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Vom Traumpfad zum Surfboard Zeichensysteme und Ikonographie der Aborigines Australiens und deren Adaption durch modernes non-indigenes Kommunikationsdesign

Bachelorarbeit von Helena Dell | Betreuung Prof. Veruschka GÜtz Fakultät Kommunikationsdesign | Hochschule Mannheim


Impressum

Danke

Projektleitung: Prof. Veruschka Götz Prof. Jean-Claude Hamilius

Prof. Veruschka Götz für die wunderbare persönliche Betreuung

Idee, Text, Gestaltung , Satz: Helena Dell helena.dell@email.de Bilder: © Helena Dell (bis auf die folgenden): S. 35 © The Daily Telegraph S. 47 © Australian Institut of Aboriginal Studies S. 94 © Christin Georgi Schrift: Fließtext: Celeste Headlines: FagoN0Bold Papier: Munken Lynx, 150 g Veredelung: Transparentfoliendruck Blindprägung Druck: Fuenfwerken Design AG, Berlin M8 – Labor für Gestaltung, Berlin Bindung: Klebebindung Atelier Tiemeyer, Berlin

Christine Chill Romy Rauchfuß Miriam Schwack für kompetente Beratung, Ermutigungen, Tipps und Kritik Anja Thöne für tolle Tipps und das Lektorat Christin Georgi für das Bild auf S. 94 Matthias Fischer für die Bildbearbeitung meiner Familie für die Unterstützung meinem Freund für sein Verständnis Januar 2009


Inhaltsverzeichnis 30

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Totems und Traumzeit – Glaubensvorstellungen der Aborigines

Zur Geschichte der Ureinwohner Australiens – Abstammung, Kolonisation, Assimilation

Zur Bedeutung von gespro­chener Sprache der Aborigines als Übermittler und Ausdruck von Kultur, Glaube, Wissen und Tradition 38

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Traditionelle Formen der Kunst – Malerei, Geschichten, Musik und Tanz – sowie deren Rezeption im heutigen Australien


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Zeichen und Ikonographie der Aborigines in der non-indigenen Kommunikationswelt

Australische Wörter, die auf eine der Sprachen der Aborigines zurückführen oder von ihnen abstammen

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Australiens stärkstes Symbol und dessen Bedeutung für die Ureinwohner

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Ausblick in die gemeinsame Zukunft: Leben neben der Gesellschaft oder ein Zusammenleben?


Vorwort Bis zum Jahr 1967 wurden die Aborigines in Australien noch nicht einmal in der Bevölkerungsstatistik geführt, sondern wie wilde Tiere betrachtet. Erst Ende der 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden die Ureinwohner Australiens als Bürger Australiens anerkannt. 1967 erhalten die australischen Aborigines volle Bürgerrechte;1968 haben Aborigines, die auf den großen Rinderfarmen im Northern Territory arbeiten, erstmals Anspruch auf den üblichen Gewerkschaftslohn, statt wie bisher weitgehend mit Naturalien bezahlt zu werden. Ab Mitte der 70er Jahre erkämpfen sich Aborigines im Northern Territory Rechte auf kleine Teile des Landes ihrer Vorfahren. In der modernen Gesellschaft Australiens fallen sie negativ auf: Alkohol und Drogen sind die Folgen der »gestohlenen Generation« und ihren Nachfolgern. Heimatentwurzelte, die sich in ihrer eigenen Heimat integrieren sollen. Die Probleme sind aktuell. Auch mehr als 200 Jahre nach der Ankunft der ersten Europäer gehört die Benachteiligung zum Alltag der Aborigines. Die neue Regierung Kevin Rudd und seine Labor-Partei, die bei den Parlamentswahlen am 24. November 2007 den konservativen Premier John Howard nach elf Jahren Amtszeit geschlagen hatten, ist auch die neue Hoffnung der Aborigines: Premierminister Kevin Rudd hat im Februar 2008 als erste Amtshandlung eine offizielle, lange überfällige Entschuldigung an die Ureinwohner Australiens ausgesprochen. Rassismus ist in Australien auch heute noch lebendig. Dies betonte die australische Kom-

mission für Menschenrechte und Gleichstellung (Human Rights and Equal Opportunity Commission; HREOC) im Juli 2001 auf ihrem Vorbereitungstreffen in Cairns, Australien zur Weltkonferenz gegen Rassismus (World Conference against Racism) der UNO in Durban (Südafrika). Von den Aborigines wird im besten Fall immer noch Integration, im schlechtesten Anpassung erwartet. Rassistisches Verhalten gegenüber Aborigines ist heute ein allgegenwärtiges, alltägliches Problem in Australien. In der australischen Bundesgesetzgebung fehlt ein generelles Verbot rassistischer Diskriminierung. Manches selbstverständlich als australisch angenommenes Wahrzeichen und mancher heute fest im modernen Australien verankerte Begriff hat seinen Ursprung in der Sprache der Aborigines. Beispiele hierfür sind die Bezeichnung für »Känguru«, dem Wappentier Australiens sowie der Name »Bondi Beach«, der zur australischen Metropole Sydneys gehört und einer der berühmtesten Strände Australiens ist. Wörter und Namen, die aus den unterschiedlichen Sprachen der unterschiedlichen Stämme und Völker der Aborigines stammen, sind im modernen Australien gang und gäbe. Ebenso ist der bildliche und sprachliche Rückgriff auf die Totems der Aborigines, also die symbolische Darstellung der Ahnen und Schützer, heute allgemein verbreitet. Vieles aus Kultur, Sprache und Religion der Ureinwohner wurde von der modernen australischen Gesellschaft übernommen, allerdings ohne in seinem Gehalt wirklich wahrgenommen zu werden. Besonders für mich,


als eine in Russland geborene und aufgewachsene Deutsche, die sich selbst in der deutschen Gesellschaft zurechtfinden musste, ist die Frage der Integration der Aborigines in die moderne australische Gesellschaft und die Wirkung der Ureinwohner auf diese Gesellschaft ein hochspannendes Thema. Während meines Auslandsstudienaufenthaltes 2007 hatte ich sechs Monate persönlich die Gelegenheit, im Land der Aborigines zu leben. Ich konnte ihnen Fragen stellen, ihr Zusammenleben beobachten und die bereits integrierten Zeichen der Ureinwohner in der modernen Welt Australiens entdecken. Ich hatte das Glück, vor Ort zu sein, als in Australien eine neue Regierung gewählt wurde. In meiner Abschlussarbeit halte ich meine Beobachtungen fest, vertiefe aktuelle Fragestellungen und möchte Leserinnen und Leser für dieses Thema vor ihrer nächsten »Aussiereise« sensibilisieren. Mein Ziel ist es, im Rahmen meiner Bachelor-Arbeit eine Untersuchung zu leisten zu der Adaption der Zeichen und Symbole der Ureinwohner durch das moderne Australien und der restlichen Welt insbesondere der Totems der Aborigines. Dabei liegt mein Augenmerk besonders auf der Adaption dieser Symbole in der medialen Welt des heutigen Australiens. Welchen Gehalt hatten diese Symbole ursprünglich für die Ureinwohner, und welche Bedeutung haben sie heute im modernen Australien? Die Ureinwohner Australiens kannten keine eigene Schriftsprache. So wurden die religiösen

Geschichten von einer Generation zur nächsten mündlich überliefert. Eine Ausdrucksform war die Kunst. Jeder Stamm hatte einen Totem (einen Gott, einen Beschützer, einen Heiligen), über die Geschichten erzählt wurden, die mit Gesang und Tänzen, sowie mittels Felsenmalerei überliefert und vertieft wurden. Rudimentäre religiöse Einsätze sind in der modernen medialen Non-Aborigine-Kommunikation präsent. Die Urform des kommunikativ-gestalterischen Story-Tellings der Aborigines wird in dem aktuellen Kommunikationsdesign Australiens täglich angewendet. Viele historische Zeichen der Aborigines werden in der medialen Welt bewusst eingesetzt um sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen, man findet z.B. ein Känguru in fast jedem Souvenirshop.

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ÂťJust as we have learned about your history, please learn about ours.ÂŤ

The Ngambri petition claiming the area of Canberra


Zur Geschichte der Ureinwohner Australiens – Abstammung, Kolonisation, Assimilation Der im Jahr 1606 von den Europäern zuletzt entdeckte Kontinent Australien war für fast 60.000 Jahre ausschließlich die Heimat dessen Ureinwohner, genannt Aborigines. Die Beschreibung der Aborigines von den ersten Forschern in Australien lautete: »Wandernde Gruppen der Wilden, die noch im Steinzeitalter leben«. Diese Vorstellung war der Anfang eines tiefen und langlebigen kulturellen Missverständnisses. Die allgemeine Bezeichnung »Aboriginal« oder »Aborigine« (lat. »ab origene« = »von Beginn an«) stammt von den Europäern und wird von den Ureinwohnern selbst nicht benutzt. Das, was wir unter Aborigines verstehen, sind über 600 unterschiedliche Völker, Clans und Stämme mit etwa 600 unterschiedlichen Sprachen. In Australien benutzt man heute vermehrt den Ausdruck »Indigenous People« für die Ureinwohner. Indigene Völker ist eine relativ junge Lehnübersetzung wahrscheinlich vom spanischen »Pueblos indígenas« und bezeichnet Gemeinschaften von Ureinwohnern einer Region oder eines Landes. In internationalen politischen Kontexten ist Indigene Völker / Indigenous Peoples / Pueblos indígenas die übliche Sammelbezeichnung für Ureinwohnervölker aller Kontinente, während im nationalen Rahmen oft andere Begriffe verwendet werden (z.B. Aborigines). Die einzelnen Stämme und Clans der Aborigines gaben sich Namen wie beispielsweise »Yolngu« (Norden), »Murri« (Osten), »Koori« (Südosten), »Nanga« (Süden) oder »Nyngar« (Südwesten). Wie Aborigines nach Australien kamen, ist wissenschaft-

lich nicht genau belegt. Es gibt zwei allgemein bekannte Theorien. Die erste besagt, dass die Aborigines in kleinen Gruppen und in aufeinanderfolgenden Wellen von Norden nach Australien kamen und nach und nach das ganze Land besiedelten. Dies würde bedeuten, dass die Aborigines ein offenes Meer überqueren mussten – Tausende von Jahre, bevor dies nach wissenschaftlichen Erkenntnissen je ein Mensch tat. Die Vertreter der zweiten Theorie hingegen meinen, dass Menschen aus Südostasien den australischen Kontinent besiedelten. Während der letzten Eiszeit bestand für die Menschen Südostasiens die Notwendigkeit, nach Süden zu wandern und Australien zu besiedeln. Durch die Eiszeit war der Meeresspiegel stark zurückgegangen und nur eine schmale Meerenge trennte die asiatische Inselwelt von dem australischen Festland. Allgemein akzeptiert ist es, dass die Aborigines eine der ältesten, ununterbrochen bestehenden Kulturen der Welt besitzen. Da sie den ganzen Kontinent nach und nach besiedelten, entwickelten sie Strategien, um in jeder extremen Landschaft überleben zu können: von den extremen Wüste in Zentralaustralien bis zu den tropischen Regenwäldern im Norden. Die Unbewohntheit Australiens und das reichhaltige Angebot der Flora und Fauna führten dazu, dass die Aborigines sich schnell auf dem gesamten Kontinent ausbreiteten. Später, als der Meeresspiegel infolge der abklingelnden Eiszeit wieder anstieg, wurde das jetzige Tasmanien von AustralienFestland durch die Bassstraße getrennt, wodurch

