Bestreben von der Höhe in die Breite zu wachsen, will nicht nachstehen und der Antrag, künftig ‚Outdoor-Community’ zu heißen, muß zwar noch von den Gremien abgesegnet werden, verspricht aber sprudelnde Einnahmenszuwächse in den flachhügeligen Bundesländern und enormes Mitgliederpotential. Der neue Slogan ist schon gefunden: ‚Be part of nature, be an Outcom!’ Insgesamt erfreuliche Entwicklungen, die der notleidenden Bergbevölkerung das Überleben sichern. Berg Heil!

29


Reise zum Ausrüster

Im Tunnel noch das Dunkel einer Zivilisation, die sich verloren geht. Hast und stilles, einsam verstummtes Stehen. Dann ein Warten in einem Vorüber, in dreister Gewißheit, ganz ohne eigenes Zutun, nur gegen Obolus, voranzukommen. Selbst der Weg ist käuflich geworden. Geführt, geleitet, getragen. Man zahlt und überall.

30


Links gegenüber eine Bäckerei. Letzte Gelegenheit sich zu verproviantieren. Gut sind die Croissants und leicht und platzsparend auf Kugelgröße komprimierbar.

Man wendet sich linkerhand in eine grau-planierte Furt, en passant endlosen Fahrradständern, rechts ein Kulturzentrum ohne Matrazenlager, aber mit Regenvordach zum Unterstellen.

Dann der breitfließende Atem befreiter Natur! In der Nähe ein spärlich bewachsener, mäßig steiler Erdhügel, dessen Besteigung wir den Alpinen überlassen und auch vorbei am hinterlassenen Unrat des Tagestouristen, 31


dann ein steppenähnlicher Randstreifen, geeignet, ein Basislager aufzuschlagen, Notdurft verrichtbar im Gebüsch nebenan,

und immer das Licht des Südens, dessen Helle die Augen gilbt und dessen Wärme die Füße schweißt und Achselhaar verklebt.

32


Der Weg gabelt sich, West, nicht Nord nun und gleich darauf ein Wasserloch, daraus schmierig dahinziehendes GestrÜme, und wieder ist es das sßdliche Licht, das dem Sumpfigen heiteres Geplätscher abringt.

33


Dem geomantisch Kundigen offenbaren sich drei Barrieren, ein Erd-, zwei Wasserströme, und ein verhaltenes Zögern, kaum spürbar, hindert für lauen Moment den Fortgang und ratlos glaubt man sich schon auf irrigem Weg, doch niemand, der da zu fragen wäre. Von Ferne, allseits umgeben von tosend brausenden büchsenverkapselten Menschenströmen, steht man allein. Weiter also.

34


Ein übersattes Licht am Ende des Tunnels, als wolle es sich des Dunkels der Röhre bemächtigen, aber man wendet sich ab und eine Zeitlang begleitet man das beidseitig gepreßte Gewässer, und es wehrt sich mit Modergeruch und Faulgestank und kampfbereit erobert es zurück, was ihm angetan

35


36


In der Ferne, die Uferweiden hinter uns, erblicken wir den gelben Kasten, einstige Kommunikations-Ikone,

nun rostig angeknabbert und dem Verfall preisgegeben. Man wird nicht mehr gebraucht. Man ist in Ersetzung. Wir halten darauf zu und nun NordWestNord und all das Gestrüpp entzückt, vergessene Areale des Nutzlosen,

noch – für wie lang? - der Säge, dem Häcksler entzogen, ein übersehener Haufen wilder Natur, 37


oder einfach keiner amtlichen Zust채ndigkeit unterworfen. Man ist, aber keiner merkt es.

Lichtungen darin, Wiesen, versteckte Ruhen

und Gr채ser, wiegend im Wind. Betonierte, aufgeheizte Sprengsel wie geschleifte Ruinen dazwischen

38


und man hofft,

darauf sich w채rmende Nattern zu erblicken, aber die sind l채ngst weg, Trampel, der man ist.

39


Dann - unvermittelt - der Müll einer Kultur, die Ordnung hält und sich darüber stolzt; doch man spürt das feine Beben darunter, das Empören dessen,

worauf man steht.

Wie jedes Ziel, entschädigt auch dieses nicht den Verlust des Unterwegsseins. Die Furcht Anzukommen hat unseren Schritt verlangsamt, verzögert und innegehalten und des Meisters Wort vom desselben Weges hallt uns ungehört im Ohr und ungetraut. Rückkehr und Abstieg sind immer in Schmach, 40


die dicke Luft im Tal dr端ckt feine Seelen und nur ein Abglanz an Erinnerung mahnt zu neuem Aufbruch, irgendwann, ganz bestimmt.

