Page 1

■  2 Sport

Kein Tag ohne Schmerz Leistungssportler wie Fabian Hambüchen streben immer nur nach Höchstleistungen – dafür schinden sie sich. Schon als Kind. Und dann jahrze hntelang. Der eigene KÖRPER WIRD ZUM GEGNER, Schmerzen werden ignoriert oder mit Tabletten be täubt. Die Spätfolgen sind oft furchtbar Text Alexandra kraft Fotos Thorsten Futh

Schon als Junge ­gewöhnte sich Kunstturner Fabian Hambüchen an Schmerzen: „Ich wollte ja den Spagat können. Und Erfolg haben“ 136  stern  17/2011


■  2 Sport

138  stern  17/2011

Acht Zähne ­verlor der Eis­ hockeyspieler Stefan Ustorf, als ihn ein Puck im Gesicht traf. Er wollte trotzdem weiterspielen. Er ignoriert Ver­ letzungen – oder bekämpft sie mit Medikamenten

Ich muss mein Hand­ gelenk ver­ steifen lassen. Künstliche Knie benötige ich auch – und zwei neue Schultern Stefan Ustorf

es zu bezwingen gilt. Sportler müssen einfach mehr abkönnen – und das tun sie auch, seit die staatliche Förderung des Spitzensports zurückgeschraubt worden ist, mehr denn je. Eine bisher unveröffentlichte umfassende Studie der Uni Heidelberg zeigt, dass die Toleranz für Schmerzen bei Spitzenathleten deutlich höher ist als bei Freizeitsportlern. Denn sie trainieren täglich in Bereichen, die wehtun. So trimmen sie sich auf Spitzenresultate. Wer zu früh auf die Signale des Körpers hört, verliert den Anschluss. Der Psychologe Utz Ullmann von der Klinik Bergmannstrost in Halle an der Saale, ein Fachmann, der auch intensiv mit Leistungssportlern arbeitet, sagt: „Viele Topathleten sind in der Lage, jeglichen Schmerz auszublenden.“ Körperliche Grenzen könnten so

immer weiter hinausgeschoben werden. Die Spätfolgen dieser Überbeanspruchung können dramatisch sein, kurzfristig hilft das Verdrängen jedoch durchaus. Ullmann ergänzt: „Durch diese Fähigkeit stellt sich der Erfolg überhaupt erst ein.“ Aus der modernen Schmerztherapie ist bekannt, dass ignorierter Schmerz auch wirklich weniger wehtut. Experten nehmen inzwischen an, dass Leitungssportler Schmerzen sogar positiv bewerten, als fühlbare Bestätigung, etwas geleistet zu haben. Der Sportpsychologe Professor Hans-Dieter Hermann, er betreut auch die deutsche Fußballnationalmannschaft, bestätigt das: „Ein Sportler erlebt von Beginn seiner Karriere an Schmerzen, aber weil sie ihm häufig in dem Moment nicht schaden, lernt er sie zu vernachlässigen.“ Dabei sind Schmerzen Warnsignale und schützen vor schweren Verletzungen. Wie eine dänische Studie belegt, trainieren viele Sportler aber bei offensichtlich drohenden Verletzungen mitunter sogar noch härter. Im ungünstigsten Fall wird dann aus einer leichten Blessur ein schlimmer Schaden.

F

abian Hambüchen sagt: „Viele Jungs aus meiner Turngruppe haben früh aufgehört, weil sie die Schmerzen nicht aushalten konnten. Mir machte das nichts aus.“ Er erzählt mit breiter Muskelbrust, wie sein ­Vater ihm als Knirps Arme und Beine dehnte. Bis an die Schmerzgrenze – und mitunter auch darüber hinaus. Oft nur mit Tränen in den Augen zu ertragen. „Das musste sein“, sagt der 23-Jährige. „Ich wollte schließlich den Spagat können und etwas im Turnen erreichen.“ Die jahrelange Tortur hatte Folgen. „Heute spüre ich kaum noch was“, sagt Hambüchen. Er findet das normal: „Ich muss mich darauf verlassen, dass im Training mein Vater weiß, wann es schädlich wird. Er sagt mir, wann ich aufhören muss.“ Monatelang litt Fabian Hambüchen unter Schmerzen in der ➔