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die Aborigines isoliert wurden. Dadurch konnten sich beispielsweise die Aborigines Tasmaniens nicht mehr mit anderen Völkern vermischen. Keine Gruppe lebte so lange in einer derart stark unterschiedlich ausgeprägten Umgebung wie die der Aborigines. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Aborigines zu jeder Zeit von der Außenwelt isoliert waren. Durch die flachen Gewässer gab es einen direkten Kontakt zu Neuguinea. Nach der Entstehung der Torres-Strait-Inseln durch die Überflutung vor etwa 6.000 Jahren gab es vergleichsweise häufigen Handel und Kontakt zwischen den Ureinwohnern von Kap York Peninsula und ihren nördlichen Nachbarn. Die Nomadenstämme unter den Ureinwohnern Australiens hatten eine eigene Kultur und Sprache entwickelt, sie lebten (und leben zum Teil heute noch) als Jäger und Sammler. Die Entwicklung zur Sesshaftigkeit wurde von ihnen nie vollzogen, was auch angesichts des Reichtums des Landes nicht notwendig war. Daher lebten sie in einfachen Hütten oder Windschirmen, die temporär aus Zweigen oder Rinde aufgebaut waren. Ihre soziale Ordnung war gut entwickelt und ihre Naturkenntnisse verblüffen noch heute. Die Anzahl der Aborigines vor der Kolonisierung wird auf 750.000 bis 1,5 Millionen Menschen geschätzt. Jedem Stamm gehörte ein Stück Land, für das sie sich als Hüter des Landes verantwortlich fühlten. Als Eigentum im Sinne eines Besitzes sahen sie dieses Land nie an. Die Religion, die sich aus der Verantwortung für das Land herausbildete, band die Menschen an das Land und

bettete sie in ein soziales Umfeld ein, in dem jeder Mensch Aufgaben, Pflichten und Rechte hat. Es entwickelte sich eine Justiz, die Strafen und Sanktionen beinhaltete. Kunstformen, die meist religiösen Zwecken dienten, entstanden zu dieser Zeit. Diese Kultur wurde mündlich von Generation zu Generation in Form von Geschichten überliefert. Vor mehr als 200 Jahren noch war den Europäern die Existenz dieser Naturvölker unbekannt und die »Terra Australis«, der vermutete Südkontinent, bezeichnete lediglich einen reichen, fruchtbaren Mythos. Meist waren es Zufälle, die die Europäer nach Australien brachten. Starke Westwinde, die vom Indischen Ozean kamen, steuerten die Handelsschiffe von der Ost-Indischen Route Richtung Westküste Australiens. Für Jahrzehnte war unklar, welches Land man eigentlich gefunden hatte. So auch in 1602, als der holländische Steuermann Wilhelm Janz die Spitze Cape Yorks, die Halbinsel im Nordosten, ansteuerte. Da er die Meerenge zwischen Neuguinea und Australien nicht bemerkte, nahm er an, das Land gehöre zu Neuguinea. Im gleichen Jahr segelte der Spanier Luis Váez de Torres durch die später nach ihm benannte Meerenge. Das Land im Nordosten war nun bekannt, es war jedoch immer noch nicht klar, ob es sich um das »Great South Land« handelte. Dessen Existenz schon lange in der Vorstellung der Europäer war. Erneut unbeabsichtigt entdeckten die Holländer den Westen Australiens, als sie 1616 eine neue Route nach Südostasien suchten. Es war das Schiff von Dirk


Hartog, der den ersten materiellen Beweis des Kontaktes der Europäer mit dem neuen Kontinent hinterließ – eine vollgeschriebene Zinntafel. Als erster Engländer landete William Dampier im Jahre 1688 an der Westküste Australiens. Auf der Suche nach Trinkwasser schickte er zehn bewaffnete Männer ins Land. Sie verhafteten zwei Eingeborene. Das war der erste Kontakt zu den Aborigines, die Dampier in seiner Beschreibung als »erbärmlichste Menschenrasse, die er je gesehen hatte« bezeichnete. So begann die Tendenz, Aborigines als »primitive Wilde« zu bezeichnen. Der englische Kapitän James Cook wurde von einer königlichen Kommission mit einer wissenschaftlichen Expedition im Pazifik beauftragt. Cook erkundete die Ostküste, traf aber selten auf Aborigines. Er begegnete ihnen im Nordosten. Die Courage der Aborigines beeindruckte Cook von Anfang an. In seinem Notizbuch notierte er später: »Es kann sein, dass sie als unglücklichste Menschen der Welt aussehen, in Wirklichkeit aber sind sie glücklicher als wir Europäer.« Durch seine positive Beschreibung der Aborigines bezeichnet man Cook als Vater des Bildes des »edlen Wilden«. Auch der Franzose Freycinet machte diese positive Erfahrung in Shark Bay. In Wirklichkeit war es den Entdeckern fast unmöglich gewesen, mit den Aborigines in Kontakt zu treten. Und schon bald schwebte das Bild des »primitiven« über die Eingeborenen. Die Spanier, die 1793 Sydney erreichten, berichteten über die Einwohner: »Aborigines sind ein Wandervolk ohne Industrie und Landwirtschaft«. D. Collins,

ein Staatsanwalt, meinte 1796, die Aborigines seien weder vernunftbegabt noch würden sie Definitionen wie »gut« und »böse« kennen. Die Eingeborenen besaßen die älteste Kultur der Welt, die kontinuierlich von Generation zu Generation weitergegeben worden war. Ihre Kultur stellte sich nicht auf Arten dar, die für die Europäer erkennbar und anerkennbar waren: keine Architektur, keine Industrie, keine Landwirtschaft. Mit dem Eintreffen der ersten Sträflingstransporte der Briten und der dann folgenden Siedler nach 1788 begann ein neuer Lebensabschnitt für die Aborigines, der wahrscheinlich als traurigstes Kapitel ihrer Geschichte angesehen werden darf. Die Besiedlung durch den weißen Mann nahm verheerenden Einfluss auf die Einwohner. Das Land wurde zur »Terra nullus« erklärt, man nahm an, dass es keinem Volk gehörte. Dies schaffte den juristischen Rahmen, der die Vertreibung und das Leugnen des Vorbesitzes rechtfertigte. Das Land wurde ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der vor allem eines erforderte: freies Land. Das konnte nur zu schlechten Beziehungen zu den Aborigines führen, denn eine Wirtschaftsform, die auf Ausbeutung abzielte, traf auf eine, die auf Pflege und Bewahrung ausgerichtet war. Die Ureinwohner mieden immer noch Kontakt zu den Siedlern. Die Konflikte entstanden jedoch nicht durch einen Mangel der Kommunikation, sondern durch die Enteignung des Landes der Aborigines. Versuche, die Stämme umzusiedeln, führten meist zu Konflikten, da die religiösen Bindungen an das Land

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sehr stark waren. 1842 wurde in Südaustralien der »Waste Land Act« erlassen, welcher Aborigines den Besitz von Land erlaubte – vorausgesetzt, dass es für die Landwirtschaft nutzlos war. Die Arbeit der Missionen führte ebenfalls zu Konflikten. Die Zahl der Aborigines nahm sichtbar ab: zu Beginn der Kolonialzeit geht man von 750.000 bis 1.500.000 Menschen aus, am Ende des 19. Jahrhunderts lebten nur noch etwa 150.000, 1930 noch 70.000 Aborigines. Der Eindruck, dass sie bald als Volk aussterben würden, war fast unausweichlich. Um die Aborigines vor Brutalitäten zu schützen, wurden Reservate eingerichtet. Es wurden außerdem Maßnahmen getroffen, die Aborigines zu assimilieren. Nach damaligem Verständnis hieß Assimilation allerdings, dass diese Gruppe aus den Reservaten zu entfernen war. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden aborigine-stämmige Kinder ihren Eltern entzogen. Man un­ter­schied zwischen »Vollblutaborigines«, dies bedeutete, dass keine »Weißen Wurzeln« vorhanden waren, sowie den so genannten »halbblütigen« Kindern. Gemeint waren Kinder, die zur Hälfte von Europäern und zur Hälfte von Aborigines abstammten. Heute gelten diese Begriffe als rassistisch. Die Erziehung dieser Kinder sollte im europäischem Kontext stattfinden. Sie sollten durch Zwang mit so genannten »Weißen« verheiratet werden. Die Menschen, die Opfer dieser Entwicklung wurden, nennt man heute »die gestohlene Generation«. Diese Aktion durchbrach die Generationskette der Aborigines, die für das Fortleben der Kultur erforderlich war.

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1901 wurde das »Commonwealth of Australia« gegründet. Im ersten Weltkrieg nahmen über 400 Aborigines als Soldaten am Kriegsgeschehen teil – was anfangs nicht einfach war, denn sie galten nicht als Staatsbürger. Als aber in 1917 die Zahl der Freiwilligen rapide abnahm, durften sich auch »gemischtrassige« Aborigines als Soldaten melden. Erst in den späten 50er Jahren wurde eine menschenwürdigere Behandlung der Ureinwohner zum Thema in Australien, unterbrochen von politischen Ereignissen wie beispielsweise die Atombombenversuche der Briten von Maralinga, die von 1953 bis 1964 in der Wüste Südaustraliens stattfanden. Eine Umsiedlung der dort lebenden Stämmen erfolgte nicht. Erst 1994 zahlte die Regierung 13,5 Millionen Dollar Entschädigung an die dort lebenden Aborigines. Selbst wenn die Verseuchung dieser Gegend und das Leiden der Ureinwohner nicht mit Geld auszugleichen ist, ist dies zumindest ein Zeichen für ein moralisches Umdenken und ein Beginn von Respekt. In den 1960er Jahren wurde den Eingeborenen Bürgerrechte zuerkannt, darunter das Wahlrecht. Erst sieben Jahre später ermöglichte eine Verfassungsänderung, dass sie bei Volkszählungen erfasst wurden. 1976 wurde der »Aboriginal Land Right Act« geschlossen, was den ursprünglichen Besitzern ermöglichte, die bedeutenden Stammesterritorien zurück zu gewinnen oder gemeinsam zu verwalten. So z.B. wird seit 1983 der »Uluru« (heiliger Berg der Aborigines in Zentralaustralien) von Aborigines gemeinsam verwaltet.


Am 26. Mai 1998 feierten die australischen Bürger zum ersten Mal den nationalen »Sorry Day«, an dem sie sich für die Verbrechen an den Aborigines entschuldigten. In 2008, als die neue Regierung an die Macht kam, folgte auch die langerwartete Entschuldigung an die Ureinwohner, ausgesprochen von dem neuen Premierminister Kevin Rudd. Gerhard Leitner hat in seinem Buch »Die Aborigines Australiens« vier Perioden der Politik zusammengefasst: 1) Bis Mitte des 19. Jahrhunderts: keine explizite Politik. 2) Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts: eine Politik der Segregation und der Protektion eines als »aussterbend« betrachteten Volkes. 3) Bis in die 1960er Jahre: eine Verbindung dieser Politik mit dem Ziel der Assimilation. 4) Heute: eine Politik, die Selbstverantwortung an politisch eigenverantwortliche Gruppen delegiert.

Für lange Zeit waren die Aborigines Objekte der Politik, nicht Menschen, die diese beeinflussen konnten. Eine Gegenwehr wie die der Indianer Nordamerikas, die sie zu Handelnden gemacht hätte, kam selten vor. Ausnahmen sind die Gebiete Tasmanien, Westaustralien und der Norden. Auch wenn die Perioden tendenziell lokale, australische Entwicklungen beschreiben, sind sie ohne internationalen Einfluss nicht denkbar. Als ich nach Australien ging, um vor Ort Recherchen durchzuführen, war ich davon überzeugt, dass die Aborignes nach wie vor ausgenutzt werden. Auf eine moderne Weise werden sie ihrer Geschichten, ihrer Zeichen und Wörter aus ihren Sprachen beraubt. Ihre Symbole werden für wirtschaftliche Zwecke genutzt. Während meines Aufenthalts in Australien habe ich mich allerdings nach und nach von dieser ersten Annahme distanziert und mich von dem Gegenteil überzeugen lassen.

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ca. 50.000 Jahre vor Chr. Zuwanderung der australischen Ureinwohner von Südostasien. 1789 Im April dezimieren Pocken die Eingeborenenbevölkerung von Port Jackson, Botany Bay und Broken Bay. Die Krankheit breitet sich rasch entlang der Küste aus.

1804 Kolonisten werden von Leutnant Moore bevollmächtigt, 50 Ureinwohner an der Risdon-Bay als Antwort auf den Eingeborenen-Widerstand zu erschießen. Der grösste Teil der Cumberland Plain (Westen Sydney) wird von Kolonisten in Besitz genommen. Die Darug-People werden enteignet und verlieren ihr Land.

ca. 10.000 Jahre vor Chr. Tasmanien löst sich vom Kontinent ab. 1799 Beginn einer sechsjährigen Periode des Widerstands gegen die weiße Ansiedlung durch die Ureinwohner im Hawkesbury und Parramatta Gebiet.

1901 Am 1. Januar 1901 erklärt Gouverneur Lord Hopetown bei einer feierlichen Zeremonie im Sydney Centennial Park Australien zum »Federal Commonwealth of Australia«. Das erste Bundesparlament tagt in der vorläufigen Hauptstadt Melbourne. Die Bevölkerung zählt (ohne Aborigines) 3,7 Millionen Einwohner. Sir Edmund Barton wird erster Premier Minister von Australien.

1788 Kapitän Philip schätzt die Anzahl der Ureinwohner, die im Gebiet von Sydney leben, auf 1.500.

1927 Umzug von Parlament und Bundesregierung in die neue Hauptstadt Canberra (seit 12.März 1913 offizielle Hauptstadt).

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1850 Großbritannien erlässt den »Australian Colonies Government Act«, der seinen Kolonien auf dem fünften Kontinent weitgehende Autonomie durch eigene Parlamente und Verfassungen einräumt.

1606 Pedro Fernandez de Quiros lan­det auf den Neuen Hebriden und nennt sie »Terra Australis«. Der spanische Entdecker Luis Vaez de Torres entdeck die später nach ihm benannte Meerenge (Torres Strait). Im selben Jahr segelt der Holländer Willem Jansz an der Küste von Queensland vorbei.

1820 Sydney hat etwa 26.000 Einwohner, davon 10.000 Sträflinge.

1788 Am 26. Januar, dem heutigen Australien-Tag, wurde die erste dauerhafte europäische Siedlung in Australien errichtet und nach dem britischen Innenminister Lord Sydney, der für die Kolonisierungspläne verantwortlich war, auf den Namen Sydney getauft. Der französische Kapitän Galaup de la Perouse erreicht die Botany Bay sechs Tage nach der »First Fleet«.

