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Montag, 22. Oktober 2012 | Ausgabe 2

Profi-Fußball TEXT: VINCENT MEISSNER | FOTO: PRESSEFOTO ULMER

WIRTSCHAFTSFAKTOR SPORT | SEITE 27

Thilo Höpfl berät in der fußballerischen Provinz Tübingen Profi-Kicker und andere Sportler in Finanzfragen. Wie wichtig das ist, beweisen die Zahlen: Viele Profis stecken nach der Karriere in finanziellen Schwierigkeiten. Um in dieses lukrative Geschäft zu kommen, haben Höpfl Kontakte aus seiner beruflichen Vergangenheit geholfen.

IM GESCHÄFT MIT BUNDESLIGA-STARS

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hilo Höpfls Büro wirkt kahl: Ein Schreibtisch, ein runder Tisch für Gäste, ein flacher Schrank und eine grüne Zimmerpflanze. Mehr nicht. Die Wände sind kahl. Keine Bilder von Höpfl etwa mit dem früheren Bundesliga-Torhüter Frank Rost, keine Bilder mit sonst irgendwelchen Sportstars. „Ich möchte mich mit so etwas nicht brüsten“, sagt er. „Das ist nicht meine Art und sagt auch nichts über die Qualität meiner Beratung aus.“ Dabei trifft Thilo Höpfl regelmäßig FußballProfis. Bei Philipp Laux, einst im BundesligaTor des SSV Ulm, hat er auf der Couch übernachtet und bei Torwart-Legende Sepp Maier zu Hause beim Weißwurst-Frühstück gesessen. Den italienischen National-Torhüter Gianluigi Buffon hat er getroffen und mit der kolumbianischen Torwart-Koryphäe René Higuita verhandelt. Damals arbeitete er beim schwäbischen Sportartikel-Hersteller und Torwarthandschuh-Spezialisten Reusch. Vor vier Jahren hat er sich als Anlageberater selbstständig gemacht und ist nun Partner der Finanzberatungs-Agentur MLP in Tübingen. Fünf Erstliga-Fußballspieler berät Höpfl in Finanz- und Versicherungsfragen. Sie spielen beim VfB Stuttgart, bei Borussia Dortmund und bei Schalke 04, berichtet er. Wer die Spieler sind, verrät er nicht. „Ich darf keine Namen nennen“, sagt Höpfl und verweist auf das Bankgeheimnis. Wie wichtig eine sorgfältige Finanzplanung für Fußball-Profis ist, zeigt die Statistik: Die Liste der Spieler ist lang, die nach der Karriere finanzielle Probleme haben. Der deutsche Ex-Nationaltorhüter Eike Immel, einst mit dem VfB Stuttgart Deutscher Meister, ist das wohl krasseste Beispiel: Er heuerte 2008 bei einem PrivatSender im „Dschungelcamp“ an. Die fünfstellige Gage benötigte er angeblich, um eine notwendige Hüftoperation zu bezahlen. Die Spielergewerkschaft VdV (Vereinigung der Vertragsfußballspieler) spricht von 25 Prozent, deren Vermögen nach der aktiven Karriere gegen Null tendiert. Dagegen sind nur rund zehn Prozent finanziell unabhängig und müssen nicht mehr arbeiten, sagt VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Die Gründe für die häufige finanzielle Schieflage sind für Höpfl vielfältig: „Ein Problem sind die Spieler-Berater, die den Hals nicht voll kriegen können.“ Zwar seien nicht alle gleich, „aber die Ausnahme bestätigt die Regel.“ Auch das junge Alter der Spieler und die Verführungen spielen eine Rolle: „Bei vielen ist es einfach so, da kauft sich der eine einen Sportwagen, dann braucht der nächste auch einen und der Dritte muss dann einen noch schnelleren haben. Viele schaukeln sich da gegenseitig hoch.“ Thilo Höpfl hat selbst nie Fußball im Verein gespielt. Doch er arbeitet gerne mit Sportlern zusammen: „Mir liegt der Menschenschlag. Sportler sind ehrgeizig, haben Spaß am Leben und ihr Beruf ist in der Regel emotional positiv besetzt.“ Höpfl selbst macht Wintersport, läuft regelmäßig und mittlerweile spielt er gerne Golf. Auch, weil es hilft, Geschäftskontakte zu pflegen. Die Summen der Profi-Kicker, mit denen Höpfl jongliert, sind für den Durchschnitts-Verdiener schwindelerregend. In der Regel bewegen sich die Beträge im fünf- bis sechsstelligen Bereich. „Das geht dann aber schon auch mal bis zu einer halben oder dreiviertel Million.“ Noch vor der Anlage-Beratung stehen jedoch die wichtigsten Versicherungen. Und Profis unterscheiden sich da nicht von Normalbürgern: Eine Berufsunfähigkeits-Versicherung, bei Sportlern eine Invaliditäts-Absicherung, empfiehlt Höpfl jedem. Denn gegen eine plötzliche Verletzung ist kein Spieler gefeit. 120 Klienten hat Höpfl in den vier Jahren als selbstständiger Berater akquiriert. Ein Viertel davon sind Sportprofis. Einige Fußballer und Wintersportler kennt er noch aus seiner Zeit bei Reusch. Das erleichterte den Einstieg in das schwierige Milieu. Doch Höpfl würde gerne noch enger mit Spielervermittlern zusammenarbeiten. Das ist allerdings schwierig. Er klingt frustriert,

Auch beim VfB Stuttgart (hier Arthur Boka in weiß gegen Bastian Schweinsteiger von Bayern München) berät Thilo Höpfl Spieler in Finanzfragen. Wer es ist, verrät er mit Verweis auf das Bankgeheimnis allerdings nicht.