FOTO: Mathias Renner/dpa/City-Press

S

ogar als seine Achillessehne mit einem Knall riss, spürte Fabian Hambüchen den Schmerz nicht. „Das zog nur ein bisschen, wie beim Dehnen“, sagt der Turner. Dann grinst er breit und rührt lässig seinen Kaffee. Als der Eishockeyspieler Stefan Ustorf mit mehr als 100 Stundenkilometern von einem Puck im Gesicht getroffen wurde, brach sein Kiefer, und er verlor acht Zähne. Ustorf sagt: „Ich hätte gerne weitergespielt, aber leider waren da keine Zähne mehr, die ich hätte zusammenbeißen können.“ Ob es wehtat? Ustorf lacht scheppernd. Die Olympiasiegerin im Diskuswerfen Ilke Wyludda wurde mehr als zehn Mal an der gerissenen Achillessehne operiert, saß vier Monate im Rollstuhl. Sie schaffte das Comeback. Als sie bei einer Dopingkontrolle alle Medikamente aufführte, die sie in letzter Zeit genommen hatte, gab Wyludda 63 an, viele davon Schmerzmittel. Heute sagt Ilke Wyludda: „Seit ich als Kind mit dem Leistungssport begann, hatte ich täglich Schmerzen.“ No Pain. No gain. Ohne Schmerz kein Sieg. Im Leistungssport ist das die Basis des Erfolgs. Nur wer sich quälen kann, wird siegen. Leistungssportler sollen Herausragendes vollbringen, im Alltag wird aus dem Kampf um die Höchstleistung schnell ein Kampf gegen andere Sportler. Profisportlern geht es nicht nur um den Platz in der ersten Mannschaft oder die Gunst des Trainers, sondern um das finanzielle Überleben: Komme ich – und nicht der Sportskamerad – in die förderungswürdige Spitzengruppe und sichere so meinen Lebensunterhalt? Bei professionellen Mannschaftssportlern wird oft ein Teil des Gehalts als „Auflaufprämie“ bezahlt, Ersatzspieler verdienen weniger. Oft wird dieser Verdrängungskampf abseits der sprichwörtlichen Fairness geführt. Und schnell wird dann der eigene Körper zum Gegner, den


■  2 Sport

B

ei seinen Würfen steigt der Zweimetermann Hens oft aus vollem Lauf vor der Abwehr hoch. Wird er geschubst, verliert er schnell die Kontrolle über seinen Körper: „Dann weiß ich, gleich macht es heftig bumm.“ Seine Verletzungsliste: ausge­ renkter Ellenbogen, gebrochener Schienbeinkopf, Bruch der Hand, Bandscheibenvorfall. Hens sagt: „Ich fing mit sechs Jahren an und habe gelernt, jeden Tag ein bisschen mehr Schmerzen auszuhalten.“ 2009 spielte Hens ein halbes Jahr mit üblen Schmerzen im Fuß, ein Überbein rieb an der Achillessehne. Er ließ sich erst nach dem Ende der Saison operieren. An die brutalste Pein, die er je gefühlt hat, erinnert sich Hens bestens: „Als wir bei der WM rausgeflogen sind, tat das bisher noch am schlimmsten weh.“

140  stern  17/2011

Fabian Hambü­ chen schindet sich für sein Comeback. Bis zum Riss der Achillessehne war er einer der besten Turner weltweit. Heute weiß er nicht, ob die geflickte Sehne den Belastungen seines Sports standhalten wird

Kaum eine Schmerzgrenze scheint der Berliner Eishockeyspieler Stefan Ustorf zu kennen: „Ich kann mich in den letzten 20 Jahren nicht an einen Tag erinnern, an dem mir nichts wehtat.“ Ustorfs Raubbau an seinem Körper ist gnadenlos. Als ihn ein Puck vor drei Jahren mit voller Wucht unterhalb des Schienbeinschützers traf, brach sein Fuß – während der Play-offs zur Deutschen Meisterschaft. „So ein Treffer tut schon sehr, sehr weh“, sagt er. Aber Ustorf spielte bis ins Finale weiter. Die Ärzte hatten ihm versichert, der Bruch sei stabil. „Unser Kapitän spielte mit kaputten Kreuzbändern“, so Ustorf, „da setze ich doch nicht mit einem gebrochenen Fuß aus.“