1786 England braucht neue Strafkolonie und Waldgebiete für den Schiffbau.

1688 William Dampier William Dampier, Abenteuerschriftsteller und Freibeuter, landet an der Nordwestküste und berichtet als erster Engländer ausführlich und abwertend über das unbekannte und unwirtliche Land. 1642 Abel Janszoon Tasman entdeckt die Südspitze des heutigen Tasmaniens. 1616 Der Holländer Dirk Hartog landet an der Küste Westaustraliens.


1938 Erstmals werden Kunstwerke des Aborigine Albert Namatjira (1902 – 1959) ausgestellt. Der christlich erzogene Albert Namatjira, angehöriger des Aranda-Stammes, zählt zu den bedeutendsten Landschaftsmalern Australiens. Er wuchs in der Missionsstation Hermannsburg auf, wo er im Alter von etwa zwanzig Jahren die Technik der Aquarellmalerei erlernte. Wie kaum ein zweiter Maler verstand es Namatjira, die landschaftlichen Schönheiten des »Red Centre« in seinen Bildern festzuhalten. 1954 wurde er von der britischen Königin in Canberra empfangen. 1953 Bis 1964 führen die Briten in der Wüste Südaustraliens Atombombentests durch. Einen Schutz bzw. eine Umsiedlung der dort lebenden Aborigines fand nicht statt. 1994 zahlt die Regierung an die Aborigines 13,5 Mio. Dollar Entschädigung für die in der Wüste durchgeführten Atomversuche.

1992 Der Oberste Gerichtshof erkennt im Juni in einem Präzedenzfall das Bestehen von Ansprüchen auf Land vor der ersten Besiedlung durch die Europäer im Jahr 1788 an. Der Fall ist als »Mabo-Fall« in die Geschichte eingegangen.

1993 Jahr der Ureinwohner (Year of the Indiginous People). Premier Keating erkennt die Benachteiligung der Aborigines an. Die Bundesregierung ratifiziert den so genannten »Native Title Act«. Es werden vorläufig eine Million US-Dollar für Entschädigungszahlungen aufgewendet.

1989 Aborigines im Northern Territory erhalten Selbstverwaltungsrechte.

1956 Austragung der 16. Olympischen Sommerspiele in Melbourne. 1966 Abschaffung des Englischen Pfund, Einführung des Australischen Dollar. 1967 Per Referendum sprechen sich 90,7% aller Australier dafür aus, sämtliche die Aborigines diskriminierenden Gesetze abzuschaffen.

1991 Ein Bericht einer königlichen Kommission, der im Mai mit der Zielsetzung angefertigt wurde, um die Todesfälle von Aborigines in polizeilichem Gewahrsam genauer zu untersuchen und zu hinterfragen, enthelt Beweise für rassistisches Verhalten der Polizeikräfte und beinhaltete über 300 Empfehlungen zur Verbesserung des interethnischen Verständnisses und des Selbstbestimmungsrechtes der Aborigines. 1990 Die verschiedenen AboriginesStämme wählen erstmals Vertreter für die »Aboriginal and Torres Strait Islander Comission« (ATSIC) als Regierungsvertretung der australischen Urbevölkerung. 1988 Ab 26. Januar glanzvolle Feiern zum 200. Jahrestag der Landung der ersten weißen Siedler. Begleitet werden die Feiern von den Protesten der Ureinwohner.

1976 Das »Aboriginal Land Rights Act« regelt die Rückgabe wichtiger 1985 Stammesterritorien an die Urbe- Der Monolith Ayers Rock und die völkerung. benachbarten Olgas werden in einer symbolischen Zeremonie an die Anangu, die Ureinwohner der Region, zurückgegeben und heißen wieder Uluru und Kata Tjuta.

1995 Australiens Bevölkerung umfasst aus18 Millionen Menschen. 2000 Mehrere Protestmärsche mit bis zu einer halben Million Teilnehmern streiten für die Rechte der Aborigines. In Sydney werden die 27. Olympischen Sommerspiele eröffnet. In der Eröffnungsfeier wird die Dreamtime (Traumzeit) der Aborigines und dann die Erschließung des Landes durch die weißen Siedler dargestellt werden. Cathy Freeman entzündet das Feuer. Die Olympische Flamme ist zu einem politischen Feuer geworden. Die Aborigines feien am Tag nach der Eröffnungszeremonie in Sydney die Entzündung des Olympischen Feuers durch »ihre« 400-m-Weltmeisterin Cathy Freeman und wertetn die Geste des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) als einen Schritt zur politischen Aufwertung. 2004 Nach dem Tod des 17-jährigen Aborigine Thomas Hickey im Zuge einer Polizeiverfolgung kommt es in Sydney zu Ausschreitungen australischer Ureinwohner. 2007 Der neue Premierminister und der ehemalige ­Diplomat Kevin Rudd entschuldigt sich zu Beginn seiner Amtszeit bei den Ureinwohnern.

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Assimilation Assimilation a melting pot! Attempting to make a people something they’re not Why did it happen? What was the cause? Total disregard of us and our Lores! Assimilate – integrate No sir-ee Through to our bones we are Aborigine Lorraine McGee-Sippel 


Kidnapped They came like thieves In the dawn of the morning, Like Hitler’s men They struck whitout warning. They handcuffed our Fathers And dragged them away Our Mothers just wept, They cried and they prayed. Put on a »crash-launch« And banished from the Palms. Seven men were kidnapped, The policemen were armed. Seven families were exiled, Seven families sent away, From parents and loved ones, Was the price we had to pay. They fought for our Freedom From »under the Act«, From oppression, and misery Just because we were black. In my memory, they are the Heroes And forever will be The »Magnificient Seven« Who set Palm Island free Lorraine McGee-Sippel 


ÂťWhen I speak (my) language, it makes me feel home.ÂŤ

Roger Hart, Aboriginal elder


Zur Bedeutung von gesprochener Sprache der Aborigines als Übermittler und Ausdruck von Kultur, Glaube, Wissen und Tradition »Wenn du deine Sprache verlierst, hast du alles verloren« – diesen Satz hört man in Australien oft. Er wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass das ganze Wissen der Aborigines mündlich von Generation zu Generation übertragen wurde. Das ganze Wissen über Pflanzen, Tiere und die Natur wurde also über die gesprochene Sprache vermittelt. Eine Schriftsprache kannten die Aborigines nicht. Die religiösen Geschichten der Traumzeit, die soziale Hierarchie, das Recht und die Ordnung, die Techniken des Jagens und Sammelns – all das wurde mit dem Vergessen der Sprache nutzlos, und als Folge verschwand die Sprache selbst. Man geht davon aus, dass zu Beginn der Kolonisation in Australien etwa 500 verschiedene Sprachen gesprochen wurden. Diese Vielfalt erklärt sich durch die zeitlich unterschiedliche Zuwanderung. Jeder Stamm hatte eine eigene Sprache, die eine eigene Gruppe darstellte. Die Sprachen sind außerordentlich komplex, die Aborigines gebrauchen zum Beispiel Dutzende von Ausdrücken, um die Tageszeit wiederzugeben. Die Abstammung der Aborigines wurde über die väterliche oder die mütterliche Seite bestimmt. Da das Geschlecht eine große Rolle spielte, ist es verständlich, dass sich die Verwandtschaftsbeziehungen auch in der Sprache widerspiegelten. So gibt es zwei Wörter für die Großmutter, je nachdem, ob es sich um die Mutter der Mutter oder die des Vaters handelte. Das gleiche galt für Nichten und Neffen, Cousinen und Cousins. Es gab Wörter für Personen, die

über eine männliche Linie miteinander verwandt sind: Geschwister, Sohn, Großvater, Onkel väterlicherseits. Für uns Europäer ist wichtig zu wissen, dass es in der Kommunikation der Aborigines weitere, uns unbekannte Besonderheiten gibt. So gilt es beispielsweise als unhöflich, gar aggressiv, wenn man beim Sprechen Blickkontakt hat. Direkte Fragen werden als Druckmittel verstanden. Vielmehr äußert man Vermutungen, und der Gefragte kann darauf eingehen. Für viele Aborigines ist Englisch die vierte oder dritte Sprache, die sie erlernen. Sie wachsen mit ihrer Muttersprache auf und lernen dann die Sprache des Vaters (der meist zu einem anderen Stamm und damit zu einer anderen Sprachgruppe gehört). Wird man von den Großeltern erzogen werden, wird ihre Sprache zusätzlich gelernt. Ein Hörbeispiel einer der vielen Sprachen der Ureinwohner Australiens ist auf der beigelegten CD festgehalten. Als sich die englische Sprache durchsetzte, hatten nur noch etwa 50 Sprachen der Aborigines eine Überlebenschance in dem nunmehr anglophonen Umfeld. Die Vielfalt der indigenen Sprachen und Dialekte entwickelte sich zu einem unnötigen Luxus. Viele Sprachen der Eingeborenen sind jedoch als Folge der Assimilationspolitik verschwunden. Das Sprechen der Muttersprache war verboten. Wer dies trotzdem gewagt hat, konnte mit Folterung rechnen, wie beispielsweise dem Auswaschen des Mundes mit Seife. Die Kolonialsprache, das Englische, machte es schwer, eine indigene Perspektive auszudrücken.

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Als Ausweg sehen viele Aborigines das Erlernen der englischen Sprache. Das australische Englisch hatte über die Zeit viel von den Kommunikationsformen der Ureinwohner übernommen und in diesen Formen sogar Eingang in die Literatur, das Theater und die Medien gefunden. Vermehrt beschäftigen sich die modernen Stämme mit der Sprache der Urahnen. Da das Schriftliche den Aborigines fremd war, war das ganze Wissen in mündlicher Sprache festgehalten. Junge Kinder, die Sprachen leichter aufnehmen können, sollten nun die »Sprachwärter« werden. So gibt es zum Beispiel in Northern Territory Schulen, in denen Kinder zweisprachigen Unterricht haben: in Englisch und in einer Ureinwohner-Sprache. Die Northern Territory University bietet die Möglichkeit, an interaktiven Online-Sprachkursen teilzunehmen, die Kenntnisse der Ureinwohner aus NordostArnhem Land vermitteln. Die Problematik der Vermittlung der Sprache liegt meist darin, dass

nur noch wenige Älteste der Sprache mächtig sind, diese aber nach und nach sterben. Die Aborigine-Sprachen sind in Gefahr, vollständig auszusterben. Dabei war die Sprache der Schatz des Wissens der Aborigines. Es ist nachvollziehbar, dass dieses Wissen nicht direkt in andere Sprachen, insbesondere ins Englische, übersetzt wurde. Mit den Sprachen starben auch große Teile des Wissens der Aborigines. Der Verlust dieses Wissens führte zum Identitätsverlust des Einzelnen und somit der Gruppe. Viele Wörter aus der Sprachen der Aborigines haben es bis in den australischen Alltag geschafft. Ohne es zu wissen, benutzen auch viele Touristen diese Wörter. Einige der Städtenamen oder Namen der Orte beispielweise basieren auf einem Aborigine-Wort oder haben in einer der indigenen Sprachen eine Bedeutung.