41


'Ich will raus!' - Outdoor bei Anne Möchtegern

Möchtegern: Outdoor boomt und erzielt dreistellige Umsatzzuwächse. Die Wildnisveranstalter können sich vor Buchungen nicht retten, Schweden hat Eintrittgebühren eingeführt und der Deutsche Alpenverein eine Mitgliederaufnahmesperre verhängt. In den Alpen seien die Berge bereits in der Unterzahl und könnten sich der kletternden Scharen nicht mehr erwehren und schon würde man vereinzelt verbröckelte Gipfel vorfinden, niedergetrampelt von rücksichtslosen Wanderern. Wie ist die Lage, Herr Westerschwall und was gedenkt die Regierung zu tun? Westerschwall: Bereits in meiner viel beachteten Rede vom letzten Jahr habe ich darauf verwiesen, daß sich zwar Hase, Fuchs und Igel in deutscher Natur lokalisieren dürfen, wiewohl sie keine Steuern bezahlen. Das widerspricht - siehe meine Ausführungen zur geistig-moralischen Wende - liberalem Gerechtigkeitssinn. Der Steuerzahler muß Priorität vor allem Getier finden und daher fordern wir ein Jedermannsrecht nach skandinavischem Vorbild mit Erhebung einer Naturbetretungssteuer. Möchtegern: Herr Grünfrieden, diese Pläne müßten ihnen doch entgegenkommen? Grünfrieden: In der Tat betrachten wir mit Sorge, wie Natur zum Abenteuerspielplatz für denaturierte Bürohuscher verkommt und sämtlichen kommerziellen Interessen ausgeliefert wird und verlangen sofortigen Polizeischutz für deutsche Wälder und begrüßen ausdrücklich die Sperrkette, die Alpenvereinsmitglieder am Wochenende rings um die Bayerischen Alpen gezogen haben.

42


Möchtegern: Sie als Landstreicher, Herr Aushauser, haben unter unseren Gästen sicherlich die meiste Outdoor-Erfahrung. Was zieht die Leute nach draußen? Aushauser: Ich will nicht mehr raus. Ich will rein. Westerschwall: Diese Forderung habe ich bereits in meinem letztjährigen Redebeitrag angeregt: Wir verlangen eine unverzügliche Ausweisung von Gewerbeflächen zur flächendeckenden Ansiedlung von Indoor-Outdooring. Jede Gemeinde ist angehalten, allein aus Naturschutzgründen, den Bau von Kletterhallen und Hallenoutdooring zu forcieren, um mit den zu erwartenden Mehrsteuereinnahmen spürbar zur allgemeinen Steuerentlastung beizutragen. Grünfrieden: Ähm, Entschuldigung, aber dies ist unsere Position! Das vertreten wir! Westerschwall: Standpunkte und Positionen sind kein Eigentum. Wir waren seit jeher flexibel in unseren Auffassungen und werden dies auch weiterhin sein. Natur steht über Parteienwohl, merken sie sich das. Möchtegern: Herr Aushauser, wie schläft es sich draußen? Aushauser: Immer auf Matte, immer auf Matte, ich halts nicht mehr aus. Ich will rein! Westerschwall: Ihre Meinung zählt nicht. Sie zahlen ja nicht einmal Steuern! Möchtegern: Herr Wixa, sie haben lange einer religiösen Organisation vorgestanden, deren Mitglieder nun scharenweise austreten und Zuflucht in den Wäldern suchen. Würden Sie das als Outdooring im klassischen Sinn bezeichnen oder als Eskapismus? Wixa: Die Hinwendung zu einer fehlgeleiteten Naturverehrung erfüllt unsere Herzen mit tiefer Trauer und ich kann nicht ausschließen, daß ich in meinen guten Absichten mißverstanden worden bin und wünsche den wenigen, in den Wäldern Irrenden, sie mögen in geistiger Umkehr zurückfinden zu Zuversicht und Vertrauen in die Botschaft desjenigen, der nicht fehlgeht. Möchtegern: Haben Sie vor, selber in die Wälder zu gehen, um die Verirrten zurückzuholen? Wixa: Ich kann nicht. Ich habe keine passenden Schuhe. Möchtegern: Herr Himmel, Sie sind mit 'Hans Hasenfell' Europas größter Outdoor-Bekleider. Welche Schuhe empfehlen Sie Herrn Wixa? Himmel: Die unseren! Dry-Liner gefütterte All-Terrain-Support-Boots mit chosen shell und performance outline und verstärktem basementplategrounding für quick-H2O-Transforming bei hervorragendem Tragekomfort und zu einem Preis, den sich auch Kirchensteuerzahler leisten können. Möchtegern: Herr Aushauser, woher beziehen Sie Ihre Outdoor-Bekleidung? Aushauser: Ich geh in Müll und gucke was liegt. Aber ich will nicht mehr. Ich will rein. Grünfrieden: Wir müssen den Konsumenten dazu bringen, mehr Fernsehen zu schauen, das hält 43