D Bei Sprungwür­ fen knallt der Handballer Pas­ cal Hens oft aus großer Höhe auf den harten Hallenboden. Schmerzen ge­ hören für den ­Nationalspieler zum Sport. Sogar bei der Massage nach Training oder Spiel

er heute 37-Jährige spielte   einige Jahre in amerikanischen Profiligen. Im Kampf um die Plätze im Team störten Verletzungen nur. Heute sagt Ustorf: „Mal ging es um einen Stammplatz, mal um eine Meisterschaft. Da musst du eine Verletzung ignorieren können.“ Der Preis, den Ustorf dafür zahlt, ist hoch. Er sagt: „Ich habe akzeptiert, dass ich im Alter erhebliche gesundheitliche Probleme haben werde.“ Dann plaudert er über die Operationen, die er nach Ende seiner aktiven Zeit plant. „Ich weiß schon jetzt, dass ich mir mein Handgelenk ver­ steifen lassen muss, ich benötige künst­liche Knie und – wenn es die bis dahin gibt – auch zwei neue Schultern.“ Denn seine Arme kann er nach Schulterbrüchen schon längere Zeit nicht mehr richtig heben. Ob es Momente gab, in denen selbst ihm die Schmerzen zu viel wurden? Ustorf: „Gab es. Dann nehme ich Schmerzmittel. Nur rezeptfreie Sachen. Ibuprofen oder Diclofenac.“ Die beiden Medikamente finden sich in vielen Hausapotheken, sind allerdings für den kurzfristigen Einsatz gedacht – und nicht als tägliches Helferlein. Ustorf sagt, dass er die Pillen jahrelang täglich geschluckt habe. „Im Moment nehme ich nur vor ➔ Spielen etwas.“

FOTO: Dylan Martinez/reuters; FrankHoermann /SVEN SIMON

linken Achillessehne. Turnte Deutsche Meisterschaften und die Weltmeisterschaft 2010. Pausierte nur kurz. Im Januar riss die geschundene Sehne dann endgültig. „Ich habe nicht gemerkt, dass da mehr im Gange war“, sagt Hambüchen. „Und ich wollte bei der WM dabei sein.“ Nun musste er zusehen, wie die deutschen Turner bei der Europameisterschaft 2011 in seiner Abwesenheit das beste Ergebnis seit Jahrzehnten erreichten. Hambüchens erzwungene Pause könnte ein halbes Jahr dauern. Ob die geflickte Sehne den harten Landungen nach teils meterhohen Sprüngen standhalten wird, weiß derzeit niemand. Handball-Nationalspieler Pascal Hens sitzt in der Geschäftsstelle des HSV, wuschelt seine Haare zurecht und sagt: „In meinem Sport lernt man mit Schmerzen zu leben.“ Handball zählt zu den härtesten Sportarten überhaupt. Die Hoden quetschen, Brustwarzen verdrehen und Gegenspieler mit voller Wucht über den Haufen rennen, all das ist normal, Ver­ letzungen sind an der Tagesordnung. Hens erklärt: „Unser Trainer sagt immer: ‚Das ist nur ein blauer Fleck, den muss du rauslaufen.‘“


■  2 Sport Das ist eine weitverbreitete Methode im harten Kampf um Stammplätze und Sponsorengelder. Aus der Leichtathletik be­ richten Ärzte von Sportlern, die ständig pro Tag acht bis neun Diclofenac-Tabletten schlucken, weit über der empfohlenen Dosis für Kurzzeitanwendung. Beim Bonn Marathon 2009 konsumierten mehr als 60 Prozent der Starter vor dem Rennen Schmerzmittel. Ein besonders extremer Fall ist Stephanie Ehret, eine der weltbesten Langstreckenläuferinnen: Sie nahm vor und während eines 24-Stunden-Rennens insgesamt zwölf Ibuprofen-Tabletten, doppelt so viel wie ärztlich empfohlen. ­Ehret gewann in Rekordzeit – und kollabierte im Ziel. Im Krankenhaus wurde drohendes Nierenversagen festgestellt.