Darwin

Cairns

Derby Broome Tennant Creek Port Hedland

Mount Isa

Northern Territory

Mackay Alice Springs

Learmonth

Gladstone

Queensland Western Australia

Carnarvon

A U S T R A L I A

Brisbane

South Australia

Geraldton

Kalgoorlie

Cook Port Augusta

g lin Broken Dar Hill

Bourke New South Wales

Perth Port Lincoln

Adelaide Victoria

Sprachregionen der Aborigines Australiens. (The Encyclopaedia of Aboriginal Australia, 1994)

Sydney

Canberra Melbourne

Tasmania

Hobart

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dyin* mula* guwing* yanada* garrigarrang marrart djet gawura* kerl minangal birak burnur makudu dyalgala* bunya* wurabata*

Frau Mann Sonne Mond Meer Nacht Vogel Wal Bumerang Frühling Sommer Herbst Winter Umarmung Kuss Ärger

Quelle:  *Rocks Discovery Centre, Sydney; aus der Sprache der »Eora/Darung costal language«, Cadigal People; »A Beginner’s Guide to Australian Aboriginal Words«, R. Lewis; aus der Sprache der »Pama-Nyngan language group«


alda bamboo puller birrik born country

business time gin talk

all the time didjeridoo player spirit an Aborigine’s place of origin ceremony time aboriginal language

kangroo marry living together language name aboriginal name learnem teacher migloo a european rubbish place untouchable place where someone has recently died

sundown way sunrise way

west east

Quelle:  »A Beginner’s Guide to Australian Aboriginal Words«, R. Lewis; aus Pidgin


»This land is the home of the Dreamtime.« Oodgeroo Noonuccal, Aboriginal writer


Totems und Traumzeit – Glaubensvorstellungen der Aborigines Tjukurrpa, jukurrpa, tjurgurba, altjeringa, alche­­ringa, alchera, aldjerinya, palaneri, ­bugare­ga­ra, ngaragani, ungud, wongar, burarri – all das sind Aborigines-Wörter zur Beschreibung ihrer Reli­gion. Eine genaue Rechtschreibung gibt es nicht, da diese Wörter nie von den Eingeborenen aufgeschrieben wurden. Bei uns ist der Begriff »Dreamtime« oder »Dreaming« in den Sprachgebrauch eingegangen, welcher die Religion der indigenen Menschen benennt. Dies ist zwar keine direkte Übersetzung eines der Begriffe der Aborigines, jedoch mittlerweile sehr verbreitet. Es gab kein Lebensbereich, weder Flora noch Fauna, der nicht mit »Traumzeit« zu tun hatte. In vielen Jahrtausenden wuchs die Verbundenheit der Aborigines mit ihrem Land. Die Glaubensvorstellungen entstanden mit der Zeit, und mit ihnen auch Riten und Gebräuche. Die Traumzeit besagt, dass alles auf der Welt in Verbindung steht: Menschen, Tiere, Pflanzen, Felsen – alles. Es gab keinen Unterschied zwischen Tier, Mensch und spirituellem Wesen, da alle einen gemeinsamen Geist besaßen. Diese spirituellen Wesen, auch Totems genannt, zogen damals durch das Land und schufen durch ihren Gesang Berge, Felsen, Flüsse, Pflanzen, Tiere und Wasserlöcher. So entstanden die gesungenen Songlines (Deutsch: Traumpfade), die gleichzeitig die Grenzen der einzelnen Stämme sind. Diese Traumpfade haben noch heute eine große Bedeutung für die Eingeborenen. Man konnte sich die Songlines borgen, tauschen, verleihen, aber nie loswerden, denn sie werden wie ein Stück Land geerbt. Die

Aborigines glauben daran, dass die Totems ihnen das Stück Land anvertraut haben, damit sie auf das Land aufpassen. Sie verstehen sich nicht als Besitzer des Landes, sondern als Hüter dessen. Die Landbindung der Aborigines sitzt tiefer als bei den Europäern. So werden bei der Geburt dem Kind die Pflichten für das Land übertragen, die ihm später durch die Initiation erklärt werden. Es gab keine Konflikte, die das Land betrafen, so wie man diese von den amerikanischen Indianern und den Völkern Afrikas und natürlich aus Europa kennt. Das Land der anderen wurde respektiert. Das »Fremde Land« wurde nur mit vorher eingeholter Erlaubnis oder zum gemeinsamen Jagen betreten. Das Land hielt die Menschen zusammen. Zauber und Magie waren ein Teil des Glaubens der Aborigines. Die Magie diente dazu, Kranke zu heilen und Kriminelle zu bestrafen. Teilweise wird noch heute darüber abgestimmt, ob ein Verbrecher nach »weißem« oder nach Stammesgesetz bestraft wird. Wissend, dass bestimmte Stämme ihre eigenen Strafen aussprechen, wird dieses Verfahren von »weißen« Gerichten zum Teil geduldet und es werden infolge dessen mildere Strafen ausgesprochen. Die Geschichten der Traumzeit wurden von Generation zur Generation weitergegeben. Manche Geschichten wurden mit Nachbarstämmen geteilt, sich inhaltlich überschneidende Geschichten wurden mit jeweils anderen Geschichten verknüpft. In einer Art und Weise, dass Traumzeit-Geschichten eine Kette miteinander verbundener kleiner Geschichten schufen.

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Die Geschichten sind lokal miteinander verknüpft, und jeder Stamm kennt nur sein »Dreaming«. Es gibt keinen Stamm, der ein Gesamtbild hat. Die »Dreamings« der anderen wurden respektiert, die Religion anderer Stämme wurde nie in Frage gestellt. Dieses Wissen wurde ein Teil des sozialen Gedächtnisses und war nur für jene zugänglich, die ein Recht darauf hatten. Dieses Wissen war nicht nur zwischen den Stämmen, sondern auch in der Gruppe selbst verteilt. So gab es für jeden Bereich einen Wissensträger. Dies führte aber nicht zu einer höheren Stellung innerhalb des Stammes, sondern blieb funktioneller Art. Ebenfalls teilte sich das Wissen in geschlechtsspezifisches Wissen auf, besser bekannt unter »men’s« und »women’s business«. Berühmt sind ebenfalls die Tänze der Aborigines. Sie erzählen auf pantomimische Art die Geschichten der Traumzeit. Begleitet wurden die Tänze mit religiösen Gesängen und traditioneller Musik, mittels Holzstöcke, aufeinander schlagenden Bumerangs und Didgeridoos. Totemismus ist ein weiterer Ausdruck der Religion. Die Totem stellen Beziehungen zwischen Gruppen her. Wer beispielsweise ein Känguru als Totem hat, wird dieses Tier nie essen oder jagen. Totems schaffen Bindungen, die über das Verwandtschaftliche hinausgehen. Die Traumzeit ist nicht zeitabhängig, es gibt keine Vergangenheit oder Zukunft, alles ist eins. Nach dem Tod kehrt der Geist in die Traumzeit zurück, um dann als Fels, Tier oder Mensch wiederzuerscheinen. Die Form ist unwichtig, denn der Geist ist eins.

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Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man seitens des modernen Australiens die Existenz einer Aborigine-Religion bezweifelt und sie anschließend als Geisterglaube oder Heidentum abgetan. Die Missionare haben versucht, die Ureinwohner zum christlichem Glauben zu bekehren. Vielen gelang es. Keiner hatte jedoch angenommen, dass viele Aborigines die beiden Glauben miteinander vereinen würden. Charlesworth hält die Unterschiede für zu groß, als dass die Grundsätze der einen Religion in den Kontext der anderen übersetzt werden könnten: »Es gäbe zwei Visionen australischer Religion oder Spiritualität, die miteinander unverträglich seien«. (Rein physikalisch kann die Hummel nicht fliegen, denn das Verhältnis aus Flügelfläche und Gewicht ist zu gering. Gut, dass das die Hummel nicht weiß.) Der Welt-Jugendtag, der 2008 in Sydney stattfand, zeigte das Gegenteil. Es gibt viele gläubige Aborigines, die ihre beiden Religionen leben, gar vereinen. Der indigene Künstler Richard Campbell stellt seit Jahren religiöse Kunst her, die in Aborigine-Art gemalt ist. Seine Arbeiten wurden zum Welt-Jugendtag 2008 vor 225.000 Pilgern ausgestellt. 22 % der Bevölkerung Australiens sind katholisch, 2 % davon sind Aborigines.


Once, long ago, two separate Aborigina groups, the Woma and the Kunia, lived together in the desert area of Central Australia, near the mighty rock of Uluru. They lived peacefully in the same area, sharing their food and whatever water was available, and giving each other support. There came a time, however, when the Kunia people longed for a campsite of their own. They still felt friendly towards the peaceful Woma people, but more than anything else they felt the need to have a place which was solely their own. After much discussion by the elders, the Kunia decided to move from the desert plains to a rocky area not too far distant. »We like the rocks and boulders«, they explained to the Woma. »If we make our camp among them they will give us shelter.«So they made their new camp, right at the base of Uluru. It was the hard life they had chosen, for throught there were springs of water nearby, food was not always so easy to gather. But this did not daunt them. With hard work and skill they managed to maintain a good living, and for some years they were content, pleased with their decision to be independent. One day, however, a party of men came from the west. Unlike the Kunia and the Woma they were fierce warriors, and without warning they set upon the Kunia and killed them. Next day a Womaman came to visit his old friends. Instead of a cheerful welcome he found a silent camp with all its people lying slaughtered. He was overcome with grief and fear. So distraught was he that his ancestor spirits felt they should change him. Suddenly he became a small snake. The snake, still very disturbed, quickly slipped away to hide behind a pile of rocks. Shocked and saddened by the violent deaths of the gentle Kunia, the ever-watchful ancestor spirits did not think it right that their bodies should be left untended and unburied. They changed each one into a smooth-edged stone. These stones they left there, clustered pathetically together. Just as the Kunia people had been when they died, adults and young children, so some of the stones were large and some small, and they have lain untouched since that time. There is a kind of small snake that lives, and will only live, in the red sandhills of the Central Australian desert. To this day that kind of snake nervously hides behind rocks and crevices, just like the grief-stricken Woma man who became the first of them. As the tourists to Uluru look around the area nowadays, some say they sense a deep aura of sadness among the silent Kunia rocks. Anyone who knows this story can understand why it shold be so.

»The Kunia Rocks«


In the early days of the Dreaming there lived a great artist called Marwai. Before him there was little in the way of art, and little variety of colour. What painting there was usually got washed away in the first rain or blown away in the first big wind. It was Marwai who learnt to mix all six of the principal colours still used in Traditional art, by crushing or grinding different substances and mixing them with water or with oil from melted animal fat. His paints were not only striking in colour, they also lasted well on rock or bark regardless of the weather and the passing of jears. From the ochres of the rocks and earth – varios mixtures of iron, lime and clay – he made red, yellow and brown paints. From lime obtained by crushing gypsum rock he created white. Black he made from charcoal. And he derived greyblue by mixing ash from the fire with oil. Marwai did not hoard his skills for himself and his group. He travelled from place to place, showing everyone, who was interested how to make paints and how to use them to produce effective pictures. He shared his own precision and skill, how to paint figures in many different styles, and how to make symbolic patterns which could pass on a message to those who knew the secret. Travelling was no easier for Marwai than for anyone else. Often he had to shelter from bad weather or from danger. He did not waste that time, though: in rock crevices and caves he painted picture stories for those who came later to enjoy and discuss. With his wonderful paintings to guide them, the artists of all the Aborigials groups began to use the ways of expressing their believes. Painting became an integral part sacred ritual for ever after, with Marwai’s teacjings passed down from generation to generation. Art became an absorbing and expressive part of group life. The Traditional people drew pictures in coloured sands, and in the ordinary sand und dust. They painted them on bark, on trees, on their tools and weapons and on flat rock surfaces. They chipped them into moss-covered areas and carved them into timber and slabs of sandstone. They painted their own bodies in intricately coloured patterns, and created collages by adding feathers, fur and other natural objects. Much of this artwork, especially that which was meant to be permanent, cannot be easily understood by uninitiated people. The meaning is deeply sacred, and there were rituals involved in producing the painting itself. There are some works of art, however, which simply illustrate an entertaining story or record a historical event, and anyone can be told about and enjoy these. It is said that the spirit of Marwai has hovered above each new generation of Aboriginal artists, guiding them. Even in very recent times some Aboriginal artists who have become well-known, like Yiravala, have said publicly that their skill and artisty is derived from the ancestor artist Marwai. The National Art Gallery in Canberra holds in trust a number of Yarawala’s paintings, including several portraits of Marwai.

»The Master Artist«, Arnhem Land 36

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»When I paint I feel like I’m in the Dreamtime, and can see all the animals and birds... And it keeps me off the streets and out of trouble.«

Trevor Brown, Latji Latji man and Aboriginal artist


Traditionelle Formen der Kunst – Malerei, Geschichten, Musik und Tanz – sowie deren Rezeption im heutigen Australien Die ersten Assoziationen vieler Menschen, wenn es um die Kunst der Aborigines geht, ist die Malerei, genauer gesagt die vielen Acrylbilder, die man in Australien nicht übersehen kann. Indigene Kunst ist aber viel mehr. Angeblich gibt es keinen Begriff »Kunst« in der Sprache der Aborigines, denn jede Form der Kunst, sei es Tanz, Musik oder Malerei, gehört zum wesentlichen Bestandteil des Lebens jeden indigenen Menschens. Eine frühe Form der Kunst war die Malerei. Auf Fels, Sand, und Körper praktiziert, als visuelle Verstärkung der Story-Tellings. Diese Kunst ist teilweise bis heute erhalten. Die alte Kunstform der Felsenmalerei ist beeindruckend und war bis in die Kolonialzeit lebendig. Gemalt wurde mit gelber und roter Ockererde, schwarzem Holzkohlenstaub und weißer Tonerde. Viele dieser Felsbilder werden noch heute in jährlichen rituellen Handlungen erneuert. Die ersten Wandjina-Figuren wurden 1837 von Sir George Grey in Kimberley entdeckt. Da aber die Aborigine-Kunst für primitiv gehalten worden war, hielt er es für ausgeschlossen, dass diese von den Aborigines stammen könnten. Die Aborigines selbst hielten sie für das Werk der Schöpfungswesen. Die moderne Kunst der Aborigines entstand im späten 19. Jahrhundert. Anthropologen und Ethnologen, die in den 1930er Jahren verschiedene Forschungsreisen in Australien unternahmen, ermunterten die Aborigines, ihre Traumzeitgeschichten auf Papier zu bringen. So kam es dazu, dass indigene Leute mit Wasserfarben und Stiften ihre Geschichten erzählten. Die

Idee war so erfolgreich, dass mehrere Malschulen entstanden, die aber alle vor einem Problem standen: wie können Geschichten visualisiert werden, ohne dass diese sprahlich zugänglich waren. Denn es handelte sich schließlich um geheime religiösen Geschichten. Die Lösung kam aus der traditionellen Körperbemalung – Punktemalerei, und erschien der Kunstwelt als abstrakt und primitiv. Sie war aber vergleichbar mit der europäischen Kunst der 1930er Jahre. Die Visualisierung der Dreamtime-Geschichten ist also nicht-darstellend, narrativ und nutzt eine Symbolik, die abhängig von der Malschule typisch geworden ist. Wie bereits erwähnt, sind die meisten Bilder eine visuelle Darstellung der Traumzeitgeschichten. Typisch ist die Darstellung von Tieren, Geistern und Jagdszenen. Die Symbiose beider Religionen, die für viele Aborigines selbstverständlich geworden ist, führte zu einem neuen Stil, welcher im Kapitel »Religion« bereits erläutert wurde: christliche Geschichten und Heilige werden in indigenem Stil dargestellt, was die Werke zugleich einzigartig und eigenständig macht. Die Sandmalerei ist nur von kurzer Dauer, meist für die Visualisierung der Traumzeitgeschichten oder für aus einem anderen religiösen Zweck geschaffene Kunst. In der Regel ist sie geheim. Gefühle und Erlebnisse drücken Aborigines oftmals durch Musik und Tanz aus. Das wohl bekannteste Instrument ist das Didgeridoo, aber auch Klanghölzer, Bumerang und Trommel wurden zum Musizieren eingesetzt. Die Geschichten der Traumzeit wurden oft durch Gesang weitervermittelt.