die Leute von der Natur fern. Die Sender müssen ihre Anstrengungen intensivieren und HomeClimbing und Sofa-Trekking und Wohnzimmer-Camps propagieren. Westerschwall: Wir werden dazu neue Steuerformate entwickeln. Es kann nicht angehen, dass wir natürlichen Naturgenuß besteuern, der künstliche aber ungeschoren davonkommt. Wir werden auch Hase, Fuchs und Igel auffordern müssen, die Steuerlast mit uns zu tragen und einen Beitrag zu leisten, sonst wir uns gezwungen sehen, kreatürlichen Lebensraum der Finanzverwaltung zu unterstellen und Prüfer in die Wälder zu schicken. Möchtegern: Die Wälder sind aber schon besetzt. Da sitzen jetzt die Ausgetretenen! Himmel: Nicht lange! Ohne 'Hans Hasenfell'-Performance-Pro-Soft-Lite-Shell-Jacken ist das Leben draußen die Hölle. Die bleiben nicht lange. Die sind bald zurück. Aushauser: Sach ich doch die ganze Zeit. Die wolln auch rein! Wixa: Ich war drinnen, jetzt bin ich raus. Ich wollt, ich wär zurück. Aushauser: Der auch! Möchtegern: Könnte sich das ganze Outdooring schlußendlich als grandioser Irrtum erweisen, als kurzlebiger Boom, als eine bloße modische Saison? Grünfrieden: Wenn die Natur zerstört ist, ist auch der Outdoorer weg. Nur die Halle bleibt. Westerschwall: Wir finden immer was, was wir besteuern können. Darin sind wir frei und flexibel. Wixa: Wir werden die Wälder roden lassen und die Dämonen austreiben. Himmel: Wir sorgen uns nicht. Wir verkaufen unsere Expeditionskleidung eh nur an Fußgängerzonenbegeher, Bürotippsen und an Bahnkunden mit Verspätung. Davon gibt's genügend. Aushauser: Hier ist so schön warm. Hier bleib ich. Möchtegern: Vorher aber sollten sie mal die Kleidung wechseln. Wir bedanken uns bei unseren Gästen für diesen ergebnislosen Abend und wünschen Ihnen weiter gute Unterhaltung, drinnen wie draußen. Aus dem Off: Westerschwall: (schreit) VERTRAUEN SIE MEINEN VERSPRECHUNGEN! WIR WERDEN SIE ENTLASTEN! Möchtegern: Still jetzt! Aushauser: Darf ich jetzt drinbleiben? Möchtegern: Ich brauche Luft! Lüften! Unbedingt Lüften! Sauerstoooooofff!! Redakteur: Werft den Landstreicher raus, schnell! Möchtegern kippt um! 44


Möchtegern: 'Plummppps!' Westerschwall: Wir sollten über eine Muffelsteuer nachdenken. Wer stinkt, schadet der Nation. Wir rüsten das ganze Land mit Silberionen aus! Wie wäre es mit einer Kooperation, Herr Himmel? Steuerliche Entlastung, 7% für die Bekleidungsindustrie gegen eine kleine Spende? Redakteur: Schluss jetzt, werft den Westerschwall auch raus. Werft sie alle raus! RAAAUUSSS!!!

45


Afterrun

L'eau de run für das aprés-run Schwitzen ist der Feind des Aushäusigen. Auf dem Yukon-Trail werden Schwitzer aus dem Rennen genommen um der immensen Geruchsbelästigung als Folge übermäßiger Schweißabsonderung Einhalt zu gebieten. Die von verantwortungslosen Schwitz-Wanderern gezogenen Geruchsschneisen wirken für die bedrohte Tierwelt wie unüberschreitbare Selektionsgrenzen, darin das genetische Material katastrophal konzentriert und verarmt. Schwerste Inzucht-Fälle mit ausufernder Debilität sind die Folge. Gott sei Dank verfügen alle Alpenvereinshütten mittlerweile über einen hauseigenen Geruchsscanner, eine Odeur-Schleuse, mit Betretungsverbot für Personen über einer Fettsäure-Emission von 0,78 g/pro kg Körpergewicht. (Premium-Mitglieder und Besitzer der goldenen Anstecknadel für 20-jährige Mitgliedschaft erhalten drei Gratis-Blanko-Passierscheine im Jahr. Ähnlich der KFZ-Steuer soll sich der Jahresbeitrag künfig nach Transpiration richten.) Die Industrie, immer bestrebt, jegliche Sozialregelung sogleich in ein zu stillendes Bedürfnis umzugestalten, hat mit 'No-Sweat'-Bekleidung mechanische Barrieren entwickelt, dampfdichte Geruchsmembranen, die zwar Wasser zur Verdünnung hereinlassen, Schweiß aber nicht hinaus; und umgekehrt mit 'Over-Sweat' innovative Chili-Pillen für den Büroangestellen und NordicWalker, die sofortige Augen- und Hautrötung bewirken und nasentropfende Schweißabsonderung, um Vorgesetze und Kollegen von unbegrenzter persönlicher Einsatz- und Leistungsbereitschaft zu überzeugen. So hat sich auch eine 'Pro-Sweat'-Sektion im Alpenverein gegründet, die nur Schweißer über 500 mg/kg aufnimmt als Mitglieder, um dampfmäßig gleichgesinnt unter sich zu sein und fern aller parfümierter Talschlurfer. 46


Der gesteigerte Autdoara: Ein Landstreicher.

Bekleidungsprospekt Fjällräven 2010 Ich lebe auf dem Land. Ein Landstreicher jedoch ist hier seit Jahrzehnten nicht mehr vorbeigekommen. Es gibt sie nicht mehr. Hartz IV hat sie alle verschluckt. Heutzutage ist man obdachlos und das heißt, man steht, aber man geht nicht. Nachfahr der Landstreicher ist daher der Autdoara, der letzte, der noch durch die Lande streicht; alle anderen fahren, oder lassen sich fahren, sitzen, hocken, liegen, fläzen, chillen. Gehen als ‚gehen’ ist obsolet. Es ist entweder kommerzialisiert und instrumentalisiert wie im ‚Nordicwalking’, oder zwangsläufiges Fußwerk, wie der Gang zur Garage oder zum Klo und in Beiläufigkeit wie sonntägliche Auslagenguckerei in den zu Tode merkantilisierten Innenstädten trostlosester Agglomerationen. ‚Gehen’ ist was für Senioren, für Rollatorschlurfer, für des Rollern, Bladens, Radelns und Gleitschirmfliegens Unkundige. ‚Gehen’ ist Anti-Mobilität und als Terminus längst durch ‚Power-Walking’ ersetzt. Ruft ja auch die Nachbarin zur Nachbarin: ‚Gemma walken!’ und nicht: ‚Gemma gehen!’