D

en schnellen Griff zur Ta  blette gibt es auch im Profifußball. In der italienischen Liga zum Beispiel nahmen 2007, laut Turiner Staatsanwaltschaft, 80 Prozent der Spieler sehr oft Schmerzmittel. In der Deutschen Fußballliga sind die Medikamente ebenfalls beliebt. Legendär ist der Satz des ehemaligen Schalker Profis Jermaine Jones über das Schmerzmittel Diclofenac: „Vor jedem Training eine, an den Spieltagen zwei und manchmal auch mehr.“ Der Bremer Profi Ivan Klasnić verklagte die Werder-Ärzte nach einer Nierentransplan­ tation. Die Ärzte hätten ihn trotz Vorerkrankung der Nieren regelmäßig mit hoch dosierten Schmerzmitteln behandelt, das könne letztendlich zur Schädigung des Organs geführt haben. Schmerzforscher Toni GrafBaumann sagt: „Fußballer schlucken Ibuprofen oder Diclofenac mit einer Selbstverständlichkeit, als würden sie Kaffee trinken.“ Solch eine unkontrollierte, oftmals hoch dosierte Einnahme kann Leber, Nieren sowie den Magen-Darm-Trakt irreversibel und schwer schädigen. Graf-Baumann saß bei der Fußball-WM in der medizinischen Kommission, für ihn ist der Schmerzmittel-Missbrauch keine Überraschung. ➔ 142  stern  17/2011


2 Sport ■

Besonders bei Fußballern bliebe zwischen Liga- sowie Pokal-Spielen, Champions League und vielleicht noch dem Nationalteam selten genug Regenerationszeit. Muskeln und Gelenke seien ständig überstrapaziert, statt Erholung gebe es dann eben Schmerzmittel. Graf-Baumann sagt: „Das kann zu der kuriosen Situation führen, dass Fußballer ein Turnier spielen können, obwohl sie eine Muskelverletzung haben, die sich durch den Einsatz womöglich noch verstärkt.“

Ilke Wyludda ­gewann 1996 Olympiagold im Diskuswerfen. Sie wurde mehr als zehn Mal an der Achilles­ sehne operiert und saß vier ­Monate im Roll­ stuhl. Acht Jahre nach einem Sturz musste ihr Ende 2010 das rechte Bein amputiert werden

FOTO: PATRICK HERTZOG/AFP/Getty Images

P

aolo Guerrero, Stürmer beim HSV, ließ sich über Wochen trotz schmerzender Achillessehne fit spritzen. Erst als seine Mutter Petronila ein Machtwort sprach, pausierte er. Mit Erfolg. Die Sehne erholte sich, Guerrero kehrte schmerzfrei ins Team zurück. Ilke Wyludda hingegen hatte niemanden, der sie aufhielt. Die Diskuswerferin war Europameisterin und holte 1996 Gold bei Olympia. Dafür richtete sie ihren Körper zugrunde: Patellasehnenriss, Kreuzbandriss. Arthrose im Knie. Zweimal riss die Achillessehne. Wunden an den Füßen, die kaum verheilten. Haut musste transplantiert werden. 2003 riss sie sich bei einem Sturz die Kreuzbänder. Nach der Operation schloss sich die Wunde am vom Sport vorgeschädigten Bein nicht. Eine Knochenin­ fektion bildete sich. Wyludda, die ­inzwischen Ärztin ist und als Schmerztherapeutin arbeiten will, kämpfte fast acht Jahre dagegen an. Trotz unerträglicher Schmerzen. Und trotz mehrerer Blutvergiftungen. Im Dezember 2010 sollte die Wunde verschlossen werden. Aber nach der OP verbreitete sich die Infektion im gesamten Körper. Bald darauf wurde ihr das rechte Bein oberhalb des Knies amputiert. Wochen später sitzt Ilke Wyludda auf ihrem Bett und sagt: „Der Erfolg als Sportlerin war mir wichtiger.“ Und wiederholt ihr Mantra: „Um an die Weltspitze zu kommen, müssen Grenzen überwunden werden.“ Müde lächelt sie.

Nach der aktiven Zeit wollte ich ohne Schmerzen ­leben. Ist wohl leider schief­ge­gangen Ilke Wyludda

Gerade hat sie sich aus dem Rollstuhl hochgewuchtet. Zum Hals führt ein Schlauch. „Darüber bekomme ich Opiate“, sagt sie. Seit der Amputation leidet sie unter starken Phantomschmerzen. „Nach meiner aktiven Zeit wollte ich nicht mehr mit Schmerzen leben müssen“, sagt Ilke Wyludda. Deswegen habe sie sich im linken Knie ein künstliches Gelenk einsetzen lassen. Sie zuckt mit den Schultern: „Ist wohl leider schief2 gegangen, mein Plan.“ 1 7 /2 0 1 1   stern 145

Kein Tag ohne Schmerzen  
Kein Tag ohne Schmerzen  

Bericht über Profis und deren körperliche Schmerzen

Advertisement