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Heute gibt es viele berühmte Theatertruppen, die besonders die Vergangenheit der Aborigines aufarbeiten und durch die Vorstellungen deren Geschichte näher an die australische Gesellschaft bringen. Zunehmend greifen Theaterstücke, Filme und Romane das Thema »Stolen Generation« auf. Abgesehen von vielen touristischen Veranstaltungen gibt es eine Fülle an nennenswerten Events und Festivals, innerhalb derer die Aborigines ihre Kunst ausleben und präsentieren. Auch die Filmbranche hat die Aborigines für sich entdeckt. Viele Filme entstanden in der letzten Jahrzehnten. Abgesehen von vielen Dokumentarfil-

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men, gibt es unzählige Spielfilme mit und über die Ureinwohner Australiens, wie z.B. »Rabbit-Proof Fence« (deutscher TV-Alternativtitel: Der lange Weg nach Hause), ein Filmdrama aus dem Jahr 2002, das auf dem Buch »Follow the rabbit-proof fence« von Doris Pilkington basiert, die auch am Drehbuch mitwirkte. Der mehrfach preisgekrönte Film des australischen Regisseurs Phillip Noyce beschreibt die Flucht zweier Schwestern und ihrer Cousine aus einem staatlichen Erziehungsheim und ihre anschließende wochenlange und strapaziöse Wanderung entlang des Rabbit-Proof Fence.


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1 Dikarr (Fliegenfisch) 2 Mobolo (Barracuda) 3 Yalurr (Seeschlange) 4 Zwei tanzende Männer 5 In der Sandskulptur gebildeter Reinigungguß für die Totenbräuche 6 Sänger mit den Klanghölzern 7 Didgeridoospieler 8 Goyulan (Morgendlicher Nordstern in seiner ersten Phase am frühen Morgen und seiner zweiten Phase: am späten Morgen) 9 Phase 2 10 Phase 1 11 Bondog (Speerwerfer) 12 Galpi (Speer) 13 Wurragulama (Grüne Schildkröte) 14 Mundun (Schildkrötenseil) 15 Lipalipa (Einbaum) 16 Ein Geistlicher beim Jagen der Schildkröte 17 Bidjei (Paddel) 18 Larreidja (Sägerochen) 19 Larreidjidji (Die Hülle des Sägerochens, dargestellt als Goyulan, hohler hölzerner Sarg) 20 Goyulan mipul‘indjirra (das Auge des Morgensterns)


Zeichen und Ikonographie der Aborigines in der non-indigenen Kommunikationswelt Die Kultur der Aborigines wird in Australien seit einiger Zeit als Multi-Millionen-Dollar-Industrie erkannt und betrieben. An jeder Ecke kann man Bumerangs und Didgeridoos aus billiger Massenproduktion und traditionelle Malereien erwerben. Das durch Geschäft mit der Kultur der Aborigines erworbene Geld geht in Unternehmen, mit denen sie nichts zu tun haben. Die meisten Touristen bekommen keinen Eindruck von den Lebensverhältnissen der Aborigines und ihrer schlechten medizinischen Versorgung. Was man als Tourist erlebt, sind die verschiedene Show-Vorführungen mit traditionellen Tänzen zu Didgeridoo-Musik. Beliebt sind auch die malenden Frauen, die wie im Zoo für die Besucher ausgestellt sind. Seit Ankunft der Siedler leben die Ureinwohner neben der Gesellschaft her. Kostspielige Regierungsprogramme, dies zu ändern, scheiterten oft und machten die Aborigines zu einer Gemeinschaft mit den Problemen ähnlich der Menschen in der Dritten Welt, inmitten eines der reichsten Länder der Welt.

Da die Aborigines immer noch als etwas Exoti­ sches betrachtet werden, wird oft nicht nur durch ihre Zeichen und ihre Kultur geworben, sondern auch mit Abbildungen von ihnen. So ist z.B. die Tür der Stadtbibliothek in Sydney mit Tafeln verziert, auf denen die Aborigines in verschiedenen Situationen als Jäger und Sammler abgebildet sind. Auf dem folgendem Blatt kann man ein paar Ausschnitte davon sehen. Im Folgenden betrachte ich verschiedene Zeichen der Aborigines, die die australische oder auch außer-ozeanische Kultur bereichern und beleuchte wieviel sie tatsächlich mit den Zeichen der Aborigines gemein haben.

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Qantas Qantas Airways ist die größte australische Fluggesellschaft. Die Queensland and Northern Territory Aerial Services (QANTAS) wurde am 16. November 1920 in Winton gegründet. Zunächst flog die Linie nur regional, ab 1934 nahm Qantas den internationalen Flugverkehr nach Singapur auf. Im 1945 flog die Linie zum ersten Mal nach London. Dies war zugleich die erste bemerkenswerte internationale Route. Qantas verwendet in ihrer Kommunikation Aborigine-Zeichen. So gibt es z.B. drei QantasFlugzeuge, die mit Aborigine-Kunst bemalt sind: »Wunala Dreaming«, bemalt seit 1994 »Nalanji Dreaming« bemalt seit 1995 zum 75-jährigen Jubiläum der Airline »Yananyi Dreaming«

Das Balarinji Design-Studio lieferte den Textilentwurf »Wirriyarra«. Die Firma Balarinji stellte ebenfalls das Flugzeugdesign her. Der »Wirriyarra« Entwurf wurde in drei Farben hergestellt – Dämmerung (für Qantas Flugbegleiter), Ocker (für QantasLink Flugbegleiter) und Opal (für Flughafen und Bodenpersonal). Weibliches Personal trägt ein bedrucktes Kleid oder einen bedruckten Schal und eine Anstecktuch, Männer tragen eine Kravatte und ein Anstecktuch aus demselben Stoff, wie man auf dem Bild gut erkennen kann. Das freundliche Personal musste ich für ein Foto nicht lange bitten. Qantas sponsort einige Ausstellungen der Aborigines und unterstützt viele Events und Veranstaltungen.

Auch die Qantas Uniformen, die vom australischen Modedesigner Peter Morrissey entworfen und 2003 eingeführt wurden, sind mit Aborigine-Muster versehen.

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Australian Homemade Die Marke »Australian Homemade« ist bekannt für ihre leckeren sowie teuren Eiscremes, Schoko­ladenartikel und Kaffeesorten. Als Teil ihrer Mission versteht die Firma ihre Produke als »ausschließlich aus natürlichen Zutaten ohne Zusatz von künstlichen Farb-, Duft- oder Geschmacksstoffen hergestellt«.* Ihren Ursprung hatte die Firma durch den Belgier Frederick van Isacker, der den ersten »australischen« Laden in 1989 in Knokke, Belgien, eröffnete. Angeblich hat seine Tante 1972 angefangen, das Eis selbst herzustellen, da es ihr aufgrund der großen Entfernung zur nächsten Stadt unmöglich war, Eis zu kaufen. Ihr Rezept soll der Belgier übernommen haben. 1995 wurden die ersten Filialen in Den Bosch und Breda

Nach Eingenangabe: www.australianhomemade.com

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in den Niederlanden eröffnet. Zwei Jahre später wurde erstmals die Schokolade von Australian Homemade präsentiert. In einem kleinen Atelier am Kostverlorenkade in Amsterdam beginnt die Herstellung von »Dreamers«, selbstgemachten Pralinen mit Aborigine-Zeichen. In den Niederlanden gibt es inzwischen bereits 23 Filialen, weltweit 77 Australian Homemade Shops, davon befinden sich fünf in Deutschland. Weder die Entstehung der Firma, geschweige denn die Schokolade selbst hat etwas mit den Zeichen der Aborigines, mit den Ureinwohnern Australiens nichts zu tun. Es ist ledigich eine Verkaufsstrategie, in der Storytellig eine wichtige Rolle spielt.


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Wie man sieht, ist nicht jedes Zeichen, das ursprünglich von einem Aborigine-Volk stammt, auch tatsächlich auf seine Wurzeln zurück zu führen. Wie sonst im Leben kopieren Menschen Menschen. Während eines Aborigine-Walkabout (einer Führung durch die heiligen Stätte der Ureinwohner), an dem ich teilgenommen habe, wurde der Führer gefragt, ob er ein Problem damit hätte, dass viele Aborigine-Boomerangs, Didgeridoo und ähnliche bei Touristen beliebte Mitbringsel in China, Taiwan und weiteren Asia­tischen Nachbarländer hergestellt werden. Er antwortete darauf, dass er damit kein Problem hätte, und das lediglich kopiert werden würde, wie auch seit Jahrtausenden Menschen

voneinander lernen würden. Das Problem sähe er hingegen darin, dass es unter AborigineNamen verkauft würde und das Volk selbst davon nichts hätte. Die Entwicklung in den letzten Jahren ist in die Richtung gegangen, »die echten« Aborigine-Produkte durch ein Etikett von den Fälschungen zu unterscheiden. Auf dem Etikett wird auch der Künstler vorgestellt mit Namen, einer Kurzbiografie und Foto. Doch wer kann garantieren, dass diese Etiketten echt sind? Wenn man sicher gehen möchte, dass von dem bezahltem Geld auch der Künstler etwas haben wird, kauft man am besten in keinem Souvenirshop, sondern z.B. in Sydney in einem Outback-Centre. Dort gibt es noch Didgeridoo


und Boomerangs, die tatsächlich von den Aborigines hergestellt wurden. Man zahlt zwar etwas mehr als in einem Souvenirshop, dafür kann man aber sicher gehen, das der Erlös einer der vielen Gemeinden der Ureinwohner zugute kommt. Outback-Centre ist nicht nur ein Konsumcenter, dort kann man täglich eine Didgeridoo-Show anschauen, der Eintritt ist frei. Von einem Aborigine werden nicht nur die Künste des Spielens vorgeführt. Man erfährt über das Entstehen des beliebten Musikinstruments, seiner Bedeutung für das Urvolk, die Techniken, Tipps und Erklärungen zum Spielen. Spielerisch und witzig, ohne Groll auf die Vergangenheit, aber auch ohne versteckte Tatsachen, wird in Kürze

die Geschichte der Aborigines erzählt. So, dass Jeder, Erwachsene und Kinder gleichermassen von dieser Show etwas mitnehmen kann. Auch wenn die Problematik des Zusammenlebens zwischen den Siedlern, ihren Nachfolgern, und den Ureinwohner oft in den Medien thematisiert wird, ist es eine andere Seite derMedaille, dass die Kultur der Aborigines papulär gnutzt wird. Bewusst beobachtet lassen sich viele Beispiele dieser Nutzen finden. Einige davon habe ich beschrieben.

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Australische Wörter, die auf eine der Sprachen der Aborigines zurückführen oder von ihnen abstammen Als die Siedler nach Australien kamen, waren viele Aboriginesprachen bereits seit Tausenden von Jahren im ganzen Land verbreitet. Viele Gruppen haben die Ortschaften, in denen sie wohnten schon benannt. Mit den neuen Siedlern kamen neue Namen der Regionen, oft ignorierend, dass die Orte bereits von den Ureinwohner mit Namen versehen worden waren. Zudem haben die Siedler die Landschaften nicht so gut gekannt wie die Aborigines, denen jeder Stein und Felsen der Heimatregion vertraut und bekannt war. Durch ihre Traumzeitgeschichten wurden die Landschaften, so wie jedes Lebewesen in der Region in das tägliche Leben miteinbezogen. So waren es eben nicht nur die Namen der Orte, die die Aborigines schufen, sondern in jedem Ort steckte eine Geschichte dahinter.