47


Mit dem Landstreicher ist auch der Stravanzer verschwunden, der Wanderer, der Vagabund, der Stromer, der Hirte, der Walzer, die Zigeuner, die fahrenden Leute, der Hausierer, der Bettler an der Tür. Da stehen jetzt Zeitschriftenwerber davor und die GEZ-Eintreiber. Mit dem Landstreicher ist auch eine Art von Wahrnehmung, eine Intelligenz ausgestorben, die sich nur über das Flanieren, das Promenieren, über den weglosen Weg erschlossen hat: Das Schauen. Heutzutage schaut man nicht, man blickt nach vorn.

Holzach, Deutschland umsonst, Berlin 1985

Und was man da vorn zu sehen bekommt, weiß man schon. Es ist daher kein ‚Sehen’, sondern ein Wiedererkennen, ein Identifizieren und daher immer in Enttäuschung. Im Grunde ist man blind. Der Autdoara streicht auch nicht landeinwärts, sondern geht etikettierte Wege. Hexensteig, Fernwanderweg E6, Jakobswege, Scotstrail, Kungsleden ... penibel ausgeschilderte, vorgebahnte, vorgekaute Ablatschungen, GPS- und wanderführergestützt, um ja nicht in Weglosigkeit zu verenden... Es ist die größte Angst des rundum Versorgten, sich plötzlich in geistiger Wildnis wiederzufinden, orientierungslos und unversichert, denn es würde ihm plausibel machen, wen er in sich vor sich hat.

48


Der Autdoara ist ein Zivilisationskränkelnder, der nichts mehr aus sich heraus tun kann. Pausenlos muß er sich bei den Kollegen vergewissern nach der besten Ausrüstung, danach, was er unterwegs bestenfalls zu erwarten und wie er welche Unternehmung bestmöglichst anzupacken hat. Der Autdoara ist, das hat er vom ökonomischen Credo inhaliert, ein Optimierer des Weges. Er will das Beste zum besten Preis bei größtmöglichster Sicherheit. Gewinn also. Der Autdoara prüft den Weg vorab bei google-maps. Einfach loszugehen ist ihm unmöglich. Er kalkuliert und wiegt ab und grammgenau. Modisch ist er auch. Er gefällt sich. Der Autdoara glaubt, im Autdoaring seiner rubrifizierten Existenz entfliehen zu können, stürzt sich aber in die selbe Kategorisierung: Alpin, Wasser, Wüste... Er ist sozusagen die Doppelung des Kataloges.

Stiegler, Reisender Stillstand, Frankfurt/M., 2010 Der Autdoara, beseelt vom Ankommen, vom ‚Gemacht haben’, ist verkommen zum Abmarschierer. Er latscht denen hinterher, die auch schon den anderen hinterhergehechelt sind. ‚Fürchte Dich nicht, Du bist unter uns!’, ruft man ihm zu und in der Tat hocken die Rettungskräfte auf Abruf: Irgendeiner fällt immer runter.

49


Darblay/Beaurepaire, Picknick, Paris, 1994 Der Neffe des Landstreichers ist der Poet. Der Poet ist der innere Autdoara. Er ist der, der sich getraut, sich in einem Nirgend-, einem Irgendwo wiederzufinden, der wagt, verloren zu gehen. Der Poet, ohne Produktionsnot, geht, wohin es ihn zieht, steht, wo es ihm beliebt und ist in der Umkehrung: Nicht er sucht das Erlebnis, das große Abenteuer, die große Tour, sondern es sucht ihn. Der Poet ist nicht in der Verfolgung. Er ist kein Getriebener, kein Absolvent einer Wildnissurvivalschule, Abschlußnote 1-. Die Welt kommt zum Poeten und daher muss der Poet nirgendwo hingehen, um ein Autdoar-Erleben zu provozieren. In- und Autdoar ist ihm einerlei. Wo der Poet steht, steht er und wo er geht, geht er. Und er schaut, was sich ihm zeigt. Deswegen ist er nicht im Erkennen, sondern im Staunen. Weil er nicht weiß, ist er in der Bereicherung. Dem Nichts wächst alles zu.

50


Keine Winterbesteigung der Zugspitze

Er war groß, größer als ich, strohblond, und er sah aus wie einer, den die Mädels gerne als ihren besten Freund präsentieren: Nett zum Quatschen, aber sonst läuft gar nichts. Natürlich hatte ich ihn schon oft auf dem Campus gesehen, sogar im gleichen Seminar saßen wir einmal, aber kennen gelernt habe ich ihn erst in der Mensa, als wir zufällig hintereinander für Fisch und Kartoffelbrei anstanden. Er war Katholik und glaubte was er sagte und es stellte sich heraus: Er war auch ein Outdoorer. Sofort verabredeten wir eine Winterbesteigung der Zugspitze. Ich lieh mir das Auto von meinem Vater. Gut zwei Stunden bis Hammersbach. Viel Schnee noch, überall. Wir sprachen die ganze Zeit. Zuerst über unsere Reisen, dann über Reiseanekdoten, dann über Reisemissgeschicke, dann über alpine Erfolge, dann lange über die Frauen und dann nur noch über Religion. Ich überfiel ihn mit aller Ratio, er konterte in aller Unschuld, die nicht einmal aufgesetzt und kokett, sondern einfach nur da war. Er war kein Sonntagsbeter und keiner, der je damit Politik betreiben würde. Er war, könnte man sagen, ein Ideal-Katholik. 51