als er sagt: „Das Thema Vetterles-Wirtschaft ist nicht zu vernachlässigen.“ Mitunter spielen familiäre Bande eine Rolle. Oder Geld. Ein Spielervermittler, den er einst auf eine mögliche Kooperation angesprochen hatte, erklärte ihm die Spielregeln: Der Profifußball sei ein in sich geschlossener Kreislauf mit einem Haufen Geld. Wer da rein wolle, müsse erst mal Geld fließen lassen. Immerhin ist Höpfl offizieller Berater des gemeinsamen Versorgungswerks für Profifußballer von Deutschem Fußball-Bund (DFB) und Spielergewerkschaft VdV. Die VdV geht in die Vereine, hält dort Vorträge und zeigt den Spielern, wie wichtig eine Absicherung ist. Höpfl gehört zu einer Gruppe von etwa 20 MLP-Beratern, die das Logo des DFB und der VdV auf seiner Visitenkarte führen. VdV-Geschäftsführer Baranowsky lobt die Zusammenarbeit mit MLP und Höpfl auf schwäbische Weise: „Es hat noch keine Beschwerde gegeben. Das ist ein gutes Zeichen.“ Aber was unterscheidet Höpfl von Scharlatanen in der Branche? „Ich schwätz’ grad’ raus“, sagt er in schwäbischem Dialekt. „Vor allem erkläre ich meinen Kunden nicht nur die Vorteile eines Produktes, sondern weise auch auf die Nachteile hin.“ Das wüssten die Kunden zu schätzen. Um Vertrauen zu gewinnen, gewährt Höpfl ihnen auch Einblick in seine eigenen Finanzen. „Das ist der größte Vertrauensbeweis, den ich bringen kann.“ Der etwas abgelegene Standort Tübingen sei für das Geschäft mit Sportprofis kein Problem, sagt Höpfl. „Der Olympia-Stützpunkt Stuttgart und der VfB Stuttgart liegen vor der Haustür.“ Zu-

dem seien die Sportler sowieso ständig unterwegs und viele Dinge lassen sich mit modernen Kommunikationsmitteln klären. Seinen Lebensunterhalt verdient Höpfl mit Provisionen für die Versicherungen und Anlagen, die seine Klienten bei ihm abschließen. „Die Höhe der Provision ist immer dieselbe“, sagt Höpfl. „Egal, ob meine Kunden eine Versicherung bei der Allianz, bei HDI Gerling oder Zürich abschließen.“ So sei gewährleistet, dass er unabhängig von Provisionshöhen berät. Wie in der Finanzbranche üblich, gilt auch bei ihm das sogenannte ParetoPrinzip: Mit 20 Prozent seiner Kunden verdient er 80 Prozent seines Geldes und mit 80 Prozent der Kunden die restlichen 20 Prozent. Die Fußball-Profis sind dabei ein gewichtiger Teil. Denn erfolgreiche Athleten in anderen Sportarten verdienen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht so viel wie Fußballprofis. Schon in der A-Junioren-Bundesliga gibt es teilweise 2500 Euro. „Das ist mehr als mancher Familienvater verdient“, sagt Höpfl. Bei aller Freude über seine Arbeit, sagt Höpfl jedoch auch: „Der Job ist anstrengend. Du musst mit deinem Fachwissen stets up to date sein.“ Deshalb sei er froh, dass er keine 400 Klienten hat, sagt er. Den einen oder anderen Fußball-Profi würde er allerdings schon noch aufnehmen. „Aber es dauert eben, bis man das Vertrauen zu den Spielern aufgebaut hat“, sagt er. „Ich bin ja noch relativ frisch im Geschäft.“ Bilder von sich und den Stars wird es jedoch auch künftig nicht in seinem Büro geben. Nicht mal, falls noch ein paar Bundesliga-Kicker dazu kommen sollten.

ANZEIGE FINANZDIENSTLEISTER MLP Der Finanzdienstleister MLP (ursprünglich Marschollek, Lautenschläger und Partner) ist eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Wiesloch, die nach ihren Gründern Eicke Marschollek und Manfred Lautenschläger benannt ist. Der Umsatz im Jahr 2011 betrug knapp 530 Millionen Euro. Der Jahresüberschuss vor Steuern belief sich auf 52, 3 Millionen Euro. Nach einer „einmaligen Sonderleistung“ unter anderem für eine Marketing-Kampagne und die Neuausrichtung der Konzernzentrale in Höhe von 33,4 Millionen Euro blieben 18,9 Millionen Euro vor Steuern übrig. 2002 kam das Unternehmen wegen des Verdachts der Bilanzfälschung in die Schlagzeilen. Das Landgericht Mannheim stellte das Strafverfahren gegen den ehemaligen Chef Bernhard Termühlen jedoch gegen Geldauflagen ein.

ZUR PERSON THILO HÖPFL

Thilo Höpfl (47) wohnt in Kirchentellinsfurt (Kreis Tübingen). Er hat eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert und arbeitete später als Geschäftsführer für einen Sportartikel-Einzelhändler in Esslingen. Nach einem Studium in Marketing und Kommunikation an der Fachhochschule für Druck (heute Hochschule der Medien) in Stuttgart-Vaihingen wechselte er nach München zu einem Kletterausrüster. 1997 ging er zum Sportartikel-Hersteller Reusch nach Metzingen und später nach Reutlingen. Dort leitete er fast zehn Jahre das internationale Sportsponsoring. Seit vier Jahren ist er selbstständiger Partner beim Finanzdienstleiter MLP in TübingenDerendingen. Seit 2002 hat er eine eigene Marketing-Firma namens THM (Thilo Höpfl Marketing), die unter anderem mit Porsche zusammenarbeitet.


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