Wie schon erwähnt haben viele Wörter aus den Sprachen der Aborigines Eingang in den australischen Alltag gefunden. Einige werden wieder entdeckt, so wie der »rote Berg mitten im Nichts« wieder Uluru und nicht mehr Ayers Rock heißt. Aber nicht nur Ortsnamen haben es in den australischen alltag geschafft. Einige Wörter sind uns sehr bekannt und werden weltweit verwendet. Ihren Ursprung verdanken sie den Menschen, die vor Tausenden von Jahren bereits auf dem weitem Kontinent Australia lebten. Ich werde vier Beispiele ausführlicher betrachten und auf ihre Bedeutung eingehen.

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Bondi Bondi Beach ist einer der berühmtesten Strände Australiens, einer der bekanntesten Surfparadiese der Welt und gehört zur australischen Metropole Sydney. Der Strand ist etwa 1 km lang und geht in andere Strände Sydneys über. Bondi Beach ist nicht nur ein Badestrand, sondern ein kultureller Treffpunkt. So findet jährlich ein 14 Kilometer langer City-to-Surf Lauf mit zuletzt über 63.000 Teilnehmern statt. Im Januar findet der Kurzfilmfestival am Strand statt und im November erlebt man eine OpenAir Ausstellung »Sculpture by the Sea«. Im Olympia-Jahr 2.000 fanden hier die Beachvolleyball-Wettbewerbe statt. So wie viele Orte in Australien verdankt der berühmte Strand seinen Name den lokalen Aborigines. Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort »boondi« – »Geräusche entstanden durch die Seewelle, die auf dem Strand bricht«. So wartet auch heute noch der Eine oder Andere auf eine gute Welle.

Wie vielen Touristen, denen der Strand als Weihnachtsziel im australischen Sommer dient, der Ursprung des Namens bekannt ist, ist nicht klar. Für alle, die sich tiefer in die Geschichte eintauchen möchten, bietet der Strand nicht nur eine schöne Liegefläche oder eine tolle Spaziergangpromenade. Aufmerksame Spaziergänger finden hier und da ein Zeichen der Vergangenheit: Felsgravuren. Auch wenn viele durch die Bauarbeiten des Weges oder durch die Witterung zerstört worden sind, gibt es hier und da eine Schildkröte, einen Wal oder mehrere Fische als Felsgravur zu bestaunen.

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Canberra Canberra ist die Hauptstadt Australiens. Sie ist etwa 300 km von Sydney und 650 km von Melbourne entfernt. Canberra ist eine Planhauptstadt und wurde 1908 aufgrund der Rivalität zwischen Melbourne und Sydney zur Hauptstadt bestimmt. Als ich zum ersten Mal die Hauptstadt Australiens besuchte, war ich enttäuscht. Sie ist architektonisch sehr durchdacht, aber leider ist es eine Stadt ohne eigenen Charakter und ohne Charme. Nach einem internationalen Städtebauwettbewerb wurde der Entwurf des US-amerikanischen Architekten Walter Burley Griffin von der australischen Regierung gewählt. Die Bauarbeiten begannen im Jahr 1913, den Status als Hauptstadt erhielt Canberra am 9. Mai 1927. Vor der europäischen Besiedlung lebten auf dem Gebiet des späteren Australian Capital Territory (ACT) die Aborigine-Stämme der Ngunnawal und der Walgalu. Die Ngarigo lebten südöstlich davon, die Gundungurra im Norden, die Yuin an der Küste und die Wiradjuri im Westen. Mit archäologischen Grabungen am Birrigai-Felsdach im Tidbinbilla-Naturreservat konnte nachgewiesen werden, dass die Gegend seit mindestens 21.000 Jahren besiedelt ist.

Im Jahr 2006 zählte Canberra 332.798 Einwohner. Die Volkszählung 2001 ergab, dass 1,2 % der Bevölkerung Aborigines oder Torres-StraitInsulaner sind und 26,8 % der Bewohner außerhalb Australiens geboren wurden.* Die Südspitze der Acton-Halbinsel am See ist Standort des National Museum of Australia, das mit seiner gewagten, futuristisch anmutenden Architektur auffällt. Meiner Meinung nach das Schönste und interessanteste an Canberra. Wenn man sonst in Australien die Aborigine-Geschichte nicht gerne in den Vordergrund stellt, ist sie hier so präsent, dass ich ihr so nah wie nie zukommen schien. Auch Canberra verdankt ihren Name den lokalen Aborigines, die die Region um die Stadt herum »Kamberra« nannten. Das Wort wird mit »Treffpunkt« übersetzt. Die Siedler haben die Aussprache übernommen, 75 Jahre vor der Gründung der Stadt hieß die Ortschaft »Canbra«.

Australian Bureau of Statistics – Basisdaten der Volkszählung 2001

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Billabong Wer kennt nicht die Billabong-Marke? Neben coolen jugendlichen Klamotten werden tolle Bikinis, Skater- und mittlerweile Snowboardkleidung angeboten. Das Alter der Zielgruppe liegt zwischen 12 und 20 Jahren. Ihren Ursprung verdankt die Firma Gordon Merchant, der 1973 nach jahrelangem Surfen sich der Herstellung vom Surfbrettern an der Gold Coast Australiens widmet. Die ersten Anfertigungen führte er auf seinem Küchentisch aus und verkaufte die ersten Bretter an die lokale Shops. In den 1980ern wird Billabong international und verkauft sich in Kalifornien, Japan, Neuseeland und schließlich auch in Europa. Wer denkt da schon an Aborignes? Aber genau in einer ihrer Sprachen hat der Markename seinen Ursprung. Denn Billabong bedeutet

nichts anderes als »Wasserkörper«, wie beispielsweise ein versickernder Flussarm oder ein Wasserloch in einem Flusslauf, der sich in der Regenzeit mit Wasser füllt und während der Trockenzeit mehr oder minder stark austrocknet. Da ein Billabong meistens nur eine von wenigen Wasserquellen in der näheren Region ist und oft länger Wasser führt als der Wasserlauf selbst, wird dieser von Mensch und Tier gleichermaßen stark besucht. Oft hat das Gewässer für die Aborigines eine spirituelle Bedeutung. Genau so eine Bedeutung muss das Wasser für Gordon Merchant gehabt haben. Treffender konnte man den Firmennamen nicht frstlegen. Es ist eine gelungene Mischung zwischen Markenstrategie und Namensgebung.

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Koala Der kuschelige Koala ist neben dem Känguru das am weitesten verbreitete Symbol Australiens. Der baumbewohnende Beutelsäuger ernährt sich fast ausschließlich von den Blättern ganz bestimmter Eukalyptusarten. In ganz Australien gibt es etwa 500 Eukalyptusarten, aber nur 70 von ihnen werden von Koalas gegessen. Um Energie zu sparen, schlafen sie bis zu 20 Stunden am Tag. Ursprünglich waren Koalas in Australien weit verbreitet, wegen ihres schönen silbergrauen Fells wurden sie aber unkontrolliert gejagt und in manchen Regionen fast ausgerottet. So hat z.B. Tasmanien gar keine Koalas mehr, während Kangaroo Island ein Reservat errichtet hat. Hier waren ursprünglich keine Koalas beheimatet.

Das Wort Koala stammt ebenfalls aus einer der vielen Aborigine-Sprachen und wird gewöhnlich mit »trinkt nicht« übersetzt. Andere Namen der Aborigines für das Tier sind: Kallwein, Kuhlewong, Kolo, Kola, Kuhla, Kaola, Karbor, Burabie und Goribun. Es gibt einige Traumzeitgeschichten über den Koala, die seine besondere Anatomie erklären. Nicht selten war ein Koala ein Totem der Gruppe und wurde als Teil der Traumzeit betrachtet. Vor denjenigen, denen der Koala heilig war, war dieses Tier sicher. Alle anderen durften das Tier jagen.Die Aborigines jagten Koalas wegen ihres Fleisches und ihres Fells.

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Weitere Beispiele Die meisten Aborigine -Wörter klangen für die englischsprachigen Siedler sehr ungewohnt und fremd. Auch wenn es viele Ortsnamen in den australischen Alltag geschafft haben, sind sie oft nicht unverändert übernommen worden. Da die Aborigines keine Schrift kannten, wurden die Worte nach ihrer Aussprache aufgeschrieben. Hinzu kommt, dass es mehrer Sprachengruppen in einer Region gab, deren Dialekte sich voneinander unterschieden und somit auch die Region mehrere Namen haben konnte. Ein anderer Faktor, den man beachten soll, ist, dass die früherer Siedler die Bezeichnung der Orte durch die Unterhaltung mit den Aborigines erfuhren. Wie schon erwähnt, war dies phonetisch basiert und die anglizistische Aussprache, wie auch evtl. falsches Hören führten zu den falschen Namen. Hinzu kommt noch, dass die Ausprache der Siedler die Aborigine belustigte und zu weiteren Missverständnissen führte. Besucher in Western Australia bemerken die vielen Ortsnamen, die auf -up enden, wie Joondalup, Nannup oder Manjimup. Das Suffix bedeutet in der Noongar-Sprache soviel wie »Ort von«. Der Name Ongerup z.B. heißt übersetzt »Ort des männlichen Kängurus«. Zu den Wörtern aus dem Noongar, die ins westaustralische Englisch oder ins Britische übernommen wurden, zählen der Name Kylie, was übersetzt Bumerang bedeutet, oder das Wort gidgie bzw. gidgee für »Speer«. Im Folgenden sind die Beispiele der Ortschaften in Austalien aufgeführt, deren Namen der Aborigine-Sprache entsprungen sind:

Anakie (VIC) Abgeleitet von dem traditionellen Namen »nganaki yawa«, welches »kleiner Felsen« bedeutet. Balgowlah (NSW) Ein Aborigine-Wort, welches »Nordhafen« bedeutet. Bonegilla (VIC) Abgeleitet von dem traditionellen Namen »nganaki yawa«, welches »kleine Inseln« bedeutet. Brindabella (ACT) Abgeleitet vom Aborigine-Wort mit Bedeutung »Zwei Kängururatten«. Ceduna (SA) Eine Verbindung zu einem lokalen AborigineWort »chedoona«, welches als »Rastplatz« übersetzt wird. Coober Pedy (SA) Eine Zusammensetzung von Aborigine-Wörtern. Das erste Wort steht für »Junge« (kann aber auch einen weißen Mann oder noch nicht initiierten jungen Mann beschreiben) und »Pedy«, was »Höhle« bedeutet. Zusammengesetzt werden die Wörter folgend übersetzt: »weißer Mann im Loch«. Wenn man bedenkt, dass Coober Pedy eine, wie sie sich selbst nennt, »OpalHauptstadt der Welt« ist, und durch den Gewinn


der Edelsteine tatsächlich durchlöchert ist, trifft die Bezeichnung den Nagel auf den Kopf.

Omeo (VIC) Von dem Aborigine-Wort für »Berge«.

Curl Curl (NSW) Stammt vom lokalen Wort »curial curial«, welches »Fluß des Lebens« bedeutet.

Taronga (NSW) Von dem Aborigine-Wort für »Meeresblick«.

Dimbulah (QLD) Aus der Sprache der Muluriji-Aborigines, bedeutet »lange Wasserhöhle«. Ettamogah (NSW) Das populäre Wort für »lass uns was trinken gehen«, was auf die Winzer in der Gegend zurückführen kann. Laanecoorie (VIC) Von zwei Aborigine -Wörter: »languy« – »Rastplatz« und »coorie« – »Kängru«

Wadderin (WA) Von dem Aborigine-Wort, welches »In der Nähne vom Felsen« bedeutet. Wahroonga (NSW) Von dem Aborigine-Wort, welches »Unser Zuhause« bedeutet. Yackandandah (VIC) Ist aus dem lokalen Aborgine-Wort »tackan« entstanden, was »Etwas Extraordinäres« bedeutet.

Molonglo (ACT) Aus der Aborigine-Sprache: »wie das Geräusch des Donners«. Nambucca (NSW) Von dem Wort »ngambugka«, welches in der Gumbaynggirr-Sprache »Zugang zum Wasser« bedeutet. Wahrscheinlich ist die Phrase »ngambaa baga-baga« bei den weißen Siedlern zum »Nambucca« geschrumpft.