Partnachklamm an einem 2. März Ich sagte: Zieh dich nackt aus, ich möchte sehen, wo du deinen Christen verbirgst. Er sagte: Es gibt etwas jenseits aller Ratio. Ich sagte: Wahrheit kann nicht organisiert werden. Er sagte: Wenn du gerufen wirst, folgst du dem Ruf. Ich sagte: Feigheit, an Stelle des Zweifels Gewissheit setzen zu wollen. Er sagte: Es ist nicht deine Entscheidung. Ich kannte den Weg hinter zum Klammeingang und dann zur Angerhütte praktisch auswendig. Jeder Verwandtschaftsbesuch, jede Visite und jeder nördliche Gast wird dort durchgeschleift. Ist ja auch eindrucksvoll, enger Fels, dunkle Kavernen, tosende Wasser, patschnass wird man auch und dann eine echte DAV-Hütte. Man glaubt nicht, wie viele Leute so etwas noch nicht gesehen haben und von der bloßen Anwesenheit einer Schutzhütte mächtig beeindruckt sind. Und dann Bier und Kaiserschmarrn. Wir sprachen den ganzen Weg hinter, bis zum Kiosk. Über Gott, Stellvertreter, Statthalter vor Ort und den heiligen Geist. Über die ganze Sippschaft. Und das kleine Menschlein, das diese Last nicht mehr tragen will. Er sagte: Es tut gut. Ich sagte: Ich glaube es nicht. Dann, das Gatter war offen, wir konnten rein. 52


Partnachklamm Es ging los. Wir verstummten sofort. Der Berg rief. Und diesem Ruf gaben wir beide Gehör. Der Weg, Stufen zunächst, anfangs, 10 Meter weit, noch Stiefelspuren, ist schmal und war, weil mit Schnee, viel Schnee bedeckt, noch schmäler und hörte mit den Spuren irgendwie ganz auf, aber da war schon die erste Kaverne und da krochen wir rein. Drinnen, eigenartig, rinnt’s von allen Seiten herab. Alles trieft. Alles nass. Aber bis zur Angerhütte, mehr ist heute nicht zu tun, werden wir es schon schaffen und da sehen wir weiter. Aber wir schaffen es nicht. Im Tunnel ist es dunkel, nicht weil der Ausgang um zwei Ecken liegt, sondern weil er mit Schnee zugeweht ist. Eine Stunde graben wir, dann sind wir draußen. Kein Weg zu sehen. Eine steile Schneewand nur und linkerhand geht’s gurgelnd in die Tiefe. Da unten ist die Klamm. Mut, Dummheit, Gottvertrauen, wer will das auseinanderhalten, wir queren das Schneefeld, unter uns den Steig vermutend und schaufeln uns in den nächsten Tunnel rein. Und wieder raus. Wieder eine Stunde. 53


Partnachklamm Man glaubt nicht, wie schwer Schnee sein kann. Wie festgepappt. Wie Beton. Draußen dasselbe Bild. Schnee, kein Weg. Nicht mal ein Geländerpfosten, der aus dem Schnee guckt. Doch einer, da hinten. Immerhin, einer. Da also geht der Weg. Wir haben ein Seil dabei. Aber wo sichern. Wo zwischensichern. Ich ramme den Pickel in den Schnee, lächerlich, kein Halt. Wieder zurück, rein in den Tunnel, irgendein Drahtseil suchen. Wir wickeln das Seil ab, gurten uns an. Wie weit bis zum nächsten Tunneleingang? 30 Meter? Mehr? Alles verweht. Schnee über Schnee. Wenn du nach 15 Metern rutschst, geht’s ungebremst eini in die Klamm. Dann hängst unten oder schlagst glei auffi. I hau an Picke eine, des hoit scho. A, nia! Dann kehr ma ummi! Na, jetzt san ma schon da! Der Gott der Berge schweigt. Kein Zeichen ob Für oder Wider. Wir beratschlagen. Schon spät. Es dämmert. 54


Partnachklamm Ein lichtes Dunkel senkt sich herab, der Schnee gleißt grau. Alles feucht. Kalt ist uns auch. Wir kehren um. Im Auto beschlagen die Scheiben, die ganze Lüftung kommt nicht nach. Wir haben zu tun. Wir reden. Die Gottesfrage ist noch ungeklärt. Ich fahre ihn heim. Wir sitzen in seiner Küche, reden bis drei Uhr früh. Dann bringe ich das Auto zurück. Wir haben nie wieder eine Tour gemacht. Zwischen uns gab es nichts mehr zu bereden. Später ist er dann aus den Ferien nicht zurück gekommen. Wir erfahren: Er ist tot. Er hat sich erhängt.