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Australiens stärkstes Symbol und dessen Bedeutung für die Ureinwohner Wenn man in einer bekannten Internet-Suchmaschine »Känguru« eingibt, erreicht man innerhalb von 0,15 Sekunden 1.080.000 Einträge. Dabei steht an der ersten Stelle ein Stadtmagazin für Familien in Köln-Bonn, oder »Känguru der Mathematik e. V.«, gefolgt von »Mitfahrzentrale Känguru«. Die Popularität des Beuteltieres ist enorm. Kängurus kommen in Australien, Neuguinea und Tasmanien vor, was sie zum typischsten Vertreter der Fauna Australiens macht. Die genaue Herkunft des Namens ist unklar. Laut Legende verdankt das Tier seinen Namen einem Mißverständnis: auf die von den Briten gestellte Frage: »Was ist das für ein Tier?« soll ein Aborigine »Ich verstehe nicht« in seiner Sprache geantwortet haben. Eine andere Version besagt, dass alle Tiere und selbst große Schiffe der früheren Siedler von dem Stamm der Gwyeagal als »kangaroo« bezeichnet wurden. Wie dem auch sei, taucht das Wort ­»gang-oo-roo« schon 1898 auf und ist mittlerweile auch im »Australien National Dictionary« verzeichnet. Aborigines haben für die verschiedenen Arten von Kängurus mehrere Wörter. Nicht selten ist ein Känguru ein Totem des Stammes oder einer Gruppe. In den Mythen der Traumzeit gibt es ein »Great Kangaroo«, das, als die große Flut kam, dafür sorgte, dass die »animal people« das Wasser zurückhielten. Als das große Känguru dies erreicht hatte, spie es die Worte aus, die alle Menschen auf der Erde sprechen.

Wenn man ein Känguru nicht als Totem hatte und es somit Tabu war, waren die Tiere ein wichtiger Fleischlieferant. Sie wurden gejagt, das Fleisch wurde gegessen und ihre Haut verarbeitet. Es war aber keine Ausbeutung, denn die Ureinwohner jagten nur so viel, wie sie essen konnten. Außerdem betrieben die Aborigines die Brandrodung, was Flächen mit jungem Grün und dicht bewucherten Flächen bot und den Tieren damit Nahrung und Zufluchtsmöglichkeiten ermöglichte. Durch die Siedler haben sich die Umstände geändert. Das Tier wurde nicht nur unkontrolliert gejagt, auch die Umwandlung des traditionellen Lebensraumes in Weideland für Schafe und Rinder stellte eine Bedrohung des natürlichen Lebensraums des Kängurus dar. Die Riesenkängurus sind heute weit verbreitet und nicht gefährdet, wohl auch weil sie als »tierisches Wahrzeichen« Australiens spezielle Bedeutung haben. Im Folgenden gehe ich auf ein paar Beispiele ein, wie das Känguru als Symbol wahrgenommen und kommuniziert wird.

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Wappen Die wichtigste Aufgabe des Kängurus ist es wohl, Vertreter des Landes zu sein. Zusammen mit dem Emu ist das Känguru seit 7. Mai 1908 Wappentier Australiens. Die Schildhalter können sich beide nicht rückwärts fortbewegen. Dies soll den Fortschritt und die Vorwärtsgewandtheit Australiens unterstreichen. Zusammen mit dem damaligen Wahlspruch ­»Advance ­Australia« (Vorwärts, Australien) funktionierte diese Idee gut. Dass keiner dabei die Meinung der Aborigines hören wollte, brauche ich nicht zu erwähnen. Aber keiner hat auch mit einen Wiederstand gerechnet. So berichte viele deutsche Zeitungen über ihren Versuch, gegen die Regierung anzukämpfen.

»Aborigines wollen Copyright auf Kängurus« CANBERRA. Australische Ureinwohner wollen gegen das Nationalwappen des Landes vor Gericht ziehen. Die auf dem Wappen gezeigten Tiere, ein Känguru und ein Emu, seien traditionelle Symbole der Aborigines, heißt es in der Klageschrift. Indem sich die Regierung diese Tiere aneigne, verstoße sie gegen das Copyright. (AFP)« Quelle: Berliner Zeitung, 30.01.2002 Die Ureinwohner meinten, es sei wichtig für ihre Religion, diese heiligen Symbole zu besitzen. Doch diesen Prozess haben die Aborigines verloren und das Känguru darf weiterhin Landesvertreter bleiben.

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Logos Wie erwähnt, ist das Känguru ein sehr beliebtes Tier Australiens. Im In- sowie im Ausland wird es gleichermaßen im Logo oder als Repräsentant eines Events eingesetzt. Auf der nächsten Doppelseite gibt es Beispiele in Form von Fotos zu sehen, die ich noch gesondert erläutern werde. Eines der berühmtesten Beispielen ist die Australische Rugby-Union Nationalmannschaft »Wallabies«. Als Wallabies werden mehrere Arten aus der Familie der Kängurus bezeichnet, die wiederum die Nationaltiere des Landes darstellen. Wie im Namen, ist das Tier auch im Logo ist das Tier erwähnt und abgebildet. Ein anderes bekanntes Beispiel ist der Schuhhersteller KangaROOS. Auch hier ist das

Tier sowohl im Namen der Firma, wie auch im Logo zu finden. Seinen Namen verdankt die Firma Bob Gamm, der in den späten siebziger Jahren in den USA die Firma gründete. Der aktive Basketballer erfand die Schuhe mit der kleinen Tasche, in der sich beim Sport ideal kleine Utensilien oder auch Schlüssel verstauen lassen. Neben der einzigartigen kleinen Tasche, mit der alle Modelle ausgestattet sind, ist das Känguru-Logo der Sympathieträger und seit 1982 unverändert beibehaltenes Markenzeichen. Das Känguru ist nicht nur in unzähligen Logos vorhanden, sondern es steht auch als Wahrzeichen für das eine oder andere Event im Land, wie z.B. für die Floriade im Jahr 2007. Die Floriade ist ein


Blumen- und Unterhaltungsfestival, und findet alljährlich im Commonwealth Park in Canberra statt. Da das Thema diesmal »Aussie icons, myths and legends« hieß, durfte so eine Berühmtheit wie das Känguru nicht fehlen. Wie man sieht, ist das Känguru bekannt und beliebt. Da es mit einer wichtigen positiven Eigenschaft belegt ist, dass das Tier nur vorwärts laufen kann, steht es für Fortschritt und Zukunftsgewandheit. Durch sein kuscheliges Fell und die Bauchtasche wird mit dem Känguru auch Gemütlichkeit und Geborgenheit verbunden, was das Tier für weitere Zeichen interessant macht: Hotels nutzen es für ihre Sparte. Auch Reiseveranstalter finden das Tier nicht

uninteressant: da es sich durch Hüpfen fortbewegt und damit auch große Geschwindigkeit erreichen kann, werden Fäigkeiten wie »schnell« und »sicher« assoziert und das Gefühl »heute hier, morgen dort« vermittelt. Von den Beispielen auf der folgenden Seite hat nur ein Logo etwas mit den Aborigines zu tun: das Outback-Centre Logo. Von diesem Unternehmen habe ich bereits berichtet.

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Qantas Über die Fluggesellschaft wurde schon vorher berichtet. Doch nicht nur die Zeichen der Aborigines waren für die Qantas interessant, bereits viel früher wurde das Känguru als Signet eingesetzt. Als Wahrzeichen schlechthin steht das Känguru auch für die australische Fluggesellschaft. Das ursprüngliche Känguru-Symbol, das auf Qantas Flugzeugen erscheint, wurde der australischen Pennymünze angepasst. Dieser Entwurf wurde später ein Teil des Logos. Vom Sydney-Designer Gert Sellheim wurde dann das beflügelte Känguru-Logo entworfen. Es erschien zuerst im Januar 1947. Später wurde das beflügelte Känguru eingekreist und schließlich stellte Qantas ihr modernisiertes Firmenzeichen 1984 vor, das von Tony Lunn der Lunn Design-Gruppe, Sydney entworfen wurde. Das fliegende Känguru verlor seine Flügel noch einmal und wurde zu einer schlankeren, stilisierteren Darstellung verfeinert. Ein Firmenzeichen, entworfen für den­ 75. Jahrestag, wurde allen Qantas Düsenflugzeugen in 1995 hinzugefügt. Im Juli 2007 präsentierte Qantas sie erstmals ein Flugzeug mit dem neuen Logo auf dem Seitenleitwerk. Das Känguru wurde gegenüber der vorherigen Version leicht modifiziert und etwas schlanker und dynamischer gestaltet. Auch die Schriftart des Qantas-Schriftzugs wurde leicht verändert. In Australien traf die Veränderung auf geteiltes Echo, da es sich um die vierte Veränderung des Känguru-Logos seit seiner Einführung 1944 handelt. Es wurde von Hans Hulsbosch von der Agentur Hulsbosch Communikation entworfen.

Als ich nach Australien kam, war mein erster Eindruck, dass Qantas sich mit fremden Federn schmückt. Bei näherem Betrachten, oft sogar unbewusst, sah ich mehr und mehr auch die andere Seite der Medaille: Qantas unterstützt viele AborigineKünstler und ist oft ein Sponsor einen oder anderen Ausstellung. Qantas arbeitet mit Gemeinschaften der Ureinwohner zusammen. Als Australiens größte Fluggesellschaft und eine nationale Ikone, übernimmt Qantas die Mitverantwortung für das Handeln der Gesellschaft. Als wichtige Aufgabe begreift die Gesellschaft, Respekt gegenüber den Ureinwohner zu zeigen und ihre Andersartigkeit zu tolerieren. Für die Zukunft hat sich Qantas vorgenommen, eine Reihe der neuen Programme und der Initiativen mitzubegleiten, um die Aborigine-Gemeinschaften durch den Versöhnungs-Aktionsplan zu stützen. Dieser Plan hat als Ziel, die Ureinwohner und die non-indigenen Leute näher zusammen zu bringen und zu einer Nation zu verschmelzen. Dabei erkennt die Fluggesellschaft öffentlich an, dass die Ureinwohner eine einzigartige Position der ursprünglichen Heimathüter besitzen. Der Plan wurde im November 2007 von Generaldirektor Geoff Dixon gestartet. Außerdem fördert Qantas im Rahmen des Versöhnungs-Aktionsplan im Zeitraum von 2008 – 2010 weitere Künstler. Viele Filmemacher werden durch die Partnerschaft mit dem »Black Screen« unterstützt, der die Kurz- und Dokumentarfilme sendet, die von Aborigine-Filmemachern produziert werden.

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Währung Ein weiteres nennenswertes Beispiel ist die Abbildung des Kängurus auf den australischen Münzen. Die folgende Doppelseite zeigt nur einen Ausschnitt der (in der für die Geschichte kurzen Zeit) entstandenen Münzen. Kängurus in allen erdenklichen Posen wurden auf die Münzen geprägt: hüpfend, schwebend, trinkend, mit einem Joey, sich selbst in einem Spiegelbild betrachtend und sogar Seite an Seite mit einem Löwen. Diese Münze wurde von Mary Gillick in ihrem 71. Jahr in 1954 entworfen. Der Anlass war kein geringerer als der Besuch der Königin Elizabeth II, die im Februar 1954 das erste Mal Australien besuchte. Dies war eine besondere Ehre für Australien, da ein Regierungsmonarch zum ersten Mal überhaupt

Australien besucht hatte. Der ungewöhnliche Entwurf, der britische Löwe und das australische Känguru Schulter an Schulter stehend, symbolisiert in eine Richtung blickende Länder. Es ist keine Erwähnung eines königlichen Besuchs auf der Münze vorhanden. Münzensammler kritisieren, dass diese Information einem Zoozeichen gleichgesetzt wurde. Auf Seite 93 (oben) ist die erste mit AborigineKunst versehene Münze abgebildet. Diese Münze war die neunte aus der Reihe der KänguruMünzen, die auf 1 A$-Silbermünze abgebildet wurden. Die Reihe wurde im Jahr 1993 ins Leben gerufen. Jeanette Timbery aus NSW war die Aborigine-Künstlerin, die den Känguru-Entwurf, dargestellt durch eine traditionelle Punkte-Ma-


lerei, lieferte. Die verschiedenen Farben der Originalvorlage wurden auf der Münze unter Verwendung der unterschiedlichen Beschaffenheiten der Oberfläche der Punkte dargestellt. Erschienen ist die Münze 2001. Die zweite Münze in einem Aborigine-Stil ist ein Jahr später erschienen und wurde von Mark Nodea aus Warmun, in der Kimberley-Region (Westaustralien) entworfen. Diese Münze ist ebenfalls auf Seite 93 (unten) zu sehen. Der Entwurf des Künstlers basiert auf den sprachlichen Überlieferungen der Gija-People. Die dritte und somit letzte Münze aus der Känguru-Reihe in einem Aborigine-Stil ist auf der Seite 92 zu sehen. Der Künstler Strahl Thomas, der den Gunnai-People in Gippsland angehört, bil-

det ein »Jirrah-Watty« – das große Känguru – ab. Das Känguru ist eine Ikone, die Australien nach Außen symbolisiert. Nicht nur, weil es im Wappen getragen wird, auch weil seinem Geist die Eigenschaft des Überlebenskämpfers im rauen Klima Australiens zugesprochen wird.

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Straßenschild Bei uns sind es Rehe oder Kühe, im Frühjahr sind es auch Frösche, von denen auf der Straße gewarnt wird. In Australien sind es Kängurus, Koalas und andere Tiere. Kultig sind die Straßenschilder, und bei Touristen sehr beliebt. Für uns exotisch und doch gleichermaßen bekannt wirken sie wie ein Magnet, nicht nur für die schöne Touristinnen. »Ein Muss« ist es, ein Foto neben oder von dem Schild selbst gemacht zu haben, wenn man in Australien war. Nach dem Urlaub kleben sie oft in Miniaturformat am heimischen Autofenster.