55


Kataloge

Ich liebe Kataloge. Sie haben einen Anfang und ein Ende, einen Index, reduzieren Komplexität auf das grundlegend einfachste Verfahren: auf das Betrachten von Bilderchen und geleiten den Betrachter mehr oder weniger geschickt durch die Welt dessen, was er noch nicht hat. In den endlosen Weiten einer unbarmherzigen Wildnis ist das alljährlich erscheinende Warenverzeichnis zu einer Naturkonstante mutiert, einer Art Erbauungsliteratur mit allen Tröstungen, die das Hoffen und Erwarten bereitstellt. Der Katalog ist 200, 400, ja 700 Seiten dick. Weil mit Anfang und Ende, ist er in der Ordnung und birgt keine Untiefen, darin man versinkt, weil rubrifiziert und indexiert. Er ist überschaubar, ganz ohne GPS. Die Welt darin ist bunt bebildert, sonnig und makellos, mit lächelnden jungen Menschen ohne Übergewicht, unbedrückt von den Sorgen des Alltags. Nichts, das den Kataloggenuß trüben könnte. Der Katalog ist der Gegenentwurf zu einem jämmerlichen Draußen mit wundgelaufenen Füßen, muffelnden Socken, mückenzerstochenen Gesichtern und dem melancholischem Tief, das einen bei jeder verregneten Tour, 'Was soll ich hier draußen überhaupt?'...., ereilt, ' ... wo ich doch gemütlich zu Hause auf dem Sofa einen Kaffee schlürfen könnte...?' In ihm ist kein Nebel, keine Abgründe, die Menschen sind freundlich, 56


die Natur bombastisch, die Wildnis menschenleer und das Abenteuer verniedlicht und zugleich erhöht, schließlich verkauft man einen Traum, den kein Aufwachen trüben soll. Der Katalog ist die Idealanmutung der Welt; er betäubt durch Vielfalt und bemächtigt den Käufer der erregenden Freude der Wahl; wie weiland Paris obliegt es ihm, den goldenen Apfel, sprich seine Moneten, der schönsten Ware darzubieten, ergo emporzuheben und zu erniedrigen, Hersteller prosperieren oder darben zu lassen. Zwar beschleicht einem nach jedem Kauf sogleich die Ernüchterung und die Sorge, Produkt B wäre vielleicht doch die bessere Wahl gewesen. Denn der Zweifel, der jeder Entscheidung folgt, ist immanent und die Kataloganbieter, man darf die Marketingleute nicht unterschätzen, arbeiten daher mit Warengutscheinen, Gratiszugaben und der Ehre einer Aufnahme in den Club jener, die eines künftig kostenloses Versandes anteilig werden, alles, um den Kaufrausch aufrecht zu erhalten und um keinen Bruch entstehen zu lassen, der den ‚flow’ unterbricht. (Jeder Sportler weiß: Nach dem Sturz sofort weitermachen! Abwarten, nachdenken, jede Art von Pause erzeugt Schrecken und du findest nicht mehr zurück....) Man blättert im Katalog wie im Katechismus, lässt sich, genüßlich im Lehnstuhl sitzend, in ferne Weiten geleiten, outdoort bereits vorimaginativ, und entflieht darin seiner Drangsal, ohne auch nur einen Wimpernschlag an Bewegung zur Vollendung bringen zu müssen. So wie das Automobil den bewegungslos Bewegten ermöglicht und an Aristoteles' Definition des Göttlichen als des unbewegten Bewegers erinnert, so ist der Katalogleser im Lesen im geistigen Besitz all der Dinge, die er an sein Begehren heranführt. Der Katalog ist die Idealwelt und es gibt genügend Aspiranten, die diese nie verlassen. Ihnen genügt es, all das gekaufte Zeug im Keller verstaut zu wissen und jederzeit nach Draußen gehen zu können. Ihnen genügt die reine Möglichkeit, der bloße Besitz des Konjunktivs, wie dem Springer aus Rhodos: Wenn ich möchte, könnte ich schon. Kataloge gedeihen, denn sie sind die wahren Schmöker, auch und gerade im www. Sie verkaufen uns, diesen geknechteten Büromenschen mit ihren Vierzigstundenwochen schon längst keine Artikel des alltäglichen Bedarfes mehr, eines Alltages, dem man immer unbarmherziger nicht zu entrinnen vermag, sondern ein Versprechen auf das ‚Andere’, das sich im Gebrauch der Produkte einstellen wird, wie ein Schlüssel, der eine geheime Tür ins Anderland eröffnet und alles, was man tun muß, ist, hindurchzuschreiten. Und vorher kaufen, natürlich. Man möchte in seinem Erleben das wiederholen, von dem man glaubt, dass andere es schon vorerlebt haben und was einem die Tourismusindustrie und die 57


Katalogproduzenten verkaufen wollen, nämlich vorgefertigte Erlebniskategorien, buchbar mit Visa, Paypal und Mastercard. Kataloge sind die Fremdenführer hierzu und für jedermann offen. Sie sind die Brücke zu einer jedweden Erfahrung. Ihren Einladungen nicht zu folgen, heißt, darauf zu verzichten, über den Warenerwerb, Teil dieser Gemeinschaft zu werden. Im Kaufen nämlich gelange ich nicht nur in die Welt da draußen, sondern zugleich ins Seiteninnere des Kataloges. Ich bin, schau, das da habe ich auch, drin. Rein, raus, das uralte Spiel.