Auch wenn sich die Australier durch andere Aborigine-Zeichen wirtschaftliche Vorteile geschaffen haben, muss ich in diesem Fall doch bemerken, dass es sich hier um ein pragmatisches Wahrzeichen handelt, das zu einem Kultobjekt geworden ist.

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Yellow Tail Im Mai 2008 wurde ich auf dem Hauptbahnhof in Berlin von zwei hübschen jungen Mädchen angesprochen, die im Auftrag der Weinmarke Yellow tail® unterwegs waren. Bewaffnet mit den Einladungskarten im Spielkartenformat, warben sie für die Partygänger, die mit der »erfolgreichsten Weinmarke Australiens« auf die AdventourOZ eingeladen wurden. In fünf Stadten sollten die Partys stattfinden, los ging es in Berlin. »Fünf Städte! Fünf Beach Clubs! Fünf Partys!« – stand auf meiner Einladung. Geworben wurde mit Live-Act »Pachanga«, GoGo-Girls, DJ-Didgeridoo, Australian-Culture-Shop, Airbrush-Tattoo, Australian Food sowie Verlosung einer Australienreise. Vom Wein war nicht die Rede. Auch nicht von den Aborigines. Yellow tail® ist nach Eigenangaben die erfolgreichste Weinmarke Australiens. Die Casella Wines aus Yenda (New South Wales) erzielt vor allem in den USA laufend neue Verkaufsrekorde. In Deutschland wird die Weinlinie mit dem markanten Känguru auf dem Etikett vom Markenweinspezialisten Racke aus Bingen vertrieben. Das Angebot umfasst mit einem Cabernet Sauvignon, Shiraz, Merlot und einem Chardonnay vier bekannte internationale Rebsorten, die angeblich geschmacklich die Präferenzen vor allem junger Weinkonsumenten treffen. Riverina – Das Unternehmen Casella Wines ist in Yenda, einem kleinen, australischen Ort im Gebiet Riverina, beheimatet. Durch seine Lage im Herzen des Südostens von Australien ist die Kellerei in westlicher Richtung 600 km von

Sidney entfernt und liegt 500 km nördlich von Melbourne. Familie Casella widmet sich seit 1820 dem Weinbau. Als die Filippo und Maria Casella Anfang der 50er Jahre von Italien nach Australien kamen, haben sie das getan, was sie schon immer mach­ten – Wein. Heute leiten die drei Söhne gemeinsam das Unternehmen: John, Managing Director und Winzer; Joe, Vertriebsdirektor Australien; und Marcello, Direktor und zuständig für die Weinberge. Das Unternehmen beschäftigt 320 Mitarbeiter. Das Unternehmen, das in Riverina ansässig ist, legte schon früh den Fokus auf den Export und ist jetzt führend in Europa, Asien, Großbritannien, USA und Kanada. Erst im September 2003 wurde Yellow tail® im eigenen Land eingeführt Wie man sieht, auch in diesem Fall hat die Marke keinen Bezug zum hüpfenden, in Aborigine-Stil gezeichnetem Känguru. Es ist nur ein Name.

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Weihnachtsschmuck Wie beschrieben, ist das Känguru gleichermaßen bei Aborigines und Nachvolgern der Siedlern beliebt. Seine Popularität eilt ihm voraus, und ist nicht nur in Australien geblieben. Auch wenn für beide Seiten – Ureinwohner und die Weißen – das Tier etwas anderes bedeutet, ist seine beiderseitige Bekanntschaft und Beliebtheit nicht abzustreiten. Zu jeder Jahreszeit findet das Känguru seinen Verwendung.

Während in manchen Ländern der Schlitten von den Renntieren gezogen wird, erledigt das in Australien das Känguru. Und so darf man sich nicht wundern, wenn durch den einen oder anderen Weihnachtsbaum ein Leuchtkänguru hüpft.

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Ausblick in die gemeinsame Zukunft: Leben neben der Gesellschaft oder ein Zusammenleben? Ein junger Aborigine stirbt. Seine Eltern und Freunde machen die Polizei für seinen Tod verantwortlich. Kurz darauf fliegen Brandsätze und Steine, ein Auto und ein Stadtteilbahnhof gehen in Flammen auf. »Die Leute sollten sich nichts vormachen, das ist Australien«, sagt Senator Aden Ridgeway, der einzige Aborigine im australischen Bundesparlament. »Die Unruhen in der vergangenen Nacht sind ein extremes Beispiel dafür, wie weit die Entfremdung bei einigen jungen Aborigines geht.«* Das passierte im australischem Sommer 2004. Das ganze Drama ist in Redfern geschehen, einem Stadtteil Sydneys, einer Station von meiner späteren Heimat auf Zeit entfernt. Die meisten Australier betrachten ihre Gesellschaft als fair, mit Chancen für jeden. Aber die Unruhen werfen ein Schlaglicht auf die drastischen Rassenprobleme, die das Land seit der Ankunft der ersten Siedler vor mehr als zwei Jahrhunderten verfolgen. Heute leben etwa 400.000 Aborigines in einer Gesellschaft von rund 20 Millionen Menschen. Nach Angaben des Statistischen Amtes Austaliens liegt die Lebenserwartung der Aborigine-Männer bei nur 56 Jahren, 21 Jahre unter dem Landesdurchschnitt. Die Lebenserwartung der Frauen liegt bei 63 Jahren, 20 Jahre geringer als die der Australierinnen. Von Arbeitsbeschaf-

fungsmaßnahmen der Regierung abgesehen, liegt die Arbeitslosigkeit von Aborigines bei 40 %. Die hohe Arbeitslosigkeit ist auch mitverantwortlich dafür, dass ein Fünftel der Häftlinge Aborigines sind, obwohl sie gerade zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Alkoholismus und Drogenkonsum sind weit verbreitet. Die Regierung versucht, dagegen anzukämpfen, in dem sie Verbote ausspricht. So ist mir z.B. bei meinem zweiten Besuch in Australien aufgefallen, dass in Alice Springs, in Zentralaustralien, Schilder in der Stadt aufgestellt waren, die ein Alkoholverbot in der Stadt aussprachen. Das war in 2001 noch nicht der Fall. Betrunkene Ureinwohner habe ich trotzdem angetroffen. Es ist gesetztlich verboten, für Aborigines Alkohol zu besorgen, was sie trotzdem nicht davon abhält darum zu betteln. Manch ein Unwissender besorgt es auch.

www.spiegel.de, »Die Ausgestoßenen Australiens«, Artikel vom 16. Februar 2004

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Die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Aborigines sind nicht selten. Manchmal erfährt man davon in den Medien, oft wird es aber vertuscht. Aborigine-Vertreter wie Cliff Foley von der Aboriginal and Torres Strait Islander Commission (ATSIC), machen die Kolonisierung Australiens durch die Europäer für die Misere verantwortlich. Es ist jedem klar, dass die Ureinwohner von ihrem Land vertrieben, ihre Kinder weggeschafft und die Aufrührer unter ihnen eingesperrt wurden. Australiens konservativer Ex-Regierungschef John Howard lehnte eine Entschuldigung an die Ureinwohner für das Unrecht der Vergangenheit ab, was zu weltweiter Empörung beitrug. Stattdessen sprach er sich für eine »praktische Versöhnung« aus, bei der sich die ATSIC nicht um Politik, sondern um Wohnungsbau, Gesundheits-, Bildungsund Beschäftigungsfragen kümmern sollte. Zum Glück gehört das der Vergangenheit an. Ich hatte das Glück, in einer sehr bewegten Zeit in Australien zu sein. In dieser kurzen Zeit

ist Einiges geschehen: die Regierung wechselte und der neue Premierminister Kevin Rudd entschuldigte sich bei den Aborigines. Ich erlebte die Vorbereitungen für den XXIII. Weltjugendtag, der in Sydney vom 15. bis 20. Juli 2008 stattfand, mit. Während meines Aufenthaltes in Australien sind mir viele der Probleme zwischen Aborigines und Siedlern deutlich geworden. Der Rassismus ist sehr stark ausgeprägt. Und von einem respektvollen, gleichberechtigten Zusammen­ leben kann man auch in 2008 nur träumen. Im besten Fall ist es ein friedliches Nebeneinander. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass sich das Miteinander der verschiedenen Kulturen positiv entwickeln wird. Den ersten Schritt tat die Regierung, das Volk wird diesem Schritt folgen. Eine positive Nachricht, die meine Vermutung bestätigt, habe ich vor Kurzem gelesen: »Als erste wissenschaftliche Einrichtung in Deutschland wird die Charité – Universitätsmedizin Berlin am Mittwoch, den 12. Novem-


ber 2008 eine Absichtserklärung mit Australien über die Rückgabe von Schädeln australischer Ureinwohner unterzeichnen. Die insgesamt 18 bislang identifizierten Schädel befanden sich seit dem Ende des vorletzten Jahrhunderts in der Sammlung des ehemaligen Völkerkundemuseums und gelangten dann an die Charité. Ian Kemish, Botschafter Australiens in Deutschland, und Prof. Karl Max Einhäupl, der Vorstandsvorsitzende der Charité, werden die Absichtserklärung am 12. November um 15.30 Uhr im Büro des Vorstandsvorsitzenden am Campus Charité Mitte feierlich unterzeichnen. Mit Unterstützung australischer Experten soll danach zunächst versucht werden, die genaue Herkunft der Schädel wissenschaftlich zu klären. Bisher beruht die Einschätzung, dass es sich um Schädel australischer Ureinwohner handelt, nur auf knappen Einträgen in den etwa 120 Jahre alten Inventarlisten sowie auf Kennzeichnungen an den Schädeln selbst. »Wir begrüßen die Initiative zur würdevollen Rückführung und tragen

sehr gern zu einer respektvollen Aussöhnung in Australien bei«, erklärte Prof. Einhäupl anlässlich der Unterzeichnung des Dokuments.«* Es geht um mehr als nur die Verletzung des Copyrights. Es geht um gegenseitigen Respekt und gegenseitige Achtung. Als ich in einer Aborigine-Tour unsere Führerin fragte, wie sie zu der Entwicklung des Zusammenlebens zwischen den Aborigines und den Nachfahren der Siedler stünde, antwortete sie meiner Meinung nach klug. Sie sagte: »Es ist nicht mehr ein Land der Aborigines, es ist nun auch ein Land der Weißen, und anstatt gegeneinander anzukämpfen, sollten wir versuchen, voneinander zu lernen«. Der erste Schritt ist bereits getan, die folgenden Schritte bleiben spannend!

* www.charite.de, Pressemitteilung von 11.11.2008

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Quellen Aboriginal Australia & the Torres Strait Island. Guide to Indigenous Australia. Footscray: Lonely Planet, 2001

www.anmm.gov.au www.australianhomemade.com www.australien-panorama.de

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www.qantas.com.au www.spiegel.de www.smh.com.au www.theaustralian.news.com.au www.yellowtailwine.com.au


Bilder S .10 Zentralaustralien aus der Flugperspektive

S. 50

S. 15 Wasserhöhle in Uluru, Zentralaustralien

S. 52-53 Türverzierung an der Stadtbibliothek, Sydney

S. 16  Junge Leute mit der Aborigineflagge am Opera House, Sydney

S. 54

Steward und Stewardess der QantasAirline

S. 24 Ku-ring-gai Nationalpark, New South Wales

S. 57

Schokolade von »Australian Homemade«

S. 32

S. 64

Museum of Sydney

S. 66

Bondi Beach, Sydney

Alice Springs, Zentralaustralien

S. 35 Richard Campbells »The Madonna and the Child« © The Daily Telegraph S. 40  Aborigine-Frau erklärt ihre Kunst, Alice Springs, Zentralaustralien S. 43  Felsengravur, Ku-ring-gai Nationalpark, New South Wales S. 44-45  Felsenmalerei, Raupen-Traum Seite, Emily Gap in der nähe von Alice Springs, Zentralaustralien S. 46  Eine Aborigine-Frau beim Malen, in der Nähe von Alice Springs, Zentralaustralien S. 47 

 »Goyulan«, Künstler: Johnny Mundrugmundrug, Akryl auf Baumrinde © Australian Institute of Aboriginal Studies (AIAS)

 ublic Library of New South Wales, P Sydney

S. 68-69 Open Air Ausstellung »Sculpture by the Sea« am Bondi Beach S. 70

Canberra, Parlament House

S. 72

Billabong-Shop in Sydney

S. 74

Koala

S. 80

Felsengravur, Blue Mountains

S. 88

Flugzeug der Qantas Fluggesellschaft

S. 94

Christin am Straßenschild © C. Georgi

S. 96

Yellow Tail Promotion in Berlin

S. 98

 eihnachtsbaum mit KänguruW Schmuck, am Darling Harbour, Sydney

S. 107 A  borigine-Reiseführer am Uluru, Zentralaustralien

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Vom Traumpfad zum Surfboard  

Zeichensysteme und Ikonographie der Aborigines Australiens und deren Adaption durch modernes non-indigenes Kommunikationsdesign Bachelorarb...

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