58


Lodenjacke. 12 Jahre im Dauertest

Machen wir uns nichts vor: Die Chemiefaserproduzenten haben, bei sogenannter Funktionskleidung wohl gegen 100%, den Textilmarkt fest im Griff. Man darf auch nicht der Illusion anhängen, daß Haut, wo irgendwo 100% Baumwolle daraufsteht, auch nur im Entferntesten damit in Berührung kommt. In der Regel ist Baumwolle, gleich ob Bio-, Öko- oder konventionell verseuchte Faser mit allerlei Kunstharzen imprägniert, vollgelagert, ummantelt, durchdrungen, die für optimales Einsprungverhalten, Formbeständigkeit, Farbechtheit, Waschglanz und Bügelglätte und für zeitgemäßen Anti-Pilling, -Strupping, -Knitter-Schutz sorgen. In den späten 80er Jahren gab es ein kurzes, modisches Aufblühen, als sogar Karl Lagerfeld für Chanel ein Lodenjäckchen kreierte; ansonsten bleibt gewalkte Wolle im Reservat von Tracht und Jagd. Zu Unrecht. Ich habe mir diese Jacke 1996 genäht, ganz in Loden und gedoppelt, mit Ärmelfutter und Schmutzkragen aus starker Seide, mit hohem Kragen, Knopfleiste und Taillenschnürzug. 59


Die Jacke wurde gut zwölf Jahre lang nahezu täglich getragen, sogar im Hochsommer und bei sämtlichen Autdoar-Aktivitäten, jeglichen Arbeitseinsätzen und natürlich bei allen Alltagsverrichtungen, also praktisch immer, bis es zu einem gewaltigen ehelich-modischen Zwist kam, (...diese Jacke geht oder ich ...) der mich veranlaßte, mich funktionierender Funktionsbekleidung zuzuwenden. Würde man ein Auktionshaus mit dem Verkauf beauftragen, so hieße es: ‚Lodenjacke mit geringen Gebrauchsspuren und in für das Alter hervorragendem Zustand: Nur eine Taschenleiste links leicht eingerissen, Flor an Bündchen und Kragen bis Gewebebild abgewetzt, drei Knopflöcher ausgefranst, zwei Knöpfe fehlen, Seidenfutter am Kragen stellenweise mit Offennaht, ansonsten tadelloses Aussehen und voll funktionsfähig.’ Halten wir fest: Loden ist haltbar. Und: Loden ist schmiegsam, weich, warm, lautlos und überaus klimatisierend. Eine echte Ganzjahresjacke, winddicht, schneefest, hydrophob, robust, kleidsam, anspruchslos und Buntwäsche waschbar bei 60 Grad. Nachdem dieses mein Lieblingskleidungsstück also gewaltsam aus meinem Wirkungsbereich entfernt worden war, ich keine Lust mehr auf Nähen hatte, versorgte ich mich in kurzen Abständen mit fünf, jedesmal fast funktionierenden Funktionsjacken, zumeist nordisch-skandinavischer Herkunft (also China und Vietnam) und fast allesamt aus irgendeinem 100% Polydingsbumms. Das erste: Diese Dinger sind leicht. Sauleicht. Es gibt gar kein Tragegefühl, weil man das Tragen nicht fühlt. Und: Die Dinger sind schick! Ich konnte mich vom Spiegel nicht losreißen und erwägte schon Selbstauslöseraufnahmen zu machen und mich an die Wand zu hängen, so gefiel ich mir darin. Und: Sie sind laut. Sie knirschen, knarzen, scheppern. Ich bin mit meinen Funktionsjacken nicht unzufrieden. Sie sind eingeschränkt funktionsfähig, aber das ist Loden letztlich auch, nur angenehmer und die Toleranzweite scheint mir größer zu sein. Nebenbei: Ich habe mit einem Schafhalter gesprochen. Er bekommt für das Kilogramm Schafwolle 43 Cent.

60


Hüfttaschen

In meiner Naivität habe ich mir vier Maß Bier vorgestellt. Man beschied sich aber mit der offiziellen Angabe von Inhalt/Größe: 4 Liter, aber ich sag' ganz ehrlich: Vier Maß Bier, gar in gefrorenem Zustand, kriagst da nia eini! Es sind also flüssige, zumindest zäh-breiige Liter und sicherlich wird die Industrie demnächst Fluid-Shirts anbieten, die sich auch in die hintersten Ecken der Behältnisse schmiegen, damit nichts an kostbarem Raum verloren geht. Es ist ja so, dass ich nicht gerne um des Laufens willen laufe. Ich mags touristisch und brauche ein Ziel. Deswegen laufe ich gerne zur Post, zur Bank, zum Bäcker und für solch alltägliche Besorgungsläufe dachte ich, dieses Hüfttascherl wäre doch ganz brauchbar. Also viel kriegt man nicht rein und wenn, dann muß man die Taschen offen lassen und hoffen, dass es einem den Butter nicht rausschleudert, aber für eine brotlose Brotzeit, weil ein Brot bringst da ned unter, eine Semmel halt, langts scho. Käs und a Schinken geht a no rei. Aber heutzutag werden eh nur Pauerriegel mitgnommen.

61


Mir sitzt die Hüfttasche ganz passabel im Kreuz und auch der Bauchgurt läßt sich feinst einstellen, ja die ganze Materialität ist gekonnt und solide.

Ich frage mich halt, hätts so ein Ding gebraucht? Man kriegt zwei Flaschen Wasser unter zu je einem Liter, Handy und Kamera, dazu eine leichte Windjacke, Ersatzsocken, ein paar Riegel und außen kann man noch ein Fleece draufschnallen. Damit jedoch, finde ich, ist zumindest das Laufen an der Grenze der Beeinträchtigung, das sind dann rund drei Kilo und mehr möchte ich da gar nicht haben. Ich bin ganz zwiegespalten, was man nun von dem Ding halten soll, vielleicht für Marathonläufer und sonstige Schnellsportler, aber für so Genußmenschen wie mich, beschränkt sich die Verwendung auf sog. Butterläufe, also mindere Alltagseinkäufe, die gerade noch mit ihr getätigt werden können.

62


Hier ein vorläufiges Urteil: Wenn man’s hat, muss man sich einen Einsatzzweck finden, und wenn man’s nicht hat, verpaßt man nicht viel. Eine neue Erfahrung aber ist, die Schultern frei zu haben, das muss ich noch genauer erspüren, da ergibt sich ein anderes Gehen, ein aufrechterer Gang vielleicht und veränderte Beweglichkeit. Das könnte bereichern.

63


Ausgelatscht I

64


Ausgelatscht II

65


Ausgelatscht III

66


Weichschalen im Vergleich/Ein Preisausschreiben

Nennen wir sie 'Schwarz' und 'Beige'. Ă„rmel: Beide vorgeformt, Raglan ohne Schulternaht bei Beige. Beide sauber abgesteppt.

67


Gewebe: Beide innen angenehm aufgeraut, elastisch. Schwarz steiferes Gewebe mit wesentlich höherem Wasserschutz - perlt ab - dafür Beige atmungsaktiver und geschmeidiger.

Nähte: Beide Overlock-versäumt. Bei Beige flachgenäht. Kragen: Etwas höher bei Schwarz, dafür mit Schnürzug bei Beige, aber Klemmer kann drücken. Zipperschutz bei Beige.

68


Saum: Beide mit Tunnelzug.

ReiĂ&#x;verschluss: Bei Beige mit gummiertem Gewebe unterlegt, bei Schwarz mit eingefaĂ&#x;tem Oberstoff.

69


Taschen: Bei Schwarz zwei Seitentaschen mit geradem Eingriff und Innenbeutel: Inhalt kann herausfallen. Dafür gedoppelt, d.h., man kann zusätzlich von innen Inhalte verstauen. Bei Beige zwei große Vordertaschen mit vertieftem Beutel. Inhalt kann nicht rausfallen, aber man sieht aus wie im dritten Monat schwanger. Kleine Brusttasche innen für Schlüssel, Scheckkarte, Handy.

Ärmelabschluss: Einfaßband bei Schwarz und Bündchen bei Beige. Belüftungsvorteil Schwarz, Wärmevorteil Beige.

Komfort: Beige ist XL, Schwarz L. Schwarz sitzt wie angegossen, verwende ich zum Laufen und zum Radfahren. Beige wunderbar bequem, gehe ins Büro damit. Preisausschreiben: Bitte beantworten Sie die Frage: Was kostet Beige, was kostet Schwarz? und schicken Sie ihre Antwort (Angabe in Euro) an: Thomas(dot)Aushauser(ätt)web.de Der/Die Gewinner/in wird in der nächsten Ausgabe belobigt und mit dem virtuellen Outdoor-Orden Dritter Klasse ausgezeichnet. Alle Rechtswege ausgeschlossen. 70


Alt gegen Neu Kampf um die All-Time-Championship in 12 Runden 1. Runde: Matte gegen Matte

Nach 30 Jahren Eigennutzung habe ich sie kürzlich meinem Neffen für ein Festival ausgeliehen. Jetzt hat sie einen weiteren Schaumstoffausriss, aber die Alkohol-, Kotz-, Urin- und Spermaspuren habe ich einfach mit dem Wasserschlauch weggespritzt und jetzt ist sie wieder wie neu. Trotzdem lege ich mich nicht mehr drauf, nicht aus hygienischen, sondern aus Komfort-Gründen. Wegen 200g Mehrgewicht sich quälen? Fazit: Fast Kampfabbruch in der 1. Runde durch technischen KO. Alt rettet sich durch Ausdauer und Zähigkeit. 1:0 für Neu.

71


2. Runde Zelt gegen Zelt

Alt, Kuppelzelt von etwa 1979, keine Risse, Boden dicht, wintertauglich, noch immer im Einsatz. Neu jetzt mit Clips und buntem Gestänge, aber viel Tüll innen, dafür zwei Eingänge. Innen viel schwarz, könnte empfindsame Naturen bedrücken. Rest gefällig. Alt bis 4 Mann. 4 Kilo. Neu bis 2,5 Mann. 2,8 Kilo. Außer dass Neu neu ist, macht Neu nichts viel besser. Runde gebe ich unentschieden. 2:1 für Neu.

72


3. Runde Kocher gegen Kocher

Alt von 1978. Funktioniert tadellos. Aber Stechkartusche, technisch überholt. Neu in allen Belangen überlegen. Größe, Gewicht, Funktion, Ästhetik. Klare Runde. 3:1 für Neu.

73


Fortsetzung im n채chsten Heft

74

Aushauser  

An Outdoor Magazin for Autdoara

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you